1848-1849
von
Friedrich von Raumer.
Zweiter Theil.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1849.
Inhalt des zweiten Theils.
Seite
Zweiundsiebzigster Brief.
Paris, den 13. October 1848. 1
Den 14. October. 2
Den 15. October. 9
Dreiundsiebzigster Brief.
Paris, den 16. October. 15
Den 16. October Abends. 16
Den 17. October. 17
Den 18. October. 19
Den 20. October. 20
Den 22. October. 22
Den 23. October. 23
Vierundsiebzigster Brief.
Paris, den 24. October. 26
Den 28. October. 27
Fünfundsiebzigster Brief.
Paris, den 29. October. 30
Den 30. October. 34
Den 30. October Mittags. 37
Sechsundsiebzigster Brief.
Paris, den 1. November. 39
Den 2. November. 42
Den 3. November. 47
Siebenundsiebzigster Brief.
Paris, den 4. November. 48
Den 5. November. --
Den 6. November. 49
Den 7. November. 51
Achtundsiebzigster Brief.
Paris, den 9. November. 53
Den 10. November. 57
Neunundsiebzigster Brief.
Paris, den 11. November. 61
Den 11. November Nachmittags. 62
Den 12. November. 67
Achtzigster Brief.
Paris, den 14. November. 69
Den 16. November. 71
Einundachtzigster Brief.
Paris, den 17. November. 74
Den 18. November. 76
Den 19. November. 81
Zweiundachtzigster Brief.
Paris, den 20. November. 82
Den 23. November. 85
Dreiundachtzigster Brief.
Paris, den 23. November. 89
Den 24. November. 90
Vierundachtzigster Brief.
Paris, den 25. November. 94
Den 26. November. 98
Fünfundachtzigster Brief.
Paris, den 27. November. 100
Den 28. November. 102
Den 29. November. 103
Den 30. November. 104
Sechsundachtzigster Brief.
Paris, den 1. December. 107
Den 2. December. 109
Den 2. December Mittags. 111
Siebenundachtzigster Brief.
Paris, den 3. December. 112
Den 4. December. 115
Den 6. December. 117
Achtundachtzigster Brief.
Paris, den 8. December. 121
Den 10. December. 122
Den 10. December Nachmittags. 123
Den 11. December. 125
Den 12. December. 126
Neunundachtzigster Brief.
Paris, den 13. December. 130
Den 13. December Mittags. 131
Den 14. December. 133
Den 16. December. 136
Neunzigster Brief.
Paris, den 17. December. 137
Den 18. December. 139
Den 18. December Nachmittags. 142
Den 19. December. 146
Den 20. December. 147
Einundneunzigster Brief.
Paris, den 21. December. 148
Den 22. December. 151
Den 22. December Abends. 152
Zweiundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 8. Januar 1849. 154
Den 9. Januar. 158
Dreiundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 12. Januar. 162
Den 13. Januar. 165
Vierundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 14. Januar. 169
Fünfundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 16. Januar. 174
Sechsundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 17. Januar. 176
Siebenundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 19. Januar. 177
Den 19. Januar Nachmittags. 178
Achtundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 20. Januar. 179
Neunundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 22. Januar. 180
Den 23. Januar. 181
Den 24. Januar. 182
Hundertster Brief.
Frankfurt a. M., den 24. Januar. 184
Hunderterster Brief.
Frankfurt a. M., den 25. Januar. 186
Den 26. Januar. --
Hundertzweiter Brief.
Frankfurt a. M., den 27. Januar. 189
Hundertdritter Brief.
Frankfurt a. M., den 28. Januar. 194
Den 29. Januar. --
Den 30. Januar. 198
Hundertvierter Brief.
Frankfurt a. M., den 31. Januar. 199
Hundertfünfter Brief.
Frankfurt a. M., den 1. Februar. 201
Den 2. Februar. 204
Hundertsechster Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Februar. 206
Hundertsiebenter Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Februar. 209
Den 3. Februar. 210
Den 4. Februar. 213
Hundertachter Brief.
Frankfurt a. M., den 5. Februar. 214
Den 6. Februar. 217
Hundertneunter Brief.
Frankfurt a. M., den 7. Februar. 219
Hundertzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 8. Februar. 225
Den 9. Februar. 227
Den 10. Februar. 228
Hundertelfter Brief.
Frankfurt a. M., den 11. Februar. 231
Den 12. Februar. 235
Hundertzwölfter Brief.
Frankfurt a. M., den 13. Februar. 238
Den 14. Februar. 240
Den 15. Februar. 242
Hundertdreizehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 16. Februar. 243
Den 17. Februar. 248
Den 17. Februar Nachmittags. 250
Hundertvierzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 18. Februar. 264
Den 19. Februar. 266
Hundertfunfzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 20. Februar. 266
Den 21. Februar. 267
Den 21. Februar Nachmittags. 271
Hundertsechzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 22. Februar. 274
Den 23. Februar. 276
Den 24. Februar. --
Hundertsiebzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 25. Februar. 278
Den 27. Februar. 280
Den 28. Februar. 282
Hundertachtzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 4. März. 288
Den 4. März Nachmittags. 289
Hundertneunzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 4. März. 296
Den 4. März Nachmittags. 298
Hundertzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 5. März. 301
Den 6. März. 304
Hunderteinundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 7. März. 306
Den 7. März Nachmittags. 308
Den 8. März. 310
Hundertzweiundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. März. 314
Hundertdreiundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 11. März. 318
Hundertvierundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 12. März. 320
Den 12. März Mittags nach der Sitzung. 323
Hundertfünfundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 13. März. 325
Den 14. März. 327
Hundertsechsundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 15. März. 331
Den 15. März Mittags. 332
Den 15. März Nachmittags. 334
Hundertsiebenundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 16. März. 335
Hundertachtundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 17. März. 340
Am verhängnißvollen 18. März. 342
Hundertneunundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 19. März. 344
Hundertdreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 20. März. 348
Hunderteinunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 21. März. 351
Den 21. März Nachmittags. 354
Hundertzweiunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 22. März. 355
Hundertdreiunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 23. März. 358
Hundertvierunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 24. März. 363
Den 24. März Nachmittags. 369
Hundertfünfunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 25. März. --
Hundertsechsunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 26. März. 373
Hundertsiebenunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 9. April. 378
Den 9. April Nachmittags. 394
Hundertachtunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. April. --
Hundertneununddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. April. 396
Hundertvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 16. April. 398
Hunderteinundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 18. April. 401
Hundertzweiundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 20. April. 404
Hundertdreiundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 23. April. 406
Hundertvierundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 28. April. 409
Hundertfünfundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 29. April. 413
Hundertsechsundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 6. Mai. 415
Hundertsiebenundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 8. Mai. 422
Hundertachtundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 9. Mai. 425
Hundertneunundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. Mai. 427
Den 10. Mai Nachmittags. 430
Hundertfunfzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 11. Mai. 431
Den 11. Mai Nachmittags. 432
Hunderteinundfunfzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 12. Mai. 433
Anhang. Reden die in Frankfurt nicht gehalten wurden.
I. Über die Verhältnisse Deutschlands zu fremden Mächten. 437
II. Die Polenfrage. 443
III. Über die Aufhebung des Cölibats. 447
IV. Über d. Abkürzung d. Reichstagsverhandlungen. 450
V. Die Abschaffung des Adels. 457
VI. Das deutsche Reich und Preußen. 462
Zweiundsiebzigster Brief.
Paris, den 13. October 1848.
Ich kann nicht beschreiben, welchen tiefen, erschrecklichen Eindruck
die wiener Ereignisse nicht blos auf die Deutschen, sondern auch auf
alle ordnungsliebenden Franzosen gemacht haben. Sie fürchten ähnliche
Begebenheiten in dem unterwühlten, muthlosen Berlin, wo die elendesten
Menschen das lauteste Wort führen; sie fürchten mit der Auflösung
Deutschlands ein Wiedererstehen der rothen Republik in Frankreich.
Während der traurigen Auflösung des Reichsministeriums wollte man hier
kaum an die Möglichkeit und das Dasein einer Reichsgewalt glauben;
jetzt blickt man nach Frankfurt wie nach einem Felsen im Meere und
erwartet und fordert, daß es die einzelnen Staaten (selbst Preußen)
auferwecke, stütze, rette. Den jetzigen Machthabern ist, wenn sie
+unerschrocken+ und +offensiv+ gegen alle Verschwörer und Wühler
(ohne Ausnahme) verfahren, in diesen Tagen und Wochen die letzte
Gelegenheit dargeboten, ihr Vaterland zu erretten und ewigen Ruhm zu
erwerben. Möchten sie, um der Menschen, Deutschlands, der Ehre willen,
diese Gelegenheit nicht versäumen und, trotz alles dagegen erhobenen
Geschreies, überzeugt bleiben, daß Mitwelt und Nachwelt sie für ihr
edles Thun segnen wird.
Ich kann hier noch eine Stelle aus Paturot anreihen: „Die Sekten,
die Parteien haben jetzt nichts miteinander gemein, als die Wuth zu
zerstören. Uneinig sind sie hingegen darüber, was an die Stelle des
Zerstörten zu setzen sei, und der höchste Grad des Unsinns ist, diese
Unwissenden und Wahnsinnigen götzendienerisch zu ehren.“
Den 14. October.
Hr. Minister Bastide sagte mir soeben: daß er die Gesuche über die
Auslieferung der in Straßburg verhafteten Personen unverzüglich in
geschäftlicher Weise dem Minister der Justiz übergeben habe und eine
baldige Antwort desselben zu erwarten sei. Ich machte nochmals darauf
aufmerksam, daß ohne Auslieferung der Prozeß in Frankfurt gar nicht
gebührend könne eingeleitet und ihre Verurtheilung herbeigeführt
werden.
Zu Folge soeben bekannt gemachter amtlicher Nachrichten befinden sich
unter 3376 transportirten Junigefangenen nur
11 Preußen,
8 Baiern,
4 Österreicher,
4 sogenannte Deutsche.
Man behauptet: sie würden so gut behandelt, daß sie meistens gar keine
Sehnsucht fühlten, nach Deutschland ausgeliefert zu werden, und daß sie
eben deshalb keine Gesuche einreichten.
Der friedliebende, gemäßigte Hr. Minister Bastide bleibt wenigstens
vorläufig noch im Amte. Ich erinnerte ihn, daß er mir gesagt: die
gegenseitige Accreditirung +officieller+ Gesandten habe keine
Schwierigkeit mehr, worauf er erwiderte: „unsere freundliche Gesinnung
gegen Deutschland steht fest und wird sich nicht ändern.“ Seit jener
Äußerung sind aber in Frankreich und Deutschland so viele Begebenheiten
und Veränderungen eingetreten, daß es Bedenken unterliegt, sachliche
oder persönliche Neuerungen vorzunehmen. Man muß gegenseitig Geduld
haben, sich orientiren, die jetzigen Zustände (welche ganz angenehmen,
gefälligen Verkehr erlauben) noch etwas fortdauern lassen, bis sich in
+Frankreich+ und +Deutschland+ die Dinge so gestalten, daß sie Dauer
versprechen und man dafür die Verantwortlichkeit übernehmen kann. --
Ich wiederholte nicht allein die früheren Gründe, sondern hob auch die
Nothwendigkeit hervor, die diplomatischen Verhältnisse zur Reichsgewalt
um so schneller zu ordnen, da bereits mehre deutsche Staaten ihre
Gesandten abriefen und die öffentliche Meinung in Deutschland eine
baldige, erwünschte Entscheidung fordere. Hr. Bastide ließ diese
Bemerkung gelten, kam aber doch wieder darauf zurück: man möge vor der
Hand (in der allseitigen Verwirrung) die Verhältnisse noch einige Zeit
ungerügt fortdauern lassen.
Als sich das Gespräch auf die österreichischen Angelegenheiten wandte,
bemerkte ich: es scheine mir der +rechten+ Politik Frankreichs gemäß,
daß es jene Macht +nicht+ sinken und zerstückeln lasse; und Hr. Bastide
erwiderte: ich entwerfe soeben ein Schreiben ganz in diesem Sinne. Denn
wenn er auch den Gang nicht billigen könne, den Österreich in einigen
Beziehungen neuerlichst eingeschlagen habe, würde sein Fall doch ein
großes Unglück für Europa, also auch für Frankreich sein.
