Es fehlt hier nicht an ergötzlichen, zeitvertreibenden Planen, wie

deren zwischen 1795 und 1815 so viele entworfen wurden: z. B. Henri

V bekommt keine Kinder, adoptirt den Grafen von Paris, die älteren

und jüngeren Bourboniden fallen sich in die Arme, und die letzten

erhalten für geduldiges Abwarten, das Verdienst doppelten Edelmuths.

So die Hofleute; was die Bürger von Paris oder auch nur die Gamins

wollen, wird vor der Hand nicht berücksichtigt. -- Daß diese völlige

Ungewißheit der Zukunft Frankreichs auch für Deutschland gefährlich und

unheilbringend ist, brauche ich nicht umständlich zu beweisen.

Die +deutschen Zustände+ haben den wesentlichsten Einfluß auf die

Beurtheilungen und Maßregeln des Auslandes. Nach der Fehlgeburt

des Dahlmann’schen Ministerii stiegen hier Frankfurts Aktien

außerordentlich; seitdem hat indeß mancherlei wieder zum Schwanken und

Sinken derselben und zu dem, leider richtigen, Glauben beigetragen: es

stehe noch schwach mit der deutschen Einheit und deshalb auch mit der

Reichsgewalt. Dahin rechnete man z. B. den Aberglauben, daß +Polen+

(welche in wiener Studentenröcke krochen) +die deutsche Freiheit gegen

Slaven+ schützen wollten, ferner die Pöbelherrschaft in Berlin, den

dortigen übereilten Beschluß, Posen betreffend u. s. w. Vor Allem

aber fürchtet (oder hofft) man, daß die frankfurter Entscheidung über

Österreich den allernachtheiligsten Einfluß auf die Einheit und Macht

Deutschlands haben werde; man vergleicht diesen Beschluß mit dem

ersten über den malmöer Waffenstillstand, und sieht darin einen neuen

Beweis von Staatsweisheit -- oder Thorheit. Wie dem auch sei, ein

Reichsgesandter hat eine schwere, ja unmögliche Aufgabe zu lösen, wenn

er dies Alles lobpreisen und rechtfertigen soll; besser, er sagt den

Franzosen: ~intra peccatur et extra Iliacos muros~.

Nach diesen (+nur scheinbaren+) Umwegen komme ich auf die italienische

Frage. In den letzten sechs, acht Wochen ist hinsichtlich derselben,

aus mannigfachen +Gründen+, eigentlich gar nichts geschehen. Zu den

wichtigeren gehört ohne Zweifel (obwohl man es nicht laut gestehen

will), daß England und Frankreich die ganze Vermittelung herzlich satt

haben, und insbesondere das Letztere gern der unbequemen Erbschaft

entsagte, welche aus den Lamartine’schen Phrasen für die jetzige

Regierung hervorgegangen ist. Weder von den Österreichern noch den

Italienern ist der geringste Dank zu erwarten, vielmehr ertönen von

allen Seiten der bitterste Tadel, die herbsten Vorwürfe, und +so wird

es Jedem ergehen, der ohne die dringendste Noth sich in diese Handel

mischt+ und einbildet: er könne mit einigen wohllautenden Hauptworten

die erregten Leidenschaften bändigen, politische Mündigkeit einimpfen

und Volkscharaktere umgestalten.

Über den Ort, wo Berathungen, Italien betreffend, gehalten werden

möchten, steht noch gar nichts fest. Innsbruck, Verona, Padua sind von

den Vermittlern verworfen; Rom (seitwärts gelegen und in Zerwürfniß

mit Österreich) erschien dieser Macht als unpassend. Nizza und Brüssel

wird aus anderen Gründen ebenfalls zurückgewiesen; Baden-Baden (sagt

Lord N.) ist im Winter zu kalt; was für alle deutsche Städte gilt

und verdeckt nach Italien hinweist. Eine +Grundlage+, auf welche

sich die Verhandlungen beziehen, an welche sie sich anschließen

könnten, ist noch gar nicht vorgeschlagen, viel weniger angenommen

worden. Die Meinung: Österreich werde sich nach seinen italienischen

(und deutschen) Siegen die ihm zur Zeit seiner Ohnmacht gestellten

Bedingungen gefallen lassen, ist völlig grundlos und thöricht. Ich

kann nicht glauben, daß England (welches seinen alten Bundesgenossen

bei Weitem am unfreundlichsten betrachtet und behandelt) vollendete

Thatsachen von der höchsten Wichtigkeit, als nicht vorhanden darstellen

oder wegsophistisiren will.

Der österreichische Bevollmächtigte hat (schon +vor+ den wiener

Siegen) die allerbestimmteste Anweisung erhalten: daß Österreich eher

einen Krieg wagen, als in die geringste Landabtretung willigen werde.

+Nach+ jenen Siegen wird es mit doppeltem Nachdrucke auf Erhaltung des

Besitzstandes von 1815 dringen, und Rußland steht ihm gewiß mit aller

Kraft zur Seite. Überdies ist es eine moralische Unmöglichkeit, es ist

eine Ehrensache, von dem treuen, siegreichen, österreichischen Heere

+nicht+ zu verlangen, daß es eine mit seinem Blute wiedergewonnene

Landschaft räume, weil es einigen Diplomaten nach vielem Hin- und

Herrechnen (das Keinen befriedigt) also behagt.

Diese und ähnliche Betrachtungen, sowie die Besorgniß vor dem

schrecklichen Unglücke eines allgemeinen Krieges, haben Hrn. Minister

Bastide wahrscheinlich dahin gebracht, daß er (wenigstens gegen mich)

+niemals+ die Forderung einer Abänderung der Landesgränzen oder

des Herrscherhauses aufgestellt hat. Ja, das ausgefahrene Geleise

einer veralteten Diplomatie verlassend, sagte er: wir wünschen, daß

Österreich groß, einig und mächtig sei.

Bei +diesen Verhältnissen+ wäre es meines Erachtens unzeitig, unwirksam

und irrig, wenn irgend wie und irgend woher ein Vorschlag oder auch nur

eine Bereitwilligkeit ausgesprochen würde, für Abänderung italienischer

Landesgränzen zu wirken. Hingegen möge Deutschland ernstlich seine

Stimme erheben für Nichterneuerung des Krieges und für die Gründung

freisinniger Einrichtungen, so weit sie irgend möglich sind, ohne in

die Anarchie von Paris, Wien und Berlin zu verfallen.

Die vermittelnden Mächte haben gar keine Neigung, dem deutschen Reiche

eine Mitwirkung auf die italienischen Angelegenheiten zuzugestehen;

insbesondere hält Lord N. das Wort +officiös+ wie ein Medusenhaupt

entgegen, um die Unmöglichkeit einer ebenbürtigen Theilnahme darzuthun,

oder doch den Reichsgesandten eine ganz unwürdige, untergeordnete

Stellung anzuweisen.

Möge die Reichsgewalt sich nicht in Wege verlocken lassen, welche

Deutschland schwächen, indem sie Österreich davon trennen. Es wäre ein

großes, ein unermeßliches Unglück, wenn Österreich, statt in Frankfurt,

in Petersburg Hülfe suchen müßte und fände! Dies läßt sich vermeiden,

ohne die (politisch leider von jeher und noch jetzt uneinigen und

unerzogenen) Italiener ihrer Nationalität zu berauben, und ohne ihnen

wahrhaft freisinnige und heilsame Einrichtungen vorzuenthalten.

Den 12. November.

In den letzten Tagen hat man auf dem Platze de la Concorde (~per

antiphrasin~ so genannt) Stangen oder Mastbäume in großer Zahl

eingegraben, dreifarbige Fahnen daran aufgehangen, Dekorationen

mancherlei Art von Holz, Leinwand und Papier aufgestellt, Emporbühnen

und Altäre errichtet u. s. w. -- Alles zum Geburts- oder Tauftage

der republikanischen Verfassung. Ich kann nicht finden, daß der

außerordentlich schöne Platz, durch dies zum Theil kleinliche

Brimborium gewinne; auch ist das Vorlesen der langen Urkunde (wovon

man überdies nichts hört), eine ebenso lange Messe und stundenlanges

Vorbeimarschiren der Bürgerwache nicht sehr anziehend. Doch hätte ich,

als ein zum diplomatischen Körper gehöriger Leib, von einer Einladung

vielleicht Gebrauch gemacht, wäre besagter Leib nicht noch in etwas

preßhaftem Zustande, und könnte man mit Sicherheit (und ohne besondere

Karte) zu den bezeichneten Sitzen vordringen. Hiezu kommt vor Allem:

daß ein +gräuliches+ Wetter mit Regen und Schnee eingetreten ist, und

ein stundenlanges Verweilen unter freiem Himmel der Gesundheit wahrhaft

gefährlich werden könnte. So begnügen wir uns denn, viele +Tausende+

von Nationalgarden vor unserem Fenster vorbeiziehen zu sehen; wobei

sich leider die Überzeugung aufdrängt, daß sie ohne Vergleich tüchtiger

aussehen, und zur Aufrechthaltung der Ordnung weit mehr Muth gezeigt

haben, als unsere berliner Bürgerwehr. -- Ob ich gegen Abend, bei etwa

besserem Wetter, und doch mit +Pelz+ und Regenschirm bewaffnet, mich

unter das Gewühl wahrer oder erheuchelter Republikaner begeben werde,

weiß ich noch nicht. Zu einem Aufstande (den Manche fürchteten) wird es

heute schon deshalb nicht kommen, weil das souveraine Volk eingeschneit

und eingeregnet einherzieht, ~poules mouillées~ vergleichbar. Obwohl

Alles Begeisterung, große Gedanken und Gefühle hervortreiben soll,

stehen allzu viel erkältende Blitzableiter daneben, und mich hat

überdies ein langer für Frankfurt bestimmter Bericht, besonders über

die italienischen Angelegenheiten, in eine keineswegs sehr heitere

Stimmung versetzt.

In dies stete Auf und Ab politischer Weisheit und Thorheit ist mir

J. Mohl’s Bericht über die Fortschritte asiatischer Studien, wie ein

erfreulicher Trost erschienen, daß Liebe und Muth für die Wissenschaft

noch nicht ausgestorben ist, sondern in der Tiefe fortwirkt und länger

dauern wird, als die an der Oberfläche aufsteigenden, platzenden,

stinkenden Blasen, oder ~bubbles~.

Achtzigster Brief.

Paris, den 14. November 1848.

Abgesehen von politischen Nachwehen hat das beregnete und beschneite

Geburtsfest der Republik, viele Menschen (so den Minister Bastide),

krank gemacht. Die Verfassung (sagt ein ärztlicher Spötter) ist ein

Achtmonatskind, muß also sterben. -- Napoleon’s Spruch über die

Bourboniden: „sie haben nichts gelernt und nichts vergessen“, -- muß

man jetzt dahin abändern: die Franzosen haben nichts gelernt und +sehr

viel+ vergessen. Sie fangen an (als gebe es keine staatsrechtliche

Erfahrung) wie im Jahre 1789, z. B. mit einer Kammer u. s. w.

An dem rothsammtenen Zelte, dem Taufdeckel der Verfassung, stand

viermal, nach vier Seiten hin: ~aimez Vous les uns les autres~.

Christlich genug, wenn gleich die zweite Hälfte des Spruches fehlt.

Auch sind 60,000 Prediger der Liebe zur Hand, welche innerlich

raisonniren, oder wie Friedrich Wilhelm I. dreinschlagend sagen: ihr

sollt mich nicht lieben, ihr sollt mich fürchten!

Wenn in einer Erbmonarchie ein unfähiger Kronprinz den Thron besteigt,

so ist dies nach dem Laufe der Natur nicht zu ändern, und wird durch

andere Vortheile (z. B. des ruhigen, unzweifelhaften Übergangs)

wenigstens zum Theil ausgeglichen. Aber ein Königshaus verjagen, die

Verfassung von Grund aus umgestalten, um den Höchstbegabten an die

Spitze zu bringen; und dann -- -- als einzig möglichen Gewinn selbst

von den sogenannten Gemäßigten anempfehlen zu hören; -- das übersteigt

alles Begreifliche, und zeigt die Schwäche der überklugen Berechnungen

und Kunststücke. -- Nicht minder, wenn man sieht, daß ungeachtet der

schlagendsten theoretischen Beweise und der bittersten praktischen

Erfahrungen, der Aberwitz L. Blanc’s und Consorten noch immer Anhänger

und Bewunderer findet, und man jene als Erlöser des menschlichen

Geschlechts, bei den socialen Abfütterungen hoch leben läßt.

Abends ½10 Uhr Soirée oder Rout bei --. Menschen aller Arten, Farben

und Richtungen, viel Gedränge; keine Gespräche, keine Stühle für die

Herren. In der Angst ihres Herzens sagte mir eine Dame: „finden Sie

die Gesellschaft nicht schrecklich, nicht fürchterlich langweilig?“

Ich weiß nicht, ob noch Andere diesen deutschen Hülferuf, oder diese

Wehklagen hörten und verstanden. -- Mehre Herren äußerten: ~avec de

la mitraille~ stelle man überall leicht die Ordnung her. Freilich,

wenn ich mir ein Bein abhauen lasse, thut es nicht mehr weh und bringt

mir keine weitere Gefahr; besser jedoch auf zwei gesunden Beinen

einhergehen.

Den 16. November.

Der wesentliche Inhalt der Äußerungen des Hrn. Thiers war in aller

Kürze etwa folgender:

Wenn Preußen, Österreich, Baiern seine Verfassung ändert, so ist

dies für fremde Staaten von geringer Wirkung, sobald aber ganz

Deutschland eine Vereinigung trifft, wodurch so viele Millionen in ein

engeres Verhältniß treten, müssen sich seine Verhältnisse auch zum

Auslande ändern, und wenngleich dies nicht feindlich oder abgünstig

entgegentritt, ist es doch zu sorgsamer Aufmerksamkeit verpflichtet

und zu manchen Bedenken aufgeregt. Daher ist nicht unnatürlich, wenn

auch die diplomatischen Verhältnisse langsamer eine bestimmte Form

annehmen, doch bleibt dies zum Theil Persönliche und Conventionelle von

den wesentlicheren Gegenständen unterschieden. Wenn die französische

Regierung sich über die Angelegenheiten nicht bestimmter ausspricht,

nichts Näheres mittheilt, so hat dies seinen vollkommen zureichenden

Grund, nämlich: daß sie selbst nichts weiß und nichts thut.

