Augenblicke erwarben sich die protestantischen Dissenters der Hauptstadt
einen Anspruch auf die ewige Dankbarkeit ihres Vaterlandes. Die
Regierung hatte sie bisher als einen Theil ihrer Stärke betrachtet.
Einige von ihren thätigsten und lautesten Predigern hatten, durch die
Gnadenbezeigungen des Hofes bestochen, Adressen zu Gunsten der Politik
des Königs zu Stande gebracht. Andere, welche durch die Erinnerung an
viele schwere Unbilden sowohl der anglikanischen Kirche als dem Hause
Stuart entfremdet waren, hatten mit boshafter Schadenfreude gesehen, wie
der tyrannische Fürst und die tyrannische Hierarchie durch bittere
Feindschaft von einander getrennt waren und sich gegenseitig überboten,
um den Beistand von Secten zu erlangen, die sie noch unlängst verfolgt
und verachtet hatten. Aber so natürlich dieses Gefühl auch sein mochte,
man hatte sich demselben lange genug hingegeben. Die Zeit war gekommen,
wo man eine Wahl treffen mußte, und die Nonconformisten traten in einer
hochherzigen Regung auf die Seite der Anglikaner, um gemeinschaftlich
mit ihnen die Grundgesetze des Reichs zu vertheidigen. Baxter, Bates und
Howe zeichneten sich durch ihre Anstrengungen, dieses Bündniß zu Stande
zu bringen, besonders aus; aber die edle Begeisterung, welche die
Gesammtheit der Puritaner beseelte, erleichterte ihnen die Aufgabe. Der
Eifer der Pfarrer wurde von dem ihrer Gemeinden noch übertroffen.
Diejenigen Presbyterianer- und Independentenprediger, welche Lust
zeigten, mit dem Könige Partei gegen die Landeskirche zu nehmen, wurden
nachdrücklich bedeutet, daß, wenn sie ihr Verfahren nicht änderten, ihre
Gemeinden sie fernerhin weder hören noch bezahlen würden. Alsop, der
sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatte, daß er im Stande sein werde,
einen großen Theil seiner Anhänger dem Könige zuzuführen, sah sich
plötzlich von Denen, die ihn kurz zuvor noch als ihren geistlichen
Führer verehrt hatten, verachtet und verabscheut, verfiel darüber in
eine tiefe Schwermuth und verbarg sich vor den Blicken der Welt. Bei
mehreren londoner Geistlichen erschienen Deputationen, um sie zu bitten,
daß sie die Masse der Dissenters nicht nach den kriechenden
Schmeicheleien beurtheilen möchten, welche kürzlich die Spalten der
Gazette gefüllt hätten, und forderten sie, als bei dem großen Kampfe in
vorderster Reihe stehend, auf, mit männlicher Tapferkeit für die
Freiheiten Englands und den den Heiligen überlieferten Glauben zu
streiten. Diese Versicherungen wurden freudig und dankend aufgenommen.
Unter Denen aber, die sich zu entscheiden hatten, ob sie am nächsten
Sonntage, den 20. Mai, dem Befehl des Königs nachkommen wollten
oder nicht, herrschte noch immer große Ängstlichkeit und
Meinungsverschiedenheit.
[_Berathung der londoner Geistlichkeit._] Die londoner Geistlichkeit,
welche damals allgemein als die Elite ihres Standes anerkannt war,
veranstaltete eine berathende Versammlung. Funfzehn Doctoren der
Theologie waren anwesend. Tillotson, Dechant von Canterbury, der
berühmteste Kanzelredner der damaligen Zeit, kam vom Krankenlager dahin.
Sherlock, Vorsteher des Tempels, Patrick, Dechant von Peterborough und
Oberpfarrer des wichtigen Kirchspiels St. Paul in Coventgarden, sowie
auch Stillingfleet, Archidiakonus von London und Dechant der St.
Pauls-Kathedrale, nahmen daran Theil. Die Versammlung im Allgemeinen
schien der Ansicht zu sein, daß es im Grunde doch gerathen sei, dem
Geheimrathsbefehl zu gehorchen. Der Streit begann hitzig zu werden und
hätte vielleicht schlimme Folgen haben können, wäre er nicht durch die
Festigkeit und Einsicht des Unterpfarrers von St. Giles, Cripplegate,
Doctor Eduard Fowler, beendigt worden. Dieser Mann gehörte zu der
kleinen aber ausgezeichneten Klasse von Theologen, welche die der Schule
Calvin’s eigene Liebe zur bürgerlichen Freiheit mit der Theologie der
Schule des Arminius verbanden[86]. Er erhob sich und sprach: „Ich will
offen meine Meinung sagen. Die Sache ist so klar und einfach, daß lange
Erörterungen kein neues Licht auf sie werfen können, sondern nur die
Leidenschaften aufregen müssen. Lassen Sie einem Jeden blos Ja oder Nein
sagen. Ich für meine Person kann mich durch das Votum der Majorität
nicht binden lassen. Es würde mir leid thun, wenn dadurch unsre
Einigkeit gestört werden sollte, aber mein Gewissen erlaubt mir nicht,
diese Erklärung zu verlesen.“ Tillotson, Patrick, Sherlock und
Stillingfleet erklärten, daß sie der nämlichen Meinung seien, und die
Majorität fügte sich einer so achtbaren Minorität. Es wurde ein Beschluß
schriftlich ausgefertigt, durch den sich alle Anwesenden gegen einander
verpflichteten, die Erklärung nicht zu verlesen. Patrick war der Erste,
der seinen Namen unterschrieb, Fowler der Zweite. Das Papier wurde dann
in der Stadt herumgeschickt und war bald von fünfundachtzig
Pfründeninhabern unterzeichnet[87].
Unterdessen beriethen sich mehrere Bischöfe in banger Sorge über das
einzuschlagende Verfahren. Am 12. Mai war ein ernster und gelehrter
Kreis um den Tisch des Primas zu Lambeth versammelt. Compton, Bischof
von London, Turner, Bischof von Ely, White, Bischof von Peterborough,
und Tenison, Oberpfarrer des Kirchspiels St. Martin, befanden
sich unter den Anwesenden. Der Earl von Clarendon, ein warmer und
unerschütterlicher Freund der Kirche, war ebenfalls eingeladen worden.
Cartwright, Bischof von Chester, drängte sich, wahrscheinlich als Spion,
in die Versammlung. So lange er anwesend war, konnten vertrauliche
Mittheilungen nicht stattfinden; nach seinem Weggange aber wurde die
große Frage, welche alle Gemüther erfüllte, zur Sprache gebracht und
erörtert. Die allgemeine Ansicht war, daß die Erklärung nicht verlesen
werden solle. An mehrere der achtbarsten Prälaten der Provinz Canterbury
wurden sogleich Briefe geschrieben, durch welche dieselben aufgefordert
wurden, unverzüglich nach London zu kommen, um ihren Metropoliten in
dieser Angelegenheit zu unterstützen[88]. Da man kaum zweifeln konnte,
daß diese Briefe geöffnet werden würden, wenn sie durch das Postamt in
Lombard Street gingen, so wurden sie bis zu den nächsten Poststationen
in den verschiedenen Richtungen durch reitende Boten befördert. Der
Bischof von Winchester, dessen Loyalität sich bei Sedgemoor so glänzend
erprobt hatte, beschloß trotz eines ernstlichen Unwohlseins der
Aufforderung nachzukommen und sofort abzureisen, sah aber, daß er die
Erschütterung des Fahrens nicht vertragen konnte. Der an Wilhelm Lloyd,
Bischof von Norwich, gerichtete Brief wurde ungeachtet aller
Vorsichtsmaßregeln von einem Postmeister zurückgehalten, und dieser
Prälat, welcher keinem seiner Amtsbrüder in Muth und Eifer für die
gemeinsame Sache seines Berufs nachstand, kam zu spät in London an[89].
Sein Namensvetter, Wilhelm Lloyd, Bischof von St. Asaph, ein frommer,
rechtschaffener und gelehrter Mann, aber von schwacher Urtheilskraft und
halb aufgerieben durch seine beharrlichen Anstrengungen, aus Daniel und
der Offenbarung einige Aufschlüsse über den Papst und den König von
Frankreich zu gewinnen, eilte nach der Hauptstadt und traf am
Sechzehnten ein[90]. Am nächstfolgenden Tage kamen auch der treffliche
Ken, Bischof von Bath und Wells, Lake, Bischof von Chichester, und Sir
Johann Trelawney, Bischof von Bristol, ein Baronet aus einer alten und
angesehenen Familie in Cornwall.
[Anmerkung 86: Der verstorbene Alexander Knox, dieser
ausgezeichnete Mann, dessen beredte Conversation und vortrefflich
ausgearbeitete Briefe einen großen Einfluß auf die Gemüther seiner
Landsleute ausübten, hat, wie ich vermuthe, vieles von seinem
theologischen System und Fowler’s Schriften gelernt. Fowler’s Werk
über den Zweck des Christenthums wurde von Johann Bunyan mit einer
durch nichts zu rechtfertigenden Heftigkeit angegriffen, die sich
nur durch die Herkunft und mangelhafte Erziehung des ehrlichen
Kesselflickers einigermaßen entschuldigen läßt.]
[Anmerkung 87: Johnstone, 23. Mai 1688. Es existirt ein
satirisches Gedicht auf diese Versammlung betitelt: „Die
geistliche Cabale.“]
[Anmerkung 88: +Clarendon’s Diary, May 22. 1688.+]
[Anmerkung 89: Auszug aus Tanner’s Handschriften in +Howell’s
State Trials+; +Life of Prideaux+; +Clarendon’s Diary, May 16.
1688+.]
[Anmerkung 90: +Clarendon’s Diary, May 16 & 17. 1688+.]
[_Berathung im Palast zu Lambeth._] Am Achtzehnten wurde im Palast des
Primas zu Lambeth eine Versammlung von Prälaten und anderen
ausgezeichneten Theologen gehalten. Tillotson, Tenison, Stillingfleet,
Patrick und Sherlock waren dabei anwesend. Vor dem Beginn der Berathung
wurde eine feierliche Betstunde gehalten. Nach einer langen Besprechung
setzte der Erzbischof eigenhändig eine Petition auf, in der die
allgemeine Ansicht ausgesprochen war. Sie war nicht im elegantesten
Style abgefaßt. Sancroft zog sich durch den schwülstigen und unschönen
Periodenbau sogar spöttelnden Tadel zu, den er mit weniger Geduld
ertrug, als er bei viel härteren Prüfungen gezeigt hatte. Dem Inhalte
nach aber konnte nichts geschickter entworfen sein, als dieses
denkwürdige Actenstück. Man verwahrte sich entschieden gegen alle
Illoyalität und Intoleranz, versicherte dem König, daß die Kirche noch
immer, wie von jeher, dem Throne treu ergeben sei und daß die Bischöfe
seiner Zeit am geeigneten Orte als Lords des Parlaments und als
Mitglieder des Oberhauses der Convocation beweisen wurden, wie es ihnen
keineswegs an humaner Rücksicht auf die Gewissensbedenken der Dissenters
fehle. Aber das Parlament habe sowohl unter der vorigen wie unter der
gegenwärtigen Regierung ausgesprochen, daß der Souverain nach der
Verfassung nicht berechtigt sei, in kirchlichen Angelegenheiten von
Gesetzen zu dispensiren. Deshalb sei die Erklärung gesetzwidrig und
Klugheit, Ehre und Gewissen gestatte den Petenten nicht, sich bei der
feierlichen Veröffentlichung einer ungesetzlichen Erklärung im Hause
Gottes und während der Zeit des Gottesdienstes zu betheiligen.
Diese Petition wurde von dem Erzbischof und sechs seiner Suffraganen,
Lloyd von St. Asaph, Turner von Ely, Lake von Chichester, Ken von Bath
und Wells, White von Peterborough und Trelawney von Bristol,
unterzeichnet. Der Bischof von London unterzeichnete nicht mit, weil er
suspendirt war.
[_Die Petition der sieben Bischöfe dem Könige überreicht._] Es war spät
am Freitag Abend, und am Sonntag Morgen sollte die Erklärung in den
Kirchen von London verlesen werden. Die Petition mußte daher dem Könige
unverweilt überreicht werden. Die sechs Bischöfe brachen sofort nach
Whitehall auf; der Erzbischof, dem schon seit geraumer Zeit der Zutritt
bei Hofe untersagt war, begleitete sie nicht. Lloyd ließ seine fünf
Collegen im Hause des Lord Dartmouth in der Nähe des Palastes zurück,
begab sich zu Sunderland und bat den Minister, die Petition zu lesen und
sich zu erkundigen, wann der König geneigt sein werde, sie in Empfang zu
nehmen. Sunderland wollte, aus Furcht sich zu compromittiren, die
Petition gar nicht ansehen, begab sich aber sogleich ins königliche
Kabinet. Jakob befahl, die Bischöfe vorzulassen. Er hatte von seinem
Spion Cartwright erfahren, daß sie wohl geneigt wären, dem königlichen
Befehle zu gehorchen, aber einige kleine Änderungen in der Form
wünschten und eine unterthänige Bitte in diesem Sinne vorlegen wollten.
Seine Majestät war daher sehr gut gelaunt. Als die Prälaten vor ihm
knieten, bat er sie freundlich, aufzustehen, nahm das Papier, aus
Lloyd’s Händen und sagte: „Das ist Mylord Canterbury’s Hand.“ -- „Ja,
Sire, seine eigene Hand,“ war die Antwort. Jakob las die Petition, brach
sie dann zusammen und sprach, während seine Stirn sich verfinsterte:
„Dies ist eine große Überraschung für mich. Ich hätte dies von Ihrer
Kirche, insbesondere von einigen unter Ihnen, nicht erwartet. Das heißt
die Fahne des Aufruhrs aufpflanzen.“ Die Bischöfe ergossen sich in die
wärmsten Versicherungen ihrer Loyalität; der König aber wiederholte
seiner Gewohnheit nach die gesprochenen Worte von Anfang bis zu Ende.
„Ich sage Ihnen, es ist eine Fahne des Aufruhrs!“ -- „Des Aufruhrs?“
rief Trelawney auf die Knie fallend. „Um des Himmels willen, Sire,
sprechen Sie nicht so hart von uns. Ein Trelawney kann nie ein Rebell
werden. Erinnern Sie Sich, daß meine Familie für die Krone gekämpft hat,
erinnern Sie Sich, wie ich Eurer Majestät gedient habe, als Monmouth im
Westen war.“ -- „Wir haben den letzten Aufstand unterdrückt,“ sagte
Lake, „und wollen gewiß nicht einen neuen hervorrufen.“ -- „Wir,
Rebellen!“ rief Turner; „wir sind bereit, zu den Füßen Eurer Majestät zu
sterben.“ -- „Sire,“ hob jetzt Ken in einem männlicheren Tone an, „ich
hoffe, Sie werden uns die Gewissensfreiheit zugestehen, die Sie
Jedermann gewähren.“ Jakob aber wiederholte abermals: „Das ist Aufruhr!
das ist eine Fahne des Aufruhrs! Hat jemals ein guter Diener der
Staatskirche das Dispensationsrecht in Frage gestellt? Haben nicht
einige von Ihnen zu Gunsten desselben gepredigt und geschrieben? Ich
will durchaus, daß meine Erklärung verlesen werde!“ -- „Wir haben zwei
Pflichten zu erfüllen,“ erwiederte Ken, „unsre Pflicht gegen Gott und
unsre Pflicht gegen Eure Majestät. Wir ehren Sie, aber wir fürchten
Gott.“ -- „Habe ich das um Sie verdient?“ versetzte der König mit
wachsendem Zorne; „bin ich nicht stets ein Freund Ihrer Kirche gewesen?
Ich hätte dies nicht von Ihnen erwartet. Aber ich verlange Gehorsam.
Meine Erklärung muß verlesen werden. Sie sind die Trompeter des
Aufruhrs. Was wollen Sie hier? Gehen Sie in Ihre Diöcesen und sorgen Sie
dafür, daß meinen Befehlen gehorcht wird. Dieses Papier will ich
behalten. Sie bekommen es nicht zurück. Ich werde Sie, die
Unterzeichner, nicht vergessen.“ -- „Gottes Wille geschehe,“ sagte Ken.
-- „Gott hat mir die Dispensationsgewalt verliehen,“ fuhr der König
fort, „und ich werde sie zu behaupten wissen. Ich sage Ihnen, es sind
noch Siebentausend in Ihrer Kirche, die das Knie nicht vor dem Baal
gebeugt haben.“ Die Bischöfe entfernten sich ehrerbietig[91]. Noch den
nämlichen Abend erschien die Petition, die sie dem Könige überreicht
hatten, Wort für Wort, in Druck und wurde in allen Kaffeehäusern
ausgelegt und in den Straßen zum Verkauf ausgeboten. Allenthalben
standen die Leute aus den Betten wieder auf und gingen hinunter auf die
Straße, um zu sehen, was es gab. Man sagte, daß der Drucker binnen
wenigen Stunden durch dieses Pennyblatt tausend Pfund verdient habe.
Dies mag übertrieben sein, aber es beweist wenigstens, daß der Absatz
ungeheuer war. Wie die Petition in die Öffentlichkeit kam, ist noch
heute ein Geheimniß. Sancroft versicherte, daß er jede erdenkliche
Vorsicht beobachtet habe und von keinem andren Exemplare wisse, als von
dem, welches er selbst geschrieben und das der König aus Lloyd’s Händen
entgegengenommen hatte. Die Wahrhaftigkeit des Erzbischofs ist über alle
Zweifel erhaben. Nicht unwahrscheinlich aber ist es, daß einige von den
anwesenden Geistlichen das kurze Schriftstück ihrem Gedächtniß genau
eingeprägt und es zum Druck befördert hatten. Die vorherrschende Meinung
war jedoch, daß eine Person aus der nächsten Umgebung des Königs eine
Indiscretion oder einen Verrath begangen habe[92]. Kaum weniger Aufsehen
machte ein kurzer, mit großer logischer Schärfe und in kräftiger Sprache
geschriebener Brief, der im Geheimen gedruckt und an dem nämlichen Tage
durch die Post und durch die gewöhnlichen Botenfuhrleute verbreitet
wurde. Jedem Geistlichen im ganzen Lande wurde ein Exemplar zugesandt.
Der Verfasser versuchte es nicht, die Gefahr zu verhehlen, der sich
Diejenigen aussetzten, welche dem königlichen Befehle nicht gehorchten;
aber er schilderte mit lebhaften Farben die noch größere Gefahr der
Unterwerfung. „Wenn wir die Erklärung verlesen,“ sagte er, „so fallen
wir, um uns nicht wieder zu erheben. Und wir werden nicht bedauert,
sondern nur verachtet werden; wir fallen unter den Verwünschungen einer
Nation, die unsre Willfährigkeit ins Verderben gestürzt hat.“ Einige
waren der Meinung, die Schrift sei aus Holland herübergekommen, Andere
schrieben sie Sherlock zu. Aber Prideaux, Dechant von Norwich, der bei
der Verbreitung besonders thätig war, hielt sie für das Werk Halifax’.
Das Verfahren der Prälaten fand allgemeinen und lebhaften Beifall; aber
hier und da ließ sich auch ein Murren vornehmen. Man sagte, daß so
ernste Männer, wenn ihr Gewissen ihnen geboten hätte, beim Könige zu
remonstriren, dies früher hätten thun sollen. Wäre es recht gegen ihn
gehandelt, daß sie ihn bis sechsunddreißig Stunden vor der zur Verlesung
der Erklärung festgesetzten Zeit im Dunkeln ließen? Selbst wenn er den
Geheimrathsbefehl hätte zurücknehmen wollen, wäre es dazu zu spät
gewesen. Aus dem Allen scheine hervorzugehen, daß die Petition nicht den
Zweck gehabt habe, den König andren Sinnes zu machen, sondern nur die
Unzufriedenheit des Volks zu erregen[93]. Diese Beschwerden waren jedoch
völlig grundlos. Der König hatte den Bischöfen einen neuen, unerwarteten
und in Verlegenheit setzenden Befehl gegeben. Es war ihre Pflicht, mit
einander in Vernehmen zu treten und so weit als möglich die Ansicht des
Standes, dessen Oberhäupter sie waren, einzuholen, ehe sie irgend einen
Schritt thaten. Die Mitglieder waren im ganzen Lande zerstreut, einige
waren eine volle Tagereise von einander entfernt. Jakob hatte ihnen nur
vierzehn Tage Zeit gelassen, um sich zu erkundigen, zu berathschlagen
und einen Entschluß zu fassen, und er konnte sich gewiß nicht darüber
beklagen, daß diese vierzehn Tage zu Ende gingen, bevor er ihren
Entschluß erfuhr. Ebenso ist es auch nicht wahr, daß sie ihm nicht Zeit
ließen, seinen Befehl zurückzunehmen, wenn er hätte so klug sein wollen,
dies zu thun. Er hätte am Samstag Morgen den Geheimen Rath
zusammenberufen können und vor dem Abend konnte es in ganz London und
dessen Vorstädten bekannt sein, daß er den Bitten der Väter der Kirche
nachgegeben. Der Samstag ging jedoch ohne ein Zeichen von Sinnesänderung
seitens der Regierung vorüber und der Sonntag kam heran, ein Tag, dessen
man sich noch lange erinnerte.
[Anmerkung 91: Sancroft’s Bericht aus Tanner’s Handschriften
abgedruckt; Citters, 22. Mai (1. Juni) 1688.]
[Anmerkung 92: +Burnet, I. 741+; +Revolution Politics+; +Higgins’s
Short View.+]
[Anmerkung 93: +Clarke’s Life of James the Second, II. 155.+]
[_Die londoner Geistlichkeit gehorcht dem königlichen Befehle nicht._]
In der City und den Vorstädten Londons gab es ungefähr hundert
Pfarrkirchen. Nur in vier derselben wurde der Geheimrathsbefehl befolgt.
In der St. Gregorskirche wurde die Erklärung von einem Geistlichen,
Namens Martin, verlesen. Sobald er die ersten Worte sprach, stand die
ganze Gemeinde auf und entfernte sich. In der St. Matthäuskirche in
Friday Street wurde ein Elender, Namens Timotheus Hall, der seinen
Priesterrock geschändet, indem er der Herzogin von Portsmouth bei dem
Handel mit Begnadigungen als Zwischenträger gedient und der jetzt
Hoffnung auf das erledigte Bisthum Oxford hatte, ebenfalls von seiner
Gemeinde in der Kirche allein gelassen. In Serjeant’s Inn, in Chancery
Lane, gab der Geistliche vor, er habe vergessen, ein Exemplar der
Erklärung mitzubringen, und der Oberrichter der Kings Bench, welcher
anwesend war, um darauf zu sehen, daß dem königlichen Befehle gehorcht
werde, mußte sich mit dieser Entschuldigung begnügen. Samuel Wesley, der
Vater Johann’s und Karl’s Wesley, Pfarrer in London, wählte an diesem
Sonntage zum Text seiner Predigt die edle Antwort, welche die drei Juden
dem chaldäischen Tyrannen gaben: „So sollst Du nun wissen, o König, daß
wir Deine Götter nicht ehren, noch das güldene Bild, das Du hast setzen
lassen, anbeten wollen.“ Selbst in der Kapelle des St. Jamespalastes
hatte der dienstthuende Geistliche den Muth, dem Befehle nicht zu
gehorchen. Die Knaben von Westminster erinnerten sich noch lange dessen,
was an jenem Tage in der Abtei vorging. Sprat, Bischof von Rochester,
fungirte hier als Dechant. Sobald er die Erklärung zu verlesen begann,
übertäubte das Murren und das Geräusch des sich aus der Kirche
drängenden Volks seine Stimme. Er zitterte so heftig, daß man das Papier
in seiner Hand sich bewegen sah. Lange bevor er geendet hatte, war die
Kirche von Allen verlassen, bis auf Diejenigen, die ihre Stellung zum
Bleiben nöthigte.[94]
Noch nie war die Kirche der Nation so theuer gewesen, als an jenem
Nachmittage. Der Geist der Zwietracht schien erloschen zu sein. Baxter
hielt auf der Kanzel eine Lobrede auf die Bischöfe und die Pfarrer.
Wenige Stunden später schrieb der holländische Gesandte an die
Generalstaaten, daß die anglikanische Geistlichkeit in der Achtung des
Publikums unglaublich gestiegen sei. Die Nonconformisten, sagte er,
sprächen sich allgemein dahin aus, daß sie lieber unter dem Drucke der
Strafgesetze bleiben, als ihre Sache von der der Prälaten trennen
wollten.[95]
So verging noch eine Woche ängstlicher Aufregung, und der zweite Sonntag
kam heran. Abermals waren die Kirchen der Hauptstadt mit
Hunderttausenden gefüllt. Die Erklärung wurde nirgends anderwärts
verlesen, als an den wenigen Orten, wo sie vor acht Tagen verlesen
worden war. Der Geistliche, der in der Kapelle des St. Jamespalastes
gepredigt hatte, war seines Amtes entsetzt worden und es erschien ein
servilerer Geistlicher mit dem Papier in der Hand; aber er war so
befangen, daß er nicht vernehmlich sprechen konnte. Die Stimmung der
ganzen Nation hatte sich in der That so gestaltet, daß nur die besten
und hochherzigsten, oder die schlechtesten und characterlosesten
Menschen ihr ohne große Angst die Stirn bieten konnten.[96]
[Anmerkung 94: Citters; 22. Mai (1. Juni) 1688; +Burnet+, I. 740
und Lord Dartmouth’s Note; +Southey’s Life of Wesley+.]
[Anmerkung 95: Citters, 22. Mai (1. Juni) 1688.]
[Anmerkung 96: +Ibid.+ 29. Mai (8. Juni) 1688.]
[_Unschlüssigkeit der Regierung._] Selbst der König war einen Augenblick
bestürzt über die Heftigkeit des von ihm heraufbeschworenen Sturmes. Was
sollte er nun zunächst thun? Er mußte entweder vorwärts oder rückwärts
gehen, und ersteres konnte er nicht ohne Gefahr, letzteres nicht ohne
Demüthigung. Einmal nahm er sich vor, einen neuen Befehl zu erlassen,
durch den er der Geistlichkeit in hochmüthigem und zornigem Tone gebot,
seine Erklärung zu verlesen, und jedem Widerspenstigen mit
augenblicklicher Amtsentsetzung drohte. Dieser Befehl wurde zu Papier
gebracht und in die Druckerei geschickt, dann zurückgeholt, dann zum
zweitenmal in die Druckerei geschickt und noch einmal zurückgeholt.[97]
Zu einem andren Plane riethen einige von Denen, welche für strenge
Maßregeln waren. Sie meinten, die Prälaten, welche die Petition
unterzeichnet hatten, könnten ja vor die kirchliche Commission citirt
und ihrer Bischofssitze beraubt werden. Gegen dieses Verfahren aber
wurden im Staatsrathe energische Einwendungen erhoben. Man habe
angekündigt, daß die Kammern noch vor Ende des Jahres einberufen werden
sollten und die Lords würden das Absetzungsurtel unzweifelhaft für null
und nichtig erklären, auf der Einberufung Sancroft’s und seiner
Mitpetenten bestehen und sich weigern, einen neuen Erzbischof von
Canterbury oder einen neuen Bischof von Bath und Wells anzuerkennen. So
würde die Session, die aller Wahrscheinlichkeit nach im günstigen Falle
immer noch sehr stürmisch werden würde, sogleich mit einem erbitterten
Streite zwischen der Krone und den Peers beginnen. Wenn daher eine
Bestrafung der Bischöfe für nöthig gehalten würde, so müßte dieselbe
nach dem bekannten Gange des englischen Rechtsverfahrens über sie
verhängt werden. Sunderland hatte sich von Anfang an, soweit er es ohne
Gefahr wagen konnte, dem Geheimrathsbefehl widersetzt. Jetzt rieth er zu
einem Verfahren, das zwar nicht frei von Nachtheilen, aber doch das
klügste und würdigste war, welches der Regierung nach einer Reihe von
Fehlgriffen noch offen stand. Der König solle mit Huld und Majestät der
Welt ankündigen, daß das ungehorsame Benehmen der anglikanischen Kirche
ihn tief verletzt habe, daß er aber die vielen Dienste nicht vergessen
könne, die diese Kirche in schweren Prüfungszeiten seinem Vater, seinem
Bruder und ihm selbst geleistet; daß er als Freund der Gewissensfreiheit
nicht streng gegen Männer verfahren wolle, deren allerdings
irregeleitetes und über alle Maßen bedenkliches Gewissen ihnen nicht
erlaubt habe, seinen Befehlen zu gehorchen, und daß er daher die
Schuldigen der Strafe überlassen werde, die ihre eigne Überzeugung ihnen
zuerkennen müsse, wenn sie ihre neuesten Schritte mit den loyalen
Grundsätzen verglichen, deren sie sich so laut gerühmt hätten. Nicht
allein Powis und Bellasyse, welche stets für gemäßigte Beschlüsse waren,
sondern selbst Dover und Arundell neigten sich zu diesem Vorschlage hin.
Jeffreys dagegen behauptete, daß die Regierung entehrt sein würde, wenn
sie solche Verbrecher, wie die sieben Bischöfe, mit einem bloßen
Verweise davon kommen ließe. Er wünschte jedoch nicht, daß sie vor die
Hohe Commission, in welcher er als erster oder vielmehr einziger Richter
saß, geladen würden, denn die Last des öffentlichen Hasses, die er
bereits zu tragen hatte, war selbst für seine schamlose Stirn und sein
verknöchertes Herz zu groß, und er erschrak vor der Verantwortlichkeit,
die er durch eine gesetzwidrige Verurtheilung der Oberhäupter der
Staatskirche und der Lieblinge des Volkes auf sich geladen haben würde.
[Anmerkung 97: +Ibid.+]
[_Es wird eine gerichtliche Verfolgung der Bischöfe wegen Libells
beschlossen._] Jeffreys empfahl deshalb einen Criminalprozeß gegen sie
anhängig zu machen. In Folge dessen wurde beschlossen, den Erzbischof
und die sechs anderen Bittsteller unter der Anklage auf Abfassung eines
aufrührerischen Libells vor den Gerichtshof der Kings Bench zu stellen.
Daß sie für schuldig befunden werden würden, daran war kaum zu zweifeln,
denn die Richter und ihre Unterbeamten waren Werkzeuge des Hofes.
Seitdem der Hauptstadt ihr alter Freibrief entzogen worden, war kaum ein
Gefangener, den die Regierung bestraft wissen wollte, von einer Jury
freigesprochen worden. Die widerspenstigen Prälaten wurden höchst
wahrscheinlich zu unerschwinglichen Geldbußen und langer Haft
verurtheilt und waren dann froh, wenn sie sich dadurch loskaufen
konnten, daß sie in und außer dem Parlament den Absichten des Königs
dienten.[98]
Am 27. Mai wurde den Bischöfen angekündigt, daß sie am 8. Juni vor dem
Könige im Geheimen Rathe erscheinen sollten. Warum eine so lange Frist
gestattet wurde, ist uns nicht bekannt. Vielleicht hoffte Jakob, daß
einige der Schuldigen sich aus Furcht vor seiner Ungnade bis zu dem zum
Verlesen der Erklärung bestimmten Tage noch fügen und, um sich mit ihm
auszusöhnen, die Geistlichen ihrer Diöcesen zum Gehorsam überreden
würden. Wenn dies wirklich seine Hoffnung war, so wurde sie vollständig
getäuscht. Der 3. Juni kam und alle Theile Englands folgten dem
Beispiele der Hauptstadt. Die Bischöfe von Norwich, Gloucester,
Salisbury, Winchester und Exeter hatten bereits Abschriften der Petition
zum Beweis ihrer Zustimmung unterzeichnet; der Bischof von Worcester
hatte sich geweigert, die Erklärung unter seine Geistlichen zu
vertheilen; der Bischof von Hereford hatte sie vertheilt, wurde aber,
wie allgemein bekannt war, deshalb von Reue und Scham gequält. Von
fünfzig Pfarrern fügte sich noch nicht einer dem Geheimrathsbefehl. In
der großen Diöcese Chester, welche die Grafschaft Lancaster umfaßt,
konnte Cartwright nicht mehr als drei Geistliche zum Gehorsam gegen den
König bewegen. Die Diöcese Norwich enthält viele hundert Pfarreien, und
nur in vieren davon wurde die Erklärung verlesen. Dem höfischen Bischof
von Rochester gelang es nicht, die Gewissensscrupel des
Gefängnißpredigers von Chatham, der von der Regierung besoldet wurde, zu
heben. Es existirt noch ein rührender Brief, den dieser wackere
Geistliche an den Sekretär der Admiralität schrieb. „Ich kann wohl nicht
erwarten,“ schrieb er darin, „daß Euer Ehren sich für mich verwenden.