Gestern war die hiesige Ministerkrisis noch nicht zu Ende, und
Cavaignac würde sich bei der neuen Wahl wohl noch mehr der Rechten
nähern, wenn nicht die eifrigen Republikaner laut widersprächen. Jene
Hinneigung zur jetzigen Rechten dürfte den Sachen wohl vortheilhaft
sein; daß aber die Legitimisten sich dadurch sollten abhalten
lassen, Louis Bonaparte auszuspielen (um zunächst wie die Republik,
so das Kaiserthum zu parodiren), steht noch gar nicht fest. Vor der
Präsidentenwahl (so scheint es) wird Cavaignac seine Gewalt nicht
niederlegen und auch der friedliche Bastide sich wohl halten, bis mein
Tagesfliegengesandtenleben zu Ende geht. Doch sagte er gestern spät
seine Abendgesellschaft ab, was Sorgen hervorruft und die Geschäfte im
Stillstand erhält. In dem jetzigen Augenblicke blutiger Umwälzungen ist
überhaupt mit Worten und Schreibfedern nichts auszurichten, und auch
mein Bemühen bleibt nur ein ~labor improbus~.
-- -- Der Tadel, welchen Thiers gegen die meisten (unpraktischen)
staatswirthschaftlichen Bücher aussprach, ist leider gerecht; er ging
aber doch in Verurtheilung +aller+ Theorie gar zu weit, und ebensowenig
konnte ich in der neueren englischen Korngesetzgebung den Untergang
der englischen Grundbesitzer, und in ihrem früheren Monopole ein
ewiges Anrecht erblicken. Einem anderen Herrn widersprach ich, der da
weissagte: in den Vereinigten Staaten von Nordamerika werde man bald
das Königthum einführen. -- Eher in Frankreich! -- Nach Österreichs
Unglück (rief ein Anderer) werden die Italiener unabhängig werden; --
ich fügte hinzu: aber nicht einig! +Nach+ diesen Boutaden sagte ich mir
selbst: sprich nicht zu viel, sondern höre mehr, das wird dir bringen
Ruhm und Ehr. -- Beim Weggehen fragte ich T--s: ob ich Lamartine’s Rede
bewundern +müsse+. -- Ich habe, antwortete er, nie eine seiner Reden
bewundert. Guizot sagte von Lamartine: wenn er dichten will, macht er
Politik, und wenn er politisiren will, phantasirt er. In einem Briefe
Tissot’s an Guizot (der in der ~Revue rétrospective~ abgedruckt ist)
heißt es: ~est ce qu’il peut être loisible à Mr. Lamartine d’aller
faire de l’agitation politique et de la démagogie en plein vent,
en présence de 2-5000 curieux plus ou moins avinés, et d’avancer
les propositions les plus niaises et les plus subversives de la
tranquillité publique, sans que le pouvoir puisse s’opposer aux effets
de sa phraséologie redondante?~
Es ist ein lehrreiches Verzeichniß der Leute erschienen, welche
in Folge der Juniereignisse fortgeschafft wurden. Ich gebe einige
Auszüge: ~hommes de lettres~ 7, ~avocats~ 2, ~étudiants en médecine~
3, ~en droits~ 1, ~peintres~ 36, ~graveurs~ 30, ~sculpteurs~ 29,
~musiciens~ 11, ~gardes mobiles~ 38, ~soldats des armées regulières~
4, ~orfèvres~ 54, ~imprimeurs~ 46, ~boulangers~ 35, ~tailleurs~ 77,
~cordonniers~ 107, ~menuisiers~ 182, ~serruriers~ 112, ~maçons~ 161,
~propriétaires et rentiers~ 7 ~etc.~ Man kann aus den Zahlen auf die
sittliche Entartung, und noch mehr auf die äußere Noth schließen.
Unter 3423 Verbannten waren gegen ⅓ Pariser, 11 Preußen, 8 Baiern, 4
Österreicher, 4 andere Deutsche, -- welche Bastide gern auslieferte
(und die Franzosen obenein) um sie los zu werden.
Die ~Revue rétrospective~ (deren ich erwähnte) enthält lehrreiche
Sachen. Zuvörderst theile ich zwei Äußerungen aus Briefen von Louis
Philipp mit: ~Ce qui gâte toutes nos affaires, c’est qu’en général nos
hommes politiques ont une surabondance de courage et d’audace quand
ils sont dans l’opposition, tandis que dans le ministère ils sont
_feigherzig_ et toujours prêts à tout lâcher.~ -- ~L’état actuel de
toutes les têtes humaines ne s’accommodera de rien et bouleversera
tout. The world shall be unkinged, l’angleterre ruinée prendra pour son
type le gouvernement modèle des Etats-Unis, et le continent prendra
pour le sien l’Amérique espagnole! (6 Nov. 1840).~ -- Weissagungen!!
Besonders anziehend sind die dort enthaltenen Nachrichten über die
spanischen Heirathen, welche ich (im Widerspruch mit Vielen) von
Anfang an als ungebührlich und für alle Mitwirkende als unheilbringend
bezeichnete. Es ergiebt sich aus jenem Briefwechsel: 1) daß man
französischerseits auf die Königin Isabella gar keine Rücksicht nahm
und sie wie eine Null behandelte. 2) Daß ihre Mutter sich als arge
Stiefmutter benahm. 3) Daß sie erst den Grafen von Trapani als
Heirathsbewerber vorschob, und dann fallen ließ, indem sie die Schuld
auf Frankreich zu schieben suchte. 4) Daß sie nun einen Koburg zu
ködern suchte, ohne alle Theilnahme, ja gegen den Wunsch Englands.
5) Daß Louis Philipp anfangs gar nicht auf die +Gleichzeitigkeit+
der Verheirathung beider Prinzessinnen eingehen, und die mit England
getroffene Verabredung halten wollte. Guizot, und vor Allen Bresson,
trieben aber vorwärts, und daß Palmerston Koburg, sehr natürlich nicht
als Candidaten +streichen+ wollte (da die Königin Christine und viele
Spanier ihn nannten), gab den Vorwand. 6) Selbst Aberdeen vertheidigt
Palmerston und sagt: Frankreich übe ~a doubtful policy, which may lead
ultimately to very serious consequences~. Palmerston äußert: dieser
Gemahl werde das Land und die Königin nicht beglücken. 7) Bresson
kannte die Gesinnungen Isabellens über den Bräutigam, welchen man ihr
aufdringen wollte. Er schreibt: sie habe ~préventions d’une vivacité et
d’une énergie qui semble ne faire qu’augmenter~. Man müsse ~habituer la
reine à sa voix et à ses hanches~. Dennoch beharrte er bei dem Plane,
ihr den geistig und leiblich unfähigen Mann aufzuzwingen, bei Nacht und
Nebel, trotz Weinen und Wehklagen! -- Louis Philipp und Guizot büßen in
England, die Königin Isabella geht ungezügelt ihre eigene Bahn, und
Bresson hat sich den Hals abgeschnitten! ~Discite justitiam moniti, et
non temnere divos!~ --
Den 15. October.
O Gott! Wie ändern sich die Zeiten! Ich denke heute an den Geburtstag
Friedrich’s II., wo der König erklärte -- -- -- Und jetzt wird
öffentlich in den Zeitungen verhandelt: ob man seinen eigenen
Geburtstag feiern solle; es wird in vielen Kreisen beschlossen, es
sei nicht an der Zeit; und wohlgesinnte Feiglinge unterwerfen sich
dem Beschlusse, aus Furcht vor eintretenden Ungebührlichkeiten! -- --
-- -- Ja wohl hat Bastide Recht wenn er (ohne die Übel in Frankreich
zu läugnen) sagte: „welch ein Gachis habt ihr in Deutschland. Sonst
so gemäßigt und verständig; wenn aber einmal aufgeregt, wie schwer
zu beruhigen.“ -- Das hat der Dreißigjährige Krieg gezeigt, und
ähnlicher Wahnsinn wird schon lobgepriesen. Weit die große Mehrheit
denkt, fühlt, spricht für Wahrheit und Recht, aber im Handeln läßt
sie sich von einer kleinen, nichtsnutzigen Minderzahl überflügeln.
Dort (mit den Mechanikern zu reden) große Massen und geringe
Geschwindigkeit, hier geringe Massen aber große Geschwindigkeit. Die
herausgeschossene Flintenkugel ist gefährlicher als die mit Händen
fortgerollte Kanonenkugel. -- Ich denke jetzt (auf mein hiesiges
Leben zurückblickend) oft an das Wort: ~multa agendo, nil agimus~;
vielthuend, thun wir nichts.
Den 15. October.
~A son Excellence~
~Monsieur Bastide, Min. des aff. étrangères.~
~Monsieur le Ministre!~
~Vous avez bien voulu à diverses reprises, me permettre de m’entretenir
familièrement avec vous, en dehors des rapports de service, et il m’est
aujourd’hui d’autant plus agréable d’user de cet avantage, que je n’ai
reçu encore ni pu recevoir depuis notre dernier entretien de nouveaux
ordres de Francfort. Les motifs importants qu’a fait valoir auprès de
vous le Ministère de l’Empire pour nouer des rapports diplomatiques
plus intimes avec la France, l’entière approbation donnée par vous a la
ligne de conduite suivie dans l’affaire du Danemarc et à l’occasion des
troubles de Francfort et enfin -- tout ce que j’ai pu ajouter moi-même
à ce sujet, vous avait engagé, Monsieur le Ministre, à vous prononcer
affirmativement en faveur de l’établissement immédiat de rapports
officiels entre la France et le pouvoir central Allemand. Ayant
transmis sans retard à Francfort les paroles que j’avais été heureux de
recueillir sur ce point de votre bouche, l’on y a envisagé avec raison
l’objet de ma négociation comme étant vidé à la satisfaction réciproque
et l’on s’y est attendu à y voir accrédité prochainement un envoyé de
la France.~
~Par contre dans le cours de l’entretien que j’ai eu l’honneur d’avoir
hier avec vous, vous avez exprimé le désir que rien ne fût changé
provisoirement encore aux rapports tels qu’ils ont existé jusqu’ici
et vous avez motivé ce désir en alléguant que depuis la déclaration
que vous m’aviez faite d’abord à ce sujet maints événements avaient
surgi tant en France qu’en Allemagne, de nature à modifier le point
de vue de la question et à nécessiter de nouvelles réflexions. Je ne
conteste nullement la gravité de ces événements, mais après mûr examen
j’arrive, Monsieur le Ministre, à une conclusion qui diffère de la
vôtre et je pense que c’est surtout en y ayant égard, que l’Allemagne
plus que jamais est fondée à émettre le voeu de voir le Gouvernement
français témoigner la participation amicale et les bonnes intentions
--, auxquelles Elle attache un grand prix, non seulement dans nos
entretiens confidentiels, mais en face de l’Allemagne et de l’Europe
entière par des actes qui soient de nature à exercer l’heureuse
influence que l’on doit en attendre.~
~L’on comprend que l’on n’ait rien voulu précipiter d’abord à l’égard
du pouvoir central de l’Empire, que l’on ait cherché à le connaître
par ses oeuvres; -- mais aujourd’hui qu’il a déployé pas moins de
sagesse que de force, aujourd’hui qu’il se trouve dans l’entente
la plus cordiale avec les divers états d’Allemagne, dont il est le
rempart, les doutes dont il aurait pu être l’objet à son origine sont
levés de la manière la plus satisfaisante et les vrais amis de l’ordre
ont les yeux dirigés sur Francfort comme sur un port de salut pour
tous. Les partisans de l’anarchie, ceux de la République rouge, les
communistes, les fauteurs du pillage et de l’assassinat sont les seuls
en Allemagne qui osent insulter encore au pouvoir central de l’Empire
et essayer de criminels attentats contre l’Assemblée. Dans leur
aveuglement ils sont assez téméraires pour commenter les hésitations
de la France, en faveur de menées coupables qu’elle a énergiquement
répoussées dans son propre sein, ce dont l’Europe entière lui a su
gré. C’est pourquoi, Monsieur le Ministre, je ne doute nullement qu’en
ce moment surtout la France n’ait sincèrement à coeur de témoigner
hautement qu’elle désire non moins pour l’Allemagne que pour elle-même,
voir consolider le règne de l’ordre social et du droit, garantis par
le pouvoir central de Francfort, et prouver en même temps aux plus
obstinés que les coupables fauteurs d’anarchie en Europe n’ont rien à
éspérer d’elle.~
~Le Gouvernement français ne saurait vouloir opposer des considérations
secondaires aux bienfaits qui doivent ressortir de l’amitié de deux
grandes nations dont l’union seule peut sauver aujourd’hui l’Europe
et la civilisation d’une ruine générale. -- En partant d’un point de
vue aussi élevé j’ose me flatter, Monsieur le Ministre, de vous voir
revenir sans peine à la résolution que vous m’aviez exprimée d’abord.