Seit mehren Wochen war erst Hr. Vivien, dann Hr. Alexis von Tocqueville

zum Beauftragten in den italienischen Angelegenheiten ernannt; es

ist aber seitdem nichts geschehen, und kaum weiß man, ob und was

noch geschehen wird. Beide Männer haben mich gefragt: ob sie den

Auftrag annehmen sollten und ob ich sie unterstützen wolle? Ich

antwortete: +Ja! sofern sie für den Frieden wirken.+ Eine Abtretung

von Landschaften, eine Veränderung des Herrschergeschlechts ist nicht

nothwendig, wohl aber muß man für eine italienische Verwaltung,

italienisches Heer und italienische Finanzen wirken, unter einer

höchsten österreichischen Leitung, z. B. der Minister und Generale.

Doch würde ich sehr gern den Österreichern die Moldau, Walachei,

Bulgarien und alles Land bis an den Balken zuweisen, wenn sie Italien

(obwohl nicht ganz) abtreten wollten. Es ist im Interesse Frankreichs,

daß Österreich (besonders im Osten) mächtig sei und bleibe; es ist

unverständig, sich herumzuzanken, während 50,000 Russen (wie ich weiß)

in die Moldau u. s. w. eingerückt sind, und 100,000 an der Gränze

stehen; ich gebe zu, daß man die Österreicher nicht zwingen muß, allein

in den Russen Freunde und Vertheidiger zu sehen und ihnen dafür Alles

zu gestatten.

Wir Gemäßigten haben keinen Geschmack (~goût~) für L. Bonaparte, keinen

Gefallen an ihm; aber das Volk hat ihn oder seinen Namen ergriffen, und

es fehlt ein Bewerber, der ihn verdrängen könnte. Die Gemäßigten hoffen

unter seiner Firma zu herrschen. Ich selbst wollte kein Mitbewerber um

die Präsidentur sein und trachte nach keinem Ministerium: in der Kammer

aber werde ich (sowie mein ganzes Leben hindurch, so auch fernerhin)

nach Kräften gegen die Anarchisten wirken. Ich gebe Ihnen +mein

Ehrenwort+ (~ma parole d’honneur~), daß der höchste Zweck aller meiner

Bestrebungen ist und sein wird: +den Frieden zu erhalten+. Von diesem

Frieden, von der Einigkeit zwischen England, Frankreich und Deutschland

hängt das Wohl Europa’s ab. Viele Dinge sind ungewiß und hängen von

keinem Einzelnen ab; allein ich +darf+ und +kann+ versprechen: der

Friede wird erhalten werden, sobald man uns nicht +angreift+ und nicht

+zwingt+, gewisse Ehrensachen (z. B. in Hinsicht auf Holland und

Schleswig) mit auszufechten. Mäßigung wird am besten zum Ziele führen.

-- In dieser Beziehung ist es höchst wünschenswerth, daß bittere Klagen

über österreichische Härte und Grausamkeit in Italien bald abgestellt

werden; denn so viel auch übertrieben sein mag, scheint doch des

Unläugbaren zu viel übrig zu bleiben.

Der Name Bonaparte mag in Deutschland unangenehme Erinnerungen an

Kriegs- und Eroberungslust hervorrufen; in der That ist aber davon

nicht mehr die Rede, und immerdar würde ich, unterstützt von der großen

Mehrheit der Franzosen, siegreich dagegen kämpfen.

So der kurze, wesentliche Inhalt der Äußerungen des Hrn. Thiers, welche

mitzutheilen mir derselbe verstattete.

Einundachtzigster Brief.

Paris, den 17. November 1848.

Thiers hat drei seiner wichtigsten Reden berichtigt abdrucken lassen:

über das Recht zur Arbeit, Papiergeld und Stellvertretung beim Heere.

Da Ihr sie vielleicht gar nicht oder nur in kurzen Auszügen kennt,

mögen hier einige Äußerungen Platz finden, die mir als die wichtigsten

erschienen. In der +ersten+ Rede sagt Hr. Thiers: Wir sollen die

Freiheit schützen gegen den doppelten Einfluß der Höfe und der Straßen.

Ja, das Volk leidet; aber die angeblichen Ärzte haben noch kein

einziges wahrhaftes Heilmittel zu Tage gefördert; die Communisten,

Socialisten u. s. w. schmeicheln nur den Leidenschaften und greifen

Das an, worauf, seit Anbeginn der Geschichte, die fortschreitende

Bildung der Menschheit beruht: Eigenthum nämlich, Freiheit und

Mitbewerbung oder Concurrenz. -- Im Ganzen hat sich der Zustand der

Volksmassen, im Vergleiche mit früheren Zeiten, nicht verschlechtert,

sondern verbessert, und viele Arbeiten geringer Art sind den Maschinen

zugefallen, während die menschlichen Kräfte für höhere Zwecke verwendet

werden. Privateigenthum und Vererbungsrecht treiben zu unendlicher

Thätigkeit; jene neumodige Staatsweisheit führt hingegen zu Faulheit

und Sklaverei, zur Anarchie in allen Gewerbszweigen, zu Papiergeld, zum

Maximum oder willkürlicher Festsetzung der Preise, und zur schädlichen

Unterstützung der Müßigen in großen Städten. Der Einzelne hat kein

+Recht+, daß der +Staat+ ihn beschäftige und erhalte; alle vorgesetzten

Zwecke werden auf diesem Wege verfehlt und eine Verschwendung

herbeigeführt, die alles Maaß übersteigt, und nothwendig dem Volke

zuletzt zur Last fällt.

Die zweite Rede erklärt sich bestimmt gegen die Anfertigung von

Papiergeld, und behauptet, daß dafür jetzt noch weniger Sicherheit,

Nothwendigkeit und Nutzen spreche, als zur Zeit der Assignaten. Es

ergiebt sich ferner, das Grundvermögen sei in Frankreich weniger

verschuldet als bei uns, was für den +gesammten+ Nationalreichthum

gleichgültig ist (denn was der Schuldner nicht besitzt, besitzt

der Gläubiger); indeß verführt die Leichtigkeit Grundschulden zu

machen, zu Unternehmungen über das Vermögen hinaus, also mittelbar

zu Bankerotten. Im Durchschnitt bezieht man in Frankreich nur drei

Procent vom Grundvermögen; hiezu kann die hohe Grundsteuer schwerlich

viel beitragen, da sie schon so lange besteht und vom Kapitalwerthe

abgezogen ist. Die Neigung kleine Grundbesitzungen zu erwerben, ist so

groß und allgemein, daß sie oft zu theuer bezahlt werden. Der Gedanke,

das Grundvermögen als Geld in Umlauf zu sehen, ist thöricht und Banken

und Bankzettel erzeugen keine Kapitale. -- Über die dritte Rede, die

Stellvertretung im Heere betreffend, habe ich wohl schon Einiges

bemerkt; sie kann rathsam für Frankreich, unrathsam für Preußen sein.

Den 18. November.

Ich lese als Ableiter der politischen Schmerzen, Cousin’s Vorlesungen

über Philosophie. So löblich und erfolgreich er sich bemüht deutlich zu

sein, haben ihn doch schwerlich alle die pariser Piphähne verstanden,

welche ihre Schnabel aufsperrten, um philosophische Weisheit bequem

aufzuschnappen und zu verspeisen. Der Vorliebe für Dreitheilungen

(welche sich vom Sprichworte: aller guten Dinge sind drei, bis zur

Lehre von der Dreieinheit geltend macht) hat auch Cousin gehuldigt,

und in dieser Weise die Nothwendigkeit drei großer Abtheilungen und

Entwickelungsperioden in der Geschichte nachzuweisen versucht. In

der ersten herrscht das Unendliche, in der zweiten das Endliche,

in der dritten die Entwickelung des Verhältnisses zwischen beiden.

Das Ergebniß des damit verbundenen Optimismus, ist dann natürlich,

die freudige Zufriedenheit, wie wir es so herrlich weit, und weiter

gebracht, als alle früheren Geschlechter. Und doch darf der Optimismus,

wenn er sich auf Menschen bezieht, den Gegensatz von gut und böse,

von Tugend und Laster, für keinen Zeitraum aufgeben; und umgekehrt,

auf Gott bezogen nicht festhalten. Schematismus und Abstraktion

dieser Art reicht nirgends aus. Die Geschichte trägt niemals ganz

ausschließlich +eine+ Uniform: in Griechenland gab es zu gleicher

Zeit Atomistiker und Eleaten; im Mittelalter Mystiker und Bewunderer

von Mädchen und Blumen; im 18. Jahrhundert, Verehrer von Spinoza,

Leibnitz, Hume, Condillac und Kant. Wirkungen und Gegenwirkungen liegen

nicht immer um Jahrhunderte auseinander; im lebendigen Einzelnen

sind alle physiologischen Abtheilungen und Systeme gleichzeitig in

harmonischer Thätigkeit, und ebenso geschieht es bei +lebendigen+

Völkern; obgleich dadurch keineswegs ihre Individualität aufgehoben

wird. Lappländer und Hottentotten haben weder ihre Periode der

Unendlichkeit, noch der vermittelten Endlichkeit u. s. w. Will man

ganze geschichtliche Zeiträume mit +einer Idee+ ausfüllen, geht man

an allen Persönlichkeiten gleichgültig vorüber, betrachtet man das

Einzelne, das Ereigniß, die Thatsachen als kleinlich und unbedeutend;

so ist dies ungefähr ebenso, als wenn ich eine Riechflasche mit ~eau

de mille fleurs~ höher achte und mehr bewundere als tausend Blumen. --

Den Gedanken: aus den natürlichen Verhältnissen der Länder, ~a priori~

die Geschichte der Völker nachzuweisen, oder vorherzubestimmen, treibt

Cousin noch mehr auf die Spitze wie Montesquieu. Jene Verhältnisse

beherrschen den Menschen keineswegs unbedingt: woher sonst der

Verfall Griechenlands und Kleinasiens, und der preußische Staat

einst erwachsend (Gott gebe auch fernerhin) aus Sand und Kienbäumen?

Wenn Jemand: ~par la généralisation la plus laborieuse, me donne une

_formule_ assez compréhensive pour embrasser à la fois l’industrie,

les lois, les arts et la religion~ (z. B. der Griechen); so ist mir

diese lederne Allweisheitsformel nicht so lieb, werth, lehrreich,

begeisternd, als ein Gesang der Ilias, ein Chor des Sophokles oder eine

Rede des Demosthenes. -- Die Metaphysik ist kein langes Stroh, aus

dem man die Körner, als klein und unbedeutend, herausgedroschen und

verächtlich zur Seite geworfen hat. Das in einer Periode gleichzeitig

Hervortretende ist nicht immer ähnlich, harmonisch, analog; sondern oft

auch schroff entgegengesetzt, und zwischen weit auseinanderliegenden

Völkern, z. B. Griechen und Deutschen, ist mehr Verwandtschaft, als

zwischen Griechen und Persern. -- Doch, Cousin sagt vielleicht,

meine Einwürfe träfen ihn nicht, sobald ich ihn recht verstände und

zwischen den Zeilen läse! -- Und doch wie trügerisch sind selbst

die Hoffnungen und Aussprüche der Philosophen. Schelling hat es mit

seinen Weltaltern erfahren, die immer in der Geburt erdrosselt wurden,

und Cousin sagt von der (jetzt abgeschafften) französischen Charte:

~elle fixe tous les regards en Europe, fait battre tous les coeurs,

rallie tous les voeux et toutes les espérances. -- C’est un fait

incontestable que l’avenir de l’Europe lui appartient, et c’est un

fait plus incontestable encore que le présent et l’avenir de la France

lui appartiennent.~ -- Wenigstens möchte ich dies von der neuesten,

republikanischen Verfassung nicht behaupten! -- Aber freilich nach

dem dummen Optimismus, der die Weltentwickelung wie eine geradlinige

Chaussee betrachtet, und wonach +heute+ unfehlbar weiser und schöner

ist als +gestern+, und +gestern+ besser wie +vorgestern+, ist eine

sogenannte Geschichte der Philosophie und der Menschheit leicht

zusammengedrechselt und zusammengepappt. Rückwärts braucht selbst der

Geschichtschreiber nicht zu sehen, und wenn er sich auch seitwärts

Schauklappen anbindet, wird sein Überblick berichtigt und erweitert.

Madame Birch-Pfeiffer steht so chronologisch höher als Sophokles, Hr.

Waldeck höher als Demosthenes, und die +letzte+ französische Verfassung

ist, unbesehen, die beste. Diese, mit großem Unrecht als religiös

bezeichnete Weltbetrachtung, beruht nicht auf dem frommen Glauben an

Gott und seine weise (wenn gleich oft unbegreifliche) Leitung; sondern

läßt, bei allem oberflächlichen Hochmuth, den Kopf verdummen und das

Herz absterben. Es wird zur Thorheit etwas Anderes als sich und seine

Zeit zu ehren und zu bewundern; Sehnsucht, Wehmuth, sittlicher Zorn

gelten dann für aberwitzig, und das kindische Feuerwerk, welches man zu

eigener Ehre anzündet, soll die Sonne der Weltgeschichte verdunkeln,

ja auslöschen. Ehe ich mich in eine solche Fortschrittskurierkutsche

setze, will ich lieber mit Dacier und seiner Frau darüber weinen, daß

Homer gestorben ist. -- Zuletzt ist aber Cousin wohl ganz einig mit

mir; wenigstens sagt er: ~C’est chose admirable au 18. siècle, que

l’ignorance et le dédain du passé, même dans les plus grands hommes.~

Den 19. November.

Ihr verlangt Nachrichten aus Paris, und ich tische dagegen

halbphilosophische Reden auf. Indessen bezogen sie sich doch auch auf

eine französische Ansicht und Darstellung der Philosophie, auf welche

ich (ihrer Eigenthümlichkeit halber) wohl noch einmal zurückkomme.

