Die Gutgesinnten (ruft man mir zu) müssen aushalten. Allerdings,

und ich meine, daß ich seit zwei Jahren viel ausgehalten, aber

wenig ausgerichtet habe! Im Casino sind lauter Männer, die sich den

Gutgesinnten beizählen, und doch können sie bei ihren gesetzgeberischen

Bestrebungen nicht von dem Grundgedanken eines feindlichen Gegensatzes

von Regierung und Volk loskommen, und drehen und drechseln an Inhalt

und Fassung so lange, bis sie hoffen dürfen daß das Vorgeschlagene von

der Mehrheit angenommen werde. Auf diesem Wege kommt man aber nicht zur

rechten, lebendigen Mitte, sondern zu Halbheiten, die unpraktisch sind

und Keinem genügen.

Vorgestern hatte man im Casino einen Satz angenommen: daß in dem Falle

aus zureichenden Gründen ein Ort, ein Bezirk in den Belagerungszustand

(oder wie man die Maßregel nennen will) erklärt werde, dennoch die

Preßfreiheit (oder Frechheit!) +ganz unbeschränkt+ bleiben müsse und

binnen +vierzehn+ Tagen der +Reichstag+ zu berufen sei. Gestern trieb

mich mein Gewissen in die Versammlung zu gehen, und ich versuchte, das

Ungenügende und Unpraktische dieses Vorschlages umständlich darzuthun.

In dem Augenblicke kam ein Abgeordneter eines anderen Klubs, und machte

einen Antrag, welcher ganz mit dem meinigen übereinstimmte. Dennoch

entschied die Versammlung mit 23 gegen 19 Stimmen ihren Beschluß

aufrecht zu erhalten. Nun sollte noch berathen und abgestimmt werden:

ob dies eine +Partei+frage sei: das heißt, ob die 19 so stimmen

+müßten+, wie die 23 +befehlen+. Da ich mich nimmermehr dieser,

angeblich weisen Disciplin unterwerfen werde, ging ich fort; -- und

habe so wieder einen Abend verloren.

Zu Hause wollte ich mich an Lockhart’s Leben Scott’s erholen. Das Buch

ist aber so breit und langweilig, wie Byron’s Leben von Moore anziehend

und unterhaltend.

Den 2. Februar.

Die Grobheiten der Linken, das Geschrei der Rechten und die jämmerliche

Nichtigkeit der Leitung waren mir gestern so widerwärtig, daß ich

die Sitzung vor dem Schlusse verließ. Zuletzt trägt das Alles zu der

Selbsterkenntniß bei, daß ich nicht berufen bin zum Parteigliede.

Ein solches soll die Fehler seiner Partei verkleinert, die der

Gegner vergrößert sehen und darstellen. Ich bin lebenslang zu der

Unparteilichkeit des Geschichtschreibers berufen, welche von der

Leidenschaft des Tages verworfen und verachtet wird. Ihr ist die

+Wahrheit+ das Untergeordnete, Hemmende, Zweckwidrige, Charakterlose;

mir ist sie die erhabene Göttin, der ich das ganze Leben hindurch

diente und opferte. So befinde ich mich in einer unangemessenen,

falschen, höchst unbequemen Stellung.

In Paris war ich nichts; hier bin ich 1/500 eines gesetzgebenden

+Körpers+! so büße ich alle Persönlichkeit ein, und werde sie erst in

der stillen Heimat meiner eigenen vier Pfähle zusammensuchen müssen.

Ich weiß wohl wie stolz Viele auf das ~M. A.~, oder ~M. P.~ sind

(~member of Acad.~, ~of Parliament~); wie Wenige aber aus diesem Rummel

sind als Personen bekannt, oder einwirkend über den Tag des Abstimmens

und Ablesens hinaus. Die Demuth und Bescheidenheit bietet sich mir so

natürlich dar, daß ich sie gar nicht (aufrichtig oder lügenhaft) zu

suchen brauche.

Ich bin jetzt mit Tagespolitik überpäppelt, überfüttert, übernudelt;

ists da zu verwundern, wenn ich mir einige Fasttage verschreiben will?

Ihr könnt mit Recht sagen: dieser ganze Brief sei +parteiisch+, nicht

+geschichtlich+; ich sei also aus der Rolle gefallen, die ich mir

selbst zuschreibe. Nun, so will ich ein andermal zu diesem mir oft

vorgeworfenen +Einerseits+ das +Andererseits+ zu liefern versuchen.

Jedoch erst dann, wenn ich +muß+; um durch Pflichtgefühl dem

einseitigen Raisonniren und Klagen ein Ende zu machen.

Der Gräfin Hahn Reisebriefe (welche ich zufällig nur angeblättert

hatte) lese ich mit Theilnahme und Vergnügen. Die Fremdwörter ließen

sich sehr leicht durch einheimische ersetzen, und ihre Aristokratie hat

mehr geschichtlichen Boden und regelrechtere Methode, als die jetzt

modige demokratische Judenschule. Beide bedürfen einer Reinigung und

Verklärung. Jedenfalls ist und bleibt die Hahn eine geistreiche Frau;

mehr als ein halbes Schock aufgebauschter Schriftstellerinnen mit einer

breiten Sittsamkeit auf breitester demokratischer Grundlage.

Hundertsechster Brief.

Frankfurt a. M., den 2. Februar 1849.

Ich mache den Brief wieder auf, weil ich den Eurigen vom 29. v. M.

soeben erhalte. Es thut mir leid, daß Ihr theilnehmend Euch über meine

Abstimmung, den Reichsrath betreffend, ganz unnütze Sorge macht. Ob sie

vielen Leuten mißfällt, ist mir ganz gleichgültig; ich stimme lediglich

nach meiner wohlbegründeten Überzeugung, verstehe die Sachen so gut wie

die meisten Anderen, oder (da es mein Fach ist) noch besser; lasse mich

weder von -- noch von -- verblüffen oder ins Schlepptau nehmen, erkenne

das Gute und Wahre an woher es auch komme, und stehe auf eigenen Beinen

so ehrenwerth da, als Andere auf fremden Krücken. Für eine Schaar

Halbwissender ist -- der Großkophta: soll ich auch niederfallen und

anbeten; für Andere ist es Hr. --; soll ich ihm den Staub von den Füßen

küssen? Ich bin willig, nachgiebig, ja (wie Ihr meint) bisweilen zu

nachgiebig und schwach; aber der bloßen Gewaltforderung einer Partei,

oder voreiligen Zwangsbeschlüssen, -- weiche ich keinen Finger breit.

Sonderbar wenn die Linke dem Guten widerspricht, blos weil es von der

Rechten kommt, erhebt man (mit Recht) ein großes Klaggeschrei: und

doch muthet man mir zu, ich soll die Partei über Wahrheit und Einsicht

stellen.

Überdies ist es +ganz falsch+, daß blos die Linke dem Gesetzentwurfe

widersprochen habe, und ich +allein+, aus Dummheit oder Eigensinn,

unter ihre Reihen gerathen sei. Die Linke zählt höchstens ein

Viertel der ganzen Versammlung (bei gewöhnlichen Abstimmungen bloßer

Parteiung); diesmal stimmte fast die Hälfte der Versammlung wider den

Entwurf. Also gehörte die Hälfte der Verneinenden +nicht+ zur Linken,

und ich stehe gar nicht so verlassen, wie Ihr zu glauben scheint.

In die Sache selbst mag ich heute nicht umständlich eingehen. Ich

hoffe, auf dem von Preußen bezeichneten Wege soll etwas weit Besseres

zu Stande kommen, als der begutachtende Reichsrath, zusammengesetzt aus

Leuten, die unfähig sind zu begutachten. Den Hunden schmiert man Butter

auf die Nase; dann (so sagt man) fressen sie geduldig trocken Brot.

-- Daß die Fürsten ebenso dumm sein würden, darauf läuft das ganze

Scheingeschäft mit dem Reichsrathe hinaus.

Genug davon; laßt ab von Eueren Sorgen, wehrt Euch, wie ich mich wehre;

und wo mein Name steht, soll er stehen bleiben und nicht gestrichen

werden. Ich weiß weshalb und wozu.

Soeben sagt mir Hr. Simson: er würde (wenn es ihm als Präsident erlaubt

gewesen wäre) auch +dagegen+ gestimmt haben, und Andere entschuldigen

sich mit +Klub+beschlüssen, die mich +nicht+ verpflichten. Die Sache

kommt +nicht+ zu Stande, trotz der Mehrheit von 11 Stimmen, oder sie

wird sich als zweckwidrig erzeigen.

Morgen werde ich wahrscheinlich wider die Rechte und wider die Linke

stimmen; denn wenn +alle+ Anträge höchst mangelhaft sind, muß man

+alle+ zurückweisen, damit +bessere+ gemacht werden; nicht aber hin und

her kapituliren und dummen Gesetzen beistimmen.

Nicht aus der Selbstständigkeit entsteht das Schwanken, sondern aus

dem Mangel an Selbstständigkeit; und ist es denn eine als weise

anzunehmende Regel, daß 19 stimmen +müssen+, wie es 20 +beliebt+.

-- Gar nicht stimmen, das heißt davongehen -- dazu bin ich nur zu

geneigt; aber unterbuttern lasse ich mich nicht, und gewissenhafte

Pflichterfüllung stempelt nicht (nach Belieben Leidenschaftlicher) zum

Rebellen oder Apostaten.

Hundertsiebenter Brief.

Frankfurt a. M., den 2. Februar 1849.

Nachdem ich heute meinen letzten Brief an Euch auf die Post

gebracht, ging ich zum Hrn. Präsidenten Simson, fand daselbst den

würtembergischen Minister Römer und andere zur Rechten gehörige

Abgeordnete. Sie waren in Beziehung auf den Reichsrath +sämmtlich+

meiner Meinung, und hofften, er werde bei der zweiten Lesung in die

+Minderzahl+ gerathen. Ja, Simson erzählte, daß ein Mann, der an dem

Entwurfe mit arbeitete und +dafür+ stimmte, sich bei ihm nach dem

Ausfalle der Abstimmung erkundigte, und dann sagte: so ist das +Beest+

dennoch durchgekommen!! -- Soll ich etwa diesem Beispiele folgen? --

Eßt, trinkt und schlaft +gut+, möget Ihr mich +rechts+ oder +links+

finden. Beschreibe ich auch nicht, ~à la Cesar~, wie ein Koloß die

Paulskirche, so werde ich doch, trotz alles Blasens und Stoßens in Fr.

und B., wie ein Stehauf, immer wieder auf die Beine kommen. Genug davon.

-- hat Unrecht, einen Tadel gegen +Regierungs+maßregeln noch jetzt

als einen Tadel gegen die +Person+ des Königs zu betrachten, oder gar

bei mir eine dumme oder gehässige Rancune vorauszusetzen. Ich bin

ein besserer Königsfreund, als Viele, die sich in Potsdam damit breit

machen: und nie würden meine Rathschläge (obwohl ich die Weisheit nicht

gepachtet habe) ihn in alle die über ihn hereingebrochenen Leiden

geführt haben.

Den 3. Februar.

Ich habe wieder ein Stück in den Reisebriefen der Gräfin Hahn gelesen,

und finde, daß sie in vielen (mir vorgeworfenen) Ketzereien mit mir

übereinstimmt: z. B. in ihren Urtheilen über Rossini und Donizetti,

über Petrarka’s weichliche und wabliche Sonette, über die ~Campagna

di Roma~ („hat man bei der melancholischen Campagna den Muth, von

einer anderen Pracht zu sprechen, als der der Vergangenheit“): über

Südfrankreich und insbesondere die Provence (z. B. „die suche ich in

meinem Leben nicht wieder auf. Wer in aller Welt hat diesem unschönen,

dürren, von der Sonne versengten, von dem Mistral vertrockneten Lande,

mit ruinirten Städten, mit wüsten Bourgaden, den Ruf der Schönheit

beigelegt? u. s. w.“). -- Zwei sehr gute und seltene Eigenschaften hat

die Hahn als Reisebeschreiberin: sie lügt nicht, und spornt sich nicht

zur Bewunderung des Mittelmäßigen.

