sie der Krone in allen weltlichen Dingen mit Treue und Eifer gedient,
hatten sie sich durch ihre Weigerung, als Werkzeuge der Zerstörung ihrer
eignen Religion zu dienen, das Mißfallen des Königs zugezogen. Beiden
hatte die Erfahrung gelehrt, wie bald Jakob eingegangene Verpflichtungen
vergaß und mit welchem bitteren Groll er sich dessen erinnerte, was er
als Beleidigung anzusehen für gut fand. Der Bischof war durch einen
ungesetzlichen Richterspruch seiner bischöflichen Functionen enthoben,
der Admiral in einer Stunde aus Reichthum in Armuth gestürzt worden.
Ganz anders war die Lage Churchill’s. Er war durch königliche Gunst aus
der Dunkelheit zu hohem Ansehen, aus der Dürftigkeit zum Reichthum
erhoben worden. Als armer Fähndrich hatte er seine Laufbahn begonnen und
jetzt war er, in seinem siebenunddreißigsten Jahre, Generalmajor, Peer
von Schottland und Peer von England, befehligte eine Abtheilung der
Leibgarde, bekleidete mehrere ehrenvolle und einträgliche Stellen und
bis jetzt verrieth noch nichts, daß er den geringsten Theil von der
Gunst verloren hatte, der er so viel verdankte. Er war nicht nur durch
die allgemeine Pflicht der Unterthanentreue, sondern auch durch
militairische Ehren, durch persönliche Dankbarkeit und, wie es
oberflächlichen Beobachtern schien, durch die stärksten Bande des
Interesses an Jakob gebunden. Aber Churchill selbst war kein
oberflächlicher Beobachter, er wußte genau, worin sein wirkliches
Interesse bestand. Er war überzeugt, daß, wenn sein Gebieter einmal
volle Freiheit erhielt Papisten anzustellen, er nicht einen einzigen
Protestanten mehr anstellen würde. Eine Zeit lang wurden vielleicht
einige hochbegünstigte Diener der Krone noch von der allgemeinen
Proscription ausgenommen, in der Hoffnung, daß sie sich dadurch
bestimmen ließen, ihren Glauben zu wechseln, aber selbst diese mußten
nach einer kurzen Frist Einer nach dem Andren fallen, wie Rochester
schon gefallen war. Churchill konnte sich allerdings durch Übertritt zur
katholischen Kirche gegen diese Gefahr sicher stellen und noch höher in
der königlichen Gunst steigen; auch hätte man glauben können, daß ein
Mann, der sich eben so sehr durch Habsucht und Characterlosigkeit, wie
durch Talent und Tapferkeit auszeichnete, schwerlich an dem Gedanken,
eine Messe anhören zu müssen, Anstoß nehmen würde. Aber die menschliche
Natur ist so reich an Widersprüchen, daß selbst abgestumpfte Gewissen
eine empfindliche Stelle haben. So hatte dieser Mann, der seine
Erhebung der Schande seiner Schwester verdankte, der von der
verschwenderischesten, herrschsüchtigsten und schamlosesten Buhlerin
unterhalten worden war und dessen öffentliches Leben Jedem, der mit
unbefangenem Blicke den schimmernden Glanz des Genies und des Ruhms zu
durchdringen vermag, als ein Abgrund von Schändlichkeit erscheinen muß,
einen blinden Glauben an die Religion, die ihm als Kind eingelernt
worden war, und schauderte bei dem Gedanken, sie förmlich abzuschwören.
Es stand ihm eine furchtbare Alternative bevor. Das irdische Übel, das
er am meisten fürchtete, war die Armuth, das einzige Verbrechen, vor dem
sein Herz zurückbebte, war der Glaubensabfall, und wenn die Pläne des
Hofes gelangen, konnte er nicht zweifeln, daß er bald zwischen Armuth
und Abfall wählen mußte. Daher entschloß er sich, diese Pläne zu
durchkreuzen, und es zeigte sich bald, daß er bereit war, jede Schuld
und jede Schmach auf sich zu laden, wenn er nur der Nothwendigkeit
entging, entweder seine Stellen oder seine Religion aufgeben zu
müssen.[64]
[Anmerkung 64: Der Beweggrund, welcher das Verfahren der Churchill
bestimmte, ist kurz und bündig in +The Duchess of Marlborough’s
Vindication+ dargelegt. „Jedermann erkannte deutlich,“ sagt sie,
„daß bei dem Systeme, das König Jakob angenommen hatte, Jeder der
nicht Katholik werden wollte, früher oder später zu Grunde gehen
mußte. Diese Überzeugung ließ mich das Unternehmen des Prinzen von
Oranien, uns aus solcher Knechtschaft zu erlösen, mit Wohlgefallen
betrachten.“]
[_Lady Churchill und die Prinzessin Anna._] Nicht bloß als
militairischer Befehlshaber von hohem Range und ausgezeichnetem Geschick
und Muth konnte Churchill der Opposition Dienste leisten. Es war für das
Gelingen der Pläne Wilhelm’s wenn nicht absolut nothwendig, doch höchst
wichtig, daß seine Schwägerin, welche nach der englischen
Thronfolgeordnung zwischen ihm und seiner Gemahlin stand, in
vollkommener Übereinstimmung mit ihm handelte. Alle ihm
entgegenstehenden Schwierigkeiten würden bedeutend vergrößert worden
sein, wenn Anna sich günstig für die Indulgenz ausgesprochen hätte. Auf
welche Seite sie treten würde, hing von dem Willen Anderer ab, denn ihr
Verstand war träge, und obgleich in ihrem Character ein erblicher
Eigenwille und Starrsinn verborgen lag, welche viele Jahre später durch
große Macht und heftige Provocationen zum Vorschein gebracht wurden, so
war sie doch zur Zeit die willige Sklavin einer Frau von viel
lebhafterem und herrschsüchtigerem Character als der ihrige war. Diese
Frau, welche sie völlig beherrschte, war Churchill’s Gattin, ein Weib,
die nachmals auf die Geschicke England’s und Europa’s einen großen
Einfluß ausübte.
Der Name dieser berühmten Günstlingin war Sara Jennings. Ihre ältere
Schwester Franziska hatte sich durch Schönheit und Leichtfertigkeit
selbst unter der Masse von schönen Gesichtern und leichtfertigen
Characteren ausgezeichnet, welche Whitehall während des wilden Carnevals
der Restauration zierten und schändeten. Einmal verkleidete sie sich
als Apfelsinenmädchen und rief in den Straßen ihre Früchte aus.[65]
Gesetzte Leute meinten, daß ein Mädchen von so wenig Takt- und
Schicklichkeitsgefühl nicht leicht einen Gatten finden werde. Sie war
indessen zweimal verheirathet und jetzt die Gattin Tyrconnel’s. Sara
war nicht so regelmäßig schön als ihre Schwester, aber vielleicht noch
anziehender. Ihr Gesicht war ausdrucksvoll, ihre Gestalt entbehrte
keines weiblichen Reizes, und die Fülle ihrer schönen Haare, welche noch
nicht nach der barbarischen Mode, deren Einführung sie noch erlebte,
durch Puder verunziert waren, erfüllten ihre zahlreichen Bewunderer mit
Entzücken. Von den Freiern, die sich um ihre Hand bewarben, erhielt der
junge, schöne, liebenswürdige, einschmeichelnde, beredte und tapfere
Oberst Churchill den Vorzug. Er mußte sie wirklich lieben, denn außer
der Leibrente, die er sich für den von der Herzogin von Cleveland
erhaltenen schmachvollen Lohn gekauft hatte, besaß er wenig Vermögen,
war unersättlich in seiner Gier nach Schätzen, Sara war arm, und es war
ihm ein einfaches Mädchen mit einem großen Vermögen angetragen worden.
Nach einem kurzen Kampfe trug die Liebe den Sieg über die Habsucht
davon, die Ehe verstärkte nur noch seine Leidenschaft, und Sara genoß
bis zum letzten Augenblicke seines Lebens das Vergnügen und die
Auszeichnung, das einzige menschliche Wesen zu sein, das im Stande war,
diesen weitsehenden und sicheren Blick auf sich zu fesseln, das von
diesem kalten Herzen heiß geliebt und von diesem unerschrockenen Geiste
knechtisch gefürchtet wurde.
Im weltlichen Sinne ward Churchill’s treue Liebe reich belohnt. Bei
aller Dürftigkeit brachte seine Braut ihm doch ein Heirathsgut zu, das
klug verwendet ihn endlich zum englischen Herzog, zum deutschen
Reichsfürsten, zum Oberfeldherrn einer großen Coalition, zum
Schiedsrichter zwischen mächtigen Fürsten und was in seinen Augen noch
viel mehr werth war, zum reichsten Privatmann von ganz Europa machte.
Sie war von früher Kindheit an mit der Prinzessin Anna aufgewachsen und
es hatte sich eine innige Freundschaft zwischen den beiden Mädchen
gebildet. Im Character glichen sie einander nur wenig. Anna war
phlegmatisch und schweigsam. Gegen Diejenigen, die sie liebte, war sie
sanft; ihr Zorn äußerte sich nur durch ein mürrisches Schmollen. Sie
hatte einen starken religiösen Sinn und war den Gebräuchen und der
Verfassung der anglikanischen Kirche mit wahrer Bigotterie zugethan.
Sara war lebhaft und redselig, dominirte selbst Diejenigen, die sie am
meisten liebte, und wenn sie gekränkt wurde, äußerte sich ihre Wuth
durch Thränen und heftige Vorwürfe. Auf Frömmigkeit machte sie keinen
Anspruch, ja sie entging sogar kaum der Beschuldigung der
Irreligiosität. Sie war jetzt noch nicht das was sie später wurde,
nachdem das Glück _eine_ Klasse von Fehlern, das Unglück eine andre
vollkommen entwickelt, als Siege und Huldigungen ihr den Kopf verrückt
und Mißgeschick und Kränkungen ihren Character verbittert hatten. Sie
wurde in ihren späteren Lebensjahren das verächtlichste und
erbärmlichste Geschöpf: ein altes Weib, die in beständigem Hader lebte
mit ihrem ganzen Geschlecht, mit ihren eigenen Kindern und Enkeln, zwar
vornehm und reich, aber Vornehmheit und Reichthum hauptsächlich nur
deshalb schätzend, weil dieselben sie in den Stand setzten, der
öffentlichen Meinung Hohn zu sprechen und rückhaltlos ihrem Hasse gegen
Lebende und Todte zu fröhnen. Unter der Regierung Jakob’s II. galt sie
für nichts Schlimmeres als eine schöne, stolze junge Frau, die wohl
zuweilen launenhaft und eigensinnig sein konnte, der man aber in
Berücksichtigung ihrer Reize ihre Launen gern verzieh.
Es ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung, daß Verschiedenheit der
Neigungen und Geistesfähigkeiten keine Hindernisse der Freundschaft sind
und daß gerade zwei Herzen, die sich gegenseitig ergänzen, das Band der
innigsten Zuneigung umschlingt. Lady Churchill wurde von der Prinzessin
Anna geliebt, ja fast angebetet. Die Prinzessin konnte ohne den
Gegenstand ihrer romanhaften Zärtlichkeit nicht leben. Sie vermählte
sich und wurde eine treue, sogar liebevolle Gattin; aber Prinz Georg,
ein beschränkter Mann, dessen Hauptgenüsse die Freuden der Tafel und der
Flasche waren, erlangte keinen Einfluß auf sie, der sich mit dem ihrer
Freundin vergleichen ließ, und gab sich bald mit stupider Geduld der
Herrschaft des heftigen und gebieterischen Geistes hin, von dem seine
Gemahlin sich leiten ließ. Das königliche Paar bekam Kinder und Anna
entbehrte keineswegs der Gefühle einer Mutter; aber die Liebe zu ihren
Kindern war lau im Vergleich mit ihrer hingebenden Zärtlichkeit für ihre
Jugendfreundin. Endlich wurde die Prinzessin des Zwanges müde, den die
Etikette ihr auferlegte, es war ihr unerträglich, die Worte Madame und
Königliche Hoheit aus dem Munde einer Frau zu hören, die ihr mehr war
als eine Schwester. In der Gallerie und im Empfangzimmer waren diese
Worte nicht zu umgehen, aber im Boudoir wurden sie abgeschafft. Hier
hieß Anna Mrs. Morley, Lady Churchill Mrs. Freeman, und unter diesen
kindlichen Namen bestand zwanzig Jahre hindurch ein intimer Verkehr
zwischen den beiden Freundinnen, von dem schließlich das Schicksal von
Regierungen und Dynastien abhing. Bis jetzt hatte jedoch Anna noch keine
politische Macht und nur geringen persönlichen Einfluß. Ihre Freundin
bekleidete in ihrem Hausstaate das Amt der ersten Kammerdame mit nur
vierhundert Pfund Sterling Gehalt. Gleichwohl hat man Grund zu glauben,
daß es Churchill schon zu dieser Zeit möglich war, seine vorherrschende
Leidenschaft durch den Einfluß seiner Gattin zu befriedigen. Obgleich
die Prinzessin ein hohes Einkommen hatte und sehr einfach lebte, so
machte sie doch Schulden, die ihr Vater mit einigem Unwillen bezahlte,
und man sagte, daß der Grund ihrer finanziellen Verlegenheiten in ihrer
verschwenderischen Freigebigkeit gegen ihren Liebling zu suchen sei.[66]
Endlich war die Zeit gekommen, wo diese sonderbare Freundschaft einen
großen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausüben sollte. Man
war äußerst gespannt darauf, welche Rolle Anna in dem Kampfe, der
England erschütterte, spielen werde. Auf der einen Seite stand die
Kindespflicht, auf der andren die Interessen der Religion, der sie
aufrichtig zugethan war. Ein minder phlegmatischer Character würde
zwischen so starken und wichtigen Beweggründen, die ihn nach
entgegengesetzten Richtungen hinzogen, gewiß lange geschwankt haben. Der
Einfluß der Churchill aber entschied die Frage und ihre Gönnerin wurde
ein wichtiges Mitglied des umfassenden Bundes, dessen Oberhaupt der
Prinz von Oranien war.
[Anmerkung 65: +Mémoires de Grammont+; +Pepys’s Diary, Feb. 21.
1684/5.+]
[Anmerkung 66: Es würde mich zu weit führen, wollte ich alle die
Werke aufzählen, aus denen ich mein Urtheil über den Character der
Herzogin geschöpft habe. Meine Hauptquellen sind ihre eigenen
Briefe, ihre „Rechtfertigung“ und die Entgegnungen, welche diese
veranlaßte.]
[_Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern nach dem
Haag zurück._] Im Juni 1687 kehrte Dykvelt nach dem Haag zurück. Er
überreichte den Generalstaaten ein königliches Schreiben voll
Lobeserhebungen über sein Benehmen während seines Aufenthalts in London.