L’opinion publique généralement acquise à la modération qui jusqu’ici a
fait la règle de votre politique extérieure vous sera par là également
assurée en Allemagne et en établissant sans retards ultérieurs des
rapports officiels entre la France et le pouvoir central de l’Empire,
tels qu’ils conviennent à des nations voisines et amies, vous prêterez
force à vous même, en secondant un pouvoir qui tend avec courage et à
travers tant de difficultés aux mêmes fins de progrès et d’ordre que
vous poursuivez en France.~
~Je ne voudrais pas mêler une petite question d’amour-propre personnel
à la question si élevée dont je suis l’organe, mais n’ayant reçu,
Monsieur le Ministre, depuis deux mois que je suis ici aucune
réponse vraiment satisfaisante aux diverses communications que
j’ai en l’honneur de vous adresser, il m’est pénible de penser que
l’on peut attribuer à Francfort et en Allemagne à l’insuffisance
du négociateur les retards qu’a soufferts jusqu’ici l’objet de sa
mission. Cette pensée me préoccupe d’autant plus vivement que j’ai la
conviction intime que la France, suivant avec sagesse le développement
irrésistible de l’histoire du monde, accordera bientôt à un successeur
plus heureux que moi, ce quelle aurait refusé si longtemps à mes
instances.~
~Je serai heureux si pour prix de mes efforts je parvenais à
consolider de plus en plus les bons rapports existants entre mon pays
et la France, en ayant égard de part et d’autre aux voeux et aux
espérances de deux grands peuples pour le libre développement de leurs
nationalités.~
~Veuillez agréer, Monsieur le Ministre, la nouvelle assurance de ma
haute considération etc.~
Dreiundsiebzigster Brief.
Paris, den 16. October 1848.
~Réponse de Monsieur Bastide.~
~Monsieur! J’ai eu l’honneur de Vous exposer de vive voix et à
plusieurs reprises les raisons, qui pour le moment présent me
paraissent s’opposer à ce qu’il soit donné un caractère plus officiel
aux relations officieuses, et, j’ose le dire, aux relations de bonne
amitié, établis entre nous. Ces raisons subsistent encore et ne me
permettent pas de Vous donner une réponse qu’il me serait agréable
d’adresser particulièrement à Vous, Monsieur, plus encore qu’à tout
autre. Ne croyez donc pas, je Vous prie, qu’il entre dans la réserve
dont je me vois obligé d’user, rien qui Vous accuse et encore moins,
s’il est possible, rien qui puisse faire douter de nos vives sympathies
pour la noble et généreuse nation allemande. La république française
sent que, quels que soient les formes de gouvernement qu’il Vous
convienne d’adopter, la France et l’Allemagne sont deux soeurs que
les mêmes principes de liberté, d’ordre, d’indépendance doivent unir
chaque jour davantage pour le bonheur du monde; et si les qualités
personnelles d’un homme pouvaient rendre ce lien plus étroit, soyez sûr
que cet homme serait Monsieur de Raumer.~
~Permettez que je me félicite de l’occasion qui m’a été donnée d’entrer
en relation avec Vous, et recevez, je Vous prie, la nouvelle assurance
de la haute considération avec laquelle j’ai l’honneur d’être,
Monsieur, Votre très humble et obéissant serviteur, Jules Bastide.~
Abends.
Gestern hat Cavaignac, dem lauten Wunsche gemäß, drei Minister
entlassen, und drei neue ernannt. Diese Männer, welche man früher
lobte, werden heute schon in vielen Blättern heftig angegriffen, und
der Sturz der Republik geweissagt, weil sie dem Berge nicht behagen.
Selbst unter der Monarchie (rufen Einige) standen tüchtigere Männer
an der Spitze? Woher soll man (erwidern Andere) die Tüchtigen nehmen,
da ihr sie in Verruf gethan habt, und unter Euch keine Brauchbaren zu
finden sind. -- Hat Paturot nicht Recht wenn er sagt: „die Wilden ehren
wenigstens Das, was sie gemacht haben. Sie wechseln ihre Götzenbilder
nicht mit jedem Tage: sie geben sich kein Oberhaupt um sich das
Vergnügen zu machen es zu entehren!“
Wie theuer gewaltsame Umwälzungen sind, zeigt der heute
veröffentlichte Finanzbericht über die Einnahmen in 9 Monaten 1848,
verglichen mit 1846 und 1847. Es stellt sich nämlich ein Ausfall
dar von 102 bis 104 Millionen Franken; und das letzte Vierteljahr
wird gewiß kein besseres Ergebniß liefern. Es fehlen beim Salze über
3 Mill., bei den Getränken 7½ Mill., beim Tabak 500,000 Fr., beim
Zucker 12-16 Mill.; beim Stempel 7¾ Mill.; bei verschiedenen Zöllen
an 20 Mill.; beim enregistrement 37,807,000 Fr. Welche Schlüsse
lassen sich aus diesen Ziffern ziehen über Zustände, Noth, Mißtrauen,
Unzufriedenheit u. s. w.! -- Karl Blanc, der Direktor ~des beaux
arts~, jammert über den Wegfall von 500,000 Fr., welche sonst jährlich
den Künstlern aus der Civilliste zugeflossen, und fügt hinzu: „die
Revolution des Februar hat (wie alle Revolutionen) die Künstler
schrecklich getroffen, und bedroht selbst ihr Dasein. Die Meisten
halten jetzt schöne Künste für überflüssig; nur die Regierung kauft
Einiges, oder ein jetzt +verschuldeter+! Mäcen u. s. w. u. s. w.“
Den 17. October.
Madame Sand ist eine so hochgerühmte, vielbesprochene Frau, daß ich
pflichtmäßig ihrer wohl einmal gedenken muß. Niemand wird ihr ein
ausgezeichnetes Talent absprechen; gewiß hat sie es aber überschätzt
und mißbraucht. Sie wollte erschaffen und begründen, eine neue Familie,
neue Religion, neue Philosophie, neuen Staat, und hat Phantastisches
und Verkehrtes glänzend aufgestutzt, aber nichts zu Stande gebracht;
sondern Besseres schwankend gemacht, Schwache verführt und in
Wahrheit sich selbst zu Grunde gerichtet. Daß sie (wie man mir sehr
umständlich erzählt) in jedem ihrer vielen Romane eine ihrer unzähligen
Liebschaften dargestellt und verhandelt hat, will ich ihr nicht einmal
vorwerfen; desto bitterer tadelt man, daß sie durch ihre neueren
Schriften den Massen wahnsinnige Dinge vorgespiegelt, unerfüllbare
Hoffnungen erregt und den ärgsten Aufruhr befördert habe. Sie verließ
endlich Paris, wo sie nicht mehr bleiben konnte und durfte. Reybaud
widmet ihr im Paturot ein ganzes Kapitel, und sagt unter Anderem: ~le
monde lui échappait: il ne lui resta plus que les tressaillements de
la place publique. Elle s’y réfugia. Sa plume ardente réchauffa dans
les âmes ce qu’elles renfermaient de colères sourdes et de ressentimens
profonds. Plus d’une fois elle convia le peuple à ne compter que sur
lui même, et à faire justice de intermédiaires conjurés à le tromper.
Ces appels étaient empreints du fiel âcre que distillent les coeurs
déçus. Notre Muse y exhalait tous les mécomptes, toutes les ardeurs
de sa vie. C’était couronner dignement ce poëme où elle avait jeté
la pudeur au vent et pris la morale au rebours avec une audace sans
pareille Triste et dernière chute, après tant de chutes! -- Rien ne
manquait à cette déchéance, si ce n’est le geôlier et la prison battue
par les flots de l’Ocean!!~
Den 18. October.
Gestern aß ich beim Baron v. Rothschild. Die ganze Familie ist
angenehm, natürlich, verständig, und (wie ich wohl schon schrieb) so
entfernt von scheinbarem Hochmuth, als von falscher Demuth. Leider ist
Frau v. R., diese sehr liebenswürdige Frau, von einer ernsten Krankheit
noch nicht so hergestellt, daß sie an der Gesellschaft Theil nehmen
konnte.
Am südlichen Himmel giebt es rabenschwarze Stellen; solcher Stellen
kann man viele jetzt am politischen Himmel nachweisen. Desto
ängstlicher sucht man umher, wo sich etwa eine Spur neuen, oder
erhaltenen Lichtes zeige. Die gestrige Mehrheit von 415 Stimmen für
die Regierung Cavaignac’s giebt eine Art gesetzlicher Bürgschaft bis
zur Präsidentenwahl; die Erklärung der französischen Regierung gegen
Erneuerung der Feindseligkeiten in Italien ermäßigt die ungeordneten
Gelüste der Italiener und stützt Österreich, der Gedanke an Krieg
ist höchst unbeliebt in England und wird die Behandlung Deutschlands
wohl berichtigen. -- Ob des Bedürfnisses einer festen Verfassung für
Deutschland, wird man ungerecht gegen Behandlung und Feststellung der
Grundrechte. Denn so unnütz und verkehrt auch dabei gesprochen ward,
so gewiß auch einzelne Bestimmungen nichts taugen, oder unausführbar
sein dürften, enthalten doch viele Hauptvorschriften außerordentliche
Fortschritte, im Vergleiche mit vielen Mißbräuchen und Hemmungen der
früheren Zeit. Hoffen wir also, daß der Unsinn und die Wuth sich
schnell abnutze und vorübergehe, während das Gute feste Wurzel faßt und
Dauer gewinnt.
Den 20. October.
Wenn es ganzen Völkern geht, wie mir, so verengt sich ihr Gesichtskreis
immer mehr und sie werden täglich dümmer. Sonst sagte man: alle
Wege führen nach Rom, um das Inhaltreichste, Bewundernswertheste
zu bezeichnen; jetzt führen alle Wege und Gedanken in die Politik.
Aber nicht in die lehrreiche, großartige, welche das ächte Leben und
die Entwickelung der Völker nachweiset und regelt, sondern in das
willkürliche, sittenlose Treiben der Einzelnen und der Massen, in
eine widrige Mischung von Aberglauben und Unglauben, in die Lehre
daß zu jedem Zwecke, jedes (selbst das schändlichste) Mittel erlaubt
sei, in das nürnberger Tandspiel mit leeren Formen, oder in den
rasch wechselnden Götzendienst mit nichtsnutzigen Personen. Welche
Beispielsammlung giebt unsere Zeit, wie man es +nicht+ machen müsse.
Leider nur nicht so unschuldig und einfach, wie die in der Schule
zusammengestellten irrigen Beispiele um die Fehler zu verbessern! Woher
kommt die unsittliche Cholera unserer Tage? An vielen Stellen (aber
nicht überall) lassen sich die Ursachen nachweisen, und daß ungeheure
Ausbrüche schlecht behandelter Krankheiten selten ausbleiben. Die Übel
wachsen dann in geometrischer Progression, und schneiden und brennen
ist besser, denn verfaulen.
Man wird hier bald mit Entwerfung der Verfassungsurkunde fertig sein:
natürlich wieder für eine neu beginnende Ewigkeit! Louis Bonaparte
soll der (nichtsthuende) Brama werden; es will sich aber noch kein
erhaltender Vischnu mit ihm einlassen, und da möchte es nicht an
zerstörenden Schismas fehlen, die jenen auf den Altentheil setzen. --
Eine sehr praktische Frage beschäftigt jetzt die Nationalversammlung:
über das Maß des Centralisirens oder nicht Centralisirens. Lob und
Tadel wird über beide Richtungen in scharfer Weise ausgesprochen:
möchte man die richtige Mitte, oder die lebendige Diagonale der
beiden bewegenden Kräfte finden! Gewiß giebt es ein +Zuviel+, und ein
+Zuwenig+, und eine napoleonische Verwaltung, welche den Städten und
Landschaften gar keine Freiheit läßt, leidet an dem ersten Mangel.