Liebe --! Ich wollte Dir auf Deinen anziehenden, ernsten und

scherzhaften Brief recht umständlich antworten; aber es fehlt an

ruhiger Zeit, und die Sache hat auch an sich große Schwierigkeiten.

Darum heute nur einige Worte: mündlich mehr.

Die Alten (das heißt Griechen und Römer) betrachteten alle

Geschlechtsverhältnisse viel einfacher als wir, und quälten sich

damit nicht so viel auf und ab, hin und her. Waren sie herber, roher,

plumper; so hätschelten sie anderntheils nicht das Mangelhafte und

stellten krankhafte Zustände nicht (unter dem Titel von Poesie) über

die einfache Gesundheit hinauf.

Die Sittenlehre über die Geschlechtsverhältnisse ist überaus

unvollständig und verwirrt; theils weil man von falschen Grundsätzen

ausgeht, theils weil man bei der Behandlung dieses wichtigen Kapitels

den erkünstelten Anstand über den natürlichen Verstand hinaufsetzt, und

um die Sachen herumgeht, wie die Katze um den heißen Brei.

Ich habe eine Abneigung gegen alle Liebesromane, welche ungesunde,

widerwärtige Verhältnisse unter das Vergrößerungsglas setzen,

anatomiren, chemisiren und das Präparat in ästhetischem Weingeiste

aufbewahren. Daher kann ich mich an Rousseau’s Heloise nicht erbauen,

für die Wahlverwandtschaften nicht begeistern; daher habe ich keine

Freude an den Gegensätzen in Goethe’s Geschwistern. Ja, ich wage es, zu

behaupten: daß in Romeo und Julie ein kranker Bestandtheil liegt, der

zum Untergange führt: -- obgleich ich gern zugebe, daß ein seliger Tod

besser ist, als ein todtes Leben.

Untersuchungen, ob eine Frau keusch, ein Mädchen verliebt war, was

Goethe mit seiner Friederike, oder mit Frau von Stein, oder -- und --

mit der L. vorgenommen haben, sind unnütz und meist vorwitzige und

tadelsüchtige Neugier.

Irrig aber ist es, zu behaupten: nur die Liederlichen setzten voraus,

bei den Weibern sei keine Tugend zu finden. Im Gegentheil erfahren sie

am häufigsten, daß Tugendhafte sie abweisen; während andere, minder

kühne oder minder unverschämte, Männer nicht Gelegenheit haben, darüber

Erfahrungen zu machen. Viel schlimmer als jene Bonvivants sind aber die

prüden Fischnaturen, die scheinheiligen Frömmler, die verwelkten Sünder

und Sünderinnen, welche sich eine Keuschheitstarnkappe überhängen.

Man soll bei Beurtheilungen solcher Dinge nicht die Persönlichkeit

und die ganz individuellen Verhältnisse übersehen, welche bald

lossprechend, bald erschwerend sind. -- Und nun gar bei ganzen,

bei polygamischen Völkern! Wäre ich der türkische Sultan, also im

Muhamedanismus erzogen, hätte ich gewiß ein vortreffliches Serail; mir

erscheint eine solche Sammlung schöner Frauen viel anziehender, als ein

Stall voll Pferde und Hunde. Niemand braucht hier vor Schrecken drei

Kreuze zu machen; mit drei Thaler Diäten kann man kein Serail anlegen.

Nur Dichter und Künstler werden jetzt von Frauen und Mädchen

gehätschelt; andere ehrliche Leute haben von derlei freiwilligen

Liebschaften nichts zu fürchten; beim besten Willen kommen sie in keine

Gefahr, -- kommen also auch natürlich nicht darin um.

Die Legende, daß Goethe der Vater des Hrn. v. Stein sei, hörte ich

schon vor vielen Jahren; zugleich aber L. Tieck’s Widerlegung: er sei

geboren, +ehe+ seine Mutter Goethe gekannt. Zweifler werden freilich

fragen: was nachher geschehen sei? Was kümmerts mich!

Den 4. Februar.

Die österreichische, wichtigste Frage ist noch immer nicht gelöset.

Der Traum eines Reiches der Mitte von 70 Millionen findet nur wenige

begeisterte Anhänger. Und diese vergessen, daß die anderen Staaten

eine solche napoleonische Übermacht nicht wollen, und nicht wollen

können. Wohl aber sollten die 70 Millionen sich über freundschaftliche

Verhältnisse verständigen, und so viel Einheit und Centralisation

eintreten, daß Deutschland, dem Auslande gegenüber, nicht eine

Null bleibe. Der Feindesgabe unbedingter Souverainetät müssen die

deutschen Fürsten entsagen, und sich (wie selbst nach der alten

Reichsverfassung) nur als Glieder eines größeren Ganzen betrachten,

sonst werden sie binnen wenigen Jahren fortgejagt, und die Republik

siegt, wenigstens auf einige Zeit.

Hundertachter Brief.

Frankfurt a. M., den 5. Februar 1849.

Ich lese in der Spiker’schen Zeitung vom 2. Febr. ein Lob meines

Benehmens in Paris. Es ist dies, wie es scheint, von Einem ausgegangen,

der die Verhältnisse kennt und Zeugnisse für mich wirklich gehört hat.

Für solche Kenntniß spricht auch die sehr richtige Bemerkung, daß (wenn

ich mich, wie man sagt, vergaloppirte) „meine Lage sehr leicht an das

Lächerliche streifen konnte.“

Die Gräfin Hahn und Mad. Funk sprechen einstimmig so begeistert von

den Murillos in Sevilla, daß ich meine ungläubigen Zweifel gern

ihrem +Schauen+ unterordne. Unter den Werken, welche ich sah, waren

die, welche geringere Gegenstände (z. B. Betteljungen) behandelten,

allerdings scharf und bestimmt ausgeprägt; bei höheren Charakteren

schien mir bisweilen Genauigkeit der Form, der Zeichnung, der Umrisse

zu fehlen, und das Colorit zu verschwommen, fast wasserfarben zu sein.

Wenn man, um die Köpfe zu rechtfertigen, mit tadelndem Seitenblick

auf die Antike sagt: er habe das +Menschliche+ darstellen wollen, so

muß ich berichtigend hinzufügen: die Antike ist ja keineswegs (wie man

andeutet) das Conventionelle, Erkünstelte, Pedantische, Überspannte;

sie ist vielmehr (recht verstanden) das Menschliche, Natürliche,

Angemessene, von Unvollkommenheiten und Mängeln Gereinigte, Schöne,

bis zum Göttlichen Erhabene und Verklärte. Auch entbehrte die alte

Malerei (ja selbst die Bildhauerei) nicht des Komischen; aber ein

Fechter sah nie aus wie Zeus, einer Athene gab man nicht den Kopf einer

Köchin, einer Aphrodite nicht die Haltung einer liederlichen Person.

Es ist bald gesagt: unsere Kunst stehe (vermöge einiger christlichen,

früher ungekannten Gedanken) höher als die der Griechen; aber Gedanken

geben noch keine darstellende Kunst (wie so viele christliche Völker

erweisen), und viele Künstler haben zwar gedacht, aber nichts

vollbracht.

-- -- Die Eigenschaft leicht zu vergessen, wird oft nicht genug

gerühmt. Ich besitze wohl in zu starkem Maße, habe aber dann beim

Wiederlesen eines Buches, beim Wiederhören eines Schauspiels, das

Vergnügen eines neuen Genusses, und zugleich das angenehme Aufdämmern

einer früheren Anschauungsweise. Bei der steten Verschiedenheit der

obwaltenden Umstände und des inneren Seelenzustandes, tritt Alt und

Neu in eine eigenthümliche anziehende Verbindung. So geht mir es in

diesem Augenblicke beim Wiederlesen der Erinnerungen der Gräfin Hahn

aus Frankreich, und ich rathe Euch, sie, nach Euerem zweiten pariser

Aufenthalte, ebenfalls wieder in die Hand zu nehmen.

-- -- Es fällt mir ein, daß ich so lange nichts über die Sitzungen

in der Paulskirche berichtet habe; Ihr erfahrt ja aber Alles aus

den gedruckten Berichten. Heute haben wir nichts gethan, als drei

Präsidenten für einen Monat gewählt, und dann beschlossen, die

Sitzung zu schließen, weil der zu berathende Bericht nicht (wie

die Geschäftsordnung vorschreibt) 24 Stunden in den Händen einiger

Abgeordneten war, sondern erst 23 Stunden 25 Minuten. So streng

gesetzlich ist die Linke, -- wenn es ihr bequem ist. Morgen erwarten

uns Ströme und Lawinen aufgebauschter Worte, über Polen und Posen.

~Semper idem~! Jetzt ist der Nebenzweck (oder der Hauptzweck), für

Preußen ein Verhältniß herbeizukünsteln, oder einzuschmuggeln, welches

dasselbe hinsichtlich der Sätze 2 u. 3, über die Personalunion, mit

Österreich gleichstellt. Ich hätte mich auch einmal wieder (ohne

Erfolg) zum Reden melden können; die verständige Seite ist aber bereits

gut vertreten, und ich fühle keine Begeisterung für die unangenehme,

verfahrene Sache. Ich werde für das Überlassen der Festung Posen an

die Polen und Russen stimmen, sobald die Franzosen Straßburg, die

Österreicher Mantua, die Engländer Gibraltar, und die Russen ihre

polnischen Festungen großmüthig Denen einräumen, welche darauf etwa

Anspruch machen.

Vorgestern sprach ich Bunsen, theils über die Gegenwart

(Schleswig-Holstein, dumm verschlungen), theils über Ägypten. Die

Vorarbeiten zum vierten Bande seines Werkes sind beendet, und das

Haupträthsel über die Hyksos löset sich am besten, wenn man einfach

einräumt und einsieht, daß die biblischen Quellen im allerhöchsten

Grade lückenhaft und mangelhaft sind.

Den 6. Februar.

-- -- Ich wiederhole: die Anklage, Verweisung, Verhaftung gewisser

politisch hervortretender Personen, mag nach alten Landesgesetzen

zulässig oder geboten sein: war es aber klug, wenn das Ministerium das

Verfahren anordnete oder beförderte? Ohne seine Verhaftung wäre Temme

nicht erwählt und gestern von der Linken mit Triumph in der Paulskirche

empfangen worden; und die Verweisung von Robertus (sagt man mir) würde

in Berlin die Wahl von Waldeck und Behrens nach sich ziehen. Die

Irrthümer und Thorheiten, welche sich beide Parteien seit Jahresfrist

zu Schulden kommen ließen, sind unzählbar: und wenn einmal etwas

Zweckmäßiges und Lobenswerthes dazwischen eintritt, gleich wird das Maß

vergessen, und die Freude des Sieges, gleich wie der Verdruß über die

Niederlage, verdoppeln gleichmäßig die eilig folgenden Mißgriffe. Ohne

derlei Mißgriffe wären die besiegten und selbst gehaßten Demokraten gar

nicht wieder auf die Beine gekommen, und ein neuer Umschwung in der

öffentlichen Meinung möglich gewesen. Mit Belagerungszustand und Heer

regiert man kein Volk von 16 Millionen auf die Dauer. In welcher Macht

und Glorie stünde Preußen da, ohne diese unglücklichen Zerwürfnisse.

Ein gleich günstiger Augenblick kehrt (wenn er durch die Schuld

+beider+ Theile versäumt wird) niemals, niemals wieder! Hr. v. Vincke

erzählt mir gestern Abend: welche Note Österreichs an Preußen heute in

der Zeitung stehen werde. Ihr Inhalt ist mir (obwohl ich schon öfter

davon hörte) so unglaublich, daß ich nicht eher darüber urtheilen will,

bis sie anerkannt wird und ich sie gelesen habe. Ist sie wahr, so ist

die nächste +kleine+ Folge, daß Hr. v. Schmerling zurücktreten muß und

dafür nicht wirken kann; aber auch viel +größere+ Folgen können nicht

ausbleiben.

Hundertneunter Brief.

Frankfurt a. M., den 7. Februar 1849.