-- Die hiesigen Zustände mag in Kürze das charakterisiren, was mir

einer der tüchtigsten Abgeordneten, +nicht+ als +Witzwort+, sondern

als +Wahrheit+ sagte: „Es giebt keinen Republikaner in Frankreich,

der an die Möglichkeit einer Dauer der Republik glaubte, und keinen

Royalisten, der an eine Möglichkeit baldiger Herstellung der Monarchie

glaubte.“ -- Hienach ist (wie schon der Großcophta Lamartine sagte)

Alles dem bloßen Zufalle preisgegeben. -- Stimmt nach Eurem Gewissen

und Eurer Einsicht, sagen Abgeordnete, Erzbischöfe, Bischöfe, Behörden

u. s. w. Aber die meisten Wähler sind ohne Einsicht und ohne Gewißheit,

also rathlos in dem neuen Glücke und Präsidentenspiele. -- -- --

Man sagt (und sehr oft mit Recht) Zeit gewonnen, Alles gewonnen. So

hoffe ich, wird der Ablauf der Zeit in Berlin die Gemüther abkühlen

und beruhigen, alle Parteien von den gegenseitig begangenen Fehlern

überzeugen und einen vermittelnden Ausweg zu allgemeinem Heile finden

lassen.

Zweiundachtzigster Brief.

Paris, den 20. November 1848.

Die Regierung hat gestern zur Nachfeier und Nachtfeier des Geburtstages

der Republik, eine Erleuchtung der öffentlichen Gebäude und der

elyseeischen Felder angeordnet, sowie drei Feuerwerke an drei Thoren

der Stadt. Das Wetter war günstig und eine so unzählbare Menge

Menschen auf den Beinen, daß es mir nie so deutlich geworden ist, wie

mindestens 60,000 Soldaten dazu gehören, das unruhige, oder vielmehr

widerspenstige Paris in Ordnung zu halten. Gestern war das Volk nicht

blos ruhig, sondern eigentlich theilnahmlos: man sah die Lampen an,

ohne Beziehung auf die Veranlassung des Festes, kein Privathaus war

erleuchtet, und von den Feuerwerken (welche man Geldmangels halber

minder prächtig eingerichtet hatte, als früher zu Ehren der Julitage)

sagten Mehre: ~ce n’est qu’une cochonnerie!~

Die communistischen und socialen Fressereien (oder Hungerleidereien,

mit Reden gepfeffert) dauern noch immer fort, und man vergißt niemals

lobend zu bemerken, wenn es dabei nicht zu Schlägen gekommen ist. Heute

heißt es jedoch: in einem Vereine zu Ehren L. Bonaparte’s, hätten

Socialisten die lautesten Einreden erhoben. „Unordnung und Lärm stieg

zu solcher Höhe, daß es unmöglich war die Ruhe herzustellen. Die

Rednerbühne war förmlich belagert, und tausendfaches leidenschaftliches

Geschrei kreuzte sich in der Luft gegen L. Bonaparte, Cavaignac,

Ledru-Rollin und alle Bewerber um die Präsidentschaft.“ -- „Ein

socialistischer Verein (erzählt man gleich darauf) ward gestört durch

Scenen der beklagenswerthesten Art. Verschiedene Abgeordnete, welche

man zur +Bergpartei+ zählt (also auch schon verbraucht!!) waren

der Gegenstand von Angriffen der allerheftigsten Art u. s. w.“ --

Höflicher ging es doch zu in einem socialistischen +Weiber+klub, zu

dem man jedoch, in ungefähr gleicher Zahl, Männer zugelassen hatte.

Diese (sagt ein Berichterstatter) waren ohne Zweifel erschienen ~pour

chercher des inspirations, ou des enseignemens~. Die Person zahlte 10½

Silbergroschen; Kinder unter zehn Jahren gingen jedoch +frei+ ein und

betrugen wohl +deshalb+, etwa ein Sechstheil der ganzen Versammlung.

Pierre Leroux bemerkte in einer Rede: wir haben keinen Präsidenten

gewollt, sondern eine gemischte Behörde von drei Frauen und drei

Männern; auch hat ja die Frau das Recht die Rednerbühne zu besteigen,

-- ~_puisqu’elle_ a le droit de monter à l’échafaud~. Madame Gay

sagte also: ihr könnt keine Republik gründen ohne die Frauen; auf die

politische Vereinigung der Männer, der Frauen und der demokratisch

socialen Partei! Gegen den Schluß krähte ein Piphüneken von etwa acht

Jahren, den Toast: ~à la fraternité!~ und ein Commissarius erklärte,

zur Zufriedenheit wenigstens eines Theiles der Versammlung: das nächste

Mal zahle die Person nur sechs Silbergroschen.

Es ist psychologisch merkwürdig, wie die Menschen in gleicher Weise

leichtgläubig sind, in Hinsicht dessen, was sie +wünschen+, und was

sie +fürchten+. Dies sehe ich jetzt recht deutlich bei der Frage

über die Wahrscheinlichkeit der Wahl Cavaignac’s und L. Bonaparte’s.

Gewiß bleiben beide die Hauptbewerber, und alle die übrigen erhalten

eine weit geringere Zahl von Stimmen. Der Querkopf L. Blanc, dem

andere Querköpfe jetzt die Präsidentenwürde angetragen haben,

antwortet: die neue Verfassung müsse geändert, und der Abschnitt

vom Präsidenten herausgeworfen werden. Auf dem Wege käme dann die

vollziehende Gewalt wieder an die Straßenbummler, welche im Monate

Junius zu Paaren getrieben wurden. Außer Denen, welche damals ums Leben

kamen, hat man 4348 fortgeschickt; ein starkes Purgatorium, welches

indeß mancher großen Stadt Noth thäte. -- L. Blanc und Consorten,

welche sich so sentimental über Hunger und Kummer ihrer Mitbürger

aussprachen, schwelgten (nach vielen Zeugnissen) auf die anstößigste

und kostspieligste Weise im Luxemburg und ließen sich z. B. ~purée~

von Ananas und andere Gerichte bereiten, die an Lucullus und Vitellius

erinnern könnten. -- Mögen diese Vorwürfe auch ungegründet oder

übertrieben sein; so fand doch unter der provisorischen Regierung eine

gräuliche, unverständige Verschwendung statt, worüber ich ein andermal

vielleicht Einiges mittheile.

Den 23. November.

Ich denke bisweilen, ich habe gar nichts zu thun, weil es ganz

unmöglich ist unter den jetzigen Verhältnissen Erwünschtes zu

erreichen; und doch war ich während der letzten Tage in so zerstreuter

Weise beschäftigt, daß ich nicht zum Briefschreiben kommen konnte.

Ich will heute nicht mit Politik beginnen, weil sich sonst für andere

Dinge niemals Zeit findet. Am 15. Nov. war ich Abends bei Alexis von

Tocqueville, dem Verfasser des bekannten, verdienstlichen Buches über

Amerika. Er ist ein so angenehmer und gefälliger, als gescheiter

Mann, und auch seine Frau (eine geborne Engländerin) gewährte eine

sehr erfreuliche Unterhaltung. Mit dem Sohne des Geschichtschreibers

Preskott gab es ebenfalls mancherlei zu sprechen; doch stand ich,

unter vielen fremden Leuten, bald allein, und sah eine Dame gleich

verlassen am Kamine sitzen. Gegen allen Gebrauch nahm ich neben ihr

Platz und führte mit ihr ein langes Gespräch. Beim Weggehen sagte

mir Hr. v. Tocqueville: Lady Elphinstone habe sich theilnehmend

nach meinem Namen erkundigt, und dies führte zu einer Einladung, wo

ich über 20 Engländerinnen fand, und meine unsterbliche Handschrift

für ein Album zurücklassen mußte. -- Eine Mittagsgesellschaft bei

Frau von Clermont ward schon dadurch angenehm, daß sie +klein+ war,

Mittheilungen also möglich blieben. Bei Rothschild fand ich Abends

eine Gräfin Pototzka, die sehr geschickt und ausdrucksvoll sang. Über

dem Hin- und Hervorschlagen, was sie (meist aus neueren Opern) singen

solle, verging die Zeit, zehnerlei ward angefangen und (besonders durch

Unterbrechungen eines Herrn, der sich für geistreich hielt) immer

wieder gestört. Ich saß schweigend im Winkel bis sich bei einem Thema

aus Figaro dasselbe wiederholte, worauf ich aufstehend bemerkte: bei

solcher Musik dürfe man nicht störend dazwischenreden. Später sagte

mir die Gräfin: es war heute ja doch nicht Ernst mit der Musik. Es

fand sich nämlich sehr unerwartet ein, nicht politischer, sondern

musikalischer Berührungspunkt, zwischen ihr und mir. Als Ableiter und

Zwischenspiel zwischen dem Gerede, spielte sie sich, ohne daß einer

hinhörte, ein Präludium von Sebastian Bach. Dies erweckte mich aus der

Zerstreutheit und es kam zu wechselseitigen Bekenntnissen über unsere

Verehrung für Händel und Bach. Da sie insbesondere die chromatische

Phantasie dieses Meisters rühmte, habe ich ihr halb und halb

versprochen mitzutheilen, wie Bach dieselbe vortrug, eine Kenntniß, die

ich Forkel verdanke.

Vorgestern mußte ich (an einem Tage) sechs verschiedene Noten an Hrn.

Bastide richten, welche ich, mit Weglassung alles unendlich langen

und langweiligen Gesandtenbrimboriums, höchst lakonisch nur auf die

Sache richtete; schon weil ich +französisch+ schreiben mußte. Doch war

ich etwas bange, Herr Bastide dürfte finden, ich sei doch etwas zu

cavalierement mit den Formen umgesprungen. Statt dessen lobte er mich

von freien Stücken als einen praktischen Mann, der ihm Zeit spare und

die Sachen erleichtere u. s. w.

Ich habe ein langes, merkwürdiges Gespräch mit -- über die europäischen

Angelegenheiten gehabt, und will mir, zur Abwechslung, einmal aufreden,

es sei nützlich gewesen. Während die europäischen abendländischen

Völker sich zu Grunde richten, nehmen die Russen ganze Länder hinweg,

und Nordamerika hebt sich mit Riesenschritten. Nach einem Briefe aus

Neuyork ist in diesem Jahre die Zahl der Einwanderer weit größer, als

je zuvor: Gemäldesammlungen, Bibliotheken, Kostbarkeiten, Silbergeräth

u. s. w. werden (vorzugsweise aus +Deutschland+) und zwar nicht zum

Verkauf eingeführt, sondern wegen der Unsicherheit im Vaterlande!

Zufolge der aus den Landschaften Frankreichs eingehenden Nachrichten,

ist die neue Verfassung daselbst mit ebenso großer Gleichgültigkeit

wie in Paris aufgenommen worden, und an manchen Orten schrie der Maire

ganz allein: ~vive la république, vive la constitution!~ -- In Rouen

druckte man (vielleicht mit Vorsatz) in einem amtlichen Anschlage,

statt ~cens~, Census: ~sont électeurs sans condition de _sens_ tous

les Français~. -- In einem socialistischen Banket, für und gegen

Ledru-Rollin, sagte ein Herr ~Madier de Monjau~: ~il faut toujours

aller en avant, des Constituans aux Feuillans, des Feuillans aux

Girondins, des Girondins à Danton, de Danton à Robespierre~. -- Mit den

berliner Siebenmeilenstiefeln geht man noch schneller vorwärts, als

Frankreich von 1789-1793. -- Genug für heute!

Dreiundachtzigster Brief.

Paris, den 23. November 1848.

Es ist, sagte Hr. Bastide, bei der französischen Regierung der

Antrag gemacht worden, gemeinschaftlich mit mehren Mächten +neue+

Bürgschaften hinsichtlich des Herzogthums Schleswig zu übernehmen. Wir

haben jedoch diesen Antrag +abgelehnt+ und wollen uns nicht weiter

in diese Angelegenheit mischen, als alte Verträge, unsere Ehre und

ganz unabweisbare Verhältnisse es schlechterdings nothwendig machen.

Wir hoffen aber auch, daß man sich deutscher Seits wird billig finden

lassen.

In dieser Lage habe ich meine +persönliche+ Ansicht dahin

ausgesprochen, daß Recht oder Unrecht keineswegs unbedingt auf einer

Seite liege, weshalb man eben unterhandeln, Frieden schließen und der

Thorheit ein Ende machen wolle, daß zwei nahverwandte deutsche Stämme

sich haßten und bekriegten. Der Anschluß Dänemarks an Deutschland

sei natürlich und heilsam, was aber daraus folge, wenn man sich in

leidenschaftlicher Aufregung oder kurzsichtiger Berechnung unter

russischen Schutz stelle, das zeige die polnische Geschichte. Ja,

Dänemark habe es schon im Laufe des 18. Jahrhunderts erfahren und nur

mit Mühe einer schon eingetretenen Abhängigkeit und Aufsicht ein Ende

gemacht.

Den 24. November.

~A son Excellence Monsieur Bastide etc.~

~Monsieur le Ministre!~

~Étant persuadé que d’après Votre bonté connue, Vous communiquerez à

Mr. le Général Cavaignac tout ce que j’ai eu l’honneur de Vous dire

dans notre dernière conférence, je me range de Vôtre avis: qu’il n’est

pas nécessaire et pas même convenable de troubler ou de distraire Mr.

le Général, occupé de livrer un combat parlementaire de la plus haute

importance.~

~Permettez pourtant d’ajouter quelques mots par écrit, à ce que je Vous

ai déjà exposé de vive voix.~

~Oui, Monsieur le Ministre, les gouvernements et les peuples de

l’Allemagne, ont commis beaucoup de fautes pendant les six derniers

mois, et des individus ont même montré une dépravation affreuse; mais

on ne doit pas oublier à quelles difficultés chaque régénération

politique est exposée.~

~Et plus qu’aucun peuple, les Français doivent être des juges bien

indulgents, qui après 60 ans d’expériences sublimes et terribles ne

sont pas encore arrivés à un port sûr et tranquille, mais se trouvent

devant un avenir inconnu, exposés au hazard et à une loterie plus

dangereuse que l’histoire en a vu jusqu’à présent. S’il était possible

que les Allemands pourraient être utiles à la France pour sortir d’une

telle position, ils le feraient au plutôt possible et avec le plus

grand plaisir; ils croiraient que c’est pour eux un devoir et une

gloire.~

~Je ne veux, je ne peux pas croire qu’un autre sentiment règne en

France, vis-à-vis de l’Allemagne.~

~Francfort, sans armées, sans finances, sans une grande organisation

administrative, a créé et s’est procuré tout cela par la force de

l’opinion publique et de la verité. Depuis la papauté on n’a rien vu

de pareil. Francfort défend avec un courage héroique la liberté et

l’ordre; il s’oppose aux Absolutistes et aux Anarchistes, et devient

(ce que personne n’aurait cru il y a trois mois) un médiateur utile, un

soutien pour les Rois.~

~Mais parcequ’il reste encore quelque incertitude sur l’avenir de

l’Allemagne, parcequ’on a pris à Francfort (comme partout) quelques

résolutions peut-être fausses; -- on lui oppose des vieilleries d’une

école surannée de diplomatie, et des difficultés sur des syllabes.

