Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich
ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der
sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte,
bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder
holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der
Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem
schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas
ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese
Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein
Honorar von 200 Franken und große Komplimente der »entzückten«
Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm
einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, -- er möge sich Urlaub
nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab,
so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der
österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem
Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das
Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, »weil man den wertvollen Mitarbeiter
doch nicht verlieren wolle«. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn
er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden.
»Unbefugte Mitteilungen an die Presse«, vielleicht gar »Verrat
militärischer Geheimnisse«, -- denn was konnte nicht alles als
militärisches Geheimnis angesehen werden!
Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert
waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard
getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von
Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren
Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am
Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen
getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht
zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten.
Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die
sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und
unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst
aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der
Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas
Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von
Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand
der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione,
Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion
Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen
Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten
war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines
Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des
Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine
zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu
entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu
überantworten! Da -- trotz Lassalle -- die Arbeit stärker auf den
Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der
Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die
armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld
verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig
wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben -- wenn er nicht das
Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung
mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die
wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten
bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene
nicht wußten, -- daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege.
Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische
Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte,
derjenige gewesen war, der Redl -- allerdings lange vorher -- zum
Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität
seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser
Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher
von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und
vielleicht noch höher.
* * * * *
Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum
Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im
k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der
Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof
exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und
Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der
Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: »Das Leichenbegängnis
des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in
aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl
ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.«
Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof
geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des
Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der
Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg,
Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr.
38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
* * * * *
Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem
Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen
Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die
weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v.
Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär
hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der
die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47
h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag
von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im
Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten
Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn
Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel,
Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar
Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor.
Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl
getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die
Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die
Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus
Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das
photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven,
Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen
Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der
Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener
Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig
zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine
alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen
versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im
ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h
geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde,
die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie
hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese
Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der
Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten
gesellten.
Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die
Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des
k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der
Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der
Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K
samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und
Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte
übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der
Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven
etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30.
November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über
das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann,
die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume
in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses
vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß
gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung,
d. i. 17 Prozent.
Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms
erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er
entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der
Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen
Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage
trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das
Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete.
Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung
standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind
Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist,
als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres,
selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren
jedoch junge Offiziere und Soldaten. »Mit Freude ergreife ich die Feder
...«, -- so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine
Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines
Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen
zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die
Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig
hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem
Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen.
Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die
als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine »fausse
maitresse«, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu
verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld
verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre
Freundschaft mit Redl, »die von Dir immerfort verlangte Wahrung des
Dekorums« die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...
Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die
vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht
bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er
nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine
Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint
bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen
zu sein.
Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der
Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln
nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als
der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon
im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter,
wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren
Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit,
die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen
Freundin addiert.
Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war
Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren
aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres
Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte.
* * * * *
Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall
betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich
nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem
anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch
auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu
konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode
dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist,
bezieht sich der erste auf den Redl'schen Selbstmord. Es heißt darin:
»... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit
erhobener Stimme: >Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu
begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man
noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine
Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte
Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder
Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der
Religion, -- auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört.
Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen,
ist unchristlich.< Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja
nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich
ungnädig: >Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den
Selbstmord nicht verhindert hat.< Auch darüber war Se. kais. Hoheit
äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt
habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die
Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.«
Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der
Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog
unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte:
»Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn
Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit
eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle
der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und
Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort
faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen
die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte
sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung
aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man
müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil
bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.«
Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen
von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und
Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der
Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der
krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein
oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches,
mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da
eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen
Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung,
Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich
war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher
Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische
Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der
Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld.
Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen
einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das
Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe:
»Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier
ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas
auffällt.«
Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der
Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs
und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine
Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der
Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der
Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen.
Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines
Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er
durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat
auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire
niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: »Bei den vielen
Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und
dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten
ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich.
Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den
oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden
großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger
endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden
treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen
die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden
Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen
Kommissionsmitgliedern anerkannt worden -- ich war nicht der Älteste
unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich
heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein
angeblicher Aufwand, speziell sein »Autohalten« auffallen
sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines
Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag
eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte
daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner
Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht
hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, >besitzt eigenes
Vermögen<. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto
besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als
Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht
verantwortlich machen.
Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu
pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des
Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens
der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten
Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des
gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine
ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch
wirkendes ad hoc zusammengestelltes >Kavalleriekorps< auch eine Rolle
spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das >Attachéquartier<, das
ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den
Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der
Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen
abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach
nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen
mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate
später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus
dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen
Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag.
Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer
Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der
Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des
Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag
schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, >gerichtliche
Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen<. Obwohl ich
auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag
geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte,
hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht
eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls
für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß
der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es
vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf
verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag
mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit
zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen
bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung
in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die
Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes
vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können
oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag
nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur
Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte,
ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam
machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen
Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde.
Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur
Durchsicht des Nachlasses bestimmt -- und dennoch konnte es geschehen,
daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste
Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem
Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld
überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des
Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen --
es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in
Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen,
bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß.
Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe
des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort
die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als
meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des
Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der
Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten.
Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der
Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in
Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die
Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr
schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste
Rückkehr Giesl's auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl
nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten
Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den
Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar
sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch
auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu
sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die
Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro.
Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein
Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er
ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des
Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten
des Brigadiers in Spalato bald frei würde. -- Die Aussicht, nach Jahren
aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen,
hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien,
am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das
Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete
mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten
Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben
der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das
Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte
ich Gelegenheit, mich zu >rehabilitieren<! Also noch immer der alte
Groll, -- es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich
keinem fremden Urteil fügen.