2) aber zu gleicher Zeit, daß man die Republik +nicht+ mag.

Das sieht nun allerdings sehr bestimmt und positiv aus; hebt sich

denn aber eins und zwei, ~a~ und ~b~ nicht untereinander auf, und

drängen sich nicht neue Möglichkeiten in den Vordergrund? Jede dieser

Möglichkeiten hat eifrige Vertheidiger, welche die Nothwendigkeit

ihrer Verwirklichung zu erweisen suchen. Ich gebe Beispiele: Dauer,

Sicherheit, Vertrauen (sprechen Viele) ist der höchste Zweck, deshalb

soll man an der vorhandenen, gegebenen, an der soeben beschworenen

Verfassung +nichts+ ändern und eingedenk des Spruches sein: ~le

meilleur est l’ennemi du bien!~ Hier allein ist und wird Bonaparte

verpflichtet; er sichert sich und das Wohl des Landes, wenn er diese

Pflicht gewissenhaft erfüllt.

Hierauf erwidern Andere: Frankreich hat durch jene Wahl und auch

sonst auf unzweideutige Weise erklärt, daß es die Stegreifsrepublik

des Februar nicht will. Die neue, unausführbare Verfassung ist kein

+Gut+, sondern ein +Übel+, das man, je eher desto lieber, beseitigen

muß. Diese höhere Pflichterfüllung erwartet das Land von Bonaparte,

er wird sich nicht erhalten, sobald er sich auf unhaltbare politische

Grillen stützen will. Lamartine wie Cavaignac haben den Augenblick

versäumt, das Rechte zu thun, deshalb wurden sie zur Seite geschoben.

Bonaparte hingegen wird nicht in denselben Fehler verfallen, sondern

die Gelegenheit rasch ergreifen und Das thun, worauf man gefaßt

ist, und was Alle lauter oder stiller wünschen und erwarten. -- Wir

sind (sprechen Legitimisten aller Art) allerdings auf einen solchen

Schritt gefaßt; allein er soll keine Monarchie begründen, sondern nur

vermitteln und für unsere rechtmäßigen Bewerber Bahn brechen.

Die Stimme des Volkes (entgegnen Republikaner aller Art) hat für

Bonaparte entschieden, und wir unterwerfen uns dieser höchsten

Gesetzgebung, obgleich wir darin bereits einen traurigen Rückschritt

erblicken; sollte aber Bonaparte, unbegnügt mit seinen, bereits allzu

großen Rechten, pflicht- und verfassungswidrig vorschreiten, so werden

wir (Gesetz und Verfassung vertheidigend) ihn daran nöthigenfalls mit

Gewalt hindern und das (vielleicht verführte und verlockte) Volk auf

den rechten Weg zu bringen wissen. --

So für jetzt die großen Parteien, welche jedoch aus sehr fremdartigen

Bestandtheilen zusammengesetzt sind, die nach ihrem etwaigen Obsiegen

sogleich einander feindlich entgegentreten würden. So Orleaniden und

Bourboniden, rothe und weiße Republikaner u. s. w. Ein Straßenaufruhr

könnte um so eher in Paris eintreten, wenn (wie Etliche behaupten)

ein Theil der Linientruppen für communistische Ansichten gewonnen

wäre; -- aber Paris und seine Emeuten entscheiden nicht mehr auf

die Dauer. Das rechte Gewicht der Parteien wird sich erst durch die

Wahlen für eine neue Reichsversammlung herausstellen, welche Wahlen

(nach Maßgabe der Ansichten) die Einen so zu beschleunigen, wie die

Anderen zu verzögern suchen. Zunächst ist die Bildung eines tüchtigen

Ministeriums die Hauptsache, wobei viele Versuche bereits erwiesen

haben, daß es (bei dem besten Willen) sehr schwer ist, es aus +einer+

Partei zusammenzubringen, oder Personen aus +verschiedenen+ Parteien

für eine harmonische Wirksamkeit zu gewinnen. -- Gewiß sind die

Franzosen durch die Wahl ihres Präsidenten den Deutschen um einen

Schritt voraus. Möchten die Abgeordneten in Frankfurt nicht so viel

Zeit unnütz vergeuden, die Verfassung rasch zur Zufriedenheit aller

Staaten entwerfen und es dem Reichsministerium gelingen, die unseligen

Mißverhältnisse zu Österreich bald für das Wohl beider Theile zu

beseitigen.

Nachmittags.

Hr. Thiers hat sich (wie ich wohl schon meldete) mit großem

Rechte der Fertigung einer ungeheueren Menge hypothekarischen

Papiergeldes widersetzt, aber dabei weder die Einrichtungen fremder

Creditsysteme hinreichend erörtert, noch die Mängel des französischen

Hypothekenwesens nachgewiesen. Ein Aufsatz des Hrn. Laferrière

verbreitet hierüber ein erfreuliches Licht. Nachdem in neuester Zeit

fast alle Zweige der Industrie und der Gewerbe so sehr gelitten

haben, wird Werth und Wichtigkeit des französischen Grundvermögens

und Ackerbaues von Neuem hervorgehoben. Die französische Revolution,

welche ungeheure Massen von Domainen, geistlichen und adligen

Gütern auf den Markt brachte, veranlaßte zunächst ein Sinken der

Verkaufspreise und eine Zertheilung der größeren Besitzungen. Das

aristokratische Grundvermögen verwandelte sich in ein demokratisches.

Man rechnet in Frankreich 5 Millionen Landstücke, deren jedes unter 5

Franken Grundsteuer zahlt; 5,250,000, die zwischen 5 und 100 Franken

zahlen; 400,000 zwischen 100-500 Fr.; 47,000 über 500 Fr. Die Zahl

der kleineren Besitzungen hat sich in neuerer Zeit nicht vermehrt,

sondern Zertheilen und Zusammenschlagen hält sich ungefähr das

Gleichgewicht. Hiebei zeigen sich zwei sehr merkwürdige Erscheinungen:

erstens in Beziehung auf den Ertrag; zweitens in Beziehung auf die

Verschuldung des Grundvermögens. Nämlich 1) Geld in Land angelegt,

trägt im Durchschnitt ⅖ weniger Zinsen, als in anderen Gewerben oder

Unternehmungen. Wenn dennoch die Verkaufspreise des Grundvermögens

nicht sinken, so liegt dies in der gesuchten Annehmlichkeit seines

Besitzes, und dem Glauben an größere Sicherheit und weniger Gefahr

bringenden Wechsel. Diese Erscheinung würde aber 2) großentheils

wegfallen, wenn es leicht wäre auf sichere Hypotheken Geld auszuleihen

und anzuleihen. Es ist jetzt häufiger und gebräuchlicher zu kaufen und

zu verkaufen, als Hypotheken zu suchen und aufzunehmen. So betrugen die

Verkaufswerthe zwischen 1832-42 an 1500-1600 Millionen Franken, und die

eingegangenen Hypotheken nur 400-500 Millionen. Es erscheint also als

eine wichtige Aufgabe dahin zu wirken, daß der Ertrag vom Grundvermögen

nicht so weit unter dem Ertrage des Geldvermögens bleibe, wodurch,

anderer Übelstände nicht zu gedenken, die Verbesserungen des Bodens

und Landbaues ungemein erschwert und vertheuert werden. Vor Allem

treten hiebei die Mängel des französischen Credit- und Hypothekenwesens

ans Licht. Vor der Revolution wurden Verbesserungen hauptsächlich

dadurch verhindert, daß die großen Grundbesitzer auf alle Weise ihre

finanzielle Lage zu verbergen suchten und eine Menge stillschweigender

Hypotheken (z. B. für Frauen, Minderjährige) vorhanden waren; sodaß

der Darleiher fast nie zu einer klaren und gesetzlichen Einsicht

gelangen konnte. Trotz aller Besserungsversuche seit 1789 wird noch

laut über die jetzigen Einrichtungen geklagt: das ganze Verfahren sei

zu weitläufig, langsam und kostspielig, keine genügende Sicherheit über

den Werth der Hypothek u. s. w. u. s. w. Öffentlichkeit, Einfachheit,

Schnelligkeit, sind die unerläßlichen Bedingungen für die Reform

des Hypothekenwesens, und erst wenn diese bewirkt ist, lassen sich

nach Herstellung des Vertrauens, auch die Formen für den Credit,

Verbindungen, Pfandbriefe, Leihbanken auffinden und anwenden.

Ich breche ab, um nicht übermäßig zu langweilen, und gehe auf etwas

Statistisches über, was vielleicht mehr anzieht. Binnen fünf Jahren

(1839-44) sind in Frankreich von 5,820,129 Kindern 177,741 todt

geboren, oder 1 von 33, und mehr in Paris als anderwärts. Bei 153,691

Geburten in Paris (1840-44) sind 263 Frauen in Wochen gestorben, oder

eine von 585. Von 1839-44 starben in Frankreich 20,290 Personen an

den natürlichen Pocken. Von 153,961 Kindern, die binnen fünf Jahren

in Paris geboren wurden, starben 26,049 in den Hospitälern, oder eins

von sechsen. Im Jahre 1815 waren 85,808 Kinder in den Findelhäusern;

in 25 Jahren wurden 880,639 ausgesetzt, von denen 475,127 starben. In

neuerer Zeit nahm die Sterblichkeit etwas ab, die Ausgabe aber zu. Im

Verhältniß zur Bevölkerung hat die Zahl der Geburten seit 70 Jahren

um 40 Procent abgenommen. Auf 17,000 Menschen kommt ein Wahnsinniger.

Die Lebensdauer hat in neueren Zeiten aus vielen Gründen bedeutend

zugenommen, ist aber am geringsten unter den ärmeren Volksklassen,

besonders in Paris. Die Zahl der Heirathen hat in Frankreich seit 40

Jahren etwa um ⅖ abgenommen und die Zahl der Kinder um ⅙. Es werden um

1/32 mehr Knaben, als Mädchen geboren; dennoch giebt es in Frankreich

mehr Frauen, als Männer. Die Zahl der unehelichen Kinder ist in den

Städten und den gewerbtreibenden Landschaften größer als in den

ackerbautreibenden. Es giebt noch einmal so viel Wittwen, als Wittwer.

Die Zahl der Geistlichen (und Mönche) hat in Frankreich seit 67 Jahren

um ⅘ abgenommen. -- Ziffern genug, um lange Betrachtungen daran zu

reihen.

Den 19. December.

Ihr seht aus Vorstehendem, daß ich mir mit allerhand fremdartigen

Beschäftigungen die politischen Grillen zu vertreiben suche. Sie kehren

jedoch übermächtig immer wieder zurück. Zwar erkenne ich mit Freuden,

daß sich die Zustände in den letzten sechs Wochen sehr gebessert

haben; ob aber bald volle Gesundheit folgt, oder nach dem guten Tage

des Wechselfiebers der +böse+, -- wer weiß es? In Frankreich treten

Provinzialblätter offen für Heinrich V. in die Schranken, wogegen

socialistische Zeitungen neue, +gewaltsame+ Umwälzungen für ihre

Zwecke anpreisen. Eltern und Kinder, Geschwister, alte Freunde stehen

sich feindselig gegenüber; das politische ~Credo~ trennt selbst die

heiligsten Bande, und sucht die Erlösung, in und durch das Chaos und

die Sünde. ~Discite justitiam moniti et non temnere divos~; -- aber

trotz unzähliger Warnungen kümmert man sich nur wenig (oder höchstens

aus Furcht) um Gott und Gerechtigkeit.

