seit der
Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.
Aus dem Englischen.
+Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+
Vierter Band.
Leipzig, 1854.
_G. H. Friedlein._
* * * * *
* * * *
Siebentes Kapitel.
Jakob II.
=Inhalt.=
Seite
Wilhelm, Prinz von Oranien 5
Sein Äußeres 5
Sein früheres Leben und seine Erziehung 5
Seine religiösen Ansichten 7
Seine militairischen Talente 8
Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit 10
Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen 10
Seine Freundschaft für Bentinck 10
Marie, Prinzessin von Oranien 12
Gilbert Burnet 14
Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen
und der Prinzessin 17
Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien 18
Seine Gesinnungen gegen England 18
Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich 19
Seine Politik durchaus consequent 22
Vertrag von Augsburg 24
Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition 25
Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor 26
Wilhelm verwirft den Rath 26
Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde 27
Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury 27
Wycherley, Tindal, Haines 28
Dryden 29
+„The Hind and Panther.“+ 30
Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner 32
In Schottland theilweise Duldung gewährt 35
Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet 36
Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung 37
Admiral Herbert 37
Die Indulgenzerklärung 37
Stimmung der protestantischen Dissenters 39
Stimmung der anglikanischen Kirche 40
Der Hof und die Kirche 40
„Brief an einen Dissenter.“ 42
Benehmen der Dissenters 43
Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop,
Rosewell 45
Lobb 46
Penn 46
Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter 46
Howe 47
Bunyan 47
Kiffin 49
Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die
Indulgenzerklärung 52
Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen
Katholiken 53
Jakob’s Feindschaft gegen Burnet 57
Sendung Dykvelt’s nach England 59
Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern 59
Danby 60
Nottingham 60
Halifax 61
Devonshire 62
Eduard Russel 64
Compton. -- Herbert. -- Churchill 65
Lady Churchill und die Prinzessin Anna 66
Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern
nach dem Haag zurück 68
Zulestein’s Sendung 69
Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm 70
Einfluß der holländischen Presse 71
Stewart’s und Fagel’s Correspondenz 71
Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom 72
[_Wilhelm, Prinz von Oranien._] Wilhelm Heinrich, Prinz von
Oranien-Nassau, nimmt in der Geschichte Englands und der gesammten
Menschheit eine so bedeutende Stelle ein, daß es wünschenswerth
erscheint, die markirten Züge seines Characters mit einiger
Ausführlichkeit zu zeichnen.[1]
[Anmerkung 1: Die Hauptquellen, aus denen ich meine Schilderung
des Prinzen von Oranien geschöpft habe, sind Burnet’s Geschichte,
Temple’s und Gourville’s Memoiren, die Unterhandlungen der Grafen
Estrades und Avaux, Sir Georg Downing’s Briefe an den Lordkanzler
Clarendon, Wagenaar’s umfangreiches Geschichtswerk, Van Kampen’s
+Karakterkunde Vaderlandsche Geschiedenis+, und vor Allem
Wilhelm’s eigene vertrauliche Correspondenz, von welcher der
Herzog von Portland Sir Jakob Mackintosh eine Abschrift zu nehmen
erlaubte.]
[_Sein Äußeres._] Er stand jetzt in seinem siebenunddreißigsten
Lebensjahre, war aber körperlich und geistig älter als andere Leute in
diesen Jahren. Man könnte fast sagen, er sei niemals jung gewesen. Sein
Äußeres ist uns fast eben so gut bekannt, als seinen eigenen Heerführern
und Räthen. Bildhauer, Maler und Münzschneider haben ihre ganze
Geschicklichkeit aufgeboten, um seine Züge der Nachwelt zu überliefern,
und diese waren von der Art, daß kein Künstler sie verfehlen und daß,
wer sie einmal gesehen, sie nie vergessen konnte. Sein Name erinnert uns
sogleich an eine schmächtige und zarte Gestalt, an eine hohe und breite
Stirn, an eine wie der Schnabel eines Adlers gebogene Nase, an ein Paar
Augen, die an Glanz und Schärfe mit denen des Adler wetteiferten, an
eine gedankenvolle, etwas finstre Miene, einen festen und etwas
mürrischen Mund, an eine bleiche, eingefallene und durch Krankheit und
Sorgen tief gefurchte Wange. Dieses gedankenvolle, ernste und feierliche
Aussehen konnte kaum einem glücklichen und lebensfrohen Manne angehört
haben; aber es verräth in unverkennbarer Weise die Befähigung zu den
schwierigsten Unternehmungen und einen durch kein Mißgeschick und durch
keine Gefahren zu erschütternden Muth.
