Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgas

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT

-- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --

AUSSENSEITER

DER GESELLSCHAFT

-- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --

HERAUSGEGEBEN VON

RUDOLF LEONHARD

BAND 2

VERLAG DIE SCHMIEDE

BERLIN

DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS

REDL

VON

EGON ERWIN KISCH

VERLAG DIE SCHMIEDE

BERLIN

EINBANDENTWURF

GEORG SALTER

BERLIN

6.-10. TAUSEND

Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin

Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat der erzwungene Selbstmord des

Prager Korps-Generalstabschefs Oberst Alfred Redl und die bald darauf

bekannt gewordene Tatsache seiner Spionagetätigkeit beispielloses

Aufsehen hervorgerufen, was durch die gespannte europäische Lage

politisch und durch den Rang und den Wirkungskreis des Täters

kriminalistisch begründet war. Gerüchte, Interpellationen,

Beschuldigungen, Verdächtigungen und Kombinationen überstürzten sich bis

in den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der österreichisch-ungarischen

Armee als mißglückt entschied.

Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu freiwilligem Hinscheiden

gewesen war, den monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu schaffen, so

hat man auch nachher, als sich dieser Plan schon längst als

undurchführbar erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, für welche

Großmächte der Generalstabsoberst seine Spionage betrieben, was er

verraten, wohin er die militärischen Dokumente geliefert, wieviel Geld

er dafür bekommen, und wer schließlich den ungeheuerlichen Auftrag

gegeben hatte, daß sich ein Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses

Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung dieses Vorfalles auf Hof

und Wehrmacht äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung der Tat und die

Überführung des Täters wurden nur Darstellungen bekannt, die einander

widersprachen oder die die Wahrheit verschleiern sollten.

Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, d. h. vor allem dem

Evidenzbureau des Generalstabs wurde von den verschiedensten Seiten der

Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein, daß ein so hochgestellter Militär

jahrelang ungehindert das Gewerbe eines Spions auszuüben vermocht hatte

und daß durch den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle Aufklärung

dieser politisch, militärisch und historisch wichtigen Kriminalaffäre

verhindert worden sei. Im besonderen wurde der damalige Chef des

Evidenzbureaus August Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang

viel genannt. Als nun ein Jahr nach der Aufdeckung des Falles die

Nachricht von der Versetzung General Urbañskis in den nichtaktiven Stand

durch die Presse ging, war es begreiflich, daß man solcher Art

zumindest an ein Verschulden des Evidenzbureaus glauben mußte.

Feldmarschall-Leutnant Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der Großmutter

seiner Gattin, der Frau Reinighaus, deren Sohn mit der Gattin des

Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf vermählt gewesen ist. Dort habe ich

dem Chef des Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, durch eine

authentische Darstellung an Hand von Aufzeichnungen über den

unaufgeklärt gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte zum Verstummen zu

bringen, die das Evidenzbureau mit der Affäre in Zusammenhang brachten.

Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten und Äußerungen von Beamten, die

damals militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen waren,

Material gewonnen; außer den Mitteilungen Urbañskis, liegen den

nachfolgenden Darstellungen u. a. Äußerungen vom jetzigen Sektionschef

im tschechoslovakischen Ministerium des Innern, Dr. Novak, des jetzigen

stellvertretenden Generalauditors der tschechoslovakischen Armee Dr.

Vorlicek, des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen

Armee W. Haberditz, des Obersten Emil Seeliger, des emeritierten

Auditors Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten Adalbert

Grafen Sternberg zugrunde.

Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit

der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das

Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die

Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl

hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle

innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage

Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der

Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder

Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert,

jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne

daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren

Öffnungen für die Linsen photographischer Apparate eingeschnitten, die

vom Nebenzimmer aus bedient wurden.

Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden,

ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der

einen Hand dem Besucher oder der Besucherin Zigarrenschachtel oder

Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch

Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte,

waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren

ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, --

neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf

dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk »Geheim! Für reservate

Einsichtnahme!« versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit

Seidenpulver bestreut.

In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten

mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im

Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in

Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine

Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel

konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand

projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so

daß es in kürzester Zeit wieder -- wie unberührt -- an der Stelle war,

von wo es »ausgeborgt« worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit

Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller

spionageverdächtigen Personen Europas, besonders der Spionagezentren in

Brüssel, Zürich und Lausanne.

Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als

Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert:

unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß

der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein

energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers

Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die

Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des

Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt.

Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten

Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine

Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben

Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese

Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu

verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein

Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem

Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren

gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder

abholen wollte, verhaftete man ihn. Er hatte wegen Betruges schon neun

Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er

die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen

wollte, doch sei es das gewöhnliche »Schema einer modernen Festung«, das

er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von

einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als

richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der

in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte

dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert

werde: »Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen

Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf

eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...« -- Der Mann

mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das

Verfahren gegen ihn einstellte.

Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr

noch stärker organisiert wurde -- stärker als selbst Redl ahnen mochte.

Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung

befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler

vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der

jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager Garnison vorstand, daß ihm

sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den

15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung

etabliert, deren Leiter den Titel eines »Generalstabschefs« führte,

während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen

Generalstabskorps der Titel »Chef des k. u. k. Generalstabs« gebührte.

Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als

Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier,

man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das

Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war,

hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die

Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen

die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen

Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und

bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen

Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die

Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden

Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil

sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen

Behandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand

brachten, »Los von Wien«, hieß die offene Parole, hinter der

antidynastische Gesinnung und »Hochverrat« arbeiteten.

Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren

hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der

Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das

Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom

Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti

aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen

Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo

der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese

ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in

militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene

vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des

Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses »Schwarze

Kabinett«, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur

Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig,

wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen

hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche

Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter

anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst

Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden

daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche

Verhalten Kaiser Franz Josefs -- dieser brüskierte ihn beim Hofball --

davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.

* * * * *

Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die

postlagernd unter der Chiffre »Opernball 13« beim Hauptpostamt Wien

erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten -- ohne textlichen

Kommentar -- Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine

sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war

anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es

sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem

Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug

150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau

jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse

war mit Schreibmaschine geschrieben.

Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu

bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die

Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische

Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des

Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer

sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung

der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium

transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem

nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach

den Briefen, in denen so viel Geld war.

Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden,

weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen

Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur

Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit

Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der

Partei die Briefe mit der »Opernball«-Chiffre ausgehändigt hatte -- war

der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen

stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos

hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein

Mietsauto.

Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die

beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des

Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten

Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der »Ritt«

gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung

gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen

Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem

Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden

Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung

angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.

Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine

Kette von unglaublichen Zufällen, »Jägerglück«.

Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den

Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit

ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken

sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden

müßten, -- -- fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei.

Sie lesen die Nummer, -- es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten

vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das

Auto hält. Es ist leer.

»Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?«

»Ins Café Kaiserhof.«

»Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.«

Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und

finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem

Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der

Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der

so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort

weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am

Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren

kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als

Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä' Herr

befohlen hat: »Ins Hotel Klomser.«

Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht.

»Grad' jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus

Bulgarien.« -- »Und vorher ein Herr allein?« -- »Im Auto? Dös waaß i

net. Vor einer Viertelstund' is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil

war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg'fahren is.«

Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn

gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer

Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd

nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im

Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des

österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des

angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es,

wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun

zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der

Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen!

Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer

von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt

bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind.

Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch

anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl

die Untersuchung im Hotel leite -- er wohnt nämlich zufällig gerade

hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine

der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem

Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste

frage, wem es gehört.

Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und

legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. »Haben

Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?« fragt der

Portier.

»Ja,« antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen

gedankenlos in die Tasche, »wo habe ich es denn ...«

Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser

benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe

aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut

den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem

Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen.

Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe,

nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen

Stunden werde ich tot sein.

Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse

rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er

wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich

kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des

Restaurants Klomser treten.

Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348

aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: »Sagen Sie,

daß alles in Ordnung ist, -- das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl

gehört.«

Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, -- ist Oberst

Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße

ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur

Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der

alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café

Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne,

der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten

sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens

kaltblütig versucht!

Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom

Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k.

Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in

beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr

Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger

Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur

Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe

ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die

Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die

anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist

kein Mangel daran: eine »Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von

Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im

Generalstab« ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein »Schema für die

Beschaffung von Kundschaftermaterial«, »Normen zur Aufdeckung von

Spionen im In- und Ausland«, ein dickes Faszikel »Gutachten in den

Jahren 1900 bis 1905«. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als

Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, »Opernball

13«, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und

dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann

keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl.

Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung

haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie

gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere

aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere,

deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will)

und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die

Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der

Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die

Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an,

und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst

kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und

bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto

ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind

Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen

Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe

nach Brüssel, Warschau und Lausanne -- alle drei Adressen sind dem

Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland

war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten

sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da

Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die

Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter

überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen

italienischen Spionagezentrale.

Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit

militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den

Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung

abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen

Gerechtigkeit entziehe?

Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum

Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt

ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau.

Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er

im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag

angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben

verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein

wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht

wie ein »v« aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die

fünfzackige Bürgerkrone, -- aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher

Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der

die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder

bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere,

binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon

Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er

den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und

dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich

vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo

sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem

Prager Zug eingetroffen war.

In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein

junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange

Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in

Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund

wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H.

fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt.

Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es

sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.

»Über Land fahren ...« Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge

den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem

Tourenwagen zu sitzen und -- auch ohne Glanzlederbelag an den unteren

Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten -- schön über Land

fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran

nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück.

Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim

Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt »der Chef« in großer

Gesellschaft. »Was bringst du mir Schönes?« fragt Conrad von Hötzendorf

den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem »Graf von Luxemburg«,

der neuen Operette: Bist du's, lachendes Glück ...

»Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen

bitten?«

»So dringend? Na, alsdann geh'n wir!«

Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch

den Speisesaal.

In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf

Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er

kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite

dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, -- Empörung

braust heran, -- die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, »die

Auserwählten« -- was wird das Ausland sagen! der Feind! -- welch ein

Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach -- und im

verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den

oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß

ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, --

sie fordert höchste Anspannungen --. Der Chef des Generalstabes denkt

nach. »Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten

aufhören wollte!« Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die

Entscheidung aus:

»Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie

weit der Verrat reicht und -- dann muß er sofort sterben!«

Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und -- vor allem -- dem Generalstab

die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas

bekannt wird.

»Er selbst, Exzellenz ...?«

»Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich

verstanden worden, Herr Oberst?«

»Zu Befehl, Exzellenz!«

»Heute nacht muß alles geschehen!«

»Zu Befehl, Exzellenz!«

»Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst!

Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und

dem Leiter der Kundschafterstelle. Nur vier Herren. Die Berichte sind

direkt an mich zu erstatten.«

»Zu Befehl, Exzellenz.«

Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte,

und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser

ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert

hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei

der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster

Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von

Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial

über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten

gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der

in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die

(den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese

zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und

Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in

der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper

überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er

eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in

seiner langjährigen staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem

Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die

Einsilbigkeit des Tischgenossen.

Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich

seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen,

seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu

flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung

ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend?

Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut

sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt

seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen

Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt

sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß

sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt

dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich

seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen

möchte.

Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon

hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und

schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung

des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in

persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt

sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei

anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen

Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch

im Amt.

»Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,« beginnt

er.

»Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.«

»Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?«

»Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?«

»Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er

spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen

hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag

ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?«

»Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt.

Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich

morgen direkt an mich wenden -- was in meinen Kräften steht, will ich

gerne tun.«

Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht

erzielen.

Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind

inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs

gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und

suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im

IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen »Wenzel Vorlicek, k. u. k.

Majorauditor«.

Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In

seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen

Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen.

Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er

sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um

11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des

Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung,

und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit

wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt

verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts

machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den

Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen.

Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs:

Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der

Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium,

erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren

vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge

eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im »Café

Kaiserhof« waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der

Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man

Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber

auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort

bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor

der Türe des »Hotel Klomser« von Oberst Redl verabschiedet.

* * * * *

Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der

Portier will sie -- den Hotelinstruktionen entsprechend -- nicht ins

Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin

muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1.

Während ein heiseres »Herein« hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist

in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben.

Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht.

»Ich weiß, weshalb die Herren kommen,« bringt er langsam heraus. »Ich

habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu

schreiben.«

Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene

Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps

adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines

Stück Bindfaden. (»Ein dolchartiges Messer« und eine »Rebschnur«, sagte

eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als

die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu

haben.)

Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen.

»Ich hatte keine Komplizen,« erwidert er.

Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und

Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager

Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich

damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: »Eine

Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?«

Oberst Redl: »Nein.«

Das Mitglied der Kommission: »Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr

Redl.«

Redl (stockend): »Ich bitte -- gehorsamst -- um einen -- Revolver.«

Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen

werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning

zu holen, um ihn »Herrn Redl« einzuhändigen.

Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der

Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode

entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein

Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann

wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts,

kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama

seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines

der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier

auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse

bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht

hinaufgehen und dem Oberst sagen: »Machen Sie rasch, wir wollen schlafen

gehen.«

Wie spät ist es?

Melde gehorsamst: Fünf Uhr.

Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die »Beendigung«

der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug,

6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird

also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen -- einer

von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in

der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort

über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache

sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die

höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein

anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef

Spionage getrieben habe.

Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er

feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot

auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende

Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt

worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous

geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte,

er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese

Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines

vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere

eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später,

wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu.

»Das Zimmer war offen,« meldete er erregt, »ich bin also eingetreten.

Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst -- tot.«

Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende -- genau zwölf

Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief -- damit

die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde -- das Hotel unter einem

fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen.

Man wartete aber nicht länger am Apparat.

Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von

einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und

Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen.

Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend,

in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt

und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken

Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war

durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot

zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch

fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des

Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v.

Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand:

»Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich

büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.«

Als Nachschrift war hinzugefügt: »Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt

sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für

mich.«

Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten --

jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen -- wollten die

Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die

Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg.

Nr. 11 (Fahnenspruch: »In alt bewährter Treue«) wollte sich durchaus

nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde.

In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den

Polizeibeamten und -- als diese ihn beiseite schoben -- dem

aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn,

sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern

Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und

wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen.

Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem

Mörder.

So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da,

was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann,

der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten

eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben

hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon

nichts gesagt?

Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan?

Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des

Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und

Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu

beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen

Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der

Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er

sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er

wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die

Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der

Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch

der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine

Ahnung: von der Spionage.

Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die

Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals

geschafft.

Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den

Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, »der

hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat

sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...«, »... in der letzten Zeit

an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...«, »... in Wien, wohin ihn

dienstliche Aufgaben geführt hatten ...«

Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach

Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem

Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in

Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord

begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl

das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem

österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief

bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den

Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt

miteinander, da das 8. Korps für »Fall 3« (Krieg gegen Serbien) zum

Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt

war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun

erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und

konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls,

die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des

Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen

werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.

* * * * *

»Von einem Schlosser?« frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus,

der mir von dieser Dienstreise erzählt.

»Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend,

kein Professionist.«

»Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?«

»Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.«

FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und

bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers

Antwort gegeben -- zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der

Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.

»Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der

Schubfächer verraten können?«

»Sie meinen?« sagt Urbañski ironisch.

»Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.«

»So?« FML. Urbañski lächelt ungläubig.

Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein:

am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub

»Sturm« ein Fußballmatch gegen »S. K. Union-Holeschovice«. Die Notiz des

»Prager Tagblatt« lautete am nächsten Tage:

DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3).

Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl

seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das

Fehlen Mareceks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht

imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln.

Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der

Obmann »Sturms« über das unangesagte Fernbleiben Wagners, dem er knapp

vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen

der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner

pünktliches Antreten versprochen -- und schon am Sonntag blieb Wagner

aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines

Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar

nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam.

»Ich konnte wirklich nicht kommen,« versuchte sich der saumselige

Endback zu entschuldigen.

»Das ist mir egal.« Der Obmann blieb ablehnend.

»Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt

und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß

aufbrechen.«

»Erzähl' mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir

haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.«

»Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann

alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission

aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach

Photographien von Plänen.«

»So? Und wem gehört die Wohnung?«

»Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.«

»Und der General war nicht da?«

»Nein, der ist gestern in Wien gestorben.«

Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist,

ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar

nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: »Erzähl' mir >keine

Geschichten<«, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie

der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat

und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat:

»Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!« Auch,

daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame,

lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die

parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen

sich die Wiener Herren notiert haben.

Der Fall des Generalstabschefs Redl · 第 1 / 4 段