-- -- Und das Alles schreibe ich des Morgens um 6 Uhr, wo man sonst den

heitersten und größten Muth hat! Doch nicht um zu verzweifeln, oder gar

Anderen diesen Seelenzustand anzupreisen, sondern um die Gefahren in

ihrer ganzen Größe zu erkennen, und den zusammengeflickten Königsmantel

Heuchlern und Frevlern von den Schultern zu reißen. Wenn +Jeder ohne

Ausnahme+ thut was ihm zukommt, ist der Sieg für Ordnung und Mäßigung

gewiß!

Den 20. December.

Gestern besuchten wir das ägyptische Museum. Alles höchst merkwürdig

und eigenthümlich, wie Jegliches, was wir von diesem Volke wissen;

aber wie selten geschmackvoll und erfreulich. Ihre Kunst erscheint als

ein Werk des Zwanges und der unabänderlichen Vorschrift, nicht als ein

Werk der Freiheit und Persönlichkeit. Den Sinn, die Begeisterung für

diese wichtigsten aller menschlichen Richtungen haben die Hellenen

gewiß nicht aus Ägypten geholt, und gar nicht holen können. Nächst

dem Vatikan enthält der Louvre, im kleinsten Raume, die größten und

bewundernswerthesten Kunstschätze. Wie arm, oder jung (leider, oder

Gottlob) sind wir im Vergleiche mit diesen Schätzen. -- Gewiß ein

Glück, daß das durch Napoleon’s Gewalt Zusammengehäufte wieder in alle

Welt zerstreut ist, um Heiden und Christen zu erfreuen und zu belehren.

Einundneunzigster Brief.

Paris, den 21. December 1848.

So wäre denn L. Bonaparte, nach dem Wunsche einer ungeheueren Mehrheit

der Franzosen, zum Präsidenten der Republik erklärt. Er und sein

Nebenbuhler (oder Mitbewerber) Cavaignac reichen sich freundschaftlich

die Hand und versprechen gleichmäßig für das Wohl ihres Vaterlandes zu

wirken! Wer freute sich nicht dieser Aussicht auf Ordnung und Dauer,

dieses heiteren Tages unter so vielen trüben, fast hoffnungslosen! Doch

könnten Deutungslustige als Weissagung bemerken: daß am Geburtstage

der Republik, Regen, Sturm und Schneegestöber herrschten, und am Tage

der Verkündigung Bonaparte’s das schöne Wetter in so bittere Kälte

umsetzte, daß heute früh unsere Fenster dick zugefroren waren.

Bedenklicher aber ist es allerdings, daß man aus jener Verkündigung das

höchste Geheimniß machte und selbst die Abgeordneten nicht wußten, was

in der Sitzung geschehen solle. Die am besten Unterrichteten hatten

erklärt: mit jedem Tage wachse die Gefahr, und diese Furcht bezog sich

weit mehr auf die Imperialisten, als auf die rothen Republikaner.

Diese schelten bis jetzt ohne Erfolg, die Legitimisten zeigen sich

einstweilen höflich; die Kammer wird täglich matter und wahrscheinlich

sich selbst opfern und umbringen, bevor sie alle die versprochenen

organischen Gesetze zu Stande bringt.

Gewiß wird die neue Kammer (unter ganz anderen Einflüssen als denen

Lamartine’s und Ledru-Rollin’s gewählt) sehr verschiedene Ansichten

mitbringen und zu Tage fördern. Daß die Minister ausscheiden mußten,

hat keinen Zweifel; dieser Wechsel wird sich aber auch auf viele

Präfekten und andere Beamten erstrecken. So nachtheilig derlei

Veränderungen in der Regel wirken, so sind sie diesmal doch wohl eher

zu rechtfertigen als sonst. Wenigstens klagt man laut über die von der

provisorischen Regierung verfügten Anstellungen. Die Minister (obwohl

sie kaum das Licht der Welt erblickt haben) werden nach hiesiger Weise

schon angegriffen: sie seien nur ~doublures~, ~remplaçants~, ~dii

minorum gentium~ und dergleichen. Ihre durch Bonaparte ausgesprochene

Erklärung lautet indeß verständig, und man sollte ihnen doch Zeit

lassen zu handeln, ehe man sie ~a priori~ verdammt.

Die Furcht vor einem Kriege scheint mir bei Vielen übertrieben, denn

1) fehlen zureichende Gründe, 2) Geld, 3) Credit, 4) Sicherheit des

Obsiegens, 5) würde das gute Verhältniß zu England aufhören und Algier

vielleicht verloren gehen, 6) ist Bonaparte kein Feldherr und darf

(sofern er an der Verfassung festhält) das Heer nicht anführen und den

Krieg nicht allein erklären.

Nur die italienischen Angelegenheiten (für besonnene, vorsichtige

Leute ein ~noli me tangere~) könnten zu größeren Zerwürfnissen führen.

Doch nimmt die Theilnahme für die Italiener seit den neuen Ereignissen

in Florenz, Rom und Turin hier täglich ab, und der neue sardinische

Gesandte, Hr. Ricci, hat bis jetzt diese Stimmung keineswegs

verbessert. Er nennt (wie mir heute Jemand sagte) die Verbindung von

Mailand, Parma, Modena u. s. w. mit Sardinien ein ~fait accompli~;

während selbst die englische Politik von der antiösterreichischen

Richtung etwas abzulassen und ihre Blicke etwas weiter östlich zu

richten scheint.

Gebe der Himmel seinen Segen, daß eine neue Verständigung zwischen

Österreich und Deutschland, und die Verfassung für beide Länder

baldigst zu Stande kommt. So lange dies nicht geschieht, bleibt der

Quasireichsgesandte bei den hiesigen Regierungen eine Null. Ja,

während die vorige dem frankfurter Bestreben freundlich gesinnt

war und eine engere Verbindung mit Deutschland wünschte, äußern

sich Einige, welche sich der neuen Regierung zuwenden, auf eine so

geringschätzige und spöttische Weise über Frankfurt, daß ich vor Kurzem

in einer Gesellschaft einen solchen Zweikampf anzunehmen und die Ehre

Deutschlands zu verfechten genöthigt war. Vergessen Sie, sagte der

Wirth dem Haupttadler und Spötter, vergessen Sie nicht, mein Herr, daß

die Deutschen zwei Mal in Paris waren!

Den 22. December.

An den Hrn. Präsidenten und Minister

von Gagern.

Alle Deutschen, hochverehrter Herr Präsident, blicken auf Sie mit

Liebe und Vertrauen. Möchte Ihnen das schwere Werk gelingen, unser

Vaterland zu einigen; denn bevor dies zur Zufriedenheit aller Staaten

geschehen ist, fehlt uns daheim Glück und Wohlstand, und im Auslande

diejenige Achtung, welche ein großes Volk nicht verscherzen kann, ohne

sich selbst mittelbar zu Grunde zu richten. Mir fehlt es nicht an

Muth, mein Vaterland hier zu vertheidigen, auch wohl den 60jährigen,

so oft mißlungenen politischen Versuchen der Franzosen gegenüber, zu

rechtfertigen.

Allein jeder scheinbare Sieg, jede erneute Hoffnung wird zu Schanden,

wenn aus Frankfurt Nachrichten hieher gelangen von der leidigen

Zerwürfniß mit Österreich, dem leidenschaftlich einseitigen Bilden

und Umstellen der Parteien u. s. w. Verhehlen ja Viele gar nicht

ihre Freude, daß (wie sie laut versichern) das gesammte Bestreben

Deutschlands für eine politische Stärkung und Wiedergeburt schwächlich,

lächerlich und verächtlich, -- mit +nichts+ endigen, und Frankreich

alsdann die Ohnmächtigen, Gebeugten, Blasirten ins Schlepptau nehmen

und nach Belieben gängeln werde.

Abends.

Heute besuchte ich meinen persönlichen Gönner, Hrn. Bastide, welcher

jetzt Rue Ferme des Mathurins in philosophischer Ruhe au 5^{me} wohnt

und die Gesandtschaft in London abgelehnt hat. Er erzählt mir, daß

General Cavaignac alle seine Minister zu sich berief, und daß er ihnen

eine treffliche, tief ergreifende und rührende Rede hielt. Einstimmig

gelobten sie, der neuen Regierung (sofern sie sich innerhalb der

gesetzlichen Schranken bewege) kein Hinderniß in den Weg zu legen, an

keinen Intriguen Theil zu nehmen, sondern sie mit allen Kräften ehrlich

und redlich zu unterstützen. -- So die verschrienen Gegner Bonaparte’s.

Ganz anders viele der angeblichen, für ihn stimmenden Freunde. Sie

können den Verdruß und Ärger, daß ihre Intriguen zu nichts geführt

haben und sie sich getäuscht sehen, gar nicht verhehlen. So greifen

sie die, von ihm bei seiner Einführung gehaltene, sehr gemäßigte Rede

aufs Heftigste an. Sie sei, sagen zuvörderst Akademiker, in schlechtem

Französisch abgefaßt und die Worte ~réactionnaire~ und ~utopiste~ gebe

es gar nicht in ihrer Sprache. Täglich aber werden diese Worte in

Schriften und Zeitungen gebraucht und auch Becherelle zeugt dafür in

seinem vortrefflichen Wörterbuche.

Der laute Zorn entsteht nur daher, daß sich Bonaparte +gleichmäßig+

wider jene zwei Parteien und Richtungen erklärt hat. -- Verständig und

fern von Eitelkeit ist seine, mir von guter Hand mitgetheilte Äußerung:

„er täusche sich nicht über die Menge der auf ihn gefallenen Stimmen.

Die meisten danke er seinem Namen, andere (aus bekannten Gründen) den

Legitimisten und Socialisten, die wenigsten seiner Person.“

Die Gefahren, welche Bonaparte’s Einführung beschleunigten, waren sehr

groß. Am 19. Abends (so wird erzählt) entdeckte man eine doppelte

Verschwörung. Die eine Partei wollte ihn zum Kaiser erheben, -- und die

andere wollte ihn umbringen! Krankheitsstoff in Menge; vor der Hand

mit Ernst und Klugheit beseitigt; hoffentlich für lange Zeit zum Wohle

Frankreichs!

Zweiundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 8. Januar 1849.

Meine Abreise von Paris war für mich zwar keineswegs unerwartet, aber

doch so eilig, daß es mir an Zeit fehlte über Einiges Bericht zu

erstatten. Ich will versuchen dies einigermaßen nachzuholen.

Schon Anfangs November entwickelte ich die Gründe, weshalb man mich

abberufen, unbestimmten Urlaub ertheilen, oder auszuharren anweisen

möge. Hierauf erhielt ich keine Antwort, wiederholte jedoch mehre Male

weshalb (ungeachtet der höflichsten persönlichen Behandlung) meine

Stellung eine falsche, keine Aussicht auf größeren Erfolg vorhanden

sei, und mir die Fortdauer dieses Verhältnisses unerträglich werde.

Dies Alles berücksichtigend ging Hr. von Gagern auf meine Gründe

und Wünsche ein; was auch für die Sachen selbst ohne Zweifel das

angemessenste war.

