Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter
Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und
wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen
Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist,
ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt
einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung
ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung
mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man
riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in
Form eines Dementis bringen. »Von hervorragender Seite werden wir um
Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte
ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der
bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat
militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben
habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und
einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die
Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag
geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen,
usw.«. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist
so, wie wenn man sagt: »Der X. ist kein Falschspieler.« Aber
konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der
Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das
Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das
Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen
ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und
Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen
des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion
Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im
Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte.
Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß
aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen
usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht,
Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze
Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen
Union-Holeschovice.
* * * * *
Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des
Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich
überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene
Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster
vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß
die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall
zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch
erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln,
Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf.
Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte,
daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von
Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl
war homosexuell gewesen.
Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von
der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der
hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn
Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte.
»Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten,
und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du
mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen,
daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am
Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch
die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr
keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was
sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich
warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß
nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?),
könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den
versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du
nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde
dann ...«
Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen
worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu
beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch
Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel
scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den
Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt,
das bewacht war.
Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des
Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er
vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und
habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den
Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er
-- wegen widernatürlicher Unzucht -- zu drei Jahren schweren Kerkers
verurteilt.
Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein
bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da
Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit
war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler
von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner
Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen
getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken
überhäuft.
Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor:
Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über
gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in
seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten
Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate
photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen
Generalstabsbücher -- des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke --
verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und
Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle
über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von
Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert
und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz
Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich
auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen.
Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete
Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen,
Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen
von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, -- so
allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die
sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück,
die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner
Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa
das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren
Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei
seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien
bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen,
daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand
betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft
zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und
eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren
in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in
Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt
Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen
müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der
österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des
Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner
Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg.
Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.
* * * * *
Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und
Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein
so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord
Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er
habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben
vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903
wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo,
Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im
Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu
haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf
freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden
seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen
hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters
und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate
später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des
nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die
Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende
Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften
Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch
den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an
der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo
nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch
seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen »Karl Weber« in
Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen
wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den
gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war,
wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium
des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung
mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen
russischen Paß vor, der auf den Namen »Karl Weber« lautete, und stellte
sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß
ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine
Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des
österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe
sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den
österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der
Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen
Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle.
Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der
wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische
Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de
Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde
Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er
war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die
tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien
kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über
seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser
interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase
durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck,
unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung
auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so
weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates
vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und
Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen
Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt
hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke
gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für
Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde
Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel
wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden
Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne
(weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt
hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und
gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen
geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der
Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts
wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in
ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal
in treffender Weise: »Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen
Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den
Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.«
Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major
Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau.
Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den
weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des
Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in
dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung.
Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von
Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des
Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr
befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl
beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es
zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel
zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind
richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz
glücklich war. »Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine
Briefe versteckt?« fragte Redl. »Natürlich,« lachte das Kind und lief in
das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und
deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück
umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen
drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden
Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg
zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die
widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen
Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine
Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski.
Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden
worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am
Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer
großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die
beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, -- Majorauditor
Haberditz war gerade abwesend, -- wollte Redl von Dr. Seliger einen
streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im
Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine
Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit
darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach
Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der
Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag
ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach
Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht,
Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die
Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen
fortgesetzt wurden.
Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er
anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte,
ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen.
Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal
unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage
stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung,
nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst
Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka
gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend
einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht
entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst
Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen
bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl
wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders
seine hemmenden Einwände.
Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der
angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen
Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim
Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im
Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier »H« ein Stückchen
der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war
tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in
trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß
der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden
sei, wie er sich beim Dossier »H« zu schaffen machte, daß darauf eine
Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich
ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage
darauf standrechtlich gehenkt worden sei.
Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so
ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan
Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt
haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich
erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der
Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt
einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den
Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als
Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos,
sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische
Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und
mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive
österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische
Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an
Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt
haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des
Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die
Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei
einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer
Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren »Loyalität«
überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem
russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich
arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen
auslieferte.
Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf
Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben.
Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für
Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode
überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert.
Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und
hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt;
auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller,
der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war.
Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren
jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller
verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der
russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein
und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche
Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen
Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des
Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg
zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher
freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe
beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst
Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte
seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls
erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete
nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es
nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie
verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war
jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst
wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf
Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul
und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese
Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl
gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren
Tode ausgeliefert habe.
Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am
Weltkrieg. »Dieser Schurke,« sagt er von Redl, »hat jeden
österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten
wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen
aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione
erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre
1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze
österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, -- daher unsere
Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten
unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.«
Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle
österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland
tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten
erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich,
ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen
verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der
österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar
bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der
Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten
stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der
ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten
militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was
man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt,
wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er
sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand.