an, als er sich zornig von seinem Parlament trennte, auf eine Coalition
aller katholischen wie protestantischen Nonconformisten gegen die
Landeskirche zu denken. Schon um Weihnachten 1685 meldeten die Gesandten
der Vereinigten Provinzen den Generalstaaten, daß der Plan einer
allgemeinen Duldung entworfen sei und bald ans Licht treten werde.[25]
Indessen erwiesen sich die Nachrichten, welche der holländischen
Gesandtschaft zugekommen waren, als verfrüht. Die Separatisten scheinen
jedoch im Jahre 1686 schon viel milder behandelt worden zu sein, als
während des Jahres 1685. Aber nur ganz allmälig und nach vielen inneren
Kämpfen vermochte es der König über sich, mit Allem, was er am meisten
verabscheute, ein Bündniß zu schließen. Er hatte einen nicht
oberflächlichen und launenhaften, nicht erst kürzlich entstandenen oder
rasch aufgeschossenen, sondern in seiner Familie erblichen Groll zu
überwinden, welcher durch große, während hundertzwanzig ereignißvoller
Jahre zugefügte und erlittene Unbilden verstärkt worden und mit allen
seinen religiösen und politischen, häuslichen und persönlichen Gefühlen
verwachsen war. Vier Generationen von Stuarts hatten mit vier
Generationen von Puritanern einen Krieg auf Leben und Tod geführt, und
während dieses ganzen langen Krieges hatte kein Stuart die Puritaner so
stark gehaßt, und war so stark von ihnen gehaßt worden, als er. Sie
hatten es versucht, seine Ehre zu untergraben und ihn seines
Geburtsrechts zu berauben; sie hatten ihn einen Brandstifter, einen
Kehlabschneider und einen Giftmischer genannt; sie hatten ihn aus der
Admiralität und aus dem Staatsrathe verdrängt; sie hatten ihn zu
wiederholten Malen in die Verbannung getrieben, sie hatten einen
Mordanschlag auf ihn gemacht, und sie hatten sich zu Tausenden mit
bewaffneter Hand gegen ihn erhoben. Dafür hatte er sich an ihnen durch
ein Gemetzel gerächt, wie es England noch nie gesehen. Ihre Köpfe und
Glieder verwesten noch auf Pfählen auf allen öffentlichen Plätzen von
Somersetshire und Dorsetshire. Bejahrte Frauen, die wegen ihrer
Frömmigkeit und Mildthätigkeit von den Sectirern in hohen Ehren gehalten
wurden, waren um geringfügiger Vergehen willen, die kein guter Fürst nur
eines strengen Verweises werth gehalten haben würde, enthauptet oder
lebendig verbrannt worden. In einem solchen Verhältnisse hatte selbst in
England der König zu den Puritanern gestanden, und in Schottland hatte
die Tyrannei des Königs und die Wuth der Puritaner einen Grad erreicht,
von dem sich die Engländer kaum einen Begriff machen konnten. Einen so
langjährigen und so tödtlichen Haß zu vergessen, war für einen ganz
besonders harten und unversöhnlichen Character keine leichte Aufgabe.
Der Kampf, der im Innern des Königs stattfand, entging dem Blicke
Barillon’s nicht. Ende Januar 1687 schrieb er einen interessanten Brief
nach Versailles. Der König -- dies war der wesentliche Inhalt des
Schreibens -- habe sich so ziemlich überzeugt, daß er nicht völlige
Freiheit für die römischen Katholiken erlangen und dabei doch die
Gesetze gegen die protestantischen Dissenters aufrecht erhalten könne.
Er neige sich daher zu einem Plane allgemeiner Indulgenz hin, im Herzen
aber würde es ihm weit lieber sein, wenn er auch jetzt noch seinen
Schutz und seine Gunst zwischen der römischen und der anglikanischen
Kirche, mit Ausschluß aller anderen religiösen Überzeugungen, theilen
könnte.[26]
[Anmerkung 25: Leeuwen, 25. Dec. (4. Jan.) 1685/6.]
[Anmerkung 26: Barillon, 31. Jan. (10. Febr.) 1686/7. +„Je crois
que, dans le fond, si on ne pouvoit laisser que la religion
Anglicane et la Catholique établies par les loix, le Roy
d’Angleterre en seroit bien plus content.“+]
[_In Schottland theilweise Duldung gewährt._] Wenige Tage nach dem
Abgang dieser Depesche that Jakob zögernd und widerstrebend den ersten
Schritt zur Annäherung an die Puritaner. Er hatte sich entschlossen, mit
Schottland zu beginnen, wo seine Befugniß, von Parlamentsacten zu
dispensiren, von den willfährigen Ständen anerkannt war. Demgemäß wurde
am 12. Februar in Edinburg eine Proklamation erlassen, welche
ängstlichen Gewissen eine Erleichterung gewährte.[27] Diese Proklamation
beweist vollkommen die Richtigkeit von Barillon’s Urtheil. Selbst in der
Acte, durch die er den Presbyterianern Zugeständnisse machte, konnte
Jakob seinen Widerwillen gegen sie nicht verhehlen. Die den Katholiken
gewährte Duldung war vollkommen. Auch die Quäker hatten wenig Ursache
sich zu beklagen. Aber die den Presbyterianern, welche die Hauptmasse
des schottischen Volks bildeten, bewilligte Indulgenz war durch
Bedingungen beschränkt, die sie fast werthlos machten. An die Stelle des
bisherigen Religionseides, der sowohl Katholiken als Presbyterianer von
Staatsämtern ausschloß, war ein neuer Religionseid gesetzt, der die
Katholiken zuließ, aber die meisten Presbyterianer ausschloß. Den
Katholiken war es erlaubt, Kapellen zu erbauen und sogar die Hostie
überall, mit Ausnahme der Straßen in königlichen Burgflecken, in
Prozession umherzutragen; den Quäkern war es gestattet, sich in
öffentlichen Gebäuden zu versammeln; die Presbyterianer aber durften nur
in Privatwohnungen Gottesdienst halten; es war ihnen streng verboten,
Bethäuser zu bauen, sie durften nicht einmal eine Scheune oder ein
Nebenhaus zu Andachtsübungen benutzen, und es ward ihnen nachdrücklich
eingeschärft, daß, wenn sie es wagten, Conventikel unter freiem Himmel
zu hatten, das Gesetz, welches sowohl den Predigern als den Zuhörern mit
dem Tode drohte, mit schonungsloser Strenge angewendet werden sollte.
Jeder katholische Priester durfte Messe lesen, jeder Quäker durfte vor
seinen Glaubensbrüdern Reden halten; aber der Geheime Rath war
angewiesen, darüber zu wachen, daß kein presbyterianischer Geistlicher
sich unterfange, ohne specielle Erlaubniß der Regierung zu predigen.
Jede Zeile dieses Dokuments und der dasselbe begleitenden Briefe
beweist, wie schwer es dem Könige wurde, nur einigermaßen die Härte zu
mildern, mit der er die alten Feinde seines Hauses von jeher behandelt
hatte.[28]
Man hat wirklich Grund zu glauben, daß er bei Veröffentlichung dieser
Proklamation noch keineswegs zu einer Coalition mit den Puritanern fest
entschlossen war und daß er ihnen zuvörderst nur eben so viele
Begünstigungen gewähren wollte, als durchaus nöthig waren, um die
Anhänger der Landeskirche durch Einschüchterung zum Gehorsam zu bringen.
Er wartete daher einen Monat, um zu sehen, welchen Eindruck das in
Edinburg erlassene Edict in England machen werde. Diesen Monat
verwendete er auf Petre’s Rath eifrig zu dem, was man +closeting+[29]
nannte.
[Anmerkung 27: Sie ist zu finden im Anfange zu Wodrow II. 129.]
[Anmerkung 28: +Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 128, 129, 132.+]
[Anmerkung 29: Persönliche Bearbeitung Einzelner im Privatkabinet
des Königs. D. Übers.]
[_Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet._] London war
voll von geeigneten Persönlichkeiten. Man erwartete die baldige
Zusammenberufung des Parlaments zur Erledigung von Geschäften, und viele
Mitglieder waren bereits in der Stadt. Der König nahm sich vor, sie Mann
für Mann zu werben. Er hoffte, daß die eifrigen Tories -- und aus
solchen bestand das Unterhaus mit wenigen Ausnahmen -- seinen dringenden
Bitten schwer würden widerstehen können, wenn er dieselben nicht an die
Gesammtheit, sondern an jeden Einzelnen, und nicht vom Thronsessel
herab, sondern im vertraulichen Gespräch an sie richtete. Die
Mitglieder, welche nach Whitehall kamen, um ihre Aufwartung zu machen,
wurden demnach auf die Seite genommen und mit langen Privatunterredungen
beehrt. Der König drang in sie, daß sie, als loyale Gentlemen, ihm nur
in dem einem Punkte, der ihm mehr als alles Andre am Herzen liege, den
Willen thun möchten. Er meinte, die Sache berühre seine persönliche
Ehre. Die unter der vorigen Regierung von factiösen Parlamenten gegen
die Katholiken erlassenen Verordnungen seien lediglich gegen ihn selbst
gerichtet gewesen; diese Gesetze hätten ihm ein Brandmal aufgedrückt,
ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe vertrieben, und er sei
berechtigt, zu erwarten, daß Alle, die ihn liebten und ehrten, sich zur
Abschaffung jener Gesetze vereinigen würden. Sah er, daß seine Zuhörer
gegen diese Ermahnungen taub blieben, so nahm er seine Zuflucht zu
Drohungen und Bestechungen. Denjenigen, die sich weigerten, ihm in
dieser Angelegenheit zu Willen zu sein, wurde geradezu gesagt, daß sie
keine Gunstbezeigung zu erwarten hätten. Trotz seiner Knauserei öffnete
und vertheilte er seine Schätze. Mehrere von Denen, die zu einer
Conferenz mit ihm eingeladen worden waren, nahmen aus seinem
Schlafzimmer Geld mit fort, das sie aus königlicher Hand empfangen
hatten. Die Richter, die sich gerade auf ihrer Frühjahrsrundreise
befanden, erhielten Befehl vom Könige, die noch in der Provinz
zurückgebliebenen Mitglieder zu besuchen und die Gesinnungen jedes
Einzelnen zu erforschen.
[_Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung._] Das Resultat aller
dieser Nachforschungen war, daß die große Majorität des Hauses der
Gemeinen entschlossen zu sein schien, sich den Maßregeln des Hofes zu
widersetzen.[30] Einer von Denjenigen, deren Festigkeit allgemeine
Bewunderung erregten, war Arthur Herbert, der Bruder des Oberrichters,
Parlamentsmitglied für Dover, Kammerherr und Contreadmiral von England.
[Anmerkung 30: Barillon, 28. Febr. (10. März) 1686/7; Citters,
15.(25.) Febr.; +Reresby’s Memoirs+; Bonrepaux, 25. Mai (4. Juni)
1687.]
[_Admiral Herbert._] Arthur Herbert war bei den Seeleuten sehr beliebt
und galt für einen der tüchtigsten adeligen Marineoffiziere. Man hatte
allgemein vermuthet, daß er sich den Wünschen des Königs bereitwillig
fügen werde, denn er fragte wenig nach der Religion, war
vergnügungslustig und verschwenderisch, hatte kein Privatvermögen, bezog
aus seinen Stellen ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund und
wurde seit langer Zeit zu den ergebensten persönlichen Anhängern Jakob’s
gerechnet. Als aber der Contreadmiral im Privatkabinet vorgenommen und
das Versprechen von ihm verlangt wurde, daß er für die Aufhebung der
Testacte stimmen wolle, antwortete er, seine Ehre und sein Gewissen
erlaubten ihm nicht, ein solches Versprechen zu geben. „Niemand zweifelt
an Ihrer Ehre“, sagte der König, „aber ein Mann, der so lebt wie Sie,
sollte nicht von seinem Gewissen sprechen.“ Auf diesen Vorwurf, einen
Vorwurf, der dem Geliebten der Katharine Sedley übel anstand, erwiederte
Herbert mit männlicher Offenheit: „Ich habe meine Fehler, Sire, aber ich
könnte Leute nennen, welche viel häufiger von ihrem Gewissen sprechen
als ich und dabei ein eben so lockeres Leben führen.“ Er wurde aller
seiner Stellen entsetzt und die Rechnung über seine Ausgaben und
Einnahmen als Kammerherr wurden mit großer und, wie er klagte,
ungerechter Strenge geprüft.[31]
Es war jetzt augenscheinlich, daß jede Hoffnung auf ein Bündnis zwischen
der anglikanischen und römischen Kirche zu dem Zwecke, die Ämter und
Einnahmen unter sich zu theilen und die puritanischen Secten zu
unterdrücken, aufgegeben werden mußte. Es blieb weiter nichts übrig, als
der Versuch, eine Koalition zwischen der römischen Kirche und den
puritanischen Secten gegen die anglikanische Kirche zu Stande zu
bringen.
[Anmerkung 31: Barillon, 14.(24.) März 1687; Lord Russell an +Dr.+
Fitzwilliam, 1. April; +Burnet I. 671, 672+. In +Clarke’s Life of
James the Second, II. 204+ ist die Unterredung etwas anders
erzählt. Diese Stelle aber ist kein Theil der eigenen Memoiren des
Königs.]
[_Die Indulgenzerklärung._] Am 18. März kündigte der König dem Geheimen
Rathe an, daß er beschlossen habe, das Parlament bis Ende November zu
prorogiren und allen seinen Unterthanen aus eigner Machtvollkommenheit
völlige Gewissensfreiheit zu gewähren.[32] Am 4. April erschien die
denkwürdige Indulgenzerklärung.
In dieser Erklärung sagte der König, es sei sein innigster Wunsch, seine
Unterthanen als Mitglieder derjenigen Kirche zu sehen, der er selbst
angehöre. Da dies aber nicht sein könne, erkläre er, daß es seine
Absicht sei, sie in der freien Ausübung ihrer Religion zu schützen. Er
wiederholte alle die schönen Redensarten, welche acht Jahre früher, als
er selbst ein Unterdrückter war, so oft aus seinem Munde kamen, die er
aber nicht mehr gebrauchte, seitdem ein Wechsel des Glücks ihm die Macht
verliehen hatte, selbst ein Unterdrücker zu werden. Er sei schon längst
überzeugt, sagte er, daß man dem Gewissen keinen Zwang anthun dürfe, daß
Verfolgungen der Zunahme der Bevölkerung und dem Handel nachtheilig
seien und nie zu dem Zwecke führten, den die Verfolger erreichen
wollten. Er wiederholte das schon oft gegebene und eben so oft
gebrochene Versprechen, daß er die Staatskirche im Genusse ihrer
gesetzlichen Rechte schützen wolle. Hierauf erklärte er, ebenfalls aus
eigner Machtvollkommenheit, eine lange Reihe von Gesetzen für null und
nichtig, hob alle Strafbestimmungen gegen alle Klassen von
Nonconformisten auf, ermächtigte die römischen Katholiken wie auch die
protestantischen Dissenters, ihren Gottesdienst öffentlich zu halten,
verbot seinen Unterthanen bei Strafe seines allerhöchsten Mißfallens,
irgend eine religiöse Versammlung zu stören, und schaffte auch alle
diejenigen Gesetze ab, welche die Befähigung zu bürgerlichen und
militairischen Ämtern von einem Religionseide abhängig machten.[33]
Daß die Indulgenzerklärung verfassungswidrig war, darüber sind beide
große Parteien Englands zu allen Zeiten einig gewesen. Jeder, der in
politischen Fragen ein Urtheil hat, muß einsehen, daß ein Fürst, der
eine solche Erklärung erlassen darf, nichts Geringeres ist als ein
absoluter Monarch. Auch kann man zur Vertheidigung dieser Handlung
Jakob’s nicht die Gründe geltend machen, mit denen viele willkürliche
Maßregeln der Stuarts vertheidigt oder entschuldigt worden sind. Man
kann nicht sagen, daß er den Umfang seiner Prärogative verkannt habe,
weil sie nicht genau bestimmt gewesen sei, denn er überschritt die
Grenze angesichts einer ganz kürzlich erst festgestellten Grenzmarke.
Funfzehn Jahre früher hatte sein Bruder auf Anrathen der Cabale auch
eine Indulgenzerklärung erlassen, welche im Vergleich zu der Erklärung
Jakob’s gemäßigt und vorsichtig genannt werden konnte. Die Erklärung
Karl’s dispensirte nur von Strafgesetzen, die Erklärung Jakob’s
dispensirte auch von allen Religionseiden. Die Erklärung Karl’s
gestattete den Katholiken, nur in Privatwohnungen ihren Gottesdienst zu
halten, nach der Erklärung Jakob’s konnten sie Tempel bauen und
ausschmücken und sogar mit Kreuzen, Bildern und Rauchfässern in
Prozession durch Fleet Street ziehen. Dennoch war die Erklärung Karl’s
in alter Form für gesetzwidrig erklärt worden. Die Gemeinen hatten sich
dahin ausgesprochen, daß der König nicht befugt sei, in kirchlichen
Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Karl hatte hierauf das
mißliebige Schriftstück vor seinen Augen vernichten lassen, hatte mit
eigner Hand das Siegel davon abgerissen und sowohl durch eine von ihm
eigenhändig unterschriebene Botschaft als auch mündlich vom Throne herab
in vollem Parlament beiden Häusern fest versprochen, daß der Schritt,
der so großen Anstoß gegeben, als nie geschehen betrachtet werden solle.
Die beiden Häuser hatten dann ohne eine einzige opponirende Stimme eine
gemeinschaftliche Dankadresse für diese Erfüllung ihrer Wünsche an ihn
gerichtet. Nie war eine Verfassungsfrage mit reiflicherer Erwägung, mit
unzweideutigerer Klarheit und mit vollkommnerer Einhelligkeit
entschieden worden.
Jakob’s Vertheidiger haben zu seiner Entschuldigung häufig das
Erkenntniß anführt, welches der Gerichtshof der Kings Bench in der
abgekarteten Klage gegen Sir Eduard Hales abgab; aber dieser
Entschuldigungsgrund hat gar kein Gewicht. Jakob hatte diesen Ausspruch
notorisch durch Bitten, durch Drohungen, durch Entlassung gewissenhafter
Beamten und durch Besetzung der Richterbank mit anderen höfischer
gesinnten Richtern erlangt. Und obgleich dieses Erkenntniß von der
Advokatur wie von der Nation allgemein für verfassungswidrig erklärt
wurde, erstreckte es sich doch nur so weit, daß der König aus besonderen
Staatsgründen einzelnen Individuen Dispensationen von ausschließenden
Gesetzen bewilligen dürfe. Daß er durch ein Alles über den Haufen
werfendes Edict alle seine Unterthanen ermächtigen konnte, ganze Bände
von Gesetzen nicht mehr zu befolgen, dies hatte kein Gerichtshof
angesichts der feierlichen Entscheidung des Parlaments von 1673 zu
behaupten gewagt.
[Anmerkung 32: +London Gazette, March 21, 1686/7.+]
[Anmerkung 33: +London Gazette, April 7+. 1087.]
[_Stimmung der protestantischen Dissenters._] Die Stellung der Parteien
war jedoch von der Art, daß Jakob’s Indulgenzerklärung, obgleich der
kühnste von allen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit,
wohl geeignet war, gerade demjenigen Theile der Gesellschaft zu
gefallen, der allen anderen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche
Freiheit den beharrlichsten Widerstand entgegengesetzt hatte. Es stand
kaum zu erwarten, daß der durch ein hartes und streng gehandhabtes
Gesetzbuch von seinen Landsleuten getrennte protestantische
Nonconformist geneigt sein werde, die Gültigkeit eines Erlasses zu
bestreiten, der ihn von unerträglichen Bedrückungen erlöste. Ein kalter
und philosophischer Beobachter würde ohne Zweifel erklärt haben, daß
alles Übel, das aus allen intoleranten Gesetzen, welche je von
Parlamenten erlassen wurden, hervorgehen könne, nicht zu vergleichen sei
mit dem Unheil, welches durch eine Übertragung der gesetzgebenden Gewalt
vom Parlament auf den Souverain entstehen würde. Aber eine so ruhige und
philosophische Überlegung kann man nicht von Leuten erwarten, die unter
einem vorhandenen Drucke seufzen und denen die lockende Aussicht auf
sofortige Erleichterung dargeboten wird. Ein puritanischer Theolog
konnte allerdings nicht leugnen, daß die jetzt von der Krone
beanspruchte Dispensationsgewalt mit den Grundprinzipien der
Verfassung unvereinbar war. Aber es war vielleicht zu entschuldigen,
wenn er fragte, was die Verfassung eigentlich für ihn sei. Die
Gleichförmigkeitsacte hatte ihn trotz königlicher Versprechungen von
einer Pfründe vertrieben, die sein rechtmäßiges Eigenthum war, und hatte
ihn in Armuth und Abhängigkeit zurückgeworfen. Die Fünfmeilenacte hatte
ihn von seiner Heimath, von seinen Verwandten, von seinen Freunden, von
fast jedem öffentlichen Zufluchtsorte verbannt. Kraft der
Conventikelacte war er seines Vermögens beraubt und aus einem
schmutzigen Kerker in den andren mitten unter Straßenräuber und Diebe
geworfen worden. Außerhalb des Gefängnisses wurde er beständig von den
Gerichtsdienern verfolgt; er hatte Angeber durch Geldgeschenke zum
Schweigen bringen, hatte sich in schimpflicher Verkleidung durch Fenster
und Fallthüren heimlich zu seiner Gemeinde schleichen müssen, und
während er das geweihte Wasser auf den Täufling sprengte oder das Brod
des heiligen Abendmahls austheilte, hatte er in beständiger Angst auf
das Zeichen horchen müssen, welches ihm sagte, daß die Sbirren der
Justiz sich näherten. War es nicht bitterer Hohn, einen so
ausgeplünderten und bedrückten Mann aufzufordern, daß er für das
Eigenthum und die Freiheit seiner Plünderer und Bedrücker zum Märtyrer
werden solle? Mochte die Indulgenzerklärung seinen glücklichen Nachbarn
noch so despotisch erscheinen, ihm brachte sie Erlösung. Er wurde
aufgefordert, nicht zwischen der Freiheit und der Knechtschaft, sondern
zwischen zwei Jochen zu wählen, und es wäre nicht unnatürlich gewesen,
wenn er das Joch des Königs für erträglicher gehalten hätte als das der
Kirche.
[_Stimmung der anglikanischen Kirche._] Während solche Gedanken die
Gemüther vieler Dissenters beschäftigten, war die anglikanische Partei
in Angst und Bestürzung. Diese neue Wendung der Dinge war in der That
beunruhigend. Das Haus Stuart im Bunde mit republikanischen und
königsmörderischen Secten gegen die alten Kavaliere Englands; der
Papismus im Bunde mit dem Puritanismus gegen ein kirchliches System, an
welchem die Puritaner nichts weiter auszusetzen hatten, als daß es
zuviel Papistisches beibehalten: das waren Zeichen und Wunder, welche
alle Berechnungen der Staatsmänner über den Haufen warfen. Die Kirche
sollte also mit einem Male von allen Seiten angegriffen werden, und zwar
unter der Leitung Dessen, der ihrer Verfassung nach ihr Oberhaupt war.
Es war kein Wunder, wenn sie von Erstaunen und Entsetzen ergriffen
wurde. Und zu dem Erstaunen und dem Entsetzen gesellten sich noch andere
bittere Gefühle: Groll gegen den meineidigen Fürsten, dem sie nur zu
treu gedient, und Reue über die Grausamkeiten, die sie in Gemeinschaft
mit ihm verübt hatte und für die er sie jetzt, wie es schien, bestrafen
wollte. Ihre Strafe war gerecht, sie erntete was sie gesäet hatte. Als
nach der Restauration ihre Macht den Höhepunkt erreicht, hatte sie nur
Rache geschnaubt. Sie hatte die Stuarts aufgefordert, gedrängt, fast
gezwungen, die kürzlich geleisteten Dienste der Presbyterianer mit
schnödem Undanke zu vergelten. Hätte sie sich in jener Zeit ihrer
höchsten Blüthe, wie es ihr geziemte, ihrer Feinde angenommen, so würde
sie jetzt, in der Zeit der Noth, Freunde in ihnen gefunden haben.
Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte sie noch die
Taktik ihres Bedrückers gegen ihn selbst kehren. Es gab unter den
Anglikanern eine gemäßigte Partei, welche den protestantischen
Dissenters immer freundlich gesinnt gewesen war. Allerdings war diese
Partei nicht zahlreich, aber die Talente, Kenntnisse und Tugenden ihrer
Mitglieder machten sie achtunggebietend. Sie war von den höchsten
Würdenträgern der Kirche nicht mit günstigem Auge betrachtet und von den
Frömmlern aus der Schule Laud’s schonungslos verunglimpft worden; aber
von dem Tage, an welchem die Indulgenzerklärung erschien, bis zu dem
Tage, wo Jakob’s Macht aufhörte Schrecken einzuflößen, schien die ganze
Kirche von dem Geiste der verleumdeten Latitudinarier beseelt zu sein
und von ihren Rathschlägen geleitet zu werden.
[_Der Hof und die Kirche._] Nun folgte eine Art von Versteigerung, die
sonderbarste, von der uns die Geschichte erzählt. Der König auf der
einen, die Kirche auf der andren Seite begannen einander zu überbieten,
um die Gunst Derer zu erlangen, zu deren Unterdrückung sie bis dahin
verbündet gewesen waren. Die protestantischen Dissenters, die noch vor
wenigen Monaten eine verachtete und geächtete Klasse gewesen waren,
hielten jetzt die Wage der Macht in ihrer Hand. Die Härte, mit der sie
behandelt worden waren, wurde allgemein verdammt. Der Hof suchte die
ganze Schuld auf die Hierarchie zu wälzen, und die Hierarchie warf sie
zurück auf den Hof. Der König erklärte, daß er die Separatisten wider
Willen nur deshalb verfolgt habe, weil seine Angelegenheiten in einem
Zustande gewesen wären, bei dem er es nicht hatte wagen dürfen, dem
Klerus der Staatskirche zu nahe zu treten. Dieser versicherte, daß er
nur aus Ehrerbietung vor der Autorität des Königs an einer Strenge Theil
genommen habe, die seinen Gefühlen durchaus fremd sei. Der König brachte
eine Sammlung von Anekdoten von Rectoren und Vikaren zusammen, welche
durch Androhung von Verfolgung von protestantischen Dissenters Geld
erpreßt hatten. Er sprach häufig und öffentlich über diesen Gegenstand,
drohte mit einer Untersuchung, welche die Pfarrer der ganzen Welt in
ihrem wahren Character zeigen werde und erließ in der That mehrere
Verordnungen, durch welche Agenten, auf die er sich verlassen zu können
glaubte, ermächtigt wurden, den Betrag der Summen zu ermitteln, welche
in verschiedenen Landestheilen von Bekennern der herrschenden Religion
Sectirern abgepreßt worden waren. Die Vertheidiger der Landeskirche
führten dagegen Beispiele von rechtschaffenen Pfarrern an, welche vom
Hofe Verweise und Drohungen erhalten, weil sie auf der Kanzel
Duldsamkeit empfohlen und sich geweigert hatten, kleine Gemeinden von
Nonconformisten auszuspüren und zu Tode zu hetzen. Der König behauptete,
daß einige Mitglieder der Staatskirche, die er privatim vorgenommen,
sich erboten hatten, den Katholiken ausgedehnte Zugeständnisse zu
machen, unter der Bedingung, daß die Verfolgung gegen die Puritaner
ihren Fortgang behalte. Die angeklagten Anhänger der Staatskirche
leugneten heftig die Wahrheit dieser Beschuldigung und behaupteten, daß,
wenn sie sich mit dem, was der König für seine eigene Kirche verlangte,
einverstanden erklärt hätten, er ihnen sehr gern gestattet haben würde,
sich durch Verfolgung und Ausplünderung protestantischer Dissenters zu
entschädigen.[34]
Der Hof hatte seine Physiognomie verändert. Die Schärpe und der
Priesterrock der anglikanischen Geistlichen konnten sich daselbst kaum
noch sehen lassen ohne spöttisches Lächeln und boshaftes Geflüster
hervorzurufen. Die Hofdamen erlaubten sich nicht mehr zu kichern und die
Kammerherren verbeugten sich bis zur Erde, wenn sich das puritanische
Gesicht und die puritanische Tracht, welche in den vornehmen Zirkeln so
lange Zeit Lieblingsgegenstände des Spotts gewesen waren, in den
Gallerien des Palastes zeigten. Taunton, das zwei Generationen hindurch
die Veste der Rundkopfpartei im Westen gewesen war, das die Armeen
Karl’s I. zweimal tapfer zurückgeschlagen, sich zur Unterstützung
Monmouth’s wie ein Mann erhoben hatte und von Kirke und Jeffreys in eine
Schlachtbank verwandelt worden war, schien plötzlich die Stelle erobert
zu haben, welche Oxford einst in der königlichen Gunst eingenommen.[35]
Der König gewann es über sich, ausgezeichneten Dissenters sogar mit
kriechender Höflichkeit zu begegnen. Einigen bot er Geld an, Anderen
städtische Ehrenämter, noch Anderen Begnadigung von Verwandten und
Freunden, die wegen Theilnahme an dem Ryehousecomplot oder wegen
Anschluß an die Fahne Monmouth’s auf dem Kontinent umherirrten oder in
den Zuckerplantagen von Barbados schwitzten. Er stellte sich sogar, als
ob er mit den freundlichen Gesinnungen der englischen Puritaner gegen
ihre auswärtigen Glaubensbrüder sympathisirte. Eine zweite und dritte
Proklamation erschien in Edinburg, welche die den Presbyterianern durch
das Februaredict gewährte nichtssagende Duldung bedeutend
erweiterten.[36] Die verbannten Hugenotten, die der König seit vielen
Monaten mit ungnädigem Auge angesehen und denen er die von der Nation
aufgebrachten milden Gaben vorenthalten hatte, wurden jetzt unterstützt
und gehätschelt. Es wurde ein Ministerialbefehl erlassen, der die
öffentliche Mildthätigkeit nochmals zu ihren Gunsten aufrief. Die
Vorschrift, welche von ihnen den Anschluß an die anglikanische
Gottesverehrung als Bedingung des Empfangs einer Unterstützung
verlangte, scheint zu dieser Zeit stillschweigend aufgehoben gewesen zu
sein, und die Vertheidiger der Politik des Königs hatten die Frechheit
zu behaupten, diese Vorschrift sei auf Andringen der Prälaten der
Staatskirche erlassen worden, während wir aus den sichersten Quellen
wissen, daß sie von ihm selbst im Einverständniß mit Barillon ersonnen
worden war.[37]
Während der König sich so die Gunst seiner alten Gegner zu erwerben
suchte, waren die Freunde der Landeskirche nicht weniger thätig. Von der
Bitterkeit und dem Hohne, mit dem die Prälaten und Priester seit der
Restauration die Sectirer zu behandeln pflegten, war kaum noch eine Spur
zu erkennen. Die, welche man ganz kürzlich noch Schismatiker und
Fanatiker genannt hatte, waren jetzt geliebte Mitprotestanten,
Glaubensbrüder, die vielleicht schwach sein mochten, aber deren
Gewissensskrupel immerhin zarte Rücksichtnahme verdienten. Wenn sie nur
in dieser Krisis der englischen Verfassung und dem reformirten Glauben
treu blieben, so sollte ihre Hochherzigkeit bald und reich belohnt
werden. Anstatt einer Indulgenz, welche keine gesetzliche Gültigkeit
hätte, sollten sie eine wirkliche, durch eine Parlamentsacte gesicherte
Indulgenz haben. Ja, viele Mitglieder der Staatskirche, die sich bisher
durch ihr starres Festhalten an jeder in der Liturgie vorgeschriebenen
Geberde und Formel ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt nicht nur
zur Duldung, sondern sogar zur Gleichstellung geneigt. Der Streit um
Chorröcke und Stellungen, sagten sie, habe nur zu lange Christen von
einander getrennt, welche doch in den wesentlichen Glaubenspunkten
übereinstimmten. Wenn der Kampf auf Tod und Leben gegen den gemeinsamen
Feind vorüber wäre, dann würde man sehen, daß die anglikanische
Geistlichkeit zu jedem billigen Zugeständnisse bereit sei. Wenn die
Dissenters nur nicht unbescheiden wären, so würden ihnen nicht blos
bürgerliche, sondern auch geistliche Ämter offen stehen, und Baxter und
Howe würden ohne einen Flecken an ihrer Ehre oder ihrem Gewissen auf der
Bank der Bischöfe sitzen können.