Umgekehrt fürchtet man, beim Nachlassen der strengen Oberleitung, ein
völliges Aufhören des Gehorsams und eine anarchische Zerstückelung.
Auch hier Scylla und Charybdis.
Um dem Geschrei über den Belagerungszustand von Paris ein Ende zu
machen, hat man ihn aufgehoben, ist aber keineswegs gesonnen ungestört
die rothe Anarchie oder wiener Gräuel einbrechen zu lassen. Die
berliner Zeitungen sind gestern ausgeblieben und daher die Furcht
nicht unnatürlich, man werde daselbst in ähnliche Scheußlichkeiten
hineingerathen.
Den 22. October.
Gestern hatte ich ein langes Gespräch mit Hrn. C. Nach Beseitigung
eigentlicher Geschäfte, sagte er: was halten Sie von der Lage
Frankreichs? -- Ein Fremder kann darüber schwer urtheilen. -- Ihre
Meinung zu hören ist mir lieber, als die vieler befangener Franzosen.
-- Ich kenne die Stimmung der Landschaften zu wenig. -- Ich kenne sie
auch nicht. Glauben Sie, daß man L. Bonaparte zum Präsidenten erwählen
wird? -- Es heißt die Landleute und Legitimisten wollen für ihn
stimmen. Wer wird aber für ihn regieren? -- Das weiß Niemand, wir gehen
einer durchaus ungewissen und unbekannten Zukunft entgegen. -- Hr.
Lamartine sagte: ~jacta est alea!~ und Gott wird helfen! -- Lamartine
ist und war nie ein Staatsmann. In solchen Lagen die Vorsehung anrufen,
heißt nichts thun oder Verkehrtes thun. Die Franzosen sind monarchisch
durch Herkommen, Sitten, Neigungen; republikanisch nur ~par l’esprit~
u. s. w. u. s. w.
Baron R. äußerte letzthin: die Eisenbahnen beförderten Revolutionen.
Gewiß; man kann mit ihrer Hülfe aber auch (wenn man thätig ist
und es recht anfängt) Revolutionen verhindern. Auch giebt es in
Portugal, Spanien, Italien, Ungarn, Polen keine Eisenbahnen, und doch
Revolutionen.
Den 23. October.
Besuche abstatten (oder doch abstatten wollen) gehört recht eigentlich
zu meinem Geschäfte; -- ohne daß man es jedoch dadurch bis zu einem
wahrhaften Geschäfte bringt. Man klatscht, man klagt, man vertraut
sich Dinge unter dem Siegel der Verschwiegenheit, welche eine halbe
Stunde später die ganze Welt weiß; man setzt Kleinigkeiten unter das
Vergrößerungsglas, und geht von großen Dingen rückwärts und rückwärts,
bis sie klein erscheinen; man spaltet Haare, läßt aber große Steine
des Anstoßes als ein ~noli me tangere~ unangetastet im Wege liegen.
Dies und Ähnliches gehört zur höheren Diplomatie; die verständige geht
nicht über den gesunden Menschenverstand hinaus, bezweckt nicht das
Unmögliche, und sucht sich mit dem Unabänderlichen zu vertragen und zu
verständigen. In den letzten Gränzen hielt sich ein langes Gespräch,
welches ich gestern mit Drouyn de l’Huys, dem Vorsteher des Ausschusses
für auswärtige Angelegenheiten, hatte. So über die Nothwendigkeit und
Heilsamkeit eines aufrichtigen Einverständnisses zwischen Deutschland
und Frankreich, die Verkehrtheit der alten Eroberungspolitik, die
thörichte Vernachlässigung der Gefahren im Osten Europas, die
Unentbehrlichkeit einer Schutzmacht gegen Rußland u. s. w.
Es ist erfreulich, daß sich, nach langer Thorheit, die Wahrheit wieder
Bahn macht, daß Preußen der Hauptbestandtheil Deutschlands sei. Noch
einmal zeigt sich, in nicht allzugroßer Ferne, die Gelegenheit, dies
geltend zu machen. Wird man endlich sie kühn zu ergreifen willig
und fähig sein? Dazu gehört aber freilich mehr, als daß in Berlin,
nach blutigem Kampfe und ohne Bestrafung der Schuldigen, die rothen
Republikaner und die Bürgerwehrmänner (oder Weiber) sich in die
Arme fallen und Brüderschaft trinken. Dies würde zuletzt nur wiener
Ereignisse herbeiführen.
Zu meinen kurzen Mittheilungen über die peinliche Rechtspflege in
Frankreich füge ich heute Einiges über die bürgerliche Rechtspflege
hinzu. Bei 361 höheren Civilgerichten wurden 176,000 Prozesse
angebracht (im Jahre 1846) und davon abgeurteilt 131,080. Die Zahl
derselben ist für die verschiedenen Theile des Landes sehr verschieden:
am höchsten im Departement der Seine: nämlich auf 124 Menschen
und 734 Fr. Grundsteuer ein Prozeß. Unter 1128 Scheidungsklagen
sind 1048 von den Frauen und nur 80 von den Männern angebracht
worden. Man könnte dies allerdings betrachten als einen Beweis der
Ungeduld und Unbeständigkeit der Frauen; in Wahrheit aber dürfte
sich die Erscheinung zu ihrem Vortheil gestalten, wenn man die
Scheidungs+gründe+ ins Auge faßt. Nämlich 1015 Scheidungsklagen
erfolgten wegen Ausschweifungen, Gewaltthaten und grober Beleidigungen
(~excès, sévices, ou injures graves~), 62 wegen Ehebruch des Mannes,
und 21 wegen peinlicher Strafen. Von 86 Gegenklagen der Männer bezogen
sich 61 auf Ehebruch der Frauen, 1 auf eine entehrende Strafe, 25 auf
~excès, sévices et injures graves~. Obgleich also, wie es scheint,
auch die Frauen bisweilen grob sind und drein schlagen, gehen doch
Scheidungsgründe dieser Art natürlich meist von den Männern aus und
sind +weit die zahlreichsten+. Ehebruch kommt seltener zur Sprache,
als man vermuthen sollte, versteckt sich aber wohl auch nicht selten
hinter Grobheiten und Schläge. Weit die meisten Scheidungsklagen
fallen auf das Departement der Seine, und viel mehr auf den Norden
Frankreichs, als auf den Süden. Noch ist zu bemerken, daß die große
Mehrzahl der Geschiedenen Katholiken sind, welche sich nicht wieder
verheirathen dürfen, also der Welt keineswegs ein Schauspiel geben wie
bisweilen bei uns, wo ein schlechter Tauschhandel und eine Art von
Kämmerchenvermiethen stattfindet.
Vierundsiebzigster Brief.
Paris, den 24. October 1848.
Die neue Verfassung Frankreichs ist im Wesentlichen fertig und
angenommen. Mit Ausnahme der zunächst praktischen Frage über die
Präsidentenwahl, erweckt sie kaum Theilnahme und noch weniger
Begeisterung; so sehr ist man an die Verfassungsmacherei gewöhnt,
und so wenig Vertrauen hat man zu der Lebensdauer des neugebornen
Kindes: ~transeat cum caeteris~. Noch immer hat L. Bonaparte die
meiste Aussicht auf Stimmenmehrheit: die Bauern (sagt man) werden
ihn wählen, damit er (gleichwie sein Oheim) der Republik den Garaus
mache. Noch wollen die einflußreichsten Männer aber sein Schiff nicht
besteigen und für ihn das Steuer ergreifen; sie glauben nicht an die
Möglichkeit, daß er lange an der Spitze bleibe. Man war im Begriff,
die Präsidentenwahl auf den 3. December anzusetzen; weil dies aber
der Jahrestag der Schlacht von Austerlitz ist, brachte man den 10. in
Vorschlag.
Marquis Brignoles erhielt vom turiner Hofe ein Schreiben: seinem
dringenden Wunsche gemäß, werde er von Paris abberufen und Hr. Ricci
(ein kriegslustiger Mann) an seine Stelle kommen. -- Hr. v. Brignoles
schickte das Schreiben zurück: denn da er jenen Wunsch nie gehegt,
könne er ihn, der französischen Regierung gegenüber, nicht anerkennen.
Gleichzeitig erklärt diese: sie wünsche, daß Hr. v. Br. bleibe und Hr.
Ricci nicht komme. Ohne diese Erklärung zu berücksichtigen, wird Br.
dennoch abberufen, wodurch Carlo Alberto (oder seine Minister) hier
noch mehr als bisher an Credit verlieren.
Den 28. October.
Das Rad dreht sich hier so schnell, daß das heute wichtig Erscheinende,
morgen schon verschwunden ist und Anderem Platz gemacht hat. Doch
hängt allerdings Alles zusammen, und Eins folgt aus dem Anderen,
z. B. allgemeines Wahlrecht, +eine+ Kammer, Wahl des Präsidenten
+nicht+ durch die Nationalversammlung, Lamartine’s Würfelspiel,
Beschleunigung der Wahl des Präsidenten, L. Bonaparte’s Bewerbung
u. s. w. Cavaignac’s bestimmtes Auftreten hat für den nahen Wahltag,
den 10. December entschieden. Man fürchtet ein längeres Provisorium,
Intriguen, Banketts und Emeuten während desselben; Cavaignac will sich
nicht aufdringen, oder aller Orten über Zögerungen anklagen lassen.
Wenn L. Bonaparte gewählt wird, sagte ein angesehener Mann, so drängen
sich Intriguanten und Nichtsnutzige aus allen Ländern an ihn, und
Frankreich geht einer elenden Zeit entgegen. Des leeren Namens wird man
bald überdrüßig werden; -- und was dann? -- Möglich daß, unter +vielen+
bitteren Kelchen, dieser +eine+ vorübergehe.
Auf meine Verhältnisse haben jene Beschlüsse und diese Zustände
den bestimmtesten Einfluß. Cavaignac und Bastide werden bis zur
Präsidentenwahl in Bezug auf Deutschland keine weiteren Maßregeln
ergreifen; sondern (gleichwie England) eine Entwickelung der deutschen
Verfassung abwarten. Welche Ansichten ihre etwanigen, unbekannten
Nachfolger haben dürften, weiß Niemand; vor dem Januar 1849 rückt
mithin +nichts von der Stelle+. Bei diesen Verhältnissen habe ich
heute dem Ministerium in Frankfurt vier Möglichkeiten vorgelegt und
mich jeder Auswahl unterworfen: 1) mich abzuberufen; 2) meine Sendung
niederzulegen, um meinen Pflichten als Abgeordneter in Frankfurt zu
genügen; 3) in Form gegebenen Urlaubs auf kürzere oder längere Zeit
von hier wegzugehen; 4) hier geduldig abzuwarten und auszuharren. --
Es war gleich unpassend ganz zu schweigen, oder auf Weggehen, oder auf
Hierbleiben zu bestehen. Ich zeige meine Bereitwilligkeit zu Jeglichem,
was man als heilsam anerkennt für die Sachen, und mit Rücksicht auf
meine Persönlichkeit. Das sogenannte Schicksal mag entscheiden.
Übrigens muß eine Art von ~public character~, wie ich jetzt bin,
allerhand gewohnt werden. So erzählt der Minister der auswärtigen
Angelegenheiten in der -- Kammer: +ich+ hätte an die deutschen
Regierungen geschrieben, ihre Gesandten müßten noch hier bleiben; und
während es dem deutschen Reichsgesandten nicht gelungen sei, deutsche
Junigefangene ausgeliefert zu erhalten, wäre dies dem -- Gesandten
gelungen. An dem Allem ist auch nicht ein wahres Wort: ich habe an
+keine+ Regierung geschrieben, der Gesandte hat sich um +keine+
Gefangenen bekümmert; mir aber hat Bastide lachend gesagt: all das
Gesindel stehe zu Diensten, wenn man sich in Deutschland danach sehne!
Fünfundsiebzigster Brief.
Paris, den 29. October 1848.