Gestern ist denn, hoffentlich zum letzten Male, der ganze Weichselzopf

hundertmal wiederholter Redensarten über Polen, aufgetischt worden. Die

Linke hat vortheilhafter und einseitiger für Polen, geringschätziger

von Deutschland gesprochen, als selbst unbefangene polnische

Schriftsteller, welche wissen, daß die Wiedergeburt eines gesunkenen

Volkes nur aus reuiger Selbsterkenntniß und Besserung hervorgehen kann.

Jetzt ist die Aufgabe nicht (wie niemals), die Weltgeschichte rückwärts

zu schieben, sondern zu thun, was der gegenwärtige Tag verlangt und

erlaubt. Er verlangt und erlaubt aber in keiner Weise, daß eine

Herrschaft der Polen über Deutsche begründet, und die ganze Ostgränze

Deutschlands und Preußens auf eine unverantwortliche Weise preisgegeben

werde. Hieran festzuhalten, ist eine unerläßliche Pflicht, deren

Erfüllung aber ganz natürlich den Polen mißfällt. Trotz ihres Lobredens

polnischer Einrichtungen, zeigt sich doch ein fast allgemeines Streben,

+nicht+ unter eine +polnische+ Verwaltung gestellt zu werden: die Güter

sinken im Preise, die Juden kündigen ihre Kapitale, und die Beglückten

gehen dem Bankerotte entgegen.

Jede Demarkationslinie zwischen Deutsch und Polnisch hat

außerordentliche Schwierigkeiten; daß man aber (wie die Linke wollte)

hinter zehn Beauftragten den elften herschickt, und große Karten mit

großen Kosten in Kupfer stechen läßt, hilft nicht weiter. Deshalb hat

die Versammlung gestern, mit großer Stimmenmehrheit, das bestätigt, was

sachverständige preußische und Reichscommissarien vorgeschlagen haben.

Die Mangelhaftigkeit +jeder+ Demarkationslinie wird sich, ohne Zweifel,

in der weiteren Anwendung herausstellen, und das künstlich Getrennte,

in Folge der Natur und der Macht, vielleicht wieder zusammenfließen.

Der Antrag eines Theiles der Linken: Unterhandlungen darüber zu

eröffnen, daß das +ganze+ Herzogthum Posen mit Deutschland vereinigt

werde, ward aber abgelehnt, weil man sich erstens der Gefahr nicht

aussetzen soll, von den Polen schnöde zurückgewiesen zu werden, und

weil sie zweitens bisher darauf beharren, ganz Posen sei polnisches

Land, und ebenso Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Schlesien u. s. w.

Bei dieser Weise zu schließen, giebt es keinen begründeten Besitz, und

ich mache mich anheischig, zu beweisen: dem Papste gebührten alle,

einst zum römischen Reiche gehörigen Länder.

Ich habe dem Könige von Baiern Folgendes geschrieben:

„Schon längst hätte ich Ew. Königl. Maj. schreiben und für das mir

Übersandte meinen Dank abstatten sollen; aber ein König hat nicht Muße,

die Herzensergießungen jedes Dankbaren und Anhänglichen anzuhören.

Jetzt ist mir aber das Herz so voll, daß ich wage, wenigstens Einiges

auszusprechen.

Es muß eine neue Verfassung für Deutschland +baldigst+ zu Stande

kommen, wenn wir unser Vaterland nicht im Inneren und von Außen den

+größten Gefahren+ aussetzen wollen. Geht die hiesige Versammlung

auseinander, ohne ein großes, würdiges, zufriedenstellendes Ergebniß,

so bleibt eine neue Revolution nicht aus, gewaltsamer noch, als die des

vorigen Jahres, und den meisten deutschen Fürsten Verderben bringend.

Die Verfassung darf keinen Einheitsstaat bezwecken, auf Kosten

der den Deutschen natürlichen Mannigfaltigkeit, und mit völliger

Vernachlässigung alles Dessen, was die Stämme und die Regentenhäuser

mit Recht fordern. Andererseits darf aber die zur Unthätigkeit und

Nichtigkeit führende Zerstückelung Deutschlands nicht fortdauern; man

darf sich nicht (im Widerspruche mit der ganzen, deutschen Geschichte)

auf eine +unbedingte+ Souverainetät beziehen, welche Napoleon (~timeo

Danaos dona ferentes~) höhnisch den deutschen Fürsten darbot, um ihre

Knechtschaft (sehr ungenügend) zu verdecken.

Wäre Deutschland ganz abgeschieden von der übrigen Welt, so könnte

es vielleicht mit den alten Formen fortleben in aller Gottseligkeit

und Ehrbarkeit; bei den jetzigen europäischen Staats- und

Machtverhältnissen ist dies aber +unmöglich, ohne ganz zu Grunde zu

gehen+.

Ich habe Gelegenheit gehabt, hierüber in Paris die bittersten

Beobachtungen und Betrachtungen anzustellen. Wenige edle und gescheite

Männer (wie Cavaignac und Bastide) sahen ein, daß, für Frieden und

Bildung Europas, ein einiges und starkes Deutschland nöthig sei; --

die meisten hingegen stehen noch (trotz der so wesentlich veränderten

Verhältnisse) auf dem Standpunkte der feindlichen, betrügerischen

Politik Ludwig’s XIV. Sie verspotten die frankfurter Bestrebungen als

kindisch, aberwitzig, unsinnig, und ihre Hoffnungen und Weissagungen

sind in aller Kürze die folgenden: »Österreich und Preußen trennen

sich und gerathen in Eifersucht und Hader. Bei diesem Gleichgewichte

liegt Übergewicht und Entscheidung in unserer Hand. Baiern (und hiemit

Süddeutschland) ist und bleibt aber, nach wie vor, von uns abhängig.

Baiern möchte gar zu gern eine Großmacht sein oder werden; es hat

unseren Lockungen weder im spanischen, noch im österreichischen,

noch in den Revolutionskriegen widerstanden; es wird auch jetzt von

Deutschland, das ihm Entsagungen zumuthet, ablassen, und unseren

Höflichkeiten und Versprechungen nicht widerstehen.« -- So und noch

viel +ungebührlicher+ für Baiern, lautete Das, was ich täglich in Paris

hören mußte; -- dem ich aber, im Vertrauen auf den deutschen Sinn Ew.

Königl. Maj., nachdrücklichst widersprach.

Es kann, es wird, es muß ein Ausweg gefunden werden, der ganz

Deutschland +einigt+, und in der dadurch unermeßlich vermehrten Macht

unseres gesammten Vaterlandes wird jeder einzelne Mensch, jeder

einzelne Staat, jeder einzelne König zehnfachen Ersatz für etwanigen

(meist nur scheinbaren) Verlust finden.

Hier in Frankfurt lebt man fast allgemein der Überzeugung: es hänge

jetzt wesentlich von Baiern ab, ein glückliches Ziel für Deutschland

zu erreichen. Um der Sache, um Ew. Königl. Maj. Person willen, wünsche

ich mit aller Kraft des Geistes und Herzens, daß dieser Glaube, diese

Überzeugung die rechte sei, und in wenigen Tagen, von München aus, alle

uns umringenden Sorgen verscheucht werden! Mit größter Verehrung und

Anhänglichkeit u. s. w.“

-- -- Gestern wollte ich Rossini’s Barbier von Sevilla für 48 Kreuzer

+ganz+ hören, hatte aber an der Hälfte genug. Die Agrémens, Solfeggien,

Gurgeleien, Carillons sind in übermäßiger Weise aufgetischt; welch ein

Unterschied, wenn ich diesen Figaro mit +dem+ Mozart’s vergleiche.

Unglücklicherweise hatte ich Lablache, die Grisi &c., noch im

Gedächtniß; sodaß die hiesige Aufführung natürlich sehr dahinter

zurückblieb.

In diesem Augenblicke komme ich von dem ersten erfreulichen

Spaziergange beim schönsten Wetter zurück. Gingen wir doch so gewiß

einem politischen Frühlinge, als einem natürlichen entgegen; wie gern

wollte ich noch einigen Schnee und Eis ertragen!

Die berliner Wahlen haben mich betrübt, aber nicht im Mindesten

überrascht. Die irrigen Ansichten der Umwälzer, das verkehrte

Wahlgesetz, der thörichte Eifer der Reaktionaire, die Zerfallenheit

der Conservativen, die Thätigkeit und Einigkeit der Radikalen und

die Mißgriffe des Ministeriums mußten in einer Stadt von 400,000

Einwohnern derlei Ergebnisse herbeiführen. Stellen die Landschaften

das Gleichgewicht nicht wieder her, so gehen wir traurigen Ereignissen

entgegen!

Ich lese mit größtem Erstaunen, was Lord Palmerston im Parlamente über

die Verhältnisse Englands zu Österreich gesagt hat. Danach sollte

man glauben, es habe die größte Freundschaft gegen seinen ältesten

Bundesgenossen gezeigt, ihn gegen ehrgeizige Nachbarn und empörte

Unterthanen geschützt, für eilige Herstellung des Friedens gewirkt

u. s. w. -- Und nun erinnere ich mich, in welcher Verzweiflung Hr.

v. T. über Normanby und Palmerston war, und wie er sich Trost bei

Bastide holte!! -- Bezweckt Palmerston nur, durch diese plötzliche

Lobrede sich als Minister zu erhalten? Will er täuschen? Hat er sich

von den Phantasien N--s und M--s frei gemacht? Ist er der Italiener

überdrüssig? Hat er gründlich eingesehen, er müsse eine andere Richtung

einschlagen? Oder sind die Berichte ungenau? -- Die Zeit wird Alles

aufklären. --

Hundertzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 8. Februar 1849.

Ist es nicht ein Unglück, daß in der Hauptstadt eines Königreiches

lauter Männer gewählt werden, die nach ihrer innersten, ja nicht einmal

verhehlten Überzeugung den König wegjagen und eine Republik gründen

möchten, welche ohne Bürgerkrieg nicht zu Stande kommen und niemals,

in unseren Verhältnissen, Ordnung begründen und Dauer gewinnen kann?

Und doch wird dieser furchtbare Versuch (womit auch Süddeutschland

sehr bedroht ist) nicht ausbleiben, wenn die Regierungen abwechselnd

klägliche Schwäche und übertriebene Härte zeigen.

Freilich ists am leichtesten, scheinbar großartig und folgerecht

immer zu loben oder immer zu tadeln, stets zu hoffen oder stets

zu verzagen; in Wahrheit aber ist solch einziger Leisten für den

Staatsmann unbrauchbar, und auch für den gewöhnlichen Beobachter nur

eine oberflächliche Angewöhnung. Dadurch daß der, von Verblendung

und Vorurtheilen gereinigte Spiegel des menschlichen Gemüthes das

Verschiedene verschieden zurückspiegelt, wird er nicht zum Chamäleon;

sondern hinter den Bildern und Eindrücken steht der ordnende Verstand

und der handelnde Charakter!

Freilich zeigen revolutionaire Zeiten am meisten, daß Verstand und

Charakter nicht ausreichen, geselligen Krankheiten vorzubeugen und sie

zu heilen. Das entbindet weder von pflichtmäßiger Thätigkeit, noch

darf man den +Glauben+ an eine höhere Vorsehung aufgeben, weil man die

Weisheit ihrer Führung nicht überall (mit beschränkten Gaben) sieht und

begreift. Für menschliche Betrachtungsweise bleibt es indessen tragisch

zu sehen, wie einzelne Menschen und ganze Völker sich leiblich und

geistig zu Grunde richten und dem Tode, der Auflösung, entgegeneilen.

So helfen krampfhafte Zuckungen den Polen nicht zu neuem Leben; so

scheint die pyrenäische Halbinsel die Mittel einer Wiedergeburt nicht

finden zu können. Wird Italien, Frankreich und selbst Deutschland einem

ähnlichen Schicksale verfallen?

Den 9. Februar.

Gestern habe ich in der Paulskirche meist entsetzlich lange und

langweilige Reden aushalten müssen, über Grundsätze und Plane, welche

längst durch Wissenschaft und Erfahrung widerlegt sind. Man verdummt

ganz auf diese Weise und kann die Frage nicht unterdrücken: ob dies

nicht ein unverantwortliches Vergeuden seiner Zeit sei?