Der Wille Gottes geschehe. Ich will lieber leiden, als sündigen“[99].
[Anmerkung 98: Barillon, 24. Mai (3. Juni), 31. Mai (10. Juni)
1688; Citters, 1.(11.) Juli; Adda 25. Mai (4. Juni), 30. Mai (9.
Juni), 1.(11.) Juni; +Clarke’s Life of James the Second, II.
158+.]
[Anmerkung 99: +Burnet, I. 740+; +Life of Prideaux+; Citters,
12.(22.), 15.(25.) Juni 1688; +Tanner MS.+; +Life and
Correspondence of Pepys+.]
[_Sie werden im Geheimen Rathe verhört._] Am Abend des 8. Juni begaben
sich die sieben Prälaten, von den ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten
Englands gehörig instruirt, in den Palast, wo sie alsbald in das
Geheimrathszimmer gerufen wurden. Ihre Petition lag auf dem Tische. Der
Kanzler nahm das Papier, zeigte es dem Erzbischofe und sagte: „Ist dies
die Schrift, die Euer Gnaden aufgesetzt und welche die hier anwesenden
Bischöfe Seiner Majestät überreicht haben?“ Sancroft warf einen Blick
auf das Papier und sagte dann zum Könige: „Sire, ich stehe hier als
Angeklagter. Ich war dies noch nie und hätte früher nicht geglaubt, daß
ich es je einmal werden könnte. Am allerwenigsten aber habe ich daran
gedacht, daß mir ein Vergehen gegen meinen König zur Last gelegt werden
könnte. Da ich aber das Unglück habe, in diese Lage gekommen zu sein, so
wird Eure Majestät es mir nicht übel nehmen, wenn ich von dem mir
gesetzlich zustehenden Rechte Gebrauch mache, nichts zu sagen, was mich
als schuldig erscheinen lassen könnte.“ -- „Dies ist bloße Chikane,“
erwiederte der König. „Euer Gnaden werden hoffentlich nicht so
gewissenlos sein, daß Sie Ihre eigne Hand verleugnen?“ -- „Sire,“ sagte
Lloyd, der die Casuistik gründlich studirt hatte, „alle Theologen
stimmen darin überein, daß Jemand, der sich in unsrer Lage befindet, die
Antwort auf eine solche Frage verweigern darf.“ Der König, der eben so
beschränkten Verstandes, als heftigen Temperamentes war, wußte nicht
sogleich was der Prälat meinte. Er beharrte jedoch auf seinem Verlangen
und gerieth in sichtbaren Zorn. „Sire,“ hob der Erzbischof wieder an,
„ich bin nicht verpflichtet, mich selbst anzuklagen. Dessenungeachtet
will ich, wenn Eure Majestät es durchaus befiehlt, eine Antwort geben,
in dem Vertrauen, daß ein gerechter und edelsinniger Fürst das was ich
lediglich aus Gehorsam gegen Höchstdessen Befehl thue, nicht als
Rechtsbeweis gegen mich anwenden lassen wird.“ -- „Sie dürfen mit Ihrem
Souverain nicht kapituliren,“ sagte der Kanzler. „Nein,“ setzte der
König hinzu, „ich werde einen solchen Befehl nicht geben. Wenn Sie es
vorziehen, Ihre eigenen Handschriften abzuleugnen, so habe ich Ihnen
nichts mehr zu sagen.“
Die Bischöfe wurden zu wiederholten Malen ins Vorzimmer hinausgeschickt
und eben so oft wieder hereingerufen. Endlich gab ihnen Jakob den
bestimmten Befehl, auf die Frage zu antworten. Er verpflichtete sich
allerdings nicht ausdrücklich dazu, daß ihr Geständniß nicht gegen sie
angewendet werden sollte; aber nach dem was vorausgegangen war, mußten
sie natürlich annehmen, daß diese Zusage selbstverständlich mit in dem
Befehle enthalten sei. Sancroft erkannte seine Handschrift an, und seine
Collegen folgten seinem Beispiele. Hierauf wurden sie über den Sinn
einiger in der Petition vorkommenden Worte und über den Brief befragt,
der im ganzen Lande verbreitet worden war und so großes Aufsehen gemacht
hatte; aber ihre Antworten waren so vorsichtig, daß durch das Verhör
nichts gewonnen wurde. Der Kanzler sagte ihnen nun, daß eine
Criminaluntersuchung bei der Kings Bench gegen sie eingeleitet werden
würde und forderte sie auf, sich wegen ihres Erscheinens jeder für seine
eigne Person zu verpflichten. Dies lehnten sie aber ab. Sie seien Peers
des Reiches, sagten sie, die besten Rechtsgelehrten von Westminster Hall
hätten ihnen gesagt, daß keinem Peer in einer Untersuchung wegen Libells
persönliche Bürgschaft angesonnen werden könne, und sie hielten sich
nicht für berechtigt, auf eines ihrer Standesvorrechte zu verzichten.
Der König war einfältig genug, es als eine persönliche Beleidigung gegen
sich zu betrachten, daß die Bischöfe in einer Rechtsfrage sich durch
juristischen Rath leiten ließen. „Sie glauben ja auch jedem Andren eher
als mir,“ sagte er. Er fühlte sich ernstlich gedemüthigt und beunruhigt,
denn er war so weit gegangen, daß ihm, wenn sie auf ihrem Vorsatze
beharrten, nichts Andres übrig blieb, als sie in’s Gefängniß zu
schicken, und wenn er auch keineswegs _alle_ Folgen eines solchen
Schrittes voraussah, so sah er doch so viel davon voraus, daß ihm bange
wurde. Sie blieben fest. Es wurde daher wirklich ein Befehl
ausgefertigt, welcher den Gouverneur des Tower anwies, sie in sicherem
Gewahrsam zu halten und eine Barke brachte sie den Fluß hinunter nach
dem Staatsgefängnisse.[100]
Ganz London wußte, daß die Bischöfe vor dem Geheimen Rathe standen. Das
Publikum war in gespannter Erwartung. Eine große Menschenmenge füllte
die Höfe von Whitehall und alle umliegenden Straßen. Viele Leute
pflegten sich damals an Sommerabenden an der kühlen Themseluft zu
erlaben; an diesem Abend aber war der ganze Fluß mit Böten bedeckt. Als
die sieben Bischöfe in Begleitung einer Wache erschienen, konnte das
Volk seine Gefühle nicht mehr beherrschen. Tausende fielen auf die Knie
und beteten laut für die Männer, welche mit dem christlichen Muthe eines
Ridley und Latimer einem von der ganzen Bigotterie der Maria erfüllten
Tyrannen Trotz geboten hatten. Viele sprangen in den Fluß und riefen,
bis über den Hüften in Schlamm und Wasser stehend, die heiligen Väter um
ihren Segen an. Auf der ganzen Strecke von Whitehall bis zur
London-Brücke fuhr die königliche Barke zwischen Reihen von Böten, aus
denen beständig der Ruf: „Gott segne Eure Lordschaften!“ ertönte. Der
König gab in seiner Angst Befehl, daß die Besatzung des Tower verstärkt,
die Garden zum Feuern bereit gehalten und zwei Compagnien von jedem
Regiment im ganzen Reiche unverzüglich nach London berufen werden
sollten. Die Militairmacht aber, die er als das zuverlässigste Werkzeug
zur Bändigung des Volkes ansah, theilte alle Gefühle desselben. Selbst
die Schildwachen, welche am Verrätherthore unter Waffen standen, baten
die Märtyrer, die sie bewachen sollten, um ihren Segen. Der Gouverneur
des Tower war Sir Eduard Hales. Er war nicht eben geneigt, seine
Gefangenen freundlich zu behandeln, denn er war von der Kirche, für die
sie litten, abgefallen und bekleidete kraft der Dispensationsgewalt,
gegen die sie protestirt hatten, mehrere einträgliche Stellen. Mit
Entrüstung vernahm er, daß seine Soldaten auf das Wohl der Bischöfe
tranken, und er befahl seinen Offizieren, dies ein für allemal zu
verbieten; aber diese brachten ihm die Meldung, daß es sich nicht mehr
verhindern lasse und daß in der ganzen Besatzung keine andre Gesundheit
mehr ausgebracht werde. Übrigens bewiesen die Truppen ihre Verehrung für
die Väter der Kirche nicht allein durch Toaste. Im ganzen Tower
herrschte eine so andächtige Stimmung, daß fromme Geistliche dem Himmel
dankten, daß er aus Bösem Gutes hervorgehen ließe und die Verfolgung
seiner treuen Diener zum Rettungsmittel für viele Seelen machte. Tag für
Tag sah man die Equipagen und Livreen der vornehmsten Kavaliere Englands
vor den Eingängen des Gefängnisses, und Tausende von Zuschauern aus den
bürgerlichen Klassen bedeckten fortwährend Towerhill.[101] Von den
verschiedenen Zeichen der öffentlichen Verehrung und Theilnahme für die
Prälaten erfüllte aber namentlich eines mehr als alle anderen den König
mit Zorn und Besorgniß. Er erfuhr, daß eine Deputation von zehn
nonconformistischen Geistlichen die Bischöfe im Tower besucht hatte. Er
ließ vier von ihnen zu sich entbieten und machte ihnen persönlich
heftige Vorwürfe; sie aber antworteten ihm muthig, daß sie es für ihre
Pflicht hielten, vergangene Streitigkeiten zu vergessen und zu den
Männern zu stehen, welche die Träger des protestantischen Glaubens
seien.[102]
[Anmerkung 100: Sancroft’s Bericht, abgedruckt aus Tanner’s
Handschriften.]
[Anmerkung 101: +Burnet, I. 741+; Citters, 8.(18.), 12.(22.) Juni
1688; +Luttrell’s Diary, June 8+; +Evelyn’s Diary+, Brief von
+Dr.+ Ralson an seine Gattin vom 14. Juni abgedruckt aus Tanner’s
Handschriften; +Reresby’s Memoirs+.]
[Anmerkung 102: +Reresby’s Memoirs+.]
[_Geburt des Prätendenten._] Kaum hatten sich die Thore des Tower hinter
den Gefangenen geschlossen, so trat ein Ereigniß ein, welches die
allgemeine Aufregung noch vermehrte. Es war angekündigt worden, daß die
Königin erst im Juli ihre Entbindung erwarte. Den Tag nach dem Verhöre
der Bischöfe aber bemerkte man, daß der König sich angelegentlich nach
ihrem Befinden erkundigte. Sie saß jedoch diesen Abend noch bis gegen
Mitternacht in Whitehall am Spieltisch. Dann aber wurde sie in einer
Sänfte in den St. Jamespalast gebracht, wo in aller Eil Zimmer für sie
eingerichtet worden waren. Bald darauf eilten Boten nach allen
Richtungen hin, um Ärzte und Priester, Staatsräthe und Kammerdamen
herbeizuholen. Binnen wenigen Stunden waren eine Menge Staatsbeamte und
vornehme Damen im Zimmer der Königin versammelt, und hier wurde am
Morgen des 10. Juni, einem Sonntage, der von den allzutreuen Freunden
einer schlechten Sache lange in Ehren gehalten wurde, der unglücklichste
aller Fürsten geboren, bestimmt zu siebenundsiebzig Jahren der
Verbannung und des Umherirrens, zu einem Leben voll eitler Pläne, voll
Ehrenbezeigungen, welche kränkender sind als offene Beleidigungen, und
voll Hoffnungen, die das Herz vor Gram vergehen lassen.
[_Man hält ihn allgemein für untergeschoben._] Die traurigen Schicksale
des armen Kindes begannen schon vor seiner Geburt. Die Nation über
welche er nach der gewöhnlichen Erbfolgeordnung einst regiert haben
würde, war fest überzeugt, daß seine Mutter gar nicht schwanger sei.
Wäre seine Geburt auch durch noch so viele Zeugen bewiesen worden,
ein großer Theil des Volks würde trotzdem wahrscheinlich bei der
Behauptung geblieben sein, daß die Jesuiten ein geschicktes
Taschenspielerkunststück ausgeführt hätten; der Beweis für die Thatsache
ließ aber, theils durch Zufall, theils durch grobe Versehen manchen
Einwürfen und Zweifeln Raum. Es waren zwar viele Personen beiderlei
Geschlechts im königlichen Schlafgemache anwesend, als das Kind das
Licht der Welt erblickte, aber keine von ihnen erfreute sich des
öffentlichen Vertrauens im besonderen Grade. Von den anwesenden
Geheimräthen waren die Hälfte Katholiken und die, welche sich
Protestanten nannten, galten allgemein für Verräther an Gott und
Vaterland. Unter den Kammerdamen befanden sich viele Französinnen,
Italienerinnen und Portugiesinnen, und von den englischen Damen waren
einige selbst Papistinnen, andere die Gattinnen von Papisten. Mehrere
Personen, welche vorzugsweise hätten anwesend sein sollen, und deren
Zeugniß allen Verständigen genügt haben würde, fehlten und man legte die
Schuld an ihrer Abwesenheit dem Könige zur Last. Die Prinzessin Anna war
von allen Bewohnern der ganzen Insel am meisten bei der Sache
interessirt. Ihr Geschlecht und ihre Erfahrung berechtigte sie, als
Wächterin des Geburtsrechts ihrer Schwester und ihres eigenen
aufzutreten. Sie hatte starken Verdacht geschöpft, in welchem sie
täglich durch geringfügige oder imaginäre Umstände bestärkt wurde. Es
schien ihr, als ob die Königin geflissentlich ihren Fragen auswiche und
sie schrieb diese Zurückhaltung, welche vielleicht im Zartgefühl ihren
Grund hatte, dem Schuldbewußtsein zu.[103] In Folge dessen hatte Anna
sich vorgenommen, an dem entscheidenden Tage anwesend zu sein und ein
scharfes Auge zu haben. Sie hatte es aber nicht für nöthig gehalten,
schon einen Monat vor diesem Tage auf ihrem Posten zu sein, sondern war
mit Bewilligung und angeblich auf Anrathen ihres Vaters nach Bath
gereist, um dort eine Brunnenkur zu gebrauchen. Sancroft, dessen hohe
Stellung ihm die Pflicht auferlegte, anwesend zu sein, und in dessen
Rechtschaffenheit die Nation volles Vertrauen setzte, war einige Stunden
vorher von Jakob in den Tower geschickt worden. Die Hyde waren die
geeigneten Beschützer der Rechte beider Prinzessinnen. Der holländische
Gesandte konnte als der Vertreter Wilhelm’s betrachtet werden, der als
der erste Prinz von Geblüt und als Gemahl der ältesten Tochter des
Königs das größte Interesse an dem Ereignisse hatte. Jakob aber dachte
nicht daran, ein männliches oder weibliches Mitglied der Familie Hyde
herbeizurufen und eben so wenig wurde der holländische Gesandte
zugezogen.