[_Sein früheres Leben und seine Erziehung._] Die Natur hatte Wilhelm mit
allen Eigenschaften eines großen Herrschers reich ausgestattet und die
Erziehung hatte diese Eigenschaften in nicht gewöhnlichem Grade
entwickelt. Mit einem scharfen natürlichen Verstande und einer seltenen
Willenskraft sah er sich, als sein Geist zu erwachen begann, als vater-
und mutterlose Waise, als das Oberhaupt einer großen, aber unterdrückten
und entmuthigten Partei und als den Erben ausgedehnter aber unbestimmter
Ansprüche, welche die Furcht und die Abneigung der damals in den
Niederlanden herrschenden Oligarchie erregten. Das gemeine Volk, das
seit einem Jahrhundert seinem Hause treu ergeben war, bewies so oft es
ihn sah, auf nicht zu verkennende Weise, daß es ihn als sein
rechtmäßiges Oberhaupt betrachtete. Die geschickten und erfahrenen
Minister der Republik, die seinen Namen tödtlich haßten, brachten ihm
täglich ihre erzwungene Huldigung dar und beobachteten dabei die
Fortschritte seines Geistes. Die ersten Regungen seines Ehrgeizes wurden
sorgfältig bewacht, jedes unüberlegte Wort, das ihm entschlüpfte, wurde
niedergeschrieben, und er besaß nicht einen einzigen Rathgeber, auf
dessen Ausspruch Vertrauen gesetzt werden konnte. Er war kaum funfzehn
Jahre alt, so wurden alle Diener, die seinem Interesse ergeben waren und
die sein Vertrauen genossen, von der mißtrauischen Regierung aus seinem
Hause entfernt. Er sträubte sich dagegen mit einer weit über seine Jahre
hinausgehenden Energie, aber vergebens. Aufmerksame Beobachter sahen
mehr als einmal Thränen in den Augen des jungen Staatsgefangenen. Seine
von Haus aus zarte Gesundheit war eine Zeit lang durch die
Gemüthsbewegungen, die seine traurige und vereinsamte Stellung erzeugte,
ernstlich erschüttert. Eine solche Lage macht den Schwachen muthlos und
bestürzt, dem Starken giebt sie eine verdoppelte Kraft. Von Schlingen
umgeben, in denen ein gewöhnlicher Jüngling umgekommen sein würde,
lernte Wilhelm vorsichtig und zu gleicher Zeit energisch auftreten.
Schon lange bevor er das Mannesalter erreicht, verstand er es,
Geheimnisse zu bewahren, die Neugierde durch trockene und wohlüberlegte
Antworten abzutrumpfen und alle Leidenschaften unter dem nämlichen
Scheine ernster Ruhe zu verbergen. In der feinen Weltbildung und in
literarischen Kenntnissen machte er dagegen nur geringe Fortschritte.
Dem Benehmen des holländischen Adels jener Zeit fehlte die
liebenswürdige Anmuth, welche bei den gebildeten Franzosen in höchster
Vollkommenheit zu finden war und in geringerem Grade auch den englischen
Hof zierte; seine Manieren waren durchaus holländisch. Selbst seine
eigenen Landsleute nannten ihn plump, und Ausländern erschien er oft
noch mehr als dies. In seinem Verkehr mit der Welt im Allgemeinen schien
er jene Fertigkeiten, welche den Werth einer Gunstbezeugung erhöhen und
einer Verweigerung die Spitze abbrechen, nicht zu kennen oder sie zu
verschmähen. Die Literatur und die Wissenschaften interessirten ihn
wenig; er wußte nichts von den Entdeckungen eines Newton und Leibnitz,
von den Poesien eines Dryden und Boileau; dramatische Darstellungen
langweilten ihn und er war froh, wenn er den Blick von der Bühne
abwenden und von öffentlichen Angelegenheiten sprechen konnte, während
Orestes raste oder Tartüffe der Elmira die Hand drückte. Er besaß zwar
einiges Talent zu Sarkasmen und entfaltete nicht selten ganz unbewußt
eine sonderbar klingende, aber kräftige und originelle natürliche
Redekunst, aber nach den Titel eines Schöngeistes oder eines Redners
strebte er nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf diejenigen Studien
gerichtet gewesen, welche einen tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmann
bilden. Von Kindheit an hörte er mit Interesse zu, wenn wichtige Fragen
über Bündnisse, Finanzen und Krieg besprochen wurden. Von der Geometrie
lernte er soviel als zum Bau einer Schanze oder eines Hornwerks nöthig
war. Von fremden Sprachen lernte er mit Hülfe seines ausgezeichneten
Gedächtnisses soviel als er bedurfte, um Alles, was mit ihm gesprochen
wurde, und jeden Brief, den er empfing, verstehen und beantworten zu
können. Das Holländische war seine Umgangssprache. Er verstand
Lateinisch, Italienisch und Spanisch, sprach und schrieb Französisch,
Englisch und Deutsch, zwar nicht elegant und grammatisch richtig, aber
fließend und verständlich. Keine Fähigkeit konnte wichtiger sein für
einen Mann, der dazu bestimmt war, große Bündnisse zu organisiren und
Armeen zu commandiren, die aus verschiedenen Nationalitäten
zusammengesetzt waren.