Certainement tout cela est juste d’après les règles qui sont utiles

pour des temps paisibles et ordinaires; mais je ne conçois pas comment

on peut y tenir ferme, dans un moment d’une telle grandeur et

importance politique, que peut-être pendant des centaines d’années on

ne verra de pareil.~

~L’Allemagne certainement ne commencera pas une querelle sur des

syllabes; mais si ce ne sont que des syllabes, pourquoi les défendre

comme si elles étaient de la plus haute importance? L’Allemagne se

fie au Gouvernement présent de la France, qui a défendu et conservé

la paix, de la manière la plus salutaire et la plus glorieuse. La

France a offert la fraternité à l’Allemagne et celle-ci a accepté cette

offre; mais vis-à-vis de l’avenir inconnu de la France, nous désirons

de recevoir des garanties si fortes d’union et d’amitié, qu’un autre

gouvernement ne soit pas capable de les mettre arbitrairement de côté.

Le Gouvernement présent a le pouvoir, et j’espère aussi la volonté,

d’unir intimement la France et l’Allemagne: pourquoi pas en faire

usage, pour mettre sans aucun retard son propre ouvrage et ses desseins

honorables, hors de tout danger. Pourquoi suivre l’exemple malheureux

d’autres nations et se soumettre (pardonnez le mot) à la remorque d’une

politique qui désire, que la France et l’Allemagne ne soient jamais

unies par une amitié sincère et une paix durable. Le Gouvernement

présent de la France devrait se hâter de gagner par un service éclatant

l’opinion publique de l’Allemagne, qui n’est pas loin de méfiance en

entendant prononcer un nom, qui na apporté à elle ni paix, ni amitié,

ni bonheur. On dit: tout cela a changé et ne revient pas; je l’espère,

mais je crains en même temps, que les doutes et retards d’à présent se

peuvent transformer en objections et refus.~

~Quant à ma position personnelle, elle est vis-à-vis de Vous, comme

Vous le savez Monsieur le Ministre, la plus agréable et la plus

instructive; mais beaucoup de personnes m’accusent que tout ce qui se

fait, ou plutôt ne se fait pas, vient de mon incapacité, et que je ne

suis retenu à Paris que par vanité, égoïsme, ou intérêt sordide. Je

suis prêt à sacrifier mon temps et mon repos, et de m’exposer à des

calomnies, si je pourrais être vraiment utile à ma patrie; mais voyant

que les résultats de tous mes efforts depuis trois mois sont absolument

nuls, mon séjour à Paris me paraît tout à fait inutile.~

~Pardonnez, Monsieur le Ministre, ces élans de confiance et de

mélancolie à un homme, qui sent pour Vous la plus haute considération

et qui a l’honneur de se nommer Monsieur le Ministre etc.~

Vierundachtzigster Brief.

Paris, den 25. November 1848.

Mit jedem Tage wächst, sehr natürlich, die Aufregung unter dem

souverainen Volke (oder vielmehr unter den souverainen, auf und ab sich

bewegenden Atomen) darüber, wen sie, nach Belieben, zu ihrem Quasiherrn

erwählen wollen. So war gestern Abend ein ungeheurer Zusammenlauf an

der Börse, wo man sich über die verschiedenen Bewerber laut in der

rücksichtslosesten Weise aussprach, z. B. der ist ein Schuft, der

ist ein Dummkopf u. s. w. Von Ehrfurcht, Glauben, Vertrauen, Liebe

keine Spur; wohl aber Besorgniß die überstimmte Partei dürfte nicht

geduldig gehorchen. Jene groben Bezeichnungen hört man übrigens nicht

blos aus dem Munde geringer, sondern auch solcher Personen, welche

hoffen, binnen sechs Wochen Frankreich mitzuregieren. Hat doch z. B.

gestern Ledru-Rollin bei einem Banket deutlich gesagt: daß Jemand

(Cavaignac) durch schlechte Ranke an die Spitze gekommen sei und

sich durch schändliche Mittel erhalte. Zwei Männer, welche dieser

Verläumdung widersprachen, wurden kurzweg zur Thür hinausgeworfen;

recht eigentliche ~argumenta ad hominem~. -- Und sehr sonderbar wird

neben solchen Thatsachen der Lehrsatz vertheidigt: daß Niemand sich

für einen Bewerber aussprechen dürfe und Alles dem Zufalle müsse

überlassen bleiben. Insgeheim aber gehen Boten in alle Lande, werben

für L. Bo., versprechen Steuererlaß, Schuldenbezahlung u. s. w. Gestern

ist es darüber in der Nationalversammlung zu merkwürdigen Erörterungen

gekommen, und der Kriegsminister General Lamoricière hat sich bei

dieser Gelegenheit nicht in der jetzt beliebten halben und zweideutigen

Weise, sondern sehr bestimmt ausgesprochen. Mehre Diplomaten (welche

oft nicht gewöhnt sind gerade aus zu sehen und zu hören, und

Talleyrand’s Meinung hegen: die Sprache sei gegeben, um die Gedanken

zu +verbergen+) waren über Lamoricière sehr bestürzt und erstaunt. Was

war denn aber seiner kurzen Rede deutlicher Sinn? Nichts anders als:

„wenn Jemand die soeben gemachte Verfassung umstürzen will, darf er

auf meine und meiner Freunde Unterstützung in keiner Weise rechnen.“

Ist denn dies aber nicht ehrlicher und löblicher, als die Verfassung

feierlich zu beschwören und die Republik (wie es heißt) ~franchement~

annehmen, während man insgeheim kein Mittel scheut, sie zu stürzen.

Diese versteckte, halbe, Wahrheit und Heldenmuth verläugnende

Handlungsweise führt aus einer Revolution in die andere und läßt oft

Sieger, wie Besiegte, gleich verächtlich erscheinen. Freilich fühlt

man, daß kräftige Republikaner (wie Lamoricière) nicht gesonnen sind,

geduldig die Republik hinaus eskamotiren zu lassen, wie sie zum Theil

hinein eskamotirt ward. Man sieht also, kühn oder verzweifelnd neuen

Ereignissen entgegen, wobei Eid und Gesetz nicht gelten werden.

Der große Phrasendrechsler Lamartine hat wieder eine Rede gehalten

(nach Lichtenberg’s Ausdruck) „voll der tiefsten Geschwulst;“ Weisheit

des letzten Tages hinaufgeschraubt in Propheten- und Offenbarungsstyl,

den gleich verschrobene Leute bewundern, der jedem einfachen,

christlichen Gemüthe aber widerwärtig sein muß.

Gestern Abend war ich in der sogenannten Soiree bei Herrn Bastide. Er

hat eine französische Note, die ich ihm kurz vorher übersandte, sehr

freundlich aufgenommen, obwohl sie nicht im Gesandtenstyle abgefaßt

war. Daß meine Worte irgend Erfolg haben werden, darf ich indeß bei

den jetzigen Zuständen Frankreichs und Deutschlands, gar nicht hoffen.

~Dixi et salvavi animam!~ -- Unter den Damen bei Herrn Bastide war auch

Madame Marrast, eine geborne Engländerin, ganz gekleidet wie zur Zeit

Ludwigs XV.

Als ich gestern meine Theilnahme über die unglücklichen Zustände in

Toskana aussprach, fragte mich ein florentiner Diplomat, etwas de

haut en bas, was ich daran auszusetzen hätte, es stehe daselbst sehr

wohl. Ich ließ mich aber nicht verblüffen, sondern antwortete sehr

deutlich, ~à la Lamoricière~. Auch hätte mich die Diplomatie noch nicht

überzeugt, daß z. B. unsere berliner Zustände vortrefflich wären

u. s. w. Hierauf wollte mich Hr. Ricci (der hier sehr schlecht

angeschrieben ist) über die italienischen Angelegenheiten zugleich

ausfragen und bekehren. Statt dessen ergriff ich die sokratische

Methode und fragte: glauben Sie, daß ein fremdes Volk die Freiheit

bringen kann? daß man durch Vermittelung den Dank der Österreicher

und Italiener erlangen wird? daß sich die Italiener nicht mehr

untereinander streiten und verfolgen werden u. s. w. u. s. w. So halfen

meine Fragen wenigstens so viel, daß ich nicht zu antworten brauchte.

Zur Abwechslung und Erholung von derlei diplomatischen Exercitien,

lese ich Cousin’s Vorträge über Geschichte der Philosophie mit

großer Theilnahme. Obwohl mir fast alle Werke über diesen Gegenstand

sehr genau bekannt sind, finde ich doch hier manche eigenthümliche

Zusammenstellung und den wissenschaftlichen Standpunkt eines Franzosen.

Die deutschen Leute von Fach werden seinen Eklekticismus tadeln;

zufolge meiner geschichtlichen Natur lasse ich es mir aber gern

gefallen, daß er jedem philosophischen Systeme sein Recht widerfahren

läßt: also der Philosophie der Sinnlichkeit, des Geistes, des Zweifels

und der Mystik. Der Beweis, daß keine dieser Schulen allein ausreicht,

sondern in jeder Bestandtheile der Wahrheit und des Irrthums liegen,

ist vortrefflich durchgeführt. -- Eine, nach deutschen Quellen von

Cousin entworfene Darstellung der letzten Lebensjahre und Lebenstage

Kant’s, habe ich mit größter Theilnahme und Rührung gelesen. Welch ein

~avis à un vieux lecteur~!

Den 26. November.

General Cavaignac hat sich gestern meisterhaft gegen alle wider ihn

erhobenen Anklagen vertheidigt, und für jeden unbefangenen Freund der

Wahrheit einen vollen Sieg erfochten. Seine Beredtsamkeit war die

eines rechtlichen Mannes, eines ehrenwerthen Charakters. Kein Wort zu

viel, keine Phrasen, keine Zweideutigkeiten, keine schlecht verdeckten

Widersprüche, keine schwülstigen oder heimtückischen Berufungen an

die Leidenschaften, kein flitterhafter non sens; -- in Allem das

vollständige Gegenstück zu der Beredtsamkeit Lamartine’s, und zu

der Unfähigkeit -- zu sprechen und zu handeln. -- Kaum Einem in der

Nationalversammlung ist es wohl zweifelhaft geblieben, daß Cavaignac

mit Unrecht angeklagt ward; und die sich der Abstimmung enthielten,

thaten es meist aus Feigheit oder Parteizwecke halber. Man mag den

Sturz des Königthums bejammern, die Republik hassen oder verachten;

läugnen aber kann man nicht, daß Cavaignac ein Mann ist, in größerem

Style, als alle seine bisherigen Gegner.

~A Monsieur le Général Cavaignac.~

~Permettez que je Vous adresse mes félicitations _les plus

sincères_ de Votre admirable et éloquente défense, et de Votre

victoire glorieuse! J’ai l’honneur etc.~

~Monsieur Bastide à Monsieur de Raumer.~

~Monsieur!~

~Je viens de recevoir une dépêche de Francfort, dans laquelle se

trouve textuellement la phrase suivante: Il n’est plus question

de l’envoi de Monsieur de Rantzau non plus que de celui de Mons.

de Nostiz comme réprésentant du pouvoir central à Paris, et

provisoirement du moins, Monsieur de Raumer, y conservera son poste

actuel.~

~Permettez de me féliciter de cette nouvelle, qui me donne

l’espérance de conserver avec vous les excellents rapports que je

suis heureux d’entretenir!~

~Votre tout devoué

Jules Bastide.~

~25. nov. 1848.~

Fünfundachtzigster Brief.

Paris, den 27. November 1848.

Allerdings hat jeder Tag seine eigene Sorge! Wer aber kann herzlos

die Leiden voriger Tage ganz vergessen, oder die Augen gegen eine

herandringende Zukunft verschließen, die man fördern oder bekämpfen

soll? Wenn ich die Dinge aus der Vogelperspektive des Historikers

betrachte, so sehe ich neben den durch Wolken verdunkelten

Landschaften, auch die erleuchteten; der Abendstern wird zum

Morgensterne und den fernab donnernden Gewittern folgt der versöhnende

Regenbogen. Jetzt aber krieche ich gezwungen wie ein Wurm an der

Erde, sehe Alles in größter Nähe, gleichsam durch ein Mikroskop,

welches das Natürliche bis zum Entsetzen vergrößert. Wie kann und darf

man dem entgehen? Selbst (abgesehen von Dem, was Pflicht und Beruf

gebieterisch fordern) nähme man Flügel der Morgenröthe und flöhe zum

äußersten Meere, so würden die Nachtvögel der Zeitungen folgen, und ihr

betäubendes Mordgeschrei erheben. -- Wieder ein Mord mehr vollbracht

durch die heutigen Assassinen, welche in der Praxis den alten gleich

stehen, durch ihre nichtswürdig ausgebildeten, besonnenen Theorien aber

noch verruchter erscheinen. Kaum ist der heilige Vater in Rom den

Händen einer Bande entgangen, gegen welche gewöhnliche Straßenräuber

fast unschuldig erscheinen.

Wie kann man hoffen, solch eine sittliche Ausartung, durch weiße Salben

und Constitutionsgichtpapier auszuheilen oder zu vertilgen? Wie kann

man sich wundern, wenn Ärzte einer anderen Schule (wie Windischgrätz)

versuchen, mit Schneiden und Brennen eine Besserung aufzuzwingen?