Diese Lobeserhebungen waren jedoch nur eine Formalität. In
Privatmittheilungen von seiner eigenen Hand beschwerte Jakob sich bitter
darüber, daß der Gesandte einen so vertrauten Umgang mit den heftigsten
Oppositionsmännern seines Reiches gepflogen und sie in allen ihren
Umsturzplänen bestärkt habe. Außerdem brachte Dykvelt auch eine Anzahl
Briefe von den ausgezeichnetsten derjenigen Männer mit, mit denen er
sich während seines Aufenthalts in London berathen hatte. Die Schreiber
dieser Briefe versicherten den Prinzen allgemein ihrer unbegrenzten
Verehrung und Hingebung und verwiesen ihn wegen der näheren Darlegung
ihrer Ansichten an den Überbringer. Halifax erörterte den Zustand und
die Aussichten des Landes mit gewohnter Schärfe und Lebendigkeit, hütete
sich aber sorgfältig, für irgend ein gefährliches Verfahren die
Verantwortung zu übernehmen. Danby schrieb in einem kühneren und
entschlosseneren Tone und konnte sich nicht enthalten, über die
Besorgnisse und Bedenklichkeiten seines genialen Nebenbuhlers zu
spötteln. Der interessanteste Brief aber war der von Churchill. Er war
mit der natürlichen Beredtsamkeit, an der es ihm trotz seines Mangels an
höherer Bildung bei wichtigen Anlässen nie fehlte, und mit einem
Anstrich von Hochherzigkeit geschrieben, den er sich, so perfid er auch
war, mit seltener Geschicklichkeit zu geben verstand. Die Prinzessin
Anna, sagte er, habe ihm befohlen, ihre erlauchten Verwandten im Haag zu
versichern, daß sie mit Gottes Hülfe fest entschlossen sei, eher ihr
Leben zu lassen, als sich eines Glaubensabfalls schuldig zu machen. Was
seine Person betreffe, so lege er auf seine Stellen und auf die
königliche Gunst einen weit geringeren Werth als auf seine Religion. Er
schloß mit der hochtrabenden Erklärung, daß man ihn, obgleich er keinen
Anspruch darauf mache, wie ein Heiliger gelebt zu haben, doch
vorkommenden Falls bereit finden werde, den Märtyrertod zu sterben.[67]
[Anmerkung 67: Das Formalitätsschreiben, welches Dykvelt den
Generalstaaten überbrachte, befindet sich in den Archiven des
Haags. Die anderen in diesem Paragraphen erwähnten Briefe giebt
Dalrymple im Anhange zu Buch +V.+]
[_Zulestein’s Sendung._] Dykvelt’s Sendung hatte einen so glänzenden
Erfolg gehabt, daß bald ein neuer Vorwand gefunden war, um einen andren
Agenten abzusenden, der das so glücklich begonnene Werk fortsetzen
sollte. Der neue Gesandte, nachmals der Gründer eines jetzt erloschenen
englischen Adelshauses, war ein illegitimer leiblicher Vetter Wilhelm’s
und führte einen der Herrschaft Zulestein entlehnten Namen. Seine
Verwandtschaft mit dem Hause Oranien gab Zulestein in den Augen des
Publikums ein bedeutendes Ansehen. Sein Benehmen war das eines tapferen
Soldaten. In diplomatischen Talenten und Kenntnissen stand er Dykvelt
weit nach, aber gerade diese Inferiorität hatte ihre Vortheile. Ein
Militair, der sich anscheinend nie um die Politik gekümmert hatte,
konnte ohne Verdacht zu erregen mit der englischen Aristokratie einen
Verkehr unterhalten, der mit argwöhnischem Auge bewacht worden sein
würde, wenn er ein bekannter Meister in der Staatskunst gewesen wäre.
Nach kurzer Abwesenheit kehrte Zulestein mit nicht minder wichtigen
Briefen und mündlichen Botschaften, als die welche seinem Vorgänger
anvertraut worden waren, in sein Vaterland zurück. Von diesem
Augenblicke an trat der Prinz mit der Opposition in einen regelmäßigen
Briefwechsel. Geschäftsträger verschiedenen Ranges reisten beständig
zwischen der Themse und dem Haag hin und her. Der nützlichste von diesen
war ein Schotte von einigem Talent und großer Thätigkeit, Namens
Johnstone. Er war Burnet’s Vetter und der Sohn eines angesehenen
Covenanters, der bald nach der Restauration wegen Hochverraths
hingerichtet worden war und von seiner Partei als Märtyrer verehrt
wurde.
[_Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm._] Die Entfremdung
zwischen dem Könige von England und dem Prinzen von Oranien wurde mit
jedem Tage vollkommener. Es hatte sich ein ernsthafter Streit in Betreff
der sechs britischen Regimenter erhoben, welche im Solde der Vereinigten
Provinzen standen. Der König wollte diese Regimenter unter das Commando
römisch-katholischer Offiziere stellen, und der Prinz widersetzte sich
diesem Ansinnen entschieden. Der König nahm seine Zuflucht zu seinen
Lieblingsgemeinplätzen von der Duldung; der Prinz erwiederte daß er nur
das Beispiel Seiner Majestät nachahme. Es sei notorisch erwiesen, daß
loyale und tüchtige Männer in England lediglich deshalb, weil sie
Protestanten waren, aus dem Staatsdienste entlassen worden seien, und
dies berechtige den Statthalter und die Generalstaaten doch gewiß dazu,
die Papisten von hohen öffentlichen Ämtern auszuschließen. Diese Antwort
erbitterte Jakob dermaßen, daß er in seiner Wuth die Wahrhaftigkeit und
den gesunden Verstand völlig aus den Augen verlor. Es sei nicht wahr,
behauptete er mit Heftigkeit, daß er irgend Jemanden jemals aus
religiösen Gründen abgesetzt habe. Und wenn er es wirklich gethan hätte,
was ginge es dann dem Prinzen oder die Generalstaaten an? Wären sie etwa
seine Herren? wären sie befugt, sich zu Richtern über die Handlungen
fremder Fürsten aufzuwerfen? Von jetzt an wünschte er seine in
holländischen Diensten stehenden Unterthanen zurückzuberufen, denn er
glaubte durch diese Maßregel sich selbst zu verstärken und seine
schlimmsten Feinde zu schwächen. Es traten ihm jedoch finanzielle
Schwierigkeiten entgegen, die er unmöglich übersehen konnte. Die Zahl
der bereits von ihm unterhaltenen Truppen war schon so groß, als es
seine Einkünfte nur irgend zuließen, obgleich dieselben die aller seiner
Vorgänger weit überstiegen und mit großer Sparsamkeit verwaltet wurden.
Wenn aber die jetzt in Holland stehenden Bataillone noch zu dem
vorhandenen Etat kamen, so war die Staatskasse bankerott. Vielleicht
ließ Ludwig sich bewegen, sie in seinen Dienst zu nehmen. In diesem
Falle wurden sie aus einem Lande entfernt, wo sie dem verderblichen
Einflusse einer republikanischen Regierung und einer calvinistischen
Kirchenverfassung ausgesetzt waren, und kamen in ein Land, wo Niemand
die Autorität des Monarchen und die Lehren der wahren Kirche zu
bestreiten wagte. Die Soldaten würden dann bald alle politische und
religiöse Ketzerei wieder verlernen, ihr Landesfürst konnte zu jeder
Zeit binnen kurzer Frist über ihre Hülfe verfügen und sich unter allen
Umständen auf ihre Treue verlassen.
Es wurden zwischen Whitehall und Versailles Unterhandlungen in dieser
Angelegenheit eröffnet. Ludwig hatte soviel Soldaten als er brauchte,
und wäre es auch anders gewesen, so würde er dennoch keine Lust gehabt
haben, englische Truppen in Dienst zu nehmen, da der englische Sold, so
niedrig er unsrer Generation erscheinen muß, doch viel höher war als der
französische. Auf der andren Seite aber hätte er Wilhelm sehr gern um
eine so schöne Brigade geschwächt. Nach einer mehrwöchentlichen
Correspondenz wurde Barillon zu der Erklärung ermächtigt, daß, wenn
Jakob die britischen Truppen aus Holland zurückriefe, Ludwig die
Unterhaltungskosten für zweitausend Mann in England übernehmen wolle.
Jakob nahm dieses Anerbieten mit dem wärmsten Danke an. In Folge des
getroffenen Arrangements ersuchte er die Generalstaaten um Rücksendung
der sechs Regimenter. Die Generalstaaten aber, welche Wilhelm ganz nach
seinem Willen leitete, antworteten, daß ein solches Verlangen unter den
obwaltenden Umständen durch die bestehenden Verträge nicht
gerechtfertigt werde, und weigerten sich entschieden, demselben zu
entsprechen. Es ist bemerkenswerth, daß Amsterdam, welches für
Zurückhaltung dieser Truppen in Holland gestimmt hatte, als Jakob ihrer
gegen die Insurgenten im Westen bedurfte, jetzt heftig für die Erfüllung
seines Verlangens stritt. In beiden Fällen beabsichtigten die Behörden
dieser großen Stadt nichts weiter, als dem Prinzen von Oranien zu
opponiren.[68]
[Anmerkung 68: Sunderland an Wilhelm, 24. Aug. 1686; Wilhelm an
Sunderland, 2.(12.) Sept. 1686; Barillon, 6.(16.) Mai, 26. Mai (5.
Juni), 3.(13.) Oct., 28. Nov. (8. Dec.) 1687; Ludwig an Barillon,
14.(24.) Oct. 1687; Memorial von Albeville, 15.(25.) Dec. 1687;
Jakob an Wilhelm, 17. Jan., 16. Feb., 2. u. 13. März 1688: Avaux,
1.(11.), 6.(16.), 8.(18.) März, 22. März (1. April) 1688.]
[_Einfluß der holländischen Presse._] Die holländischen Waffen waren
jedoch für Jakob kaum so gefährlich als die holländische Presse. Fast
täglich erschienen im Haag englische Bücher und Flugschriften gegen die
Regierung, und keine Wachsamkeit konnte es verhindern, daß viele
Tausende von Exemplaren in die an der Nordsee gelegenen Grafschaften
eingeschmuggelt wurden. Unter diesen Schriften zeichnete sich besonders
eine durch ihre Wichtigkeit und durch den Eindruck, den sie machte, aus.
Jedermann, der mit den öffentlichen Angelegenheiten vertraut war, kannte
die Ansicht des Prinzen und der Prinzessin von Oranien in Betreff der
Indulgenz; da aber keine officielle Erklärung dieser Ansicht erschienen
war, so wurden Viele, denen gute Privatquellen nicht zugänglich waren,
durch die Zuversicht, mit der die Anhänger des Hofes behaupteten, daß
Ihre Hoheiten die letzten Maßregeln des Hofes billigten, getäuscht oder
verwirrt gemacht. Es würde ein sehr einfacher und naheliegender Weg
gewesen sein, diese Behauptungen öffentlich zu widerlegen, wenn Wilhelm
keinen andren Zweck gehabt hätte, als seinen Einfluß in England zu
befestigen. Allein er betrachtete England hauptsächlich als das zur
Ausführung seines großen europäischen Planes nöthige Werkzeug. Er hoffte
für diesen Plan die Mitwirkung der beiden Linien des Hauses Österreich,
der italienischen Fürsten und selbst des Papstes zu gewinnen, und er
hatte Grund zu der Befürchtung, daß jede die britischen Protestanten
befriedigende Erklärung in Madrid, Wien, Turin und Rom Besorgniß und
Unwillen erregen könnte. Deshalb enthielt sich der Prinz lange jeder
officiellen Äußerung seiner Gesinnungen. Endlich aber wurde er darauf
aufmerksam gemacht, daß sein beharrliches Stillschweigen unter den ihm
Wohlwollenden viel Besorgniß und Mißtrauen erweckt habe und daß es hohe
Zeit sei, sich offen auszusprechen. Er beschloß daher, sich zu erklären.
[_Stewart’s und Fagel’s Correspondenz._] Ein schottischer Whig, Namens
Jakob Stewart, war vor einigen Jahren nach Holland geflüchtet, um dem
spanischen Stiefel und dem Galgen zu entgehen, und er war mit dem
Großpensionär Fagel befreundet worden, der das Vertrauen und die Gunst
des Statthalters in hohem Grade besaß. Stewart war der Verfasser des
heftigen und gehässigen Manifestes von Argyle. Als die Indulgenz
erschien, erkannte Stewart, daß sich ihm die Gelegenheit darbot, nicht
nur Begnadigung, sondern noch obendrein eine Belohnung zu erlangen. Er
bot der Regierung, deren Feind er gewesen war, seine Dienste an, diese
wurden angenommen und er schrieb an Fagel einen Brief, zu dem er
angeblich von Jakob selbst beauftragt war. In diesem Briefe wurde der
Großpensionär dringend aufgefordert, seinen ganzen Einfluß bei dem
Prinzen und der Prinzessin aufzubieten, um sie zur Unterstützung der
Politik ihres Vaters zu bewegen. Nach einiger Zeit schickte Fagel eine
tief durchdachte und ausgezeichnet geschriebene Erwiederung ein. Wer
dieses interessante Dokument liest, muß bemerken, daß es zwar in einer
Weise abgefaßt ist, welche geeignet war, die englischen Protestanten zu
beruhigen und ihnen zu gefallen, dennoch aber kein Wort enthält, das
selbst dem Vatikan Anstoß hätte geben können. Es war darin gesagt, daß
Wilhelm und Marie mit Vergnügen zur Abschaffung jedes Gesetzes mitwirken
würden, welches über irgend einen Engländer seiner religiösen
Überzeugung wegen Strafe verhänge. Aber zwischen Strafen und
Ausschließungen war ein Unterschied gemacht. Katholiken zu Staatsämtern
zuzulassen, könne nach der Ansicht Ihrer Hoheiten weder im allgemeinen
Interesse Englands, noch im Interesse der Katholiken selbst liegen.
Dieses Manifest wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war auf dem
Continent weit verbreitet. Von der durch Burnet besorgten englischen
Ausgabe wurden nahe an funfzigtausend Exemplare in die östlichen
Grafschaften eingeführt und rasch über das ganze Land verbreitet.
Nie hat eine Staatsschrift einen vollständigeren Erfolg gehabt. Die
Protestanten unsrer Insel priesen die männliche Entschiedenheit, mit der
Wilhelm erklärte, daß er es nicht gutheißen könne, die Papisten Antheil
an der Regierung nehmen zu lassen. Den katholischen Fürsten auf der
andren Seite gefiel der milde und gemäßigte Ton, in welchem diese
Erklärung gehalten war, sowie die ihnen eröffnete Aussicht, daß unter
seiner Regierung kein Mitglied ihrer Kirche um seines Glaubens willen
belästigt werden würde.
[_Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom._] Es ist wahrscheinlich, daß der
Papst selbst einer von Denen war, die den berühmten Brief mit Vergnügen
lasen. Einige Monate zuvor hatte er Castelmaine auf eine Art entlassen,
welche wenig Rücksicht auf die Gesinnungen des Königs zeigte. Innocenz
war mit der ganzen inneren und äußeren Politik der englischen Regierung
durchaus nicht zufrieden. Er sah, daß die ungerechten und unklugen
Maßregeln der jesuitischen Cabale viel eher dazu beitrugen, das
Fortbestehen der Strafgesetze als die Abschaffung des Testes zu
bewirken. Sein Streit mit dem Hofe von Versailles wurde mit jedem Tage
ernsthafter, und er konnte weder als weltlicher Fürst, noch als
Oberhaupt der katholischen Kirche für einen Vasallen dieses Hofes eine
herzliche Freundschaft fühlen. Castelmaine war nicht geeignet, diesen
Widerwillen zu beseitigen. Er kannte zwar für einen Laien Rom ziemlich
gut und war auch in der theologischen Polemik gründlich bewandert,[69]
besaß aber durchaus nicht das Geschick, welches sein Posten erforderte,
und wenn er auch der talentvollste Diplomat gewesen wäre, so würde doch
ein Umstand ihn für die besondere Mission, mit der er betraut war,
untauglich gemacht haben. Er war in ganz Europa als der Gatte des
schamlosesten Weibes bekannt, und als weiter nichts. Man konnte
unmöglich mit ihm oder von ihm sprechen, ohne daran zu denken, wie er zu
dem Titel gekommen war, bei dem er genannt wurde. Dieser Umstand würde
wenig auf sich gehabt haben, wenn er an einem sittenlosen Hofe
accreditirt gewesen wäre, wie zum Beispiel bei dem, an welchem unlängst
die Herzogin von Montespan das Regiment geführt hatte. Aber es war
offenbar ein grober Mißgriff, ihn mit einem Auftrage mehr geistlichen
als weltlichen Characters an einen Papst von patriarchalischer
Sittenstrenge zu senden. Die Protestanten von ganz Europa spöttelten
darüber, und Innocenz, der ohnehin schon gegen die englische Regierung
eingenommen war, betrachtete die ihm mit so großer Gefahr und so großen
Kosten erzeigte Aufmerksamkeit als nicht viel besser denn eine
Beleidigung. Der Gehalt des Gesandten war auf hundert Pfund die Woche
festgesetzt. Castelmaine klagte, daß dies zu wenig sei und daß das
Dreifache dieses Betrags kaum ausreichen werde. Denn in Rom bemühten
sich die Gesandten aller großen Continentalmächte einander vor den Augen
eines Volks, das durch den beständigen Anblick prächtiger Gebäude,
Decorationen und Ceremonien verwöhnt war, im Glanz zu überbieten. Er
erklärte stets, daß er bei seiner Gesandtschaft Geld zusetzen müsse. Es
waren ihm mehrere junge Adelige aus den vornehmsten katholischen
Familien Englands, wie die Ratcliffe, die Arundell und Tichborne,
beigegeben, und er bewohnte in Rom den Palast der Familie Pamfili an dem
prächtigen Navonaplatze. Eine Privatunterredung mit Innocenz wurde ihm
bald bewilligt, die officielle Audienz aber wurde lange hinausgeschoben.