Zugleich entging ich dadurch einer neu bevorstehenden Unannehmlichkeit,

von der ich erst Kunde erhielt, nachdem ich glücklicherweise schon

meine Abreise amtlich angemeldet hatte. Der etwas rauhe, aber

kenntnißreiche, rechtliche C. suchte mich nämlich zu bewegen, in

Paris zu bleiben: die französische Regierung wünsche es, und habe

diesen Wunsch in Frankfurt wiederholt erklärt; mit allen Gesandten

stehe ich auf dem besten Fuße, ich könne ruhig in Paris abwarten, daß

die deutschen Wirren sich aufklärten. Wenn ich auch positiv nicht

viel ausgerichtet, so hätte ich doch viel Schädliches verhindert,

auf Verständigung hingewirkt, keinen unnützen Zank erhoben, richtige

Ansichten verbreitet u. s. w. -- So schmeichelhaft dies Alles auch

für mich war, fehlte es doch nicht an Gegengründen für einen Mann

meines Alters, meiner sonstigen Stellung u. s. w. Auf Einzelnes

eingehend fragte ich endlich: wird man, wenn das ~Corps diplomatique~

dem Präsidenten vorgestellt wird, mich vielleicht vergessen? -- Nach

einigem verdrießlichen Zögern sagte Hr. C.: das ist möglich, Sie werden

dann aber besonders vorgestellt werden. -- Sehr angenehm für meine

Person, den Präsidenten so ~tête-à-tête~ zu sehen und zu sprechen; aber

den Hrn. -- und -- als der dritte Mann zugesellt und gleich wie sie

behandelt zu werden, das wäre meiner Stellung und meines Vaterlandes

unwürdig, und ich würde mich zu einer solchen Audienz nicht einfinden,

selbst wenn man es mir von Frankfurt aus beföhle.

Meine schon +vorher+ fest angesetzte Abreise hat also der französischen

und der deutschen Regierung, sowie mir, große Unannehmlichkeiten

erspart.

Daß meine Sorgen in Frankfurt zwar anderer Art, aber nicht geringer,

sondern noch größer und bitterer sein würden, wußte ich vorher;

und die erste ernste Sitzung (über die Auflösung der preußischen

Reichsversammlung) bestätigte meine traurigen Befürchtungen nur zu

sehr. Welch ein Mangel an Unbefangenheit, Mäßigung, Wahrheitsliebe;

welche gehässige Leidenschaften, welches Verläugnen und Zurückweisen

aller Liebe und Versöhnung! Und aus der Hexenküche solcher

Bestandtheile soll Deutschlands neue und größere Freiheit hervorgehen!!

-- Diesmal zerstörte das Ungemäßigte sich selbst, und es kam zu dem

besten Ergebnisse und Beschlusse; -- nämlich zu gar keinem!

Zeither hat man sich in Frankfurt meist mit bloßen Allgemeinheiten

beschäftigt und, ich möchte sagen, mit unbenannten Zahlen gerechnet.

Nun zu dem Abstracten das Concrete, zu der leeren Allgemeinheit

der besondere Inhalt hinzukommen soll, und Alles sich in Fragen um

bestimmte Landschaften und Personen verwandelt; -- da zeigt sich Mangel

deutscher Ideologie, und praktische Ungeschicklichkeit.

Tadeln ist indeß viel leichter als Bessermachen, und für die Lösung

der schwierigsten aller politischen Aufgaben, die je einer Versammlung

vorlagen, darf man mit Recht Geduld und Nachsicht in Anspruch nehmen.

Rom ist nicht in einem Tage gebaut, und wenn die Franzosen nach 60

Jahren noch nicht beim Ziele angekommen sind, brauchen wir nach sechs

Monaten noch nicht zu verzweifeln; wir dürfen nicht verlangen, daß der

erste Versuch vollständig glücke, und Säen und Ernten auf denselben Tag

falle.

Wie viele Thürme haben keine Spitze; natürlich also, daß wir die

ungeheueren Schwierigkeiten bitter fühlen, welche sich bei dem

Unternehmen aufthürmen, unserem politischen Baue eine Spitze

aufzusetzen. Wer weiß: ob und wie sie zu Stande kommen, ob sie Dauer

gewinnen wird?

Allein wir haben doch eine Grundlage, auf welcher sich immer fortbauen

läßt. Was sich auch im Einzelnen gegen die beschlossenen Grundrechte

der Deutschen sagen läßt, im Ganzen und Großen zeigen sie große und

wesentliche Fortschritte, und versperren die Möglichkeit in viele

alte Verkehrtheiten und Ungerechtigkeiten zurückzufallen. Sie sind

wenigstens bestimmter gefaßt, greifen besser in wirkliche Verhältnisse

hinein, und stellen das Erreichbare in einer nützlicheren Weise

dar, als die ~droits de l’homme et du citoyen~ der französischen

Verfassungen.

Fragte man blos die Fürsten, so wäre ihnen gewiß die Herstellung eines

in etwas veränderten Bundestages bei Weitem das liebste. Das Andenken

an die Einseitigkeit und zugleich Richtigkeit der unselig verstorbenen

Einrichtung, macht aber eine Auferstehung derselben völlig unmöglich.

Sie würde bald ein zweites Mal in viel furchtbarerer Weise vernichtet

werden. -- Das Höchste, was sich jetzt in dieser Richtung begründen

läßt, ist ein Staatenhaus; das Volkshaus zu beseitigen wäre ganz

unmöglich; ein Versuch der Art würde mit demokratischen Siegen und

Verjagen der Fürsten endigen.

Beide Häuser bedürfen eines lebendigen, gewichtigen, mächtigen

Mittelpunktes. Dieser kann nicht am Umkreise liegen, nicht von den

alten Fürsten und Regierungen repräsentirt oder ersetzt werden. Ziehen

wir den Kreis enger, übergeben wir die vollziehende Gewalt etwa

dreien, die in Wien, Berlin und München hausen, so ist schwer ein

richtig eingreifendes Verhältniß zu dem an +einem+ Orte befindlichen

Reichstage aufzufinden. Bei steigenden Schwierigkeiten, hat man

gar viele Möglichkeiten ersonnen sie zu beseitigen: Vorschlag und

Wahl, Abwechslung (Turnus) nach mehr oder weniger Jahren, Wahlkönig,

Erbkaiser. Hätte man blos mit der Theorie zu thun, so fände man wohl

was das Vorzüglichere sei; -- die Widersprüche liegen aber außerhalb

der Theorie, und die ~ultima ratio~ kümmert sich nicht um dieselbe und

ihre Weisheit.

Den 9. Januar.

Ich fahre fort mich selbst zu orientiren, was, nach so langer

Abwesenheit, doppelt nöthig ist. -- Die Franzosen sagen: die

frankfurter Versammlung wird nichts Gescheites zu Stande bringen,

sie wird nur einen neuen Streit herbeiführen zwischen Österreich und

Preußen, Katholiken und Protestanten, Nord- und Süddeutschland; und

dann -- entscheiden und regieren +wir+! Dies ist möglich, aber trotz

unermeßlicher Schwierigkeiten, doch nicht nothwendig. Wir sahen,

daß traurige Erfahrungen über das Zerfallen Deutschlands und seine

politische Richtigkeit, neue Begeisterung hervortrieben für größere

Einheit und Centralisation. Diese kann und darf aber keine französische

sein; sie muß Stämme und Staaten berücksichtigen und am Leben lassen.

Solch einen Mittelweg für die kleineren Staaten aufzufinden, ist

das Leichtere; die Hauptschwierigkeiten treten erst bei den beiden,

oder den drei größten ans Licht. So lange man sich an +allgemeinen+

Bestimmungen ergötzte, fand sich die Zustimmung leicht; und Jeder

wähnte sie würde +ihm+ zu Gute kommen. Als aber endlich die Hauptfrage

nicht länger zu umgehen war: wer Kaiser werden solle, fuhr Alles

auseinander, und aus dem Chaos entwickeln sich zwar neue Parteien,

aber keine harmonische Ordnung, kein Kosmos! Scheidet Österreich aus

dem Bunde aus, oder tritt es nur in ein loseres Verhältniß, so ist

Einheit und Macht Deutschlands nicht vermehrt, sondern verringert, und

die österreichischen Deutschen könnten allmälig ihrem Vaterlande so

entfremdet werden, wie die französischen und russischen. Österreich

will sich keinem preußischen, Preußen keinem österreichischen Kaiser

unterwerfen (und Baiern liebäugelt mit Frankreich), wenn der Kaiser so

große Rechte erhält, als man ihm hier zuweisen will. Ohne bedeutende

Rechte bleibt aber das Kaiserthum ein leerer Name; und wenn es nicht

Anklang und Gehorsam findet, so würde der Erwählte wenigstens Gehorsam

und Anerkenntniß erst durch Krieg und Gewalt erzwingen müssen. In

diesen Nöthen wollen Manche sich mit einem verengten, kräftigeren

Bundestage begnügen (also gewissermaßen einen Rückschritt thun); Andere

glauben das einzige Rettungsmittel sei: +Preußen+ an die Spitze zu

stellen, und so den Gedanken, daß es in Deutschland aufgehen müsse,

erst zu Verstande zu bringen. Noch weiß Niemand, wofür sich die

Mehrheit in der Paulskirche aussprechen wird: allein solch ein Beschluß

(vielleicht, beim Widerspruche der Österreicher, nur durch wenige

überschießende Stimmen herbeigeführt) ist keineswegs von entscheidender

Allmacht. Wie, wenn Die da draußen stehen, sich +nicht+ unterwerfen,

oder der Erwählte aus romantischen oder politischen Gründen ablehnt?

Gewiß ist für Preußen eine Erhöhung seiner Macht nur dadurch möglich,

daß es +nicht+ den alten Partikularismus stützt und vertritt, sondern

den Gedanken größerer +deutschen+ Einheit und Macht sich aneignet

und dadurch neue Bahnen eröffnet. -- Allerdings mit Vorsicht und

Weisheit; aber ohne Unentschlossenheit und Feigheit. Wäre das Ergebniß

der frankfurter Bestrebungen gleich +Nichts+, so ist damit keineswegs

dem Alten neue Lebenskraft gegeben, sondern wir gehen einer neuen

schlimmeren Revolution entgegen, welche mit dem Wegjagen vieler Fürsten

zwar nicht +endigen+, aber dies doch +zunächst+ herbeiführen könnte. --

Die nächste Woche wird +hier+ viel entscheiden; möge man in Berlin dann

mit mehr Entschlossenheit vorgehen.

Ich sehe ein daß, um Willkür und Zufall +hier+, wenigstens

einigermaßen auszuschließen, gleichgesinnte Männer zusammentreten

und sich einer gewissen Ordnung und Zucht unterwerfen müssen.

Meine natürliche, wohlbegründete Abneigung gegen alle Klubs (diese

Zeugnisse unreifer, leidenschaftlicher politischer Zustände) fand aber

gestern, im sogenannten Casino, neue Bestätigung. Man forderte: daß

jedes Mitglied so in der Hauptversammlung stimmen +müsse+, wie die

Mehrheit des Klubs beschließe. Ich erklärte mich bestimmt gegen diese

Tyrannei, welche alle Berathungen im Plenum überflüssig, und alle

Berichtigungen einseitiger Ansichten und Beschlüsse unmöglich macht.