So weit ist es gekommen, daß man sich fast des Verkehrten freut, in

der (freilich oft täuschenden) Hoffnung, dies werde auf den Weg des

Besseren zurückführen! So hat das Verweigern der Steuern in Berlin,

das Verwerfen der Frankfurter Vermittelung, und das Übertriebene der

von der Linken vorgeschlagenen Bedingungen, Vielen die Augen geöffnet,

und der Regierung mehr genützt als geschadet. -- Es giebt in unseren

Tagen leider viele Fälle, wo man kaum weiß, was man thun soll; gewiß

aber hätte ich mich in Berlin, in jeder Weise, obigen Thorheiten,

oder Verbrechen widersetzt, und mich in Paris bei der Abstimmung über

Cavaignac, nicht durch Parteizwecke vom Abstimmen für Wahrheit und

Recht abhalten lassen.

Wie im Sprechen und Handeln wird auch im Schreiben nur zu oft die

Wahrheit umgangen und entstellt, z. B. von den Geschichtschreibern der

Revolution. Bei Mignet ist der König mit seinen Freunden für jede

That zurechnungsfähig, die Jakobiner sind gerechtfertigt ~par la force

des circonstances~; bei Thiers hat Napoleon überall Recht, und jeder

widersprechende Unrecht; Blanc schreibt baaren Unsinn für unsinnige

Zwecke, und Lamartine giebt Dekorationsmalereien auf Glanzpapier, mit

Goldschaum aufgehöht.

Den 28. November.

Die römischen Frevel machen hier sehr großen Eindruck, und es kommt

heute in der Nationalversammlung zur Sprache, was Frankreich für den

Papst thun wolle. Ein Wahnsinn der ärgsten Sittenlosigkeit durchraset

ganz Europa, fast ärger als der theologische früherer Zeiten; und so

wie man sich damals durch Mißdeutung biblischer Stellen eine von allen

Banden gelösete, angebliche höhere Moral bildete, stellen jetzt die

Anarchisten die höchste Willkürlichkeit ihres hochmüthigen Beginnens

hinauf über alle ewigen Gesetze menschlicher Würde. -- Als ich gestern

Hrn. -- (einem Quasigesandten der Sicilianer) sagte: gründet man die

Freiheit durch Mord? Wird dies die Theilnahme für Italien erhöhen?

bemerkte er: aber Hr. Rossi hat viele Fehler begangen. -- Als wenn dies

Recht zu, oder Entschuldigung für Verbrechen gäbe!

800 Schuster haben ein Bankett gehalten, wo ihnen einer der neuen

Propheten (ein ehemaliger Arbeiter), Herr Peter Leroux sagte: viele

Schuster denken und sprechen weit besser ~d’association~, als

Mitglieder der Nationalversammlung. Ein Mitglied des Instituts, ein

Dichter wie Lamartine, ein General wie Cavaignac, ein Napoleon, -- ist

nicht mehr wie ein Schuster! -- ~Ces paroles ont été suivies de vives

acclamations!~ -- Schwerlich würde es viel wirken, wenn man diesen

Schustern die Geschichte erzählte, vom ~ne sutor ultra crepidam~.

Den 29. November.

Gestern Abend wollte ich mich dem Hrn. General Cavaignac in seiner

sogenannten Soiree vorstellen, fand aber die Straße so mit Wagen

überfüllt, daß ich ausstieg, um zu Fuße weiter vorzugehen. Bald aber

zeigten sich auch hier unübersteigliche Hindernisse. Tausende nämlich

von Nationalwache und Officieren rückten in geschlossenen Reihen

vorwärts, und ob sie mich gleich mehre Male höflichst durchließen,

gelangte ich doch nur bis in das erste Zimmer; wo diesmal keine Hitze,

sondern bei offenstehenden großen Fenstern und Gartenthüren ein

gewaltiger Zug war. Obgleich ich meinen runden Hut (mit Hülfe einer

neuen Erfindung) zusammendrückte und mich vereinzelte schwarze Krähe so

schmal machte wie möglich, blieb es doch unmöglich weiter vorzudringen.

Kein ~plus ultra~, sondern Rückzug bis zur Hausthür; wo es mir mit

Mühe gelang, meinen Namen in ein Buch einzuschreiben. Unterdeß hatte

die Polizei die Überzahl von Wagen in andere Straßen gewiesen; der

meine war nicht aufzufinden, und so mußte ich den weiten Weg nach Hause

laufen. -- Noch nie war es so voll bei Cavaignac, vielleicht in Folge

seiner siegreichen Vertheidigung am vorigen Sonnabend.

Ludwig Bonaparte hat sich ein Manifest machen und es gestern

verkündigen lassen. Im Vergleiche mit +seinen+ Wünschen, ist Heinrichs

IV Wunsch, „eines Huhns im Topfe,“ -- nicht des Erwähnens werth; und

gehen seine Versprechungen in Erfüllung, so bricht die goldene Zeit

herein, der Himmel fällt auf die Erde, und Jeder steckt davon so viel

in die Tasche als ihm beliebt. Aller Streit, alle Unordnung, alle

Leidenschaft nimmt ein Ende, und die +entgegengesetztesten+ Personen

arbeiten in milchbrüderlicher Einigkeit an dem neuen Paradiese. So

sagte schon John Cade: ~I would by contraries execute all things.~

Den 30. November.

Sonst kannte selbst die Fabel nur zwei Gefahren, von zweien Seiten,

Scylla und Charybdis; jetzt sitzt man, wie ein indischen Büßer

wenigstens zwischen vier Feuern und Sonnenbrand von oben. Welch eine

klägliche Rundschau bietet Europa: Portugal, im Vergleiche mit den

Zeiten Vasco di Gama’s und Albuquerque’s; Spanien, in dessen Landen

die Sonne nie unterging; Frankreich, nach 60jährigen Bestrebungen, zum

bloßen Lotteriespiele verdammt; Deutschland, wo Centralisation und

Partikularismus, Reaktion und Radikalismus sich wechselseitig zu Grunde

richten; Italien, Mordfeste feiernd und die Wiedergeburt im überbieten

alter Frevel suchend. Möchte man zuletzt nicht in der Verzweiflung

nach Rußland fliehen, weil dort doch noch Glauben an eine geordnete

Regierung und Gehorsam im Gemüthe zu finden ist!?

Meine gesandtschaftlichen Bestrebungen erinnern mich an Tantalus’

Geschick. Im Augenblicke des ersten Gelingens, die Verwerfung des

malmöer Waffenstillstandes. Im Augenblicke des zweiten Gelingens,

der wiener Aufstand. Im Augenblicke des dritten Gelingens, die

Protestationen der österreichischen Landschaften gegen die Frankfurter,

Österreich betreffenden Beschlüsse. Könnte man da nicht alle Geduld

verlieren? Kann man sich wundern, wenn Feinde Deutschlands dies

benutzen und geltend machen, Freunde aber zweifelhaft werden und zögern?

An den Hrn. Rector der berliner Universität

Hrn. Nitzsch.

Soeben lese ich in dem preußischen Staatsanzeiger die Erklärung,

welche sehr viele Professoren der Universität in Bezug auf die

Verlegung der Reichsversammlung an Se. Majestät den König gerichtet

haben. Ich halte es für meine Pflicht, nicht zu schweigen, sondern

selbst aus der Ferne dieser Erklärung mit voller Überzeugung

beizutreten. Denn abgesehen von allen Gründen, welche man aus der

früheren Verfassung, aus Rechtsverhältnissen und Gesetzen, für das

von der Krone in Anspruch genommene Recht herleiten kann; erweiset

die Theorie durch sichere Schlüsse und die Geschichte durch nur zu

zahlreiche Erfahrungen, daß eine Versammlung, deren Dauer und deren

Weise zu sein allein von ihr oder doch von ihrer willkürlichen

Bestimmung abhängt, allmälig alle Freiheiten untergräbt und

Tyrannei begründet.

Sie mag nämlich aus wohlwollendem Eifer und übertriebener

Besorgniß, oder aus bewußtem Frevelmuth in dieses Streben nach

Allmacht hineingerathen, so steht doch fest daß in dem Maaße,

als sie dieses Ziel erreicht und alle heilsamen Gegengewichte zu

Boden wirft, sie auch ihrem eigenen Untergange entgegengeht. Zu

spät werden alsdann die Verführer gestraft, die Verführten von

Gewissensbissen verfolgt, Alle aber (nach schnell vorübergegangener

Lobpreisung) von der Mitwelt verläugnet und von der Nachwelt

verdammt.

Nur wenn die Versammlung zur rechten Einsicht und dem nothwendigen

Gehorsam zurückkehrt, die Krone aber (woran nach den Versprechungen

Sr. Majestät des Königs und Sr. königlichen Hoheit des Prinzen

von Preußen nicht zu zweifeln ist) weder die Gesetze der Mäßigung

überschreitet, noch die zugesagten Rechte verkürzt, wird unser

theures Vaterland aus der entsetzlichsten Gefahr errettet werden

und einer glücklichen Zukunft entgegengehen.

Eure Magnificenz bitte ich, diese Erklärung der Öffentlichkeit zu

übergehen.

Sechsundachtzigster Brief.

Paris, den 1. December 1848.

Gestern kam mir die Erklärung der berliner Professoren an den König

in die Hände. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, ihr in einem

Schreiben an den Rektor, Hrn. Nitzsch, beizutreten. Denn; obgleich ich

meine Zweifel, ob die bloße Verlegung nach Brandenburg zum Ziele führen

werde, noch immer nicht überwinden kann; so bleibt für mich doch keine

+Rechts+frage, sondern nur eine +Klugheits+frage übrig, welche die

Versammlung nicht zu entscheiden hatte. Noch weniger durfte sie durch

die recht- und formlose Steuerverweigerung, ohne allen genügenden

Grund, versuchen überall Anarchie und Bürgerkrieg hervorzurufen. Zu

jener Erklärung habe ich mich auch deshalb entschlossen, weil es meiner

Natur zuwider ist hinter dem Berge zu halten, und ich nicht den Schein

erwecken will, als hege ich der miserabelen akademischen Geschichte

halber, eine ~rancune~, oder als wolle ich mich deshalb den Anarchisten

zugesellen.

Aber, wie gesagt, der Streit über die Verlegung der Nationalversammlung

wäre wohl besser vermieden worden. Geht die Mehrheit +nicht+ nach Br.,

so ist dies eine Niederlage für die Regierung, gehen +Alle+ hin, so

werden die Steuerverweigerer auch außerhalb Berlins schwer zu lenken

sein. Die Auflösung der Nationalversammlung läßt sich (da Viele sich

gern das Vergnügen einer neuen Wahl machen wollen) wohl durchsetzen;

wer aber kann dafür stehen, daß die bevorstehenden Wahlen in der

jetzigen aufgeregten Zeit besser ausfallen werden? Wenigstens zeigt

hier die englische und französische Geschichte warnende Beispiele.

In einer langweiligen Abendgesellschaft, zischelte gestern ein Herr

dem anderen zu: L. Bo. Manifest ist gemäßigt, beruhigend, gemüthlich,

weise; -- während ein Dritter seinem Nachbar sagte: es ist die dummste

und lächerlichste Posse (~niaiserie~), die mir je vorgekommen! -- In

dem ersten Entwurfe hat gestanden: er werde nie interveniren und das

Heer um 200,000 Mann vermindern. Dies ist aber ausgestrichen worden,

weil man den Eindruck fürchtet, den eine solche Erklärung auf das Heer

machen könnte; oder weil man noch Eroberungsgelüste hegt; -- oder aus

beiden Gründen zusammengenommen.

Den 2. December.

Die Maßregeln, welche Hr. General Cavaignac für den schändlich

behandelten Papst ergriffen hat, finden fast allgemeinen Beifall,

wogegen die Theilnahme für die Italiener täglich abnimmt und ihre

politische Fähigkeit und Mäßigung von allen Seiten geläugnet wird.

Gestern sagte mir ein hochstehender Beamter: man wird ihrer bald so

überdrüßig sein, als der Polen. -- Leider hat die Theilnahme für

Deutschland in der letzten Zeit ebenfalls so abgenommen, daß man dessen

kein Hehl hat. Und zwar aus folgenden Gründen:

1) weil die berliner Reichsversammlung Schlüsse der frankfurter

aufgehoben hat, und umgekehrt;

2) weil die berliner Linie alle Einmischung der Reichsgewalt

zurückweiset, sobald diese nicht unbedingt Das thun will, was jene

verlangt;

3) weil die berliner Zerwürfnisse noch fortdauern und von Frankfurt aus

nicht beseitigt sind;

4) weil die frankfurter Versammlung geduldet hat und noch duldet, daß

einzelne ihrer Mitglieder willkürlich die Paulskirche verlassen, in

verschiedenen Staaten Aufruhr predigen, und an ungebührlichen Kämpfen

persönlichen Antheil nehmen. Es sei tadelnswerth, daß man in Frankfurt

blos die +Form+ ins Auge fasse, ohne den +Inhalt+ zu berücksichtigen.

Oder, wenn man diesen ausnahmsweise auch unterordnen wolle, so hätte

man doch nicht Männer, mindestens höchst zweideutiger Wirksamkeit, als

Märtyrer dichter Freiheit behandeln und ehren sollen;

5) während man verlange, daß Frankreich die Reichsgewalt und einen

Reichsgesandten unbedingt anerkenne, sei man mit Österreich in so

unnöthigen Streit gerathen, daß sich dasselbe von Frankfurt lossage

und die daselbst gefaßten Beschlüsse weder ausführen wolle, noch

ausführen könne. Bevor man sich also an fremde Mächte wende, möge man

in der Heimat zur Mäßigung zurückkehren und Einigkeit begründen. Selbst

Frankreich sehe ein, daß für Europa’s Wohl ein starkes Österreich

nöthig sei, während man in Deutschland unbegreiflicher Weise dessen

Zerstückelung und Auflösung wünsche oder anbahne. Österreich werde dazu

so wenig die Hand bieten, als Frankreich, wenn man etwa für Elsaß,

Bretagne oder Navarra derlei Beschlüsse fassen und aufdrängen wolle.

So in aller Kürze die Urtheile, wobei ich mich noch freuen soll,

daß sie mir nicht stärker vorgetragen werden! Einzelne Gesandte sind

so mitleidig, mich zu meiner Stellung zu condoliren, und wenn ich

mich wahre und vertheidige, machen sie (leider!) +meiner Person+

Komplimente, während sie die +sachlichen+ Darstellungen und Forderungen

ablehnen. Einzelne, die in ihren eigensten Interessen verletzt werden,

sprechen schon die Hoffnung aus: es werde Alles beim Alten bleiben!