Ich weiß nicht, ob unter Bekannten und Unbekannten die Täuschung noch
fortdauert: ich lebe hier herrlich und in Freuden, unter interessanten
Personen, üppigen Festen, heiteren Zerstreuungen u. s. w. Umgekehrt,
nichts von dem Allem! Da ich zu meinen hiesigen Ausgaben keine
+bestimmten+ Summen erhalte, sondern im Ganzen das Verbrauchte angeben
soll; so gebe ich bei natürlicher Ängstlichkeit und pflichtmäßiger
Gewissenhaftigkeit nur das durchaus Nothwendige aus, um dem (so leicht
eintretenden) Vorwurfe zu entgehen, ich hätte auf öffentliche Unkosten
geschwelgt. Und dennoch muß ich mir gestehen, mein hiesiges Thun sei
so viel Geld nicht werth, als ich verbrauche. Unterrichtete Personen,
so B--e, sagen mir: wenn auch die Verhältnisse es unmöglich machen,
daß Sie +positiv+ viel ausrichten, so ist doch Ihr Einfluß und Ihre
Persönlichkeit +negativ+ von großem Nutzen. Sie halten Übeles ab,
berichtigen Mißverständnisse und Irrthümer, fördern die Wahrheit,
stehen mit Allen in gutem Vernehmen, während viele Andere leicht Alles
verdorben hätten u. s. w. -- Mit derlei Trost lasse ich mich denn von
einem Tage zum anderen hinpäppeln.
Bei meinem öfteren, früheren Aufenthalte in Paris bin ich als
Professor in unzähligen Gesellschaften gewesen; jetzt ißt und trinkt
der Quasireichsgesandte beim ~Restaurant~ oder auf seiner Stube;
denn Niemand giebt Gesellschaften, und die wenigen sogenannten
Soiréen sind entweder so überfüllt, daß man sich nicht rühren kann
und an Unterhaltung nicht zu denken ist; oder leer und bisweilen
sogar langweilig. Ganze Tage lang läuft man umher nach sogenannten
interessanten Leuten, findet sie aber nicht zu Hause; oder wenn
dies ausnahmsweise einmal der Fall ist, so haben Alle denselben
politischen Butterfrauentrab eingeschlagen. Von anderen Dingen (Kunst,
Wissenschaft, Geschichte) ist nicht die Rede, sondern lediglich von
den vielen Leiden der Gegenwart und den geringen Hoffnungen für die
Zukunft. So summt und brummt man hin und her, wie eine Tagesfliege,
stößt mit dem Kopfe gegen helle Fenster oder dunkle Wände, findet
aber nirgends einen wahren, beruhigenden Ausgang, nirgends Vertrauen,
Heiterkeit und Zufriedenheit. -- So in dem großen Normalbabel, welches
aber doch original ist; während Berlin und Wien sich als schlechte,
verzerrte Copien darstellen, und nur die Belgier (früher als Affen der
Franzosen verspottet) jetzt auf ihren eigenen Beinen, gesund, frisch
und muthig einherschreiten.
Welch ein Unterschied zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten
von Nordamerika. In beiden Ländern steht eine Präsidentenwahl bevor;
hier ist aber eigentlich nur von zwei ausgezeichneten Bewerbern
die Rede, welche (wer auch obsiege) in allen wesentlichen Dingen
die gleiche, bestimmte, nicht zu verfehlende Bahn einschlagen.
Nirgends Umwälzungen, Gefahren, oder große Gegensätze; mittelmäßige,
gefährliche Bewerber unmöglich, der große Bau fest und gesichert, und
die Fahne, welche man auf die Kuppel pflanzt, keine unsichere Wind-
und Wetterfahne. -- Wie ganz anders in Frankreich: Alles nochmals
in Frage gestellt, Republik oder Monarchie, Krieg oder Frieden,
Papiergeld, Bankerott, Recht auf Arbeit u. s. w. Viele Bewerber
mit den verschiedensten Richtungen: darunter (so spricht man) ein
Unfähiger, ein Hauptconfusionarius, ein rother Republikaner, ein weißer
Republikaner, drei, vier Monarchisten oder Legitimisten. Jeder stellt
dem Anderen ein Bein, wartet auf des Anderen Sturz und Verbrauchtheit;
Jeder beginnt den Bau der bürgerlichen Gesellschaft von Neuem und nach
wesentlich verschiedenen Grundsätzen. Niemand weiß wer zunächst obenauf
kommen wird; Niemand glaubt, daß der und das Obsiegende auch nur ein
Jahr lang sich erhalten und obenauf bleiben werde. -- Das wirbelnde,
kreisende Chaos; Jeder wünscht: es werde Licht; aber Der fehlt, der
aus eigener Kraft sagen könnte: und es ward Licht. -- Die Formel, „von
Gottes Gnaden“, wie sie unser König auslegt, reicht dazu nicht hin. --
+Jedes Recht+ ist von Gottes Gnaden, das meinige, wie das des Königs;
aber eben deshalb und weil es von Gottes +Gnaden+ kommt, ist keins
unbedingt und unumschränkt.
Zu den obigen, für Frankreich stattfindenden Gefahren, treten
noch andere hinzu: Erstens, daß die Massen und Parteien geneigt
und gewöhnt sind, die Ergebnisse gesetzlicher Entwickelung zu
verschmähen, sobald sie ihnen nicht behagen, um auf revolutionairem
Wege ihre eigenen Ansichten durchzusetzen. -- Und so, ohne Grazie,
~in infinitum~! -- Zweitens reichen die +förmlichen+ Bestimmungen der
Verfassung nicht aus, die Rechte und die Macht des Präsidenten und
der Nationalversammlung zu regeln; man wird darüber hinausgehen, und
andererseits dahinter zurückbleiben, das Gesetze Geben und Gesetze
Anwenden nicht genau scheiden wollen und scheiden können, mithin
zwischen Übermacht und Ohnmacht hin und herschwanken und sich darob
vielfach zanken. -- L. Bon. Bewerbung wird von sehr Vielen begünstigt,
damit er die Republik stürze; ob aber die Minderzahl der entschlossenen
Republikaner sich dem geduldig fügen wird, ist noch immer die Frage.
Erhält er nicht zwei Millionen Stimmen, so treten vier Bewerber neben
ihn hin, und schwerlich wird dann die Versammlung für ihn entscheiden.
So wissen mächtige Regierungen und große Völker nicht, was ihnen
bevorsteht und sehen hinaus in eine finstere Nacht der Zukunft; wie
kann ich verlangen, daß mein Schicksal (so weit es von Außen kommt)
bereits feststehe.
Den 30. October.
Sie sind jünger wie ich und nehmen vielleicht deshalb die Dinge
heiterer und leichter. Sonst stehen wir Beide auf derselben Stelle,
das heißt: wir haben in Wahrheit -- +nichts+ ausgerichtet. Denn die
Anerkennung der Thatsache: daß in Frankfurt ein Reichsverweser und
eine Reichsversammlung ist, hat gar keine Bedeutung, so lange man in
London und Paris auf alle anderen Wünsche, Hoffnungen und Forderungen
gar keine Rücksicht nimmt; z. B. hinsichtlich Italiens, Holsteins
u. s. w. +Die Hauptschuld dieser Geringschätzung oder Nichtachtung
tragen die Deutschen selbst.+ Der Straßenunfug in München, die Anarchie
in Wien, die muthlose Erbärmlichkeit in Berlin, die Frechheit der
äußersten Linken u. s. w. Das sind Übel so großer Art, daß sie mit
aller diplomatischen Gewandtheit nicht wegzuräumen sind. Um jedoch
nicht offen (und leider mit Recht) anzuklagen, versteckt man sich
in London und Paris hinter kleinliche Formen und Sylbenstechereien,
und wir trösten uns mit der sprachlichen Deutung: +officiös+ und
+officiell+ sei dasselbe. Dem ist aber in Wahrheit nicht so. Mißtrauen
in das Gelingen der deutschen Bestrebungen, ja der Wunsch dieses
Mißlingens leuchtet bei Vielen durch jenen diplomatischen Vorhang
und Vorwand hindurch; alle Freunde der Unordnung deuten das Zögern
der großen Mächte zu ihrem Vortheile und benutzen dasselbe; dem
tüchtigen Ministerium in Frankfurt wird seine Bahn dadurch wesentlich
erschwert und 45 Millionen Deutsche müssen (ich wiederhole: leider
hauptsächlich durch eigene Schuld) leiden, was sich Engländer und
Franzosen schwerlich bieten ließen. Beide nehmen z. B. ein Monopol der
Einmischung in die italienischen Angelegenheiten in Anspruch, während
sie uns auf bescheiden vorgetragene Wünsche keiner Antwort würdigen.
Was würde England sagen, wenn sich Österreich ähnlicher Weise in die
irländischen Angelegenheiten mischen wollte. Ich halte Englands Politik
in Bezug auf Deutschland für irrig; die diplomatischen Vieillerien
-- würde ein Mann von Lord Palmerston’s Energie leicht unter den
Tisch werfen, wenn nicht andere als die angegebenen Gründe (bloße
Quisquilien) im Hintergrunde lägen. Hat ihn das Provisorium in Palermo
etwa von sehr deutlicher Mitwirkung zurückgehalten?
Die Unsicherheit der französischen Regierung und der alte Aberglaube:
Deutschlands Schwäche gereiche Frankreich zum Vortheil, -- entschuldigt
das Benehmen dieser Macht weit eher, als sich (bei wesentlich anderen
Verhältnissen) das Benehmen Englands erklären und rechtfertigen läßt.
Und doch: lassen sich nicht alle die offen dargelegten, ostensibeln
Gegengründe Frankreichs widerlegen! -- Die deutsche Verfassung
(sagt man) ist noch nicht fertig; Niemand kennt die Zukunft und
dergleichen.. Ist denn aber die französische Verfassung fertig? Weiß
denn Jemand, +wer+ binnen vier Wochen in Frankreich und +wie+ er, mit
oder ohne Verfassung, regieren wird? Alle Leute sagen: „L. B. wird zum
Präsidenten erwählt, damit er der Republik den Garaus mache und die
neue Verfassung ins Feuer werfe.“ -- Mit solchem Glauben oder Unglauben
geht man, Gottlob, bis jetzt doch nicht in Frankfurt zu Werke. -- Das
deutsche Volk hat die frankfurter Versammlung erwählt, alle Staaten
und Fürsten haben sie anerkannt und finden jetzt in ihr eine Stütze.
England und Frankreich ziehen es aber vor, Gesandte von Baden, Hessen,
Anhalt u. s. w. als sakrosankt anzuerkennen, und dem zerstückelten,
ohnmächtigen Deutschland Complimente zu machen, während man den
Reichsgesandten als ein ~hors d’oeuvre~ nebenher laufen laßt. Ich gelte
seit meiner Jugend für einen Optimisten und mein Wahlspruch ist immer
gewesen: ~nil desperandum~; -- aber ich kann die Sonne nicht sehen,
wenn Wolken davor stehen, obwohl ich fortdauernd an sie glaube. Glauben
Sie nicht, daß verletzte Eitelkeit mich zu dieser ernst-wehmüthigen
Betrachtung führt; +persönlich+ geht es mir außerordentlich gut und
Hrn. Bastide’s Urtheile über mich sind günstiger als ich je erwarten
konnte. Über meine unbedeutende Person kann ich aber Deutschland nicht
vergessen.
Mittags.
Es ist nur +eine+ Stimme darüber, daß, trotz aller förmlichen
Verfassungsmacherei, Niemand etwas über die Zukunft wissen könne. Der
Präsident wird in derselben Weise gewählt wie die Nationalversammlung,
weil aber +später+ als diese, wird er sich des +neuesten+ und +größten+
Vertrauens rühmen und danach handeln wollen. Treten etwa im Mai neue
Wahlen für die Nationalversammlung ein, so kehrt sich die Zeitrechnung
um und die Versammlung nimmt die größte Macht in Anspruch. Nach der
Verfassung kommt ihr der größere, dem Präsidenten der kleinere Theil
dieser Macht zu; der Buchstabe solcher Urkunden hat aber niemals in
Frankreich entschieden. -- Der Geschichtschreiber soll das Band der
Ursachen und Wirkungen nachweisen; wie ist dies aber da möglich, wo man
Alles einem Glücksspiele, einer bloßen Lotterie preisgiebt? Höchstens
kann man den Gründen nachspüren, welche veranlaßten, daß man so ~quitte
à double~ spielt. -- Dennoch sind die Franzosen weiter in ihrer
staatsrechtlichen Entwickelung, als die Deutschen; in so fern als sich
die große und nicht unthätige Mehrzahl für Ordnung und Recht verwendet;
während die deutschen Wühler sich für die rechten Erlöser ausgeben und
die Massen noch immer verführen. Wie lange wird dieser Götzendienst
dauern? -- Wird Gesetzlichkeit in Wien zurückkehren, oder Berlin in
einen ähnlichen Abgrund der Anarchie versinken?