-- Sie sind, sagte mir ein Eingeweihter, in Ihren Ansichten noch sehr

jungfräulich. -- Die Jungfrau wird aber ihre politische Unschuld, oder

Schuldlosigkeit und Selbstständigkeit zu vertheidigen wissen!

Hr. Tallenay, mit dem ich eine lange Unterredung hatte, bestätigt mir,

daß Hr. Bastide zweimal hieher geschrieben und den bestimmten Wunsch

ausgedrückt habe, daß man mich in Paris lassen möge.

Dreiundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Januar 1849.

Gestern habe ich sechs Stunden lang Reden über das Verhältniß

Österreichs zu Deutschland angehört, und heute und morgen steht mir ein

gleiches Schicksal bevor.

Die Sache steht so: Die Absätze 2 und 3 des Verfassungsentwurfes

erlauben nur eine Personalunion deutscher und nichtdeutscher Staaten.

Diese Bestimmung war offenbar ein für Österreich hingeworfener

Fehdehandschuh, -- mindestens eine Unhöflichkeit, oder, wie die

Studenten sagen: ein Tusch; -- und so hat Österreich sie betrachtet

und aufgenommen. Es erklärte: in solcher Weise +nicht+ in den neu

zu bildenden Bundesstaat eintreten zu können; es müsse vor einer

Unterwerfung unter die frankfurter Beschlüsse eine +Vereinbarung+

vorhergehen. Diese Forderung, welche dem Glauben (oder Aberglauben) an

die Allmacht der frankfurter Versammlung geradehin widersprach, ward

hier um so bestimmter zurückgewiesen, da man fürchtete: jeder einzelne

Fürst werde ähnliche Ansprüche machen, und dann gar nichts zu Stande

kommen. Für die kleineren Staaten ist diese Besorgniß übertrieben; für

die größeren reicht es nicht hin, sie von oben herab zu behandeln.

Am wenigsten kam man hinsichtlich Österreichs durch jene Erklärung von

der Stelle; man konnte nicht länger vornehm um die Sache herumgehen,

man mußte darauf eingehen. Die üble Laune richtete sich nun zuerst

gegen Hrn. v. Schmerling: er ward, als Österreicher, von allen Seiten

mit Vorwürfen überhäuft, und zuletzt dahin gebracht sein Ministerium

niederzulegen. Hr. v. Gagern, sein Nachfolger, mußte aber (wollend

oder nichtwollend) die unvermeidliche Sache in die Hand nehmen, und

dies um so mehr, da spätere Erklärungen Österreichs in der Hauptsache

wenig änderten, die unbedingte Allmacht der frankfurter Versammlung

nach wie vor läugneten, und deutlich genug aussprachen, daß man die

gefaßten Beschlüsse ändern müsse, oder Österreich sich auf die ihm

schlechthin nothwendige Weise abschließen und nur im engeren Bunde

mit Deutschland bleiben werde. Hr. v. Gagern sprach sich in seiner,

der Reichsversammlung übergebenen Erklärung (unter sehr allgemeinem

Beifalle) gegen jede +Vereinbarung+ aus, verlangte aber Vollmacht zur

+Unterhandlung+ mit Österreich. Weil indessen die Unterhandlung doch

keine Scheidung, sondern eine Verständigung und Einigung bezweckt (wo

Einer dem Anderen nichts befehlen, oder die Befehle nicht durchsetzen

kann), so geht praktisch Begriff und Anwendung so ineinander über, daß

es ein deutsches Professorenvergnügen ist, sie mit wichtiger Miene

auseinanderhalten zu wollen.

Bedeutender erscheint der Gegensatz in dem Majoritäts- und

Minoritätsgutachten des vorberathenden Ausschusses, über Gegenstand

und Umfang der Unterhandlung. Die Mehrzahl will, daß dieselbe

sich lediglich erstrecke auf das Verhältniß der +nicht+deutschen

Landschaften Österreichs zu Deutschland. Man setzt dabei voraus, daß

die +deutschen+ Landschaften unbedingt zu Deutschland gehören und den

frankfurter Beschlüssen unterworfen sind. Aber gerade diesen Punkt

läugnet Österreich, und gewiß ist es praktisch unmöglich, bei einer

diplomatischen Verhandlung über die Verhältnisse des österreichischen

Staates, derlei Gränzbestimmungen für auszusprechende oder zu

verschweigende Gründe und Gegengründe inne zu halten. Deshalb erklärt

sich die Minderzahl des Ausschusses dafür, den Gagern’schen Antrag

ohne eine Beschränkung zu genehmigen.

Da große geschichtliche Ergebnisse niemals durch bloße Wünsche und

Wortbestimmungen herbeigeführt und entschieden werden, so könnte man

jenen Streit und Gegensatz für unbedeutend halten; er bekommt aber

schon +jetzt+ dadurch eine erhebliche Wichtigkeit, weil Hr. v. Gagern

erklärt: er könne unter obigen Beschränkungen die Angelegenheit und

Unterhandlung nicht übernehmen. Die Annahme des Majoritätsgutachtens

würde also einen verderblichen Ministerialwechsel herbeiführen; denn es

fehlt dazu (wie schon zwei verunglückte Versuche beweisen) zwar nicht

an ehrgeizigen Raisonneurs (besonders auf der Linken), wohl aber an

wahren Geschäfts- und Staatsmännern.

Den 13. Januar.

Gehen wir näher auf die Sache selbst ein, so treten uns allerdings die

größten Schwierigkeiten entgegen. Staaten von höchst verschiedener

Größe, Macht, Neigungen, Gewohnheiten, Erinnerungen, Bildungshöhe

u. s. w. sollen friedlich und freundlich zu einem harmonischen Ganzen

vereinigt werden; man soll gleichmäßig die Macht der größeren, und das

Recht und den Lebensanspruch der kleineren berücksichtigen, die Starke

im Innern und nach Außen erhöhen durch kräftigere Einheit, und doch

nicht in eine Centralisation verfallen, welche die Mannigfaltigkeit und

das örtliche Leben ertödtet.

Der unbedingte Haß gegen die Vergangenheit, die Verachtung alles

Deutschen vor 1848, erzeugte hiebei zunächst eine schiefe Stellung;

es war eine durchaus einseitige Betrachtungsweise. Und von hier aus

geriethen manche der in Frankfurt gesetzgebernden Männer in den

leidigen Butterfrauentrab deutscher Abstraktion und inhaltlosen

Theoretisirens. So passen denn viele der ausgesprochenen, bewunderten

und eigensinnig vertheidigten Bestimmungen ebenso gut (oder ebenso

schlecht) für China, wie für Deutschland.

Ich wiederhole es: man rechnete mit unbenannten Zahlen und Größen, und

freute sich dieses scheinbar allgemein gültigen Verfahrens; jetzt aber,

wo diese Größen sollen benannt und zu den Begriffen bestimmte Personen

gefunden werden, zeigen sich erst, wie jeder Verständige vorhersehen

konnte, die größten Schwierigkeiten. Sie können nur gehoben werden,

sobald man jene Allgemeinheiten modificirt und berichtigt. Hiezu haben

aber die eingebildeten Väter des neuen, angeblich unfehlbaren und

unabänderlichen politischen Evangeliums, nicht die mindeste Lust.

Am meisten traten die angedeuteten Mängel hervor, bei dem Abschnitte

vom Kaiser, oder dem Reichsoberhaupte. Mit freigebiger Hand wies man

ihm Rechte zu, und Viele stimmten in der Hoffnung bei, Demjenigen, dem

sie das Kaiserthum zugedacht, werde es mit der reichen Ausstattung

angeboten werden, und er müsse es natürlich mit großem Danke annehmen.

So die Frühlingsträume, aus denen man aber jetzt sehr unangenehm

aufgeweckt wird. Österreich will sich der +gesammten+ frankfurter

Gesetzgebung entweder gar nicht, oder nur dann unterwerfen, wenn

man die Fülle kaiserlicher Macht in seine Hand lege. Hiedurch,

sagen Österreichs Gegner, wird der Schwerpunkt des Deutschthums aus

Deutschland hinaus verlegt, und Preußen fügen mit Recht hinzu: sie

könnten ihr Dasein (hervorgegangen aus so vielen Kämpfen) nicht

selbstmörderisch einer lange feindlichen, zu drei Viertel undeutschen

Macht opfern. Ja, Preußen selbst will sich durch eine, vielleicht

sehr geringe, Mehrheit in der Paulskirche nicht eine Würde zuweisen

lassen, im Falle es dieselbe erst gegen einen großen Theil Deutschlands

erkämpfen müßte. Baiern und Hannover zeigen unverhohlen ihre Abneigung

und blicken schon hin nach auswärtiger Unterstützung; Andere sagen

höchstens: wir müssen ~bonne mine à mauvais jeu~ machen, -- und so wird

das zur Einigung vorgeschlagene Kaiserthum schon jetzt ein Zankapfel

der bedenklichsten und unangenehmsten Art.

Was ist bei diesen traurigen und gefährlichen Verhältnissen zu

thun? Es müssen 1) die Regierungen nicht (wie zur Zeit der Wahl des

Reichsverwesers) die Hände in den Schoß legen, sondern sich +eiligst+

über ein Mittleres vereinigen und den besonneneren Männern in der

Paulskirche zu Hülfe kommen. Gar nichts thun, oder eigensinnig

widersprechen, hilft zu nichts, ja es erhöht die Gefahren.

2) Wenn Österreich, Preußen und Baiern sich unverständig und endlos

streiten, so bricht Deutschland auseinander und Fremde entscheiden über

unser Vaterland.

3) Bestehen die kleineren Fürsten auf ihrer napoleonischen

Souverainetät, so sind ihre Tage gezählt.

4) Berichtigungen finden in Frankfurt am besten Eingang, wenn die

Abgeordneten wissen, was ihre Regierungen wünschen und bezwecken. Wir

Preußen leben aber in dieser Beziehung in +völliger Unwissenheit+. Hr.

-- ist, wie Alle klagen, stumm wie ein Fisch; entweder weil er nichts

weiß, oder zum Schweigen angewiesen, oder von Natur dazu geneigt ist.

Ändert sich dies nicht binnen 8-14 Tagen, so „wie Schafe gehen, gehen

wir zerstreut, ein Jeder seinen eigenen Weg.“ Gott bessere es!

Vierundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 14. Januar 1849.

Gestern war ein sehr schwerer Tag. Die Sitzung dauerte von 9-2 Uhr und

von 3-8 Uhr; -- bei schrecklicher Hitze. Denn die heiße, trockene Luft

strömte durch Gitter aus der unterirdischen Heizung betäubend hervor,

und hätte ich nicht das Gitter neben meinem Sitze durch gedruckte

Reichstagsweisheit zugedeckt, wäre ich wohl in Ohnmacht gefallen.

Wenigstens krönte der Sieg die lange Anstrengung: das Ministerium

Gagern ist erhalten, und die Gefahr, ein Ministerium der Linken zu

bekommen, diesmal vorübergegangen. Ja, der Erzherzog hätte schwerlich

je ein solches ernannt, und die steigende Macht der einzelnen

Regierungen hätte vielleicht den ganzen Reichstag auseinander zu

sprengen versucht. Scheinbar für diese ein Gewinn, der aber nach kurzer

Frist neue Revolutionen herbeiführen würde.