Ich bin im abgelaufenen Jahre Reichstagsabgeordneter und

Reichsgesandter gewesen, bin Excellenz gescholten worden, habe mich in

~routs~ und ~soirées~ umhergetrieben, Europas Wohl und Weh durch meine

Hände gleiten lassen, Verfassungen und Grundrechte accouchiren helfen

u. s. w. u. s. w., -- und doch in keinem Jahre meines Lebens so wenig

gethan und zu Stande gebracht, als in diesem! Es wird auch nicht die

geringste, nachweisbare Spur einer nützlichen Thätigkeit zurückbleiben;

Alles verschwindet, sehr natürlich, in den großen Wogen der Zeit. --

Vor mir liegen meine (schön abgeschriebenen) Berichte aus Paris. Was

steht denn drinnen? Eigentlich nichts!

Zu dieser Jeremiade kann ich mir freilich (nur allzu leicht) den

zweiten Theil machen. Allerdings habe ich einst auch im historischen

Rohre gesessen (Bibliotheken und Archive) und Pfeifen daraus

geschnitten; aber die Pfeifen trocknen zusammen, und jedes Jahr bringt

neues Rohr und neue Rohrsperlinge, die das große Wort führen. Dann

liegen meine geschichtlichen Arbeiten so gut (oder so schlecht) ~in

praesepio~ und begraben, wie Gesandtschaftsberichte und Abstimmungen.

Vielleicht schwimmt nur einige leichte +Spreu+ oben, während der

schwere gelehrte Packwagen untergesunken ist.

Zu etwas Anderem! Habt Ihr wohl gesehen, wie ein Teckel um einen

großen Jagdhund herumspringt, ihn zwickt und anbellt? Der Große

schaut ringsum, läßt sich in seiner Weltbetrachtung nicht stören, und

verkündet endlich mit einem mächtigen +Wau!+ das Ergebniß derselben.

Freudig und schwanzwedelnd denkt und sagt hierauf der kleine Teckel:

er habe dem Großen zu Gedanken und Empfindungen geholfen; ein

Geburtshelfer wie Sokrates! -- So der kleine Eckermann und der große

Goethe; -- Alles (wie man höflichst hinzusetzt) ~sans comparaison~!

-- Ich nahm gestern den dritten Theil der E. Gespräche in die Hand:

Einzelnes von Goethe vortrefflich; Anderes so unbedeutend, daß es nur

da ist Bogen zu füllen und Eckermann’sche weisheitsvolle Betrachtungen

anzuhängen.

Den 10. Februar.

Ich tadele mich selbst, daß ich die außerordentlich günstigen

Gelegenheiten, mich in einzelnen Tugenden zu üben, nicht sorgfältiger

und dankbarer benutze. Sich stundenlang über Dinge belehren zu lassen,

deren Erforschung man das ganze Leben gewidmet, und zwar von Leuten,

die gar nichts davon verstehen, -- ist das nicht die größte und

schönste Geduldsprobe, die man sich nur wünschen kann? Dennoch ergreift

mich Ungeduld, vor Allem über die Zeitvergeudung. Gestern eilte ich

deshalb mit meinem Nachbar hinaus: wir gingen in der Sonne spazieren,

nahmen ein Mittagsfrühstück ein und nach der Rückkehr gab derselbe

Redner noch immer seine Weisheit zum Besten.

Die Schwierigkeit der Aufgaben steigt hier mit jedem Tage. Die

preußische Note fand und findet Beifall als verständiges, gemäßigtes,

+erstes+ Wort; dem aber nothwendig mehre folgen müssen, um irgend ein

Ziel zu erreichen.

Nicht blos die ganze Versammlung und die Regierungen bedürfen des

Muthes, der Mäßigung und der Einsicht; sondern jeder Einzelne

(der nicht willenlos irgend einer Strömung folgen will) geräth in

schwierige, unangenehme Verhältnisse.

Die schwierigste aller Fragen betrifft Österreich. Sehr natürlich

wünscht dasselbe die Sachen in die Länge zu ziehen, damit es sich

unterdessen ordnen und dann mit verdoppeltem Nachdrucke auftreten

könne; aber ebenso natürlich und aus nicht minder wichtigen Gründen

wünscht man hier +rasch+ zum Schlusse zu kommen. Österreich tadelt die

vorgeschlagene Centralisation und die Hinneigung zum Einheitsstaate;

Frankfurt tadelt, daß Österreich im Wesentlichen den alten Staatenbund

beibehalten, oder dahin zurückkehren wolle. Soll der hier bezweckte

Bundesstaat und die hier entworfene Verfassung zur Anwendung kommen,

so kann und wird Österreich nicht beitreten; soll es hingegen

beitreten, so muß man wesentliche, bereits angenommene Punkte abändern

und verwerfen. Binnen kurzer Zeit kommen wir zur zweiten Lesung des

Verfassungsentwurfes. Hat sich Österreich nebst den übrigen Staaten bis

dahin +nicht+ bestimmt ausgesprochen, so wird man (darum unbekümmert)

vorwärts gehen und das +zwei Mal+ Angenommene und Bestätigte schwerlich

ohne großen Zank und Lärm einer neuen Prüfung und Abänderung

unterworfen werden. Und doch sind nicht Wenige der Meinung: man solle

hier erst Alles fertig machen lassen, ehe man sich ausspreche, oder

Wünsche und Zwecke auch nur andeute. Dies ist ganz richtig, wenn zwei

bestehende, geordnete, staatsrechtliche Körperschaften +nach+einander

unter sich verkehren. Hier lauert im Hintergrunde der Anspruch der

Reichsversammlung auf Allmacht, und der Regierungen auf ein unbedingtes

Veto. Die kleineren Staaten, welche spüren daß es sich um ihr Sein

oder Nichtsein handelt, haben sich meist freundlich und für Preußen

ausgesprochen; Baiern benimmt sich am unbequemsten, und möchte am

liebsten, mit Österreich und Preußen gleichberechtigt, als der dritte

dastehen. Solch Triumvirat hat aber wenig Vertheidiger; die Trias ist

fürs Innere zu wenig, fürs Äußere zu viel. Rußland und Frankreich

gegenüber muß sich Deutschland so einigen und dadurch so stärken, daß

diese Mächte Ehrfurcht davor bekommen +müssen+, sonst bleibt unser

Vaterland der Spielball für fremde Interessen und Zwecke. -- Gut daß

das Papier zu Ende ist und meinen politischen Kannegießereien ein Ende

macht.

Hunderteilfter Brief.

Frankfurt a. M., den 11. Februar 1849.

Gestern las ich den dritten, mir noch unbekannten, Theil von Huber’s

Skizzen aus Spanien: ein lebendiges Bild der aufgelöseten Zustände

des Landes und des herzzerreißenden Elends der Vertriebenen. Murillo

und die Alhambra können darüber kein Licht verbreiten; die Nacht der

Gegenwart wird hiedurch vielmehr doppelt finster. Mein Gott, mein Gott!

wenn vielleicht Deutschland nach 30 Jahren ähnliche Erscheinungen

darböte, und alle jetzt Mitwirkenden, wenn auch nicht als Verbrecher,

doch als verblendete Mitschuldige erschienen!!

Gestern begegnete ich einigen der verfassungmachenden Professoren,

strahlend (~rayonnants~) vor Freude über die österreichische Note. Nun,

riefen sie, haben wir Fahrwasser, nun segeln wir vorwärts mit vollen

Segeln!

Ist es bloße Beschränktheit, bloßer Eigensinn, wenn mir die Lage der

Dinge nicht so heiter erscheint? Was zeigt die preußische und die

österreichische Note?

Erstens, daß Preußen und Österreich über wichtige Dinge uneinig sind,

und das erste sich gegen Frankfurt nachgiebiger und freundlicher

erweiset, als das letzte. -- Ist diese Uneinigkeit für ein +einiges+

Deutschland wirklich ein Gegenstand der Freude, und die despotische

Klugheitsregel: ~divide et impera~, an der Zeit?

Zweitens, Preußen kann sich um die Kaiserwürde nicht bewerben und der

Gefahr des Zurückweisens aussetzen; es darf sich um einiger frankfurter

Stimmen willen nicht ganz mit Österreich (ja vielleicht auch mit

anderen Mächten) überwerfen, und der Ruf: „das preußische Volk wird den

König +zwingen+“! will die Gesundheit starken, durch Einimpfen einer

neuen Krankheit!

Drittens, Österreich will weder freiwillig aus dem deutschen Bunde

scheiden, noch sich gutwillig und gehorsam hinausweisen lassen. Wer

soll, wer kann es zur Unterwerfung zwingen?

Viertens, Österreich erklärt feierlich: es werde eine deutsche, +über+

dasselbe hingestellte, Reichsmacht nicht anerkennen.

Fünftens, es verwirft wesentliche Punkte der hier vorläufig

angenommenen Verfassung, insbesondere die Sätze 2 und 3.

Die hiesigen Urheber der Verfassung wollen (so scheint es) aus dem

Allem erweisen, daß Österreich aus Deutschland ausscheiden und die

österreichischen Abgeordneten die Paulskirche verlassen +müßten+. Der

Verfassungsentwurf sei +unverändert+ aufrecht zu halten und nunmehr

rasch und mit Nachdruck durchzusetzen. Sie bleiben bei der allgemeinen

Verehrung ihres abstrakten Werkes stehen, haben sich um die Möglichkeit

seiner Verwirklichung, um den Inhalt der bis jetzt ganz leeren Form,

gar nicht bekümmert und glauben mit Hülfe ihrer Paulskirchenallmacht

jede Schwierigkeit, jeden Widerspruch leicht zu beseitigen. Ob aber

Fürsten und Volksstämme dem Allem beistimmen, ob die (fast immer

uneinige) öffentliche Meinung sich dafür erklären werde, ob man

Hindernisse mit Gewalt wegräumen dürfe und könne; -- diese, und

ähnliche praktische Fragen lassen sich nicht kurzweg und von oben herab

zur Seite werfen.

Wenn sich Österreich vom deutschen Bunde trennt, so ist zu befürchten

daß die daselbst wohnenden Deutschen sich nach 100 Jahren zu ihrem

Vaterlande so verhalten werden, wie die Elsasser, Kurländer und

Liefländer; sie sind in Gefahr daß die zahlreicheren fremden

Völkerstämme sie absorbiren und beherrschen.

Andererseits erfordert die Unparteilichkeit zu gestehen: man widersetze

sich mit Recht der Richtung, welche für Deutschland eine +neue+ Zeit,

lediglich durch eine Art von Herstellung des +alten+ Bundestages

herbeizuführen wähnt. Die einzige Rettung liegt in wechselseitiger

Verständigung und Mäßigung; die erste darf sich aber nicht auf

einseitige Befehle gründen, und die letzte nicht in ein schwächliches

Verläugnen und Aufgeben aller Grundsätze hinabführen. +Diese+ Gefahr

ist jedoch in unseren Tagen deshalb nicht gar groß, weil man alle

Weisheit meist in dem Äußersten, den Extremen sucht, und angeblich auch

daselbst findet.

-- -- Gestern Abend ging ich noch einmal in den, schon oft mit Beifall

gegebenen, Sommernachtstraum. Man kann mit der Aufführung sehr

zufrieden sein; unter Anderen spielten die beiden Liebespaare viel

frischer und lebendiger als gewöhnlich, die Handwerker ergötzlich

und die Hausmann (Puck) keck, heiter und anmuthig, ohne in falsches

Kokettiren, oder Übertreiben hineinzugerathen. Ich fand Lehre und Trost

außerdem darin, daß es neben so vielen vergänglichen Wirklichkeiten,

ewige, beseligende +Träume+ giebt!

Den 12. Februar.

Wäre ich ein Schinken oder eine Wurst, so würde ich mich gestern Abend

in der Rauchkammer des Casino sehr wohl befunden haben, aber als

unschuldsvoller Mensch!! Doch hielt ich lange genug aus, um mancherlei

+schweigend+ anzuhören; denn fürs +Reden+ wäre ich gewiß in noch

größere Gefahren gerathen.