Mittags.

Ich habe gestern, ich weiß nicht zum wievielsten Male, auf Auslieferung

der Mörder des Fürsten Lichnowsky gedrungen, und zwar in einer

ungeduldigen, fast barschen Weise. Die Schuld der Zögerung liegt aber

nicht an dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, sondern am

Justizministerium, wie man in Frankfurt durch Hrn. Tallenay bereits

wissen wird. Ein vieljähriger Beamter jenes Ministerii sagte mir:

„Ihre Forderung ist klar und gerecht, aber man fürchtet sich vor den

Journalen.“ Da entfuhr mir das Wort: „~c’est misérable~.“ -- Anstatt

mich (wie ich fürchtete) deshalb zurechtzuweisen, erwiderte jener

Beamte: „Sie haben vollkommen Recht!“

Siebenundachtzigster Brief.

Paris, den 3. December 1848.

Warum (sagte mir Baron R.) besuchen Sie uns Abends nicht öfter? --

Ich bin oft übler Laune, oder vielmehr so niedergeschlagen, daß ich

für Gesellschaften dann nicht tauge. -- „Mir geht es ebenso; aber es

hilft zu nichts. Auch erscheinen mir die Verhältnisse allmälig sehr

viel besser zu werden. Welch wilde, ungemäßigte Leidenschaften im

Februar und Junius. Jetzt dagegen müssen alle Parteien sich bezähmen

und den Gemäßigten anschließen, Cavaignac wie Bonaparte; und Lamartine

(der einst mit Ledru-Rollin fraternisirte) erklärt: er will die rothe

Republik aufs Äußerste bekämpfen. Die Gemäßigten werden in Frankreich

herrschen und (da Deutschland ja alles Französische nachäfft) auch in

Deutschland die Oberhand behalten.“ -- Ich freute mich dieser heiteren

Betrachtungsweise, obgleich mir der Weg zum Besseren noch nicht so

gerade aus zu laufen scheint. ~Per tot ambages, per tot discrimina

rerum, tendimus in Latium.~ In England dauerten die politischen Stürme,

während des 17. Jahrhunderts, an 60 Jahre; Frankreich ist nach gleichem

Zeitraume noch nicht am Ziele; Deutschland wüthete 30 Jahre wider

sich selbst, und kommt (einmal aufgeregt) nicht leicht und schnell

zur Ruhe. -- Und doch sehnt sich weit die Mehrzahl nach dieser Ruhe.

Die Minderzahl, gewiß die thätigere, ist hingegen jetzt fanatisirt

für politische Lehrsätze und Bekenntnisse, wie die Vorzeit für

theologische Formeln. Von Besonnenheit, Sittlichkeit und liebevollem

Christenthume ist dabei nicht mehr die Rede. Frevler, als Märtyrer

ächter Freiheit dargestellt und erhoben, Unschuldige ermordet, und der

Beförderer alles Guten, der wohlwollende Vater der Christenheit mit der

niederträchtigsten Undankbarkeit behandelt und mit Mühe Mörderhänden

entflohen. Wenn ein Hund auf der Straße schreit, stehe ich auf und

suche den etwa Verfolgten zu schützen; statt dessen lesen sich diese

neurömischen Senatoren, während Rossi’s Todesröcheln, ihre langweiligen

Sitzungsprotokolle vor, und nennen diese bestiale Stumpfheit, stoische

Größe. Kein römischer Bürger ergreift den siegesfrechen Mörder, kein

römischer Edler reicht dem in Todesgefahr schwebenden Papste hülfreich

die Hand, und durch Feste zu Ehren des Mörders schänden sich Städte

und Landschaften. So sind die Zeugnisse für die Fähigkeit Italiens zu

einer politischen und sittlichen Wiedergeburt. Schreibt doch selbst die

ultraliberale Arkonati: die Demokraten haben Alles zu Grunde gerichtet!

Brechen wir jedoch nicht voreilig und ohne Selbsterkenntniß den Stab

über Andere. Oder sind denn die Anzeichen, ja die Thaten in Deutschland

besser? Ich ward unterbrochen und so möge denn dies Klagelied unbeendet

bleiben.

L. Bonaparte und seine Partei benutzen alle Mittel für ihre Zwecke,

werden aber nicht minder benutzt. Jemand der die Herabsetzung, oder

Abschaffung der Salzsteuer wünschte, überredete jene Partei, daß

Bonaparte viele Stimmen gewinnen werde, sofern er sich dafür erkläre.

Ohne Rücksicht darauf, daß leichtsinnige Versprechungen zuletzt bittere

Früchte tragen, gehen die Stimmenjäger auf jenen Vorschlag ein, lassen

300,000 Exemplare einer darauf bezüglichen Erklärung auf ihre Kosten

drucken; -- und der Bittsteller hat +seinen+ Zweck erreicht, ohne daß

es ihm einen Heller kostet. -- Ein angesehener Mann aus Südfrankreich

sagte mir: wir lieben die Republik nicht, haben auch keinen besonderen

Gefallen an Cavaignac; aber wir stimmen für diesen, weil wir keine

neue Revolution wollen. Unsere Bauern dagegen, wenn ein +Schwein+

Bonaparte hieße, sie würden es zum Präsidenten erwählen. -- In einem

vertraulichen Gespräch mit -- sagte ich ihm: ich bin hier in Paris

völlig unnütz, verderbe meine Zeit, und treibe mich auf den Gassen

umher, oder in langweiligen Soireen. Wäre nur mehr Trost in Frankfurt

oder Berlin, ich ginge sogleich davon. -- Von hier war der Übergang

leicht zur Beurtheilung der Gesandten und ihrer Wirksamkeit überhaupt,

wobei ich den in meiner +Spreu+ angegebenen Ton wieder anschlug.

Sogleich übernahm jener, seit 30 Jahren angestellte Beamte die

Oberstimme, machte seinem Herzen Luft und schloß: „Glauben Sie, mein

Herr, ich habe viele Gesandten gekannt, die bei ihrer Ankunft handlich

verständig waren; allmälig aber wurden sie (anmaßlich mit Kleinigkeiten

beschäftigt) -- ~des Sots~.“ -- Das spüre ich auch schon, fügte ich der

Wahrheit gemäß hinzu! -- Nun, das Ende ist abzusehen, hoffentlich ehe

ich ganz verdumme! Denn nachdem ich mich hier, ~pro patria~, abgemüht,

gequält, und (ohne meine Schuld) nichts ausgerichtet habe, wird man

(+sobald+ die Verhältnisse sich +günstiger+ gestalten) einen +Anderen+

herschicken, +ihm+ die bis dahin endlich gebratene Taube ins Maul

stecken, mich aber (als unbrauchbar) zur Seite schieben. Ich bin so auf

Alles gefaßt, daß derlei Erfahrungen meine Kreise nicht stören, sondern

eher ergänzen werden.

Den 4. December.

Noch immer steigen und sinken die Leute hier mit ihren Hoffnungen;

cartesianischen Täucherlein vergleichbar, oder dem Barometer zur Zeit

der Äquinoctialstürme. So muß ich heute Bonaparte’s Aktien höher

notiren als gestern, da der Marschall Bugeaud sich für ihn erklärt

hat, und zwei aus den Landschaften kommende Männer die allgemeine

Stimmung des Landvolkes für ihn bezeugen. Hingegen sind die, Erhaltung

der Ruhe bezweckenden, Bürger meist für Cavaignac. Alle nehmen mit

äußerlicher Höflichkeit noch immer den Hut ab vor dem allgemeinen

Stimmrechte, während es Viele innerlich zum Teufel wünschen. Übrigens

macht es einen höchst unangenehmen Eindruck, daß kaum irgend Jemand

(und die Hochgestellten noch weniger, als die Geringen) die Wahrheit

sagt, sondern daß sie Anderes denken, fühlen und bezwecken, als sie

laut aussprechen. Daher der laute Ruf: ~nous acceptons franchement la

république~, während man sie zu stürzen sucht; Lobpreisungen auf L.

Bonaparte, während man alle Plane auf seine angebliche Nichtigkeit

gründet; unermeßliche Versprechungen Bonaparte’s, von denen er selbst

und seine Gehülfen ohne Zweifel wissen, daß er sie niemals erfüllen

kann; Versagen der Abstimmung für Cavaignac in der Nationalversammlung,

keineswegs weil die Sache unklar war (~non liquet~), sondern unter

vielfachen Vorwänden, um ihm zu schaden: Zurückhalten der Äußerungen

über die Bewerber zur Präsidentur, keineswegs aus Nichtwissen, oder

Nichtwollen; sondern um Andere in die Grube fallen zu lassen, und diese

nachher zuzudecken. Der über dieser Grube auferbaute Herrscherthron

könnte aber leicht auch zusammenstürzen. Die Legitimisten hoffen, die

Bonapartiden zu dupiren und umgekehrt; und jene vertreiben sich die

Zeit mit einem Plane, der auf erhabener Grundlage ruht; nämlich daß

Henry V kein Kind zeugen, seine Frau keins in die Welt setzen kann

u. s. w.

Zwischen all diesen Mummereien und tragikomischen Fastnachtsspielen,

erheben allein die Blutrothen unverhohlen und rücksichtslos ihre

Brandfackel, um alle jene Schauspielerbanden heimzuleuchten und die

Coulissen, hinter denen sie sich verstecken, niederzubrennen. Mit

Cavaignac und seinen Freunden (das wissen sie) ist nicht zu spaßen;

wenn aber die Katzbalgereien über Bonaparte’s Beherrschung, oder

Beseitigung losgehen, hoffen sie der uneinigen Gegner Herr zu werden.

So hier die Zustände, die Aussichten; -- und doch siegt, durch Gottes

mächtige Hülfe (welcher Menschenfreund wünschte es nicht) vielleicht

die sehr große Mehrzahl Derer, welche aufrichtig Ruhe und Ordnung

erflehen.

Den 6. December.

Die allgemeine augsburger Zeitung thut alles Mögliche, gute

Briefschreiber zu werben, und doch sind deren Weissagungen, wenn

auch nur auf 24 Stunden hinaus, in der letzten Zeit ganz zu Schanden

worden. Obgleich ich mich also keineswegs auf diesen gefährlichen Weg

begeben will, kann man es doch nicht unterlassen, an dem Vorabende

großer Begebenheiten die +verschiedenen Möglichkeiten+ ins Auge zu

fassen: wenn auch eine derselben vielleicht bereits zur +Wirklichkeit+

geworden ist, ehe der Brief ankommt. Also: 1) wenn +Cavaignac+ zum

Präsidenten erwählt wird, so stehen ihm zur Seite, sein Verstand,

seine Ehrlichkeit, seine Charakterkraft, die wirklichen Republikaner

und alle Die, welche durchaus keine neue Umwälzung wollen, und denen

jede vorhandene Einrichtung lieber ist, als alle künftigen. Wider ihn

sind alle Legitimisten, alle Kriegslustigen, die Feinde des National,

und die ungeheure Zahl Derer, welche wenigstens in dem +einen+

Punkte übereinstimmen, daß sie keine Republik wollen. Endlich hassen

und fürchten ihn zugleich alle rothen Republikaner. -- 2) Wenn L.

Bonaparte gewählt wird, so muß das (ohnehin schon laute) Geheimniß

an den Tag kommen, daß sehr wenigen einflußreichen Personen etwas an

seiner Person gelegen ist, sondern die Meisten sich seiner nur als

Mittel für ihre eigenen Zwecke bedienen wollen. Diese Zwecke sind

aber so verschieden, ja entgegengesetzt, daß schon die Bourboniden

und Orleaniden sich darüber schwerlich vertragen werden, und Niemand

voraussagen kann, wer in dem bevorstehenden Kampfe obsiegen wird. Die

rothen Republikaner, welche in Bonaparte’s Erhebung einen ungeheuern

Rückschritt sehen, reden laut davon, Gewalt wider ihn zu gebrauchen.

Sie bringen Gesundheiten aus: „nieder mit den Rentiers und den

Eigenthümern.“ Es gehört eine Leitung dazu, wie sie Cavaignac im Juni

übte, um solcher Wüthigen Herr zu werden; ist Bonaparte mit seinen

Freunden dieser drohenden Gefahr nicht gewachsen, so kann das größte

Unglück nicht ausbleiben. Jedenfalls +hoffen+ die sogenannten Freunde

Bonaparte’s +nach+ seiner Wahl auf +Veränderungen+ in +monarchischer+

Richtung; und ebenso +fürchten+ alle Republikaner einen Umsturz ihrer

kaum gebornen und getauften Verfassung. Ich stimme gegen Cavaignac

(sagte mir ein Bücherantiquar), weil ich die Republik +nicht+ will; ich

stimme für Bonaparte nicht seinetwegen, sondern +weil+ ich die Herzogin

von Orleans und die Regentschaft will. -- Kommt die Entscheidung über

die Präsidentenwürde an die Nationalversammlung, so wird sie sich

für Cavaignac aussprechen, theils aus persönlicher Achtung, theils

weil viele Mitglieder (in jener ersten Aufregung erwählt) wirklich

republikanisch denken. Hieraus folgt aber noch nicht, daß das, jetzt

anders gesinnte Land sich ruhig dieser Entscheidung unterwirft.

Neue Wahlen bringen neue Ansichten, und der letzte Abdruck dieser

Volkssouverainetät hat ja nach französischer Theorie und Praxis immer

Recht, bis die Presse, oder die Preßbengel einen noch neuern zur Welt

bringen. Daß die Präsidentur und die neugebackne Verfassung wirklich

den Franzosen auf vier Jahre willkommene und hinreichende Nahrung geben

werde, ist, nach allen geschichtlichen Erfahrungen unwahrscheinlich.