Zur Sache ward nach dreitägiger Berathung beschlossen: das Ministerium

solle mit Österreich über seine Stellung zu Deutschland verhandeln

und sich verständigen. Man will, sagten die Gegner, Österreich

hinausstoßen, man will Deutschland theilen. Sie nahmen keine

Rücksicht darauf, daß unzählige Male erwidert ward: Niemand habe diese

Absicht. Auch konnte man mit Recht behaupten und hoffen, freundliche

Unterhandlungen, geleitet von verständigen, wohlgesinnten Männern,

dürften eher zu einem erwünschten und erfreulichen Ziele führen, als

Beschlüsse und Befehle der Paulskirche, auf welche Österreich zeither

fast gar keine Rücksicht genommen hat, und in der That nicht füglich

nehmen konnte.

Es ist ein fast unlösbares politisches Räthsel: wie Österreich ein

Gesammtstaat bleiben, oder werden könne, und doch der deutsche Antheil

dem deutschen +Bundes+staate einzuverleiben und zu unterwerfen

sei. Noch weniger können alle nichtdeutschen Bestandtheile des

österreichischen Staates in den deutschen Reichstag aufgenommen und

daselbst vertreten werden. Je schwieriger aber die Verhältnisse sind,

je weniger sich jene nichtdeutschen Bestandtheile geneigt zeigen,

eine Unterwerfung unter das Deutsche zu dulden; um so vorsichtiger

und zarter muß man verfahren, um ein Band nicht ganz zu zerreißen,

dessen Deutschland, ja ganz Europa bedarf. Nur das wird Lebenskraft

und Bestand haben, worüber alle Theile sich freiwillig einigen und

vertragen; Wünsche, oder in Befehle verwandelte Wünsche, reichen hier

nicht aus.

Morgen kommen wir an die, wo möglich, noch schwierigere Frage: über

des Reiches Oberhaupt. Viele wollen, aus verschiedenen Gründen, eine

mehrköpfige Spitze. Die Einen nämlich, weil alsdann mehre Fürsten

berücksichtigt und für den Plan gewonnen werden; die Anderen, weil sie

hoffen, durch eine republikanische Form der höchsten Gewalt, allmälig

alle untergeordneten Formen zu beseitigen.

Nur wenn wir einen minder mächtigen Fürsten an die Spitze stellen

(sagen wiederum Andere) wird die Freiheit, ja das Dasein der Übrigen,

erhalten; -- ein Mächtiger, mit Kaiserrechten, wird Alle unterjochen.

Ohnmächtige Scheinkaiser (erwidert man) haben Deutschland nur zu viel

Schaden gethan; der Mächtigste allein kann ordnen, schützen; ihm

gebührt die Führung von Natur und von Rechts wegen.

Wir haben zwei Übermächtige, der Vorzug aber gebührt Österreich, nach

geschichtlichem Vorgange. Ja, wenn es seine außerdeutsche Macht in die

deutsche Wagschale legt, so bringt dies doppelten Gewinn und verdoppelt

auch den Anspruch.

Die undeutschen Bestandtheile Österreichs verwickeln Deutschland in

undeutsche Richtungen, Zwecke und Kriege. Es giebt nur eine wahrhafte,

durch und durch deutsche Großmacht -- nämlich Preußen! Dies übergehen,

zurückstellen zu wollen, wäre so einfältig, als ungerecht, als

unmöglich.

Stellt man Preußen an die Spitze, so zürnt Österreich, und Baiern

schließt sich an dasselbe, oder an Frankreich an.

Österreich wird seinen wahren Vortheil als abgeschlossenen Gesammtstaat

einsehen lernen und sich aufs Engste mit Deutschland verbinden; Baiern

aber nicht vergessen, wie schlecht ihm das Bündniß mit Frankreich im

spanischen und österreichischen Erbfolgekriege bekommen ist. Auch

würde der deutsche Volkssinn die baierische Regierung bald von derlei

Irrwegen zurückbringen.

Wenn das baierische Volk auch nicht französisch gesinnt ist, verwirft

es doch einen norddeutschen, protestantischen Kaiser.

Baiern wird und muß Folge leisten, sobald Preußen sich mit Österreich

oder dem übrigen Deutschland verständigt hat.

Man kann für Preußen nicht mit voller Sicherheit stimmen, so lange man

nicht weiß, ob der König die Kaiserwürde annehmen und mit aller Kraft

behaupten will.

Der König kann hierüber nicht entscheiden, bevor er weiß, ob in

Frankfurt wirklich eine große Mehrheit ihn erwählt, und ob die

deutschen Fürsten beistimmen.

Eine solche Mehrheit findet sich nur bei thätigem Mitwirken, und das

deutsche Volk wird, heftiger als im vorigen Jahre, wider diejenigen

Fürsten aufstehen, welche seiner Entwickelung entgegentreten und ihren

Sondergelüsten nachhängen. Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Handeln ist

besser als verneinen, und wenn der große Kurfürst vor der Schlacht

bei Fehrbellin, Friedrich II im Jahre 1740, Friedrich Wilhelm III im

Jahre 1813, sich nicht rasch und kühn entschlossen hätten, -- Preußen

hätte keine größere Geschichte, als der übrige Ameisenhaufen kleiner

deutscher Staaten.

So viel heute zur Probe, aus den Vorreden, den pourparlers; bald mehr,

und hoffentlich Gescheites und Entscheidendes.

Ihr macht mir vielleicht den Vorwurf, daß ich (gleichwie Buridans Esel)

auch nicht wisse, was ich wolle. Ich folge aber dem Beispiele des

großen Staatsmannes Lord Burleigh, der für sich und seine kluge Königin

Gründe und Gegengründe immer aufs Unparteiischste und Vollständigste

entwickelte, und dadurch eben zu der Gewißheit kam, was endlich zu

thun, wo das größere Gute, wo das kleinere Übel sei.

Fünfundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 16. Januar 1849.

Ich hatte gestern ein langes Zwiegespräch unter vier Augen mit dem

Erzherzoge Johann. Er behauptete: erstens mit vollem Rechte, daß es

ein sehr großes Unglück für Deutschland und für Preußen sei, wenn

die hiesige Reichsversammlung nicht +vor+ dem Anfange der berliner

Versammlung ihre Arbeiten beendigt habe. Zu dieser unglückseligen

Verzögerung trügen aber

zweitens nicht blos, die hiesigen Abgeordneten, sondern noch

mehr die Regierungen der einzelnen deutschen Staaten bei, durch

Unentschlossenheit und Unthätigkeit. Deshalb wäre es

drittens, das wirksamste, imponirendste, gewinnendste Mittel, wenn alle

Fürsten Deutschlands +eiligst selbst+ hieher kämen und einen großen

Reichstag bildeten und vervollständigten. Oder sie sollten wenigstens

sämmtlich gewiegte Männer mit ganz +unbeschränkten+ Vollmachten

hieher senden, um die hochwichtigen Sachen endlich zu einem einigen,

inhaltsreichen Ziele zu führen.

Er selbst, der Erzherzog, wolle dann (ohne etwas für sich zu verlangen

oder anzunehmen) gern in seine stille Heimat zurückkehren.

In der hiesigen Versammlung wogen die verschiedensten,

entgegengesetztesten Ansichten, Absichten und Zwecke dergestalt auf

und ab, daß man gar nicht absehen kann, wofür sich eine, so lange

die Österreicher mitstimmen (wahrscheinlich +geringe+), Mehrheit

entscheiden wird. Eine solche geringe Mehrheit hat aber wenig Gewicht,

und führt eher zu Widersprüchen und Unordnung, als zu Einheit und

Ruhe. Nur die Fürsten und Regierungen können durch Erklärungen, welche

zugleich gemäßigt und bestimmt sind, dem Schwanken ein Ende machen und

eine löbliche, gemeinsame Richtung herbeiführen.

Aber es ist die +allerhöchste+ Gefahr im Verzuge. +Vor+ den letzten

Beschlüssen der hiesigen Versammlung erscheint eine heilsame

Einwirkung, Verständigung und Abänderung noch möglich; +nachher+ ist

die Versammlung, wenn nicht doppelt mächtig, doch doppelt ungefüge

und eigensinnig. Läuft aber das ganze Bestreben auf diesem Wege auf

+nichts+ hinaus, kommt es zu keinem Ergebniß, so wird eine zweite,

ärgere Revolution, über kurz oder lang, nicht ausbleiben.

Sechsundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 17. Januar 1849.

Da ich vorgestern ein langes Zwiegespräch mit dem Erzherzoge Johann

gehabt, hielt ich mich für entschuldigt, gestern bei der gewöhnlichen

Abendvorstellung auszubleiben. Sechsstündigem Redenhören sollte eine

+bequeme+ Erholung in +Haustracht+ folgen. Zuvörderst aber strafte sich

mein Mangel an vorsichtiger Aufmerksamkeit dadurch, daß ich eine gute

halbe Stunde zu früh ins Schauspielhaus kam; denn es ging nicht um

6, sondern um halb 7 Uhr an. Graf Waldemar von Freitag gewährte aber

keine heitere Erholung. Das Stück ist auferbaut auf dem Grunde des

+Leichtsinnes+ und der +Sentimentalität+; und die Deutschen ziehen nur

zu gern in derlei Gebäude, um jenen, durch das Dach der letzten, zu

rechtfertigen, oder doch zu entschuldigen. Erbärmliche Mißverhältnisse

und Lebensstörungen können allerdings aus kleinen Versehen hervorgehen

und selbst viel zu hart bestraft werden; aus solcher Klemme, solcher

Marterei erwächst aber kein wahres Kunstwerk. Es kann sich weder

zu voller Heiterkeit erheben, noch die Theilnehmenden durch eine

großartige tragische Wendung reinigen. Sie ziehen sich höchstens aus

der Falle, wie der Fuchs, der den Schwanz zurückläßt; -- was aber

weder recht komisch, noch tragisch ist. Die Darstellung war besser, als

das Stück, konnte aber doch keine lebhafte Theilnahme erwecken.

Siebenundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 19. Januar 1849.

Die Oberhauptsfrage schwebt noch immer, und die letzte Abstimmung

wird gewiß zu keiner so entscheidenden Mehrzahl führen, daß man mit

Sicherheit darauf weiter bauen kann. Gegen das preußische Erbkaiserthum

stimmen die Österreicher, die Ultramontanen und die meisten Baiern.

Deutschland bedarf Preußens noch mehr, als umgekehrt; und wenn nicht

die große Sorge wäre, daß +wir uns selbst zu Grunde richten+, -- wäre

ich fast sorgenfrei. Der Plan, über welchen sich +alle+ Regierungen

einigten, wäre der +beste+, welchen Inhalts er auch sein möchte. Aber

die Regierungen sind und bleiben stumm, und in der Paulskirche spielt

man das Kinderspiel, alles Positive gegenseitig aufzuheben, bis nichts

als das kahle bloße Nichts übrigbleibt. Es taugt (so heißt es) kein

Präsident, kein Wahlkaiser, kein Wechsel, kein Direktorium, kein

Erbrecht u. s. w.