Castelmaine’s Vorbereitungen zu diesem wichtigen Acte waren so
prachtvoll, daß sie, obgleich schon zu Ostern 1686 begonnen, im
darauffolgenden November noch nicht beendigt waren, und im November
bekam der Papst einen wirklichen oder angeblichen Gichtanfall, der einen
weiteren Aufschub verursachte. Im Januar 1687 endlich fand die
feierliche Vorstellung und Aufwartung mit ungewöhnlichem Pompe statt.
Die Staatswagen, welche zu der Auffahrt in Rom gebaut wurden, waren so
prächtig, daß man sie für werth hielt, der Nachwelt in schönen
Abbildungen überliefert und von Dichtern in mehreren Sprachen besungen
zu werden.[70] Die Façade des Gesandtschaftspalastes wurde an diesem
hochwichtigen Tage mit geschmacklosen allegorischen Gemälden von
riesenhafter Größe decorirt. Man sah hier den heiligen Georg mit dem
Fuße auf dem Nacken des Titus Oates, und Herkules, wie er mit seiner
Keule den protestantischen Tischler College zu Boden schlägt, der sich
vergebens mit seinem Flegel zu vertheidigen sucht. Nach dieser
öffentlichen Schaustellung lud Castelmaine alle damals in Rom anwesenden
Notabilitäten zu einem Bankett in dem freundlichen und prächtigen Saale
ein, den Peter von Cortona mit Gemälden von Scenen aus der Aeneide
geschmückt hat. Die ganze Stadt drängte sich zu dem Schauspiele und nur
mit Mühe konnte eine Compagnie der Schweizergarde die Ordnung unter den
Zuschauern aufrechterhalten. Die Kavaliere des päpstlichen Hofstaates
gaben hierauf ihrerseits dem Gesandten glänzende Gastmähler, und Dichter
und Literaten überhäuften seinen Gebieter mit abgeschmackten und
hyperbolischen Schmeicheleien, wie sie da am meisten floriren, wo Genie
und Geschmack am tiefsten gesunken sind. An der Spitze der Schmeichler
stand ein gekröntes Haupt. Mehr als dreißig Jahre waren verflossen, seit
Christine, die Tochter des großen Gustav Adolph, freiwillig vom
schwedischen Throne herabgestieqen war. Nach langen Wanderungen, während
denen sie viele Thorheiten und Verbrechen begangen, hatte sie endlich in
Rom ihren bleibenden Aufenthalt genommen, wo sie sich mit astrologischen
Berechnungen und mit den Intriguen des Conclave beschäftigte und sich
nebenbei mit Gemälden, Gemmen, Handschriften und Münzen die Zeit
vertrieb. Jetzt dichtete sie einige italienische Stanzen zu Ehren des
englischen Fürsten, der, wie sie selbst, einem Geschlecht von Königen
entsprossen, welche zu ihrer Zeit als die Vorkämpfer der Reformation
betrachtet wurden, sich, gleich ihr, mit der alten Kirche wieder
ausgesöhnt hatte. Sie gab eine glänzende Gesellschaft in ihrem Palaste.
Ihre in Musik gesetzten Verse wurden unter allgemeinem Beifalle
vorgetragen und einer ihrer literarischen Günstlinge hielt über
denselben Gegenstand eine Rede in so blühendem Style, daß er den
Geschmack der englischen Zuhörer beleidigt zu haben scheint. Die dem
Papste feindlich gesinnten, den Interessen Frankreichs ergebenen
Jesuiten, denen jede Gelegenheit, Jakob Ehre zu erzeigen, willkommen
war, empfingen den englischen Gesandten mit möglichstem Gepränge in dem
fürstlichen Hause, wo die Überreste des Ignatius Loyola in einem Schrein
von Lasurstein und Gold aufbewahrt werden. Bildhauerkunst, Malerei,
Poesie und Beredtsamkeit wurden aufgeboten, um den Fremden zu
bewillkommnen; aber alle diese Künste lagen tief im Argen. Es wurde viel
schwülstige und unedle Latinität entfaltet, die eines so gelehrten
Ordens unwürdig war, und einige von den die Wände zierenden Inschriften
zeigten noch schlimmere Fehler als schlechten Styl. An einer Stelle war
gesagt, daß Jakob seinen Bruder als Boten zum Himmel gesandt habe, an
einer andren, daß Jakob die Schwingen geliefert, welche seinen Bruder in
eine höhere Region emporgetragen. Außerdem gab es ein noch viel
unglücklicheres Distichon, welches damals wenig beachtet wurde, dessen
man aber einige Monate später mit boshaften Auslegungen gedachte.
„O König,“ sagte der Dichter, „seufze nicht länger nach einem Sohne. Mag
auch die Natur Deinen Wunsch nicht erfüllen, die Sterne werden Mittel
finden, um ihn zu befriedigen.“
Inmitten dieser Festlichkeiten erfuhr Castelmaine schwere Kränkungen und
Demüthigungen. Der Papst behandelte ihn mit äußerster Kälte und
Zurückhaltung. So oft der Gesandte ihn um eine Antwort auf das zu
Gunsten Petre’s gestellte Anliegen bat, bekam Innocenz einen heftigen
Hustenanfall, der dem Gespräch ein Ende machte. Ganz Rom unterhielt sich
von diesen sonderbaren Audienzen. Pasquino schwieg nicht und die ganze
neugierige und geschwätzige Bevölkerung der müßigsten aller Städte, mit
alleiniger Ausnahme der Jesuiten und der Prälaten der französischen
Faction, lachte über Castelmaine’s verunglückte Mission. Sein von Natur
unfreundlicher Character wurde bald auf’s Heftigste erbittert und er
verbreitete eine Denkschrift mit Betrachtungen über den Papst. Dadurch
gerieth er in eine schiefe Stellung, der kluge Italiener hatte einen
Vortheil gewonnen und er ließ sich denselben nicht wieder entreißen. Er
erklärte gerade heraus, die Regel, welche die Jesuiten von kirchlichen
Würden ausschließe, dürfe zu Gunsten Petre’s nicht übertreten werden.
Der immer mehr gereizte Castelmaine drohte jetzt Rom zu verlassen.
Innocenz erwiederte ihm mit sanfter Impertinenz, die um so kränkender
war, weil sie sich kaum von treuherziger Einfalt unterscheiden ließ.
Seine Excellenz könne gehen, wenn es ihm beliebe. „Wenn wir ihn aber
verlieren müssen,“ setzte der ehrwürdige Pontifex hinzu, „so hoffe ich
wenigstens, daß er unterwegs seine Gesundheit schonen wird. Ein
Engländer weiß nicht, wie gefährlich es ist, hier zu Lande während der
Tageshitze zu reisen. Man thut am besten, wenn man vor Tagesanbruch
aufbricht und zu Mittag Rast macht.“ Mit diesem wohlmeinenden Rathe und
einem Rosenkranze wurde der unglückliche Gesandte entlassen. Wenige
Monate darauf erschien eine pomphafte Geschichte seiner Sendung in einer
prachtvollen Folioausgabe mit Kupferstichen in italienischer und
englischer Sprache. Das Titelkupfer zeigte zum großen Ärgerniß aller
Protestanten Castelmaine in der Peersrobe und mit der Adelskrone in der
Hand, wie er Innocenz den Fuß küßt.[71]
[Anmerkung 69: Adda, 9.(19.) Nov. 1685.]
[Anmerkung 70: Der Professor der griechischen Sprache am Kollegium
+De Propaganda Fide+ machte seiner Bewunderung in einigen
abscheulichen Hexametern und Pentametern Luft, von denen folgende
Probe genügen mag:
Ρωγερίου δὴ σκεψόμενος λαμπροῖο θρίαμβον,
Ὦκα μάλ’ ἤϊσσεν καὶ θέεν ὄχλος ἅπας·
Θαυμάζουσα δὲ τὴν πομπὴν, παγχρύσεά τ’ αὐτοῦ
Ἅρματα, τοὺς θ’ ἵππους, τοίαδε Ῥώμη ἔψη.
Die lateinischen Verse sind etwas besser. Nahum Tate stimmte auf
Englisch ein:
Um etwas von dem Prachtzug zu erspähen,
Wie selbst in Rom noch Niemand ihn gesehen,
Drängt Alt und Jung sich nach der Thürme Zinnen
Und über jede Wange Freudenthränen rinnen.]
[Anmerkung 71: Correspondenz Jakob’s und Innocenz’ im Britischen
Museum; +Burnet, I. 703--705+; +Welwood’s Memoirs+; +Commons’
Journals, Oct. 28. 1689+; +An Account of his Excellency Roger Earl
of Castelmaine’s Embassy, by Michael Wright, chief steward of his
Excellency’s house at Rome, 1688.+]
* * * * *
* * * *
Achtes Kapitel.
Jakob II.
=Inhalt.=
Seite
Consecration des Nuntius im St. Jamespalaste 5
Sein officieller Empfang. -- Der Herzog von Somerset 5
Auflösung des Parlaments 6
Gesetzwidrige Bestrafung militairischer Vergehen 7
Verfahren der Hohen Commission 8
Die Universitäten 9
Verfahren gegen die Universität Cambridge 10
Der Earl von Mulgrave 11
Zustand Oxford’s 13
Das Magdalenen-Collegium in Oxford 15
Anton Farmer, vom Könige als Präsident empfohlen 17
Wahl des Präsidenten 18
Die Mitglieder des Magdalenen-Collegiums werden vor die
Hohe Commission geladen 18
Parker zum Präsidenten empfohlen 19
Die Karthause 19
Rundreise des Königs 20
Der König in Oxford 21
Er giebt den Collegiaten des Magdalenenstifts einen Verweis 22
Penn sucht zu vermitteln 22
Eine kirchliche Specialcommission wird nach Oxford gesandt 24
Hough’s Protest 24
Einsetzung Parker’s 25
Vertreibung der Collegiaten 26
Das Magdalenen-Collegium in ein papistisches Seminar
verwandelt 27
Groll der Geistlichkeit 28
Pläne der jesuitischen Cabale in Bezug auf die Thronfolge 29
Jakob’s und Tyrconnel’s Plan, die Prinzessin von Oranien
von der Erbfolge im Königreich Irland auszuschließen 30
Schwangerschaft der Königin 31
Allgemeiner Zweifel 31
Stimmung der Wahlkörper und der Peers 33
Jakob beschließt, ein bestochenes Parlament zusammenzusetzen 34
Die Regulatoren 36
Entlassung vieler Lordlieutenants 36
Der Earl von Oxford 36
Der Earl von Shrewsbury 37
Der Earl von Dorset 38
An die Obrigkeiten gerichtete Fragen, und Antworten darauf 41
Scheitern der Pläne des Königs 42
Liste der Sheriffs 45
Character der katholischen Landgentlemen 45
Stimmung der Dissenters 47
Regulirung der Corporationen 47
Untersuchung in allen öffentlichen Verwaltungszweigen 50
Entlassung Sawyer’s 51
Williams Generalprokurator 52
Zweite Indulgenzerklärung 53
Die Geistlichkeit erhält Befehl, sie von der Kanzel
zu verlesen 53
Die Geistlichkeit ist unschlüssig 54
Patriotismus der protestantischen Nonconformisten Londons 54
Berathung der londoner Geistlichkeit 55
Berathung im Palast zu Lambeth 57
Die Petition der sieben Bischöfe dem Könige überreicht 57
Die londoner Geistlichkeit gehorcht dem königlichen
Befehle nicht 60
Unschlüssigkeit der Regierung 61
Es wird eine gerichtliche Verfolgung der Bischöfe wegen
Libells beschlossen 63
Sie werden im Geheimen Rathe verhört 63
Geburt des Prätendenten 65
Man hält ihn allgemein für untergeschoben 65
Die Bischöfe werden vor die Kings Bench gestellt und
müssen Bürgschaft leisten 69
Aufregung der Gemüther 70
Sunderland’s Angst 71
Er erklärt sich für einen Katholiken 72
Prozeß der Bischöfe 72
Das Verdict der Geschwornen; Freude des Volks 80
Eigenthümlicher Zustand der öffentlichen Meinung
zu jener Zeit 84
[_Consecration des Nuntius im St. Jamespalaste._] Die auffallende
Unhöflichkeit des Papstes hätte wohl den sanftmüthigsten Fürsten reizen
müssen. Auf Jakob aber machte sie keinen andren Eindruck, als daß er mit
Schmeicheleien und Komplimenten noch verschwenderischer wurde. Während
Castelmaine, das Herz von Zorn und Unwillen erfüllt, auf der Rückreise
nach England begriffen war, wurde der Nuntius mit Ehrenbezeigungen
überhäuft, die sein eigner Verstand verwerfen mußte. Er war in Folge
einer bei der römischen Kirche häufig in Anwendung kommenden Fiction
unlängst zur Bischofswürde ohne Bischofssitz erhoben worden. Jetzt wurde
er zum Erzbischof von Amasia, einer Stadt am Pontus, dem Geburtsorte
Strabo’s und Mithridates’, erhoben. Jakob bestand darauf, daß die
Ceremonie der Consecration in der Kapelle des St. Jamespalastes
stattfinden sollte. Der apostolische Vikar Leyburn und zwei irische
Prälaten versahen den Dienst. Die Thüren wurden dem Publikum geöffnet
und man bemerkte unter den Zuschauern einige von den Puritanern, die
sich neuerdings dem Hofe angeschlossen hatten. Am Abend erschien Adda in
seiner neuen Amtstracht im Gesellschaftszirkel der Königin. Jakob fiel
angesichts des ganzen Hofes auf die Knie und bat um seinen Segen. Trotz
aller Vorschriften der Etikette konnten die Umstehenden ihr Erstaunen
und ihren Widerwillen nicht unterdrücken.[1] Es hatte in der That seit
langer Zeit kein englischer Souverain vor einem Sterblichen gekniet und
wer das sonderbare Schauspiel mit ansah, erinnerte sich unwillkürlich
des schmachvollen Tages, an welchem Johann sich seine Krone von Pandolph
aufs Haupt setzen ließ.
[Anmerkung 1: Barillon, 2.(12.) Mai 1687.]