Die Wahl des nächsten Sonntags ist höchstens ~le commencement de la

fin~. -- Ich sende Euch lauter Variationen +desselben+ Themas; kann es

denn aber anders sein? Und wenn ganze Völker wie Thiere in der Mühle

umhergehen, wie soll da der Einzelne im Stande sein einen geraden

Weg, festen Schrittes zu verfolgen! -- Ich sprach von Möglichkeiten;

deren werden so viele ersonnen und zusammengekünstelt, daß in dem

Augenblicke, wo man die eine, aus Gründen, für die wahrscheinlichere

erklären möchte, durch politische Taschenspielerei plötzlich das

Gegentheil hervorgedreht wird. So scheint es ganz natürlich, daß

Freunde der Republik für den Republikaner Cavaignac stimmen, während

jetzt Mehre sagen: +Nein+, die +Gegner+ der Republik müssen ihn zum

Präsidenten ernennen; denn wenn selbst unter +seiner+ Leitung die

Republik sich nicht halten wird und nicht halten kann, so ist sie für

immer abgethan und man kehrt zum rechten Königthume zurück. Bonaparte

dagegen bringt lange untaugliche Mittelzustände, und der Einwand

bleibt, daß, unter einem +tüchtigeren+ Führer, die Republik sich hätte

halten können und sollen. Cavaignac führt also (besonders nach neuen,

unzweifelhaft monarchisch ausfallenden Wahlen) zum völligen, raschen

Tode der Republik; durch Bonaparte wird sie zwar erkranken, aber sich

leicht wieder erholen zu neu versuchter Lebensverlängerung.

Achtundachtzigster Brief.

Paris, den 8. December 1848.

Vor Bonaparte’s Wohnung faullenzen täglich mehre Hundert Bummler, nach

den gebratenen Tauben das Maul aufsperrend, die er ihnen versprochen

hat. -- Viele Engländer verlassen Paris; sie fürchten im Fall der Wahl

Bonaparte’s große Unruhen, ja einen allgemeinen Krieg.

Mit einem Cabrioletkutscher hatte ich soeben folgendes Gespräch: ~Pour

qui voterez Vous? -- Certainement pour Bo. -- Croyez Vous qu’il est

capable de gouverner la France? -- Point du tout, mais il sera usé plus

vite qu’aucun autre!~ -- So denken nicht blos Kutscher, sondern auch

die hochweisen Männer verschiedener namhafter Vereine. Später werden

Alle sagen: wer hätte das gedacht! Aber: ~tu l’as voulu George Dandin!~

Den 9. December.

Wichtige Begebenheiten drängen sich jetzt auf eine fast beispiellose

Weise: der Papst verjagt, ein Kaiser und ein König abdankend,

Frankreich morgen für und gegen einen unbekannten Herrscher stimmend,

würfelnd, oder losend; in Preußen die Versammlung aufgelöset und

eine neue Verfassung gegeben; -- so vieler anderen Dinge nicht zu

erwähnen, welche in ruhigeren Zeiten die größte Aufmerksamkeit erweckt

hätten. -- Die Italiener richten sich zu Grunde wie die Polen;

Mäßigung und Besonnenheit fehlen fast überall, und Leidenschaft wird

über Sittlichkeit und Tugend hinaufgesetzt. -- Österreich ersteht

aus Todesgefahren, zu einem hoffentlich einigen und großartigen

Völkerbunde. -- Für Frankreich wird Gott sein: „es werde Licht,“ doch

nicht für immer zurückhalten. Gestern Abend war auf dem Vendomeplatze

aber noch Tohu, Bohu; sechs Parteien eiferten für sechs Bewerber, und

da L. Bonaparte keine gebratenen Tauben umherreichen ließ, kochten sich

die ~citoyens actifs~ selbst einige Prügelsuppen.

Den 10. December.

Heute weissagt man den Sieg Bonaparte’s, weil in Paris (+also+ auch

in ganz Frankreich) gutes +Wetter+ ist! Denn nunmehr würden sich die

Bauern nicht abhalten lassen, nach den entfernten Wahlorten zu gehen

und für ihn zu stimmen! -- Gestern ließ ich mir die Haare verschneiden.

Es dauerte wohl eine Stunde; denn es entspann sich (von mir gefördert)

ein Streit zwischen dem Haargesellen und einem eintretenden alten

Officier. Jener war (obgleich aus der Vendée) ein Verehrer L.

Bonaparte’s; der Officier (obwohl aus Napoleon’s Heeren) ein Bewunderer

Cavaignac’s. Der Gesell ließ mich, halb geschoren, sitzen, um seinen

politischen Zweikampf auszufechten, und ich hörte geduldig zu, um (als

Professor des Staatsrechts) etwas zu lernen. -- Ich stimme (sagte

heute ein Mann) für Bonaparte, denn er bringt uns Steuererlaß, stete

Beschäftigung und Wohlstand. -- Gewiß wird Cavaignac (und das ist

einstweilen ein Trost) mit seinen Freunden sich jeder Entscheidung der

Wähler, oder der Nationalversammlung unterwerfen und keine Verletzung

der Ordnung und der Gesetze dulden.

Nachmittags.

Die jetzige französische Regierung betrachtet Rußlands Fortschritte

mit der größten Besorgniß, und wünscht in Ansichten, Beschäftigungen

und Bestrebungen der Regierungen und der Völker eine solche Wendung

und Übereinstimmung, daß man jenem Umsichgreifen mit größerem

Nachdrucke könne entgegentreten. Insbesondere fragte Hr. Minister --,

was man in dieser Beziehung wohl von Deutschland erwarten dürfe,

denn auf Beantwortung dieser Frage komme vor dem Ergreifen bestimmter

Beschlüsse sehr viel an. Ich antwortete (als Privatmann): Rußland

hat den Deutschen gegen Napoleon’s Übermacht und Tyrannei treulich

beigestanden, und ein Recht auf ihre Dankbarkeit erworben. Sollte

daher irgend eine französische Regierung in die alten Gelüste der

Eroberung und Unterjochung zurückfallen, so ist es höchst natürlich,

daß man alsdann ein Bündniß mit Rußland nicht verschmähen wird.

Andererseits giebt es zwischen Deutschen und Russen sehr wenige

Punkte der Übereinstimmung, während sich jene gern aufrichtig mit

Frankreich verbinden werden, sobald die dargebotene Freundschaft

in Thaten übergeht und genugsame Bürgschaft gewährt. Österreich

wird großentheils durch Frankreich und England gezwungen, sich an

Rußland anzuschließen, und zu dessen Umsichgreifen zu schweigen; es

ist zum mindesten eine sonderbare Zumuthung: es solle freiwillig

seine italienischen Länder abtreten und durch einen großen Krieg

mit Rußland, die Moldau und Walachei erobern. Nur wenn Frankreich,

England, Deutschland (einschließlich Preußens und Österreichs) wahrhaft

einig sind, werden ihre gerechten Vorstellungen bei dem Kaiser von

Rußland Berücksichtigung finden; alle vereinzelten Einreden gegen

seine anmaßlichen (aber klug berechneten und kräftig ausgeführten)

Plane wird er hingegen für ganz unbedeutend halten und zur Seite

legen. Während so viele europäische Regierungen und Völker sich

unglücklicherweise streiten und schwächen, steigt Rußlands Macht. Denn

so viel man auch gegen das russische Wesen mit Recht einwenden mag, so

finden sich dort zwei Eigenschaften, die in so vielen westeuropäischen

Ländern leider fehlen, nämlich: Vertrauen zur Regierung, und Gehorsam

gegen die Regierung.

Den 11. December.

Der gestrige Tag ist ruhig vorübergegangen, obwohl, bei dem schönsten

Wetter, Hunderttausende in Bewegung waren. Überhaupt ist für die

Wahlzeit, und so lange noch Jeder obzusiegen hofft, nichts zu

befürchten. Auch sind die mächtigsten Vorkehrungen für Erhaltung der

Ordnung getroffen, und die Erfahrungen der Junitage haben selbst die

kühnsten Empörer eingeschüchtert. Indeß zeigen die demokratischen

Festmahle noch täglich Frechheit und Aberwitz in zugleich widerwärtiger

und furchtbarer Mischung. So wenn Gesundheiten ausgebracht werden: ~le

Christ~, und unmittelbar daneben: ~la méfiance~! Robert Blum, Raspail,

Louis Blanc, Mazzini, Danton, Robespierre, u. s. w.

Mit Recht sagt heute das ~Journal des débats~: sonst hätten die Völker

ihre wichtigsten Handlungen durch Anrufung Gottes zu heiligen und zu

reinigen gesucht; jetzt hingegen habe die französische Republik durch

die Stimme ihres Propheten und Rhapsoden zu ihrem Schutzgott erwählt --

den Zufall! ~Jacta est alea! La France joue, elle veut jouer; les yeux

bandés, elle tire le gâteau des Rois!~ -- Ich führe die eigenen Worte

an, um sie nicht (scheinbar allzuhart) als Fremder auszusprechen.

Den 12. December.

Wenn sich hier der Wind ein Weniges dreht, drehen sich die Wetterfahnen

noch weit mehr. Vor acht Tagen solcher Andrang beim General Cavaignac,

daß Haus und Hof nicht zureichten und in den Nebenstraßen über 200

Wagen hielten; heute sagt der General aus zureichenden Gründen den

Empfang ab, und gestern sah ich wie Haufen Gesindels mit Gebrüll nach

seinem Hause eilten und aus vollem Halse schrien: ~à bas Cavaignac!~

-- Höher Gestellte, die vor kurzer Zeit ihm noch schmeichelten und

bettelten, haben plötzlich die Entdeckung gemacht: es sei zweifelhaft,

ob er und seine Freunde unfähiger, oder unsittlicher wären!

Unter so vielen, sich drängenden großen Begebenheiten, welche der

Geschichte reichen Stoff darbieten, sollte der Geschichtschreiber sich

glücklich und wohl befinden! Woher kommt es nun, daß ich so verstimmt,

so geistig und leiblich unwohl, so seekrank bin? Es kommt daher daß

mir fehlt, was ich verehren und bewundern, woran ich mich erheben und

stärken, wodurch ich neue Lebenslust und Lebenskraft gewinnen könnte.

Statt ächter Weisheit höchstens Pfiffigkeit, statt edler Festigkeit

schlangengewandte Fuchsschwänzerei, statt kühnen Verkündens der

Wahrheit nur Heucheln, Schweigen, oder schlecht verdecktes Lügen,

Götzendienst getrieben mit unsinniger Leidenschaft, Ehre geopfert

dem gemeinsten Eigennutz und die Massen des ungebildeten Volkes als

Fußschemel benutzt für Ehrgeizige und für die Brut ihrer gierigen

Helfershelfer. -- So sieht das aus, was in Frankreich meist zu Tage

kommt, und jeden Theilnehmenden doppelt betrübt. Ist es ein Wunder,

wenn große Herrscher (wie Kaiser und König Friedrich II) am Ende ihres

langen, thätigen Lebens, das bittere Ergebniß aussprachen: die Menschen

seien eine schlechte Race! -- Man muß sich täglich zurufen: nil

desperandum, und vertrauensvoll glauben, wo man mit schwachen Augen die

göttliche Führung nicht deutlich erkennt.

Die Berechnung aller Störungen der Planeten- und Kometenbahnen ist

leicht und einfach im Vergleiche mit den Vorherbestimmungen politischer

Ereignisse, in unserer aufgeregten und verwirrten Zeit. Und doch wird

man immer wieder zu diesen erfolglosen Versuchen hingetrieben, sobald

sich die Elemente der Bahnen irgend verändern. Also, wenn Cavaignac

nicht Präsident wird, was wird er thun? Ich meine er wird sich der

Entscheidung unterwerfen und sich niemals (was Einige thöricht, oder

böswillig verbreiten) mit den rothen Republikanern verbinden. Ob er

aber ruhig dem Versuche zusehen würde, die ganze Republik umzustürzen,

das ist eine andere Frage. Gewiß wird er nach einigen Monaten billiger

beurtheilt und höher gestellt werden, als in diesen Tagen der

Leidenschaft. Daß er und Bastide ehrlich denken, sprechen und handeln,

ist Vielen unbegreiflich und unglaublich, oder Beweis der bloßen

Unfähigkeit.

Trübe Aussichten nach allen Seiten; obwohl die Grundlage der Hoffnung

unzweifelhaft bleibt, daß 99/100 des Volkes Ruhe und Ordnung wollen,

obgleich sie über Mittel und Wege zu diesem Ziele meist im Dunkeln,

oder im Irrthume sind.

Möchten nur in unserem Vaterlande 99/100 für Ordnung und Gesetz

mit Festigkeit auftreten. Freilich klagen die Demokraten laut, daß

die Verfassung +oktroyirt+ sei: das heißt zu deutsch +gegeben+.

Wenn aber das Gegebene gut ist, so nehme ich es dankbar an; auch

ist ja der +zweiten+ Versammlung das Recht des Verbesserns und

Bestätigens zugestanden. Unwahr ist es ferner, daß man Gegebenes

in jedem Augenblicke nach Willkür zurücknehmen +könne+; oder daß

Vertragsmäßiges, oder von unten herauf zu Stande Gebrachtes, immer sei

heilig gehalten worden. Schon die französische Revolutionsgeschichte

bietet viele Beweise des Gegentheils.

Über die neue preußische Verfassung läßt sich viel hin und

her streiten. Gewiß bedarf Einzelnes näherer Bestimmungen und

Berichtigungen. So macht ein ganz unbeschränktes Vereinigungsrecht

(einschließlich aller Klubs) jede Regierung unmöglich, oder

sprengt sie auseinander. Selbst in Frankreich hat die Regierung

das gesetzliche Recht sogleich beschränkend einzugreifen, wenn die

öffentliche Sicherheit bedroht erscheint. Schon der Plan, durch ein

Netz demokratischer Klubs den ganzen preußischen Staat zu umspinnen

und die Wähler zu verführen, zeigt die höchsten Gefahren, sobald nicht

die verständigsten und allgemeinsten Gegenmittel, wider dieses Gift,

angewandt werden. Denn über das Bewilligte hinaus, noch mehr fordern

und durchsetzen, hieße die Monarchie stürzen, und Das herbeiführen, was

man hier erlebt. -- Politik, und nichts als Politik!! --

Gestern war ich bei der Gräfin Potocka, ihrer Einladung folgend. Sie

hat mich verjüngt, indem sie nämlich Mozartsche Sonaten mit einer

Geige (diesmal mit einem Violoncell) begleitet, spielte, die ich

schon als Gymnasiast mit Hrn. Kaufmann, und nachher unzählige Male

in Halle mit Kroker spielte. ~Tempi passati!~ -- Da sich in den

Abendgesellschaften Niemand die Mühe giebt Einen vorzustellen, so

bewegt sich Alles durcheinander wie die Atome Epikurs, oder (ohne

~Harmonia praestabilita~) wie Leibnitzens Monaden. Gestern fragte ich

einen Herrn: wer ist der Mann? Zur Antwort: Ich sehe ihn seit Jahren in

allen Gesellschaften, weiß aber nicht, wie er heißt. Er ist Legitimist,

sehr langweilig und lacht immer. -- Das heißt nun Geselligkeit im

höheren Style!