Ich wiederhole: ohne +große Majoritäten+ und festen Willen ist

alles Beschließen erfolglos, und auf +jene+ ist bei den jetzigen

Verhältnissen gar nicht zu rechnen. Dann verdoppelt die Linke ihr

Geschrei über die Nichtigkeit der frankfurter Versammlung, und erweiset

die Nothwendigkeit einer neuen Revolution. Aber alle diese Gefahren

reichen bis jetzt nicht hin, sich bei Zeiten zu versöhnen: man ist fast

immer nur conservativ, oder kühn, je nachdem es den Leidenschaften und

Vorurtheilen zusagt.

Nachmittags.

Ich komme soeben aus der Paulskirche und melde in höchster Eile, daß

mit großer Stimmenmehrheit verworfen wurden Turnus, Trias, Direktorium,

Präsidentschaft, Wählbarkeit jedes Deutschen u. s. w. -- Hierauf kam

der Satz zur Abstimmung: „Die Würde des Reichsoberhauptes wird einem

der regierenden deutschen Fürsten übertragen!“ Hiergegen verbanden sich

Österreicher, Baiern, Schutzzöllner, Ultramontanen u. s. w. aus den

verschiedensten Gründen. Sie wollten lieber, daß gar nichts beschlossen

werde, und die Versammlung ihren Bankerott an politischer Einsicht

und Charakterkraft offen an den Tag lege, als daß sie um Deutschlands

willen ihren Vorurtheilen und Leidenschaften entsagten. Dennoch blieb

den Vernünftigeren der Sieg mit 48 Stimmen. -- Jetzt kommt zur

Abstimmung: Dauer auf mehr oder weniger Jahre, Lebenszeit, Erblichkeit.

Es ist sehr die Frage, ob das letzte durchgehe; jeden Falls zieht sich

der Kreis, über welchen sich die Regierungen rasch erklären könnten und

sollten, immer enger.

Achtundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 20. Januar 1849.

Gestern sah ich zuerst die schöne Müllerin, Lustspiel in einem Akte,

worin Hr. Meinhold (Thisbe im Sommernachtstraum) und die Hausmann

sehr ergötzlich spielten. Hierauf die Ouverture zur Euryanthe, bei

deren Anhören mir immer wieder der Zweifel aufsteigt: ob es rathsam

sei, +verschiedene+ Motive aus der +nachfolgenden+ Oper aneinander

zu reihen, um +eine+ Ouverture daraus zu bilden. Zuletzt: Häuslicher

Zwist und Frieden, von H. v. Putlitz, worin die politische Heftigkeit,

Eigensinn und Übertreibung in heiterer Weise verspottet werden.

Ihr seht, daß ich es mit dem Abendbesuche der Klubs oder des Casino

(aus den schon mitgetheilten Gründen) nicht übertreibe. Ich erinnere

wiederholt an das übermäßige Tabackrauchen (was Augen, Nase und Lungen

gleich wenig zusagt), an meine Abneigung, mich in der Politik zu

übernehmen und meine Unabhängigkeit preiszugeben. Doch stehe ich auf

freundschaftlichem Fuße, und nach dem Wunsche vieler Mitglieder hat

mir Einer seine Sprechnummer in der Oberhauptsfrage abgetreten. Dies

ist (da ich mich beim Mangel aller Aussicht, daran zu kommen, gar

nicht gemeldet hatte) allerdings ein großes Avancement; -- dennoch

wird die Verhandlung höchst wahrscheinlich geschlossen, ehe ich an die

Reihe komme. -- Wenn ich sehe, wie wenige Redner (auch nur getheilten)

Beifall erhalten, ist dies wohl für ein Glück zu achten. Jeden Falls

wird Das, was ich sagen will, Vielen nicht gefallen.

Neunundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 22. Januar 1849.

Mir ist zu Muthe, als könnte und würde ich von hier aus keine Briefe

mehr schreiben, als wäre das Sondern meiner vielen Papiere und

Druckschriften schon eine Vorbereitung zum Einpacken. Mit dieser Woche

erreichen wir den Höhepunkt unserer Bestrebungen, mögen wir zuletzt

auch zu Stande bringen: viel, wenig -- oder nichts. Gewiß sind wir

erst beim Anfange, und trotz des etwanigen Kaiserschnittes werden wir

dadurch noch keinen lebendigen, regierenden Kaiser bekommen. Kaum ist

wohl ein Abgeordneter in der Lage eines deutschen Geschichtschreibers

wie ich, der manches früher Geliebte zum Tode verurtheilen soll, damit

neues Leben und eine frische Entwickelung möglich werde.

Den 23. Januar.

Ich könnte wiederholen, was alle Zeitungen über die Sitzungen in der

Paulskirche berichten; auch wohl einzelne Erläuterungen und Zusätze

geben. Mir fehlt aber dazu die frische Lust. Der Parteien sind so

viele, die eigensinnig vertheidigten Standpunkte so mannigfaltig, die

gescholtenen Sonderinteressen, auf wenig veränderte Weise, in den Klubs

so vorherrschend, daß man zu allgemeinen, entscheidenden Schlüssen

kaum kommen kann und vergißt, daß kleine Mehrzahlen die Welt nicht

begeistern und fortreißen. Die Frage, ob Einer, Drei, Fünf u. s. w. in

Deutschland an die Spitze treten sollen, wird mit 40 Stimmen in unseren

Tagen schwerlich entschieden.

Die gehaltenen Reden sind zum Theil vortrefflich, zum Theil verkehrt,

inhaltsleer und schlecht. Den letzten muß ich eine beizählen, die --

in so stotternder, langweiliger, zerrissener Weise vortrug, daß die

Geduld des Wohlwollendsten kaum ausreichte. Die Worte kamen so einzeln,

daß mir das famose Wort Zelter’s über die Schaf-- einfiel, welches

-- in zwei gereimte Verse übersetzte, womit ich zarte Leserinnen,

welche jenen Dichter verehren, nicht entsetzen will. -- Der Mann, sagte

mir Jemand, ist zu alt; ein Notabene für mich, der ich mindestens

10 Jahre älter bin. Doch will -- auf neuen Bahnen courbettiren; ich

trabe dagegen in gewohnten Wegen. Über das Kaiserthum wollte ich erst

+nicht+ reden, gab dann geäußerten Wünschen nach und übernahm eine mir

abgetretene Stelle. Nachdem ich mir das im Kopfe zurechtgelegt, was

ich wohl sagen wollte, wird mir zugemuthet, meine Stelle an Gagern

abzutreten, dessen Worte allerdings hundertmal gewichtiger sind, als

die meinigen.

Den 24. Januar.

Die Versammlung hat die Berathung abgeschnitten und sich zum Abstimmen

gewandt. Während man über unbedeutende Dinge tagelang geschwatzt hat,

will man über wichtige sich nicht unterrichten, weil die Meisten aus

ihren Klubs (die nach Sonderinteressen gebildet und gespalten sind)

schon eine fertige Meinung mitbringen, -- was denn freilich alles Reden

und Berathen ganz unnütz macht.

Von 9-5 Uhr habe ich gestern in der Paulskirche aushalten und

sechs namentlichen Abstimmungen beiwohnen müssen; was die Neigung

zu gesetzgebern sehr ermäßigen kann, das Heimweh, oder doch den

Wunsch der Heimkehr, aber vermehrt. Abends war ich zu S. und zu B.

eingeladen, mußte aber zum Erzherzoge gehen, wo ich allerlei Leute,

insbesondere aber ihn selbst sprach. Er erzählte unter Anderem, wie

er, von den Berathungen auf der Pfingstweide unterrichtet, einige

treue Diener zum Zuhören hinausgesandt und auf deren Berichte (in

Übereinstimmung mit Schmerling und Peuker) insgeheim Mannschaft nach

Frankfurt berufen habe, ohne welche Alles drunter und drüber gegangen

wäre. Blum, Zitz, Schlöffel und ähnliche Leute hätten ihn bestürmt,

alle Soldaten zurückzuziehen; dann werde man +nachher+ die Barrikaden

wieder abtragen; er habe aber (Gottlob) widerstanden und verlangt,

daß +vorher+ die völlige Ordnung hergestellt werde. Wäre damals (wie

man bezweckte) die frankfurter Versammlung auseinandergejagt worden,

wir hätten in ganz Deutschland eine blutige Herrschaft fanatischer

Terroristen.

Hundertster Brief.

Frankfurt a. M., den 24. Januar 1849.

Herr Camphausen ist seit einigen Tagen wieder hier, und man munkelt

(das Wort ist bezeichnend) von großen Beschlüssen der preußischen

Regierung. Noch hat aber keiner von den vielen preußischen Abgeordneten

etwas von ihm vernommen, und auch der Erzherzog Johann wußte gestern

Abend noch keine Sylbe.

So sind und bleiben wir denn ein Heer ohne Feldherrn, eine

Schiffsmannschaft ohne Steuermann, eine Heerde ohne Hirten. Jeder saugt

sich seine angebliche Begeisterung und Weisheit aus den Fingerspitzen,

oder Nichtsthun und Abwarten sagt allen verneinenden, inhaltslosen

Seelen so zu, daß sie sich dabei wohlbefinden, wie die stummen Fische

im Wasser.

Wahrlich das Wunder der Leibnitz’schen, vorherbestimmten Harmonie müßte

eintreten, wenn wir Alle harmonisch berathen und beschließen sollten!

Gestern ist dies Wunder ausgeblieben, wie folgende Abstimmungen über

Art und Dauer der Kaisergewalt zeigen. Es erklärten sich in Bezug auf

die

Erblichkeit dafür 211 St., dagegen 263.

Lebenslänglich „ 39 „ „ 413.

Zwölfjährig „ 14 „ „ 264.

Sechsjährig „ 196 „ „ 264.

Dreijährig „ 120 „ „ 305.

Der Vorschlag, den Kaiser auf ein Jahr zu wählen, ward zurückgenommen.

So sind also +alle+ Vorschläge ohne Ausnahme verworfen worden,

woraus man die politische Unfähigkeit der frankfurter Versammlung

und Entgegengesetztes begründen wird. Die Republikaner wollen die

Versammlung auflösen, um durch neue Wahlen obzusiegen und Revolutionen

herbeizuführen; die Absolutisten behaupten, es müsse nunmehr alles

Nöthige +allein+ durch die verschiedenen Regierungen geschehen. Beide

Wege führen ins Verderben.

So wunderlich jene Abstimmungen auch erscheinen, ist doch kein Grund

deshalb zu verzweifeln. Sie beweisen nur Unklarheit und Unreife, und

selbst bis zur zweiten Lesung des Gesetzentwurfs werden Überlegungen

und eintretende Thatsachen hoffentlich einem inhaltsreichen Ziele näher

führen.

Merkwürdig ist es, daß die größte Minderzahl sich für die Erblichkeit

aussprach; -- obgleich sich die verschiedenartigsten Gegner Preußens

dawider vereinigt hatten. Überhaupt zeigen sich die +Sonderinteressen+

in der Paulskirche und den Klubs ebenso sehr wie +außerhalb+; und

der unzählige Male verurtheilte Bundestag glaubt schon an eine fast

unveränderte Auferstehung!

Gott segne die Wahlen für den neuen preußischen Reichstag! Da liegt die

größte Gefahr!

Hunderterster Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Januar 1849.

-- -- In alle diese Nichtigkeiten, oder Kleinlichkeiten, tönten indeß

Nachrichten sehr ernsthaft hinein, über die vielen Verfolgungen

angeblich politisch-schuldiger Personen in Preußen. Dies buchstäblich

scheinbar gerechte, in Wahrheit leidenschaftliche Verfahren reizt

zum Widerspruche, führt zu Lossprechungen und erhebt nicht blos in

den Stand angeblicher Märtyrer, sondern auch in den Stand wirklicher

Reichstagsabgeordneten.