[_Sein officieller Empfang. -- Der Herzog von Somerset._] Bald darauf
fand eine noch prächtigere Schaustellung zu Ehren des Heiligen Stuhles
statt. Es wurde beschlossen, daß der Nuntius sich in feierlicher
Prozession an den Hof begeben sollte. Bei dieser Gelegenheit zeigten
mehrere Personen, auf deren Gehorsam der König gerechnet hatte, zum
ersten Male eine Neigung zur Widersetzlichkeit. Der Hervorragendste
unter ihnen war der zweite Peer des Königreichs, Karl Seymour,
gewöhnlich der stolze Herzog von Somerset genannt. Er war in der That
ein Mann, bei dem Geburts- und Rangstolz fast zu einer krankhaften Manie
geworden war. Sein ererbtes Vermögen war der hohen Stelle, die er unter
dem englischen Adel einnahm, nicht angemessen; aber durch seine
Vermählung mit der Tochter und Erbin des letzten Percy, der die alte
Krone von Northumberland trug, war er in den Besitz des größten
Vermögens in England gelangt. Somerset war erst fünfundzwanzig Jahre alt
und im Publikum noch wenig bekannt. Er war Kammerherr des Königs und
Oberst eines der Regimenter, welche zur Zeit des Aufstandes im Westen
neu errichtet worden waren. Er hatte kein Bedenken dagegen erhoben, bei
feierlichen Gelegenheiten das Staatsschwert in die königliche Kapelle zu
tragen; diesmal aber weigerte er sich entschieden, an dem Festzuge zu
Ehren des Nuntius Theil zu nehmen. Einige Mitglieder seiner Familie
baten ihn dringend, sich das königliche Mißfallen nicht zuzuziehen; aber
ihr Bitten war fruchtlos. Der König setzte ihn nun selbst zur Rede. „Ich
hätte geglaubt, Mylord,“ sagte er, „daß ich Ihnen eine große Ehre
erzeigte, indem ich Sie dazu ausersah, den Gesandten des ersten aller
gekrönten Häupter zu begleiten.“ -- „Sire,“ entgegnete der Herzog, „ich
bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß ich Eurer Majestät nicht
gehorchen kann, ohne das Gesetz zu verletzen.“ -- „Ich will Sie lehren,
mich ebenso zu achten wie das Gesetz,“ erwiederte der König in
hochfahrendem Tone. „Wissen Sie noch nicht, daß ich über dem Gesetz
stehe?“ -- „Eure Majestät mögen über dem Gesetz stehen, ich aber nicht,
und wenn ich dem Gesetz gehorche, fürchte ich nichts.“ Der König
entfernte sich höchlich erzürnt und Somerset wurde augenblicklich seiner
Stellen im Hofstaate und in der Armee entsetzt.[2]
In einem Punkte zeigte jedoch der König einige Klugheit. Er wagte es
nicht, den päpstlichen Gesandten in feierlichem Aufzuge der ganzen
Bevölkerung der Hauptstadt vorzuführen. Die Ceremonie fand am 3. Juli
1687 in Windsor statt. Eine große Menschenmenge strömte nach dem
Städtchen. Der Schaulustigen waren so viele, daß sie weder Speise und
Trank noch ein Unterkommen fanden und eine Menge vornehmer Leute den
ganzen Tag in ihrem Wagen zubringen mußten, um das Schauspiel mit
anzusehen. Spät am Nachmittag endlich erschienen die Leute des
Hofmarschalls zu Pferde. Hierauf folgte ein langer Zug von Läufern und
dann in einem königlichen Staatswagen Adda im Purpurmantel und mit einem
Brillantenkreuze auf der Brust. Hinter ihm fuhren die Equipagen der
vornehmsten Hofkavaliere und der Staatsminister. Mit großem Mißfallen
bemerkte das Volk in dem Zuge die Wappen und Livreen Crewe’s, Bischofs
von Durham, und Cartwright’s, Bischofs von Chester.[3]
[Anmerkung 2: +Memoirs of the Duke of Somerset+; Citters, 5.(15.)
Juli 1687; +Eachard’s History of the Revolution+; +Clarke’s Life
of James the Second, II. 116, 117, 118+; +Lord Lonsdale’s
Memoirs.+]
[Anmerkung 3: +London Gazette, July 7. 1687+; Citters, 7.(17.)
Juli; Bericht über die Ceremonie in den Somers’schen Schriften.]
[_Auflösung des Parlaments._] Am folgenden Tage erschien in der Gazette
eine Proklamation, welche das Parlament auflöste, das von allen durch
die Stuarts einberufenen Parlamenten das fügsamste gewesen war.[4]
Mittlerweile hatten sich neue Schwierigkeiten in Westminsterhall
gezeigt. Erst vor wenigen Monaten waren mehrere Richter entlassen und
andere an deren Stelle gesetzt worden, um in dem Prozesse gegen Sir
Eduard Hales ein Erkenntniß zu Gunsten der Krone zu erlangen, und schon
waren neue Änderungen nöthig.
[Anmerkung 4: +London Gazette, July, 4. 1687.+]
[_Gesetzwidrige Bestrafung militairischer Vergehen._] Der König hatte
kaum die Armee gebildet, auf die er zur Ausführung seiner Pläne
namentlich rechnete, so erkannte er auch schon, daß er sie selbst nicht
regieren konnte. Wenn ein Krieg im Lande wüthete, so konnte ein Meuterer
oder Deserteur vor ein Kriegsgericht gestellt und das Urtel durch den
Generalprofoß vollzogen werden. Aber man war jetzt im tiefsten Frieden.
Das englische Landrecht, das aus einem Zeitalter herrührte, wo
erforderlichenfalls Jedermann, Niemand aber beständig die Waffen trug,
machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen einem Soldaten und
jedem andren Unterthan, und es gab kein Gesetz ähnlich dem, durch
welches heutzutage dem Souverain alljährlich die zum Oberbefehl über die
reguläre Truppenmacht nöthige Autorität verliehen wird. Zwar erklärten
einige alte Verordnungen die Desertion in gewissen angeführten Fällen
für Felonie; aber diese Verordnungen galten nur für die Soldaten, welche
dem Könige im wirklichen Kriege dienten und konnten nicht ohne die
arglistigste Willkür so weit ausgedehnt werden, daß sie auch auf einen
Mann Anwendung fanden, der in einer Zeit der vollständigsten inneren und
äußeren Ruhe des Lagers von Hounslow überdrüssig wurde und daher in sein
heimathliches Dorf zurückkehrte. Die Regierung hatte offenbar über einen
solchen Mann keine andre Macht, als die, welche ein Bäcker- oder
Schneidermeister über seine Gesellen hat. Er und seine Offiziere standen
vor dem Gesetz auf gleicher Stufe. Fluchte er gegen sie, so konnte er
wegen Schwörens mit einer Geldstrafe belegt werden; schlug er sie, so
konnte er wegen thätlicher Mißhandlung verklagt werden. Das stehende
Heer stand factisch unter einer milderen Disciplin als die Miliz, denn
die Miliz war durch eine Parlamentsacte errichtet worden, in welcher
zugleich bestimmt war, daß Disciplinarvergehen summarisch mit leichten
Strafen geahndet werden könnten.
Es scheint nicht, daß die aus diesem Zustande des Gesetzes
entspringenden praktischen Nachtheile sich unter der Regierung Karl’s
II. sehr fühlbar gemacht hatten, was sich vielleicht dadurch erklären
läßt, weil bis zum letzten Jahre seiner Regierung die Streitmacht, die
er in England unterhielt, hauptsächlich aus Haustruppen bestand, welche
einen so hohen Sold bekamen, daß die Entlassung aus dem Dienste von den
Meisten sehr schmerzlich empfunden worden wäre. Eine Anstellung als
Gemeiner in der Leibgarde war für den jüngeren Sohn eines Gentleman eine
gute Versorgung; selbst die Fußgarden wurden so gut bezahlt als
Fabrikarbeiter unter besonders günstigen Verhältnissen, und sie befanden
sich daher in einer Lage, um die sie die große Masse der arbeitenden
Bevölkerung wohl beneiden konnte. Die Rückkehr der Garnison von Tanger
und die Errichtung der neuen Regimenter hatte eine große Veränderung
herbeigeführt. Es gab jetzt in England viele Tausend Soldaten, welche
nur acht Pence den Tag erhielten. Die Furcht vor der Verabschiedung war
nicht mehr hinreichend, um sie der Dienstpflicht treu zu erhalten, und
körperliche Strafen durften die Offiziere gesetzlich nicht zuerkennen.
Jakob hatte daher nur die Wahl, entweder die Armee ihrer Auflösung
entgegengehen zu lassen oder die Richter zu der Erklärung zu bewegen,
daß das Gesetz das sei, was es, wie jeder Student wußte, nicht war.
Es war besonders wichtig, die Mitwirkung zweier Gerichtshöfe zu
gewinnen: der Kings Bench, welche der erste Criminalgerichtshof des
Landes war, und des Gerichtshofs für Leerung der Gefängnisse, der in der
Old Bailey saß und über die in der Hauptstadt begangenen Vergehen
abzuurtheilen hatte. In beiden Gerichtshöfen aber stieß man auf große
Schwierigkeiten. Herbert, der Oberrichter der Kings Bench, wollte trotz
aller bis dahin bewiesenen Servilität nicht weiter gehen. Ein noch
entschiedenerer Widerstand war von Sir Johann Holt zu erwarten, der als
Syndikus der City von London auf der Bank der Old Bailey saß. Holt war
ein ausgezeichnet gelehrter und aufgeklärter Jurist, dabei ein
rechtschaffener und muthiger Mann und seine politische Meinung hatte
eine whiggistische Färbung, obgleich er sich von allem Parteitreiben
stets fern hielt. Dem Willen des Königs mußten jedoch alle Hindernisse
weichen. Holt wurde seines Syndikats entsetzt. Herbert und ein andrer
Richter von der Kings Bench entfernt, und die erledigten Stellen mit
Männern besetzt, auf die sich die Regierung verlassen konnte. Allerdings
mußte man in ziemlich niedere juristische Regionen hinabsteigen, ehe man
Leute fand, welche zu Dienstleistungen, wie man sie jetzt brauchte,
bereit waren. Der neue Oberrichter, Sir Robert Wright, war
sprichwörtlich ein Ignorant, und die Unwissenheit war noch nicht sein
ärgster Fehler. Seine Laster hatten ihn zu Grunde gerichtet. Um sich
Geld zu verschaffen, hatte er zu unredlichen Mitteln seine Zuflucht
genommen und einmal einen falschen Eid abgelegt, um in den Besitz von
fünfhundert Pfund zu gelangen. Arm, ausschweifend und schamlos war er
einer von den Schmarotzern Jeffreys’ geworden, der ihn beförderte und
verächtlich behandelte. Dies war der Mann, den Jakob zum Lord
Oberrichter von England erkor. Ein gewisser Allibone, der in der
Rechtskunde noch unwissender war als Wright und als Katholik eigentlich
gar nicht fähig war, ein öffentliches Amt zu bekleiden, wurde zum
Unterrichter der Kings Bench ernannt. Sir Bartholomäus Shower, als
serviler Tory und langweiliger Redner gleich bekannt, wurde Syndikus von
London. Nachdem diese Veränderungen bewirkt waren, wurden mehrere
Deserteurs zur Untersuchung gezogen und dem Wortlaute und dem Geiste des
Gesetzes zum Hohn für schuldig befunden. Einige von ihnen vernahmen ihr
Todesurtheil vor den Schranken der Kings Bench, Andere vor den Schranken
der Old Bailey. Sie wurden vor den Augen der Regimenter, denen sie
angehört hatten, gehängt und dafür Sorge getragen, daß diese
Hinrichtungen durch die London Gazette, welche derartige Vorgänge nur
selten berichtete, zur Öffentlichkeit gelangten.[5]
[Anmerkung 5: Siehe +Statutes 18 Henry 6. c. 19; 2 & 3 Ed. 6. c.
2.+; +Eachard’s History of the Revolution+; +Kennet, III. 468+;
+North’s Life of Guildford, 247.+; + London Gazette, April 18. &
May 23. 1687+; +Vindication of the E. of R. (Earl of Rochester.)+]
[_Verfahren der Hohen Commission._] Man kann wohl denken, daß das
Gesetz, das so gröblich von denjenigen Gerichtshöfen verletzt wurde,
deren ganze Autorität sich auf dasselbe gründete und die es als
Richtschnur zu betrachten pflegten, von einem durch tyrannische Willkür
errichteten Tribunale eben so wenig geachtet wurde. Während der ersten
Monate ihres Bestehens hatte die neue Hohe Commission Geistlichen nur
die Ausübung ihrer Amtshandlungen verboten; die Eigenthumsrechte waren
noch unangetastet geblieben. Zu Anfang des Jahres 1687 aber beschloß man
auch gegen die Pfründeneinkünfte einen Schlag zu führen und jedem
anglikanischen Priester und Prälaten die Überzeugung beizubringen, daß,
wenn er seine Beihülfe zur Vernichtung der Kirche, deren Diener er war,
verweigerte, er in einer Stunde zum Bettler gemacht werden würde.
[_Die Universitäten._] Es würde der Klugheit angemessen gewesen sein,
das erste Exempel an einem unbekannten Individuum zu statuiren. Die
Regierung aber war in einer so unseligen Verblendung befangen, daß man
dieselbe in einem naiveren Zeitalter als eine göttliche Strafe
betrachtet haben würde. Es wurde daher ohne weiteres gleich von Anfang
an den beiden ehrwürdigsten Korporationen des Reichs, den Universitäten
Oxford und Cambridge, der Krieg erklärt.
Die Macht dieser beiden Körperschaften war schon seit vielen
Jahrhunderten groß; in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts
aber hatte sie ihren Höhepunkt erreicht. Kein Nachbarland konnte sich so
glänzender und reicher Sitze der Wissenschaft rühmen. Die Hochschulen
von Edinburg und Glasgow, von Leyden und Utrecht, von Löwen und Leipzig,
von Padua und Bologna kamen Gelehrten, welche in den prächtigen
Stiftungen Wykeham’s und Wolsey’s, Heinrich’s VI. und Heinrich’s VIII.
gebildet waren, ärmlich vor. Literatur und Wissenschaft waren in dem
akademischen Systeme Englands mit Gepränge umgeben, mit obrigkeitlicher
Gewalt bekleidet und mit den vornehmsten Institutionen des Landes eng
verbunden. Kanzler einer Universität zu werden, war eine Auszeichnung,
nach der die Magnaten des Reichs eifrig strebten; eine Universität im
Parlament zu vertreten, war das Lieblingsziel des Ehrgeizes von
Staatsmännern. Edelleute und selbst Fürsten waren stolz darauf, wenn
eine Universität ihnen das Recht verlieh, den Scharlach der Doctorwürde
zu tragen. Die Neugierigen wurden von den Universitäten angezogen durch
alte, mit mittelalterlichen Verzierungen reich ausgestattete Gebäude,
durch neuere Gebäude, welche glänzendes Zeugniß von dem künstlerischen
Genie eines Jones und Wren gaben, durch imposante Hallen und Kapellen,
durch Museen, durch botanische Gärten und durch die einzigen
öffentlichen Bibliotheken, welche das Königreich damals besaß. Der
Prunk, den namentlich Oxford bei feierlichen Gelegenheiten entfaltete,
wetteiferte mit dem souverainer Fürsten. Wenn der Kanzler, der
ehrwürdige Herzog von Ormond, in seinem geflickten Mantel auf seinem
Throne unter der gemalten Decke der Sheldon’schen Tribüne saß, umgeben
von vielen hundert Graduirten in der ihrem verschiedenen Range
entsprechenden Kleidung, während die vornehmsten Jünglinge Englands ihm
als Bewerber um akademische Ehren feierlich vorgeführt wurden, spielte
er eine kaum minder königliche Figur als sein Gebieter im Bankethause zu
Whitehall. Auf den Universitäten waren fast alle ausgezeichneten
Geistlichen, Rechtsgelehrten, Ärzte, Schriftsteller, Dichter und Redner
des Landes und zum großen Theil auch der hohe Adel und die reiche Gentry
gebildet. Auch ist zu bemerken, daß die Verbindung zwischen dem Schüler
und der Schule durch seinen Abgang nicht aufgelöst wurde. Er blieb oft
während seines ganzen Lebens Mitglied des akademischen Körpers und
behielt bei allen wichtigen Wahlen eine Stimme. Er hing daher an seinem
alten Lieblingsaufenthalte am Cam und Isis mit weit größerer Zuneigung,
als gebildete Leute sie in der Regel zu ihren Bildungsstätten empfinden.