Neunundachtzigster Brief.

Paris, den 13. December 1848.

Die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten Frankreichs ist so gut wie

entschieden; nicht sowohl aus Vorliebe für seine Person, als in der

Absicht durch ihn Zwecke verschiedener, ja +entgegengesetzter+ Art zu

erreichen; vor Allem aber, weil man in Frankreich die +Republik nicht

will+. Dies wird auch den +hoffnungsvollsten+ oder +verblendetsten+

Demokraten in Deutschland nicht verborgen bleiben. -- Möge für

Frankreich ~vox populi~ wirklich ~vox dei~ sein und werden.

Vor der Hand lauten die Äußerungen der künftigen Machthaber ganz

friedlich, auch fühlen sie, daß ein Krieg dem freundschaftlichen

Verhältnisse mit England ein Ende machen und Rußland (das man scheut)

herbeiziehen würde. -- Die künftige Regierung wird dem deutschen

Reichsgesandten einen officiellen Charakter gewiß +nicht+ zugestehen,

bevor die Reichsverfassung entworfen und +allgemein angenommen+ ist.

Vor Allem macht hier der unglückliche Streit mit Österreich den

unangenehmsten Eindruck. Man spottet über diese neue Methode, eine

größere deutsche Einheit herbeizuführen und über die bewundernswerthen

Ergebnisse derselben; man nennt den ganzen Hergang ~une querelle

d’Allemand~! -- Hoffentlich ist Alles in bessere Ordnung gebracht,

bevor der neue Minister der auswärtigen Angelegenheiten mir hierüber

Vorlesungen hält -- oder mich examinirt.

Mittags.

Gestern sahen wir: „die goldene Eier legende Henne.“ Dies Wunderwerk

dauerte etwa 5 Stunden; ich war aber um 11 Uhr so augenmüde, daß

ich nach Hause ging. A. wird umständlich berichten, von Himmel und

Hölle, raschen Verwandlungen, glänzenden Erleuchtungen, prachtvollen

Dekorationen, Tanzen aller Art, Mädchen in der Gestalt von Leiern und

Guitarren, oder von Eseln, Schafen, Truthühnern und Gänsen u. s. w.,

Alles kostspielig, nie gesehen, erstaunenswürdig. -- Und doch, -- bei

ernster Würdigung --, ein trauriger Beweis: daß Gedanken und Gefühle,

Schönheit und Wahrheit, Maß, Harmonie und Zusammenhang, daß die ächte

höhere Kunst verkannt und geopfert werden, und die oberflächlichste

Sinnenlust darüber hinaufgestellt ist. Schon Aristoteles wußte, daß

dies den Untergang ächter Tragödie und Komödie herbeiführe; die Römer

erfuhren, daß bei dieser geistigen Faullenzerei auch Sittlichkeit und

Charakter ausarten, und die Pariser sind, hinsichtlich dieser Dinge,

auf dem geraden Wege in byzantinische Zustände zu gerathen.

Ich habe allerdings den Muth gebilligt, den man in Berlin gegen

Anarchisten und Pöbel gezeigt hat, und freue mich der bis zum März 1849

eintretenden Ruhe. Aber diese Ruhe ist nur ein Waffenstillstand, und

kein Friede. Die Demokraten werden das Bewilligte annehmen, und von

diesem +neuen+ Ausgangspunkte weiteren Boden zu gewinnen suchen. Die

Rechte dagegen wird klagen, daß man sie und ihre (freilich erbärmlich

schwach vertheidigten) Grundsätze, an die Linke preisgegeben und

geopfert habe. Wollte man +so viel+ geben, glaubte man mit einer

Verfassung, wie die neue, monarchisch fortregieren zu können, so hätte

man nicht ~much ado, about nothing~ erheben sollen. Denn selbst die

Linke verlangte (~reservationes mentales~ abgerechnet) wenigstens

bis zum Anfange des Herbstes nicht mehr. -- Wird die Presse, werden

die Klubs (ich wiederhole es) nicht, wenn Selbstbeherrschung fehlt,

durch Gesetze in Zucht und Ordnung gehalten, welche zugleich ernst

und freisinnig sind, so ist auf dem Festlande Europas keine ruhige,

geordnete Regierung möglich. Man wird zwischen ~émeutes~ und ~coups

d’état~ immer hin und her schwanken. Trotz dieser Wolken und Schwarke,

hoffe ich doch, das Hauptungewitter ist vorüber, und wir gehen einer

besseren Zeit entgegen.

Den 14. December.

Die ungeheure Zahl Derer, welche sich für L. Bonaparte erklärten,

übersteigt alle und jede Erwartung, oder Vermuthung; +Niemand+ hat

+diesen+ Ausgang vorhergesehen, und insbesondere sind die überklugen,

allzupfiffigen, unaufrichtigen Parteiführer erstaunt, ja (wenn das Wort

erlaubt ist) verblüfft. Lamartine, den die Eitelkeit noch vor 14 Tagen

antrieb, als Bewerber um die Präsidentenwürde aufzutreten, ist trotz

seiner prophetisch-asiatischen Phrasendrechselei so durchgefallen,

daß er wenigstens Grund hat einzusehen, man halte ihn nicht für einen

zum Herrschen gebornen Staatsmann. -- Ledru-Rollin und Raspail müssen

sich ebenfalls überzeugen, bei welcher +kleinen Minderzahl+ ihre

wilden, tollen Ansichten Beifall finden. Höher hinauf sehen sich die

Legitimisten aller Farben und Abstufungen getäuscht; sie dachten

mit L. Bonaparte zu spielen, ihm eine +nur geringe+ Überzahl von

Stimmen zu verschaffen und ihn dann zur Seite zu werfen, um irgend

einen ihrer vielen Plane durchzusetzen. Nun ist ihnen der Popanz oder

Mannequin über den Kopf gewachsen, und steht auf einer beispiellos

breiten Grundlage. Schwerlich hat er Lust, den General Monk zu spielen;

wahrscheinlich begnügt er sich zunächst mit den großen Rechten, welche

ihm die Verfassung giebt. Für diesen Fall ist General Cavaignac mit

seinen Freunden fest entschlossen, ihn wider jeden etwanigen Angriff

mit aller Kraft zu schützen; und sein jetziger Gegner verwandelt sich

vielleicht in seinen tüchtigsten Vertheidiger. Gewiß darf er dem

ehrlichen, versöhnten Republikaner mehr vertrauen, als den falschen

Freunden, die ihn lediglich als Mittel gebrauchen wollten. Diese +ganz

entschiedene+ Wendung ist ohne Zweifel für die +nächste+ Zukunft ein

Glück für Frankreich; sie macht gewaltsame Veränderungen unmöglich und

erweckt Vertrauen für die Dauer der Zustände. -- Das noch Spätere, --

wer kennt es? Drouyn de l’Huys, der bisherige Vorsteher des Ausschusses

für auswärtige Angelegenheiten, soll dies Ministerium erhalten. Ich

habe ihn als einen verständigen, gemäßigten Mann kennen lernen,

dessen Ansichten über die europäischen Verhältnisse mit den meinigen

übereinstimmten. Daraus folgt aber freilich nicht, daß man sich hier

für das Deutsche und dessen weitere Entwickelung begeistere, so lange

Uneinigkeit und Parteisucht in unserem Vaterlande fortdauern.

Eine neue Karikatur zeigt Lamartine, wie er dem Louis Philipp einen

Fußtritt giebt. Cavaignac wie er dem Lamartine einen Fußtritt giebt.

Bonaparte wie er dem Cavaignac einen Fußtritt giebt. Morgen (heißt es

dann) die Fortsetzung.

Ich mache mir Vorwürfe (und Sie werden es noch mehr thun), daß es mir

an aller Lust fehlt, auf die Jagd nach berühmten Leuten auszugehen,

und daß mir das beneidete Glück sehr ~répandu~ zu sein, als die

höchste und leerste Unbequemlichkeit erscheint. Komplimente schneiden

und Phrasen drechseln, wovon Kopf und Herz nichts wissen, ist meiner

Natur ganz zuwider, und das Wort erstirbt mir im Munde, wenn mir (nur

zu oft) einfällt, was ich im ~Palais de la verité~ sagen würde! --

Deshalb kann ich mich nicht entschließen -- nochmals aufzusuchen, weil

mir dies wie eine Art von Lüge und muthloser Schmeichelei erscheint;

deshalb befinde ich mich nur halb bequem mit Thiers, weil ich (anderer,

neuerer Dinge nicht zu gedenken), mich mit ihm über viele Stellen in

seiner Geschichte der Revolution (die ich hier wieder lese) streiten

möchte. So z. B. wenn er von den ~perfidies~ Pitt’s gegen den Convent

spricht, und daß jener: ~par une logique machiavélique désenchantait

les Anglais de la liberté française~; wenn er Burke blos als

~déclamateur véhément~ bezeichnet und seine ~violence absurde~ rügt;

wenn er die Erzählung von der Hinrichtung Ludwigs XVI mit der Bemerkung

schließt: „die Völker zeigen eine brutale und falsche Freude, bei der

Geburt, der Thronbesteigung und dem Fall der Fürsten!“ -- Welch eine

Zusammenstellung, oder Gleichstellung, an +dieser+ Stelle!!! --

Den 16. December.

Ich war gestern bei Hrn. C., der auf mein Andringen nochmals über

die Mörder Lichnowsky’s an den ungebührlich zögernden Justizminister

geschrieben hat; nicht minder aber deshalb, weil am Thorschlusse die

jetzige Regierung Das noch thun möchte, was die nächste (schon aus

Geist des Widerspruchs) gewiß bewilligen wird. -- „Cavaignac (sagte Hr.

C.) hat sich durch seine Umgebungen zu Grunde gerichtet.“ -- „Werden

+die+ Bonaparte’s besser sein.“ -- „Keineswegs, dies Übel kehrt immer

wieder. Warum wollen Sie nicht hier bleiben? Sie sind gern gesehen

und Ihre Stellung ist der des Hrn. Tallenay in Frankfurt gleich.“ --

„Ich bin zu alt, verderbe meine Zeit, und finde Niemand, den ich aus

vollem Herzen bewundern könnte.“ -- „Wo giebt es derlei Männer, etwa

den Papst, vielleicht den König von Neapel, weil er sich selbst zu

helfen wußte. Nach großen Zeiten folgt immer eine der Erschlaffung und

Mittelmäßigkeit.“

-- -- -- Durch alle Reden des Hrn. -- leuchtete die Besorgniß hindurch,

daß unser Vaterland einig und mächtig werde, sowie die Lehre der alten

Diplomatie, Frankreich müsse es schwächen und seine Entwickelung

stören! Nebenbei das Echo jedes kleinen deutschen Gesandten, der ohne

Archimedes zu sein, doch schreit: ~noli turbare circulos meos~. -- Die

Hauptaufgabe der Deutschen (sagte ein zum Minister bestimmter Mann) ist

die Slawen zu befreien. -- Wollen Sie, erwiderte ich, mir sagen, wie

dies anzufangen sei? -- Jetzt wandte sich das Gespräch auf die Polen,

wobei +weit+ mehr Tadel als Lob zum Vorschein kam.

Neunzigster Brief.

Paris, den 17. December 1848.

Gestern Abend ¾7 Uhr gingen wir ~le val d’Andorre~ von Halevy zu hören,

und kamen um Mitternacht zurück. Eine angeblich veredelte, in Wahrheit

verschlechterte, unmotivirte, langgedehnte, „+diebische Elster+.“

Unter allen französischen Operntexten, die ich kenne, der trivialste,

und doch eine peinliche Marter durch ganze Akte hindurch. Musik

aller Art, mit Erinnerungen an Bellini, Spontini und A., dieselben

oberflächlichen Kunstmittel, ich weiß nicht wie oft angewandt: z. B.

schnelles Plappern, Hinaufschreien in die höchste Oktave und dann ein

Mundausspülgurgeltriller. Die leichtfertigste Tanzoper Auber’s wäre mir

lieber gewesen, als diese sentimental-criminale Strapatze; -- größerer

Meister nicht zu gedenken! -- Doch wozu kritisiren? Die Pariser füllen

das Haus; es gehört zum guten Ton das Stück zu sehen und zu loben, und

ich bin nur ~un barbare du Nord, qui a l’esprit désapprobateur~! --

~Incidit in Scyllam, qui vult evitare Charybdin~; so gerieth ich, um

der politischen Plage und Cholera zu entgehen, in eine nicht geringere

der Kunstentwickelung des letzten Tages. Vielleicht ruft mir aber

Jemand zu, es gehe mir wie Hobbes, von dem der ehrliche Jöcher sagt:

„er ist so moros gewest, daß er jedermänniglich contradiciret.“ --

Auf Verlangen sende ich dann zur Widerlegung, oder zum Zeichen der

Unparteilichkeit, eine Recension, wo Text und Musik jener Oper bis in

den Himmel erhoben wird! -- Nun, mir auch recht, meinsgefallen, ~chacun

a son goût etc., etc., etc.~

Den 18. December.

Wenn ein Hirte täglich seine Schafe in den Stall hinein- und wieder

herauszählt, so hat er es mit sicheren Wirklichkeiten zu thun, und über

das Ergebniß hegt er keinen Zweifel. Ein Gesandter in Paris hingegen

muß täglich die +Möglichkeiten+ zusammensuchen, und er weiß nie mit

Gewißheit woran er ist, und welche sich in Wirklichkeit verwandeln

wird. Also: die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten hat allerdings

erwiesen:

1) daß die große Mehrzahl des Volkes eine ruhige, dauernde Regierung

will;

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 4 / 21 题