Die Nachwelt hat den König von dem Betrug, dessen sein Volk ihn
beschuldigte, vollkommen freigesprochen. Unmöglich aber kann man ihn von
der Thorheit und Verkehrtheit freisprechen, welche den Irrthum seiner
Zeitgenossen erklären und entschuldigen. Er wußte recht gut, welche
argwöhnischen Vermuthungen man im Publikum hegte,[104] und er hätte eben
so gut wissen können, daß dieser Argwohn nicht durch das Zeugniß von
Mitgliedern der römischen Kirche oder solchen Personen zerstreut werden
konnte, die sich zwar Mitglieder der anglikanischen Kirche nannten, aber
sich ganz bereit gezeigt hatten, die Interessen dieser Kirche zu opfern,
um seine Gunst zu gewinnen. Daß der Eintritt des Ereignisses ihn vor der
erwarteten Zeit überraschte, ist wahr, aber er hatte immerhin zwölf
Stunden vor sich, um seine Anordnungen zu treffen. So gut als er den St.
Jamespalast mit Bigotten und Schmarotzern füllen konnte, deren Wort die
Nation nicht traute, eben so gut hätte er auch für die Anwesenheit
einiger angesehenen Personen sorgen können, deren treue Anhänglichkeit
an die Prinzessinnen und an die Landeskirche außer Zweifel stand.
Zu einer späteren Zeit, als er für seine tollkühne Verachtung der
öffentlichen Meinung schwer gebüßt hatte, pflegte man in Saint-Germain
ihn dadurch zu entschuldigen, daß man die Schuld auf Andere wälzte.
Einige Jakobiten behaupteten, Anna habe sich absichtlich fern gehalten,
ja sie scheuten sich nicht zu sagen, Sancroft habe den König
herausgefordert, ihn in den Tower zu schicken, damit das Zeugniß,
welches die Verleumdungen der Unzufriedenen widerlegen konnte,
mangelhaft wäre.[105] Die Abgeschmacktheit dieser Beschuldigung ist
handgreiflich. Konnte Anna oder Sancroft vermuthen, daß die Königin sich
in ihrer Berechnung um einen ganzen Monat geirrt hatte? Wäre ihre
Berechnung richtig gewesen, so würde Anna gewiß, um der Entbindung
beiwohnen zu können, zur rechten Zeit von Bath zurückgekehrt und
Sancroft nicht im Tower gewesen sein. Jedenfalls aber waren die
mütterlichen Oheime der Tochter des Königs weder von London entfernt
noch im Gefängniß. Die nämlichen Boten, welche die ganze Schaar der
Renegaten, Dover, Peterborough, Murray, Sunderland und Mulgrave,
herbeiholten, hätten ganz eben so leicht auch Clarendon herbeirufen
können. Er war so gut Geheimer Rath als sie, und seine Wohnung befand
sich in Jermyn Street, keine zweihundert Schritt von den Gemächern der
Königin. Dennoch ließ man es ihn erst in der St. Jameskirche durch die
Bewegung und das Geflüster der Gemeinde erfahren, daß seine Nichte
aufgehört hatte, die präsumtive Thronerbin zu sein.[106] Gehörte er etwa
deshalb nicht in das Entbindungszimmer, weil er ein naher Verwandter der
Prinzessinnen von Oranien und von Dänemark war, oder weil er
unerschütterlich treu an der anglikanischen Kirche hing?
Die ganze Nation sprach es laut und offen aus, daß ein Betrug gespielt
worden sei. Mehre Monate lang hätten die Papisten auf der Kanzel und
durch die Presse, in Prosa und in Versen, in englischer und in
lateinischer Sprache prophezeit, daß die Bitten der Kirche erhört und
ein Prinz von Wales geboren werden würde, und sie hätten jetzt selbst
ihre Prophezeiung erfüllt. Jeder nicht zu bestechende oder zu
hintergehende Zeuge sei sorgfältig ausgeschlossen worden. Anna habe man
arglistigerweise zu einer Reise nach Bath überredet. Der Primas sei
gerade am Tage vor dem zur Ausführung des Betrugs bestimmten den
Vorschriften des Gesetzes und der Privilegien der Peers zum Trotz ins
Gefängniß geworfen worden. Nicht eine einzige männliche oder weibliche
Person, die das geringste Interesse an der Enthüllung des Betrugs haben
konnte, sei zugezogen worden. Man habe die Königin plötzlich mitten in
der Nacht in den St. Jamespalast gebracht, weil dieses Gebäude, für
unehrliche Zwecke passender eingerichtet als Whitehall, einige für die
Absichten der Jesuiten vortrefflich geeignete Zimmer und Gänge enthalte.
Hier sei inmitten eines Kreises von Zeloten, denen nichts, was die
Interessen ihrer Kirche fördern konnte, ein Verbrechen dünkte, und von
Höflingen, welche nichts, was zu ihrer Bereicherung und Erhebung
beitragen konnte, für Sünde hielten, ein neugeborenes Kind ins Bett der
Königin practicirt und dann triumphirend als Erbe dreier Königreiche
herumgegeben worden. Durch diesen zwar unbegründeten, aber nicht ganz
unnatürlichen Verdacht aufgeregt, drängten sich die Leute nur um so
eifriger danach, den frommen Opfern des Tyrannen zu huldigen, der,
nachdem er lange seinem Volke das empörendste Unrecht zugefügt, das Maß
seiner Schändlichkeit voll machte, indem er sich noch empörender an
seinen eigenen Kindern verging[107].
Der Prinz von Oranien, der selbst keinen Betrug argwöhnte und den
Zustand der Volksstimmung in England nicht kannte, ordnete Dankgebete
für seinen kleinen Schwager unter seinem eigenen Dache an und schickte
Zulestein mit einem förmlichen Beglückwünschungsschreiben nach London.
Zulestein hörte zu seinem großen Erstaunen Jedermann ganz offen von dem
schändlichen Betruge sprechen, den die Jesuiten eben begangen haben
sollten, und erblickte jede Stunde ein neues Pasquill auf die
Schwangerschaft und die Entbindung der Königin. Er schrieb sehr bald
nach dem Haag, von zehn Personen glaube nicht eine, daß die Königin
dieses Kind geboren habe[108].
Das Benehmen der gefangenen Prälaten erhöhte inzwischen die allgemeine
Theilnahme, die ihre Lage erweckte. Am Abend des „schwarzen Freitags“,
wie man den Tag ihrer Einkerkerung nannte, kamen sie gerade zur Stunde
des Gottesdienstes in ihrem Gefängnisse an. Sie begaben sich sogleich in
die Kapelle. Der Zufall wollte, daß im zweiten Vorlesestück die Worte
vorkamen: „In allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes in
großer Geduld und Trübsalen, in Nöthen und Ängsten, in Schlägen, in
Gefängnissen.“ Alle eifrigen Anhänger der Staatskirche freuten sich
dieses Zusammentreffens und erinnerten sich, wie ein ganz ähnliches vor
fast vierzig Jahren Karl I. in seiner Todesstunde getröstet und erhoben
hatte.
Am Abend des folgenden Tages, Samstag den 9. Juni, kam ein Schreiben von
Sunderland, welcher dem Kaplan des Tower befahl, am nächsten Morgen beim
Gottesdienste die Erklärung zu verlesen. Da die in dem Geheimrathsbefehl
zur Verlesung in London bestimmte Zeit längst verstrichen war, so konnte
dieses Verfahren der Regierung nur als eine ganz gemeine und kindische
persönliche Insulte gegen die ehrwürdigen Gefangenen betrachtet werden.
Der Kaplan weigerte sich zu gehorchen; er wurde sofort entlassen und die
Kapelle geschlossen[109].
[Anmerkung 103: Correspondenz zwischen Anna und Marie in
Dalrymple; +Clarendon’s Diary Oct. 31. 1688+.]
[Anmerkung 104: Dies geht aus Clarendon’s Tagebuche vom 31. Oct.
1688 klar hervor.]
[Anmerkung 105: +Clarke’s Life of James the Second, II. 159.
160.+]
[Anmerkung 106: +Clarendon’s Diary, June 10. 1688.+]
[Anmerkung 107: Johnstone giebt in kurzen Worten eine treffliche
Übersicht der gegen den König erhobenen Beschuldigungen. „Die
große Masse des Volks ist der Meinung, daß Alles ein Betrug sei,
denn, sagen sie, die Berechnung treffe nicht zu, die Prinzessin
sei entfernt und weder Jemand von der Familie Clarendon noch der
holländische Gesandte herbeigerufen worden; dazu komme noch der
plötzliche Eintritt des Ereignisses, die Predigten, die Zuversicht
der Priester und die Eil.“ -- 13. Juni 1688.]
[Anmerkung 108: Ronquillo, 26. Juli (5. Aug.). Ronquillo setzt
hinzu, daß Zulestein’s Bericht über den Zustand der öffentlichen
Meinung vollkommen wahr sei.]
[Anmerkung 109: Citters, 12.(22.) Juni 1688; +Luttrell’s Diary,
June 18.+]
[_Die Bischöfe werden vor die Kings Bench gestellt und müssen Bürgschaft
leisten._] Die Bischöfe erbauten Alle, die sich ihnen näherten, durch
die Standhaftigkeit und Freudigkeit, mit der sie ihre Haft ertrugen,
durch die Bescheidenheit und Demuth, mit der sie die Beifallsbezeigungen
und Segenswünsche der ganzen Nation aufnahmen, und durch die loyale
Anhänglichkeit, die sie für den Tyrannen, der sie in’s Verderben stürzen
wollte, an den Tag legten. Am Freitag den 15. Juni, dem ersten
Sitzungstage der Kings Bench, wurden sie vor diesen Gerichtshof
gestellt. Eine ungeheure Menschenmenge erwartete ihre Ankunft. Vom
Landungsplatze bis zur Court of Requests gingen sie durch eine
Doppelreihe von Zuschauern, welche ihnen Segenswünsche und Beifall
zuriefen. „Lieben Freunde,“ sagten die Gefangenen im Vorübergehen,
„ehret den König und gedenket unserer in Euren Gebeten.“ Diese
demüthigen und frommen Worte rührten Viele bis zu Thränen. Als sich der
Zug endlich durch das Gedränge einen Weg gebahnt hatte und vor den
Richtern angekommen war, verlas der Generalfiskal die Anklage, welche er
auf hohen Befehl ausgearbeitet hatte und stellte den Antrag, daß die
Beklagten aufgefordert werden sollten, auf die Klage einzugehen. Der
Vertheidiger wendete dagegen ein, die Bischöfe seien gesetzwidrig
verhaftet worden, und ihr Erscheinen vor dem Gerichtshofe sei daher
nicht ordnungsgemäß. Die Frage, ob ein Peer unter einer Anklage wegen
Libells sein Erscheinen vor Gericht gehörig zu verbürgen habe, wurde
ausführlich erörtert und endlich von der Mehrheit der Richter zu Gunsten
der Krone entschieden. Die Gefangenen erklärten sich nun für
nichtschuldig. Der vierzehnte Tag darauf, der 29. Juni, wurde zur
Verhandlung ihres Prozesses anberaumt. Bis dahin wurden sie gegen das
persönliche Versprechen, sich zu stellen, in Freiheit gesetzt. Die
Kronanwälte thaten sehr weise daran, aß sie keine fremde Bürgschaft
verlangten, denn Halifax hatte dafür gesorgt, daß einundzwanzig
weltliche Peers vom höchsten Ansehen, je drei für einen Angeklagten, zur
Bürgschaftleistung bereit waren, und eine solche Gesinnungsäußerung des
hohen Adels würde für die Regierung ein harter Schlag gewesen sein. Eben
so wußte man, daß einer der reichsten, Dissenters der Hauptstadt um die
Ehre nachgesucht hatte, für Ken Bürgschaft leisten zu dürfen.
Die Bischöfe durften nun in ihre Heimath zurückkehren. Das niedere Volk,
welches von dem bei der Kings Bench beobachteten Gerichtsverfahren
nichts wußte und nur sah, daß ihre Lieblinge, nachdem sie unter
Bedeckung nach Westminster Hall gebracht worden waren, jetzt sich in
voller Freiheit wieder entfernen durften, glaubte, die gute Sache habe
gesiegt, und brach in lauten Beifallsjubel aus, während zugleich
fröhliches Glockengeläute von allen Thürmen ertönte. Sprat erstaunte
nicht wenig, als er die Glocken seiner eigenen Abtei lustig erklingen
hörte. Er brachte sie sofort zum Schweigen, aber seine Einmischung
erregte viel unwilliges Murren. Die Bischöfe wußten gar nicht, wie sie
sich vor der zudringlichen Masse ihrer Freunde retten sollten. Lloyd
wurde im Palasthofe von Verehrern zurückgehalten, die sich um die Gunst
stritten, seine Hände zu berühren und den Saum seines Rockes zu küssen,
bis endlich Clarendon ihn nicht ohne Anstrengung befreite und ihn durch
eine Seitengasse nach Hause führte. Man sagte, Cartwright sei so
unvorsichtig gewesen, sich unter das Volk zu mischen. Jemand, der ihn an
seinem Bischofsgewand erkannte, erbat sich und erhielt seinen Segen.
„Wißt Ihr, von wem Ihr Euch eben habt segnen lassen?“ rief einer der
Umstehenden. „Nun, es war doch gewiß einer von den Sieben?“ versetzte
Der, welcher eben mit dem Segen beehrt worden war. „Nein,“ entgegnete
der Andere, „es war der papistische Bischof von Chester.“ --
„Papistischer Hund!“ rief der Protestant wüthend, „nimm Deinen Segen
zurück!“
Der Zusammenlauf und die Aufregung waren so groß, daß der holländische
Gesandte sich wunderte, den Tag ohne einen Aufstand enden zu sehen. Dem
Könige war durchaus nicht wohl zu Muthe gewesen. Um jede Ruhestörung
sogleich unterdrücken zu können, hatte er am Morgen in Hydepark mehrere
Bataillone Infanterie gemustert. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht,
daß diese Truppen zu ihm gehalten haben würden, wenn er ihrer Dienste
bedurft hätte. Als Sancroft am Nachmittag in Lambeth ankam, fand er die
in dieser Vorstadt liegenden Grenadiergarden vor dem Eingange seines
Palastes versammelt. Sie stellten sich in einer Doppelreihe auf und
während er zwischen ihnen hinschritt, baten sie ihn um seinen Segen. Nur
mit Mühe hielt er sie davon ab, daß sie zur Feier seiner Rückkehr in
seine Wohnung ein Freudenfeuer anzündeten. Es brannten übrigens an jenem
Abend mehrere Freudenfeuer in der Hauptstadt. Zwei Katholiken, welche so
unbesonnen waren, einige Knaben zu schlagen, weil sie an diesen
öffentlichen Freudenbezeigungen Theil nahmen, wurden vom Pöbel
ergriffen, nackt ausgezogen und schimpflich gebrandmarkt[110].
Jetzt forderte Sir Eduard Hales seine Gebühren von den Bischöfen, die
seine Gefangenen gewesen waren. Sie weigerten sich, einem Beamten,
dessen Bestallung sie nach ihren Grundsätzen für null und nichtig
ansahen, etwas für eine in ihren Augen gesetzwidrige Haft zu bezahlen.
Hierauf gab ihnen der Gouverneur sehr deutlich zu verstehen, daß, wenn
sie noch einmal in seine Hände kämen, er sie in schwere Eisen legen und
auf die nackten Steine betten werde. „Wir haben uns die Ungnade unsres
Königs zugezogen,“ war ihre Antwort, „und wir empfinden dies sehr
schmerzlich; ein Mitunterthan aber, der uns droht, strengt nutzlos seine
Lunge an.“ Man kann leicht denken, mit welchem Unwillen das ohnehin
schon gereizte Volk erfuhr, daß ein vom protestantischen Glauben
Abgefallener, der den Grundgesetzen Englands zum Hohn einen
Commandoposten bekleidete, es gewagt hatte, ehrwürdigen Geistlichen mit
allen Barbareien von Lollard’s Tower zu drohen[111].