Es gab in England keinen Winkel, wo nicht beide Universitäten dankbare
und treuergebene Söhne gehabt hätten. Jeder Angriff auf die Ehre oder
die Interessen von Cambridge oder Oxford mußte nothwendig den Unwillen
einer mächtigen, thätigen und intelligenten Klasse erregen, die über
alle Grafschaften, von Northumberland bis Cornwall, zerstreut war.
Die seßhaften Graduirten waren vielleicht im Ganzen genommen den
seßhaften Graduirten unsrer Zeit nicht überlegen, aber im Vergleich zu
den anderen Gesellschaftskreisen standen sie damals auf einer viel
höheren Stufe; denn Cambridge und Oxford waren die beiden einzigen
Provinzialstädte im ganzen Königreiche, wo man eine bedeutende Anzahl
hochgebildeter Männer fand. Selbst die Hauptstadt hatte große Achtung
vor der Autorität der Universitäten, nicht nur in Fragen der Theologie,
der Naturwissenschaften und des klassischen Alterthums, sondern auch in
solchen Angelegenheiten, in denen die Hauptstädte in der Regel für die
höchsten Instanzen gelten wollen. Von Will’s Kaffeehaus und dem Parterre
des Drurylanetheaters appellirte man noch an die beiden großen
Nationalsitze des Geschmacks und der Gelehrsamkeit. Schauspiele, die in
London mit enthusiastischem Beifalle aufgenommen worden waren, galten
erst dann für außer Gefahr, wenn sie die strenge Prüfung eines mit
Sophokles und Terenz vertrauten Zuhörerkreises bestanden hatten.[6]
Die englischen Universitäten hatten ihren großen moralischen und
intellectuellen Einfluß energisch zu Gunsten der Krone angewendet. Das
Hauptquartier Karl’s I. war in Oxford gewesen und die silbernen Krüge
und Teller sämmtlicher Collegien waren zur Unterstützung seiner
Kriegskasse eingeschmolzen worden. Cambridge war nicht weniger loyal
gesinnt. Es hatte ebenfalls einen großen Theil seines Silbergeräths in’s
königliche Lager gesandt, und der Rest würde auch nachgefolgt sein, wäre
die Stadt nicht von den Parlamentstruppen genommen worden. Beide
Universitäten waren von den siegreichen Puritanern mit der äußersten
Strenge behandelt worden, beide hatten die Restauration mit Freuden
begrüßt, beide hatten sich der Ausschließungsbill standhaft widersetzt
und ihren tiefsten Abscheu über das Ryehousecomplot ausgesprochen.
Cambridge hatte nicht nur seinen Kanzler Monmouth abgesetzt, sondern
seinen Unwillen über den Verrath des Herzogs sogar in einer eines Sitzes
der Gelehrsamkeit unwürdigen Weise zu erkennen gegeben, indem es die
Leinwand, auf der Kneller seine einnehmende Physiognomie und Gestalt mit
künstlerischer Vollendung dargestellt hatte, den Flammen übergab.[7]
Oxford, das dem Herde des westlichen Aufstandes näher lag, hatte noch
stärkere Beweise von Loyalität gegeben. Die Studenten hatten mit
Bewilligung ihrer Professoren zu Hunderten die Waffen zur Vertheidigung
der erblichen Thronrechte ergriffen. Und diese Körperschaften beschloß
Jakob jetzt in offenem Widerspruch mit den Gesetzen und mit seinem
verpfändeten Worte zu beschimpfen und zu berauben.
[Anmerkung 6: Dryden’s Prologe und Cibber’s Memoiren enthalten
zahlreiche Beweise von dem Ansehen, welches der Geschmack der
Oxforder bei den gefeiertsten Dichtern und Schauspielern genoß.]
[Anmerkung 7: Siehe das Gedicht: +Advice to the Painter upon the
Defeat of the Rebels in the West+, sowie noch ein andres ganz
abscheuliches Gedicht über den nämlichen Gegenstand von Stepney,
welcher damals am Trinity-Collegium studirte.]
[_Verfahren gegen die Universität Cambridge._] Mehrere Parlamentsacte,
die so klar waren als nur irgend eine Verordnung des Gesetzbuches,
hatten vorgeschrieben, daß auf beiden Universitäten Niemand zu irgend
einem Grade zugelassen werden sollte, ohne den Suprematseid und einen
andren ähnlichen Eid, der Gehorsamseid genannt, abgelegt zu haben.
Dessenungeachtet wurde im Februar 1687 ein königliches Schreiben nach
Cambridge gesandt, worin die Aufnahme eines Benedictinermönches, Namens
Alban Francis, als Magister der freien Künste anbefohlen wurde.
Die akademischen Würdenträger, zwischen der Ehrerbietung gegen den König
und der Achtung vor dem Gesetz schwankend, waren in großer Verlegenheit.
Es wurden in aller Eile Boten an den Herzog von Albemarle gesandt, der
Monmouth’s Nachfolger als Kanzler der Universität war, und er wurde
dringend ersucht, dem Könige die Sache in geeigneter Weise vorzustellen.
Unterdessen begaben sich der Registrator und die Pedelle zu Francis und
erklärten ihm, daß er sogleich aufgenommen werden solle, wenn er die
gesetzlich vorgeschriebenen Eide leiste. Er weigerte sich dessen, machte
den Beamten Vorwürfe wegen ihrer Nichtachtung des königlichen Befehls,
und da sie nicht nachgaben, reiste er auf der Stelle wieder ab, um sich
in Whitehall zu beschweren.
Die Vorsteher der Collegien versammelten sich zu einer Berathung. Die
Gutachten der ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten wurden abgehört und sie
sprachen sich entschieden zu Gunsten des beobachteten Verfahrens aus.
Aber schon war ein zweites hochmüthiges und drohendes Schreiben von
Sunderland unterwegs. Albemarle antwortete der Universität unter vielen
Versicherungen seiner Theilnahme und seines Bedauerns, daß er alles
Mögliche gethan habe, aber vom Könige sehr kalt und unfreundlich
aufgenommen worden sei. Der akademische Körper, durch die königliche
Ungnade erschreckt und von dem aufrichtigen Willen beseelt, den Wünschen
Seiner Majestät nachzukommen, dabei aber auch fest entschlossen, das
klare Gesetz des Landes nicht zu verletzen, unterbreitete die
bescheidensten und ehrerbietigsten Auseinandersetzungen, aber ohne
Erfolg. Bald darauf kam eine Vorladung, welche den Vicekanzler und den
Senat auf den 24. April vor die Hohe Commission nach Westminster
beschied. Der Vicekanzler sollte in Person erscheinen, der Senat, der
aus allen Doctoren und Magistern der Universität besteht, eine
Deputation senden.
[_Der Earl von Mulgrave._] Als der festgesetzte Tag erschien, füllte
sich der Sitzungssaal mit einer großen Zuschauermenge. Jeffreys fungirte
als Präsident der Commission. Rochester war, seit ihm der weiße Stab
abgenommen worden, nicht mehr Mitglied, anstatt seiner erschien der
Lordkammerherr Johann Sheffield, Earl von Mulgrave. Das Schicksal dieses
Edelmanns glich in einer Beziehung dem seines Collegen Sprat. Mulgrave
schrieb Verse, die sich kaum über die absolute Mittelmäßigkeit erhoben,
da er aber ein in den politischen und vornehmen Kreisen hochangesehener
Mann war, so fanden seine Verse doch Bewunderer. Die Zeit zerstörte den
Zauber, zu seinem Unglücke aber erst nachdem seine Gedichte bereits ein
unveräußerliches Recht auf eine Stelle in allen Sammlungen englischer
Dichtungswerke erlangt hatten. Dennoch werden bis auf den heutigen Tag
seine, abgeschmackten Reimereien und seine jämmerlichen Lieder an
Amoretta und Gloriana in Gesellschaft des „Comus“ und des „Festes
Alexander’s“ immer wieder gedruckt. Die Folge davon ist, daß unsre
Generation Mulgrave hauptsächlich als einen Dichterling kennt und ihn
als solchen verachtet. Er war jedoch, wie selbst Diejenigen zugaben, die
ihn weder liebten noch achteten, ein durch schöne Talente
ausgezeichneter Mann und in der parlamentarischen Beredtsamkeit stand er
kaum einem Redner seiner Zeit nach. Dagegen verdiente sein moralischer
Character keine Achtung. Er war ein Wüstling, aber ohne jene Offenheit
des Herzens und der Hand, welche zuweilen auch die Ausschweifung
liebenswürdig, und ein stolzer Aristokrat ohne jene Hoheit der
Denkungsart, welche zuweilen den aristokratischen Hochmuth achtungswerth
macht. Die damaligen Satiriker gaben ihm den Spottnamen Lord Allpride
(Ganzstolz). Sein Stolz vertrug sich indessen mit allen schmachvollen
Lastern. Viele wunderten sich darüber, wie ein Mann, der ein so
übertriebenes Gefühl seiner Würde zur Schau trug, in Geldangelegenheiten
so zäh und knauserig sein konnte. Er hatte der königlichen Familie
großes Ägerniß dadurch gegeben, daß er den Gedanken zu hegen wagte, das
Herz und die Hand der Prinzessin Anna zu erobern. In dieser Hoffnung
getäuscht, hatte er sich bemüht, durch kriechende Gemeinheit die durch
Anmaßung verwirkte Gunst wieder zu gewinnen. Seine von ihm selbst
verfaßte Grabschrift sagt noch heute jedem Besucher der
Westminsterabtei, daß er in religiösen Dingen als Zweifler lebte und
starb, und aus seinen hinterlassenen Memoiren ersehen wir, daß der
römische Aberglaube ein Lieblingsthema seines Spottes war. Dennoch
begann er unmittelbar nach Jakob’s Regierungsantritt eine starke
Hinneigung zum Papismus zu zeigen und gerirte sich endlich privatim als
Convertit. Der Lohn für diese verworfene Heuchelei war seine Anstellung
bei der Hohen Commission.[8]
Vor diesem gefürchteten Tribunal erschien jetzt der Vicekanzler der
Universität Cambridge, Doctor Johann Pechell. Er selbst war kein Mann
von ausgezeichneter Befähigung und Energie, aber es begleiteten ihn acht
vom Senat gewählte vorzügliche Akademiker. Einer davon war Isaak Newton,
Fellow des Trinity-Collegiums und Professor der Mathematik. Sein Genie
stand damals in seiner vollsten Kraft. Das große Werk, welches ihm die
erste Stelle unter den Geometern und Naturforschern aller Zeiten und
aller Nationen sichert, wurde seit einiger Zeit unter der Sanction der
Königlichen Societät gedruckt und war seiner Vollendung nahe. Er war der
entschiedenste Freund der bürgerlichen Freiheit und der protestantischen
Religion, aber seine Gewohnheiten machten ihn für die Kämpfe des
praktischen Lebens durchaus nicht geeignet. Er verharrte daher in
bescheidenem Stillschweigen unter den Delegirten und überließ anderen
Männern, welche im Geschäftsleben mehr bewandert waren, die Aufgabe,
seine geliebte Universität zu vertheidigen.
Es konnte keinen klareren Rechtsfall geben. Das Gesetz ließ keinen
Zweifel zu und die Praxis hatte fast stets im Einklang mit dem Gesetz
gestanden. Es konnte vielleicht schon vorgekommen sein, daß an einem
besonders feierlichen Tage, wo viele Ehrengrade verliehen wurden, in der
Menge Einer durchgeschlüpft war, der die Eide nicht abgelegt hatte; aber
eine solche Unregelmäßigkeit, lediglich die Folge der Eil und
Unachtsamkeit, konnte nicht als Vorgang geltend gemacht werden. Fremde
Gesandte verschiedener Glaubensrichtungen, insbesondere ein Muselmann,
waren ohne die Eide aufgenommen worden. Aber es war eine große Frage, ob
solche Fälle im Bereiche der Ansicht und des Geistes der betreffenden
Parlamentsverordnungen lagen. Es war nicht einmal behauptet worden, daß
schon einmal Jemand, dem die Eide angesonnen wurden und der sie nicht
leisten wollte, einen akademischen Grad erlangt habe, und in dieser Lage
befand sich Francis. Die Delegirten erboten sich zu beweisen, daß unter
der vorigen Regierung mehrere königliche Befehle unberücksichtigt
geblieben waren, weil die empfohlenen Personen sich dem Gesetz nicht
hatten fügen wollen, und daß die Regierung sich in solchen Fällen stets
bei dem Verfahren der Universität beruhigt habe, da sie es als das
richtige anerkennen mußte. Jeffreys aber wollte von nichts hören. Er kam
bald dahinter, daß der Vicekanzler ein schwacher, unerfahrener und
schüchterner Mann war und ließ daher der ganzen Unverschämtheit, welche
so lange der Schrecken der Old Bailey gewesen war, freien Lauf. Der
unglückliche Doctor, der an ein solches Auditorium und an eine solche
Behandlung nicht gewöhnt war, wurde bald so eingeschüchtert, daß er
gänzlich die Fassung verlor. Sobald andere zur Verfechtung ihrer Sache
besser befähigte Akademiker das Wort ergreifen wollten, wurden sie auf
die unsanfteste Weise zum Schweigen gebracht. „Sie sind nicht
Vicekanzler; wenn Sie es einmal sein werden, dann mögen Sie sprechen,
bis dahin aber geziemt es Ihnen, den Mund zu halten.“ Die Angeklagten
wurden, ohne gehört worden zu sein aus dem Gerichtssaale gewiesen. Nach
einer Weile wurden sie wieder hereingerufen und ihnen kundgethan, daß
die Commission beschlossen habe, Pechell seiner Würde als Vicekanzler zu
entheben und ihm alle Einkünfte vorzuenthalten, die er als Vorsteher
eines Collegiums bezog und welche ganz den Character eines unantastbaren
Eigenthums hatten. „Sie, meine Herren,“ sagte Jeffreys zu den
Delegirten, „sind größtentheils Theologen, und ich will Sie daher mit
einer Stelle aus der Schrift heimschicken: „Gehet hin und sündigt fortan
nicht mehr, damit Euch nicht etwas Ärgeres widerfahre.“[9]
[Anmerkung 8: +Mackay’s Character of Sheffield+ nebst Swift’s
Note; +Satire on the Deponents, 1688+; +Life of John, Duke of
Buckinghamshire, 1729+; Barillon, 30. Aug. 1687. Ich besitze ein
handschriftliches Spottgedicht aus Mulgrave von 1690, das nicht
ohne Witz ist. Die bemerkenswerthesten Zeilen sind diese:
Heut’ schmeichelt er dem Peters (Petre), morgen dem Burnet.
Fragt nicht nach Glauben und Partei, denn alle sind ihm gleich.]