So vernahm ich also, daß das Triumphlied über die österreichische,

freies Segeln herbeiführende Note, nicht ohne hineintönende Dissonanzen

abgesungen werde. Es bildet sich ein neuer zahlreicher Klub, welcher

verlangt, daß der Verfassungsentwurf so geändert und berichtigt werde,

daß Österreich im deutschen Bunde bleiben könne. Insbesondere richtet

sich der Angriff wider die bekannten Absätze 2 und 3 und die nur

verstattete Personalunion. Gagern’s Vorschläge sich mit Österreich

zu verständigen, wurden von Vielen angenommen, um härtere Beschlüsse

zurückzuweisen; nun aber Österreich nicht darauf eingeht, so sind

wir auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen. Obgleich die Mitglieder

des Casino die eifrigsten Vertheidiger des Verfassungsentwurfes

sind, sprach sich doch die Besorgniß aus, ob man die Mehrzahl für

sich haben werde; woran sich der Wunsch anreihte, daß die preußische

Versammlung später eröffnet werde. Allerdings führt die gleichzeitige

Thätigkeit zweier constituirenden Versammlungen zu den größten

Unbequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten; allein der zunächst für die

Vertagung hervorgehobene Grund (10 für Berlin erwählte Abgeordnete

hier festzuhalten, um die Mehrzahl nicht zu verlieren) offenbarte nur

zu deutlich die schwache Seite des ganzen Baues. Wie kann man sich

einbilden, daß die allerwichtigsten Fragen (z. B. über das Kaiserthum,

die Aufnahme und Ausschließung Österreichs u. s. w.) durch ein Dutzend

Stimmen in der Paulskirche sich auf lange Zeiten hinaus entscheiden und

alle Widersprüche beseitigen lassen. Ob man diesem, oder jenem Urlaub

verweigert, Einige aus den Speisehäusern vom Frühstück zum Abstimmen

herbeiholt -- derlei Kleinigkeiten sollen eine feste Grundlage und

Entscheidung herbeiführen, Österreich schrecken, Preußen zwingen, und

allen Übrigen den Mund stopfen. Deutschland ist noch nicht einiger,

als die hier sich nur zu oft und zu heftig widersprechenden Klubs, von

denen keiner das opfern will, was man ein Princip nennt, während es

meist nur eine bloße schwach begründete Meinung ist.

Ein solcher sich jetzo breit machender und breitgetretener Satz des

angeblich höheren Kosmopolitismus ist: „daß kein Volk jemals ein

anderes beherrschen dürfe.“ Jeder kennt die Mißbräuche ungerechter

Herrschaft; allein jener Satz unbedingt ~in abstracto~ hingestellt,

streicht die ganze Weltgeschichte aus, oder treibt Götzendienst

mit dem Mittelmäßigen, Unfähigen, Untergeordneten. Geherrscht haben

alle wahrhaft tüchtigen, welthistorischen Völker: Juden, Griechen,

Römer, Araber, Deutsche, Franzosen, Spanier, Engländer. Sie haben

die Herrschaft mit Recht verloren, sobald sie ihren hohen Beruf

mißbrauchten, oder die dazu gehörige Kraft und Seelenstärke einbüßten.

So war es vor dem Jahre 1848, und wird auch nachher so bleiben.

Sonderbar, daß man den kleinen, schwachen, ungebildeten Völkern

eine völlige Unabhängigkeit vindicirt; sie aber keinem einzelnen

Mitgliede eines Klubs verstattet, sondern Unterwerfung unter die bloße

Mehrzahl verlangt. Regeln ohne Ausnahmen sind der Tod der lebendigen

Mannigfaltigkeit, und finden sich wohl nur in der reinen Mathematik. In

der physischen Astronomie herrscht die Sonne, und den Planeten ist nur

verstattet sich untereinander ein Weniges zu turbiren.

Man hofft hier in vier Wochen zu Ende zu kommen; doch dürfte es nur ~le

commencement de la fin~ sein.

Hundertzwölfter Brief.

Frankfurt a. M., den 13. Februar 1849.

Ich sage mir täglich: „Tadeln ist leichter, als besser machen!“

-- um nicht in bloßes Verneinen und Widersprechen zu gerathen. In

Wahrheit verlange ich aber nur daß Männer, die sich für Staatsweise

und Volksärzte ausgeben, die eintretenden Thatsachen ernst prüfen und

verständig berücksichtigen sollen. Erklärungen, wie die preußische

und österreichische, Erscheinungen wie die in der baierschen und

sächsischen Kammer, sind von zu großer Wichtigkeit, als daß man

dagegen die Augen verschließen darf. -- Spreche ich so, dann

verlangt man von mir, daß ich eiligst eine Universalmedicin gegen

alle Schwierigkeiten und Krankheiten aus der Tasche ziehe; in welche

Quacksalberei zu verfallen, ich nicht thöricht genug bin. Nur so

viel weiß ich: daß, wenn eine Krankheit eine ganz andere Wendung

nimmt, wenn unvorhergesehene Krisen eintreten, ich nicht nach wie

vor dieselbe Arznei eingebe. Und doch wollen Viele, hinsichtlich des

Verfassungsentwurfes, jede Ermäßigung oder Abänderung zurückweisen.

Sonderbar, bis zu der Zeit, wo ich nach Paris ging, ließen sich die

Preußen schafsgeduldig in der Paulskirche schmähen, und behaupteten

(mir widersprechend): jede Vertheidigung erhöhe den Haß und verstärke

den Feind. Erst bei Brentano’s unwürdigem Angriff auf den Prinzen von

Preußen ging ihnen endlich die Geduld aus.

Jetzt finde ich hingegen die Preußen begeistert für kühnen Angriff, und

selbst würdige Männer sprechen: wir müssen den preußischen Erbkaiser

durchsetzen, und dafür sogar einen +Krieg+ nicht scheuen. So, die

neuesten Zeichen der gewonnenen deutschen +Einheit+; und den scharf

gesonderten Parteien in der Paulskirche und den Klubs, stehen draußen

gleichgesinnte Eiferer zur Seite. Stimme ich nach den Forderungen

der meisten Preußen, so muß ich in vielen Punkten meine Überzeugung

unterordnen und preisgeben; stimme ich wider sie, so gelte ich für

dumm, schwach und abtrünnig. Könnt Ihr Euch wundern, wenn ich, hin und

her geworfen zwischen dieser Scylla und Charybdis, zwischen Grundsätzen

wahrer oder falscher Wissenschaft, und der Gewalt herandrängender

Thatsachen, mich nicht bequem befinde; wenn ich unfähig bin, den Sturm

zu beschwören und wiederum zu selbstständig mich willenlos in das

Schlepptau nehmen zu lassen? An Reden (das heißt im kleineren Kreise)

lasse ich es nicht fehlen, wenigstens um mein Herz zu erleichtern; auch

ist es ganz richtig, daß ich, von aller Theilnahme und Mitwirkung

ausgeschlossen, keineswegs sorgenfrei leben würde.

-- -- Werder’s „begeisterte“ Rede über die Eigenschaften, welche ein

Mitglied der ersten Kammer haben solle, erinnert daran, daß eine Dame

die andere schriftlich bat, ihr einen Hofmeister mit den und den

vortrefflichen Eigenschaften auszuwählen. Diese antwortete: noch habe

ich einen solchen nicht gefunden; sollte ich aber so glücklich sein,

werde ich ihn -- heirathen!

Den 14. Februar.

In Devrient’s pariser Theaterbüchlein finde ich eine Stelle über

Lamartine, die ganz mit meinen Urtheilen und Erfahrungen übereinstimmt.

Er schreibt von ihm: „Alles, was er sagte, war schief und widersprach

sich; aber es klang, und er selbst schien Freude daran zu haben. --

Seine Reden haben die Eigenheit, am Ende immer das Gegentheil von Dem

zu sagen, was sie anfangs ausgesprochen haben.“

-- Wislicenus schickt mir aus St. Louis seine Reise nach Nordmexiko.

Sie geht den Arkansas aufwärts nach Santa Fé, dann den Rio del Norte

abwärts bis el Paso del Norte, Chihuahua, Saltillo, Monterei, Matamoros

und über Neu-Orleans nach Hause. Obgleich geschrieben in der einfachen

Form eines Tagebuchs, giebt sie doch sehr anziehende Aufschlüsse über

Pflanzen, Gestein, Bergeshöhen, Thäler und Flüsse, Menschen und Thiere.

Sie erweiset unter Anderem 1) daß große Landstrecken zum Anbau ganz

ungeeignet, andere hingegen sehr brauchbar sind; 2) daß reiche Gold-

und Silberminen vorhanden sind, ohne die Leute zu bereichern; 3) daß

in einigen Gegenden guter Wein gebaut wird; 4) daß die Mexikaner den

Nordamerikanern gar nicht widerstehen können, und selbst ein Spott

der Indianer sind; 5) daß die Indianer, welche sich beharrlich aller

bürgerlichen Ordnung und milden Erziehung widersetzen, und nichts thun

als stehlen und rauben, -- ausgerottet werden, gleichwie die wilden

Thiere, welche Gott auch geschaffen hat.

-- -- Ein heftiger Angriff auf das Veto des künftigen Reichsoberhauptes

ward gestern mit großer Mehrheit zurückgewiesen, die Berathung über

das Wahlgesetz aber der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes

vorangestellt. Zu den ausgesprochenen guten Gründen gesellt sich ein

verschwiegener, als der wichtigste. Das Wahlgesetz schlägt nämlich

vor: Dienstboten, Tagelöhnern, Handwerksgehülfen und Fabrikarbeitern

das Wahlrecht zu versagen. Dagegen wird die Linke Sturm laufen; sie

hofft eine solche Aufregung herbeizuführen und die für jene Bestimmung

Auftretenden dergestalt verhaßt zu machen, daß nicht blos das Wahlrecht

unbedingt allgemein ertheilt werde, sondern auch nächstdem die

ihnen unbequemen Bestimmungen des Verfassungsentwurfes bei der neuen

Berathung durchfallen. So gehen wir den lebhaftesten parlamentarischen

Kämpfen entgegen, während man aller Orten neuen Aufruhr ankündigt. Auf

letzteren ist man gefaßt, und entschlossen, mit den strengsten Mitteln

dagegen einzuschreiten.

Den 15. Februar.

Gestern Abend war im Casino vorläufige Berathung über das Wahlgesetz.

Man erklärte sich gegen das allgemeine Wahlrecht, und ebenso gegen die

ausgesprochene Ausschließung ganzer Klassen von Personen. Jenes, weil

die Besitzlosen sonst ganz allein entscheiden; dieses, weil es verletzt

und in sich verschiedene Verhältnisse viel zu gleich behandelt. Deshalb

will man, ohne die +ausgeschlossenen+ Personen zu bezeichnen, gewisse

Bedingungen der +Zulassung+ aussprechen, z. B. fester Hausstand,

Grundbesitz, Einnahme, Steuerzahlung. So kommt man auf Das hinaus, was

jetzt als Census verrufen ist; doch waren die Anwesenden überzeugt,

man dürfe in dieser höchst wichtigen Sache nicht um Beliebtheit beim

niedrigen Volke buhlen (die wir ohnehin nicht besitzen, oder erlangen

werden) und sich ebensowenig vor Widersprüchen und Anklagen fürchten,

sondern Das befördern, was, nach bester Überzeugung, für unser

Vaterland als das Heilsamste erscheint.

Zur allgemeinen Besprechung über das Wahlgesetz haben sich 43 Redner

einschreiben lassen. Was werden da für Redensarten und Phrasen

ausgespielt werden. Heute kam ein Antrag zur Abstimmung: man solle,

+abgesehen+ von allem über die Verfassung Beschlossenen, einen neuen

Ausschuß erwählen und +ganz von Neuem+ beginnen. Soviel man auch gegen

das Beschlossene einzuwenden, und vielleicht bei der zweiten Lesung zu

ändern haben mag, erschien doch eine solche Unfähigkeitserklärung zu

stark, und sie fiel mit 110 gegen 298 Stimmen durch.

Hundertdreizehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 16. Februar 1849.

Wenn man einer Sorge ledig wird, tritt eine andere ein. In den ersten

Monaten nach Eröffnung des frankfurter Reichstages war dieser allzukühn

und nahm volle Allmacht in Anspruch. Der Bundestag ward zur Seite

geworfen, ein Reichsverweser aus eigener Macht ernannt; von Fürsten und

Regierungen nahm man keine Kenntniß, und diese schwiegen und verkrochen

sich, aus Furcht vor den gewaltsamen, revolutionairen Ausbrüchen.

Jetzt hingegen steigen deren Ansprüche mit jedem Tage und es ist

offenbar genug, daß sie die frankfurter verfassunggebende Versammlung

in eine blos berathende Behörde verwandeln und den alten Staatenbund

mit wenigen Abänderungen herstellen möchten. Wenn Österreich sein

Gewicht in diese Wagschale legt und Preußen schwankt, so könnte leicht

das letzte Ziel erreicht, Frankfurt ohne Ergebniß aufgelöset und (wie

es schon in Paris und London geschieht) als thöricht und lächerlich

bezeichnet werden.

Ist man aber hiemit wirklich an einem löblichen, genügenden Ziele

angelangt? Ich glaube keineswegs! Mag man den alten Bundestag

übertrieben getadelt haben, und sein Übelthun, oder Nichtsthun, mehr

durch die +Personen+, als durch die +Form+ herbeigeführt sein, gewiß

genügt ein solcher vielköpfiger Fürstentag dem inneren Bedürfnisse

Deutschlands nicht, und noch weniger seinem gefährlichen Verhältnisse

zum Auslande. Die beschlossenen Grundrechte bedürfen einzelner

Verbesserungen, aber sie sind viel zu sehr aus wirklichen Bedürfnissen

hervorgegangen, als daß man sie, im Widerspruche mit fast allgemeinen

Wünschen und Überzeugungen, verwerfen dürfte. Ebensowenig kann jetzt

eine deutsche Verfassung ohne Volkshaus und Volksvertretung Boden

gewinnen.

Es ist möglich, daß wir an Mattigkeit, Uneinigkeit, oder durch Gewalt

sterben; aber aus unseren Gebeinen würden Rächer erstehen, es dürfte

sich ein neuer, größerer Sturm erheben, und zuerst die kleineren,

dann die größeren Fürsten von der deutschen Erde hinwegfegen. Hierauf

vielleicht eine wilde Republik, und dann der Sieg der Despotie, unter

obligater, theuer bezahlter Mitwirkung fremder Mächte. Die kleineren

Fürsten scheinen am ersten erkannt zu haben, um was es sich handelt

und was auf dem Spiele steht; nicht so die neu geschaffenen Könige.

Allerdings muß man Vieles begraben, was abgestorben ist, und woran

Niemand mit größerer Zärtlichkeit hing, als ich; Wünsche aber beleben

nicht, und jede Wiedergeburt erfordert eine andere und neue Gestaltung.

Mit welcher Theilnahme betrachtete ich in meinen Kinderjahren die

homannsche Karte des schwäbischen Kreises. Die unerbittliche Hand

einer revolutionairen Zeit hat dies Alles weggewischt und mit +einer+

Farbe überstrichen, welche (jeder Mannigfaltigkeit entbehrend)

an den Mangel aller Farbe in dunkler Nacht erinnert. Statt all

der verschiedenen Eigenschaften, Organisationen, Qualitäten, nur

gleichartige Quantitäten, Volksmenge und ein Divisionsexempel, welches

man constitutionelle Repräsentation nennt!

+So+, wenn ich theilnehmend rückwärts blicke; der Historiker soll aber

ein zweiköpfiger Janus sein und auch vorwärts sehen und forschen. Man

liebt und ehrt seine Voreltern, aber jedes Geschlecht muß seine eigenen

Kinder zeugen.

Alle europäischen Regierungen haben sich concentrirt und innerlich

gestärkt; ihnen gegenüber ist ein zerstückeltes, vielköpfiges,

vielerlei wollendes Deutschland immer im Nachtheile. Man muß sich

+unterordnen+, um nicht +unterzugehen+!

Ich habe es mir mit dem Nachlesen vieler stenographischen Berichte

pflichtmäßig sauer werden lassen und die hiesigen Berathungen mit den

pariser Erfahrungen zusammengestellt. Kommen +wir+ nicht in das gelobte

Land, sollen wir doch Weg und Richtung andeuten; aber freilich kommt

unendlich viel darauf an, +wer+ den Weg betritt: ob 1640 der große

Kurfürst, 1740 Friedrich II., 1840 Friedrich Wilhelm IV. Schon mehre

Male hat Glück und Gelegenheit diesem ihre Stirn zugewandt; ich ehre

seine Zweifel, aber wer nicht wagt, gewinnt nicht.

Gestern Abend wohnte ich im Casino wieder Berathungen über das

Wahlgesetz bei. Man kann dafür leicht hundert Vorschläge machen; indem

aber Jeder sein Lieblingskind in der Paulskirche zur Taufe präsentiren

will, zersplittern sich Ansichten und Kräfte, Glaube und Vertrauen

entweicht den Schwankenden, und die +einstimmig+ auf ganz allgemeines

Wahlrecht dringende Linke wird über die vielen zwiespaltigen Weisen

obsiegen. Wären wir Alle einig, so würden wir wohl einen mäßigen Census

(an Einnahmen und Steuern) durchsetzen und Diejenigen ausschließen,

welche man als Proletarier bezeichnen muß. In ruhigen Zeiten fallen

diese in die Gewalt reicher Grundbesitzer und Fabrikherren; in

unruhigen Zeiten schlagen sie hingegen diese todt, oder werden doch auf

anarchischem Wege ihre Herren.

Tadelt mich nicht, wenn ich gar viel rechts und links schaue: man hat

einen steifen Hals noch nie für ein Glück gehalten, und Schauklappen

will ich mir weder selbst vorbinden, noch vorbinden lassen. Freilich

ist mein +Einerseits+ und +Andererseits+ sehr dürftig im Vergleiche zu

der Mannigfaltigkeit der Ansichten und Wünsche, welche in zahlreichen

Eingaben ausgesprochen werden. Zum Beispiele vom demokratischen Klub in

Insterburg: die Nationalversammlung habe die Freiheit an die Camarilla

geopfert, das Volk werde über sie zu Gericht sitzen und nur 89

Mitglieder der Linken anerkennen. -- Aus Lemgo: die Reichsversammlung

solle das Vergangene wieder gut machen, oder ihr Mandat niederlegen. --

Aus Heinichen: die Rechte der Versammlung besitzt nicht das Vertrauen

der Nation. -- Aus Weilburg: man solle den Mord des Freiheitshelden

Blum rächen. -- Aus Künzelsau in Würtemberg: die deutschen Fürsten

sollen im Römersaale +würfeln+. Wem Gott in seiner Allweisheit den

höchsten Wurf verleiht, -- der soll in Deutschland regieren. -- Von

Helmuth Riehn in Estebrüge: Fürst Metternich und seine Anhänger

sind unter gewissen Bedingungen zu amnestiren und an die Spitze der

Regierung des deutschen Reiches zu stellen, und auch den Jesuiten

Theilnahme an allen Freiheiten einzuräumen! --

Den 17. Februar.

Ihr werdet es unfolgerecht von mir finden, daß ich erst auf die Klubs

schelte, und jetzt fast jeden Abend auf mehre Stunden ins Casino

gehe, oft spreche und selbst auffordere im Kampfe nicht dadurch zu

unterliegen, daß Jeder auf seiner Meinung besteht und die Stimmen

zersplittert. Wie aber die Dinge liegen, muß man unter zwei Übeln das

kleinere wählen, und da ich in der Paulskirche nicht zu Worte kommen

kann, will ich wenigstens im kleineren Kreise versuchen meine Pflicht

zu thun und nicht als bloße Null zu erscheinen.

Auf die Prüfung des Wahlgesetzes wird hoffentlich die zweite Lesung

des Verfassungsentwurfes folgen. Leider zögern aber viele Regierungen

noch immer, bestimmte, inhaltsreiche Erklärungen abzugeben, und

Partikularismus wie Centralisation wird in den Ständeversammlungen

und der Paulskirche mit Leidenschaft verfochten. Was soll man anfangen

mit Redensarten wie: es +schwebe+ der österreichischen Regierung

die +Möglichkeit+ einer guten Verfassung vor; eine solche sei kein

bloßer +Traum+, man könne sich ihr +allmälig+ nähern u. s. w. Solche

diplomatische Blasen (~bubbles~) täuschen Niemand und helfen zu gar

nichts. Deutlich ist nur was Österreich +nicht+ will; und wenn ich

dies auch nicht tadele, so kommen wir doch nicht vorwärts, ehe es

sagt, +was+ es will. -- Oder wir beschließen hier ohne Fingerzeig und

Weisung; das führt dann nur zu Vorwänden das Mißfällige zu verwerfen,

und nach Auflösung der hiesigen Versammlung zu dem Wahne: die alte

Kabinets- und Bundespolitik könne sich wieder in dem alten Großvater-

und Schlafstuhl niederlassen, ohne jemals gestört zu werden.

Wenn die berliner Versammlung verständig und gemäßigt ist, wenn Preußen

dadurch erstarkt, wenn es mit Frankfurt einig bleibt, die bereits

ergangenen, günstigen Erklärungen der kleineren Regierungen dankbar und

freundlich annimmt, die größeren beruhigt, so steht Deutschland (wie

auch Österreich sich stelle) eine große und schöne Zukunft bevor; --

sonst geht und fällt Alles auseinander, wie die Kirchenversammlung von

Basel 1448 vor 400 Jahren!

Nachmittags.

Viele wünschten, daß ich über das Wahlgesetz in der Paulskirche

sprechen sollte, und so ist dies, weil mir Jemand seine Stelle abtrat,

heute geschehen. Daß der Unparteiliche am wenigsten gefällt, ist

natürlich; doch bin ich äußerlich gut davongekommen und Mehre haben mir

ihren Beifall bezeigt. In den stenographischen Berichten werdet Ihr die

Rede bald lesen. Es ist mir lieb, daß ich doch habe ein Lebenszeichen

geben können! --

Raumer’s Rede vom 17. Februar 1849.

Meine Herren! Herr Vogt hat vor einiger Zeit gesagt, daß die

Reichsgewalt historische Gesandte abgeschickt habe.

Ich weiß nicht, ob Herr Vogt bei dieser Gelegenheit auch an mich

gedacht hat; im bejahenden Falle nehme ich seine Bezeichnung dankbar an

und bitte um die Erlaubniß, auch heute diesen geschichtlichen Charakter

nicht verläugnen zu dürfen.

Worin besteht der Unterschied zwischen einem Redner und einem

Geschichtsforscher? Darin, daß der Redner das Recht und die Pflicht

und die Geschicklichkeit hat, +eine+ Ansicht mit aller Kraft des

Kopfes und des Herzens zu vertheidigen, wodurch er in der Regel weit

größeren Beifalls gewiß ist, als Derjenige, welchem es obliegt, die

Ansichten von einer oder von mehren verschiedenen Parteien mit voller,

wo möglich gleicher Unparteilichkeit zu entwickeln. Je mehr man aber

auf diesem Wege fortschreitet, meine Herren, desto mehr überzeugt man

sich, daß die Wahrheit und das Recht höchst selten allein auf +einer+

Seite -- auf der rechten oder der linken -- liege, sondern daß in

jeder Ansicht ein Element des Rechts und der Wahrheit ist, und daß

da, wo vielleicht das Unrecht allein vorzuwalten scheint, man doch

den Glauben und die Überzeugung haben kann, daß eine höhere Fügung

Alles zum Besten zu lenken wisse. Ich bitte also um die Erlaubniß,

hier nicht mit schwächeren Kräften, weit größeren Talenten im Reden

nachzustreben, sondern (ich möchte sagen, schon der Abwechslung halber)

mir zu erlauben, einige historische Bemerkungen einzuflechten, die

sich allerdings denn doch auf die Sache beziehen.