Es klingt mir in den Ohren immer wieder: ~multa agendo, nil agimus~.
Aber wenn man uns mißachtet, wer anders trägt die Hauptschuld, als wir
selbst? Als ich vor zwei Monaten meine nicht gehaltenen Reden drucken
ließ, wollte die Linke durch die Reichsgewalt alle einzelnen Staaten
(angeblich zum Heile Deutschlands) vernichten; jetzt fordert sie die
Herrschaft für die einzelnen Staaten und will (wieder zum angeblichen
Heile Deutschlands) die frankfurter Versammlung auseinanderjagen. Und
zahllose Dummköpfe stimmen in das erste, wie in das zweite Geschrei
ein, ohne zu merken, worauf es beide Male abgesehen war und ist. --
Krisen dauern nicht lange, das zeigt der Februar, März, Mai, Juni
u. s. w.; aber Krankheiten können 30 Jahre lang währen, für ein
Jahrhundert abschwächen, oder mit dem völligen Tode des Einzelnen, oder
der Völker endigen. -- Wie arm ist diese letzte Zeit an großen Männern
und Charakteren; das Mittelmäßige macht sich überall breit und gilt für
+groß+, so lange es +neu+ ist. Bald darauf wird es freilich verhöhnt
und mit Füßen getreten. Und dennoch drängen sich Unfähige, Lahme,
Schwindelige zu diesen Tempeln, um den ~Salto mortale~, durch das
politische Faß hindurch zu wagen! ~Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.~
Sechsundsiebzigster Brief.
Paris, den 1. November 1848.
Jede Revolution stört und unterbricht den Gang ruhiger Thätigkeit,
mindert die Einnahmen und vermehrt die Ausgaben. Schon aus diesem
finanziellen Gesichtspunkte sind alle Diejenigen verantwortlich und
strafbar, welche ihre Nothwendigkeit herbeiführen, oder sie ohne
genügenden Grund veranlassen. Das Deficit der Staatseinnahmen schlägt
man in Frankreich für 1848 auf mindestens 300 Millionen Franken
und ebenso hoch für 1849 an. Wie will man, wie kann man diesen
Mangel decken? Steuererhöhungen sind unter den obwaltenden Umständen
fast unmöglich, oder doch uneinträglich; Anleihen verstärken die
ohnehin sehr große Schuldenlast und dürften nur unter den lästigsten
Bedingungen zu Stande kommen; Papiergeld führt zu schlecht verdecktem
Bankerott. Wenn also die +Einnahme+ sich nicht steigern läßt, muß
man die +Ausgaben+ mindern. Abgesehen davon, daß jede Verminderung
derselben auf Gewerbe und Geldumlauf nachtheilig wirkt, reicht das
Streichen einiger Millionen, an diesem oder jenem Titel, kaum hin
den funfzigsten Theil der vorhandenen Lücke auszufüllen; nur eine
große Verminderung im Heerwesen könnte dazu hinreichen. Ob nun
gleich Frankreich fast unangreifbar und nicht die geringste Gefahr
eines fremden Angriffs vorhanden ist, wird es doch zu einer großen
Ersparung bei den Kriegsausgaben nicht kommen. Denn die französischen
Soldaten wollen nicht entlassen, nicht in ihre Heimat entsandt sein;
sie betrachten meist ihre Stellung und Einübung nicht als etwas
Vorübergehendes, sondern als Beruf und Erwerbszweig fürs ganze Leben.
Daher behält man das System der Stellvertreter bei, und dringt auf
eine lange Dienstzeit; während wir (bei allerdings sehr verschiedenen
Verhältnissen) eine andere Richtung eingeschlagen haben. So wenig wie
unsere Officiere in Masse eine Verabschiedung wünschen, ebensowenig die
französischen Officiere und Soldaten. +Hier+ ist also Schwierigkeit,
Widerspruch und Gefahr doppelt groß, und dem Finanzwesen dieser
Rettungsweg so gut wie verschlossen. Doch klebt und kleckst jeder
französische Finanzminister so viel glänzende Schönpflästerchen auf
sein Budget als irgend möglich, und die Nationalversammlung freut sich
des bunten Farbenspiels, bis der Anputz schmuzig wird, abfällt und nur
Narben und Flecke zurückläßt.
Beide Einstellungssysteme, +mit+ und +ohne+ Stellvertreter können
angemessen sein: jenes, wo mehr Leute Soldaten werden wollen, als man
jemals braucht; dieses, wo eine allgemeine kriegerische Vorbildung
nöthig ist, um einen Staat in seiner politischen Höhe zu halten.
Daneben, neben dem Heere und der Landwehr, läßt sich auch eine passende
Stelle für eine Bürgerwehr finden. Wenn diese aber die eigentlichen
Soldaten bei Seite schiebt, Wachen bezieht, Schildwach steht, sich
eiteler Paraden freut u. dergl., das heißt faullenzt, statt zu
arbeiten; so ist dies zugleich ein sittlicher und ein ökonomischer
Verlust. Zwei Heere kosten noch einmal so viel als eins, und wenn nun
gar die Bürgerwehr berathet, beschließt, sich über die Stadtbehörden
hinaufsetzt, und anstatt wesentlich zu gehorchen, wesentlich
ungehorsam wird; so ist dies (trotz aller Rederei, Anmaßung und
Vornehmthuerei) ein verderblicher und verdammungswerther Zustand.
Den 2. November.
Der größte Theil der Journale spricht sich gegen L. Bon. aus, und Viele
meinen: wenn die Präsidentenwahl noch einige Monate hinausgeschoben
wäre, würde er schon vor derselben politisch gestorben sein. Nur die
Presse, welche ihn früher aufs Härteste beurtheilte und heruntermachte,
hält ihm jetzt eifrige Lobreden. Lob und Tadel ward vor drei Tagen
auf einem großen Bogen nebeneinander gedruckt und an den Straßen
angeschlagen. Diese Blamage für die Presse, welche den General
Cavaignac täglich, bis zum Ekel, angreift und anklagt, hätte ihm
willkommen sein müssen; höher stehend oder edler fühlend, ließ aber
die Regierung jenen Anschlag abreißen, weil eine aufregende politische
Straßen- und Mauerliteratur hier verboten ist.
Ernsthaft gesprochen, wird mir mein hiesiges Leben täglich leerer,
langweiliger und widerwärtiger. Denn es fehlt mir (leider oder Gottlob)
an aller Eitelkeit, die sich etwas darauf zu Gute thun könnte, hier
~envoyé extraord.~ des deutschen Reiches zu sein. In Wahrheit bin
ich nur ein ~flaneur~, und faullenze in einer Weise, wie ich es nie
gethan habe. Man sagt mir von mehren Seiten: ich wirke sehr nützlich,
ich sei beliebt, man wünsche mich hier zu behalten, man werde mich
schwerlich ersetzen können u. s. w. -- Larifari, was ich hier thue,
kann Jeder thun; ich aber könnte, wo nicht Besseres, doch etwas
thun, was mir persönlich erfreulicher wäre. Aber wo, wie? „Denn zur
Strafe meiner Sünden, kann ich keinen Ausgang finden.“ Für Werke der
Wissenschaft bin ich zu alt, oder es fehlt doch die Gemüthsruhe,
welche mir erlaubte, im vorigen Jahre über den römischen Senat und die
großen Kirchenversammlungen zu schreiben; es fehlt die Heiterkeit,
mich drei portugiesischen Frauen in die Arme zu werfen, welche ich
dem wissenschaftlichen Vereine vorführen wollte, die aber jetzt in
meinem Pulte eingesperrt liegen. -- Wäre nach tausend Jahren von
allem Geschriebenen und Gedruckten nichts übrig, als meine Briefe
aus Frankfurt und Paris, so würden sie viele Philologen, Editoren,
Commentatoren, Kritiker, Setzer und Drucker beschäftigen; jetzt haben
sie nicht so viel Gewicht und Bedeutung, alte Freunde zu einer Antwort
zu bewegen. -- Vielleicht kommt bald eine Nachricht aus Frankfurt,
welche mich -- dahin bringt, irgend ein Bund Heu muthig aufzuessen.
Die jetzige Regierung Frankreichs, wenigstens zum Theil hervorgegangen
aus dem Streite über die Festmahle (~banquets~), kann dieselben
nicht füglich verbieten; auch hemmt die Furcht vor den drastischen
Juniarzneien, lauten Skandal. -- Der Sinn Mancher offenbart sich
indessen, wenn sie Blanc und Raspail als Märtyrer der Freiheit
leben lassen, und d’Alton Shee vor Allem die Ausrottung schlechter
Gewohnheiten verlangt. Die schlechteste von allen (fährt er fort),
welche uns die Monarchie (!) hinterlassen hat, ~est la transmissions
de l’hérédité et des noms~!! -- Dies zum Troste gegen den Ärger über
Narrheiten in Deutschland.
Viele gemäßigte Republikaner, welche sehen, welche Gefahren ihrem
aus dem Stegreif erschaffenen Werke drohen, sagen: der National (die
heftige Partei) hat die Republik zu Grunde gerichtet. Allerdings hat
diese Partei ihren Sieg leidenschaftlich und eigennützig ausgebeutet
(wie alle politischen Sieger in Frankreich); aber auch abgesehen
davon, und von gerechtem Tadel, führt die Neigung und die Gewohnheit
des Veränderns, selbst gesunde, natürliche Kinder hier zu raschem
Tode. Als Rettungsmittel für die Republik ist vorgeschlagen worden,
alle Bonapartiden in der Nacht gefangen zu nehmen und nach Cayenne zu
schicken. Der Gedanke ward aber aus mehren Gründen abgelehnt. Wenn
man die geheimsten Berathungen dieser Art ausplaudert, so ist dies
ein Zeichen, daß man nicht mehr an die Festigkeit der bestehenden
Regierung glaubt. -- Die Partei des National wünschte sich mit der
alten Opposition, der dynastischen Linken, zu verbinden; diese erwidert
jedoch: helft euch selber, wir haben mit Cav. und L. Bon. nichts zu
schaffen. -- Wahr; allein hiedurch stimmt sie dem ~jacta est alea~
Lamartine’s bei, und wartet ab, wer da Licht in diese Nacht der Zukunft
tragen werde.
Täglich höre ich (hauptsächlich von Gesandten): Sie müssen lesen
diese und diese Zeitungen, diese Artikel, diese Anklagen, diese
Vertheidigungen, diese Glaubensbekenntnisse, diese Versprechungen,
diese Warnungen u. s. w. u. s. w. -- ein Meer nicht auszuschöpfen,
so viel Köpfe so viel Sinne, Staatsweise (oder Narren) in Unzahl!
Ich kann und will mich nicht entschließen, bei Tage diese ungeheure
Menge politischen Heues zu verzehren, bei Nacht es wiederzukäuen und
am nächsten Morgen doppelt durch diesen politischen Katzenjammer zu
leiden. Ich habe gar keine Anlage, ein solcher gesandtschaftlicher
Vielfraß zu werden.
Schon oft ist es in der Geschichte vorgekommen, daß das Schicksal
eines Staates oder Volkes von einem Kriege, einer Schlacht abhing;
es ist aber wohl noch nirgends geschehen, daß man sich durch lange
Berathungen, zahlreiche Beschlüsse, staatsrechtliche Bestimmungen
in eine so völlige Dunkelheit und Ungewißheit über alle geselligen
Verhältnisse der nächsten Zukunft hineinverirrt, so Alles auf ein
Spiel mit (falschen) Würfeln hinausgeführt hat. Es gehört eine mehr
als eiserne Gesundheit dazu, Versuche, Experimente solcher Art zu
überstehen.