[Anmerkung 34: Verordnungen des Schatzamts. Siehe besonders die
Instructionen vom 8. März 1687/88; +Burnet, I. 715+; +Reflections
on His Majesty’s Proclamation for a Toleration in Scotland+;
+Letters containing some Reflections on His Majesty’s Declaration
for Liberty of Conscience+; +Apology for the Church of England
with relation to the spirit of Persecution for which she is
accused, 1687/88.+ Doch es ist mir unmöglich, alle Flugschriften
anzuführen, aus denen ich mein Urtheil über den damaligen Stand
der Parteien geschöpft habe.]
[Anmerkung 35: +Letter to a Dissenter+.]
[Anmerkung 36: +Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 132, 134.+]
[Anmerkung 37: +London Gazette, April 21. 1687+; +Animadversions
on a late paper entituled a Letter to a Dissenter, by H. C. (Henry
Care), 1687.+]
[_„Brief an einen Dissenter.“_] Von den zahlreichen damaligen
Flugschriften, in denen die Sache des Hofes und die Sache der Kirche vor
dem Puritaner, der jetzt durch eine sonderbare Wendung des Geschicks das
Loos seiner Verfolger entscheiden sollte, eifrig und ängstlich
entwickelt wurde, ist jetzt nur noch eine in der Erinnerung, betitelt:
+Letter to a Dissenter+. In dieser meisterhaften kleinen Schrift waren
alle Argumente, die einen Nonconformisten überzeugen konnten, daß es
seine Pflicht und sein Interesse sei, ein Bündniß mit der Staatskirche
einem Bündnisse mit dem Hofe vorzuziehen, auf einem engen Raume in der
übersichtlichsten Ordnung zusammengestellt, mit geistreichem Witze
erörtert und mit einer zwar lebhaften, aber selbst in den Momenten der
leidenschaftlichsten Heftigkeit die Grenzen des Anstandes und der seinen
Bildung nie überschreitenden Beredtsamkeit zur Geltung gebracht. Die
Schrift machte einen ungeheuren Eindruck, denn da sie nur einen Bogen
stark war, wurden über zwanzigtausend Exemplare durch die Post versandt
und die Wirkung zeigte sich in jedem Winkel des Reichs. Es erschienen
vierundzwanzig Antworten darauf, aber die ganze Stadt erklärte sie für
schlecht und die von Lestrange für die schlechteste von allen
vierundzwanzig.[38] Die Regierung war sehr ärgerlich und sparte keine
Mühe, um den Verfasser des Briefs ausfindig zu machen; aber es war nicht
möglich, rechtskräftige Beweise gegen ihn aufzubringen. Einige meinten
die Denk- und Sprachweise Temple’s zu erkennen.[39] In Wirklichkeit aber
gehörte dieser umfassende und scharfe Verstand, diese lebhafte
Phantasie, dieser elegante und kräftige Styl, diese ruhige und edle,
halb hofmännische, halb philosophische Würde, welche die heftigste
Aufregung des Kampfes nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen
konnte, keinem Andren als Halifax an.
[Anmerkung 38: +Lestrange’s Answer to a Letter to a Dissenter+;
+Care’s Animadversions on a Letter to a Dissenter+; +Dialogue
between Harry and Roger+, nämlich Harry Care und Roger Lestrange.]
[Anmerkung 39: Der Brief war mit T. W. unterzeichnet. Care sagt in
seinen +Animadversions+: „Dieser Herr Politiker T. W. oder W. T.,
denn einige Kritiker halten dies für die richtigere Lesart.“]
[_Benehmen der Dissenters._] Die Dissenters schwankten und man darf
ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Sie litten und der König hatte ihnen
Linderung verschafft. Einige ausgezeichnete Geistliche waren ihrer Haft
entlassen worden, andere hatten es gewagt, aus dem Exil zurückzukehren.
Gemeinden, die ihre Zusammenkünfte bisher nur heimlich und im Dunklen
hatten abhalten können, versammelten sich jetzt am hellen Tage und
sangen laut ihre Psalmen vor den Augen von Magistratsbeamten,
Kirchenvorstehern und Constablern. Bescheidene Gotteshäuser von
puritanischer Bauart begannen sich in allen Gegenden Englands zu
erheben. Der aufmerksame Reisende kann noch jetzt an einigen der
ältesten Bethäuser die Jahrzahl 1687 erkennen. Dessen ungeachtet waren
die Anerbietungen der Kirche für einen klugen Dissenter viel lockender
als die des Königs. Die Indulgenzerklärung war in den Augen des Gesetzes
null und nichtig. Sie suspendirte die Strafgesetze gegen Nonconformität
nur auf so lange, als die Grundprinzipien der Verfassung und die
rechtmäßige Autorität des gesetzgebenden Körpers aufgehoben blieben.
Welchen Werth hatten Privilegien, die auf einen so schmachvollen und
zugleich so unsicheren Besitztitel beruhten? Es konnte bald eine
Thronerledigung eintreten, ein der Landeskirche anhängender Souverain
konnte auf den Thron kommen und ein aus Mitgliedern der Landeskirche
bestehendes Parlament gebildet werden. Wie beklagenswerth mußte dann die
Lage der Dissenters werden, die sich mit Jesuiten gegen die Verfassung
verbündet hatten! Die Kirche bot eine Indulgenz ganz andrer Art als die
von Jakob gewährte dar, eine Indulgenz, die eben so rechtsgültig und
heilig war als die Magna Charta. Beide streitende Parteien versprachen
dem Separatisten Glaubensfreiheit; aber die eine Partei verlangte von
ihm, daß er sie durch Aufopferung der bürgerlichen Freiheit erkaufen
sollte, während die andre ihn zum Genuß der bürgerlichen und religiösen
zugleich einlud.
Aus diesen Gründen konnte ein Dissenter sich wohl entschließen, sein
Loos mit dem der Staatskirche zu verknüpfen, selbst wenn er hätte
glauben können, daß der Hof es aufrichtig meinte. Aber wer garantirte
ihm für die Aufrichtigkeit des Hofes? Jedermann kannte das bisherige
Benehmen Jakob’s. Es war zwar nicht gerade unmöglich, daß ein Verfolger
durch Vernunftgründe und Erfahrungen von den Vortheilen der
Religionsduldung überzeugt werden konnte. Aber Jakob behauptete, nicht
erst neuerdings überzeugt worden zu sein; im Gegentheil, er versäumte
keine Gelegenheit, um zu versichern, daß er schon seit vielen Jahren aus
Grundsatz aller Unduldsamkeit feind gewesen sei. Dennoch hatte er noch
vor wenigen Monaten Männer, Frauen und junge Mädchen um ihrer Religion
willen bis zum Tode verfolgt. Hatte er damals gegen die bessere
Überzeugung seines Gewissens gehandelt? oder sagte er jetzt eine
wissentliche Unwahrheit? Aus diesem Dilemma gab es keinen Ausweg und
jede der beiden Annahmen war für den Ruf der Rechtschaffenheit des
Königs gleich verderblich. Außerdem war auch allbekannt, daß ihn die
Jesuiten ganz in ihrer Gewalt hatten. Erst wenige Tage vor der
Bekanntmachung der Indulgenz war dieser Orden dem wohlbekannten Willen
des heiligen Stuhles zum Trotz mit einem neuen Beweise seines Vertrauens
und seines Beifalls beehrt worden. Sein Beichtvater, Pater Mansuetus,
ein Franziskaner, dessen menschenfreundlicher Character und tadelloser
Lebenswandel die größte Achtung verdienten, den aber Tyrconnel und Petre
schon längst haßten, war entlassen worden. Den dadurch erledigten Posten
erhielt ein Engländer, Namens Warner, der von dem Glauben seines
Vaterlandes abgefallen und Jesuit geworden war. Den gemäßigten
Katholiken und dem Nuntius war dieser Wechsel nichts weniger als
angenehm, und jeder Protestant erblickte darin einen Beweis, daß die
Jesuiten eine unumschränkte Herrschaft über das Gemüth des Königs
ausübten.[40] So großes Lob auch diese Väter mit Recht beanspruchen
konnten, besondere Liberalität und Wahrheitsliebe konnte selbst die
Schmeichelei ihnen nicht beimessen. Daß sie, wenn es das Interesse ihres
Glaubens oder ihres Ordens galt, niemals Bedenken trugen, den Beistand
des weltlichen Schwerts anzurufen, oder die Gesetze der Wahrheit und
Treue zu verletzen, dies war der Welt nicht nur durch protestantische
Ankläger, sondern auch durch Männer verkündet worden, deren
Tugendhaftigkeit und Genie der Stolz der römischen Kirche war. Es war
unglaublich, daß ein ergebener Schüler der Jesuiten der
Gewissensfreiheit aus Grundsatz zugethan sein sollte; dagegen aber war
es weder unglaublich noch unwahrscheinlich, daß er es für gerechtfertigt
hielt, seine wahren Gesinnungen zu verbergen, um seiner Religion einen
Dienst zu erzeigen. Es war gewiß, daß dem Könige im Herzen die
Anglikaner lieber waren als die Puritaner; es war gewiß, daß, so lange
er noch Hoffnung hatte, die Anhänger der Staatskirche zu gewinnen, er
den Puritanern nie die geringste Freundlichkeit erwiesen hatte. Konnte
es also wohl einem Zweifel unterliegen, daß er selbst jetzt noch die
Puritaner willig aufopfern würde, wenn die Anglikaner sich seinen
Wünschen fügten? Sein wiederholt gegebenes Versprechen hatte ihn nicht
abgehalten, die gesetzlichen Rechte der Geistlichkeit anzutasten, welche
so viele sprechende Beweise von treuer Anhänglichkeit an sein Haus
gegeben hatte. Welche Sicherheit konnte sonach sein Wort Secten
gewähren, welche durch die Erinnerung an tausend geschlagene und
empfangene, nicht wieder gut zu machende Wunden von ihm geschieden
waren?
[Anmerkung 40: Ellis’ Correspondenz, 15. März u. 27. Juli 1686;
Barillon, 28. Febr. (10. März), 3.(13.) März, 6.(16.) März 1687;
Ronquillo, 9.(19.) März 1687 in der Mackintosh-Sammlung.]
[_Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell._] Als
die durch Bekanntmachung der Indulgenz verursachte Aufregung sich ein
wenig gelegt hatte, zeigte es sich, daß in der puritanischen Partei eine
Spaltung eingetreten war. Die Minorität, mit einigen wenigen thätigen
Männern an der Spitze, deren Urtheil mangelhaft oder durch das Interesse
geleitet war, unterstützte den König. Heinrich Care, welcher lange Zeit
der heftigste und thätigste Pamphletist unter den Nonconformisten
gewesen war und der in den Tagen des papistischen Complots Jakob in
einer Schrift unter dem Titel +Packet of Advice from Rome+
(Nachrichtenpacket von Rom) mit schrankenloser Wuth angegriffen hatte,
schmeichelte ihm jetzt eben so laut, als er ihn früher geschmäht und
verleumdet hatte.[41] Der Hauptagent, dessen sich die Regierung zur
Bearbeitung der Presbyterianer bedient hatte, war Vincenz Alsop, ein
Geistlicher, der als Prediger wie auch als Schriftsteller nicht
unbekannt war. Sein Sohn, der wegen Hochverraths bestraft worden war,
wurde begnadigt, und daher widmete der Vater seinen ganzen Einfluß dem
Hofe.[42] Mit Alsop verbunden war Thomas Rosewell. Rosewell war während
der durch die Entdeckung des Ryehousecomplots herbeigeführten Verfolgung
der Dissenters fälschlich angeklagt worden, daß er gegen die Regierung
gepredigt habe. Jeffreys hatte auf seine Verurtheilung zum Tode
angetragen und eine bestochene Jury hatte ihn den klarsten Beweisen von
seiner Unschuld zum Trotz für schuldig erklärt. Die Ungerechtigkeit des
Urtheils war so himmelschreiend, daß selbst die Höflinge sich darüber
empört zeigten. Ein angesehener Tory, der den Verhandlungen des
Prozesses beigewohnt hatte, ging augenblicklich zu Karl und erklärte,
daß der Hals des loyalsten Unterthanen in England nicht mehr sicher sein
würde, wenn man Rosewell hinrichtete. Die Geschwornen selbst wurden von
Reue ergriffen, als sie überlegten, was sie gethan hatten, und boten
Alles auf, um dem Gefangenen das Leben zu retten. Endlich wurde seine
Begnadigung bewilligt, aber Rosewell mußte drückende Bürgschaft für sein
ferneres Wohlverhalten stellen und zu bestimmten Zeiten persönlich vor
dem Gerichtshofe der Kings Bench erscheinen. Seine Bürgschaften wurden
jetzt auf königlichen Befehl erlassen und dadurch seine Dienste
gewonnen.[43]
[Anmerkung 41: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Observator+;
+Heraclitus Ridens+ an mehreren Stellen. Doch Care’s eigene
Schriften sind das beste Material zur Würdigung seines
Characters.]