[Anmerkung 9: Siehe den Prozeß gegen die Universität Cambridge in
der +Collection of State Trials+.]
[_Zustand Oxford’s._] Man sollte meinen, daß dieses Verfahren ungerecht
und willkürlich genug war. Aber der König hatte schon angefangen, Oxford
mit einer Strenge zu behandeln, im Vergleich zu welcher die gegen
Cambridge bewiesene Milde genannt werden konnte. Schon war das
University-Collegium durch Obadja Walker in ein römisch-katholisches
Seminar verwandelt, schon stand das Christchurch-Collegium unter der
Leitung eines römisch-katholischen Dechanten, schon wurde in diesen
beiden Collegien täglich Messe gelesen. Die ruhige, majestätische Stadt,
so lange das Bollwerk des monarchischen Prinzips, war von Leidenschaften
aufgeregt, die sie bisher nie gekannt hatte. Die Untergraduirten
verhöhnten mit stillschweigender Erlaubniß ihrer Vorgesetzten die
Mitglieder von Walker’s Gemeinde und sangen Spottlieder unter ihren
Fenstern. Einige Bruchstücke von den Serenaden, welche damals in High
Street die Ruhe störten, sind der Nachwelt erhalten worden; der Refrain
einer Ballade lautet:
„Der alte Obadja
singt Ave Maria.“
Als die Schauspieler nach Oxford kamen, äußerte sich die öffentliche
Meinung noch stärker. Es wurde Howard’s „Comité“ gegeben. Dieses bald
nach der Restauration geschriebene Stück stellte die Puritaner in einem
gehässigen und verächtlichen Lichte dar und war deshalb seit einem
Vierteljahrhundert ein Lieblingsstück des oxforder Publikums. Jetzt war
es beliebter als je zuvor, denn ein glücklicher Zufall wollte, daß eine
der Hauptrollen ein alter Heuchler Namens Obadja war. Das Publikum brach
in einen Beifallsjubel aus, als Obadja in der letzten Scene mit einem
Strick um den Hals hereingeschleppt wurde, und der Applaus nahm zu, als
einer der Schauspieler, von dem vorgeschriebenen Texte abweichend,
ankündigte, daß Obadja wegen Glaubenabfalls gehängt werden solle. Der
König war höchlich entrüstet über diesen Hohn. Die Stimmung der
Universität war so rebellisch, daß eines der neu errichteten Regimenter,
das welches gegenwärtig das zweite Gardedragonerregiment heißt, nach
Oxford versetzt wurde, um einen Aufstand zu verhindern.[10]
Diese Vorgänge hätten Jakob überzeugen können, daß er einen Weg
eingeschlagen hatte, der ihn ins Verderben führen mußte. An das Geschrei
der Londoner war er schon längst gewöhnt. Es war zuweilen
ungerechterweise, zuweilen vergebens gegen ihn erhoben worden; er hatte
demselben wiederholt getrotzt und konnte ihm auch fernerhin trotzen. Daß
aber Oxford, der Sitz der Loyalität, das Hauptquartier der
Kavalierarmee, der Ort, wohin sein Vater und sein Bruder ihren Hof
verlegten, wenn sie sich in ihrer stürmisch bewegten Hauptstadt nicht
mehr sicher glaubten, der Ort, wo die Schriften der großen
republikanischen Lehrer unlängst den Flammen überliefert worden waren,
daß diese Stadt sich jetzt in einer unzufriedenen Gährung befand und die
muthigen Jünglinge, die sich vor wenigen Monaten so eifrig als
Freiwillige gemeldet hatten, um gegen die Insurgenten im Westen zu
marschiren, jetzt nur mit Mühe durch Säbel und Karabiner im Schach
gehalten wurden: das waren Zeichen von schlimmer Vorbedeutung für das
Haus Stuart. Doch der abgestumpfte, starrsinnige und eigenwillige Tyrann
beachtete den Warnungsruf nicht. Er hatte sich einmal vorgenommen,
seiner Kirche die reichsten und glänzendsten Stiftungen Englands zu
verschaffen. Umsonst machten ihm die besseren und verständigeren seiner
römisch-katholischen Rathgeber Vorstellungen. Sie erklärten ihm, daß er
der Sache seiner Religion viel nützen könne, ohne die Eigenthumsrechte
zu verletzen. Eine Bewilligung von jährlich zweitausend Pfund aus seiner
Privatchatulle würde hinreichen, um ein Jesuitencollegium in Oxford zu
unterhalten, und diese Summe könne er leicht verschmerzen. Ein solches
Collegium, mit tüchtigen, gelehrten und eifrigen Lehrern ausgestattet,
würde ein gefährlicher Nebenbuhler für die alten akademischen Anstalten
werden, welche nur zu deutliche Symptome einer von Reichthum und
Sicherheit unzertrennlichen Erschlaffung zeigten. König Jakob’s
Collegium würde bald selbst von den Protestanten hinsichtlich der
Wissenschaften sowohl als auch der moralischen Zucht als die erste
Bildungsanstalt der Insel anerkannt werden. Dies würde der wirksamste
und zugleich glimpflichste Weg sein, um die anglikanische Kirche zu
demüthigen und die römische zu Ansehen zu bringen. Der Earl von
Ailesbury, einer der ergebensten Diener des königlichen Hauses,
erklärte, daß er, obgleich Protestant und nicht reich, lieber selbst
einen Beitrag von tausend Pfund zu diesem Zwecke hergeben wolle, als daß
sein Gebieter die Eigenthumsrechte verletze und sein der Staatskirche
gegebenes Wort breche.[11] Der Plan fand jedoch keinen Beifall in den
Augen des Königs. Allerdings entsprach er auch in mehr als einer
Beziehung seinem unfreundlichen Character nicht. Denn es machte ihm
Vergnügen, den Sinn der Menschen zu beugen und zu brechen, und von
seinem Gelde konnte er sich nur schwer trennen. Was er auf seine Kosten
zu unternehmen nicht hochherzig genug war, das beschloß er auf Kosten
Anderer durchzuführen. Wenn er einmal etwas begonnen hatte, so hielt
sein Stolz und sein Starrsinn ihn ab, wieder zurückzutreten, und er ließ
sich endlich Schritt für Schritt zu Handlungen türkischer Tyrannei
verleiten, zu Handlungen, welche die Nation zu der Überzeugung bringen
mußten, daß das Vermögen eines protestantischen Freisassen Englands
unter einem römisch-katholischen König ebenso unsicher war, wie das
eines Griechen unter der Herrschaft eines Moslem.
[Anmerkung 10: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Apology for the Life
of Colley Cibber+; Citters, 2.(12.) März 1686.]
[Anmerkung 11: +Burnet, I.+ 697; Brief von Lord Ailesbury,
abgedruckt im +European Magazine+, April 1795.]
[_Das Magdalenen-Collegium in Oxford._] Das Magdalenen-Collegium,
gegründet im funfzehnten Jahrhundert von Wilhelm von Waynflete, Bischof
von Winchester und Lordgroßkanzler, war eine der hervorragendsten
unserer akademischen Institute. Ein schlanker Thurm, auf dessen Zinnen
alljährlich am Morgen des ersten Mai von Choristen eine lateinische
Hymne gesungen wurde, fesselte schon von weitem die Aufmerksamkeit des
von London her kommenden Reisenden. Wenn er sich näherte, bemerkte er,
daß dieser Thurm sich von einem mit Zinnen versehenen, zwar niedrigen
und unregelmäßigen, aber doch sehr ehrwürdig aussehenden Gebäude erhob,
das von Bäumen beschattet und von den trägen Fluthen des Chervell
bespült wurde. Er trat durch einen Thorweg,[12] über dem eine stattliche
Gallerie hinlief, in einen geräumigen Kreuzgang, der mit Emblemen der
Tugenden und Laster, von den Bildhauern des funfzehnten Jahrhunderts roh
in grauen Stein gemeißelt, verziert war. Der Tisch der Gesellschaft
wurde in einem mit Gemälden und phantastischem Schnitzwerk reich
ausgestatteten Refectorium gedeckt. Der Gottesdienst wurde früh und
Abends in einer Kapelle gehalten, die von den Reformers und den
Puritanern viel zu leiden gehabt hatte, aber trotz alledem ein
wunderschönes Bauwerk war, das in unseren Tagen mit seltenem Geschmack
und Geschick restaurirt worden ist. Die großen Gartenanlagen am Ufer des
Flusses zeichneten sich durch hohe Bäume aus, unter denen ein Wunder der
Pflanzenwelt unsrer Insel emporragte, eine riesige Eiche, welche hundert
Jahre älter sein sollte, als das älteste Collegium der Universität.
Die Statuten der Gesellschaften bestimmten, daß die Könige von England
und die Prinzen von Wales in dem Hause aufgenommen werden sollten, wie
in ihrem eignen Palaste. Eduard IV. hatte das Gebäude bewohnt, als es
noch nicht vollendet war. Richard III. hatte darin sein Hoflager
gehalten, im großen Saale Disputationen mit angehört, war königlich
bewirthet worden und hatte die Küche seiner Wirthe mit einem Geschenk
von fetten Rehböcken aus seinen Forsten beehrt. Zwei muthmaßliche
Thronerben, welche frühzeitig hinweggerafft wurden, Arthur, der ältere
Bruder Heinrich’s VIII., und Heinrich, der ältere Bruder Karl’s I.,
hatten in dem Collegium studirt; ebenso auch ein andrer Prinz von
Geblüt, der letzte und beste der römisch-katholischen Erzbischöfe von
Canterbury, der menschenfreundliche Reginald Pole. Zur Zeit des
Bürgerkriegs war das Collegium der Sache der Krone treu geblieben.
Ruprecht hatte dort sein Hauptquartier aufgeschlagen, und ehe er zu
einigen seiner kühnsten Unternehmungen auszog, hatte man in den stillen
Kreuzgängen seine Trompeter zum Aufbruch blasen hören. Die Mehrzahl der
Fellows waren Theologen und konnten den König nur mit Gebeten und
Geldspenden unterstützen. Doch einer von den Mitgliedern der
Gesellschaft, ein Doctor des Civilrechts, warb eine Truppe
Untergraduirter und fiel an ihrer Spitze im tapferen Kampfe gegen die
Soldaten von Essex. Als die Feindseligkeiten beendigt und die Rundköpfe
Herren von England waren, verweigerten sechs Siebentel der Mitglieder
der usurpirten Gewalt ihre Unterwerfung. In Folge dessen wurden sie aus
ihren Wohnungen vertrieben und ihrer Einkünfte beraubt. Nach der
Restauration kehrten die noch Lebenden an ihren lieblichen Wohnsitz
zurück. Eine neue Generation war auf sie gefolgt, die ihre Ansichten und
ihren Muth geerbt hatte. Zur Zeit des Aufstandes im Westen hatten
diejenigen Collegiaten, welche nicht durch Alter oder Beruf zum
Gebrauche der Waffen unfähig waren, sich bereitwilligst erboten, für die
Krone zu kämpfen. Es dürfte schwerlich im ganzen Königreiche irgend eine
Korporation zu finden sein, welche gerechteren Anspruch auf die
Dankbarkeit des Hauses Stuart gehabt hätte.[13]
Die Gesellschaft bestand aus einem Präsidenten, vierzig Fellow’s,
dreißig Studenten (+Demies+, Halbe genannt) und einer Anzahl von
Kaplanen, Schreibern und Chorsängern. Zur Zeit der Generalvisitation
unter Heinrich VIII. waren die Einkünfte viel bedeutender als die jeder
andren ähnlichen Stiftung des Landes, fast um die Hälfte größer als die
der reichen Stiftung Heinrich’s VI. in Cambridge und über noch einmal so
groß als die, welche Wilhelm von Wykeham seinem Collegium in Oxford
vermacht hatte. In den Tagen Jakob’s II. war der Reichthum des
Magdalenen-Collegiums enorm und wurde durch das Gerücht noch
übertrieben. Das Collegium wurde allgemein für reicher als die reichsten
Abteien des Continents gehalten. Wenn die Pachtgelder alle eingingen,
hieß es unter dem Volke, so beliefen sich die jährlichen Einkünfte auf
die ungeheure Summe von vierzigtausend Pfund Sterling.[14]
Die Collegiaten waren durch die von dem Begründer festgesetzten Statuten
ermächtigt, sich ihren Präsidenten unter Personen, welche Mitglieder
ihrer Gesellschaft oder des Neuen Collegiums waren oder gewesen waren,
selbst zu wählen. Dieses Recht war in der Regel mit völliger Freiheit
ausgeübt worden. Nur in einzelnen Fällen waren königliche Zuschriften
gekommen, welche dem Collegium befähigte Personen anempfahlen, die bei
Hofe in Gunst standen, und es war in solchen Fällen Sitte gewesen, auf
die Wünsche des Souverains gebührende Rücksicht zu nehmen.
Im März 1687 starb der Präsident des Collegiums. Einer der Fellows,
Doctor Thomas Smith, vom Volke spottweise Rabbi Smith genannt, ein
ausgezeichneter Reisender, Büchersammler, Alterthumsforscher und
Orientalist, der Kaplan bei der Gesandtschaft in Konstantinopel gewesen
und mit der Vergleichung der alexandrinischen Handschriften beauftragt
worden war, bewarb sich um den erledigten Posten. Er meinte als
Gelehrter und als eifriger Tory einigen Anspruch auf die Begünstigung
von Seiten der Regierung zu haben. Seine Loyalität war auch in der That
so glühend und so unwandelbar, wie man sie in der ganzer englischen
Kirche nur finden konnte. Er war lange mit dem Bischof Parker von Oxford
intim befreundet gewesen und hoffte durch die Verwendung dieses Prälaten
ein königliches Empfehlungsschreiben an das Collegium zu erhalten.
Parker versprach sein Möglichstes zu thun, berichtete aber bald, daß er
auf Schwierigkeiten gestoßen sei. „Der König,“ sagte er, „mag Niemanden
empfehlen, der nicht ein Freund seiner Religion ist. Was können Sie in
dieser Beziehung thun, um ihn zufrieden zu stellen?“ Smith antwortete,
daß, wenn er Präsident werden sollte, er sich bemühen würde,
Gelehrsamkeit, wahres Christenthum und Loyalität zu fördern. „Das wird
nicht genügen,“ sagte der Bischof. „Nun so mag Präsident werden wer da
will,“ versetzte Smith mannhaft; „ich kann nicht mehr versprechen.“
[Anmerkung 12: Dieser Thorweg ist jetzt verschlossen.]
[Anmerkung 13: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Walker’s Sufferings
of the Clergy.+]
[Anmerkung 14: +Burnet, I. 697+; +Tanner’s Notitia Monastica.+ Bei
der Visitation im sechsundzwanzigsten Regierungsjahre Heinrich’s
VIII. ergab es sich, daß die Einkünfte des Kings-Collegiums 751
Pfd. St., die des Neuen Collegiums 487 Pfd. St. und die des
Magdalenen-Collegiums 1076 Pfd. St. betrugen.]
[_Anton Farmer vom Könige als Präsident empfohlen._] Die Wahl wurde auf
den dreizehnten April festgesetzt und die Fellows aufgefordert,
derselben beizuwohnen. Es ging die Rede, daß ein königliches Schreiben
einlaufen werde, das einen gewissen Anton Farmer für die erledigte
Stelle empfehle. Das Leben dieses Mannes war eine Reihenfolge ehrloser
Handlungen. Er war Mitglied der Universität Cambridge gewesen und der
Ausstoßung nur durch rechtzeitige freiwillige Entfernung entgangen. Dann
hatte er sich den Dissenters angeschlossen und hierauf war er nach
Oxford gegangen, um in das Magdalenen-Collegium einzutreten, wo er sich
bald durch alle möglichen Laster auszeichnete. In der Regel taumelte er
spät in der Nacht so betrunken, daß er nicht sprechen konnte, seinem
Collegium zu. Es war allbekannt, daß er an der Spitze eines
unehrenvollen Aufruhrs in Abingdon gestanden hatte, und er war ein
regelmäßiger Gast bekannter Lieblingsorte von Wüstlingen gewesen.