Zu etwas Anderem. Ein Hr. Deschamps hat den +Macbeth+ arrangirt,
zurechtgeschnitten, ausgeflickt, zugesetzt, mit Tableauxs, Fackeln,
Lampen u. s. w. u. s. w. versehen, -- zu großer Zufriedenheit der
Pariser. Es heißt: ich habe mir erlaubt ~de retrancher des scènes
parasites, des tirades exubérantes, des expressions affectées ou
indécentes. Au 4^e acte je me suis permis des changemens fondamentaux.
-- J’ai trouvé des vides à remplir par des paroles et des expressions
shakspeariennes.~ -- So versteht, so mißhandelt man, so bewundert man
hier den größten aller Dichter!!
Da nicht jeder Freund oder jede Freundin, welche diese Briefe lesen,
Paris (oder auch nur einen Wegweiser durch Paris) zu sehen bekommen,
mögen einige auserwählte Kleinigkeiten über die angebliche ~Capitale
du monde~ hier Platz finden. Sie liegt an 4 Grad südlicher wie Berlin,
was sich in der Wärme, den Blumen und Früchten offenbart. Festungswerke
und 14 Bastionen durchschneiden Besitzungen und Aussichtslinien, und
schützen gegen Feinde, die (wenn Mäßigung in Frankreich herrscht) sich
nirgends finden. Einen stets nahen Feind hat aber die Befestigung
hervorgerufen und sehr verstärkt: nämlich die Schuldenlast!
Unter Ludwig XI. betrug die Bevölkerung etwa 100,000, unter Ludwig
XIV. 500,000, jetzt (innerhalb des Steuerbezirks) eine Million, welche
jährlich verzehrt 77,000 Ochsen, 20,000 Kühe, 83,000 Kälber, 460,000
Hammel, 96,000 Schweine u. s. w. Die Verzehrungssteuer beträgt jährlich
gegen 35 Millionen Franken. 1842 wurden geboren 15,369 Knaben, 14,844
Mädchen, darunter ¼ uneheliche. Die Stadt hat 55 Thore (~barrières~)
und gegen 1100 Straßen. Die Polizei ist getrennt von der Präfektur und
eigentlichen Stadtverwaltung. Jeder von den 12 Bezirken hat seinen
Maire nebst Zubehör. Die Sparkasse (mit welcher man seit dem Februar
sehr willkürlich umging) nimmt von einem Franken an, aber nicht
über 500 Franken auf einmal und zahlt 3¾ Procent Zinsen. Jährlich
werden im Durchschnitt 5,500 +Kinder+ ausgesetzt!!! welche verruchte
Niederträchtigkeit noch immer Beförderer und Schutzredner findet.
Den 3. November.
Vorgestern, als wir sämmtlich ausgegangen waren, kommt ein
wohlgekleideter, mit Orden geschmückter Mann zur Pförtnerin, giebt
sich für einen Bruder, Schwager oder Onkel aus, ohne jedoch Namen
und Wohnung anzuzeigen. Sein Gesuch: in unsere Stuben eingelassen
zu werden, lehnt die Pförtnerin ein erstes, und als er dringend
wiederkehrt, ein zweites Mal ab. Ein drittes Mal ist der ~Chevalier
d’industrie~, oder Spitzbube, nicht wiedergekommen.
Siebenundsiebzigster Brief.
Paris, den 4. November 1848.
Umlaufsschreiben der berliner Minister gehen in alle Welt: sie würden
die Ordnung aufrecht halten, sobald es nöthig werde! Also, alle die
widerwärtigen, ekelhaften, niederträchtigen Worte und Thaten, welche
täglich vorfallen und als Fortschritte in der großartigen Entwickelung
der Freiheit bezeichnet werden, müssen den Machthabern und Behörden
doch als Fortschritte, oder als unschuldiger Scherz erscheinen, wenn
man Abgeordneten Stricke zum Aufhängen unter die Nase hält, oder sie
prügelt und mit Koth bewirft.
Den 5. November.
Gestern ist die neue Verfassung für Frankreich schließlich angenommen.
Theilnahme und Begeisterung war nicht zu spüren; die Freudenschüsse
hielt man erschreckt für Beweise eines neuen Aufruhrs. Vielleicht
bringt das angeordnete Fest die Leute etwas mehr in Bewegung. Da die
Feier der Julitage abgeschafft ist, muß eine neue ~doublure~ auftreten
und spielen.
Den 6. November.
Schöne Nachrichten aus Berlin. R. und K. (~par nobile fratrum~) Arm
in Arm an der Spitze des souverainen Pöbels. Der erste Minister,
ein preußischer General, beschützt von den ärgsten Beförderern der
Anarchie, gegen Prügel und Mord. -- Papierne Mittel dagegen, welche
nur den Muth der Anarchisten verdoppeln und die Behörden verächtlich
machen. -- -- -- Viele Gründe haben einen großen Theil Europas in die
jetzigen Wirren gestürzt. Sie sind löblicher und verdammlicher Art. Zu
jenen will ich gern das eifrige Bestreben zählen, alles Mangelhafte
auf Erden zu verbessern, hieran reiht sich aber sogleich ein doppelter
Aberglaube: erstens, daß sich Alles verbessern lasse; zweitens, daß
Jeder das rechte Mittel kenne. Persönliche, unbegründete, unduldsame
Meinungen werden ausgesprochen und geltend gemacht, wie ewige
Wahrheiten: und in dieser dummen Tyrannei stimmt die alte und neue
Schule überein. -- Da sich nun aber, in gewissen Verhältnissen, derlei
Tyrannei +des+ Einzelnen nicht durchsetzen läßt, addirt man +die+
Einzelnen (unbenannte) Zahlen zusammen, und hofft auf Erlösung durch
das allgemeine Stimmrecht. Ein halb, mehr eins (was quantitativ ohne
Zweifel die Mehrheit ist), gilt auch für ein qualitativ unfehlbares
Übergewicht. So bei der französischen Präsidentenwahl. -- Ein anderer,
erst in neueren Zeiten mächtig hervortretender Grund von Umwälzungen
ist die immer allgemeiner werdende Meinung: nur das sei das Rechte und
beglücke den Menschen, was er selbst wolle und erschaffe. Alles von
Natur oder durch Gesetz Gegebene, alle unabänderlichen Verhältnisse
seien vom Übel und zu zerbrechen. Und doch ist ohne Achtung,
Anerkenntniß und rechtes Verstehen der +gegebenen+ Verhältnisse,
gar keine Ordnung und Zufriedenheit auf Erden möglich. Vaterland,
Eltern, Geschwister, Zeit der Geburt, Geschlecht, Reichthum oder
Armuth, Gesundheit oder Krankheit, Geistesgröße oder Beschränktheit;
kurz, die wichtigsten Dinge sind +gegeben+, und wer mit dem Gegebenen
nichts anzufangen weiß, oder gar es wegwirft, der wird gewiß nichts
Anderes und Besseres erwerben. Hiemit finden wir die Lehre in genauem
Zusammenhange: Leidenschaft stehe höher als Begeisterung, Willkür
höher als Besonnenheit, und Jeder habe das Recht, sich eine eigene
Rechts- und Sittenlehre zu erfinden. Mit Recht sagt ein französischer
Schriftsteller: ~le dernier degré de l’abaissement, est la bonne foi
dans l’infamie~.
Den 7. November.
Dieser Tage fragte mich ein Gesandter: wie oft melden Sie +Neuigkeiten+
nach Frankfurt? Diese Frage traf mich wie ein Vorwurf der
Vernachlässigung meiner Pflichten, -- und doch habe ich, aufrichtig
gestanden, die Überzeugung --, derlei Neuigkeitsberichte seien
eher schädlich als nützlich, -- oder doch überflüssig. -- Aus dem
Lesen, ich kann sagen vieler +Tausend+ von Gesandtschaftsberichten
in verschiedenen europäischen Archiven, weiß ich, daß kaum ein
Gesandter (aus Gründen, die ich hier nicht aufzählen will) dieser
Neuigkeitsjägerei entgeht, daß fast Alle ein falsches Gewicht darauf
legen. Sie quälen sich, um 3 Uhr zu erfahren, was um 5 Uhr die ganze
Welt weiß und woran um 7 Uhr kaum irgend Einer noch glaubt. Dieses
Abmühen mit Kleinigkeiten ist das Gegentheil staatsmännischer Übersicht
und Voraussicht; es wirft ein falsches Licht auf die wahrhaft wichtigen
Gegenstände, verrückt leicht den richtigen Gesichtspunkt und erschöpft
die besser zu verwendenden Kräfte.
Aus dem nur zu oft morastigen Boden der heutigen Politik steigen
unzählige Blasen (~bubbles~) auf, wer kann sie festhalten, ihnen
Dauer geben, sie zeichnen, beschreiben? Der Tag, ja der Augenblick
ihrer Geburt, ist auch der Tag und Augenblick ihres Todes! -- Es ist
unglaublich, mit welcher Bestimmtheit oft das Entgegengesetzteste
erzählt und behauptet wird; z. B. Louis Bonaparte habe gesagt: er
werde +niemals+ Krieg anfangen; -- er werde die Steuern vermindern
und +sogleich+ Krieg beginnen. Und solcher Geschichtlein könnte
ich hunderte auftischen! -- Wichtiger ist es, daß die Gesellschaft
der angeblich Gemäßigten keinen Bewerber für die Präsidentenwürde
aufstellen will. Das heißt (aus langen Reden in kurzes Deutsch
übersetzt): sie wollen dadurch nicht die Stimmen zertheilen, wodurch
die Entscheidung an die Nationalversammlung kommen und ohne Zweifel
für Cavaignac und die Republik ausfallen würde. Sie betrachten L.
Bonaparte als ein Mittel zum Sturze der letzten, und daß alsdann
die Regierungsgewalt in irgend einer Weise an sie komme. Bei aller
Wahrscheinlichkeit, daß Bonaparte obsiege, steht dadurch noch gar nicht
fest, wer etwa mit ihm oder an seiner Stelle regieren werde.
Mehr Friedensliebe, als Cavaignac und Bastide, dürfte schwerlich irgend
ein anderer französischer Machthaber besitzen. Die lange Dienstzeit der
Soldaten, welche Thiers vertheidigt, soll ein Heer erschaffen, das sich
nach allen Weltrichtungen für Eroberungskriege gebrauchen läßt.
Hr. Bastide und Hr. Cintrat sind überzeugt, daß ein mächtiges
Österreich (besonders für den Osten Europa’s) nöthig ist, und der von
Frankreich wohl aufgegebene Gedanke einer Abänderung der Landesgränzen
in Italien, scheint nur in England noch Vertheidiger zu finden.
Alle Leute behaupten hier: die französische Politik sei jetzt für
Deutschland günstiger und milder, als die englische, und ich muß (so
weit die Sachen zu meiner Kenntniß kommen) dieser Meinung beitreten.
-- -- --
Achtundsiebzigster Brief.
Paris, den 9. November.
Die Franzosen sitzen vor dem Vorhange der Zukunft; und ob sie gleich
die Coulissen, Versenkungen, Flugwerke u. s. w. selbst eingerichtet
und aufgestellt haben, wissen sie doch nicht, welch ein Stück wird
aufgeführt werden, und wer die Hauptrolle übernimmt! „Es giebt (sagte
gestern Hr. Berryer bei Rothschild) keinen Zufall. Der Ausfall selbst
jedes Glücksspiels (Pharao, Roulette) beruht auf gewissen Ursachen und
Gesetzen, beruht auf Logik.“ -- Das weiß zuletzt Jeder; weiß aber damit
doch nur, daß er eben nichts weiß, und diese Unwissenheit wird dann
als Zufall oder Schickung bezeichnet. -- Daß ich Roulette spielend,
weder durch wissenschaftliche Berechnung, noch durch Übung der Hand,
ein bestimmtes Ergebniß voraussagen oder herbeiführen kann, stellt
jenes Glücksspiel eben auf einen anderen Boden, als das Schachspiel,
wo ich mit Sicherheit ein Ergebniß bezwecken und herbeiführen kann.
