I. Über die Verhältnisse Deutschlands zu fremden Mächten.

Man kann über die Verhältnisse Deutschlands zum Auslande nicht

gründlich sprechen und urtheilen, bevor man einige der wichtigsten

inneren Zustände scharf ins Auge gefaßt hat. Dahin gehört zuvörderst

die Kriegsmacht, worüber wir vor wenigen Tagen ernste Untersuchungen

angestellt und wichtige Beschlüsse gefaßt haben. Jene ergeben, daß,

neben manchen Mängeln und Vernachlässigungen, einzelne Staaten (vor

allen Preußen) bereits mehr geleistet haben, als selbst nach dem

+neuen+ Beschlusse, ihnen obliegt; und wir dürfen voraussetzen, daß

die zeither Zurückbleibenden es für eine Ehrensache halten werden,

rasch in die erste Reihe vorzurücken. Sind wir denn aber mit dieser

neuen verstärkten Kriegsmacht wirklich bei einem rechten, letzten

Ziele angelangt? -- Ich zweifle. -- Sachverständige haben uns gesagt:

bei gleicher Tapferkeit und gleicher Kriegsübung, entscheidet die

+Mehrzahl+. Um deswillen erhöhen wir die Zahl unserer Kriegsmannschaft,

ich setze von 300 auf 500 Mann. Dies hören die Franzosen und Russen,

stellen ähnliche Betrachtungen an und erhöhen nunmehr auch ihre

Zahl von 500 auf 600 Mann. Rasch folgen wir dem neuen Beispiele,

fürchten von Neuem doppelt die Gefahr der Überzahl, und so entsteht

wechselseitiges Überbieten ohne Ende, und ohne Ziel und Sieg. --

Wahrlich, wenn die Völker Europas diesen Weg immer weiter verfolgen,

so erscheinen die Besorgnisse, welche der Abgeordnete für Leipzig

darlegte, viel zu gering; denn es werden alsdann +alle+ Richtungen

menschlicher Thätigkeit einer einzigen völlig untergeordnet, alle

Kräfte einem einseitigen Zwecke geopfert, und die gebildeten Völker

lösen sich auf in Kriegsscharen wie zur Zeit des Dreißigjährigen

Krieges, oder in Horden saporoger Kosaken. Darum wird es eine Aufgabe

des gerüsteten Deutschlands sein, seine fast unverwundbaren Nachbarn in

Osten und Westen aufzufordern, nicht durch übermäßig zahlreiche Heere

den Kriegszustand auch im Frieden zu verewigen.

Zu friedlichen wie zu kriegerischen Zwecken muß aber Deutschland

+eines+ Sinnes sein; es müssen die bitteren unbegründeten Angriffe

ein Ende nehmen, welche nur zu oft (insbesondere gegen Preußen)

ausgesprochen werden. Denn wenn auch die preußischen Abgeordneten, in

der Überzeugung von der Heilsamkeit eines einigen Deutschlands, nie

über die Gränzen der Nothwehr hinausgehen, und schon des Anstandes

halber nicht in ähnlicher Weise mit Anklagen hervortreten: so findet

sich doch das preußische Volk dadurch aufs Äußerste verletzt, und jene

Ankläger vergessen daß sie selbst dadurch die, übermäßig gescholtenen,

Sonderinteressen hervorrufen.

Das große Räthsel: wie diese Sonderinteressen mit den Reichsinteressen

zu versöhnen sind, ist in der Paulskirche noch nicht gelöset worden.

Sehr natürlich hat man jedoch in der neuesten Zeit die übelen

Folgen der deutschen Zerstückelung und Auflösung vorzugsweise

hervorgehoben, und auf Einheit des Reiches hingearbeitet. Doch ist

diese Betrachtung und Bemühung keine neue. Große Kaiser, wie Friedrich

I, Karl V, Ferdinand II, haben in verschiedener Weise auf Stärkung

der Reichsgewalt hingearbeitet, ihr Ziel aber nicht erreicht. Auch

diesmal wird das Ziel verfehlt werden, wenn man irrig die französische

Centralisation den Deutschen als nachahmungswürdig vorstellt. Gewiß ist

der aufs Höchste lobgepriesene, und doch noch immer unklare Begriff

der Volkssouverainetät da noch nicht verwirklicht, wo eine Hauptstadt

allmächtig das Land beherrscht. Neben allen Mängeln in Deutschland,

welch geistiges, reiches Leben, welche Schätze der Wissenschaft und

Kunst in seinen einzelnen Landestheilen und Städten! Welche Armuth in

Frankreich, außerhalb Paris!