Endlich war er Kuppler geworden, hatte sogar die gewöhnliche Gemeinheit
seines abscheulichen Gewerbes noch übertroffen und hatte von
liederlichen jungen Leuten für Dienste, welche die Geschichte nicht gut
erzählen kann, Geld genommen. Dieser erbärmliche Mensch war jetzt zum
Papismus übergetreten. Sein Abfall sühnte alle seine Laster, und
obgleich noch sehr jung, wurde er zum Vorsteher einer ernsten religiösen
Gesellschaft empfohlen, in welcher das Ärgerniß, das er durch seine
Lasterhaftigkeit gegeben, noch im frischen Andenken war.
Durch das allgemeine Landesgesetz war er als römischer Katholik von
allen akademischen Ämtern ausgeschlossen, und da er niemals Fellow des
Magdalenen-Collegiums noch des Neuen Collegiums gewesen, so hatte er der
besonderen Verordnung Wilhelm’s von Waynflete gemäß gar kein Recht, sich
um die erledigte Präsidentenstelle zu bewerben. Überdies hatte Waynflete
den Mitgliedern seiner Stiftung noch ausdrücklich eingeschärft, daß sie
bei der Wahl ihres Vorstehers namentlich auf seinen moralischen
Character Rücksicht nehmen sollten, und hätte er auch keine derartige
Weisung hinterlassen, so konnte eine meist aus Theologen bestehende
Gesellschaft einem Mann wie Farmer schicklicherweise nicht die Leitung
einer Bildungsanstalt übertragen.
Die Collegiaten stellten dem Könige ehrerbietigst vor, in welche
Verlegenheit sie kommen würden, wenn das Gerücht, daß Farmer ihnen
empfohlen werden sollte, sich als begründet erwies, und baten darum, daß
Seine Majestät, wenn es ihm beliebe, sich in die Wahl einzumischen,
ihnen einen Mann vorschlagen möchte, für den sie gesetzlicherweise und
mit gutem Gewissen stimmen könnten. Von dieser ergebenen Bitte wurde
keine Notiz genommen. Das königliche Schreiben lief ein. Der Überbringer
desselben war ein Fellow des Collegiums, der unlängst Papist geworden
war, Namens Robert Charnock, ein Mann von Talent und Geist, aber von
heftigem und ruhelosem Temperament, das ihn einige Jahre später zu einem
abscheulichen Verbrechen und zu einem entsetzlichen Schicksale trieb.
Das Collegium versammelte sich am 13. April in der Kapelle. Man hatte
noch immer einige Hoffnung, daß der König sich durch die an ihn
gerichteten Vorstellungen werde bewegen lassen, und die Versammlung
vertagte sich deshalb bis auf den 15. April, als den letzten Termin, an
welchem die Wahl nach den Statuten des Collegiums stattfinden mußte.
[_Wahl des Präsidenten._] Der 15. April erschien und die Collegiaten
versammelten sich wieder in ihrer Kapelle. Von Whitehall war keine
Antwort gekommen. Einige der älteren Mitglieder, darunter Smith, waren
der Meinung, die Wahl lieber noch einmal zu verschieben, als einen
Schritt zu thun, der den König möglicherweise beleidigen konnte. Aber
die Sprache der Statuten war klar und die Mitglieder des Collegiums
hatten sich eidlich verpflichtet, dieselben zu befolgen. Die Ansicht der
Mehrheit war daher, daß kein weiterer Aufschub stattfinden dürfe. Es
erfolgte eine heftige Debatte. Die Wähler waren zu aufgeregt, als daß
sie hätten auf ihren Plätzen bleiben können; die ganze Kapelle war in
Aufruhr. Diejenigen, welche für die Vornahme der Wahl stimmten, beriefen
sich auf ihre Eide und auf die Verordnungen des Stifters, dessen Brot
sie aßen. Sie behaupteten ganz richtig, der König habe nicht das Recht,
ihnen selbst einen geeigneten Candidaten aufzudringen. In der Hitze des
Streits fielen einige für toryistische Ohren anstößige Äußerungen und
Smith ließ sich zu der Bemerkung verleiten, der Geist Ferguson’s habe
sich seiner Collegen bemächtigt. Mit großer Stimmenmehrheit wurde
endlich der Beschluß gefaßt, die Wahl unverzüglich vorzunehmen. Charnock
verließ die Kapelle. Die übrigen Fellows gaben, nachdem sie vorher das
Sakrament empfangen, ihre Stimmen ab. Die Wahl fiel auf Johann Hough,
einen Mann von seltener Tugend und Besonnenheit, der, nachdem er
Verfolgungen mit hohem Muthe und das Glück mit ernster Würde ertragen,
zu hohen Ehren emporgestiegen und noch höhere bescheiden abgelehnt
hatte, mehr als sechsundfünfzig Jahre nach diesem ereignißvollen Tage in
hohem Alter, aber noch in voller Kraft des Geistes starb.
Die Gesellschaft beeilte sich, dem Könige die Umstände
auseinanderzusetzen, welche es nothwendig gemacht hatten, ohne weiteren
Verzug zur Wahl eines Präsidenten zu schreiten, und ersuchte den Herzog
von Ormond als Kanzler der ganzen Universität, und den Bischof von
Winchester als Visitator des Magdalenen-Collegiums, das Amt der
Vermittelung zu übernehmen. Der König aber war viel zu aufgebracht und
viel zu befangen, als daß er auf derartige Verstellungen hätte hören
können.
[_Die Mitglieder des Magdalenen-Collegiums werden vor die Hohe
Commission geladen._] Anfangs Juni wurden die Collegiaten vor die Hohe
Commission nach Whitehall beschieden. Fünf von ihnen kamen als Deputirte
der Korporation der Aufforderung nach. Jeffreys behandelte sie nach
seiner gewohnten Manier. Als einer von ihnen, ein ehrwürdiger Doctor,
Namens Fairfax, einigen Zweifel an der Rechtsgültigkeit der Commission
äußerte, begann er zu brüllen wie ein wildes Thier: „Wer ist der Mann?
Wer giebt ihm das Recht, hier unverschämt zu sein? Ergreift ihn und
steckt ihn in ein finstres Zimmer! Wie kann man ihn ohne Wächter lassen?
Er steht als Wahnsinniger unter meiner Aufsicht. Es wundert mich, daß
noch Niemand bei mir darauf angetragen hat, daß er in sicheres Gewahrsam
gebracht werde.“ Als aber der Sturm ausgetobt hatte und die Aussagen
über den sittlichen Charakter des vom Könige empfohlenen Kandidaten
verlesen waren, hatte keiner der Commissare die Frechheit zu behaupten,
daß ein solcher Mensch sich zum Präsidenten eines großen Collegiums
eigne. Obadja Walker und die übrigen oxforder Papisten, die sich
eingefunden hatten, um ihren Proselyten zu unterstützen, waren nicht
wenig bestürzt. Die Commission erklärte Hough’s Wahl für ungültig und
suspendirte Fairfax von seiner Collegiatur; von Farmer aber war keine
Rede mehr und im August kam ein königliches Schreiben an, welches dem
Collegium den Bischof von Oxford, Parker, empfahl.
[_Parker zum Präsidenten empfohlen._] Parker war kein erklärter Papist.
Es lag jedoch ein Umstand gegen ihn vor, der, selbst wenn die
Präsidentur erledigt gewesen wäre, hätte entscheidend sein müssen: er
hatte weder dem Neuen Collegium noch dem Magdalenen-Collegium jemals
angehört. Aber die Präsidentur war gar nicht erledigt, denn Hough war
rechtskräftig gewählt und sämmtliche Mitglieder des Collegiums waren
eidlich verpflichtet, ihn in seinem Amte zu erhalten. Sie entschuldigten
sich daher mit vielen Versicherungen ihrer Loyalität und ihres
Bedauerns, daß sie dem Befehle des Königs nicht Folge leisten könnten.
[_Die Karthause._] Während Oxford so der Tyrannei energisch entgegen
trat, leistete man an einem andren Orte nicht weniger tapferen
Widerstand. Jakob hatte vor einiger Zeit den Administratoren der
Karthause, Männern von hohem Rang und Ansehen im Königreiche, den Befehl
gegeben, einen römischen Katholiken, Namens Popham, in das unter ihrer
Verwaltung stehende Hospital aufzunehmen. Der Vorsteher der Anstalt,
Thomas Burnet, ein durch Genie, Gelehrsamkeit und Tugend ausgezeichneter
Geistlicher, hatte, obgleich der wilde Jeffreys im Collegium saß, den
Muth, sie darauf aufmerksam zu machen, daß jene Zumuthung dem Willen des
Stifters sowohl als einer Parlamentsacte zuwiderlaufe. „Was thut dies
zur Sache?“ fragte ein dem Vorstande angehörender Höfling. „Ich meine,
es thut sehr viel zur Sache,“ antwortete eine von Alter und Sorgen
geschwächte Stimme, die aber in keiner Versammlung ohne Achtung gehört
wurde, die Stimme des ehrwürdigen Ormond. „Eine Parlamentsacte,“ fuhr
der Patriarch der Kavalierpartei fort, „ist meiner Ansicht nach keine
Kleinigkeit.“ Es wurde die Frage gestellt, ob Popham zugelassen werden
solle, und der Beschluß lautete auf seine Zurückweisung. Da der Kanzler
seinem Grolle nicht wohl durch Fluchen und Verwünschungen gegen Ormond
Luft machen konnte, so lief er in voller Wuth fort und mehrere von der
Minorität folgten ihm. In Folge dessen blieb keine beschlußfähige Anzahl
übrig und es konnte daher auf den königlichen Befehl keine formelle
Antwort gegeben werden.
Die nächste Sitzung fand nur zwei Tage, nachdem die Commission
Hough’s Wahl für ungültig erklärt und Fairfax suspendirt hatte,
statt. Die Administratoren erhielten einen zweiten Befehl mit dem
großen Staatssiegel; aber das tyrannische Verfahren gegen das
Magdalenen-Collegium hatte ihren Muth noch erhöht, anstatt ihn zu
schwächen. Sie setzten ein Schreiben an Sunderland auf, durch welches er
ersucht wurde, dem Könige mitzutheilen, daß sie im vorliegenden Falle
Seiner Majestät nicht gehorchen könnten, ohne das Gesetz und ihre
Amtspflicht zu verletzen.
Es dürfte kaum zu bezweifeln sein, daß, wenn diese Zuschrift nur von
unbedeutenden Männern unterzeichnet gewesen wäre, der König irgend einen
Gewaltschritt gethan haben würde. Aber selbst er erschrak beim Anblick
der großen Namen Ormond, Halifax, Danby und Nottingham, der Oberhäupter
aller Farben der großen Partei, der er seine Krone verdankte. Er
begnügte sich deshalb, Jeffreys zu bedeuten, daß er das weiter
einzuschlagende Verfahren in Erwägung ziehen solle. Einmal hieß es, es
werde ein Prozeß bei der Kings Bench anhängig gemacht werden, ein
andermal, die Kirchliche Commission werde den Fall in die Hand nehmen,
aber diese Drohungen verstummten nach und nach wieder.[15]
[Anmerkung 15: +A Relation of the Proceedings at the Charterhouse,
1689.+]
[_Rundreise des Königs._] Der Sommer war jetzt weit vorgerückt und der
König trat eine Reise an, die längste und glänzendste, die man seit
vielen Jahren gesehen hatte. Am 16. August begab er sich von Windsor
nach Portsmouth, besichtigte die Festungswerke, berührte einige mit
Kröpfen Behaftete und fuhr dann in einer seiner Yachten nach
Southampton. Von hier reiste er nach Bath, wo er sich einige Tage
aufhielt und die Königin zurückließ. Als er wieder abreiste, begleiteten
ihn der Obersheriff von Somersetshire und eine große Anzahl Gentlemen
bis an die Grenze der Grafschaft, wo ihn der Obersheriff von
Gloucestershire mit einem nicht minder glänzenden Gefolge erwartete. Der
Herzog von Beaufort kam bald darauf den königlichen Equipagen entgegen
und geleitete dieselben nach Badminton, wo ein des Rufes, den sich der
Herzog durch seinen glänzenden Haushalt erworben hatte, würdiges Mahl
für ihn angerichtet war. Am Nachmittag ging der Zug weiter nach
Gloucester. Zwei Meilen vor der Stadt wurde er vom Bischofe und der
Geistlichkeit bewillkommnet. Am Südthore erwartete ihn der Mayor mit den
Schlüsseln. Die Glocken gingen und aus allen Röhrtrögen floß Wein,
während der König durch die Straßen nach dem Platze zog, der die
ehrwürdige Kathedrale umgiebt. Er übernachtete in der Dechanei und brach
am folgenden Morgen nach Worcester auf. Von Worcester ging er nach
Ludlow, Shrewsbury und Chester, und wurde überall mit äußeren Zeichen
der Freude und Ehrerbietung empfangen, die er schwach genug war, als
Beweise zu betrachten, daß die durch seine Maßregeln hervorgerufene
Unzufriedenheit gedämpft sei und ihm ein leichter Sieg bevorstehe. Der
scharfblickendere Barillon benachrichtigte Ludwig, daß der König in
einer Täuschung befangen sei, daß die Reise keinen wirklichen Nutzen
gebracht habe und daß die nämlichen Gentlemen von Worcestershire und
Shropshire, die es für ihre Pflicht gehalten, ihren Souverain und Gast
mit allen Ehrenbezeigungen zu empfangen, sich so widerspenstig als je
zeigen würden, wenn die Testangelegenheit zur Sprache käme.[16]
Unterwegs schlossen sich dem königlichen Zuge zwei Höflinge an, die in
Character und Meinungen weit von einander verschieden waren. Penn war
auf einer geistlichen Hirtenreise in Chester. Seine Popularität und sein
Ansehen waren unter seinen Glaubensbrüdern tief gesunken, seitdem er ein
Werkzeug des Königs und der Jesuiten geworden war.[17] Jakob aber nahm
ihn sehr freundlich auf und er durfte am Sonntage im Ballhause einen
Vortrag halten, während Cartwright in der Kathedrale predigte und der
König an einem in der Grafschaftshalle errichteten Altare die Messe
hörte. Man sagt sogar, Seine Majestät habe geruht, einen Augenblick in
das Ballhaus einzutreten und der melodischen Beredtsamkeit seines
Freundes mit Anstand zuzuhören.[18]
Der wüthende Tyrconnel war von Dublin über den Kanal gekommen, um von
seiner Verwaltung Bericht zu erstatten. Alle achtungswertheren
englischen Katholiken behandelten ihn als einen Feind ihres Stammes und
als eine Schande ihrer Religion mit Kälte. Sein Gebieter aber hieß ihn
herzlich willkommen und entließ ihn mit Versicherungen seines
ungeschwächten Vertrauens und seiner steten Unterstützung. Jakob vernahm
mit großer Freude, daß bald die ganze Verwaltung Irlands in
römisch-katholischen Händen sein werde. Die englischen Ansiedler waren
schon ihrer ganzen politischen Macht beraubt, es blieb nur noch übrig,
sie auch ihres Eigenthums zu berauben, und diese letzte Gewaltthat wurde
so lange aufgeschoben, bis man sich die Mitwirkung eines irischen
Parlaments gesichert haben würde.[19]
Von Cheshire wendete sich der König nach dem Süden und in der festen
Überzeugung, daß die Fellows des Magdalenen-Collegiums es trotz ihres
widerspenstigen Geistes nicht wagen würden, einem ihnen mündlich
gegebenen Befehle den Gehorsam zu verweigern, reiste er nach Oxford. Auf
dem Wege dahin machte er einige kleine Abstecher nach Orten, die ihn als
König, als Bruder und als Sohn besonders interessirten. Er besuchte das
gastliche Dach von Boscobel und die Überreste der Eiche, die in der
Geschichte seines Hauses eine so wichtige Rolle spielt. Er fuhr über das
Schlachtfeld von Edgehill, wo die Kavaliere zuerst mit den Soldaten des
Parlaments die Schwerter kreuzten. Am 3. September speiste er mit großem
Gepränge im Palast von Woodstock, einem alten berühmten Schlosse, von
dem kein Stein mehr vorhanden ist, dessen Lage aber noch heute auf der
Wiese des Blenheimparks durch zwei unweit der stattlichen Brücke
stehende Platanen bezeichnet wird.