Den 26. Januar.

Leider lauten die Nachrichten über die berliner Versammlungen und

Wahlen so traurig, wie ich vorher gesehen und gesagt. Welch ein

Unterschied, wenn ich die vorjährigen Versammlungen damit vergleiche.

Alle Leidenschaften gesteigert, Klugheit und Mäßigung hingegen

vermindert! Aber nicht ohne Schuld der Regierung, welche den Sieg

in eine Niederlage verwandelt. -- -- -- Wie lange die hiesige

Versammlung noch beisammen bleibt und ich ihr beiwohnen werde, weiß

ich noch nicht; gewiß wünschen weit die Meisten den Schluß, und

sehnen sich nach der Heimat. So haben wir gestern 14 Sätze über das

Reichsoberhaupt angenommen, und nur einer über den Titel: +Kaiser+,

führte zu Berathungen und zu namentlicher Abstimmung. Die Österreicher

und die Baiern sind gegen eine so vornehme Benennung und noch mehr die

Republikaner; deshalb ward der Titel mit nur 214, gegen 205 Stimmen

angenommen. Das Recht der Kriegserklärung wiesen ihm dagegen 282, wider

136 Stimmen zu. Wäre nicht anzunehmen, daß bei der zweiten Lesung

der Verfassung erhebliche Berichtigungen eintreten und die stummen

Regierungen endlich reden werden, so ginge ich schon jetzt davon.

Überdies wird die Einheit Deutschlands immer schwächer vertreten, und

fällt ganz dahin, wenn Preußen nicht mächtig bleibt und sich muthig

dafür ausspricht. Ist doch die sächsische Kammer ganz den Radikalen

preisgegeben.

-- Äußerung: es sei +besser+, wenn die Wahlen überall +schlecht+

ausfielen, beruht auf dem unheilbringenden und unsittlichen Grundsatze:

es muß erst +recht schlecht+ werden, ehe es +besser+ wird. Allerdings

zeigt der Welt Lauf nur zu häufig, daß dies der Fall ist, und

keine Macht hinreicht die unglückliche Richtung zu überwältigen.

Dies rechtfertigt aber Diejenigen nicht, welche die Hände in den

Schoß legen, oder sich nur hinter den Ohren kratzen, und gleich

Unglücksvögeln sich und Anderen den Muth austreiben und Wehe schreien.

Welch voller Gegensatz zu dem trunkenen Wahnsinn der --; und doch

führen beide Richtungen gleichmäßig ins Verderben.

Du hast sehr Recht, daß kein Mensch, der noch seine fünf Sinne hat,

sich einbilden kann, er bewege die Welt; aber das Evangelium lehrt

schon, daß man auch das allerkleinste anvertraute Pfund nicht soll

unbenutzt lassen. Und wenn sich Leiden hinzugesellen, so darf man nicht

blos jammern und bämmeln, sondern soll muthig ertragen lernen. Es ist

eine bloße ~Escapade~ des Nichtwollens und Nichtthuns, zu sagen: die

Franzosen und ihre Literatur sollen und werden uns erretten.

Ich bin sehr begierig auf Goethe’s Briefe an Frau von Stein und danke

für Deine lebendige und geistreiche Kritik. Mit Stilling’s Richtung

und Wesen stimme ich in keiner Weise zusammen. Diese hochmüthige

Demuth, diese aufgeputzte Keuschheit, dies Liebäugeln mit unserem Herr

Gott (wofür er sich bedanken soll), dieses Heucheln vor sich selbst,

oder diese Großthuerei mit einem Pfennig von Wahrheit, neben geistig

verbuhltem Kartenlegen und Volteschlagen; -- ist mir durchaus zuwider.

-- „Doch, richtet nicht;“ so breche ich ab, bis mir ein Vertheidiger

Stilling’s gegenüber steht und meine voreiligen Urtheile berichtigt.

Hundertzweiter Brief.

Frankfurt a. M., den 27. Januar 1849.

Ich sage mir täglich und schreibe es Anderen ins Stammbuch: „+Nicht

verzweifeln+;“ zum Theil, weil ich Muth habe, zum Theil aber auch, weil

ich dessen selbst bedarf. Denn, wahrlich, der Himmel ist keineswegs

heiter, und der Sturm, welcher seit mehreren Tagen von der Mainbrücke

her gegen meine Fenster tobt, tönt mir wie eine herbe Warnung, oder

Weissagung für Deutschland.

Ich will nicht zurückkommen auf den Mißbrauch, den das preußische

Ministerium von seinem Siege gemacht und wie viel Boden es dadurch

verloren. Ich will der Ungebühr der Demokraten diesmal nicht erwähnen:

sind denn aber die Rückläufigen klüger, welche -- -- und ähnlich

Gesinnte als Bewerber aufstellen, dadurch Gemäßigte zurückschrecken

und ihren ungemäßigten Gegnern in die Hände arbeiten? Ist denn das

wahre Heilmittel, die alten Thorheiten nochmals auszuspielen, und kann

man Leuten vertrauen, die den Fuchspelz der Freisinnigkeit und Duldung

nur übergeworfen haben?

Die hiesigen Abgeordneten (von denen sehr viele nicht über die

Spaziergänge Frankfurts hinausblicken) glauben noch immer an ihre

Allmacht und freuen sich darüber. Auf jede Weise lehnten sie eine

Vereinbarung mit den einzelnen Fürsten und Regierungen ab, und

beschlossen Dinge, welche nothwendig zum Streite mit Österreich führen

mußten. Weil (heißt es) unsere Paragraphen unveränderlich sind, muß

Österreich sich unterwerfen, oder draußen bleiben. Umgekehrt will man

aber auch Preußen nicht, weil es eine Großmacht ist, während Baiern

sich aufbläset, um eine zu werden.

Unterdeß suchen die Österreicher Alles in die Länge zu ziehen, aus

natürlichen Gründen und unbekümmert um die übelen Folgen, welche daraus

für das übrige Deutschland hervorgehen. Daß die beiden Hauptstaaten,

Österreich und Preußen, so erkrankt sind, ist der Hauptgrund aller

Verwirrung, und dem guten Willen einiger kleinen Staaten steht offene

Fehde gegenüber, wie sie die sächsische radikale Kammer ankündigt.

Es ist eine große Täuschung zu glauben: man könne mit Majoritäten von

10-20 Stimmen ganz Deutschland umgestalten und zu willigem Gehorsam

vermögen.

Es ist ferner ein großes Unglück, daß man die Vorzüge der Monarchie

immer nur theoretisch und geschichtlich darthun kann, während die

Massen allein durch Persönlichkeiten in Bewegung gesetzt und begeistert

werden. In der Republik hält sich Jeder für die rechte und größte

Person; und so gewinnt sie täglich mehr Boden, bis (wie in Frankreich)

die Noth und die Gewalt zur Demuth zwingt.

Mir sagte Jemand: ich habe durch mein Buch über Amerika wesentlich, und

mehr als irgend Jemand, die demokratische Richtung gefördert. Soll ich

die Wahrheit verhehlen, und habe ich nicht auf jeder Seite gewarnt:

man solle, bei ganz anderen Verhältnissen, nicht in dumme Nachäfferei

verfallen?

Die Republik kann bei uns versucht werden, aber nicht Dauer gewinnen.

Auch ist zwischen Voigt und Washington, Schlöffel und Jefferson einiger

Unterschied.

Die Besorgniß: es möchten die Fürsten und Regierungen gegen den

frankfurter Verfassungsentwurf erhebliche Schwierigkeiten erheben, hat

(wie gesagt) nicht zu einer offenen Mitberathung geführt; wohl aber

hat man (meist um sie zu beschwichtigen) in den Verfassungsentwurf

ein Kapitel aufgenommen, betitelt: der +Reichsrath+. Als ich gestern

dagegen stimmte, haben Die, welche mich zu ihrer Partei zählen, theils

mit Achselzucken ihren Unwillen zu erkennen gegeben, theils mit lauten

Vorwürfen. Der Eine sagte: sie haben den Kaiser zu Grunde gerichtet;

der Andere, es fehlt an aller Disciplin; der Dritte: was die Linke

befürwortet, muß man jedesmal verwerfen u. s. w. -- Ich ließ mich nicht

verblüffen und blieb die Antworten nicht schuldig.

Jene machen Partei, welch unerlaubtes Beginnen!

Aber unsre Partei, freilich versteht sich von selbst.

Ähnlich sprachen vor 200 Jahren die Katholiken und Protestanten

zu ihrem und des Vaterlandes Verderben; auch ihnen standen die

Parteiansichten höher, die Wahrheit, Liebe und Versöhnung. Niemals

werde ich mich einer solchen Knechtschaft unterwerfen. Und sollte ich

(das ginge noch an) wenigstens ~jurare in verba magistri~; -- nein,

~discipulorum in Klubbo~! -- Gern lasse ich Anderen ihre Freiheit,

behaupte aber auch die meine.

Neben dem Kaiser, dem Volkshause und dem Staatenhause, soll

der Reichsrath stehen, zusammengesetzt aus Männern, welche die

einzelnen Staaten schicken, um von der Reichsregierung eingebrachte

Gesetzentwürfe zu begutachten. Der Reichsrath ist also kein Staatsrath,

keine Behörde von Beamten, keine Gesellschaft von Sachverständigen.

Man will (sagt man mir) hiedurch die Fürsten gewinnen für den

Verfassungsentwurf. Besser durch offene Mitberathung, als durch eine

Einrichtung, welche in dieser Weise noch nie in der Welt da gewesen

ist. Die beiden Kammern, die verantwortlichen Minister, die befragten

Sachverständigen, sowie ~reports~ nach englischer Weise, reichen

vollkommen hin alle Zwecke zu erreichen. Was würden die Nordamerikaner

sagen, wenn man ihrer Verfassung solch ~hors d’oeuvre~, solchen

Hemmschuh anlegen wollte? Einige hoffen in dieser Weise den alten

Bundestag einzuschmuggeln; Andere stimmen dafür, weil es gar keine

Bedeutung habe. -- Und in der That, wenn die Reichsregierung (was

ihr jedesmal frei steht) den Gesetzesvorschlag von einem +Einzelnen+

einbringen läßt, findet gar keine Begutachtung statt. -- Diese

Begutachter werden mit den im Hintergrunde stehenden Regierungen

(und es ist ja der Zweck ihr Gewicht zu erhöhen) briefwechseln, Zeit

verderben, widersprechende Ansichten entwickeln, und Kaiser und Reich

das Leben sauer machen, bis die Kammern (nothwendig entscheidend)

dazwischentreten, und die Gutachten nach Belieben berücksichtigen, oder

-- zur Seite werfen.

Mögen diese, nur angedeuteten, leicht zu mehrenden Gründe auch

unzureichend sein, jedenfalls steht die Sache so, daß Jedem frei

bleiben muß, seine Überzeugung auszusprechen.

Ob wir etwas zu Stande bringen? Wer weiß es? -- Ich habe zwei meiner

wenigen Lebensjahre (seit der Stadtverordnetenwürde) ganz den

öffentlichen Angelegenheiten geweiht, und es wächst die Sehnsucht mich

in mein Schneckenhaus zurückzuziehen.