[Anmerkung 42: +Calamy’s Account of the Ministers ejected or
silenced after the Restoration, Northamptonshire+; +Wood’s Athenae
Oxonienses+; +Biographia Britannica.+]
[Anmerkung 43: +Collection of State Trials+; +Samuel Rosewell’s
Life of Thomas Rosewell, 1718+; +Calamy’s Account.+]
[_Lobb._] Das Geschäft, die Independenten zu gewinnen, war vornehmlich
einem ihrer Geistlichen, Namens Stephan Lobb, übertragen. Lobb war ein
schwacher, heftiger und ehrgeiziger Mann. Er hatte die Opposition gegen
die Regierung so weit getrieben, daß sein Name in mehreren
Proklamationen geächtet worden war, söhnte sich aber jetzt mit dem Hofe
aus und ging in der Servilität eben so weit als er je in der Opposition
gegangen war. Er schloß sich der jesuitischen Cabale an und rieth eifrig
zu Maßregeln, vor denen die verständigsten und ehrenwerthesten
Katholiken zurückschauderten. Man bemerkte, daß er fortwährend im
Palaste und häufig im Privatkabinet des Königs war, daß er in einem
Glanze lebte, an den die puritanischen Geistlichen nicht gewöhnt waren,
und daß er beständig von Bittstellern belagert war, denen er durch
seinen Einfluß Stellen und Begnadigungen verschaffen sollte.[44]
[Anmerkung 44: +London Gazette, March 15. 1685/6+; +Nichols’s
Defence of the Church of England+; +Pierce’s Vindication of the
Dissenters.+]
[_Penn._] Mit Lobb eng befreundet war Wilhelm Penn. Penn war nie ein
characterfester Mann gewesen, das Leben, das er seit zwei Jahren führte,
hatte sein sittliches Zartgefühl nicht wenig verhärtet, und wenn sein
Gewissen ihm einmal Vorwürfe machte, so tröstete er sich immer wieder
mit dem Gedanken, daß er einen guten und edlen Zweck verfolge und daß
ihm seine Dienste nicht mit Geld bezahlt würden.
Durch den Einfluß dieser und anderer weniger hervorragender Männer
wurden mehrere Dissentergemeinden bewogen, Dankadressen an den König zu
richten. Toryistische Schriftsteller haben mit Recht bemerkt, daß die
Sprache dieser Adressen so widerlich servil war wie nur in irgend einer
der überschwenglichsten Lobreden, welche den Stuarts von Bischöfen
gespendet worden sind. Bei genauer Untersuchung stellt es sich heraus,
daß die Schmach nur einem sehr kleinen Theile der puritanischen Partei
zur Last fällt. Es gab kaum einen Marktflecken in England, der nicht
wenigstens ein kleines Häuflein Separatisten gehabt hätte, und man
sparte keine Mühe, um sie zu einer Äußerung ihrer Dankbarkeit für die
Indulgenz zu bewegen. Rundschreiben, welche sie zur Unterzeichnung
aufforderten, wurden nach allen Gegenden des Landes in solchen Massen
geschickt, daß, wie man scherzweise sagte, die Postfelleisen den Pferden
zu schwer waren. Indessen belief sich die Gesammtzahl der Adressen, die
man von allen über ganz England zerstreuten Presbyterianern,
Independenten und Baptisten erlangen konnte, noch nicht auf sechzig;
auch ist kein Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß diese Adressen
zahlreiche Unterschriften hatten.[45]
[Anmerkung 45: Die Adressen sind in der London Gazette zu finden.]
[_Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter._] Die große
Masse der protestantischen Nonconformisten, welche fest an den
bürgerlichen Freiheiten hing und den Versprechungen des Königs und der
Jesuiten nicht traute, weigerte sich standhaft, für eine Begünstigung zu
danken, hinter der man mit gutem Grund eine Schlinge argwöhnen durfte.
Dies war die Stimmung aller angesehensten Oberhäupter der Partei. Zu
ihnen gehörte Baxter. Er war, wie wir gesehen haben, bald nach Jakob’s
Thronbesteigung in Untersuchung gezogen, von Jeffreys gröblich insultirt
und von einer Jury, wie die höfischen Sheriffs der damaligen Zeit sie zu
wählen pflegten, für schuldig erklärt worden. Baxter befand sich seit
ungefähr anderthalb Jahren im Gefängniß, als der Hof ernstlich darauf zu
denken begann, die Nonconformisten zu gewinnen. Er wurde nicht allein in
Freiheit gesetzt, sondern auch bedeutet, daß er, wenn er sonst wollte,
seinen Aufenthalt in London nehmen könnte, ohne die Anwendung der
Fünfmeilenacte gegen sich zu fürchten. Die Regierung hoffte
wahrscheinlich, daß die Erinnerung an vergangene Leiden und das Gefühl
der gegenwärtigen Erlösung auf ihn die nämliche Wirkung äußern werde,
wie auf Rosewell und Lobb. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als irrig.
Baxter war weder zu bestechen, noch zu täuschen; er weigerte sich,
irgend eine Dankadresse für die Indulgenz zu unterzeichnen und
verwendete seinen ganzen Einfluß zur Herbeiführung eines guten
Vernehmens zwischen der Staatskirche und den Presbyterianern.[46]
[Anmerkung 46: +Calamy’s Life of Baxter.+]
[_Howe._] Wenn es irgend einen Mann gab, der in der Achtung der
protestantischen Dissenters noch höher stand als Baxter, so war dies
Johann Howe. Howe hatte, wie Baxter, durch den neuerlichen Umschwung der
Politik persönlich gewonnen. Die nämliche Tyrannei, welche Baxter ins
Gefängniß warf, hatte ihn in die Verbannung getrieben und bald nach
Baxter’s Entlassung aus dem Gefängnisse der Kings Bench kehrte Howe von
Utrecht nach England zurück. Man erwartete in Whitehall, daß Howe den
ganzen Einfluß, den er auf seine Glaubensgenossen ausübte, zu Gunsten
des Hofes verwenden werde. Der König selbst ließ sich herab, den
Unterthan, den er unterdrückt hatte, um seinen Beistand zu bitten. Howe
scheint geschwankt zu haben; der Einfuß Hampden’s aber, mit dem er intim
befreundet war, vermochte ihn, der Sache der Verfassung treu zu bleiben.
Eine Versammlung presbyterianischer Geistlichen wurde in seinem Hause
gehalten, um über die Lage der Dinge zu berathen und über den
einzuschlagenden Weg einen Beschluß zu fassen. Im Palaste erwartete man
mit ängstlicher Spannung das Ergebniß. Zwei königliche Abgesandte
wohnten der Verhandlung bei, und sie kamen mit der unwillkommnen
Nachricht zurück, daß Howe sich entschieden gegen das Dispensationsrecht
erklärt und nach langer Debatte die Majorität der Versammlung für sich
gewonnen habe.[47]
[Anmerkung 47: +Calamy’s Life of Howe+. Den Antheil, den die
Familie Hampden an dieser Angelegenheit gehabt, habe ich aus einem
Briefe von Johnstone an Waristoun vom 13. Juni 1688 erfahren.]
[_Bunyan._] Neben Baxter und Howe muß noch ein andrer Mann genannt
werden, der nach seiner Stellung und Gelehrsamkeit tief unter ihnen, an
Tugend aber ihnen gleich, und an Genie hoch über ihnen stand, Johann
Bunyan. Bunyan war ursprünglich Kesselflicker gewesen und hatte als
gemeiner Soldat in der Parlamentsarmee gedient. Schon in seinen früheren
Jahren hatten ihn furchtbare Gewissensbisse wegen seiner Jugendsünden
gequält, von denen jedoch die schlimmsten solche gewesen zu sein
scheinen, welche die Welt für verzeihlich hält. Seine große Reizbarkeit
und seine glühende Phantasie machten seine inneren Kämpfe ganz besonders
qualvoll. Er bildete sich ein, daß ein Verdammungsurtheil über ihn
verhängt sei, daß er den heiligen Geist gelästert, daß er Christum
verkauft habe und daß er thatsächlich von einem bösen Geiste besessen
sei. Bald vernahm er laute Warnungsstimmen vom Himmel, bald versuchte
ihn der Teufel durch gottlose Einflüsterungen. Er hatte Visionen von
entfernten Berggipfeln, welche die Sonne glänzend beleuchtete, von denen
er aber durch eine Schneewüste getrennt war. Er fühlte wie der Teufel
ihn an den Kleidern zupfte; er glaubte, das Kainszeichen sei ihm
aufgedrückt; er fürchtete daß er zerbersten werde, wie Judas. Diese
Seelenkämpfe zerrütteten seine Gesundheit. Den einen Tag zitterte er wie
ein vom Schlage Getroffener; ein andermal brannte es ihn wie Feuer in
der Brust. Es ist kaum zu begreifen, daß er so entsetzlichen und
andauernden Qualen nicht unterlag. Endlich zertheilten sich die Wolken.
Aus dem Abgrunde der Verzweiflung erhob sich der Büßende in einen
Zustand heiterer Glückseligkeit. Ein unwiderstehlicher Drang trieb ihn
an, auch Andere des Segens theilhaftig werden zu lassen, dessen er
selbst genoß.[48] Er schloß sich den Baptisten an und wurde Prediger und
Schriftsteller. Seine Erziehung war die eines Handwerkers gewesen und er
verstand keine andre Sprache als die englische, wie sie von dem niederen
Volke gesprochen wird. Er hatte kein großes Musterwerk studirt, mit der
einzigen, allerdings sehr bedeutenden Ausnahme unsrer herrlichen
Bibelübersetzung. Seine Orthographie war schlecht; er machte häufige
Verstöße gegen die Regeln der Grammatik. Doch sein angebornes Genie und
seine durch eigene Erfahrung erworbene Kenntniß aller religiösen
Gefühle, von der Verzweiflung bis zur Verzückung, ersetzten in ihm
reichlich den Mangel an Gelehrsamkeit. Seine natürliche Beredtsamkeit
erhob und rührte Zuhörer, welche bei den fleißig ausgearbeiteten
Vorträgen großer Dialektiker und Hebraisten kalt blieben. Seine Werke
waren unter den niederen Klassen weit verbreitet. Eines davon, des
Pilgers Reise, wurde schon zu seinen Lebzeiten in mehrere fremde
Sprachen übersetzt. Den Gelehrten und höher Gebildeten war es jedoch
kaum bekannt, und die frommen Hüttenbewohner und Handwerker hatten sich
bereits seit einem Jahrhundert daran erfreut, als es endlich von einem
in der Literatur sehr hochstehenden Manne öffentlich empfohlen wurde.
Die Kritik ließ sich nun herab, das Geheimniß einer so ausgedehnten und
dauernden Popularität zu erforschen. Sie mußte gestehen, daß die
unwissende Menge richtiger geurtheilt hatte als die Gelehrten und daß
das verachtete Büchlein wirklich ein Meisterwerk war. Bunyan ist in der
That ebenso gewiß der erste Allegoriker, wie Demosthenes der erste
Redner und Shakespeare der erste Dramatiker ist. Zwar haben andere
Allegoriker eine gleiche Erfindungsgabe gezeigt; aber kein andrer ist je
im Stande gewesen, das Herz zu rühren und abstracte Begriffe zu
Gegenständen des Entsetzens, des Mitleids und der Liebe zu machen.[49]
Es dürfte zu bezweifeln sein, ob irgend ein englischer Dissenter die
Last der Strafgesetze schwerer empfunden hat als Johann Bunyan. Von den
siebenundzwanzig Jahren, welche seit der Restauration verstrichen waren,
hatte er zwölf im Gefängniß zugebracht. Dennoch fuhr er fort zu
predigen, aber um dies zu können, mußte er sich als Fuhrmann verkleiden.
Oft wurde er, im Fuhrmannskittel und mit der Peitsche in der Hand, durch
eine Hinterthür in die Versammlung eingeführt. Hätte er nur an seine
eigene Ruhe und Sicherheit gedacht, so würde er die Indulgenzerklärung
freudig begrüßt haben. Jetzt durfte er endlich am hellen Tage predigen
und ermahnen. Seine Gemeinde wuchs mit reißender Schnelligkeit. Tausende
hingen an seinen Lippen und in Bedford, wo er sich größtentheils
aufhielt, gingen reiche Beisteuern zum Bau eines Bethauses für ihn ein.
Er stand in so hohem Ansehen bei dem gemeinen Volke, daß die Regierung
ihm gern ein städtisches Amt übertragen hätte; aber sein scharfer
Verstand und sein treues englisches Herz widerstanden siegreich allen
Versuchungen und Täuschungen. Er war fest überzeugt, daß die angebotene
Duldung nur ein Köder sei, um die puritanische Partei damit ins
Verderben zu locken; auch wollte er nicht durch Annahme einer Stelle, zu
der er nicht gesetzlich qualificirt war, die Gültigkeit der
Dispensationsgewalt anerkennen. Eine der letzten edlen Handlungen seines
tugendreichen Lebens war die Ablehnung einer Unterredung, zu der er
durch einen Agenten der Regierung eingeladen wurde.[50]
[Anmerkung 48: +Bunyan’s Grace Abounding.+]
[Anmerkung 49: Young stellt Bunyan’s Prosa auf gleiche Stufe mit
Durfey’s Poesie. Die fashionablen Leute im +Spiritual Quixote+
stellen den +Pilgrim’s Progress+ mit +Jack the Giantkiller+
zusammen. Spät im achtzehnten Jahrhundert wagte Cowper nur eine
Anspielung auf den großen Allegoriker:
Nicht nennen will ich dich, damit Dein Name
Statt wohlverdienten Ruhm nicht Hohn Dir bringe.]
[Anmerkung 50: Fortsetzung von Bunyan’s Biographie im Anhang zu
seiner „Überströmenden Gnade.“]
[_Kiffin._] So groß Bunyan’s Ansehen bei den Baptisten war, Wilhelm
Kiffin’s Ansehen war noch größer. Kiffin war in Bezug auf Rang und
Reichthum der Erste unter ihnen. Er pflegte seine geistlichen Talente
bei ihren Versammlungen auszuüben, erwarb sich aber nicht durch Predigen
seinen Unterhalt. Er machte große Handelsgeschäfte, stand an der Börse
in hohem Ansehen und hatte sich ein bedeutendes Vermögen gesammelt.
Niemand hätte vielleicht unter den dermaligen Verhältnissen dem Hofe
werthvollere Dienste leisten können als er. Aber zwischen ihm und dem
Hofe stand die Erinnerung an ein entsetzliches Ereigniß. Er war der
Großvater der Gebrüder Hewling, der beiden muthigen Jünglinge, welche
von allen Opfern der blutigen Assisen vielleicht am allgemeinsten
bedauert worden waren. Für das traurige Loos des einen von ihnen war
Jakob ganz besonders verantwortlich. Jeffreys hatte dem jüngeren Bruder
einen Aufschub bewilligt. Churchill hatte der Schwester der beiden
jungen Männer eine Audienz beim Könige verschafft, und sie hatte um
Gnade gefleht; aber des Königs Herz war unerbittlich gewesen. Es war für
die ganze Familie ein harter Schlag; am meisten aber war Kiffin zu
bedauern. Er war siebzig Jahr alt, als er vereinsamt dastand. Diejenigen
überlebend, die ihn hatten überleben sollen. Die herzlosen und feilen
Schmarotzer von Whitehall glaubten, indem sie nach sich selbst
urtheilten, der alte Mann werde durch einen Aldermansmantel und durch
eine Geldentschädigung für das verwirkte Vermögen seiner Enkel leicht
wieder zu gewinnen sein. Penn wurde zu dem Verführungswerke ausersehen;
aber seine Bemühungen waren vergebens. Der König beschloß hierauf, die
Wirkung seiner persönlichen Artigkeit zu versuchen. Kiffin wurde in den
Palast beschieden. Er fand einen glänzenden Kreis von Kavalieren und
Gentlemen versammelt. Jakob kam ihm sogleich entgegen, redete ihn sehr
freundlich an und schloß mit den Worten: „Ich habe Sie zu einem der
Aldermen von London bestimmt, Herr Kiffin.“ Der alte Mann sah den König
fest an, brach in Thränen aus und antwortete: „Sire, ich bin abgenutzt,
ich bin nicht mehr fähig, Eurer Majestät oder der Hauptstadt zu dienen.