[Anmerkung 16: London Gazette vom 18. Aug. bis 1. Sept. 1687;
Barillon, 19.(29.) Sept.]
[Anmerkung 17: +„Penn, chef des Quakers, qu’on sait être dans les
intérêts du Roi d’Angleterre, est si fort décrié parmi ceux de son
parti qu’il n’ont plus aucune confiance en lui.“+ -- Bonrepaux an
Seignelay, 12.(22.) Sept. 1687. Gerhard Croese’s Zeugniß lautet
ganz ebenso: +„Etiam Quakeri Pennum non amplius, ut ante ita
amabant ac magnifaciebant, quidam aversabantur ac fugiebant.“ --
Historia Quakeriana, lib. II. 1695.+]
[Anmerkung 18: +Cartwright’s Diary, Aug. 30. 1687+; +Clarkson’s
Life of William Penn.+]
[Anmerkung 19: +London Gazette, Sept. 5.+; +Sheridan MS.+;
Barillon 6.(16.) Sept. 1687. +„Le Roi son maître,“+ sagt Barillon,
+„a témoigné une grande satisfaction des mesures qu’il a prises,
et a autorisé ce qu’il a fait en faveur des Catholiques. Il les
établit dans les emplois et les charges, en sorte que l’autorité
se trouvera bientôt entre leurs mains. Il reste encore beaucoup de
choses à faire en ce pays là pour retirer les biens injustement
ôtés aux Catholiques. Mais cela ne peut s’exécuter qu’avec le
temps et dans l’assemblée d’un parlement en Irlande.“+]
[_Der König in Oxford._] Am Abend erreichte er Oxford, wo er mit den
gewohnten Ehrenbezeigungen empfangen wurde. Die Studenten hatten sich in
ihrer akademischen Tracht vom Stadtthore bis an den Haupteingang des
Christchurch-Collegiums in einer Doppelreihe aufgestellt. Er stieg in
der Dechanei ab, wo er unter anderen Bequemlichkeiten eine zum Meßdienst
eingerichtete Kapelle vorfand.[20]
[Anmerkung 20: +London Gazette, Sept. 5, 8. 1687+.]
[_Er giebt den Collegiaten des Magdalenenstifts einen Verweis._] Den Tag
nach seiner Ankunft erhielten die Fellows des Magdalenen-Collegiums
Befehl, ihm ihre Aufwartung zu machen. Als sie vor ihm erschienen,
behandelte er sie mit einem Übermuth, wie ihn die puritanischen
Visitatoren gegen ihre Vorgänger nie bewiesen hatten. „Sie haben Sich
nicht wie Gentlemen gegen mich benommen,“ rief er aus; „Sie haben Sich
eben so unschicklich als ungehorsam gezeigt.“ Sie fielen auf die Knie
und überreichten ihm eine Petition. Er wollte sie nicht ansehen. „Ist
das die Loyalität Ihrer englischen Kirche? Ich hätte nicht gedacht, daß
so viele Geistliche der Kirche Englands sich bei einer solchen Sache
betheiligen könnten. Gehen Sie nach Hause, gehen Sie. Ich bin König und
ich verlange Gehorsam. Gehen Sie augenblicklich in Ihre Kapelle und
nehmen Sie den Bischof von Oxford auf. Und wehe Denen, die sich weigern,
sie sollen das ganze Gewicht meiner Hand fühlen, sie sollen erfahren,
was es heißt, sich die Ungnade seines Souverains zuziehen!“ Die noch
immer vor ihm knieenden Collegiaten reichten ihm wiederholt ihre
Petition dar. Er warf sie zornig zu Boden. „Gehen Sie, sage ich, ich
nehme nichts von Ihnen an, bis Sie den Bischof aufgenommen haben!“
Sie gingen und versammelten sich augenblicklich in ihrer Kapelle. Es
wurde die Frage gestellt, ob sie sich dem Befehle Seiner Majestät fügen
sollten. Smith war abwesend, nur Charnock antwortete mit Ja. Alle
übrigen Collegiaten erklärten, daß sie in allen gesetzlichen Dingen dem
Könige bereitwilligst gehorchen, ihre Statuten und ihre Eide aber nicht
verletzen würden.
Voll Zorn und Ärger über seine Niederlage verließ der König Oxford und
kehrte nach Bath zur Königin zurück. Seine Hartnäckigkeit und Willkür
hatte ihn in eine sehr schwierige Lage versetzt. Er hatte zu fest auf
die Wirkung seiner finstren Miene und seiner gebieterischen Rede
gerechnet und unbesonnenerweise nicht nur das Ansehen seiner Regierung,
sondern auch seine persönliche Würde aufs Spiel gesetzt. Konnte er
Unterthanen nachgeben, denen er mit erhobener Stimme und zornigen
Geberden gedroht hatte? Konnte er es auf der andren Seite wagen, an
einem Tage eine Anzahl achtungswerther Geistlicher aus ihrer Heimath zu
vertreiben, weil sie eine in den Augen der ganzen Nation heilige Pflicht
gethan hatten? Vielleicht gab es noch einen Ausweg aus dieser
Verlegenheit, vielleicht konnte das Collegium doch noch durch Drohungen,
durch Zureden oder durch Bestechung zur Unterwerfung gebracht werden.
[_Penn sucht zu vermitteln._] Man bediente sich Penn’s als Vermittler.
Er hatte zuviel Rechtsgefühl, als daß er das gewaltsame und ungerechte
Verfahren der Regierung hätte billigen können und er wagte es sogar,
einem Theile seiner Gedanken Worte zu geben. Jakob beharrte wie
gewöhnlich auf seinem Vorsatze, und der höfische Quäker that daher sein
Möglichstes, um das Collegium vom Pfade des Rechts abzuziehen. Zuerst
versuchte er es mit Einschüchterungen. Er sagte, der Gesellschaft drohe
der Untergang, denn der König sei im höchsten Grade aufgebracht. Es sei
allerdings ein schwerer Schritt für sie, das sahen die meisten Leute
ein; aber jedes Kind wisse auch, daß Seine Majestät seinen Willen gern
durchsetze und daß er Widerspruch nicht vertragen könne. Penn ermahnte
daher die Collegiaten, nicht auf die Gerechtigkeit ihrer Sache zu
pochen, sondern sich zu fügen oder wenigstens zu temporisiren. Ein
solcher Rath klang sonderbar aus dem Munde eines Mannes, der selbst von
der Universität vertrieben worden war, weil er wegen des Chorhemds einen
Tumult hervorgerufen, der sich lieber der Gefahr der Enterbung
ausgesetzt hatte, als daß er sich entschloß, vor einem königlichen
Prinzen den Hut abzunehmen und der wegen seiner in Conventikeln
gehaltenen Reden mehr als einmal in’s Gefängniß geschickt worden war. Es
gelang ihm jedoch nicht, die Magdalenen-Collegiaten zu schrecken. In
Antwort auf seine drohenden Winke wurde er daran erinnert, daß unter der
vorigen Generation vierunddreißig von den vierzig Collegiaten lieber mit
Freuden ihre geliebten Kreuzgänge und Gärten, ihre Halle und ihre
Kapelle verlassen hätten und fortgegangen seien, ohne zu wissen wo sie
ein Mahl oder ein Nachtlager finden würden, als daß sie ihren
Unterthaneneid gebrochen hätten. Jetzt verlange der König die Verletzung
eines andren Eides von ihnen, aber er solle erfahren, daß der alte Geist
noch nicht erstorben sei.
Penn zog nun gelindere Saiten auf. Er hatte eine Besprechung mit Hough
und einigen Collegiaten und begann endlich nach vielen Versicherungen
von Theilnahme und Freundschaft die Möglichkeit eines Vergleichs in
Aussicht zu stellen. Der König vertrage nun einmal keinen Widerspruch,
sagte er, das Collegium müsse nachgeben und Parker annehmen. Aber seine
Gesundheit sei schwankend und alle seine Ämter würden voraussichtlich
bald erledigt sein. „Doctor Hough,“ setzte er hinzu, „kann dann Bischof
von Oxford werden. Wie würde Ihnen das gefallen, meine Herren?“ Penn
hatte während seines ganzen Lebens gegen eine Miethlingsgeistlichkeit
gepredigt. Er hielt sich für verpflichtet, die Entrichtung von Zehnten
zu verweigern, und dies selbst als er mit Zehnten belastete Ländereien
gekauft hatte und ihm der Betrag der Zehnten von der Kaufsumme
nachgelassen worden war. Nach seinen eigenen Grundsätzen würde er eine
große Sünde begangen haben, wenn er sich dabei betheiligt hätte, dem
frömmsten Geistlichen selbst unter den ehrenvollsten Bedingungen eine
Pfründe zu verschaffen. Aber sein Character war durch schlechte
Gesellschaft so verdorben und sein Verstand durch übermäßigen Eifer für
einen einseitigen Zweck so verdunkelt, daß er keinen Anstand nahm, bei
einer Simonie von ganz besonders unehrenhafter Art den Unterhändler
abzugeben und ein Bisthum als Köder zu benutzen, um einen Geistlichen
zum Eidbruche zu verführen. Hough erwiederte mit höflicher
Geringschätzung, daß er von der Krone nichts weiter verlange als
einfache Gerechtigkeit. „Wir sind an unsere Statuten und unsere Eide
gebunden,“ sagte er; „aber auch ganz abgesehen von unseren Statuten und
unseren Eiden fühlen wir uns verpflichtet, unsren Glauben zu
vertheidigen. Die Papisten haben uns schon das University-Collegium und
das Christchurch-Collegium geraubt, jetzt greifen sie auch das
Magdalenen-Collegium an. Sie werden bald Alles haben.“
Penn war so unbesonnen, hierauf zu antworten, daß er ernstlich glaube,
die Papisten würden nun zufrieden sein. „Das University-Collegium,“
sagte er, „ist ein schönes Collegium, Christchurch ein vortrefflicher
Platz und Magdalenen ein herrliches Gebäude. Die Lage ist angenehm, die
Gartenanlagen am Flusse reizend. Wenn die Katholiken vernünftig sind,
werden sie sich damit begnügen.“ Diese alberne Erklärung würde allein
schon Hough und seine Collegen in die Unmöglichkeit versetzt haben,
nachzugeben. Die Unterhandlung wurde abgebrochen, und der König beeilte
sich, seiner Drohung gemäß die Ungehorsamen fühlen zu lassen, was es
hieß, sich seine Ungnade zuziehen.
[_Eine kirchliche Specialcommission wird nach Oxford gesandt._]
Cartwright, Bischof von Chester, Wright, Oberrichter der Kings Bench,
und Sir Thomas Jenner, ein Baron des Schatzkammergerichts, erhielten
eine Specialvollmacht zur Visitation des Collegiums. Am 20. October
kamen sie in Oxford an, begleitet von drei Schwadronen Kavalerie mit
gezogenen Säbeln. Am folgenden Morgen nahmen die Commissare im Hörsaale
des Magdalenen-Collegiums ihre Sitze ein und Cartwright hielt eine
loyale Rede, welche noch vor wenigen Jahren von den Oxfordern mit lautem
Beifall aufgenommen worden wäre, die aber jetzt mit stummem Unwillen
angehört wurde. Es erfolgte hierauf eine lange Debatte. Der Präsident
vertheidigte seine Rechte mit Geschick, Mäßigung und Entschiedenheit. Er
versicherte seine hohe Achtung vor der königlichen Autorität, behauptete
aber fest, daß er nach den Gesetzen Englands ein Eigenthumsrecht an das
Haus und an die mit der Präsidentur verbundenen Einkünfte habe. Dieses
Rechts könne ihn ein Machtspruch des Landesherrn nicht berauben. „Wollen
Sie sich unsrer Visitation unterwerfen?“ fragte der Bischof. „Ich
unterwerfe mich derselben,“ antwortete Hough mit weiser Vorsicht, „in so
weit sie mit dem Gesetz im Einklange steht, weiter nicht.“ -- „Wollen
Sie den Schlüssel zu Ihrer Wohnung ausliefern?“ fragte Cartwright. Hough
schwieg. Die Frage wurde wiederholt, und Hough antwortete nun mild aber
entschieden, daß er dies nicht thun werde. Die Commissare nannten ihn
einen unberufenen Eindringling und forderten die Collegiaten auf, seine
Autorität nicht mehr anzuerkennen und für die Aufnahme des Bischofs von
Oxford zu stimmen. Charnock versprach bereitwilligst Gehorsam, Smith gab
eine ausweichende Antwort, die Hauptmasse der Collegiaten aber erklärte
auf das Bestimmteste, daß sie Hough noch immer als ihren rechtmäßigen
Präsidenten betrachteten.
[_Hough’s Protest._] Jetzt bat Hough um die Erlaubniß, selbst noch
einige Worte an die Commissare richten zu dürfen. Sie bewilligten ihm
dies sehr artig, vielleicht weil sie nach seinem ruhigen und gelassenen
Benehmen erwarteten, daß er ein Zugeständniß machen werde. „Mylords,“
sprach er, „Sie haben mich heute meines freien Eigenthums beraubt; ich
protestire hiermit gegen Ihr ganzes Verfahren als gesetzwidrig,
ungerecht und nichtig und appellire an unsren erlauchten Gebieter, den
König, in seinen Gerichtshöfen.“ Ein lautes beifälliges Gemurmel erhob
sich unter den Studirenden, welche den Saal füllten. Die Commissare
waren wüthend. Man suchte die Verbrecher, welche applaudirt hatten,
herauszufinden, aber vergebens. Der ganze Zorn der Commission richtete
sich nun gegen Hough. „Glauben Sie nicht, daß Sie uns trotzen können,“
rief Jenner mit einem Wortspiel auf den Namen des Präsidenten.[21] „Ich
werde die Autorität Seiner Majestät aufrecht erhalten, so lange ich
Athem in meiner Brust habe,“ setzte Wright hinzu. „Das Alles kommt von
Ihrem nach Popularität haschenden Protest. Sie haben den Landfrieden
gebrochen und sollen sich dafür vor der Kings Bench verantworten. Ich
verpflichte Sie bei Strafe von tausend Pfund, beim nächsten Termine zu
erscheinen. Wir wollen sehen, ob die Civilgewalt Sie nicht bändigen
wird. Reicht sie nicht aus, so sollen Sie auch die militairische haben.“
Oxford befand sich in der That in einer Stimmung, welche die Commissare
nicht wenig beunruhigte. Die Soldaten erhielten Befehl, ihre Carabiner
zu laden, und man sagte, es sei ein expresser Bote nach London geschickt
worden, um schleunige Nachsendung von Verstärkungen zu verlangen. Es
fand jedoch keine Ruhestörung statt.