Hundertdritter Brief.

Frankfurt a. M., den 28. Januar 1849.

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich las soeben eine Reise des

Engländers Cochrane, welcher zu Fuße durch Sibirien nach Kamtschatka

und zurück gewandert ist. Die Hauptgenüsse sind: rohe Fische, 43 Grad

Kälte, ein wundes Gesicht, grobe Kosaken, stinkende Jakuten, nasse

Kleider, Eiszapfen an den Haaren, und dergl. mehr!!

Den 29. Januar.

Solltet Ihr finden, daß ich (und Andere noch mehr) zu unzufrieden mit

den sie umgebenden Verhältnissen sind und sich hinauswünschen, so

hat es doch wohl noch Keiner so weit gebracht wie der oben erwähnte

Cochrane, welcher, als er aus Sibirien zurückkehrend, Europa betritt,

ausruft: „Ich wähnte (in Sibirien) den Sitz des Elends, Lasters und

der Grausamkeit zu finden, und nun wußte ich daß ich den Sitz der

Menschlichkeit, Gastfreiheit und Güte im Rücken gelassen habe. Ich

fühlte den Wunsch umzukehren und meine Tage drüben zu beschließen. Ja,

dies Verlangen ist noch jetzt so stark, daß es mir kein Opfer kosten

würde, der Politik, dem Kriege und anderen Dingen, die das civilisirte

Leben mit sich bringt, den Rücken zu wenden, um in Mittelsibirien,

sicher vor Störungen von innen und außen, behaglich zu leben.“ --

Die eigenen Erzählungen Cochrane’s dürften aber schwerlich Jemand

verführen, seine Bewunderung Sibiriens zu theilen und sich dahin zu

wünschen.

Ich habe den Lukan zur Hand genommen, den ich seit meiner

Universitätszeit nicht angesehen. Ich bin zu alt Epopeen zu lesen

(Homer und die Nibelungen ausgenommen) und so überspringe ich gar

Vieles. Es läßt sich allerdings nachweisen, daß und wo der jugendliche

Dichter sich Übertreibung und Schwulst zu Schulden kommen läßt; allein

die immer dasselbe wiederholenden Kritiker scheinen mir ihn unbillig

zu behandeln, und seine Persönlichkeit zu gering anzuschlagen. Dem

maßhaltenden Virgil waren der ~pius Aeneas~ und die römischen Anfänge

ein Gegenstand mäßiger Begeisterung, die sich mit Schmeicheleien

gegen Augustus sehr wohl vertrug; Lukan’s Seele war ergriffen von

dem furchtbaren Schicksale seines Vaterlandes, und Pompejus, Cäsar,

Cato drängen ihn zu muthiger, großartiger Rede, und endlich zu einer

Verschwörung gegen Nero und zum Tode für sein Dichten und Handeln.

Die Aeneis ist ein gemachtes, erkünsteltes Werk; ihm fehlt die Natur

Homer’s und der Zorn Lukan’s. Das ~arma virumque cano~ läßt mich ruhig

abwarten, was der etwas mattherzige Held vielleicht vollbringen wird;

Lukan’s erste Verse zwingen durch ihre Kraft und Wahrheit zu tieferer

Theilnahme:

~Bella -- plus quam civilia,

Jusque datum sceleri canimus, populumque potentem

In sua victrici conversum viscera dextra

Cognatasque acies, et rupto foedere regni

Certatum totis concussi viribus orbis

In commune nefas.~

Cäsar und Pompejus mit scharfen, treffenden Zügen meisterhaft

geschildert: dieser geworden ~magni nominis umbra~; -- jener ~nescia

virtus stare loco~, -- ~solusque pudor non vincere bello~, --

~gaudensque viam fecisse ruina~.

Über das Recht der Beiden die berühmten Verse:

~Quis justius induit arma,

Scire nefas: magno se judice quisque tuetur:

Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni!~

Wie geschickt und ernst sind die entgegengesetzten Lehren von

Vorherbestimmung und Zufall in höchster Kürze dargestellt, mit dem

bedeutenden Schlußworte: ~liceat sperare timenti!~ -- Wie furchtbar die

Beschreibung der Leiden und Folgen des Bürgerkrieges:

~Omnibus hostes

Nos reddite populis; civile avertite bellum!!~

Wie überraschend und wahr das Wort:

~Nunc flere potestas

Dum pendet fortuna ducum; quum vicerit alter,

Gaudendum est!~

Wie schmerzlich die Worte:

~Non ante revellar,

Exanimem quam te complectar Roma, tuumque

Nomen libertas, et inanem prosequar umbram!~

Cato’s Grundsätze:

~Servare modum, finemque tenere,

Naturamque sequi, patriaeque impendere vitam,

Nec sibi, sed toto se genitum credere mundo.~

Eine Wahrheit und Weissagung zugleich:

~Libertas, inquit, populi, quem regna coercent,

Libertate perit, cujus servaveris umbram,

Si, quidquid jubeare, velis.

-- Venia est haec sola pudoris,

Degenerisque metus, -- nil jam potuisse negari!~

Ich breche ab aus Besorgniß, Ihr werdet über meine lateinischen

Anführungen zu sehr schelten. Laßt sie Euch von einem der vielen

schulgelehrten Freunde übersetzen, und Ihr werdet für ihren Werth

stimmen.

Den 30. Januar.

Gestern hatte ich die redliche Absicht, im Casino den Vorberathungen

über einen neuen Theil der Verfassung (die Gewähr) beizuwohnen; aber

eine Unzahl dampfender Cigarren verdarben die Luft dergestalt, daß ich

Kopfschmerzen und Augenschmerzen bekam, und meinem einfachen Abendbrote

im Schwan nachging.

Daheim las ich Jackson’s Landreise von Bassora bis Hermannstadt,

und Degrandpré’s Reise nach Congo und Loango. Beide bestätigten mir

(gleichwie Cochrane), daß es trotz aller Mängel bei uns (und überhaupt

unter gebildeten Völkern) besser leben ist, als unter rohen, oder

ausgearteten. Degrandpré erzählt, daß die Prinzessinnen in Loango

einen Gemahl wählen nach Laune und Geiz, und daß sie ihn (sobald sie

sein Vermögen durchgebracht) verstoßen und einen Anderen aussuchen.

Ein solcher Mann (fährt Degrandpré fort) darf bei Lebensstrafe keine

andere Frau haben; er darf sogar keine andere sehen, oder von ihr

gesehen werden, und wenn er ausgeht, geht ein Neger mit einem Glöckchen

vor ihm her und verkündigt, daß er erscheinen wird. Und auf dieses

Zeichen kehren sich die Weiber um und halten die Hände vor die Augen,

wenn sie nicht anders ausweichen können. Die Lage des Gemahls einer

Negerprinzessin ist sehr traurig, zumal wenn sie alt und häßlich ist,

und viel fordert.

Heute wurden einige sehr quere Reden über die Gewähr der

Reichsverfassung, aber auch einige gute, und eine vortreffliche von

Bassermann gehalten.

Hundertvierter Brief.

Frankfurt a. M., den 31. Januar 1849.

Seit langer Zeit endlich eine politische Freude! Darüber nämlich: daß

Preußen endlich sein Schweigen gebrochen, und in einer Weise, wie es

ihm unter den deutschen Staaten und Fürsten zukommt, die Initiative

ergriffen hat.

Die preußische Note findet nach Form und Inhalt den größten Beifall,

und belebt von Neuem die fast aufgegebene Hoffnung, daß, in Friede und

Freundschaft, eine neue wahrhaft heilsame Form der Verfassung für

Deutschland aufgefunden und angenommen werde.

Obwohl im Innern noch bedrängt, muß nun auch Österreich sich deutlicher

und inhaltsreicher aussprechen. Es genügt nicht mehr höflich zu sagen:

wir wollen im Bundesstaate bleiben; während man keinen Beschluß

berücksichtigt, sondern allen (z. B. hinsichtlich der religiösen

Duldung) zuwiderhandelt.

Einige meinen: der König von Preußen hätte sich bestimmter +für+ das

erbliche Kaiserthum aussprechen sollen. Ich kann, bei den obwaltenden

Verhältnissen, dieser Meinung nicht beitreten. Hinsichtlich der

Kaiserwürde konnte er die Initiative am wenigsten ergreifen, bevor

Österreichs Stellung zu Deutschland bekannt und anerkannt ist.

Die Demokraten, welche anfangs überlaut für die Allmacht der

frankfurter Versammlung in der Hoffnung sprachen, durch ihre Mehrzahl

Deutschland zu republikanisiren, haben (seitdem diese Aussicht

völlig versperrt ward) bekanntlich, ähnlicher Hoffnungen halber,

die Ansprüche und die Macht der einzelnen Staaten und Kammern zu

erhöhen und anzupreisen gesucht. Gestern erlitten sie aber in der

Paulskirche eine entscheidende Niederlage, indem der Antrag: in jedem

einzelnen deutschen Staate könne die Verfassung (ohne Zustimmung

der Reichsgewalt) nach Belieben verändert werden, mit großer

Stimmenmehrheit verworfen ward. Der gar nicht verhehlte Zweck der

Linken bei diesem Antrage ist, auf diese Weise einen Fürsten nach dem

anderen zu beseitigen.

Wenn ich lese: unter den preußischen Wahlmännern sind so viel

Reactionaire und so viel Demokraten, möchte ich fragen: stehen denn

gar keine vernünftigen Leute zwischen diesen beiden Äußersten? -- Das

jetzige Ministerium verstand im letzten rechten Augenblicke zu siegen,

nicht aber diesen Sieg in genügender und doch gemäßigter Weise zu

benutzen. Daher neue Umstellungen der Parteien und Gesinnungen.

Hundertfünfter Brief.

Frankfurt a. M., den 1. Februar 1849.

Ich melancholisire gar viel an allen Theilen meines Leibes und Geistes.

Augen und Nase leiden durch Tabacksdampf, die Ohren durch Überschwall

unreiner Beredtsamteit, die Zunge hat keine Lust am Schmecken, der

Magen keinen Fleiß zum Verdauen, die Lungen klagen über verdorbene Luft

in der Paulskirche, der H-- seufzt, daß er sechs Stunden auf einer

Stelle still sitzen soll, die Beine weigern sich den ungeheuern Schmuz

zu durchmessen, der ganze Leib sich dem Sturme und Schneegestöber

auszusetzen u. s. w. u. s. w.

Aber, spricht die eitele Eitelkeit: du bist sehr gemeinnützig! Wodurch?

Daß ich im Laufe eines ganzen Monates einige Male +Ja+ und einige

Male +Nein+ gesagt habe? Das hätte Jeder gekonnt. Zum Reden komme ich

nicht, und wenn ich dazu käme, würde es so viel wirken, wie wenn der

Hund den Mond anbellt. Gewisse Leute haben ihr bleibendes Nest auf der

Rednerbühne gebaut, und da die Klubs (aus ihrer Parteiansicht heraus

und +vor+ aller +allgemeinen+ Berathung) entscheiden, wie Jeder stimmen

soll, so ist alle Rederei in der Paulskirche eigentlich unnütz, und man

sollte nur die Stimmzettel aus den Klubs hinschicken.

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 5 / 21 题