Und überdies, Sire, hat der Tod meiner armen Jungen mir das Herz
gebrochen. Diese Wunde ist noch heute so frisch wie jemals, und ich
werde sie mit ins Grab nehmen.“ Der König schwieg einige Augenblicke
sichtlich bewegt und sagte dann: „Ich werde einen Balsam für diese Wunde
finden, Herr Kiffin.“ Es war gewiß nicht Jakob’s Absicht, etwas
Kränkendes oder Übermüthiges zu sagen, im Gegentheil, er scheint sich in
einer ungewöhnlich weichen Stimmung befunden zu haben. Dennoch wirft
keine Äußerung die uns von ihm berichtet wird, ein so nachtheiliges
Licht auf seinen Character als diese wenigen Worte. Es sind die Worte
eines hartherzigen, niedrig denkenden Mannes, der sich keine Verwundung
des Gefühls denken kann, welche durch eine Stelle oder durch eine
Pension nicht vollkommen zu heilen wäre.[51]
Der Theil der Dissenters, der sich der neuen Politik des Königs günstig
zeigte, war von Anfang an klein gewesen und begann bald noch mehr
zusammenzuschmelzen. Denn die Nonconformisten erkannten in nicht langer
Zeit, daß ihre geistlichen Privilegien durch die Indulgenz eher
geschmälert als erweitert worden waren. Der characteristische Zug des
Puritaners war Abscheu gegen die Eigenthümlichkeiten der römischen
Kirche. Er hatte sich nur deshalb von der anglikanischen Kirche
losgetrennt, weil er meinte, daß sie ihrer hochmüthigen und üppigen
Schwester, der Zauberin mit dem goldenen Becher und dem Purpurgewande,
zu ähnlich sähe. Jetzt fand er, daß eine von den stillschweigenden
Bedingungen des Bündnisses, welches einige seiner Seelenhirten mit dem
Hofe geschlossen hatten, die war, daß die Religion des Hofes mit Achtung
und Schonung behandelt werden sollte. Er begann bald sich nach den Tagen
der Verfolgung zurückzusehnen. So lange die Strafgesetze noch angewendet
wurden, hatte er die Worte des Lebens zwar im Geheimen und mit
persönlicher Gefahr angehört, aber er hatte sie doch gehört. Wenn die
Brüder in ihrer Stube versammelt waren, wenn die Schildwachen
ausgestellt und die Thüren verschlossen waren, wenn der Prediger in der
Kleidung eines Metzgers oder Fuhrmanns über das Dach hereingekommen war,
dann wurde wenigstens ein wirklicher Gottesdienst gehalten. Kein Theil
der göttlichen Wahrheit ward aus weltlichen Rücksichten unterdrückt oder
verstümmelt, alle unterscheidenden Lehren der puritanischen Theologie
wurden vollständig und sogar in ihrer ungeschminktesten Form
dargestellt. Der römischen Kirche ward kein Pardon gegeben. Das Thier,
der Antichrist, der Mensch der Sünde, die mystische Isabel, das
mystische Babylon waren die Ausdrücke, mit denen man jenen hehren und
bezaubernden Aberglauben zu bezeichnen pflegte. Dies war einst die
Sprache Alsop’s, Lobb’s, Rosewell’s und anderer Geistlichen gewesen,
welche kürzlich im Palast wohl aufgenommen worden waren; aber so
sprachen sie jetzt nicht mehr. Geistliche, die nach einer hohen Stufe in
der Gunst und dem Vertrauen des Königs strebten, durften es nicht wagen,
in harten Worten von der Religion des Königs zu sprechen. Die Gemeinden
beklagten sich daher laut, daß sie seit dem Erscheinen der
Indulgenzerklärung, welche ihnen dem Wortlaute nach doch völlige
Gewissensfreiheit gewähren wollte, das Evangelium nie mehr kühn und rein
hätten verkünden hören. Früher hatten sie ihre geistliche Nahrung
verstohlen erhaschen müssen, aber wenn sie sie erhascht hatten, so
fanden sie sie wenigstens ganz nach ihrem Geschmacke zubereitet. Jetzt
konnten sie sie öffentlich und in aller Bequemlichkeit zu sich nehmen,
aber sie hatte ihren ganzen Wohlgeschmack verloren. Sie versammelten
sich bei Tage und in geräumigen Lokalen; aber sie hörten Predigten, die
ihnen bei weitem nicht so gefielen, als die, welche der Rector ihnen
gehalten haben würde. In der Pfarrkirche wurde der selbstgeschaffene
Gottesdienst und die Abgötterei Roms jeden Sonntag energisch
angegriffen; im Versammlungshause aber hütete sich der Pastor, der noch
vor wenigen Monaten die Geistlichen der Landeskirche für nicht viel
besser als die Papisten erklärt hatte, jetzt sorgfältig, den Papismus zu
tadeln, oder kleidete seinen Tadel wenigstens in ein so mildes Gewand,
daß er selbst das Ohr eines Pater Petre nicht beleidigt haben würde.
Auch war es nicht möglich, für diesen Wechsel einen stichhaltigen Grund
aufzufinden. Die römisch-katholischen Lehren hatten sich nicht
verändert; seit Menschengedenken waren die katholischen Priester noch
nie so eifrig im Proselytenmachen gewesen; noch nie waren so viele
katholische Schriften aus der Presse hervorgegangen; noch nie hatten
Alle, die sich um die Religion kümmerten, den Streit zwischen Katholiken
und Protestanten mit so gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Was konnte
man also von der Aufrichtigkeit von Theologen halten, welche nicht müde
geworden waren, den Papismus zu schmähen, so lange derselbe
vergleichsweise harmlos und wehrlos war, und die jetzt, wo eine Zeit
wirklicher Gefahr für den reformirten Glauben gekommen, sorgfaltig jedes
Wort vermieden, das einem Jesuiten Anstoß geben konnte? Ihr Benehmen war
in der That nicht schwer zu erklären. Es war bekannt, daß einige von
ihnen Begnadigungen erlangt, es wurde vermuthet, daß andere Geld
bekommen hatten. Ihr Vorbild war der schwache Apostel, der aus Angst den
Herrn verleugnete, dem er prahlerisch die unverbrüchlichste Treue gelobt
hatte, oder der noch schlechtere Apostel, der seinen Herrn um eine
Handvoll Silberlinge verkaufte.[52]
So verloren die vom Hofe gewonnenen Dissentergeistlichen rasch den
Einfluß, den sie einst auf ihre Glaubensbrüder besessen hatten. Auf der
andren Seite fühlten sich die Sektirer durch eine starke religiöse
Sympathie zu den anglikanischen Prälaten und Priestern hingezogen,
welche trotz königlicher Befehle, Drohungen und Versprechungen einen
heftigen Krieg gegen die römische Kirche unterhielten. Die so lange
durch tödtliche Feindschaft getrennt gewesenen Anglikaner und Puritaner,
näherten sich einander mit jedem Tage mehr und mehr und jeder Schritt
zur Einigung vermehrte den Einfluß des Mannes, der ihr gemeinsames
Oberhaupt war. Wilhelm eignete sich in jeder Beziehung zum Vermittler
zwischen diesen beiden großen Parteien der englischen Nation. Man konnte
nicht sagen, daß er einer von beiden angehöre; aber keine von beiden
konnte sich bei ruhiger Überlegung weigern, ihn als einen Freund zu
betrachten. Sein theologisches System stimmte mit dem der Puritaner
überein. Zu gleicher Zeit betrachtete er das Episcopat wenn auch nicht
als eine göttliche Einrichtung, doch als eine vollkommen rechtmäßige und
höchst nützliche Form des Kirchenregiments. Fragen über Stellungen,
Gewänder, Festtage und Liturgien waren in seinen Augen keine
Lebensfragen. Ein einfacher Gottesdienst wie der, an den er von jeher
gewöhnt war, würde seinem persönlichen Geschmacke am meisten zugesagt
haben, aber er war dabei gern bereit, sich jedem Ritual zu fügen, das
der Nation angenehm war, und bestand nur darauf, daß man ihm nicht
zumuthete, diejenigen seiner protestantischen Brüder zu verfolgen, denen
ihr Gewissen es nicht zuließ, seinem Beispiele zu folgen. Zwei Jahre
früher würde er von zahlreichen Bigotten auf beiden Seiten für einen
bloßen Laodicäer erklärt, worden sein, der weder kalt noch warm war und
zu nichts taugte als ausgestoßen zu werden. Aber der Eifer, der
Anglikaner gegen Dissenters und Dissenters gegen Anglikaner entflammt
hatte, war durch gemeinsame Widerwärtigkeiten und Gefahren so gedämpft
worden, daß die Lauheit, die man ihm früher als Verbrechen angerechnet,
jetzt als eine seiner Haupttugenden betrachtet wurde.
[Anmerkung 51: +Kiffin’s Memoirs+; Luson’s Brief an Brooke vom 11.
Mai 1773 in der Hughes-Correspondenz.]
[Anmerkung 52: Man sehe unter anderen zeitgenössischen
Flugschriften eine mit dem Titel: +A Representation of the
threatening Dangers impending over Protestants.+]
[_Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die
Indulgenzerklärung._] Jedermann war gespannt auf seine Ansicht über die
Indulgenzerklärung. Eine Zeit lang nährte man in Whitehall die Hoffnung,
daß seine bekannte Achtung vor den Rechten des Gewissens ihn wenigstens
abhalten werde, öffentlich seine Mißbilligung einer Politik
auszusprechen, die einen unleugbaren Anstrich von Freisinnigkeit hatte.
Penn schickte zahlreiche Auseinandersetzungen nach dem Haag und begab
sich sogar persönlich dahin, in der Hoffnung daß seine Beredtsamkeit,
von der er eine hohe Meinung hatte, sich als unwiderstehlich erweisen
werde. Aber obgleich er sein Lieblingsthema mit einer Redseligkeit
entwickelte, die seine Zuhörer ermüdete und obgleich er sie versicherte,
daß ein Mann, der mit den Engeln verkehre, ihm das Herannahen eines
goldenen Zeitalters der Religionsfreiheit geoffenbart habe, so machte er
doch keinen Eindruck auf den Prinzen.[53] „Ihr verlangt von mir,“ sagte
er zu einem der Agenten des Königs, „daß ich einen Angriff auf meine
eigne Religion unterstützen soll. Das kann ich mit gutem Gewissen nicht
thun, und ich werde es nicht thun, nein, nicht um die Krone Englands,
nicht um die Herrschaft der Welt!“ Diese Worte wurden dem Könige
mitgetheilt und sie beunruhigten ihn nicht wenig.[54] Er schrieb mit
eigner Hand eindringliche Briefe. Zuweilen nahm er den Ton des
Beleidigten an. Er sei das Oberhaupt der königlichen Familie, als
solches sei er berechtigt, von den jüngeren Mitgliedern Gehorsam zu
erwarten, und es sei sehr hart, daß er in einer Angelegenheit, die ihm
über Alles am Herzen liege, auf Widerstand stoße. Andere Male wurde ihm
ein Köder vorgehalten, den man für unwiderstehlich hielt. Wenn Wilhelm
nur in diesem einen Punkte nachgäbe, so würde die englische Regierung
ihm dafür kräftigen Beistand gegen Frankreich leisten. Er ließ sich aber
nicht bethören. Er wußte, daß Jakob selbst beim besten Willen ohne die
Unterstützung eines Parlaments nicht im Stande sein würde, der
gemeinschaftlichen Sache Europa’s einen wirksamen Dienst zu leisten, und
es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß wenn ein Parlament
zusammenkam, die erste Forderung beider Häuser die Cassirung der
Indulgenzerklärung sein würde.
Die Prinzessin stimmte allen Meinungsäußerungen ihres Gemahls bei, und
ihre gemeinschaftliche Ansicht wurde dem Könige in entschiedenen aber
gemäßigten Ausdrücken mitgetheilt. Sie erklärten, daß sie das von Seiner
Majestät eingeschlagene Verfahren lebhaft bedauerten. Sie seien
überzeugt, daß er sich ein Hoheitsrecht angemaßt habe, das ihm
gesetzlich nicht zustehe. Gegen diese Anmaßung protestirten sie, nicht
nur als Freunde der bürgerlichen Freiheit, sondern auch als Mitglieder
des königlichen Hauses, als welche sie ein hohes Interesse an der
Erhaltung der Rechte dieser Krone hätten, die sie einst tragen könnten.
Denn die Erfahrung habe gelehrt, daß Willkürherrschaft in England
unfehlbar eine Reaction nach sich ziehe, die noch verderblicher sei als
jene selbst, und man müsse mit Grund befürchten, daß die durch die
Aussicht auf Despotismus beunruhigte und entrüstete Nation selbst gegen
die constitutionelle Monarchie einen Widerwillen fassen würde. Sie gäben
daher dem Könige den Rath, daß er in allen Dingen streng nach dem
Gesetze regieren möge. Sie geständen sehr gern zu, daß das Gesetz mit
Nutzen durch die competente Autorität abgeändert werden könne und daß
ein Theil seiner Erklärung es wohl verdiene, einer Parlamentsacte
einverleibt zu werden. Sie seien keine Verfolger, sie würden mit
Vergnügen römische Katholiken so gut als protestantische Dissenters in
geeigneter Weise von allen Strafgesetzen befreit, und ebenso gern
protestantische Dissenters in zweckmäßiger Weise zu bürgerlichen Ämtern
zugelassen sehen. Weiter aber könnten Ihre Hoheiten nicht gehen. Sie
könnten sich der ernsten Besorgniß nicht enthalten, daß die Zulassung
römischer Katholiken zu Staatsämtern große Nachtheile hervorrufen
würden, und es war nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß der Grund
zu dieser Besorgniß namentlich in Jakob’s Handlungsweise liege.[55]
[Anmerkung 53: +Burnet I. 693, 694.+]
[Anmerkung 54: +„Le Prince d’Orange, qui avoit éludé jusqu’alors
de faire une réponse positive dit ... qu’il ne consentira jamaia à
la suppression de ces lois qui avoient été établies pour le
maintien et la sureté de la religion Protestante, et que sa
conscience ne lui permettoit point, non seulement pour la
succession du royaume d’Angleterre, mais même pour l’empire du
monde; en sorte que le roi d’Angleterre est plus aigri contre lui
qu’il n’a jamais été.“+ -- Bonrepaux, 11.(21.) Juni 1687.]
[Anmerkung 55: +Burnet, I. 710+; Bonrepaux, 24. Mai (4. Juni)
1687.]
[_Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen Katholiken._]
Die ausgesprochene Ansicht des Prinzen und der Prinzessin über die
Ausschließungen, denen die römischen Katholiken unterworfen waren,
theilten fast alle Staatsmänner und Philosophen, welche damals der
politischen und religiösen Freiheit eifrig das Wort redeten. In unsrer
Zeit dagegen haben erleuchtete Männer oft mit Bedauern sich dahin
geäußert, daß Wilhelm in diesem einen Punkte gegen seinen Schwiegervater
im Nachtheil stehe. Das Wahre ist, daß einige Erwägungen, welche
nothwendig sind, wenn man sich ein richtiges Urtheil bilden will, von
vielen Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts nicht berücksichtigt
worden zu sein scheinen.