Die Reichsversammlung hat in Frankfurt erklärt: jeder einzelne

deutsche Staat müsse sich ihren Beschlüssen unterwerfen. In solcher

Allgemeinheit ausgesprochen, ruft er Widersprüche und Sonderinteressen

hervor, statt sie mit Recht zu ermäßigen. Reichsrechte und

Staatenrechte sind +gleich heilig+, +gleich unantastbar+; es kommt

nur darauf an, ihre gegenseitigen Gränzen mit Weisheit und Mäßigung

festzusetzen. Dies ist bis jetzo noch nicht geschehen, aber gewiß die

Hauptaufgabe des neu zu bildenden deutschen Staatsrechtes. Nordamerika

hat dieselbe vollständig zur allgemeinen Zufriedenheit gelöset, und

dort ist für Deutschland mehr zu lernen, als in Paris.

Erst wenn die hier angedeuteten großen Zwecke erreicht sind, stehen

wir vollgewichtig den übrigen Staaten gegenüber. Man fragt +ob+, man

klagt +daß Rußland+ sich gerüstet habe. Wie kann sich ein Unbefangener

darüber wundern! Wenn wir uns gegen Frankreich so benommen, so

gesprochen, so gedroht hätten, wie gegen Rußland; jenes hätte bei

seiner großen Reizbarkeit wahrscheinlich schon den Krieg erklärt.

Rußland findet einen Krieg an seinen westlichen Gränzen seinen

Interessen nicht angemessen; es würde ihn beginnen, wenn der Wahnsinn

gewisser Fanatiker einen Bürgerkrieg in Preußen hervorriefe. Die,

unverantwortlich vernachlässigte, große Gefahr von Rußland her liegt an

der unteren Donau und in seinem, während des Friedens ununterbrochen

verfolgten Kriegssysteme wider die Entwickelung der fleißigen

Landschaften an der Ostsee.

Man hat hier gesagt: +Frankreich+ habe uns die +Freiheit geschenkt+.

Ich will hier nicht erwähnen, wie theuer Deutschland ihm die +Tyrannei+

bezahlt hat, sondern nur bemerken: daß man einem Volke so wenig die

Freiheit schenken kann, als einem Manne die Tapferkeit, oder einer

Frau die Keuschheit. Unläugbar führt ein Krieg (und gewiß alsdann ein

langer Krieg) mit Frankreich zum Untergang aller Bildung und geistigen

Thätigkeit. Für Erhaltung des Friedens müssen deshalb alle ächten

Deutschen und Franzosen mit allen Kräften wirken; und wenn ein edler

Mann, Herr v. Circourt, der Abgesandte der französischen Republik in

Berlin, erklärte: er wolle gern für diesen erhabenen Zweck sein Leben

opfern, so werden wir nicht hinter ihm zurückbleiben. Gewiß gewinnt

diese Ansicht auch in Frankreich kürzlich mehr Anhänger: allein

Wünsche, Hoffnungen, Versprechungen, begeisterte Weissagungen, sind

noch keine genügenden Bürgschaften, sie machen Besonnenheit, Vorsicht

und Staatsklugheit nicht überflüssig. Wenn die ruhigeren Deutschen über

den Begriff der Volkssouverainetät so in Bewegung gerathen sind, wird

schwerlich der Begriff französischen +Ruhmes+ unter dem beweglichen

tapferen Volke alle wirksame Kraft verloren haben; und ebensowenig

geben Ansichten der augenblicklich herrschenden Personen hinreichende

Bürgschaft für eine lange Zukunft. Auch kann man nicht so schnell

vergessen, wie Heinrich II für seinen angeblichen Schutz deutscher

Freiheit, Metz, Toul und Verdun behielt; der gemüthliche Heinrich IV

bei seinem Friedensplane doch Deutschland zerstückeln wollte, und

Richelieu und Mazarin den Dreißigjährigen Krieg förderten. Ludwig XIV

erinnert an die Pfalz, die Reunionskammern und Straßburg; Ludwig XV

redete von polnischer Freiheit, und nahm dafür Lothringen; darauf,

die Revolutionskriege unter constitutioneller Monarchie, Republik,

Consulat, Kaiserthum. Die einzige friedliche Regierung war die Louis

Philipp’s; und sie ist vielleicht deshalb mit gestürzt worden, weil sie

es war. Schutz- und Trutzbündnisse mit einem einzelnen Volke verletzen

die übrigen und verwickeln gar leicht in fremde Verhältnisse. So lange

Deutschland einig und thätig für materielle und geistige Zwecke (mithin

für den Frieden) wirkt, wird es ihm an Verbündeten nicht fehlen. Es

ist (wenn es sich nicht selbst verläßt und in sich zerfällt) fähig und

berechtigt, in der Zukunft eine viel entschiedenere Rolle zu spielen,

als bisher; -- ja, im höheren Sinne an die Spitze der welthistorischen

Entwickelung zu treten.

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 14 / 21 题