[Anmerkung 110: Über die Ereignisse dieses Tages sehe man die
+Collection of State Trials+; +Clarendon’s Diary+; +Luttrell’s
Diary+; Citters, 15.(25.) Juni; Johnstone, 18. Juni und
+Revolution Politics.+]
[Anmerkung 111: Johnstone, 18. Juni 1688; +Evelyn’s Diary, June
29.+]
[_Aufregung der Gemüther._] Bis zu dem Tage des Prozesses hatte sich die
Aufregung nach den entferntesten Winkeln der Insel verbreitet. Aus
Schottland erhielten die Bischöfe Zuschriften, in denen sie der
Sympathie aller Presbyterianer dieses dem Prälatenthum so lange und so
bitter Feind gewesenen Landes versichert wurden[112]. Die Bevölkerung
von Cornwall, ein trotziges, kühnes und herkulisches Geschlecht, das ein
stärkeres Provinzialgefühl hatte, als man es in irgend einem andren
Theile des Landes fand, nahm großen Antheil an der Gefahr, in welcher
Trelawney schwebte, den sie weniger als einen Leiter der Kirche, denn
als das Oberhaupt eines angesehenen Hauses und als den Erben von zwanzig
Ahnen verehrten, welche schon in hohem Ansehen standen, ehe die
Normannen den Fuß auf englischen Boden gesetzt hatten. In der ganzen
Grafschaft sang das Landvolk eine Ballade, deren Refrain noch nicht
vergessen ist:
„Und bringt man Trelawney um, bringt man Trelawney um,
Wollen dreißigtausend cornische Burschen wissen warum?“
Die Bergleute sangen das Lied mit einer kleinen Variation:
„Wollen Zwanzigtausend unter der Erde wissen warum.“[113]
In manchen Theilen des Landes sprachen die Bauern laut eine sonderbare
Hoffnung aus, welche nie aufgehört hat, in ihren Herzen fortzuleben. Sie
meinten, ihr protestantischer Herzog, ihr geliebter Monmouth, werde
plötzlich wieder erscheinen, sie zum Siege führen und den König wie die
Jesuiten unter seinen Füßen zertreten[114].
Die Minister waren in der größten Angst; selbst Jeffreys würde gern
seine Maßregeln zurückgenommen haben. Er beauftragte Clarendon mit
freundlichen Botschaften an die Bischöfe und wälzte die Schuld an der
Verfolgung, zu der er selbst gerathen hatte, auf Andere. Sunderland
wagte es noch einmal, Zugeständnisse anzuempfehlen. Die glückliche
Geburt eines Prinzen, sagte er, biete dem Könige eine vortreffliche
Gelegenheit, eine gefährliche und nachtheilige Stellung aufzugeben, ohne
sich den Vorwurf der Zaghaftigkeit oder der Launenhaftigkeit zuzuziehen.
Bei so erfreulichen Anlässen sei es stets Sitte gewesen, daß der Fürst
die Herzen seiner Unterthanen durch Gnadenacte erfreue, und nichts könne
dem Prinzen von Wales mehr zum Vortheile gereichen, als wenn er schon in
der Wiege der Friedensstifter zwischen seinem Vater und der
aufgebrachten Nation würde. Aber des Königs Entschluß stand fest. „Ich
werde fortfahren,“ sagte er, „ich bin nur zu nachsichtig gewesen. Die
Nachsicht war meines Vaters Verderben“[115].
[Anmerkung 112: +Tanner MS.+]
[Anmerkung 113: Diese Thatsache wurde mir freundlichst von dem
Rev. R. S. Hawker von Morwenstow in Cornwall mitgetheilt.]
[Anmerkung 114: Johnstone, 18. Juni 1688.]
[Anmerkung 115: Adda, 29. Juni (9. Juli) 1688.]
[_Sunderland’s Angst._] Der schlaue Minister kam dahinter, daß sein Rath
früher nur deshalb angenommen worden war, weil er denselben jederzeit
nach dem Willen des Königs eingerichtet hatte, daß er aber von dem
Augenblicke an, wo er wirklich guten ertheilte, kein Gehör mehr finden
würde. Bei dem Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium hatte er einige
Lauheit gezeigt. Er hatte ferner ganz neuerdings den König zu überzeugen
gesucht, daß Tyrconnel’s Plan zur Confiscirung des Eigenthums der
englischen Colonisten in Irland höchst gefährlich sei, und er hatte es
mit Hülfe Powis’ und Bellasyse’s wenigstens dahingebracht, daß die
Ausführung des Planes noch um ein Jahr aufgeschoben wurde. Aber diese
zaghafte Bedenklichkeit hatte den Keim des Widerwillens und Mißtrauens
ins Herz des Königs gelegt[116]. Der Tag der Vergeltung war jetzt
gekommen. Sunderland war in der nämlichen Lage, in der sich einige
Monate früher sein Nebenbuhler Rochester befunden hatte. Beide
Staatsmänner lernten die Angst eines Menschen kennen, der sich
krampfhaft an eine Stütze anklammert, die seinen Händen mehr und mehr
entschlüpft. Beide sahen ihre Rathschläge verächtlich zurückgewiesen.
Beide erlitten die Qual, in den Mienen und dem Benehmen ihres Gebieters
Unzufriedenheit und Mißtrauen zu lesen, und doch wurden Beide von ihrem
Vaterlande für die Verbrechen und Irrthümer, von denen sie ihn vergebens
zurückzubringen versucht hatten, verantwortlich gemacht. Während er sie
in dem Verdacht hatte, daß sie auf Kosten seiner Autorität und seiner
Würde sich populär machen wollten, beschuldigte die öffentliche Stimme
sie laut des Versuchs, auf Kosten ihrer eigenen Ehre und des Gemeinwohls
die königliche Gunst zu gewinnen. Doch trotz aller Kränkungen und
Demüthigungen hielten Beide ihren Ministerposten mit der verzweifelten
Kraft Ertrinkender umklammert. Beide versuchten es, den König wieder
günstig zu stimmen, indem sie sich stellten, als ob sie zum Anschluß an
seine Kirche geneigt wären. Es gab aber eine Grenze, welche Rochester
entschlossen war nicht zu überschreiten. Er ging bis an den Rand des
Glaubensabfalls; hier aber blieb er stehen und in Berücksichtigung der
Standhaftigkeit, mit der er sich weigerte, den letzten Schritt zu thun,
verzieh ihm die Welt großmüthig seine frühere Willfährigkeit.
[Anmerkung 116: Sunderland’s eigner Erzählung darf man natürlich
nicht unbedingten Glauben beimessen. Aber er führte Godolphin zum
Zeugen für das an, was in Betreff der irischen Ansiedlungsacte
vorgegangen war.]
[_Er erklärt sich für einen Katholiken._] Der weniger gewissenhafte und
für das Schamgefühl weniger empfängliche Sunderland beschloß durch einen
Schritt, der jedem von der Wichtigkeit der religiösen Überzeugung
durchdrungenen Gemüth als eines der schändlichsten Verbrechen erscheinen
mußte und den selbst weltlich gesinnte Menschen als das Übermaß von
Verworfenheit betrachten, seine bisherige Mäßigung wieder gut zu machen
und das Vertrauen des Königs wieder zu gewinnen. Ungefähr eine Woche vor
dem zur Verhandlung des Prozesses anberaumten Tage erschien die
öffentliche Ankündigung, daß er Papist geworden sei. Der König sprach
mit Entzücken von diesem Siege der göttlichen Gnade. Die Höflinge und
auswärtigen Gesandten bemühten sich nach Kräften ernsthaft zu bleiben,
als der Renegat versicherte, daß er schon lange von der Unmöglichkeit
überzeugt sei, außerhalb des Schooßes der römischen Kirche selig werden
zu können, und daß sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen, bis er sich
von dem Ketzerglauben losgesagt habe, in dem er erzogen worden. Die
Neuigkeit verbreitete sich schnell. In allen Kaffeehäusern erzählte man
sich, wie der Premierminister von England barfuß und mit einer Kerze in
der Hand sich nach der königlichen Kapelle begeben und demüthig um
Einlaß gebeten, wie die Stimme eines Priesters drinnen gefragt habe, wer
da sei, wie Sunderland zur Antwort gegeben, ein armer Sünder, der lange
fern von der wahren Kirche umherirre, flehe um Aufnahme und Absolution,
wie hierauf die Thüren geöffnet worden seien und der Neubekehrte an den
heiligen Mysterien habe Theil nehmen dürfen[117].
[Anmerkung 117: Barillon, 21. Juni (1. Juli) 1688; Adda, 29. Juni
(9. Juli); Citters, 26. Juni (6. Juli); Johnstone, 2. Juli 1688;
+The Converts, a poem+.]
[_Prozeß der Bischöfe._] Dieser schmachvolle Abfall konnte das Interesse
nur erhöhen, mit dem die Nation dem Tage entgegensah, an welchem das
Schicksal der sieben muthigen Bekenner der anglikanischen Kirche
entschieden werden sollte. Eine willfährige Jury zusammenzubringen war
jetzt das Hauptziel des Königs. Die Kronanwälte erhielten Befehl, die
Gesinnung der Männer, welche in das Verzeichniß der Freisassen
eingetragen waren, genau zu erforschen. Sir Samuel Astry, Sekretär der
Krone, dem die Auswählung der Namen in solchen Fällen oblag, wurde in
den Palast beschieden und hatte eine Unterredung mit Jakob, an welcher
der Kanzler Theil nahm[118]. Sir Samuel scheint sein Möglichstes gethan
zu haben, denn es befanden sich, wie es hieß, unter den achtundvierzig
Personen, die er auswählte, mehrere Diener des Königs und mehrere
Katholiken[119]. Da aber der Vertheidiger der Bischöfe das Recht hatte,
zwölf davon zu streichen, so waren diese natürlich die gestrichenen. Die
Kronanwälte strichen ebenfalls zwölf und die Liste reducirte sich
dadurch auf vierundzwanzig. Die ersten zwölf, welche aufgerufen wurden,
hatten dann den Ausspruch zu thun.
Am neunundzwanzigsten Juni waren Westminsterhall, der alte und der neue
Palasthof und alle benachbarten Straßen weithin mit einer dicht
gedrängten Volksmasse angefüllt. Ein so zahlreiches Auditorium war nie
zuvor und ist auch seitdem nie wieder im Gerichtssaale der Kings Bench
versammelt gewesen. Man zählte fünfunddreißig weltliche Peers unter der
Menge[120].
Sämmtliche vier Richter des Gerichtshofes waren anwesend. Wright, der
den Vorsitz führte, war einzig und allein wegen seiner gewissenlosen
Servilität vielen tüchtigeren und gelehrteren Männern bei Besetzung
seines hohen Postens vorgezogen worden. Allibone war Papist und
verdankte seine Stellung der Dispensationsgewalt, deren Gesetzlichkeit
eben in Frage stand. Holloway war seither ein willenloses Werkzeug der
Regierung gewesen. Selbst Powell, der sich des Rufes strenger
Rechtschaffenheit erfreute, hatte bei einigen Vorgängen eine Rolle
gespielt, die sich nicht vertheidigen läßt. Er hatte in dem wichtigen
Prozesse Sir Eduard Hales’, allerdings mit einigem Bedenken und nach
einigem Zögern, mit der Mehrheit der Richter gestimmt und dadurch auf
seinen Character einen Flecken geworfen, der aber durch sein
ehrenwerthes Benehmen an diesem Tage völlig verwischt wurde.
Die beiderseitigen Rechtsanwälte waren einander durchaus nicht
ebenbürtig. Die Regierung hatte von ihren Kronjuristen so gehässige und
entehrende Dienste verlangt, daß die ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten
und Advokaten der Torypartei nach einander ihre Mitwirkung verweigert
hatten und ihrer Ämter entsetzt worden waren. Sir Thomas Powis,
der Generalfiskal, war kaum ein Jurist dritten Ranges. Der
Generalprokurator, Sir Wilhelm Williams, besaß zwar einen scharfen
Verstand und einen unbeugsamen Muth, aber es fehlte ihm an der nöthigen
Ruhe und Bedächtigkeit; er war streitsüchtig, konnte sein Temperament
nicht beherrschen und wurde von allen politischen Parteien gehaßt und
verachtet. Die hervorragendsten Beistände des Fiskals und des
Prokurators waren Serjeant Trinder, ein Katholik, und Sir Bartholomäus
Shower, Syndikus von London, der einige juristische Kenntnisse besaß,
aber wegen seiner oft den Anstand verletzenden Vertheidigungen und
seiner endlosen Wiederholungen das Gespött von ganz Westminsterhall war.
Gern hätte die Regierung Maynard’s Dienste gewonnen; aber er hatte
geradezu erklärt, daß er sich auf das, was man von ihm verlangte, mit
gutem Gewissen nicht einlassen könne[121].
Auf der andren Seite hingegen standen fast alle ausgezeichneten
juristischen Talente der damaligen Zeit. Sawyer und Finch, welche beim
Regierungsantritt Jakob’s Fiskal und Prokurator gewesen waren, und die
während der Verfolgung der Whigs unter der vorigen Regierung der Krone
mit nur zu großem Eifer und zu glücklichem Erfolge gedient hatten,
befanden sich unter den Vertheidigern der Angeklagten. Ihnen zur Seite
standen zwei Männer, welche, seit Maynard’s Thätigkeit durch sein
vorgerücktes Alter vermindert worden war, für die beiden besten Juristen
galten: Pemberton, der zur Zeit Karl’s II. Oberrichter der Kings Bench
gewesen, wegen seiner Menschlichkeit und Mäßigung aber dieses hohen
Postens entsetzt worden und deshalb wieder zur advokatorischen Praxis
zurückgekehrt war, und Pollexfen, der lange die Assisen im Westen
geleitet und von dem man, obgleich er sich bei den blutigen Assisen
durch Annahme von Aufträgen für die Krone und besonders durch sein
Auftreten gegen Alice Lisle sehr unpopulär gemacht hatte, dennoch wußte,
daß er im Herzen ein Whig, wenn nicht gar ein Republikaner war. Ferner
war dabei Sir Creswell Levinz, ein Mann von gründlichen Kenntnissen und
reichen Erfahrungen, aber von auffallend ängstlichem Wesen. Er war
einige Jahre vorher von der Richterbank entfernt worden, weil er sich
nicht hatte entschließen können, den Zwecken der Regierung zu dienen.
Jetzt scheute er sich wieder, als Vertheidiger der Bischöfe aufzutreten
und hatte sich zuerst geweigert, ihnen seine Dienste zu widmen; aber die
ganze Corporation der Gerichtsadvokaten, die ihn beschäftigten, hatten
ihm erklärt, daß wenn er diesen Auftrag zurückwiese, er nie wieder einen
erhalten sollte[122].
Sir Georg Treby, ein reichbegabter und eifriger Whig, der unter der
alten städtischen Verfassung Syndikus von London gewesen war, stand auf
der nämlichen Seite. Sir Johann Holt, ein noch ausgezeichneterer
whiggistischer Advokat, wurde wahrscheinlich deshalb, weil Sancroft
gegen ihn eingenommen war, nicht mit zur Vertheidigung berufen, war aber
vom Bischof von London privatim um Rath gefragt worden[123]. Der jüngste
Rechtsbeistand der Bischöfe war ein junger Advokat, Namens Johann
Somers. Er war weder durch hohe Geburt noch durch Vermögen begünstigt
und hatte auch noch keine Gelegenheit gehabt, sich öffentlich
auszuzeichnen, aber sein Genie, sein Fleiß und sein vielseitiges großes
Talent waren einem kleinen Kreise von Freunden wohl bekannt, und sein
gründliches, klares System der Beweisführung, sowie sein jederzeit
taktvolles Benehmen hatten ihm trotz seiner whiggistischen Ansichten die
Aufmerksamkeit des Gerichtshofes der Kings Bench bereits gesichert.