Es sind zwei einander entgegengesetzte Irrthümer, in welche Diejenigen,
die sich mit dem Studium unsrer vaterländischen Geschichte beschäftigen,
in steter Gefahr sind zu verfallen: der Irrthum, daß sie die Gegenwart
nach der Vergangenheit, und der Irrthum, daß sie die Vergangenheit nach
der Gegenwart beurtheilen. Dem ersteren sind Diejenigen unterworfen,
welche geneigt sind alles Alte zu verehren, dem zweiten Diejenigen,
welche von allem Neuen angezogen werden. Auf den ersteren stößt man
beständig in den Raisonnements conservativer Politiker über die Fragen
ihrer Zeit, der zweite findet sich immer in den Betrachtungen von
Schriftstellern der liberalen Richtung, wenn sie die Ereignisse einer
früheren Zeit besprechen. Der erstere ist bei einem Staatsmanne, der
andre bei einem Geschichtsschreiber verderblicher.
Es ist für Niemanden, der es in Unsrer Zeit unternimmt, über die
Revolution zu schreiben, welche die Stuarts stürzte, so leicht, die
rechte Mittelstraße zwischen diesen beiden Extremen stetig einzuhalten.
Die Frage, ob es gerathen sei, Mitglieder der katholischen Kirche zum
Parlament und zu Staatsämtern zuzulassen, erschütterte unser Vaterland
während der Regierung Jakob’s II., durch seinen Sturz wurde sie in den
Hintergrund zurückgedrängt, und nachdem sie über ein Jahrhundert lang
geruht hatte, kam sie in Folge der großen Aufregung der Gemüther, welche
dem Zusammentritt der französischen Nationalversammlung folgte, wieder
zur Sprache. Dreißig Jahre währte der Streit in beiden Häusern des
Parlaments, in jedem Wahlkörper, in jedem Kreise der Gesellschaft. Er
stürzte Ministerien, zerriß Parteien, machte in einem Theile des Landes
jede Regierung unmöglich und brachte uns zuletzt an den Rand des
Bürgerkrieges. Selbst nach Beendigung des Kampfes gohren die
Leidenschaften, die er aufgeregt hatte, noch immer fort. Ein Mann,
dessen Geist unter dem Einflusse dieser Leidenschaften stand, konnte
fast unmöglich die Ereignisse der Jahre 1687 und 1688 in einem
vollkommen richtigen Lichte erblicken.
Eine Klasse von Politikern, welche von dem richtigen Vordersatze
ausging, daß die Revolution eine große Wohlthat für unser Land gewesen
sei, gelangte zu dem irrigen Schlusse, daß keine Bürgschaft, die von den
Staatsmännern der Revolution zum Schutze unsrer Religion und unsrer
Freiheit für nöthig erachtet worden war, ohne Gefahr abgeschafft werden
könnte. Eine andre Klasse, die von dem ebenfalls richtigen Vordersatze
ausging, daß die über die Katholiken verhängten Ausschließungen lange
Zeit nichts als Unheil verursacht hätten, kam zu dem falschen Schlusse,
daß diese Ausschließungen zu keiner Zeit nützlich und nothwendig gewesen
sein könnten. Der erste Trugschluß durchdrang die Reden des geistreichen
und gelehrten Eldon, der andre blieb selbst auf einen so ruhigen und
philosophischen Kopf wie Mackintosh nicht ganz ohne Einfluß.
Bei näherer Prüfung wird es sich jedoch vielleicht zeigen, daß wir das
von allen großen englischen Staatsmännern des siebzehnten Jahrhunderts
einstimmig gebilligte Verfahren rechtfertigen können, ohne die Weisheit
des von allen großen englischen Staatsmännern unsrer Zeit eben so
einstimmig gebilligten Verfahrens in Zweifel zu ziehen.
Es ist unbestreitbar ein Übel, wenn ein Bürger seiner religiösen Meinung
halber vom Staatsdienste ausgeschlossen sein soll; aber der menschlichen
Weisheit bleibt zuweilen nichts andres übrig als die Wahl zwischen zwei
Übeln. Eine Nation kann in eine Lage kommen, in der die Mehrheit
entweder Ausschließungen verhängen oder sich solche gefallen lassen
muß und wo das was unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Recht als
Verfolgung verdammt werden würde, noch innerhalb der Grenzen der
Selbstvertheidigung liegt. In einer solchen Situation befand sich
England im Jahre 1687.
Nach der Verfassung des Reichs hatte Jakob das Recht, fast alle
öffentlichen Beamten, bei der Regierung, bei den Gerichten, in der
Kirche, beim Militair und bei der Flotte zu ernennen. Bei der Ausübung
dieses Rechts war er nicht, wie unsere gegenwärtigen Souveraine,
genöthigt, in Übereinstimmung mit dem Rathe von Ministern, die das Haus
der Gemeinen billigte, zu handeln. Es lag also auf der Hand, daß es,
wenn er durch das Gesetz nicht streng verbunden war, nur Protestanten
anzustellen, ihm frei stand, lauter Katholiken anzustellen. Die Anzahl
der römischen Katholiken war unbedeutend, und es gab nicht einen
einzigen Mann unter ihnen, dessen Dienste der Staat ernstlich vermißt
haben würde. Das Verhältniß, in dem ihre Zahl zur Gesammtbevölkerung
stand, war noch viel geringer als es gegenwärtig ist, denn gegenwärtig
ergießt sich ein ununterbrochener Auswanderungsstrom von Irland in
unsere großen Städte, während es im siebzehnten Jahrhunderte noch nicht
einmal in London eine irische Colonie gab. Neunundvierzig Funfzigstel
der Bewohner des Königreichs, neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens
des Königreichs, fast alle politischen, juristischen und militairischen
Talente und Kenntnisse, die das Land besaß, waren protestantisch.
Trotzdem hatte der König in thörichter Verblendung sich vorgenommen,
sein unbegrenztes Ernennungsrecht als Mittel zum Proselytenmachen zu
benutzen. Seiner Kirche angehören war in seinen Augen der erste
Befähigungstitel für ein Amt. Der Landeskirche angehören war entschieden
ein Grund der Nichtbefähigung. Er verwarf zwar in einer Sprache, welche
den Beifall einiger leichtgläubigen Freunde der Glaubensfreiheit fand,
die monströse Ungerechtigkeit des Religionseides, der eine kleine
Minderheit der Nation von öffentlichen Ämtern ausschloß; zu gleicher
Zeit aber führte er einen andren Religionseid ein, der die Mehrheit
ausschloß. Es schien ihm hart, daß ein guter Finanzmann und loyaler
Unterthan lediglich deshalb weil er ein Papist war, von dem Posten eines
Lordschatzmeisters ausgeschlossen sein sollte; aber er selbst hatte
einen Lordschatzmeister, den er als einen tüchtigen Finanzmann und
loyalen Unterthan anerkannt, bloß deshalb abgesetzt, weil er Protestant
war. Er hatte wiederholt und bestimmt erklärt, er sei fest entschlossen,
den weißen Stab niemals in die Hände eines Ketzers zu geben. Mit vielen
anderen hohen Staatsämtern war er ebenso verfahren. Bereits waren der
Lordpräsident, der Geheimsiegelbewahrer, der Oberkammerherr, der
Garderobeaufseher, der erste Lord des Schatzes, ein Staatssekretär, der
Lordobercommissar von Schottland, der Kanzler von Schottland und der
Sekretär von Schottland Katholiken oder gaben sich wenigstens dafür aus.
Die meisten von diesen Beamten waren von Haus aus Anglikaner und hatten
sich des offenen oder geheimen Abfalls schuldig gemacht, um ihre hohen
Stellen zu erlangen oder zu behalten. Jeder Protestant, der noch einen
wichtigen Staatsposten bekleidete, bekleidete ihn in beständiger
Ungewißheit und Angst. Wir würden nicht fertig werden, wollten wir
die untergeordneteren Stellen anführen, welche von Mitgliedern der
begünstigten Klasse besetzt waren. In jedem Zweige der Verwaltung
wimmelte es schon von Katholiken. Sie waren Lordlieutenants,
stellvertretende Lieutenants, Richter, Friedensrichter, Zollcommissare,
Gesandte an fremden Höfen, Regimentsobersten und Festungscommandanten.
Der Antheil, den sie binnen wenigen Monaten von den durch die Krone zu
besetzenden weltlichen Ämtern erlangt hatten, war weit über zehnmal so
groß, als er unter einem unparteiischen Systeme gewesen sein würde.
Dies war indessen noch nicht das Schlimmste. Man hatte sie auch zu
Beherrschern der anglikanischen Kirche gemacht. Männer, die den König
versichert hatten, daß sie seines Glaubens seien, saßen in der Hohen
Commission und übten die höchste geistliche Gerichtsbarkeit über alle
Prälaten und Priester der Landeskirche aus. Kirchliche Pfründen von
hohem Ansehen waren theils erklärten, theils verkappten Papisten
verliehen worden. Und dies Alles war geschehen, während die Gesetze
gegen den Papismus noch in Kraft waren und Jakob noch gegründete Ursache
hatte, Achtung vor den Rechten des Gewissens zu heucheln. Was war also
von ihm zu erwarten, wenn seine Unterthanen einwilligten, ihn durch ein
Gesetz von jedem Schatten der Beschränkung vollends zu befreien? Kann
man wohl daran zweifeln, daß Protestanten durch eine streng gesetzmäßige
Anwendung der königlichen Prärogative eben so wirksam von Anstellungen
ausgeschlossen worden wären, als jemals römische Katholiken durch eine
Parlamentsacte ausgeschlossen worden sind?
Wie hartnäckig Jakob entschlossen war, den Mitgliedern seiner Kirche
einen Antheil an den öffentlichen Ämtern zu gewähren, der zu ihrer Zahl
und zu ihrer Bedeutung außer allem Verhältniß stand, geht aus den
Instructionen hervor, die er im Exil und im hohen Alter als Leitfaden
für seinen Sohn aufzeichnete. Es ist unmöglich, diese Ergüsse eines
Mannes, an dem alle Lehren der Erfahrung und des Unglücks spurlos
vorübergegangen waren, ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung zu
lesen. Dem Prätendenten wird anempfohlen, wenn er einmal zur Regierung
in England gelangen sollte, die Ämter zu theilen und den Mitgliedern der
römischen Kirche einen Antheil zu reserviren, der groß genug für sie
gewesen sein würde, wenn sie die Hälfte, anstatt ein Funfzigstel der
Nation gebildet hätten. Ein Staatssekretär, ein Schatzcommissar, der
Kriegssekretär, die Mehrheit der Großwürdenträger des Hofstaates und die
Mehrzahl der Offiziere der Armee müßten immer Katholiken sein. Dies
waren Jakob’s Ansichten selbst dann noch, als seine thörichte Bigotterie
ihm eine Strafe zugezogen hatte, über welche die ganze Welt erschrocken
war. Kann man also wohl in Zweifel darüber sein, wie er gehandelt haben
würde, wenn sein Volk, durch den leeren Namen der religiösen Freiheit
geblendet, ihn ohne Zügel hätte fortregieren lassen?
Selbst Penn scheint trotz seiner blinden und maßlosen Begeisterung für
die Indulgenzerklärung eingesehen zu haben, daß man sich nicht wundern
durfte, wenn die Parteilichkeit, mit der römische Katholiken mit
Ehrenstellen und Einkünften überschüttet wurden, die Eifersucht der
Nation erregte. Er gab zu, daß die Protestanten im Fall der Aufhebung
der Testacte Anspruch auf ein Äquivalent hätten, und ging sogar so weit,
daß er verschiedene Äquivalente vorschlug. Schon seit mehreren Wochen
war das Wort Äquivalent, damals erst kürzlich aus Frankreich eingeführt,
im Munde aller Kaffeehausredner; endlich aber machten einige Seiten
scharfsinniger Logik und feiner Sarkasmen aus Halifax’ Feder diesen
hohlen Projecten ein Ende. Einer von Penn’s Plänen bestand darin, daß
ein Gesetz erlassen werden sollte, welches die von der Krone zu
verleihenden Ämter in drei gleiche Theile theilte, von denen nur einer
den Mitgliedern der katholischen Kirche zufallen sollte. Selbst unter
einem solchen System würden die Katholiken noch immer zwanzigmal den
ihnen eigentlich zustehenden Antheil erhalten haben, und doch kann man
nicht annehmen, daß der König selbst in eine solche Anordnung gewilligt
haben würde. Hätte er aber auch darein gewilligt, welche Garantie konnte
er bieten, daß er auch wirklich an diesem Übereinkommen festhielt? Man
hatte keine Antwort auf das von Halifax aufgestellte Dilemma: wenn
Gesetze für Euch bindend sind, so beobachtet das jetzt bestehende
Gesetz; sind sie nicht bindend für Euch, so ist es auch nutzlos, uns ein
Gesetz als Bürgschaft zu bieten.[56]
Es ist sonach klar, daß es sich gar nicht darum handelte, ob weltliche
Ämter allen Religionsparteien ohne Unterschied offen stehen sollten. So
lange Jakob König war, war Ausschließung unvermeidlich, und es fragte
sich nur, wer ausgeschlossen werden sollte, ob Papisten oder
Protestanten, die Wenigen oder die Vielen, hunderttausend Engländer oder
fünf Millionen.
Dies sind die gewichtigen Gründe, durch welche das Verfahren des Prinzen
von Oranien gegen die englischen Katholiken mit den Grundsätzen der
Glaubensfreiheit in Einklang gebracht werden kann. Diese Gründe haben,
wie man bemerken wird, mit keinem Theile der katholischen Theologie
etwas zu thun. Ebenso wird man einsehen, daß sie ihr ganzes Gewicht
verlieren mußten, als die Krone an ein protestantisches Herrscherhaus
gekommen und die Macht des Unterhauses im Staate ein so entschiedenes
Übergewicht erlangt hatte, daß kein Souverain, mochten seine Ansichten
oder Neigungen sein, welche sie wollten, das Beispiel Jakob’s
nachahmen konnte. Die Nation befand sich indessen nach ihren Schrecken,
ihren Kämpfen und ihrer mit genauer Noth erlangten Rettung in
einer mißtrauischen und rachsüchtigen Stimmung. Daher wurden
Vertheidigungsmittel, welche die Nothwendigkeit gerechtfertigt hatte,
die aber auch nur die Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, noch lange,
nachdem die Nothwendigkeit nicht mehr vorhanden war, hartnäckig
beibehalten, und erst aufgegeben, nachdem das herrschende Vorurtheil
einen langjährigen Kampf gegen die Vernunft bestanden hatte. Zu den
Zeiten Jakob’s aber standen Vernunft und herrschendes Vorurtheil auf der
nämlichen Seite. Der Fanatiker und Ignorant wollte den Katholiken vom
Staatsdienste ausschließen, weil er Klötze und Steine anbetete, weil er
das Zeichen des Thieres an sich trug, weil er London angezündet und Sir
Edmondsbury Godfrey erwürgt hatte, und der einsichtsvollste und
toleranteste Staatsmann wurde, während er über den Irrwahn lächelte, in
dem das gemeine Volk befangen war, auf einem ganz andren Wege zu dem
nämlichen Schlusse geführt.