Wer nicht über das Würfelspiel hinauskann und hinauskommt (~jacta est
alea~), war und wird kein Staatsmann; auch ist Alles so verfahren,
daß die Franzosen genöthigt sind, das dumme Wort nachzuschreien, und
abzuwarten: ob ihnen eine gebratene Taube in den Mund oder ein Stein
an den Kopf fliegen wird. Die neue Verfassung soll als ein Schild
Rinald’s gegen Gefahren schützen, oder als Wünschelruthe unsichtbare
Schätze finden lehren; -- ~credat Judaeus Apella!~ -- „Sie ist (sagte
mir einer der ersten Staatsbeamten) ein todtgebornes Kind.“ Indessen
soll sie nächsten Sonntag, vor unzähligen Zeugen, getauft werden; von
denen wenigstens Neunzehntel hoffen und wünschen, daß der erstgeborne
Sohn der Verfassung (der Präsident) seine Mutter kurzweg und ohne
viele Umstände umbringen möge. -- Cavaignac wird gehaßt von den
rothen Republikanern, weil er sie mit eiserner Hand zu Boden schlug,
und die Erretteten finden, daß viermonatliche Herrschaft, als Dank,
schon zu lange dauert. Alle Abstufungen von Monarchisten fürchten
ihn, da er aufrichtig und ehrlich die Republik will, welche weit
der Mehrzahl (aus sehr verschiedenen Gründen) in Frankreich zuwider
ist. Während dieser Verhältnisse erhebt sich (den meisten Führern
unerwartet) Ludwig Bonaparte. Die Massen, durch das allgemeine
Stimmrecht gleichberechtigt, ziehen vor dem Namen den Hut ab, erwarten
durch ihn Sturz der Republik, Erlaß von Steuern, Eroberungskriege, --
oder was Jedem sonst behagt. Die überraschten ~Meneurs~ sehen, daß
sie Dessen, den sie für einen bloßen Popanz hielten, nicht mehr Herr
werden können; sie beeilen sich deshalb ihm Komplimente zu machen,
ihn zurechtzuschneidern und für ihre Zwecke auf den Trab zu bringen.
-- Er ist (sagte mir gestern ein solcher legitimer Schneidergeselle)
~bien élevé, et pas sans intelligence~. -- Um Frankreich zu regieren?
fügte ich in fragendem Tone hinzu. -- Er hat, fuhr Jener fort,
eine sehr gute Eigenschaft, nämlich sich leiten zu lassen. -- Ich
habe bisher geglaubt, der Präsident von Frankreich müsse Andere
leiten und nicht des Hofmeisters mehr bedürfen u. s. w. u. s. w. In
Wahrheit fördert man (besonders auf dem Lande) die Wahl Bonap., damit
Cavaignac durchfalle und die Republik ein Ende nehme. Sobald dies
geschehen, sei Bon. gar bald als verbraucht zur Seite zu schieben,
und ein legitimer König auf den Thron zu setzen. So weit haspeln
diese Parteien Alles gar einträchtiglich ab und zweifeln nicht an der
Weisheit und Nothwendigkeit ihrer verwickelten Plane. Wem aber unter
vielen Bewerbern der Thron einzuräumen sei: Louis Philippe, Joinville,
Heinrich V, Orleans u. s. w. -- das sind ~curae posteriores~, spätere
Sorgen! -- Neben all diesen höchst bedenklichen Zuständen wird
jedoch in Frankreich das Bedürfniß von Ordnung und Recht täglich
allgemeiner gefühlt, und die bitteren Erfahrungen scheinen nicht
ungenutzt zu bleiben. In der deutschen Verwirrung ist mehr Unreife und
Haltungslosigkeit; während sich Frankreich (wie ein Stehauf) immer
wieder rasch auf seine Beine stellt und nach allen Seiten hin Front
macht.
Die Berathungen über das Budget gewähren einen sehr traurigen Eindruck.
Von 1800 Mill. Ausgaben jüdelt man 5-6 Mill. hinweg, meist auf Kosten
der Beamten, welche um so mehr auf ungerechten Erwerb hingewiesen
werden. Hingegen bleibt die täglich erhöhte +Friedens+ausgabe für
ein Heer von 500,000 Mann ein ~noli me tangere~. -- Erweiset man,
daß Frankreich von Außen nicht bedroht ist, so wird geantwortet:
wir brauchen solch Heer im Innern. -- Nach Widerlegung auch dieses
Einwandes, gesteht man endlich ein: man müsse so viele Leute füttern,
ihnen Brot geben und einige Zucht beibringen, weil sie sonst nicht zu
bezähmen seien.
Den 10. November.
Beide Paturots sind von Louis Reybaud, und Malvina ein vortrefflich
erfundener und durchgeführter Charakter. -- Mehre andere Romane
enthielten so ordinaire, liederliche Geschichten, mit ~assa foetida~
gewürzt, daß ich mich durch einen Riesensprung in eine ganz andere
Welt versetzte, das heißt: auf der Straße den Flavius Josephus kaufte,
nach vielen Jahren diesen Schriftsteller nochmals lese, und den alten
Glauben, oder das alte Vorurtheil bestätigt finde, daß die auserwählten
Juden ungezogene Kinder waren und nicht viel taugten. -- Einseitiger
Trost für die Mängel der Gegenwart.
Ich habe Gelegenheit gesucht und gefunden, mit Schneidern,
Schustern, Kaufleuten, Buchhändlern, Kutschern u. s. w. über die
jetzigen Verhältnisse zu sprechen, aber auch +nicht einen+ Freund
oder Bewunderer der Republik gefunden. Vielmehr suchen Alle den
Grund +jedes+ Übels jetzt in der Revolution des Februars. Auch die
Nationalversammlung, gewählt unter dem stärksten Einflusse der Sieger,
hat Beschlüsse gefaßt, welche ihr eigenes Werk untergraben; ja, Viele
glauben so wenig an dessen Dauer, als früher die Urheber an die Dauer
der Verfassung von 1791. Gewiß hat Paris ungeheuer verloren: der
Ausfall an Stadteinnahmen für 1848 wird auf 10 Millionen und für 48
und 49 auf 60 Procent angeschlagen. Schon jetzt (vor Eintritt des
harten Winters) erhalten 265,000 Personen, eine für die Stadt sehr
drückende und doch für die Empfänger sehr unzureichende Unterstützung.
Nur +Arbeit+ könnte helfen; aber es fehlt noch mehr an Arbeitgebern,
als an Arbeitslustigen. -- Die neue Verfassung macht der jetzigen
Nationalversammlung ein Ende; wenn diese aber vorher noch die
sogenannten organischen Gesetze entwerfen und annehmen will, so muß sie
ihre Lebensdauer sehr verlängern; -- vorausgesetzt, daß das souveraine
Volk, oder der emporwachsende Präsident, damit einverstanden sind.
Übrigens beziehen sich jene geforderten, oder versprochenen organischen
Gesetze, fast auf alle Theile des geselligen Lebens: Verantwortlichkeit
der vollziehenden Gewalt, Staatsrath, Wahlgesetz, Organisation der
Landschaften und Ortschaften, Rechtspflege, Unterricht, Heerwesen,
Presse, Belagerungsstand. -- Bevor das Letzte festgestellt ist, wird
der Grundbau des Anfangs vielleicht schon zusammenstürzen. Denn, wie
gesagt, der Sturz der Republik ist offener oder geheimer Zweck der
Meisten; wo sich dann weiter fragt: ob die Republikaner dies mit Gewalt
verhindern werden, und ob man (sofern sie in Paris obsiegen sollten) in
den Landschaften gehorchen will. Nimmt die französische Republik ein
Ende, mit Spott oder Schrecken, so werden ähnliche thörichte Gelüste
in Deutschland schneller absterben; dem Frieden aber sind Cavaignac und
Bastide geneigter, als ihre wahrscheinlichen Nachfolger.
Nehmen wir auch an, daß die neue Verfassung von gar keinen +äußeren+
Gefahren bedroht wird, werden doch +innere+ Gründe ihre Gesundheit und
Wirksamkeit untergraben. So schön und wohlwollend zunächst auch die
einleitenden Sätze lauten, weisen sie doch auf ernste Pflichten hin,
von denen sich nur zu Viele gern entbinden, und erwecken Hoffnungen,
welche man zu erfüllen außer Stande ist. So z. B. wenn es heißt: die
Republik werde das Wohlbefinden (~l’aisance~) eines Jeden +vermehren+,
durch +Verminderung+ der Steuern u. s. w. Auch der Satz: Jeder solle
nach Maßgabe seines Vermögens zu den Abgaben beitragen, würde eine
verderbliche Umgestaltung des ganzen Steuerwesens herbeiführen. +Eine+
Versammlung von 750 Abgeordneten, erwählt nach allgemeinem Stimmrechte,
und ihr gegenüber +ein+ in ähnlicher Weise erwählter Präsident, ist
gewiß nicht die rechte Form für lebendige, harmonische Bewegung und
ewigen Frieden. Was Eide der Abgeordneten, Direktoren, Consuln,
Präsidenten zur Erhaltung unbrauchbarer, oder gering geschätzter Formen
helfen, hat die Erfahrung der letzten 60 Jahre hinreichend erwiesen;
und doch hängt auch diesmal die ganze Verfassung an diesem Strohhalme!
Wenn man gezwungen ist, hundertmal dasselbe zu denken, so ist es
natürlich, daß man wenigstens zehnmal dasselbe schreibt. Habt also
Nachsicht mit meinen Wiederholungen. Ich erzählte wohl schon, daß der
Verein der Straße Poitiers keinen Candidaten für die Präsidentenwürde
vorschlagen will. Dieser Beschluß richtet sich unmittelbar wider
Cavaignac, und fördert mittelbar L. Bonaparte. Wenn nun Thiers
hinzusetzt: er wolle nicht Minister eines Präsidenten sein; -- heißt
das: Bon. solle sich darüber hinaus +erheben+, oder schon vorher
+beseitigt+ werden? Das Benehmen dieser Männer mag pfiffig sein, oder
aufgezwungen durch Verhältnisse; gewiß ist eine negative Stellung
solcher Art untergeordnet, und nicht in kühnem Style patriotischer,
des Herrschens fähiger und würdiger Staatsmänner. Ich habe darüber
vielerlei Streit, weil künstliche, schlaue Bemühungen, besonders
die Diplomaten mehr interessiren und imponiren, als die Einfachheit
eines edelen und muthigen Benehmens. -- Man verdammt alle Erbfolge
der Herrscher aus mancherlei Gründen, und will doch Bon. erheben,
weil er der Neffe eines namhaften Mannes ist. Man schämt sich dieser
Folgewidrigkeit, und weiß doch nicht, wie man ihr entgehen soll!
Neunundsiebzigster Brief.
Paris, den 11. November 1848.
In einem Rundschreiben an alle Behörden, sagt Gen. Cavaignac: „das
allgemeine Stimmrecht enthält die ganze Revolution; die des Februar
ist eine unverletzliche Revolution durch das ganze Volk.“ -- Wie
aber, wenn die Stimmen+mehrheit+, welche allein entscheiden soll,
sich gegen die Republik erklärt? -- Er sagt ferner: „das politische
Grundgesetz (die Verfassungsurkunde) stellt sich jetzt neben dem
ewigen Gesetze der Ordnung und Festigkeit (~stabilité~), welche die
nothwendige Bedingung aller menschlichen Gesellschaft ist. Beide
sind +forthin+ unzertrennlich. Das Dasein der Republik ist unlösbar
verbunden mit guter politischer und sittlicher Ordnung. Die Republik
ohne gute Ordnung, gute Ordnung ohne Republik, sind von jetzt an zwei
gleich unmögliche Thatsachen: wer sie trennen, oder eine der andern
opfern wollte, ist ein gefährlicher Bürger, welchen die Vernunft
verdammt und das Land zurückstößt.“ -- So das Glaubensbekenntniß eines
gläubigen Republikaners am 10. November 1848. Wird es schon am Tage
der Präsidentenwahl, den 10. December, oder bald nachher, Abänderungen
erleiden??
An dem Budget für das Ministerium des öffentlichen Unterrichts hat man
kleinlich geknausert, auf Kosten der Bibliotheken, Museen, Archive,
Schulen u. s. w., und doch verhielt sich die ganze Ausgabe wie 5
Franken zu 1500 Franken der Staatsausgabe. Und in das Lobpreisen
zahlloser Fortschritte ruft Victor Hugo hinein: ~l’ignorance est un
plus grand péril que la misère; elle nous déborde, nous assiége, nous
investit de toutes parts~ u. s. w.
Nachmittags.