Johnstone hatte den Bischöfen eindringlich vorgestellt, wie wichtig es
sei, seinen Beistand zu gewinnen, und Pollexfen sollte erklärt haben,
daß Niemand in Westminsterhall zur Behandlung einer geschichtlichen und
die Verfassung berührenden Frage so befähigt sei, als Somers.
Die Jury wurde vereidigt; sie bestand aus Männern, welche sehr geachtete
Stellungen in der Gesellschaft einnahmen. Der Vormann war Sir Roger
Langley, ein Baronet von alter und angesehener Familie. Ihm zur Seite
stand ein Ritter und zehn Esquires, von denen mehrere sehr vermögend
waren. Es befanden sich einige Nonconformisten unter ihnen, denn die
Bischöfe hatten wohlweislich beschlossen, kein Mißtrauen gegen die
protestantischen Dissenters zu zeigen. Ein Name jedoch erregte große
Besorgniß, der Name Michael Arnold’s. Er war Hofbrauer und man
fürchtete, daß die Regierung auf seine Stimme rechnen könne. Es wird
erzählt, daß er sich bitter über die Stellung beklagt habe, in die er
versetzt war. „Was ich auch thun mag,“ soll er geäußert haben, „so habe
ich die Gewißheit, halb ruinirt zu werden. Sage ich Nichtschuldig, so
werde ich nicht mehr für den König brauen; sage ich Schuldig, so werde
ich für niemand Andren mehr brauen“.[124]
So begann denn die gerichtliche Verhandlung, die, selbst wenn man sie
nach Verlauf von mehr als anderthalb Jahrhunderten mit kaltem Blute
liest, das ganze Interesse eines Drama’s hat. Die Advokaten stritten auf
beiden Seiten mit einer mehr als berufsmäßigen Schärfe und Heftigkeit,
das anwesende Publikum hörte mit so gespannter Aufmerksamkeit zu, als
hätte das Schicksal jedes Einzelnen von dem Ausspruche der Geschwornen
abgehangen, und die Aussichten auf den Sieg wechselten so plötzlich und
so ergreifend, daß die Menge zu wiederholten Malen in der nämlichen
Minute von der größten Angst zur lebhaftesten Freude und umgekehrt von
der lebhaftesten Freude zu noch größerer Angst übersprang.
Die Anklage beschuldigte die Bischöfe, in der Grafschaft Middlesex ein
falsches, böswilliges und aufrührerisches Libell geschrieben oder
veröffentlicht zu haben. Der Generalfiskal und der Staatsprokurator
versuchten zuvörderst den Beweis zu führen, daß die Angeklagten das
Libell unterschrieben hatten. Zu dem Ende wurden mehrere Personen
aufgefordert, die Handschriften der Bischöfe zu recognosciren. Aber die
Zeugen thaten dies mit solcher Unlust, daß kaum einem von ihnen eine
klare und deutliche Antwort zu entlocken war. Pemberton, Pollexfen und
Levinz behaupteten, daß keine genügenden Beweise vorhanden seien, die
der Jury vorgelegt werden könnten; zwei von den Richtern, Holloway und
Powell, traten dieser Ansicht bei, und die Hoffnung der Zuschauer stieg
bedeutend. Da erklärten plötzlich die Kronanwälte, daß sie einen andren
Weg einzuschlagen gedächten. Powis führte mit unverkennbarer Beschämung
und Widerstreben einen Sekretär des Geheimen Raths, Namens Blathwayt,
der zugegen gewesen war, als der König die Bischöfe verhörte, in die
Zeugenloge ein. Blathwayt versicherte eidlich, daß er gehört habe, wie
sie ihre Unterschriften selbst anerkannt hätten. Dieses Zeugniß war
entscheidend. „Warum haben Sie,“ sagte der Richter Holloway zu dem
Fiskal, „da Sie einen solchen Zeugen hatten, ihn nicht sogleich
vorgeführt? es wäre dadurch viel unnöthiger Zeitverlust erspart worden.“
Es ergab sich bald, warum der Kronanwalt sich nur höchst ungern durch
die dringendste Nothwendigkeit hatte bestimmen lassen, zu diesem
Beweismittel zu greifen. Pemberton hielt Blathwayt zurück, unterwarf ihn
einem umständlichen Verhör und verlangte eine genaue Erzählung alles
dessen, was zwischen dem Könige und den Angeklagten vorgegangen sei.
„Das wäre etwas ganz Neues!“ rief Williams. „Glauben Sie,“ sagte Powis,
„daß Sie ein Recht dazu haben, an unsere Zeugen jede impertinente Frage
zu richten, die Ihnen in den Sinn kommt?“ Die Advokaten der Bischöfe
waren jedoch nicht die Männer, die sich so leicht werfen ließen. „Er ist
darauf vereidigt,“ sagte Pollexfen, „die Wahrheit, die ganze Wahrheit zu
sagen; wir wollen und müssen eine Antwort haben.“ Der Zeuge wurde
verlegen, gab ausweichende Antworten, wollte die Fragen nicht richtig
verstanden haben und bat um den Schutz des Gerichtshofes; aber er war in
Händen, aus denen nicht leicht wieder loszukommen war. Endlich schlug
der Generalfiskal sich wieder ins Mittel. „Wenn Sie durchaus auf Ihrer
Forderung bestehen,“ hob er an, „so sagen Sie uns wenigstens, welchen
Gebrauch Sie von der Antwort zu machen gedenken.“ Pemberton, der während
der ganzen Verhandlung seine Pflicht muthig und geschickt erfüllte,
erwiederte ohne Besinnen: „Mylords, ich will dem Herrn Generalfiskal
antworten, ich will offen mit dem Gerichtshofe reden. Wenn die Bischöfe
sich unter dem Versprechen von Seiten Seiner Majestät, daß ihr
Geständniß nicht gegen sie angewendet werden solle, zu dieser Schrift
bekannten, so wird man sich hoffentlich nicht eines unredlichen
Vortheils gegen sie bedienen.“ -- „Sie erheben eine Beschuldigung gegen
Seine Majestät, die ich kaum auszusprechen wage,“ sagte Williams; „da
Sie es so genau nehmen, dann verlange ich auch für den König, daß die
Frage zu Protokoll genommen wird.“ -- „Was meinen Sie damit?“ fragte
jetzt Sawyer. „Ich weiß, was ich meine,“ antwortete der Apostat, „ich
verlange, daß die Frage vor Gericht zu Protokoll genommen wird.“ --
„Nehmen Sie zu Protokoll, was Sie wollen, Herr Prokurator, ich fürchte
Sie nicht,“ sagte Pemberton. Es folgte nun ein lauter und heftiger
Wortwechsel, den der Oberrichter nur mit Mühe beschwichtigen konnte. In
jedem andren Falle hätte er die Frage ohne Zweifel zu Protokoll nehmen
und Pemberton verhaften lassen. Aber an diesem wichtigen Tage wagte er
dies nicht. Er warf oft einen Seitenblick auf die dichten Reihen der
Earls und Barone, die ihn scharf beobachteten und die ihn beim nächsten
Parlamente zur Rechenschaft ziehen konnten. Ein Anwesender meinte
nachher, es habe ausgesehen, als ob alle zuhörenden Peers Stricke in der
Tasche gehabt hätten.[125] Blathwayt wurde endlich gezwungen, über den
ganzen Vorgang einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Es stellte sich
heraus, daß der König den Bischöfen gegenüber keine ausdrückliche
Verpflichtung eingegangen war; ebenso aber ergab es sich auch, daß die
Bischöfe wohl Grund hatten, eine stillschweigende Zusage anzunehmen. Aus
dem Widerstreben, mit dem die Kronanwälte den Sekretär des Geheimraths
in die Zeugenloge einführten und aus der Heftigkeit, mit der sie sich
Pemberton’s Kreuzfragen widersetzten, geht klar hervor, daß sie der
nämlichen Ansicht waren.
Die Handschrift war jedoch bewiesen. Aber jetzt wurde ein neuer und
ernster Einwand erhoben. Der Beweis, daß die Bischöfe das gesetzwidrige
Libell geschrieben hatten, war nicht genügend; es mußte auch bewiesen
werden, daß sie es in der Grafschaft Middlesex geschrieben hatten.
Allein dies konnten der Fiskal und der Prokurator nicht nur nicht
beweisen, sondern die Angeklagten waren sogar im Stande, das Gegentheil
zu beweisen, denn Sancroft hatte von dem Augenblicke an, wo der
Geheimrathsbefehl erschien, bis zu dem Augenblicke, wo die Petition dem
Könige überreicht wurde, seinen Palast in Lambeth nicht verlassen. Die
ganze Anklage fiel daher in sich selbst zusammen und das Publikum
erwartete mit großer Freude eine vollständige Freisprechung.
Die Kronjuristen änderten nun abermals ihre Taktik, ließen die Anklage
auf Abfassung eines Libells ganz fallen und unternahmen es, zu beweisen,
daß die Bischöfe in Middlesex ein Libell _veröffentlicht_ hätten. Das
war nicht leicht. Die Überreichung der Petition an den König war in den
Augen des Gesetzes unzweifelhaft eine Veröffentlichung. Aber wie war
diese Überreichung zu beweisen? Es war bei der Audienz im königlichen
Kabinet außer dem Könige und den Angeklagten Niemand zugegen gewesen.
Den König konnte man nicht wohl als Zeugen vereidigen. Das Factum der
Veröffentlichung konnte also nur durch das Eingeständniß der Angeklagten
constatirt werden. Blathwayt wurde noch einmal vernommen, aber
vergebens. Er sagte, er erinnere sich wohl, daß die Bischöfe ihre
Unterschriften anerkannt, nicht aber, daß sie das auf dem Tische des
Geheimen Raths liegende Papier als das nämliche anerkannt hätten,
welches sie dem Könige überreichten, noch daß sie überhaupt über diesen
Punkt befragt worden waren. Mehrere andere Beamte, die im
Geheimrathszimmer zugegen gewesen waren, wurden aufgerufen, unter ihnen
Samuel Pepys, Sekretär der Admiralität; aber keinem von ihnen war es
erinnerlich, daß von der Überreichung irgend die Rede gewesen sei.
Williams bemühte sich vergebens, sie durch verfängliche Fragen zu dem
gewünschten Zeugnisse zu verleiten, bis endlich die Rechtsanwälte der
Gegenpartei erklärten, daß ein solches Drehen und Wenden noch an keinem
Gerichtshofe vorgekommen sei, und Wright selbst zugestehen mußte, daß
die Vernehmungsweise des Generalprokurators allen Regeln zuwider sei. Da
ein Zeuge nach dem andren verneinend antwortete, wiederhallte der ganze
Saal von lautem Gelächter und triumphirendem Jubel, welche zum Schweigen
zu bringen die Richter gar nicht versuchten.
Der harte Kampf schien endlich gewonnen zu sein; für die Krone war
nichts mehr vorzubringen. Hätten die Anwälte der Bischöfe nun
geschwiegen, so war die Freisprechung gewiß, denn es war nichts
ausgesagt worden, was auch der parteiischeste und gewissenloseste
Richter einen rechtskräftigen Beweis für die Veröffentlichung hätte
nennen kennen. Der Oberrichter schickte sich bereits an, den Geschwornen
das Resumé vorzulegen und er würde sie ohne Zweifel angewiesen haben,
die Angeklagten freizusprechen, als Finch, der zu aufgeregt war, um mit
gehöriger Besonnenheit handeln zu können, noch auftrat und gehört zu
werden verlangte. „Wenn Sie gehört sein wollen,“ sagte Wright, „so
können wir Sie nicht hindern zu sprechen; aber ich muß Ihnen bemerken,
daß Sie Ihren eigenen Vortheil nicht erkennen.“ Die anderen Vertheidiger
bewogen Finch, sich wieder niederzusetzen und baten den Oberrichter
fortzufahren. Eben wollte er dies auch thun, da kam ein Bote an den
Generalprokurator mit der Nachricht, daß Lord Sunderland die
Veröffentlichung beweisen könne und sogleich im Gerichtssaal erscheinen
werde. Wright bemerkte den Vertheidigern in ziemlich spitzigem Tone, daß
sie sich diese neue Wendung der Dinge lediglich selbst zuzuschreiben
hätten. Die Gesichtszüge der versammelten Zuschauer verfinsterten sich;
Finch war einige Stunden lang der unpopulärste Mann im ganzen Lande.
Warum konnte er nicht ruhig sitzen bleiben wie seine verständigeren
Collegen Sawyer, Pemberton und Pollexfen? Seine Sucht, auch etwas zu
sagen, der Wunsch eine schöne Rede zu halten, hatte Alles verdorben.
Inzwischen wurde der Lordpräsident in einer Sänfte durch die Halle
getragen. Nicht ein einziger Hut wurde gelüftet und viele Stimmen
riefen: „Papistischer Hund!“ Bleich und zitternd, mit zu Boden gesenktem
Blicke trat er vor die Schranken und gab mit unsicherer Stimme seine
Zeugenaussage ab. Er versicherte eidlich, daß ihm die Bischöfe ihre
Absicht, dem Könige eine Petition zu überreichen, mitgetheilt hätten und
daß sie zu dem Ende in das königliche Kabinet eingelassen worden seien.
Dieser Umstand in Verbindung mit dem, daß sich, nachdem sie das Kabinet
verlassen, eine von ihnen unterzeichnete Petition in den Händen des
Königs befand, war für das Factum der Veröffentlichung ein Beweis, der
einer Jury wohl genügen konnte.
Die Veröffentlichung in Middlesex war also ebenfalls bewiesen. Aber war
das veröffentlichte Schriftstück ein falsches, böswilliges und
aufrührerisches Libell? Bis jetzt hatte es sich nur darum gehandelt, ob
eine Thatsache, die Jedermann als wirklich geschehen kannte, nach den
technischen Regeln des Beweises constatirt werden konnte; jetzt aber
erhielt der Streit ein höheres Interesse. Man mußte die Grenzen der
königlichen Hoheitsrechte und der bürgerlichen Freiheit, das Recht des
Königs, von Gesetzen zu dispensiren, und das Recht der Unterthanen um
Abstellung von Mißständen zu petitioniren, untersuchen. Drei Stunden
lang vertheidigten die Anwälte der Petenten mit energischem Nachdrucke
die Grundprinzipien der Verfassung und bewiesen aus den Protokollen des
Hauses der Gemeinen, daß die Bischöfe nur etwas Wahres behauptet hätten,
indem sie dem Könige vorstellten, daß die von ihm beanspruchte
Dispensationsgewalt mehr als einmal vom Parlament für ungesetzlich
erklärt worden sei. Somers erhob sich zuletzt. Er sprach wenig über fünf
Minuten lang, aber jedes seiner Worte war gewichtigen Inhalts, und als
er seinen Platz wieder einnahm, war sein Ruf als Redner und als
constitutioneller Jurist fest begründet. Er untersuchte die Ausdrücke
der Anklage, in welcher das den Bischöfen zur Last gelegte Vergehen
dargestellt war, und bewies, daß jedes Wort, Adjectiv oder Substantiv,
durchaus unangemessen sei. Die Anklage laute auf ein falsches,
böswilliges und aufrührerisches Libell. Falsch sei das Schriftstück
nicht, denn jede darin behauptete Thatsache sei durch die
Parlamentsprotokolle als wahr bewiesen. Auch böswillig sei das
Schriftstück nicht, denn die Angeklagten hätten nicht Streit gesucht,
sondern die Regierung habe sie in eine Lage versetzt, in der sie sich
entweder dem königlichen Willen widersetzen oder die heiligsten
Pflichten des Gewissens und der Ehre verletzen mußten. Aufrührerisch sei
das Schriftstück eben so wenig, denn die Verfasser hätten es nicht unter
dem Volke vertheilt, sondern es privatim den Händen des Königs allein
übergeben; auch sei es kein Libell, sondern eine anständige Petition,
wie sie nach den Gesetzen Englands, ja nach den Gesetzen des römischen
Kaiserreichs und nach den Gesetzen aller civilisirten Staaten jeder
Unterthan, welcher glaubt, daß ihm Unrecht geschehen, mit Fug und Recht
dem Souverain überreichen dürfe.