Wilhelm’s großer Plan war jetzt, die zahlreichen Theile des großen
Körpers, der ihn als sein gemeinschaftliches Oberhaupt betrachtete, zu
einem Ganzen zu vereinigen. Bei diesem Werke hatte er mehrere geschickte
und zuverlässige Mitarbeiter, von denen zwei, Burnet und Dykvelt, ihm
ganz besonders nützlich waren.
[Anmerkung 56: Johnstone, 13. Jan. 1688; +Halifax’s Anatomy of an
Equivalent+.]
[_Jakob’s Feindschaft gegen Burnet._] Burnet’s Dienste mußten allerdings
mit einiger Vorsicht angewendet werden. Die freundliche Aufnahme, die er
im Haag gefunden, hatte Jakob heftig aufgebracht, und Marie erhielt von
ihrem Vater zwei Briefe voll Invectiven gegen den frechen und
wühlerischen Theologen, den sie beschützte. Diese Beschuldigungen aber
machten einen so geringen Eindruck auf sie, daß sie Antworten darauf
zurücksandte, welche Burnet selbst dictirt hatte. Im Januar 1687 endlich
schritt der König zu energischeren Maßregeln. Skelton, der die englische
Regierung bei den Vereinigten Provinzen vertreten hatte, wurde nach
Paris versetzt und erhielt Albeville, das schwächste und gemeinste
Mitglied der ganzen jesuitischen Cabale, zum Nachfolger. Geld war
Albeville’s einziger Lebenszweck, und er nahm es von Jedem, der es ihm
anbot. Er wurde zu gleicher Zeit von Frankreich und von Holland bezahlt.
Er verschmähte sogar den erbärmlichen Anstand, den auch die
Bestechlichkeit zu beobachten pflegt, und nahm so kleine Geschenke an,
wie sie eher einem Lastträger oder einem Bedienten zukommen als einem
Gesandten, der mit einer englischen Baronie und einem ausländischen
Marquisate beehrt worden war. Einmal steckte er mit der größten
Gemüthsruhe ein Trinkgeld von fünfzig Pistolen für einen Dienst ein, den
er den Generalstaaten geleistet hatte. Dieser Mann war beauftragt, zu
verlangen, daß Burnet im Haag nicht länger begünstigt werde. Wilhelm,
der keine Lust hatte, sich von einem so werthvollen Freunde zu trennen,
antwortete zuerst mit seiner gewohnten Kälte: „Ich wüßte nicht, Sir, daß
der Doctor seit seinem Hiersein etwas gethan oder gesagt hätte, worüber
Seine Majestät sich mit Grund beklagen könnte.“ Jakob aber bestand
entschieden auf seiner Forderung, und da die geeignete Zeit zu einem
offenen Bruche noch nicht gekommen war, so mußte Wilhelm nachgeben. Über
anderthalb Jahr lang kam Burnet weder mit dem Prinzen, noch mit der
Prinzessin in persönliche Berührung; aber er wohnte in ihrer Nähe, wurde
von Allem, was vorging, genau unterrichtet, sein Rath ward beständig in
Anspruch genommen, seine Feder bei jedem wichtigen Anlasse benutzt und
viele der schärfsten und wirksamsten Aufsätze und Flugschriften, welche
damals in London erschienen, wurden ihm mit Recht zugeschrieben.
Jakob’s Wuth entbrannte. Er war von jeher für zornige Leidenschaften nur
zu empfänglich gewesen, aber noch keinen seiner Feinde, selbst die
nicht, welche sich gegen sein Leben verschworen oder es versucht hatten,
ihm durch Meineid die Schuld des Verraths und des Mordes aufzubürden,
hatte er mit einer solchen Erbitterung gehaßt, als er jetzt Burnet
haßte. Seine Majestät schimpfte täglich in höchst unköniglicher Sprache
auf den Doctor und sann auf ungesetzliche Rache. Selbst Blut genügte
diesem wüthenden Hasse nicht; der unverschämte Theolog mußte gefoltert
werden, ehe er sterben durfte. Zum Glück war er ein Schotte von Geburt,
und in Schottland konnten seine Beine erst in den spanischen Stiefeln
zerquetscht werden, bevor er auf dem Grasmarkte gehängt wurde. Zu dem
Ende wurde in Edinburg der Prozeß gegen ihn eingeleitet; aber er war in
Holland naturalisirt, hatte eine vermögende Frau aus dieser Provinz
geheirathet und es war gewiß, daß sein Adoptivvaterland ihn nicht
ausliefern würde. Man beschloß daher, ihn wegfangen zu lassen. Mit
großen Summen wurden einige Bösewichter für diesen gefährlichen und
schändlichen Dienst gedungen; im Staatssekretariat wurde zu diesem
Zwecke eine Anweisung auf dreitausend Pfund Sterling ausgestellt. Ludwig
wurde von dem Plane unterrichtet und interessirte sich außerordentlich
dafür; er sicherte seinen kräftigen Beistand zu, damit der Schurke nach
England gebracht werde, und versprach, daß die Werkzeuge der Rache
Jakob’s in Frankreich eine Freistätte finden sollten. Burnet kannte die
ihm drohende Gefahr wohl, aber Furcht gehörte nicht zu seinen Fehlern.
Er veröffentlichte eine beherzte Antwort auf die in Edinburg gegen ihn
erhobenen Anschuldigungen. Er wisse, sagte er, daß man ihn ohne Prozeß
hinzurichten gedenke, aber er vertraue auf den König aller Könige, zu
dem unschuldiges Blut selbst gegen die mächtigsten Fürsten der Erde
nicht vergebens schreien werde. Er gab einigen Freunden ein
Abschiedsmahl, und nach demselben nahm er als ein Mann, der dem Tode
verfallen sei und mit dem sie ohne Gefahr nicht mehr umgehen könnten,
feierlich Abschied von ihnen. Dessenungeachtet zeigte er sich nach wie
vor so furchtlos auf allen öffentlichen Plätzen im Haag, daß seine
Freunde ihm wegen seiner Tollkühnheit bittere Vorwürfe machten.[57]
[Anmerkung 57: +Burnet I. 726--731+; +Answer to the Criminal
Letters issued out against Dr. Burnet+; +Avaux Neg., July 7.(17.),
14.(24.) July 28. (Aug. 7.) 1687, Jan. 19.(29.) 1688+; Ludwig an
Barillon, 30. Dec. 1687 (9. Jan. 1688); Johnstone an Waristoun,
21. Febr. 1688; Lady Russel an +Dr.+ Fitzwilliam, 5. Oct. 1687.
Da man vermuthet hat, daß Burnet, der seine persönliche
Wichtigkeit nicht zu unterschätzen pflegte, die ihm drohende
Gefahr übertrieben habe, so will ich hier die Worte Ludwig’s und
Johnstone’s anführen: +„Qui que ce soit“+, sagt Ludwig, +„qui
entreprenne de l’enlever en Hollande trouvera non seulement une
retraite assurée et une entière protection dans mes états, mais
aussi toute l’assistance qu’il pourra désirer pour faire conduire
surement ce scélérat en Angleterre.“+ -- „Mit Bamfield (Burnet)
ist es ganz bestimmt so“, sagt Johnstone. „Niemand zweifelt hier
daran, und Einige, die dabei betheiligt sind, leugnen es nicht.
Seine Freunde sagen, sie hätten gehört, daß er nicht vorsichtig
sei, sondern aus Eitelkeit, um seinen Muth zu zeigen, mit
thörichter Verwegenheit handle, so daß Jedermann ihn auslachen
werde, wenn ihm ein Unglück zustoßen sollte. Ich bitte ihm dies
von Seiten Jones’ (Johnstone) zu sagen. Wenn Einige abgefaßt
werden könnten, während sie ihren +coup d’essai+ auf ihn machen,
so wäre das sehr gut, weil sie dadurch abgeschreckt würden, etwas
gegen Ogle (den Prinzen) zu unternehmen.“]
[_Sendung Dykvelt’s nach England._] Während Burnet Wilhelm’s Sekretär
für die englischen Angelegenheiten in Holland war, wurde Dykvelt mit
nicht geringerem Nutzen in London verwendet. Dykvelt war einer von den
ausgezeichneten Staatsmännern, welche in der edlen Schule des Johann de
Witt ihre politische Bildung erhalten hatten und nach dem Falle dieses
großen Ministers ihre Pflichten gegen die Republik dadurch am besten zu
erfüllen glaubten, daß sie sich um den Prinzen von Oranien schaarten.
Keiner von den Diplomaten im Dienste der Vereinigten Provinzen stand in
Bezug auf Gewandtheit, Character und Manieren über Dykvelt, und ebenso
scheint keiner ihm in der Kenntniß der englischen Verhältnisse
gleichgekommen zu sein. Es fand sich ein Vorwand, um ihn zu Anfang des
Jahres 1687 mit Beglaubigungsschreiben von den Generalstaaten in einer
besonderen Mission nach England zu senden. Eigentlich aber galt seine
Sendung nicht der Regierung, sondern der Opposition, und er handelte
nach Privatinstructionen, welche von Burnet entworfen und von Wilhelm
genehmigt waren.[58]
[Anmerkung 58: +Burnet, I. 708+; +Avaux Neg., Jan. 3.(13.), Feb.
6.(16.) 1687+; +Van Kampen, Karakterkunde der Vaderlandsche
Geschiedenis.+]
[_Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern._] Dykvelt
berichtete, daß Jakob sich durch das Benehmen des Prinzen und der
Prinzessin tief gekränkt fühle. „Die Pflicht meines Neffen ist, meine
Hand zu stärken“, sagte der König, „aber es hat ihm von jeher Vergnügen
gemacht, wenn er mir hat hinderlich sein können.“ Dykvelt antwortete, in
Privatangelegenheiten habe Seine Hoheit stets die Wünsche des Königs
berücksichtigt und werde dies auch in Zukunft jederzeit thun, aber es
sei doch kaum recht und billig, die Unterstützung eines protestantischen
Fürsten gegen die protestantische Kirche zu erwarten.[59] Der König war
zum Schweigen gebracht, aber nicht besänftigt. Mit einem Verdrusse, den
er nicht verhehlen konnte, sah er, daß Dykvelt alle die verschiedenen
Abteilungen der Opposition mit einer Geschicklichkeit musterte und
einschulte, welche dem gewandtesten englischen Staatsmanne zur Ehre
gereicht haben würde und die bei einem Ausländer bewundernswürdig war.
Der Geistlichkeit wurde gesagt, daß sie in dem Prinzen einen Freund des
Episcopats und der Liturgie finden werde. Den Nonconformisten wurde
Hoffnung gemacht, daß sie von ihm nicht nur Duldung, sondern sogar
Gleichstellung zu erwarten hätten. Selbst die römischen Katholiken
wurden versöhnt und einige der Angesehensten unter ihnen sagten dem
Könige ins Gesicht, daß sie mit dem, was Dykvelt ihnen biete, zufrieden
seien und daß sie eine durch das Gesetz verbürgte Duldung einem
gesetzwidrigen und unsicheren Übergewichte vorzögen.[60]
[Anmerkung 59: +Burnet I. 711+. Dykvelt’s Depeschen an die
Generalstaaten enthalten, so weit ich es habe ersehen oder
erfahren können, kein Wort über den wirklichen Zweck seiner
Sendung. Seine Correspondenz mit dem Prinzen von Oranien war
streng privater Natur.]
[Anmerkung 60: Bonrepaux, 12.(22.) Sept. 1687.]
[_Danby._] Die Oberhäupter aller wichtigen Parteien der Nation hielten
häufige Besprechungen in Gegenwart des geschickten Gesandten. Die
Ansicht der Torypartei war bei diesen Zusammenkünften hauptsächlich
durch die Earls von Danby und von Nottingham vertreten. Obgleich seit
Danby’s Sturze bereits über acht Jahre vergangen waren, so stand sein
Name doch bei den alten Kavalieren Englands noch in hohem Ansehen, und
selbst viele von denjenigen Whigs, die ihn früher verfolgt hatten, gaben
jetzt bereitwillig zu, daß er für die Sünden Anderer habe büßen müssen
und daß sein Eifer für die Hoheitsrechte ihn zwar oft irre geleitet
habe, aber bei alledem durch zwei ehrenwerthe Gefühle gemildert worden
sei: durch Eifer für die Staatsreligion und durch Eifer für die Würde
und Unabhängigkeit seines Vaterlandes. Auch im Haag wurde er hoch
geschätzt, denn man vergaß es ihm dort nie, daß er es gewesen war, der
Karl trotz des Einflusses Frankreichs und der Papisten bewogen hatte,
die Hand der Prinzessin Marie ihrem Vetter zu geben.
[_Nottingham._] Daniel Finch, Earl von Nottingham, ein Edelmann, dessen
Name in der Geschichte dreier ereignißvoller Regierungen häufig genannt
werden wird, stammte aus einer Familie von unvergleichlicher
juristischer Auszeichnung. Einer seiner Verwandten hatte das Siegel
Karl’s I. geführt, hatte seine eminenten Talente und Kenntnisse zu
schlechten Zwecken gemißbraucht und war von der Rache der Gemeinen
Englands, mit Falkland an der Spitze, verfolgt worden. Einen
ehrenvolleren Ruf erlangte unter der folgenden Generation Heneage
Finche. Er war unmittelbar nach der Restauration zum Staatsprokurator
ernannt worden und war nacheinander zum Lordsiegelbewahrer, zum
Lordkanzler, zum Baron Finch und Earl von Nottingham emporgestiegen.
Während dieser ganzen glänzenden Laufbahn hatte er die Hoheitsrechte
stets so hoch gehalten, als er es mit Ehren und Anstand konnte; nie aber
war er bei irgend einer Machination gegen die Grundgesetze des Reichs
betheiligt gewesen. Inmitten eines verderbten Hofes hatte er seine
persönliche Rechtschaffenheit unbefleckt zu erhalten gewußt. Auch als
Redner genoß er eines hohen Rufes, obwohl seine nach Mustern aus der
Zeit vor dem Bürgerkriege gebildete Diction gegen das Ende seines Lebens
von den Schöngeistern der heranwachsenden Generation steif und
pedantisch genannt wurde. In Westminsterhall wird er noch immer mit
Achtung als der Mann erwähnt, welcher aus dem Chaos, dem man in alter
Zeit den Namen der Billigkeit gab, zuerst ein neues juristisches System
bildete, das ebenso geregelt und vollständig ist wie das nach welchem
die Richter des gemeinen Rechts verfahren.[61] Ein wesentlicher Theil
der sittlichen und geistigen Eigenschaften dieses großen Staatsmannes
ging mit dem Titel Nottingham auf seinen ältesten Sohn über. Dieser
Sohn, der Earl Daniel, war ein rechtschaffener und tugendhafter Mann.
