Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch

zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des

Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit

Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir

einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte

meritorisch folgenden Wortlaut:

>Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und

geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten

haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt

und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.<

Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern:

>Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil

bleiben werde.<

Dann nahm die Komödie ihren Fortgang -- -- mit dem Arzt wurde ein

Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir

uns denn auf eine >Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines

halben Jahres zweifellos behoben sein wird<. Diesen weisen

medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der

Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den

verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs

Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des

Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener

Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos,

die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner

Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr,

wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur

Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz

zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde

meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in

der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider

Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers

suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter

anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die

volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich

mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein

Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der

Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch

seine Offenheit verblüffte: >Ihnen kann es schließlich gleichgültig

sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J.

I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar,

daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die

Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist,

dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon

kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu

geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...<

Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem

Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war --

mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu

erhärten.

Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr.

Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über

mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich

mit den Worten: >Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel

gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?< Als ich Exz. Bolfras

die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt

hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht

vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus

vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint

militaire d'Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in

Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich

hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden

Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät

hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der

Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich

die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen

Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon

um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein

Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische

Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der

Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, -- kurz, ich stand

beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten

1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene

Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe

des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich

die Pensionierung, -- der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen

fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des

Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei,

dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und

Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei

angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So

blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras' liegen. -- Dort

lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine

Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des

Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in

Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des

Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in

meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit

serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem

setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch.

Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an

dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen,

weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß

der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen

mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn

die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu

kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz.

v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen

habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums

gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen

Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen

brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und

erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß

geführt habe.«

Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die

Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes

spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung »des Chefs«, der einen

seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch

den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im

Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine

aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein

Dokument des »flaschengrünen Korpsgeistes«, mit dem sich die Korpsbrüder

vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der

Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen.

(Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das

Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten

auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, -- sie duldeten

keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die

Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der

Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz

aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos)

mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch

durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang

vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem

Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der

Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes

nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des

Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des

Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der

doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen

der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen

Generalstäbler verurteilen, -- deshalb Redls Selbstmord.

Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden

Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen

Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der

Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht

aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das,

was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer

Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem

einzigen Wort konnte man ihn zwingen.

So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, -- er wird sich

immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die

Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit

dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel

oder mit dem Kommando zum Selbstmord.

In der Sammlung

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT

-- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --

sind bis jetzt folgende Bände erschienen:

Band 1:

ALFRED DÖBLIN

DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND

IHR GIFTMORD

Band 2:

EGON ERWIN KISCH

DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS

REDL

Band 3:

EDUARD TRAUTNER

DER MORD AM

POLIZEIAGENTEN BLAU

Band 4:

ERNST WEISS

DER FALL VUKOBRANKOVICS

Band 5:

IWAN GOLL

GERMAINE BERTON,

DIE ROTE JUNGFRAU

Band 6:

THEODOR LESSING

HAARMANN, DIE GESCHICHTE

EINES WERWOLFS

Band 7:

KARL OTTEN

DER FALL STRAUSS

Band 8:

ARTHUR HOLITSCHER

DER FALL RAVACHOL

Band 9:

LEO LANIA

DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS

Band 10:

FRANZ THEODOR CSOKOR

SCHUSS INS GESCHAEFT

DER FALL OTTO EISSLER

Band 11:

THOMAS SCHRAMEK

FREIHERR VON EGLOFFSTEIN

Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN

Band 12:

KURT KERSTEN

DER MOSKAUER PROZESS GEGEN

DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922

Band 13:

KARL FEDERN

DER PROZESS MURRI-BONMARTINI

Band 14:

HERMANN UNGAR

DIE ERMORDUNG

DES HAUPTMANNS HANIKA

* * * * *

Ferner erscheinen noch Bände von:

HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER

HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO

MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB

WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN.

OHLENROTH'SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere

Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 10]:

... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linse ...

... der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linsen ...

[S. 32]:

... Armer Major Vorlicek Vor seinem Hause ...

... Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause ...

[S. 45]:

... aufgetauchten Gerüchten ersucht, ...

... aufgetauchten Gerüchte ersucht, ...

[S. 55]: (mehrfache Fälle)

... Redls und des Auditors Dr. Seeliger dorthin. ...

... Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. ...

[S. 66]:

... mußte ihm den Kragen kosten, während ...

... mußte ihn den Kragen kosten, während ...

[S. 76]:

... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem er ...

... Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es ...

Der Fall des Generalstabschefs Redl · 第 4 / 4 段