Der Fiskal replicirte kurz und schwach. Der Prokurator sprach sehr
ausführlich und mit großer Bitterkeit, so daß er oft durch Zurufe und
Zischen des Publikums unterbrochen wurde. Er ging so weit zu behaupten,
daß kein einzelner Unterthan und keine Gemeinschaft von Unterthanen,
außer die Parlamentshäuser, berechtigt sei, eine Petition an den König
zu richten. Die Zuschauer waren wüthend und selbst der Oberrichter war
ganz betroffen über die Frechheit dieses feilen Achselträgers.
Wright schritt endlich zum Resumé. Seine Rede bewies, daß seine Furcht
vor der Regierung durch die Furcht vor dieser zahlreichen, glänzenden
und heftig aufgeregten Versammlung gemäßigt wurde. Er sagte, er wolle
nicht seine Ansicht über die Dispensationsfrage abgeben, er habe dies
nicht nöthig, er könne dem Staatsprokurator in vielen Punkten seiner
Rede nicht beistimmen, ein Unterthan habe allerdings das Recht, zu
petitioniren, aber die dem Gerichtshofe vorliegende specielle Petition,
sei ungebührlich abgefaßt und daher in den Augen des Gesetzes ein
Libell. Allibone sprach die nämliche Ansicht aus, bewies aber in seinem
Vortrag eine so gänzliche Unkenntniß des Rechts und der Geschichte, daß
er sich die Verachtung Aller zuzog, die ihn anhörten. Holloway umging
die Dispensationsfrage, sagte aber, ihm scheine die Petition so gefaßt,
wie sie Unterthanen, die sich in ihrem Rechte gekränkt glaubten, wohl zu
überreichen befugt seien, und sie sei daher kein Libell. Powell trat
noch kühner auf. Er erklärte geradezu, daß seiner Ansicht nach die
Indulgenzerklärung null und nichtig und die Dispensationsgewalt, wie sie
neuerdings ausgeübt worden, mit allen Gesetzen durchaus unvereinbar sei.
Wenn man solche Übergriffe der Prärogative dulden wolle, so seien die
Parlamente ganz überflüssig, die ganze gesetzgebende Gewalt liege dann
in den Händen des Königs. „Diese Entscheidung, meine Herren,“ sagte er,
„stelle ich Gott und Ihrem Gewissen anheim“.[126]
Es war dunkel geworden, als die Jury sich zurückzog, um über ihren
Schiedsspruch zu berathen. Diese Nacht war eine Nacht voll ängstlicher
Spannung. Es existiren noch einige Briefe, welche während jener Stunden
der Ungewißheit abgesendet wurden und die daher ein ganz besonderes
Interesse haben. „Es ist sehr spät,“ schrieb der päpstliche Nuntius,
„und noch ist die Entscheidung nicht bekannt. Die Richter und die
Angeklagten haben sich nach Hause begeben, die Geschwornen aber bleiben
beisammen. Morgen werden wir den Ausgang dieses wichtigen Kampfes
erfahren.“
Der Prokurator der Bischöfe brachte mit einer Anzahl Bedienten die ganze
Nacht auf der Treppe zu, welche nach dem Berathungszimmer der
Geschwornen führte. Es war durchaus nothwendig, die an den Thüren Wache
haltenden Beamten scharf zu beobachten, denn man vermuthete, daß sie von
der Regierung gewonnen waren, und sie konnten daher, wenn sie nicht
sorgfältig bewacht wurden, einen höfisch gesinnten Geschwornen mit
Speise und Trank versehen, so daß er dann im Stande war, seine elf
Collegen auszuhungern. Es wurde daher strenge Wache gehalten und nicht
einmal ein Licht, um eine Pfeife anzuzünden, eingelassen. Gegen vier Uhr
Morgens ließ man einige Becken mit Wasser zum Waschen passiren. Die vor
Durst verschmachtenden Geschwornen tranken gierig die Gefäße aus. Die
umliegenden Straßen waren bis zum Morgen von einer großen Volksmenge
angefüllt. Von Stunde zu Stunde kam ein Bote von Whitehall um sich nach
dem Stande der Sache zu erkundigen. Verschiedene Male hörte man drinnen
im Zimmer einen heftigen Wortstreit; aber etwas Gewisses erfuhr man
nicht.[127]
Zuerst waren neun für die Freisprechung und drei für die Verurtheilung.
Zwei von der Minorität gaben bald nach; Arnold aber beharrte auf seinem
Ausspruche. Thomas Austin, ein reichbegüterter Landgentleman, der die
Zeugenaussagen und Reden aufmerksam verfolgt und sich ausführliche
Notizen gemacht hatte, wollte die Sache mit ihm speciell erörtern.
Arnold aber lehnte dies ab, indem er ärgerlich sagte, er sei nicht
gewöhnt zu raisonniren und zu debattiren, sein Gewissen gestatte ihm
nicht, die Bischöfe freizusprechen. „Wenn Sie dabei beharren,“ sagte
Austin, „so sehen Sie mich an. Ich bin der Größte und Stärkste von uns
Zwölfen; ehe ich aber eine Petition wie diese als ein Libell anerkenne,
bleibe ich hier, bis ich nicht mehr dicker bin als ein Pfeifenrohr.“ Es
war sechs Uhr Morgens, als Arnold endlich nachgab. Es wurde bald
bekannt, daß die Geschwornen einig waren; wie aber ihr Ausspruch
lautete, war noch ein Geheimniß.[128]
Um zehn Uhr versammelte sich der Gerichtshof wieder. Das Gedränge war
noch ärger als am vorigen Tage. Die Geschwornen erschienen in ihrer Loge
und es trat eine lautlose Stille ein.
[Anmerkung 118: +Clarendon’s Diary, June+ 21. 1688.]
[Anmerkung 119: Gitters, 26. Juni (6. Juli) 1688.]
[Anmerkung 120: Johnstone, 2. Juli 1688.]
[Anmerkung 121: Johnstone, 2. Juli 1688.]
[Anmerkung 122: Johnstone, 2. Juli 1688. Der Herausgeber von
+Levinz’s Reports+ drückt seine große Verwunderung darüber aus,
daß Levinz nach der Revolution nicht wieder in sein Richteramt
eingesetzt wurde. Die von Johnstone erzählten Thatsachen können
dies anscheinende Ungerechtigkeit vielleicht erklären.]
[Anmerkung 123: Ich schließe dies aus einem Briefe von Compton an
Sancroft vom 12. Juni.]
[Anmerkung 124: +Revolution Politics.+]
[Anmerkung 125: Der Ausdruck eines Augenzeugen. Er findet sich in
einem Neuigkeitsbriefe in der Mackintosh-Sammlung.]
[Anmerkung 126: Siehe den Prozeß in der +Collection of State
Trials+. Einiges habe ich auch von Johnstone und Citters
entlehnt.]
[Anmerkung 127: Johnstone, 2. Juli 1688; Brief von Mr. Ince an den
Erzbischof, datirt von sechs Uhr Morgens; +Tanner MS.+;
+Revolution Politics+.]
[Anmerkung 128: Johnstone, 2. Juli 1688.]
[_Das Verdict der Geschwornen; Freude des Volks._] Sir Samuel Astry
sprach: „Finden Sie die Angeklagten oder einen von ihnen des Vergehens,
dessen sie angeklagt sind, schuldig oder nicht schuldig?“ Sir Roger
Langley antwortete: „Nicht schuldig.“ Sobald diese Worte über seine
Lippen waren, sprang Halifax auf und schwenkte seinen Hut. Auf dieses
Zeichen brachen alle Bänke und Gallerien in donnernden Beifallsjubel
aus. Im nächsten Augenblick stimmten die zehntausend Menschen, welche
die große Halle füllten, mit noch lauterem Jubel ein, von dem die alte
eichene Decke erdröhnte, und noch einen Augenblick, so ließ die draußen
versammelte Menge ein drittes Hurrah erschallen, das man in Templebar
hören konnte. Die Böte, welche den Fluß bedeckten, antworteten mit
gleicher Begeisterung, ein Kanonenschlag knallte auf dem Wasser, dann
wieder einer und wieder einer, und so flog die frohe Nachricht binnen
wenigen Augenblicken über den Savoy und über die Friars hinaus bis zur
Londonbrücke und zu dem Mastenwalde der jenseit derselben liegenden
Schiffe. Wohin die Botschaft kam, brachen Straßen und Squares,
Marktplätze und Kaffeehäuser in Freudenjubel aus. Der Jubel aber war
minder auffallend, als die Thränen. Denn die Gefühle der Leute waren so
angespannt worden, daß selbst die kalte, an Äußerungen von
Gemüthsbewegung wenig gewöhnte englische Natur überwältigt wurde und
Tausende vor lauter Freude schluchzten. Inzwischen sprengten von den
Endpunkten der Menge Reiter fort, um die Kunde von dem Siege der Kirche
und der Nation durch alle Hauptstraßen zu verbreiten. Aber selbst dieser
gewaltige Ausbruch der Freude vermochte den hämischen und furchtlosen
Sinn des Staatsprokurators nicht zu erschüttern. Er versuchte es, sich
in dem betäubenden Lärme Gehör zu verschaffen und forderte die Richter
auf, Diejenigen, welche durch ihr Geschrei die Würde des Gerichtshofes
verletzt hatten, verhaften zu lassen. Einer aus der jubelnden Menge
wurde wirklich festgenommen. Indessen sah das Tribunal doch ein, daß es
geradezu lächerlich gewesen wäre einen Einzelnen für eine Übertretung zu
bestrafen, welche Hunderttausende begangen hatten, und entließ ihn daher
wieder mit einem leichten Verweis.[129]
Es war jetzt nicht daran zu denken, etwas Andres vorzunehmen, denn das
Getöse der Menge war so arg, daß man eine halbe Stunde lang im
Gerichtssaale kein Wort verstehen konnte. Williams stieg unter einem
Sturme von Zischen und Verwünschungen in seinen Wagen. Cartwright, der
eine unbezähmbare Neugierde besaß, hatte die Thorheit und
Unschicklichkeit begangen, nach Westminster zu kommen, um zu hören, wie
das Urtel ausfallen würde. Man erkannte ihn an seiner Priestertracht und
seiner Korpulenz und verfolgte ihn durch die ganze Halle mit Geschrei.
„Nehmt Euch vor dem Wolfe in Schafskleidern in Acht,“ sagte Einer.
„Platz für den Mann mit dem Papst im Bauche!“ rief ein Andrer.[130]
Die freigesprochenen Prälaten flüchteten sich vor der Menge, die sie um
ihren Segen bat, in die nächste Kapelle, wo eben Gottesdienst gehalten
wurde. Viele Kirchen der Hauptstadt waren an diesem Morgen geöffnet und
wurden von vielen Andächtigen besucht. In allen Kirchspielen der City
und der Vorstädte gingen die Glocken. Unterdessen konnten sich die
Geschwornen kaum einen Weg aus der Halle bahnen. Von Hunderten mußten
sie sich die Hand drücken lassen. „Gott segne Euch,“ rief das Volk;
„Gott segne Eure Familien! Ihr habt wie brave Gentlemen gehandelt und
uns Alle heute gerettet.“ Während die Peers, welche zur Unterstützung
der guten Sache herbeigekommen waren, fortfuhren, warfen sie Hände voll
Geld unter die Menge und hießen sie auf das Wohl des Königs, der
Bischöfe und der Geschwornen trinken.[131]
Der Generalfiskal überbrachte die Nachricht Sunderland, der sich gerade
mit dem Nuntius unterhielt. „Seit Menschengedenken,“ sagte Powis, „hat
man nicht einen solchen Jubel und so viel Freudenthränen gesehen wie
heute“.[132] Der König hatte am Morgen das Lager auf der Hounslowhaide
besucht. Sunderland schickte sofort einen Courier mit der Botschaft an
ihn ab. Jakob befand sich in Feversham’s Zelte, als der Expresse ankam.
Er war sehr ärgerlich über die Nachricht und rief auf Französisch aus:
„Sie sollen es bereuen!“ Er brach sogleich nach London auf. So lange er
anwesend war, hielt der Respekt die Soldaten ab, ihren Gefühlen freien
Lauf zu lassen; kaum aber hatte er das Lager verlassen, so hörte er
hinter sich ein lautes Jubelgeschrei. Er wunderte sich darüber und
fragte, was das bedeute. „Es ist nichts,“ erhielt er zur Antwort, „die
Soldaten freuen sich nur über die Freisprechung der Bischöfe.“ -- „Das
nennen Sie nichts?“ sagte der König und wiederholte dann noch einmal:
„Sie sollen es bereuen!“[133]
Er hatte in der That Ursache, verstimmt zu sein, denn seine Niederlage
war vollständig und im höchsten Grade demüthigend. Wären die Prälaten
auf Grund mangelhaften Beweises freigesprochen worden, etwa weil sie die
Petition nicht in Middlesex geschrieben hatten, oder weil es ihnen
streng nach den Regeln des Gesetzes nicht bewiesen werden konnte, daß
sie dem Könige die Petition, um dessentwillen sie in Untersuchung waren,
überreicht hatten, so würde die Prärogative keinen Stoß erhalten haben.
Zum Glück für das Land aber war die Thatsache der Veröffentlichung
vollkommen festgestellt worden und die Vertheidiger der Angeklagten
hatten daher das Dispensationsrecht angreifen müssen. Dies hatten sie
mit großer Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Kühnheit gethan. Die Anwälte
der Krone waren, wie allgemein anerkannt wurde, in dem Kampfe
unterlegen. Nicht ein einziger Richter hatte die Indulgenzerklärung für
gesetzlich zu erklären gewagt, einer hatte sie sogar in den stärksten
Ausdrücken als ungesetzlich bezeichnet. Die ganze Stadt sprach davon,
daß die Dispensationsgewalt den Todesstoß bekommen habe. Finch, der den
Tag vorher allgemein geschmäht worden war, wurde jetzt allgemein
gepriesen. Man sagte, er habe die Sache nicht in einer Weise entschieden
sehen wollen, wobei die große Verfassungsfrage auf immer zweifelhaft
geblieben wäre. Er habe eingesehen, daß die Freisprechung seiner
Klienten ohne Verdammung der Indulgenzerklärung nur ein halber Sieg
gewesen sein würde. Es ist gewiß, daß Finch weder die Vorwürfe
verdiente, mit denen er überhäuft wurde, so lange der Ausgang noch
zweifelhaft war, noch die Lobpreisungen, die ihm gespendet wurden,
nachdem derselbe so günstig ausgefallen. Es war thöricht, ihn zu tadeln,
weil die Kronanwälte während des von ihm veranlaßten kurzen Verzugs
unerwartet einen neuen Zeugen fanden. Eben so thöricht war die Annahme,
daß er seine Klienten absichtlich einer Gefahr ausgesetzt habe, um ein
allgemeines Prinzip festzustellen, und noch thörichter war es, ihn wegen
etwas zu loben, was eine grobe Verletzung seiner Berufspflichten gewesen
sein würde.
Dem freudigen Tage folgte eine nicht minder freudige Nacht. Die Bischöfe
und einige ihrer achtungswerthen Freunde bemühten sich vergebens,
tumultuarische Freudenbezeigungen zu verhindern. Die ältesten Leute
erinnerten sich nicht, jemals, selbst nicht an dem Abende, als es in
London bekannt wurde, daß die schottische Armee sich für ein freies
Parlament erklärt hatte, die Straßen von so zahlreichen Freudenfeuern
erhellt gesehen zu haben. Um jedes Feuer hatte sich ein Haufe gelagert,
der auf das Wohl der Bischöfe und auf den Untergang der Papisten trank.