Die Aufgabe, in welchem Maße die politischen Rechte ausgeübt werden

sollen, ist im Ablaufe der Zeiten sehr verschieden gelöset, oder doch

der Versuch gemacht worden, sie zu beantworten. Die erste Form der

Lösung ist die: daß eine ausgezeichnete Persönlichkeit (ohne Rücksicht

auf alle Anderen) mit Übermacht die Geschicke bestimmt. Diese Methode

findet hier ganz mit Recht keinen Beifall; ich muß Sie jedoch darauf

aufmerksam machen, daß sie keineswegs immer so schädlich gewesen

ist, wie man bisweilen behauptet. Nicht allein Monarchen haben auf

diesem Wege die Weltgeschichte in großem Style gefördert (wie Karl der

Große, Peter der Große und Friedrich der Große), sondern vorzüglich in

der alten Welt wußte man auch, daß einzelne Männer von hohem Geiste

oft geschickter sind Sachen zum Ziele zu führen, als zahlreiche

Versammlungen. Deshalb sind Moses, Lykurg, Solon, Numa Pompilius,

Servius Tullius denkwürdig für alle Zeiten. Indessen ist hiemit die

Aufgabe nicht für alle Zeiten gelöset. -- Die nächste Form war nun

die, daß man sich verließ auf die +Geburt+, und mit ausschließlicher

Rücksicht auf sie politische Rechte ertheilte; eine Ansicht, die jetzt

ebenfalls höchst mangelhaft und thöricht erscheint. Sie ist aber

auch nicht ohne Merkwürdigkeit; denn keine Ansicht hat sich in der

Weltgeschichte länger erhalten als diese. Gebildete Völker, wie die

Inder und Ägypter, haben sehr schroffe Kasteneintheilungen, welche, je

widerstrebender sie für uns sind, um so mehr einer Erklärung bedürfen.

Diese Erklärung lief nun wohl darauf hinaus, daß man sagte: wenn

gewisse Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden

als +gegebene+, wenn sie keine Veranlassung darbieten zum Zweifeln,

Wählen, Zaudern, so ist allem Streite ein Ende gemacht. Sobald der

Eine weiß, er ist geboren als Krieger, sobald der Andere weiß, er

ist geboren als Kaufmann u. s. w., so bleibt die bürgerliche Stellung

unwandelbar geordnet und der Staat hat ebensowenig Noth mit Regelung

dieser Verhältnisse, als damit, daß Jemand als Mädchen oder als Knabe,

in diesem oder jenem Lande u. dgl. geboren ward. --

Erst mit den Griechen tritt Wesen und Begriff der Freiheit in die

Welt, denn Alles, was vorher in dieser Beziehung versucht ward,

blieb unvollkommen. Mit diesem Begriffe der Freiheit kommt aber noch

ein anderes neues Element in die Anordnung der politischen Rechte,

welches zuerst ausgesprochen ward von +Solon+. Zwar hat man ihn vorhin

getadelt, ich glaube aber, er würde sich hinreichend vertheidigen

können, wenn er gegenwärtig wäre!! Was war der Gedanke Solon’s? Daß

allerdings die Person frei werden solle, daß aber zu der Person ein

Besitz gehöre. So tritt die Frage nach dem Besitze zum ersten Male bei

den Griechen in die politische Welt. Was that Solon? Er theilte seine

Athener, mit ihrer Zustimmung, in vier Klassen nach den Einnahmen und

gab den höheren Klassen größere Rechte, aber wohl gemerkt, auch größere

Pflichten. So entstand eine billige Wechselseitigkeit. Wenn nämlich

Jemand in eine höhere Klasse kommen wollte oder konnte, mußte er für

das erweiterte Recht eine größere Last, eine größere Pflicht in Bezug

auf Steuer und Kriegsdienst übernehmen. Nachdem sich jedoch +alle+

Athener in den Perserkriegen groß gezeigt hatten, waren die niederen

Klassen nicht mehr geneigt, sich von gewissen Rechten ausschließen zu

lassen. Es ward also durch Aristides, um eine größere Revolution zu

vermeiden, eine allgemeine gleiche politische Berechtigung eingeführt.

Später ging, ich möchte sagen unter dem constitutionellen Monarchen

Perikles, die Sache noch gut und im großen Style; nachher aber reihte

sich der Verfall Athens zur Zeit des Gerber Kleon und Anderer an dieses

allgemeine Stimmrecht und diese unbedingte Gleichstellung.

Ich gehe über auf Rom. Servius Tullius ergriff auch den Begriff des

Besitzes, aber anders. Er stufte die politischen Rechte ab, nicht nach

den Einnahmen, sondern nach dem Eigenthume. Es würde zu weit führen,

wenn ich den Unterschied zwischen beiden Methoden umständlich darthun

wollte; ich muß Sie aber darauf hinweisen, daß Servius Tullius sich

nicht begnügte, wie Solon Klassen zu bilden, sondern daß er mit der

Klasseneintheilung die Centurieneintheilung verband, das heißt, er gab

den Reicheren außerordentlich viel größere Rechte und gründete dadurch

eine lang dauernde Aristokratie, welche die niedrigste Klasse wie von

den Rechten, so auch von den Lasten ausschloß. Dies Bevorzugungssystem

der Reichen fand allmälig den stärksten Widerspruch und ward im

Wesentlichen durch eine neue politische Form, durch die Tribus

zerbrochen. In den Tribus fragte kein Mensch nach dem Gelde; aber es

fand desungeachtet keineswegs ein allgemeines Stimmrecht statt, so wie

es in unseren Tagen verstanden wird. Jede Tribus, -- durchschnittlich

35 --, bildete nämlich eine Corporation mit einer Stimme. Es waren aber

nicht gleich viel Personen in jeder Tribus, sondern der zahlreiche

Stadtpöbel Roms ward zusammen genommen in wenige städtische Tribus,

und minder viel Personen bildeten eine ländliche Tribus. Später fand

man nicht den Übergang, -- obgleich er so leicht schien, wie das Ei

des Columbus --, aus der Stadtverfassung in eine Staatsverfassung;

man kam nicht auf den Begriff der Repräsentation. Dieser findet sich

erst im dreizehnten Jahrhunderte durch sehr verschiedene Personen fast

gleichzeitig eingeführt, nämlich durch den Kaiser Friedrich II. und

durch die Bettelmönche.

In neuerer Zeit ist das allgemeine Stimmrecht, -- ich will nur von

Republiken sprechen --, in Frankreich und Nordamerika versucht

worden. In Frankreich ist eine Kammer daraus hervorgegangen, die eine

Verfassung entwarf, an welche die Franzosen selbst nicht mehr glauben;

sie hat ferner die Wahl eines Präsidenten zu Stande gebracht, von der

mir mehre Franzosen gesagt haben: wenn in einer Erbmonarchie ein

Kronprinz dieser Art wäre, so würde man das stärkste Argument gegen

die Erbmonarchie daraus hernehmen können. (Heiterkeit.) -- Ich komme

auf Amerika. Man hat gesagt, dort ist kein Census; dies kann ich

jedoch nicht als richtig einräumen. Es ist nämlich dort kein Census,

insofern man darunter lediglich die Nothwendigkeit versteht, ein

größeres oder geringeres Vermögen nachzuweisen; wenigstens besteht ein

solcher Census nur in einigen Staaten, oder insofern eigentlich gar

nicht, als die Forderungen so gering sind, daß in der That kaum irgend

Jemand dadurch ausgeschlossen wird. Hiemit ist aber der vollständige

Begriff des amerikanischen Census keineswegs erschöpft; vielmehr ist

in Amerika durch die Verfassung fast aller Staaten vorgeschrieben, daß

der Wählende Steuern müsse bezahlt haben, und in +allen+ Verfassungen

ist gesagt: er müsse ansässig sein, mit welcher Forderung immer die

Pflicht des Steuerzahlens verbunden ist; sie ist die Bedingung, ohne

welche Niemand zur Wahl kommt. Die Amerikaner meinen überhaupt,

Gleichheit wäre nur da, wo gleiche Verhältnisse obwalten; wo aber

verschiedene Verhältnisse sind, da liegt eben die höhere Gleichheit

in der Verschiedenheit. (Zuruf: Sehr richtig!) Wenn also Geburt,

Besitz und Persönlichkeit die Haupteigenschaften sind, nach welchen

die politischen Rechte abgestuft wurden, so finden wir doch auch

verschiedene Mischungen in den Verfassungen, wo sowohl auf die

Personen, als auf den Besitz Rücksicht genommen wird, oder: +Sein+ und

+Haben+ sind beide gleichmäßig berücksichtigt.

Meine Herren, fragen Sie, wie wohl ein Amerikaner, wenn er hier in

unserem Kreise säße, seine Abstimmung einrichten würde, so dürfen

wir, um hiefür zeugen zu lassen, nicht den ersten besten Amerikaner

nehmen. Ich will also Den sprechen lassen mit Ihrer Erlaubniß, der

nach meinen genauen Untersuchungen, nach meiner festen Überzeugung,

der allergrößte Republikaner und Demokrat ist, der jemals in der

Weltgeschichte aufgetreten, an dessen Wirksamkeit sich eine ganze neue

Welt anreiht, der den Vereinigten Staaten eine neue Bahn vorzeichnete,

die sie am Anfange selbst nicht ahndeten, dessen Grundsätze die

bewunderungswürdigsten Folgen gehabt, also ein Mann, vor dem Alle

Ehrfurcht haben und haben müssen, -- das ist der Präsident +Jefferson+.

Er selbst war im Anfange der Revolution als Gesandter in Paris, stellte

sehr genaue Beobachtungen an, und erklärte sich darüber in Briefen und

Memoiren. Aus diesen will ich mit Erlaubniß der Versammlung eine Stelle

vorlesen.

Es kommt darin ein starker Ausdruck vor, welchen ich mir nicht erlauben

würde aus Besorgniß zur Ordnung gerufen zu werden, ich habe aber kein

Recht, etwas zu ändern, wenn ich citire. Die Stelle ist folgende:

„Vor der Gründung der amerikanischen Staaten kannte die Geschichte

nur Menschen in der alten Welt, in schmale, übervölkerte Gränzen

eingeengt und eingetaucht in die Laster, welche ein solcher Zustand

hervorbringt. Für solche Menschen paßt eine, für unsere Staaten ganz

verschiedene Regierung. Durch Arbeit, in Ackerbau oder Gewerben,

gewinnt hier Jeder seinen Bedarf und Hülfsmittel für die Zeit des

Alters. Jeder ist durch sein Eigenthum und seine ihm genügende

Stellung, für die Aufrechthaltung von Gesetz und Ordnung wesentlich

interessirt. Solcherlei Männer mögen sich mit Sicherheit und Vortheil

eine angemessene Controle oder Aufsicht über die öffentlichen

Angelegenheiten vorbehalten, welche in den Händen des Gesindels der

europäischen Staaten sogleich würde mißbraucht werden, zum Niederreißen

und Zerstören aller öffentlichen und bürgerlichen Rechte und Güter.

Die französische Geschichte der letzten 25, die amerikanische der

letzten 40, ja 200 Jahre, beweiset die Wahrheit beider Seiten dieser

Beobachtung.“

Zu Dem, was hier Jefferson anführt, darf ich noch eins hinzusetzen: es

herrscht in Amerika eine unbegränzte Achtung vor dem Gesetze; es würde

kein Amerikaner jemals neben der gesetzlichen Verfassung, neben den

gesetzlichen Behörden, wagen, einen noch so wohlwollenden politischen

Gedanken durchsetzen zu wollen.