Obwohl er in einigen abgeschmackten Vorurtheilen befangen und
sonderbaren Anfällen von Launenhaftigkeit unterworfen war, kann man ihn
doch nicht beschuldigen, daß er um unredlichen Gewinns oder strafbaren
Genusses willen vom Pfade des Rechts abgewichen wäre. Er war, wie sein
Vater, ein ausgezeichneter Redner und sprach eindringlich, aber
weitschweifig und mit zu monotoner Gemessenheit. Seine Persönlichkeit
entsprach ganz seiner Rede. Seine Haltung war steif, seine Gesichtsfarbe
so dunkel, daß man ihn für den Eingebornen eines wärmeren Himmelstrichs
hätte halten können, und seine scharf markirten Gesichtszüge hatten
einen Ausdruck, welcher dem des Hauptleidtragenden bei einem Begräbnisse
glich. Man pflegte von ihm zu sagen, daß er eher wie ein spanischer
Grande als wie ein englischer Gentleman aussähe. Spottvögel gaben ihm
die Spitznamen Dismal (Trübselig), Don Dismallo und Don Diego, welche
noch heute nicht vergessen sind. Er hatte auf das Studium der
Wissenschaft, durch die seine Familie sich so hoch emporgeschwungen,
großen Fleiß verwendet und war für einen vornehm und reich gebornen Mann
in den Gesetzen seines Vaterlandes erstaunlich bewandert. Er war ein
treuer Sohn der Hochkirche und bewies seine Achtung vor derselben auf
zwei Wegen, welche bei den Lords, die sich zu seiner Zeit als ihre
besonderen Freunde gerirten, nicht gewöhnlich war, nämlich dadurch, daß
er Schriften zur Vertheidigung ihrer Glaubenssätze herausgab und daß er
sich in seinem Privatleben nach ihren Gebeten richtete. Wie viele andre
eifrige Anglikaner hatte er bis vor Kurzem die monarchische
Regierungsform kräftig unterstützt. Die Politik aber, welche seit der
Unterdrückung des Aufstandes im Westen befolgt wurde, empörte ihn auf
das heftigste, und zwar deshalb nicht weniger, weil sein jüngerer Bruder
Heneage in Folge seiner Weigerung, die Dispensationsgewalt des Königs zu
vertheidigen, seines Amtes als Generalprokurator entsetzt worden
war.[62]
[Anmerkung 61: Siehe seine Biographie von Lord Campbell.]
[Anmerkung 62: Johnstone’s Correspondenz; +Mackay’s Memoirs+;
+Arbuthnot’s John Bull+; Swift’s Schriften von 1710 bis 1714 an
mehreren Stellen; Whiston’s Brief an den Earl von Nottingham und
des Letzteren Antwort darauf.]
[_Halifax._] Mit diesen beiden großen toryistischen Earls war jetzt
Halifax, das ausgezeichnete Oberhaupt der Trimmers, verbunden. Auf
Nottingham’s Gesinnungen scheint Halifax damals in der That einen
entschiedenen Einfluß ausgeübt zu haben. Zwischen Halifax und Danby
bestand eine Feindschaft, welche am Hofe Karl’s begonnen hatte und
nachher auch den Hof Wilhelm’s beunruhigte, während der Tyrannei Jakob’s
aber wie viele andere Feindschaften ruhte. Die beiden Gegner trafen
häufig in den von Dykvelt veranstalteten Conferenzen zusammen und
stimmten in dem Ausdrucke des Mißfallens an der Politik der Regierung
und der Verehrung für den Prinzen von Oranien überein. In ihrem Verkehr
mit den holländischen Gesandten trat die Characterverschiedenheit der
beiden Staatsmänner stark hervor. Halifax zeigte ein bewundernswürdiges
Talent für Auseinandersetzungen, scheute sich aber vor kühnen und
unwiderruflichen Entschlüssen. Danby war minder fein und beredt, besaß
aber mehr Energie, Entschlossenheit und praktischen Scharfblick.
[_Devonshire._] Mehrere ausgezeichnete Whigs waren mit Dykvelt in
fortwährender Verbindung; aber die Oberhäupter der großen Häuser
Cavendish und Russel konnten keinen so thätigen und vorwiegenden
Antheil an den Unterhandlungen nehmen, als man nach ihrer Stellung und
ihren Ansichten hätte erwarten dürfen. Der Ruhm und das Glück
Devonshire’s wurden im Augenblicke durch eine Wolke verdunkelt. Er hatte
einen beklagenswerthen Streit mit dem Hofe, der nicht aus einer
öffentlichen und ehrenvollen Angelegenheit, sondern aus einem
Privatzwist entsprungen war, in welchem selbst seine wärmsten Freunde
ihn nicht von aller Schuld freisprechen konnten. Als er einmal nach
Whitehall kam, um seine Aufwartung zu machen, war er von einem gewissen
Colepepper insultirt worden, einem jener Raufbolde, welche die
Umgebungen des Hofes unsicher machten und die sich durch Beleidigung von
Mitgliedern der Opposition bei der Regierung in Gunst zu setzen suchten.
Der König selbst äußerte seine Entrüstung über die einem seiner
ausgezeichneten Peers unter dem königlichen Dache widerfahrene
Behandlung und Devonshire wurde durch die Versicherung besänftigt, daß
der Beleidiger den Palast nie wieder betreten solle. Dieses Verbot wurde
jedoch bald wieder aufgehoben und der Groll des Earls erwachte von
neuem. Seine Diener nahmen sich der Sache an und die Straßen von
Westminster wurden durch Händel beunruhigt, die in ein roheres Zeitalter
gehörten. Die Zeit des Geheimen Raths ward durch Anklagen und
Gegenanklagen der streitenden Parteien in Anspruch genommen.
Colepepper’s Frau erklärte: sie und ihr Gatte seien ihres Leben nicht
sicher und ihr Haus sei beständig von Banditen in der Livree der
Cavendish belagert; Devonshire erwiederte, es sei aus Colepepper’s
Fenstern auf ihn geschossen worden. Dies wurde heftig geleugnet. Es
wurde zwar eingeräumt, daß ein blind geladenes Pistol abgefeuert worden
sei, aber dies sei nur in einem Augenblicke des Schreckens geschehen, um
die Wache zu alarmiren. Wahrend diese Fehde ihren Höhepunkt erreicht
hatte, traf der Earl im Empfangzimmer zu Whitehall mit Colepepper
zusammen und er glaubte in den Mienen des Raufboldes triumphirenden
Übermuth zu erkennen. Vor den Augen des Königs geschah nichts
Unziemliches; sobald aber die beiden Gegner das Audienzzimmer verlassen
hatten, machte Devonshire den Vorschlag, den Streit auf der Stelle mit
dem Degen zu entscheiden. Die Herausforderung wurde zurückgewiesen. Da
vergaß der stolze Peer die Achtung, die er dem Orte an dem er sich
befand, und seiner eignen Würde schuldig war, und schlug Colepepper mit
einem Stocke ins Gesicht. Diese Handlung wurde allgemein als übereilt
und unschicklich getadelt und Devonshire selbst konnte, nachdem sein
Blut sich abgekühlt hatte, nicht ohne Verdruß und Beschämung daran
denken. Die Regierung aber verfuhr mit gewohntem Unverstande so streng
gegen ihn, daß das Publikum bald ganz auf seine Seite trat. Es wurde
eine Criminalanklage bei der Kings Bench anhängig gemacht. Der
Angeklagte berief sich auf seine Vorrechte als Peer des Königsreichs;
dieser Punkt aber wurde sogleich zu seinem Nachtheile entschieden, und
es läßt sich auch nicht leugnen, daß diese Entscheidung, mochte sie den
technischen Regeln der englischen Gesetzgebung entsprechen oder nicht,
in vollkommenem Einklange mit den großen Prinzipien stand, welche die
Grundlage jeder Gesetzgebung sein sollen. Es blieb ihm somit nichts
übrig, als sich dem Erkenntnisse zu unterwerfen. Der Gerichtshof war
durch eine Reihe von Entlassungen zu so vollständigem Gehorsam gebracht
worden, daß die Regierung, welche die Untersuchung eingeleitet hatte,
die Strafe selbst vorschreiben konnte. Die Richter machten Jeffreys +in
pleno+ ihre Aufwartung und dieser bestand auf der Zuerkennung einer
Geldbuße von dreißigtausend Pfund. Dreißigtausend Pfund waren im
Verhältniß zu den damaligen Einkünften der englischen Großen ungefähr
soviel als hundertfunfzigtausend im neunzehnten Jahrhundert. In
Anwesenheit des Kanzlers wurde kein Wort der Mißbilligung geäußert; als
aber die Richter sich entfernt hatten, bemerkte Sir Johann Powell, in
welchem sich das wenige Rechtsgefühl des ganzen Collegiums concentrirte,
daß die beantragte Strafsumme übermäßig hoch und ein Zehntel derselben
vollauf genug sei. Seine Collegen waren nicht dieser Meinung und er
zeigte in diesem Falle nicht den Muth, durch den er einige Monate später
an einem denkwürdigen Tage seinen Ruf glänzend wiederherstellte. Der
Earl wurde demnach in eine Geldbuße von dreißigtausend Pfund und bis zur
Bezahlung dieses Betrags zu persönlicher Haft verurtheilt. Eine solche
Summe konnte damals auch der reichste Edelmann nicht in einem Tage
aufbringen. Indessen war das Hafturtel leichter gesprochen, als
vollzogen. Devonshire hatte sich nach Chatsworth zurückgezogen, wo er
eben damit beschäftigt war, das alte gothische Stammschloß seiner
Familie in ein Gebäude umzuwandeln, das Palladio’s würdig war. Der Peak
war damals ein fast ebenso unwirthbarer Bezirk als gegenwärtig
Connemara, und der Sheriff erkannte oder behauptete wenigstens, daß es
schwer sein dürfte, den Lord in einer so wilden Gegend und inmitten treu
ergebener Diener und Pächter zu verhaften. Darüber vergingen einige
Tage, endlich aber wurde nicht nur der Earl, sondern auch der Sheriff
zur Haft gebracht. Inzwischen verwendeten sich eine Menge Fürsprecher
mit ihrem ganzen Einflusse. Es hieß die verwittwete Gräfin von
Devonshire habe eine Privataudienz beim Könige erlangt, sie habe ihn
daran erinnert, daß ihr Schwager, der tapfere Karl Cavendish, im Kampfe
für die Krone bei Gainsborough gefallen sei, und ihm schriftliche
Empfangsbescheinigungen von Karl I. und Karl II. über bedeutende Summen
vorgelegt, die ihr Gemahl während der bürgerlichen Unruhen beiden
Monarchen geliehen hatte. Diese Darlehen waren nie zurück gezahlt worden
und sollten angeblich mehr betragen als die ungeheure Geldstrafe, welche
die Kings Bench über den Earl verhängt hatte. Dazu kam noch ein andrer
Punkt, der beim Könige noch mehr Gewicht gehabt zu haben scheint als die
Erinnerung an früher geleistete Dienste. Es konnte nothwendig werden ein
Parlament einzuberufen, und man glaubte, daß Devonshire in diesem Falle
sofort eine Cassationsklage einreichen werde. Der Punkt, auf den er
seine Appellation gegen das Erkenntniß der Kings Bench zu stützen
gedachte, waren seine Privilegien als Peer, und das Tribunal, vor das
die Appellation kommen mußte, war das Haus der Peers. In einem solchen
Falle konnte der Hof nicht einmal auf die Unterstützung der ihm
ergebensten Adeligen mit Gewißheit rechnen. Es stand kaum zu bezweifeln,
daß das Urtel cassirt werde, und daß die Regierung dadurch, daß sie zu
viel haben wollte, Alles verlieren würde. Jakob war daher zu einem
Vergleiche geneigt. Es wurde dem Earl angekündigt, daß, wenn er eine
Schuldverschreibung über die ganze Summe geben und sich des möglichen
Vortheils einer Cassationsklage begeben wolle, er in Freiheit gesetzt
werden solle. Ob er zur Bezahlung der Summe angehalten werden würde oder
nicht, sollte von seinem ferneren Benehmen abhängen. Wenn er das
Dispensationsrecht unterstützte, solle er nicht dafür in Anspruch
genommen werden; trachte er aber nach Popularität, so müsse er die
dreißigtausend Pfund bezahlen. Er weigerte sich eine Zeit lang, auf
diese Bedingungen einzugehen; aber die Haft war ihm unerträglich. Er
stellte die Verschreibung aus und wurde aus den Gefängnis entlassen;
aber obgleich er sich dazu verstand seinem Vermögen diese drückende
Schuldlast aufzubürden, konnte ihn doch nichts zu dem Versprechen
bestimmen, daß er seinen Grundsätzen und seiner Partei untreu werden
wolle. Er wurde nach wie vor in alle Geheimnisse der Opposition
eingeweiht, aber einige Monate lang hielten seine politischen Freunde es
um seiner selbst wie um ihrer Sache willen für gerathen, daß er im
Hintergrunde blieb.[63]
[Anmerkung 63: Kennet’s Grabrede auf den Herzog von Devonshire und
Memoiren der Familie Cavendish; +Collection of State Trials+;
+Privy Council Book, March 5. 1685/6+; Barillon, 30. Juni (10.
Juli) 1687.; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687.; +Lords’ Journals May
6. 1689+. +„Ses amis et ses proches,“+ sagt Barillon, +„lui
conseillent de prendre le bon parti, mais il persiste jusqu’à
présent à ne se point soumettre. S’il vouloit se bien conduire et
renoncer à être populaire, il ne payeroit pas l’amende, mais s’il
opiniâtre, il lui en coutera trente mille pièces, et il demeurera
prisonnier jusqu’à l’actuel payement.“+]
[_Eduard Russell._] Der Earl von Bedford hatte sich von dem harten
Schlage, der ihm vor vier Jahren fast das Herz gebrochen, nie wieder
erholen können. Seine persönlichen wie auch seine öffentlichen Gefühle
machten ihn zum Gegner des Hofes; aber an der Verabredung von Maßregeln
gegen denselben nahm er keinen thätigen Antheil. Seine Stelle in den
Versammlungen der Mißvergnügten vertrat sein Neffe. Dies war der
berühmte Eduard Russell, ein Mann von unbezweifeltem Muth und Talent,
aber von lockeren Grundsätzen und ruhelosem Geiste. Er war Seemann,
hatte sich in seinem Berufe ausgezeichnet und hatte unter der vorigen
Regierung ein Hofamt bekleidet; aber durch den Tod seines Vetters
Wilhelm Russell waren alle Bande, die ihn an den Hof ketteten, zerrissen
worden. Der verwegene, unruhige und racheschnaubende Seemann saß jetzt
in den von dem holländischen Gesandten berufenen Versammlungen als
Vertreter des kühnsten und heftigsten Theiles der Opposition, der
Männer, welche unter den Namen Rundköpfe, Exclusionisten und Whigs einen
fünfundvierzigjährigen Kampf gegen drei aufeinanderfolgende Könige mit
wechselndem Glück unterhalten hatten. Diese Partei, welche vor Kurzem
niedergeworfen und fast vernichtet gewesen war, sich jetzt aber mit
voller Lebenskraft rasch zu Ansehen und Einfluß erhob, wurde durch keine
von den Bedenklichkeiten behindert, welche die Bewegungen der Tories und
der Trimmers noch immer hemmten, und war bereit, das Schwert gegen den
Tyrannen zu ziehen, sobald es mit gegründeter Aussicht auf den Sieg
gezogen werden konnte.
[_Compton. -- Herbert. -- Churchill._] Drei Männer sind noch zu
erwähnen, mit denen Dykvelt in vertrauter Verbindung stand und mit deren
Hülfe er sich die Mitwirkung von drei großen Ständen zu sichern hoffte.
Bischof Compton war der Agent, der die Geistlichkeit zu bearbeiten
hatte, Admiral Herbert übernahm es, seinen ganzen Einfluß bei der Flotte
zu verwenden und durch Churchill suchte man die Armee zu gewinnen.