Die Fenster waren ebenfalls glänzend erleuchtet, jedes gewöhnlich durch
sieben Lichter, von denen das mittelste und längste den Primas
vorstellte. Dazu hörte man fortwährend das Knallen von Schwärmern,
Raketen und Gewehrschüssen. Ein ungeheurer Holzstoß brannte gerade dem
Haupteingange von Whitehall gegenüber; andere wurden vor den Thüren
katholischer Peers angezündet. Lord Arundell von Wardour beschwichtigte
wohlweislich den Pöbel mit ein wenig Geld; im Palast Salisbury am Strand
aber wurde ein Widerstandsversuch gemacht. Die Dienerschaft Lord
Salisbury’s machte einen Ausfall und feuerte; aber nur der unglückliche
Büttel des Bezirks fiel, der gerade gekommen war, um das Feuer
auszulöschen, und die Schaar wurde bald in den Palast zurückgetrieben.
Kein Schauspiel jener Nacht amüsirte das gemeine Volk so sehr, als
eines, das ihnen vor mehreren Jahren wohl bekannt gewesen war, und das
ihnen jetzt nach einer langen Pause wieder gegeben wurde: die
Verbrennung des Papstes. Dieses vor Zeiten sehr beliebte Schauspiel
kennt unsere Generation nur aus Beschreibungen und Abbildungen. Eine
Figur, die aber keineswegs jenen plumpen Conterfeyen von Guy Fawx glich,
welche noch jetzt am 5. November zur Schau umhergetragen werden, sondern
die mit einiger Geschicklichkeit von Wachs verfertigt und mit nicht
geringen Kosten mit Gewändern und einer Tiara geschmückt war, wurde auf
einen Stuhl gesetzt, ähnlich dem, auf welchem noch heute an einigen
hohen Festtagen die römischen Bischöfe durch die Peterskirche zum
Hochaltare getragen werden. Seine Heiligkeit war gewöhnlich umgeben von
einem Gefolge von Cardinälen und Jesuiten, und ihm zur Seite stand ein
als Teufel mit Schweif und Hörnern verkleideter Hanswurst. Kein reicher
und eifriger Protestant sah bei dieser Gelegenheit eine Guinee an, und
wenn man der Sage glauben darf, betrugen die Kosten einer solchen
Prozession zuweilen nicht weniger als tausend Pfund. Nachdem der Papst
eine Zeit lang über den Köpfen der Menge zur Schau umhergetragen worden
war, wurde er unter lautem Jubel den Flammen überliefert. Zur Zeit der
Popularität Oates’ und Shaftesbury’s wurde das Schauspiel alljährlich am
Geburtstage der Königin Elisabeth in Fleet Street unter den Fenstern des
Whig-Clubs aufgeführt. Der groteske Gebrauch war so berühmt, daß
Barillon sich einmal in Lebensgefahr begab, um aus einem Versteck
zuzusehen.[134] Seit der Entdeckung des Ryehousecomplots war die
Ceremonie bis zu dem Tage der Freisprechung der Bischöfe unterblieben.
An diesem Abende aber tauchten in verschiedenen Stadttheilen Londons
mehrere Päpste auf. Der Nuntius war höchlich entrüstet und der König
fühlte sich durch diese Verhöhnung seiner Kirche schwerer gekränkt als
durch irgend eine andre ihm zugefügte Beleidigung. Die Behörden konnten
jedoch nichts thun. Der Sonntagmorgen graute bereits und die Glocken der
Pfarrkirchen riefen zum Frühgebet, ehe die Feuer zu erlöschen und die
Volksmassen sich zu verlaufen begannen. Es erschien nun alsbald eine
Proklamation gegen die Ruhestörer. Viele von ihnen, meist Lehrlinge,
wurden verhaftet: aber die Anklagen gegen sie wurden von den Gerichten
von Middlesex nicht angenommen. Die Magistratsbeamten, von denen viele
Katholiken waren, geriethen mit der großen Jury in Streit und schickten
sie mehrere Male zurück, aber ohne Erfolg.[135]
[Anmerkung 129: +Collection of State Trials+; +Oldmixon, 739+;
+Clarendon’s Diary, June 25. 1688+; Johnstone, 2. Juli; Citters,
3.(13.) Juli; Adda, 6.(10.) Juli; +Luttrell’s Diary+; Barillon,
2.(12.) Juli.]
[Anmerkung 130: Citters, 3.(13.) Juli. Der würdevolle Ernst, mit
dem er die Geschichte erzählt, macht einen komischen Eindruck:
+„Den Bisschop van Chester, wie seer de partie van het hof houdt,
om te voldoen aan syne gewoone nieusgierigheyt, hem op dien tyt in
Westminster Hall mede hebbende laten vinden, in het uytgaan
doorgaans was uytgekreten voor een grypende wolf in schaaps
kleederen; en hy synde een heer van hooge stature en vollyvig,
spotsgewyse allomme geroepen was dat men voor hem plaats moeste
maken, om te laten passen, gelyck ook geschiede, om dat soo sy
uytschreeuwden en hem in het aansigt seyden, hy den Paus in syn
buyck hadde.“+]
[Anmerkung 131: Luttrell; Citters, 3.(13.) Juli 1688. +„Soo syn in
tegendeel gedagte jurys met de uyterste acclamatie en alle
teyckenen van genegenheyt en danckbaarheyt in het door passeren
van de gemeente ontvangen. Honderden vielen haar om den hals met
alle bedenckelycke wewensch van segen en geluck over hare
persoonen en familien, om dat sy haar so heusch en eerlyck buyten
verwagtinge als het ware in desen gedragen hadden. Veele van de
grooten en kleynen adel wierpen in het wegryden handen vol gelt
under de armen luyten, om op de gesontheyt van den Coning, der
Heeren Prelaten, on de Jurys te drincken.“+]
[Anmerkung 132: +„Mi trovava con Milord Sunderland la stessa
mattina, quando venne l’Avvocato Generale a rendergli conto del
successo, e disse, che mai piu a memoria d’huomini si era sentito
un applauso, mescolato di voce e lagrime di giubilo, egual a
quello che veniva egli di vedere in quest’ occasione.“+ Adda,
6.(16.) Juli 1688.]
[Anmerkung 133: +Burnet, I. 744+; Citters, 3.(13.) Juli 1688.]
[Anmerkung 134: Siehe eine interessante Erzählung, welche Danby,
damals Herzog von Leeds, zugleich mit anderen Papieren im Jahre
1710 veröffentlichte. Eine anziehende Beschreibung der Ceremonie
der Papstverbrennung findet sich auch in North’s +Examen, 570+.
Ferner sehe man die Note zum Epilog des Trauerspiels „Ödipus“ in
Scott’s Ausgabe von Dryden.]
[Anmerkung 135: +Reresby’s Memoirs+; Citters, 3.(13.) Juli 1688;
Adda, 6.(16.) Juli; Barillon 2.(12.) Juli; +Luttrell’s Diary+;
Neuigkeitsbrief vom 4. Juli; +Oldmixon, 739+; Ellis’
Correspondenz.]
[_Eigenthümlicher Zustand der öffentlichen Meinung zu jener Zeit._]
Inzwischen verbreitete sich die frohe Nachricht durch das ganze Land und
wurde allenthalben mit Jubel aufgenommen. Gloucester, Bedford und
Lichfield gehörten zu den Städten, die sich durch besonderen Eifer
auszeichneten; Bristol und Norwich aber, welche nach Bevölkerung und
Reichthum London am nächsten standen, kamen bei diesem freudigen Anlasse
auch in der Begeisterung der Hauptstadt am nächsten.
Die gerichtliche Verfolgung der sieben Bischöfe ist ein Ereigniß, das in
unsrer Geschichte einzig dasteht. Es war der erste und letzte Fall, wo
zwei mächtige in der Regel einander entgegengesetzte Gefühle, von denen
jedes für sich allein bei heftiger Erregung hinreichend war, um den
Staat zu erschüttern, in vollkommener Eintracht verbündet waren. Diese
Gefühle waren die Liebe zur Kirche und die Liebe zur Freiheit. Während
vieler Generationen war jeder heftige Ausbruch des kirchlichen Gefühls,
mit einer einzigen Ausnahme, der bürgerlichen Freiheit nachtheilig
gewesen; und ebenso war jeder heftige Ausbruch des Freiheitsgefühls, mit
einer einzigen Ausnahme, dem Ansehen und Einflusse des Prälatenthums und
der Priesterschaft verderblich. Im Jahre 1688 war die Sache der
Hierarchie einen Augenblick die Sache der Volkspartei. Mehr als
neuntausend Geistliche, mit dem Primas und seinen ehrenwerthesten
Suffraganen an der Spitze, erklärten sich bereit, Haft und
Eigenthumsberaubung für das große Grundprinzip unsrer freien Verfassung
zu erdulden. Die Folge war eine Coalition, welche die eifrigsten
Kavaliere, die eifrigsten Republikaner und alle zwischeninne liegenden
Parteien der Gesammtheit umfaßte. Der Geist, welcher Hampden unter der
vergangenen Generation aufrecht erhalten hatte, verband sich mit dem
Geiste, welcher Sacheverell unter der folgenden aufrecht erhielt, um den
Erzbischof, der ein Hampden und ein Sacheverell zugleich war, aufrecht
zu erhalten. Diejenigen Klassen der Gesellschaft, denen an der Erhaltung
der Ruhe am meisten gelegen ist, welche in stürmischen Zeiten gewöhnlich
am ersten bei der Hand sind, die Regierung zu unterstützen, und welche
einen natürlichen Widerwillen gegen Aufwiegler hegen, folgten ohne
Bedenken der Leitung eines ehrwürdigen Mannes, des ersten Peers des
Reiches, des ersten Dieners der Kirche, eines Tory’s in der Politik,
eines Heiligen in seinem Privatleben, den die Tyrannei wider seinen
Willen in einen Demagogen verwandelt hatte. Auf der andren Seite flehten
jetzt selbst Diejenigen, welche das Episcopat als einen Überrest des
Papismus und als ein Werkzeug der Willkürherrschaft stets verabscheut
hatten, auf den Knien um den Segen eines Prälaten, der bereit war, eher
Ketten zu tragen und seine alterschwachen Glieder auf die nackten Steine
eines Kerkers zu legen, als daß er die Interessen des protestantischen
Glaubens verrathen und die Hoheitsrechte der Krone über das Gesetz
gestellt hätte. Mit der Liebe zur Kirche und der Liebe zur Freiheit
verband sich in dieser wichtigen Krisis noch ein drittes Gefühl, das zu
den achtungswerthesten Zügen unsres Nationalcharacters gehört. Ein durch
Willkürgewalt unterdrückter Mensch findet bei uns, hätte er sonst auch
nicht den mindesten Anspruch auf Achtung und Dankbarkeit, gewöhnlich
eine rege Theilnahme. So wurde zu den Zeiten unserer Großväter die
Gesellschaft durch Wilkes’ Verfolgung heftig aufgeregt. Wir selbst sahen
die Nation durch die gegen die Königin Karoline geübte Härte fast bis
zum Wahnsinn gereizt. Daher wurde England, selbst wenn von dem Ausgange
des Prozesses gegen die Bischöfe keine wichtigen politischen oder
religiösen Interessen abgehangen hätten, es wahrscheinlich nicht ohne
starke Regungen von Mitleid und Unwillen mit angesehen haben, wie einige
Greise von makelloser Tugend von der Rache eines jähzornigen und
unerbittlichen Fürsten verfolgt wurden, der ihrer Treue seine Krone
verdankte.
Von diesen Gefühlen angetrieben, stellten sich unsere Vorfahren in einer
ungeheuren und compacten Masse der Regierung entgegen. Die mächtige
Phalanx war aus allen Ständen, allen Parteien, allen protestantischen
Seelen gebildet. Im Vordertreffen standen die geistlichen und weltlichen
Lords, dann kamen die begüterte Gentry und der Klerus, beide
Universitäten, alle Gerichtshöfe, Großhändler, Krämer und Pächter, die
Lastträger, die sich in den Straßen der großen Städte plagten, und die
Landleute, welche das Feld bebauten. Die Koalition gegen den König
umfaßte selbst die Matrosen, die seine Schiffe bemannten, selbst die
Schildwachen, die seinen Palast bewachten. Die Namen Whig und Tory waren
einen Augenblick vergessen. Der alte Ausschließungsmann reichte dem
alten Verabscheuer die Hand; Episcopalen, Presbyterianer, Independenten
und Baptisten vergaßen ihre langjährigen Fehden, um nur an ihren
gemeinsamen Protestantismus und an ihre gemeinsame Gefahr zu denken;
Theologen, die in der Schule Laud’s gebildet waren, sprachen nicht nur
von Duldung, sondern sogar von Einigung. Der Erzbischof erließ bald nach
seiner Freisprechung einen Hirtenbrief, der eines der merkwürdigsten
Schriftstücke jener Zeit ist. Er hatte von Jugend auf mit den
Nonconformisten in Streit gelegen und sie mehrmals mit ungerechter und
unchristlicher Heftigkeit angegriffen. Sein Hauptwerk war eine häßliche
Karrikatur auf die Calvinistische Theologie.[136] Er hatte für den 30.
Januar, den Jahrestag der Hinrichtung Karl’s I., und für den 29. Mai,
den Jahrestag der Rückkehr Karl’s II., Gebetsformulare abgefaßt, welche
so heftige Schmähungen gegen die Puritaner enthielten, daß die Regierung
es für nöthig erachtet hatte, dieselben zu mildern. Jetzt aber war sein
Herz erweicht und geöffnet. Er ermahnte die Bischöfe und die Geistlichen
feierlich und eindringlich, ihren Brüdern, den protestantischen
Dissenters, mit zarter Rücksicht zu begegnen, sie oft zu besuchen, sie
gastlich zu bewirthen, sich freundlich mit ihnen zu unterhalten und sie
womöglich zum Anschluß an die Kirche zu bewegen, sich aber, wenn ihnen
dies nicht gelänge, in ihrem Wirken für die segensreiche Sache der
Reformation herzlich und liebreich zu verbinden.[137]
Viele fromme Leute dachten in späteren Jahren mit schmerzlicher
Sehnsucht an jene Zeit zurück. Sie schilderten dieselbe als den
flüchtigen Schimmer eines goldenen Zeitalters zwischen zwei eisernen
Zeitaltern. Waren solche Klagen auch natürlich, so waren sie doch nicht
begründet. Die Coalition von 1688 war und konnte nur das Erzeugniß einer
an Wahnsinn grenzenden Tyrannei und einer alle großen Institutionen des
Landes gleichzeitig bedrohenden Gefahr sein. Daß eine solche Coalition
seitdem nicht wieder vorgekommen, hat seinen Grund darin, weil noch nie
wieder so schlecht und verkehrt regiert worden ist. Man darf nicht
vergessen, daß, wenn auch Eintracht an sich besser ist als Zwietracht,
doch Zwietracht das Zeichen besserer Zustände sein kann als Eintracht
sie andeutet. Unglück und Gefahr zwingen die Menschen oft, sich zu
verbinden. Glück und Sicherheit bestimmen sie oft, sich zu trennen.
[Anmerkung 136: Der +Fur Praedestinatus+.]
[Anmerkung 137: Dieser Hirtenbrief findet sich in der ersten der
zwölf Sammlungen von Urkunden über die englischen Angelegenheiten,
die zu Ende des Jahres 1688 und zu Anfang des Jahres 1689 gedruckt
wurden. Er wurde am 26. Juli, nicht ganz einen Monat nach dem
Prozesse erlassen. Um die nämliche Zeit äußerte Lloyd von St.
Asaph gegen Heinrich Wharton, daß die Bischöfe ein ganz neues
Verfahren gegen die protestantischen Dissenters einzuschlagen
gedächten: +„Omni modo curaturos, ut ecclesia sordibus et
corruptelis penitus exueretur; ut sectariis reformatis reditus in
ecclesiae sinum exoptati occasio ac ratio concederetur, si qui
sobrii et pii essent; ut pertinacibus interim jugum levaretur,
extinctis penitus legibus mulctatoriis.“ -- Excerpta ex Vita H.
Wharton.+]
Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.
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