Ich habe vorhin gesagt, daß der Historiker das +für+ und +wider+

ebenmäßig zu betrachten die Pflicht hat; da es aber hier der Gebrauch

ist, sich +für+ oder +wider+ einen Antrag einschreiben zu lassen, so

habe ich das +für+ gewählt, obgleich ich in keiner Weise mit allen

gemachten Anträgen einverstanden bin. Zuvörderst bin ich der Meinung,

daß der Vorschlag des Ausschusses, ganze Klassen auszuschließen,

unbrauchbar ist. Ich erkläre mich gegen den Gedanken, durch Bezeichnung

des Berufes Leute wegzuweisen oder einzulassen. Hiebei will ich

aber noch etwas bemerken, was hier wenigstens mit weniger Nachdruck

hervorgehoben worden ist. Man kann nämlich gegen das Zulassen der

Bedienten, Tagelöhner und Fabrikarbeiter den Einwand oder die Besorgniß

aussprechen, daß der Vorschlag der Zulassung nicht demokratisch genug

sei, weil zwar in Zeiten der Unruhe, in denen wir uns leider noch

befinden, diese Massen vielleicht über das rechte Maß hinausgehen

und für die gewaltige Bewegung, in der man das Heil sucht, ihre Hand

anlegen werden -- aber in Zeiten der Ruhe da werden die Bedienten

leicht abhängig von ihren Herren, die Tagelöhner leicht abhängig von

größeren Grundeigenthümern, der Fabrikarbeiter aber vom Fabrikherrn,

und dann bekämen wir eine Aristokratie, die schlechter sein würde, als

Das, was wir vermeiden wollen. -- Ich darf Sie, meine Herren, an ein

Beispiel erinnern. Ich war zu der Zeit, als die Reformbill berathen

wurde, in England, und viele ausgezeichnete Staatsmänner hegten die

Meinung, man müsse den kleinen Pächtern das Stimmrecht zugestehen und

nicht dazu ein Grundeigenthum verlangen, welches in England überhaupt

nur in wenigen Händen ist. Es waren jene Staatsmänner der Überzeugung

daß jeder kleine Pächter, welcher das Stimmrecht bekäme, unbedingt für

die freisinnigen Whigs stimmen würde. Ich widersprach dem damals und

behauptete, es sei das Entgegengesetzte zu besorgen. So kam es auch,

denn nach der neuen Parlamentswahl hatte sich herausgestellt, daß

vielen dieser mit dem Wahlrechte beglückten Personen die Pacht wäre

gekündigt worden, wenn sie nicht eingewilligt, mit ihren Verpächtern zu

stimmen. (Stimmen auf der Rechten: Hört!)

Es läßt sich von den allgemeinen Bemerkungen, welche zu machen Sie

mir erlaubt haben, nicht füglich die Frage trennen: ob eine direkte

oder indirekte Wahl vorzuziehen sei. Jede zeigt eigenthümliche

Vorzüge, doch stimme ich für die erste. Man hat in Frankreich den

Versuch gemacht, in Abstufungen wählen zu lassen, indem man dem

niedriger Besteuerten ein geringeres, dem höher Besteuerten ein

größeres Recht einräumte. Dieser Versuch ist vollkommen mißglückt

und hat die größte Unzufriedenheit hervorgerufen; denn er beruhte

nicht blos auf einer Abstufungsnachweisung der Steuern, welche

praktisch schwer durchzuführen ist, sondern er theilt gar leicht auch

jede Kammer, ich möchte sagen, in zwei feindliche Lager, sodaß alle

Vermittelungsversuche, sie auszusöhnen, vergeblich sein dürften. Wenn

in England der Herzog von Southerland, welcher wohl hunderttausend

Pfund jährliche Renten bezieht, im Verhältniß, oder doch bedeutend mehr

Stimmrecht haben sollte, als ein anderer wahlfähiger Bürger, so würde

man sich dagegen gewiß auflehnen. Ich wünsche also keine Stufen, keine

Wahlmänner, keine Doppelwahlen.

So kommen wir denn endlich auf den Census. Ich will hier der

Merkwürdigkeit halber Jemand erwähnen, welcher in neuerer Zeit oft in

einer ehrenvollen Weise angeführt worden ist, die er nicht verdient.

Man schlug in Frankreich vor, daß die ärmeren Klassen von dem

Steuerzahlen befreit werden sollten. Robespierre behauptete dagegen, es

sei eine Ehre, Steuer zu zahlen, und wer sich dieser entschlagen wolle,

der stehe nicht an der rechten Stelle. So betrachtet man diese Sache

auch in Amerika. Dort sagt man: ich würde mich schämen, zu wählen,

wenn ich nicht zum allgemeinen Besten meinen Steuerbeitrag entrichtet

hätte. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut!) -- Meine Herren! Wir

stehen auf einer bedenklichen Stelle; ich will nicht weit abschweifen,

aber es hängt Alles zusammen, und deshalb gebe ich Ihnen Folgendes zu

bedenken: Wenn wir jetzt in der Zeit der Bewegung abstimmen und für

die wichtigsten Vorschläge nur eine kleine Majorität zusammenbringen,

wenn wir glauben mit zehn Stimmen Mehrheit einen Reichsrath, mit

einer Majorität von zwanzig Stimmen ein Wahlgesetz und mit einer

Stimmenmehrheit von vielleicht fünfundzwanzig einen Kaiser machen und

der Weltgeschichte eine neue große Wendung geben zu können, so irren

wir uns; diese Meinung, diese Hoffnung ist auf Sand gebaut. Wenn wir

uns nicht vereinigen und mit einer imposanten Mehrheit einen Beschluß

zu Stande bringen, so wird dies Zwiespalt erzeugen: Jeder wird glauben,

das Vaterland zu retten, aber Keiner wird es retten. (Stimmen auf der

Rechten: Sehr gut! sehr wahr!)

Ich möchte nochmals auf etwas zurückkommen, denn ich habe darüber

Erfahrungen gemacht: ~experto crede Ruperto~! Zurückkommen also möchte

ich auf das Wort des Herrn Vogt über die Abschickung historischer

Gesandten. Es hat dieses Wort noch eine andere Bedeutung, als die

oben erwähnte; es hat eine tiefsinnige, furchtbare Bedeutung. Es

weissagt: Ihr werdet nicht blos im Jahre 1848, sondern auch in Zukunft

+historische+ Gesandte abschicken. Was heißt das? Es heißt: diese Leute

werden in zierlichem Style und auf dem feinsten Postpapiere berichten

über die Art, wie andere Völker die Blätter der Weltgeschichte mit

ihren Thaten erfüllen; von uns, von unseren Einwirkungen, Thaten und

Entscheidungen, von unserem eigenen Volke wird aber nicht die Rede

sein. Ich habe das bitter erfahren. Man hat mich mit der größten

Höflichkeit und Achtung, ja mit ausgezeichnetem Vertrauen empfangen und

behandelt, so weit es meine Person betraf. Aber konnte ich mich eitel

hiemit trösten, wenn ich täglich sehen und hören mußte, wie man mein

Vaterland, wie man die Reichsversammlung, die Centralgewalt betrachtete

und gering achtete? (Stimmen: Hört! hört! -- Bewegung). -- Sie erlauben

mir zum Schlusse nochmals einige Worte von Jefferson mitzutheilen. Er

sagte zu einer Zeit, welche in gewissem Sinne der unseren ähnlich war:

„Mögen Alle den heiligen Grundsatz im Herzen tragen, daß, weil der

Wille der Mehrheit in allen Dingen entscheidet, dieser eben deshalb

gerecht und vernünftig sein muß, und daß die Minderheit ihre gleichen

Rechte besitzt, welche man durch gleiche Gesetze beschützen soll,

und welche zu verletzen Unterdrückung sein würde. Laßt uns deshalb,

ihr Mitbürger, uns vereinen zu einem Herzen und einem Sinne. Laßt

uns im geselligen Umgange die Harmonie und Liebe herstellen, ohne

welche die Freiheit, ja das Leben selbst nur traurige Dinge sind. Laßt

uns bedenken, daß wir aus unserem Lande die religiöse Unduldsamkeit

verbannt haben, durch welche die Menschen so lange litten und bluteten,

daß wir aber nur wenig würden gewonnen haben, wenn wir eine politische

Unduldsamkeit beförderten, welche ebenso gottlos und zu gleich bitteren

und blutigen Verfolgungen fähig ist.“ (Im Centrum und auf der Rechten

lebhafter Beifall.)

Hundertvierzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Februar 1849.

Hiebei erhaltet Ihr einige Exemplare meiner Rede über das Wahlgesetz

zu beliebiger Vertheilung. Bei Beurtheilung dieser, mangelhaft und

lückenhaft erscheinenden Rede, bitte ich zu beherzigen:

1) Daß mir erst eine halbe Stunde vor dem wirklichen Halten, unerwartet

eine Redestelle abgetreten wurde.

2) Daß andere Redner bereits die Hauptpunkte umständlich und genügend

beleuchtet hatten. Ich konnte also nicht dasselbe noch einmal sagen,

sondern nur (von meinem Standpunkte aus) einige geschichtliche

Bemerkungen beibringen.

Ihr tadeltet mich wohl, ich sei „stumm wie ein Fisch“; jetzt werdet

Ihr mir bald zurufen: „sprich nicht zu viel, sondern höre mehr.“ --

Ich habe nämlich nicht blos gestern Vormittag in der Paulskirche,

sondern auch gestern Abend im Weidenbusche vor einer sehr zahlreichen

Versammlung gesprochen, welche rathschlagte: wie man sich bei der neuen

Stellung der Parteien und der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes

benehmen, woran man festhalten müsse, und worin man nachgeben könne.

In meiner Rede erinnerte ich an die frühere, übertrieben getadelte

Mannigfaltigkeit Deutschlands, an die noch nicht ausgestorbene Vorliebe

für dieselbe und wie schwer es mir geworden, immer mehr die nothwendige

größere +Einheit+ anzuerkennen. Diese Einheit müsse, insbesondere

dem +Auslande+ gegenüber gestärkt werden, wofür ich viele pariser

Erfahrungen als Beweise anführte. In Paris hätten sich die Feinde

Deutschlands über die §. 2 und 3 aus den und den Gründen sehr gefreut;

wenn aber Österreich jetzt blos einige Änderungen des alten Bundestages

bezwecke, so reiche dies nicht aus, und noch weniger sei Baiern zu

seinen Widersprüchen hinreichend berechtigt u. s. w. u. s. w.

Den 19. Februar.

Gestern war ich auf einem großen Mittagsmahle beim Präsidenten Simson,

zu welchem (sehr vernünftig) Abgeordnete aller Farben und Parteien

eingeladen waren. Dies ist weit besser als das schroffe Absondern: man

lernt sich kennen und verständigt sich besser im Gespräch, als durch

lange Parteireden in der Paulskirche.

Welch dürftiges Ende uns auch bevorstehe, die Gedanken von

Grundrechten, einem Volkshause und der Einheit Deutschlands werden

nicht wieder verschwinden, sondern durch Zank und Uneinigkeit hindurch

immer wieder hervorbrechen. Ich mache Euch aufmerksam auf die

vortreffliche Rede Bassermann’s (in No. 172 der Berichte) über das

Wahlgesetz. Nach solchen Vorgängern hätte ich (selbst bei größerem

Talent, als ich besitze) nur Ähren lesen können.

Hundertfunfzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 20. Februar 1849.

Meine Weissagung ist eingetroffen: alle Vorschläge, das allgemeine

Wahl- und Stimmrecht mehr oder weniger zu beschränken, sind

durchgefallen; ja, man war nahe daran, es auch Bankerottirern und

Bettelleuten zu verleihen!

Den 21. Februar.

In der Stunde, wo man gestern jede Beschränkung des Wahlrechts (selbst

die Ansässigkeit und das Steuerzahlen) verwarf, erhob sich ein so

furchtbarer Sturm mit solchen Regengüssen, wie ich es fast nie erlebt

habe: -- möge dies kein Omen sein!

Politische Sorgen hat jetzt fast jeder Mensch; gestern aber steigerten

sich die meinigen darüber, was Pflicht und Gewissen gebiete? Man muß

darüber ins Klare kommen, was man (bei täglich steigenden Gefahren,

und so vielen wichtigen, neu eintretenden Thatsachen) thun, was man

vertheidigen, aufgeben, wie man stimmen wolle.

Die neue Gesellschaft des Weidenbusches (von der ich schon schrieb)

will sich zu folgendem Programm bekennen:

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 6 / 21 题