[_Seine religiösen Ansichten._] Eine Klasse von philosophischen Fragen
war durch die Umstände seiner Aufmerksamkeit dringend empfohlen worden
und scheint ihn mehr interessirt zu haben, als man es von seinem
allgemeinen Character hätte erwarten sollen. Die Protestanten der
Vereinigten Provinzen bestanden wie die unsrer Insel aus zwei großen
religiösen Partein, welche zwei großen politischen Parteien fast genau
entsprachen. Die Oberhäupter der städtischen Oligarchie waren Arminianer
und wurden im Allgemeinen von der Menge als nicht viel besser denn
Papisten betrachtet. Die Prinzen von Oranien waren gewöhnlich die
Schutzpatrone der calvinistischen Theologie gewesen und verdankten
keinen geringen Theil ihrer Popularität ihrem Eifer für die Lehren von
der Gnadenwahl und dem endlichen Beharren, einem Eifer, der nicht immer
durch Kenntnisse erleuchtet oder durch Humanität gemäßigt war. Wilhelm
war von Kindheit auf in dem theologischen System, dem seine Familie
anhing, sorgfältig unterrichtet worden, und betrachtete dieses System
mit größerer Vorliebe, als man in der Regel für seinen ererbten Glauben
hegt. Er hatte über die großen Probleme, welche auf der Synode von
Dortrecht erörtert worden waren, nachgedacht und in der strengen,
unbeugsamen Logik der genfer Schule etwas gefunden, was seinem Verstande
und seinem Gemüth zusagte. Das Beispiel von Unduldsamkeit, das einige
seiner Vorgänger gegeben, ahmte er jedoch niemals nach; er empfand gegen
alle Verfolgung eine entschiedene Abneigung, die er nicht allein da
aussprach, wo ein solches Eingeständniß offenbar staatsklug war, sondern
auch in Fällen, wo es den Anschein hatte, daß sein Interesse durch
Verstellung oder Stillschweigen hätte gefördert werden können.
Gleichwohl waren seine theologischen Ansichten noch entschiedener als
die seiner Vorgänger. Die Lehre von der Prädestination war der
Grundstein seiner Religion. Er erklärte oft, daß wenn er diese Lehre
aufgeben müßte, er zugleich mit derselben allen Glauben an eine waltende
Vorsehung aufgeben und ein reiner Epikuräer werden müßte. Diesen
einzigen Punkt ausgenommen, wurde die ganze Fülle seines kräftigen
Geistes frühzeitig von dem Theoretischen ab und auf das Praktische
gelenkt. Die Fähigkeiten, deren es zur Leitung wichtiger Geschäfte
bedarf, gediehen bei ihm schon in einem Alter zur Reife, wo sie sich bei
gewöhnlichen Menschen kaum erst zu entfalten begonnen haben. Seit
Octavius hatte die Welt kein solches Beispiel frühzeitiger
staatsmännischer Befähigung gesehen. Erfahrene Diplomaten erstaunten
über die treffenden Bemerkungen, die der siebzehnjährige Prinz über
öffentliche Angelegenheiten machte, und mit noch weit größerem Erstaunen
sahen sie diesen Knaben in Lagen, wo man hätte erwarten sollen, daß er
starke Leidenschaften verrathen werde, eine eben so unerschütterliche
Ruhe bewahren, wie sie selbst. Mit achtzehn Jahren saß er bereits unter
den Vätern der Republik, ernst, besonnen und einsichtsvoll wie der
Älteste unter ihnen. Mit zweiundzwanzig Jahren ward er an einem Tage der
Trauer und des Schreckens an die Spitze der Verwaltung gestellt. Mit
dreiundzwanzig Jahren war er durch ganz Europa als Feldherr und
Staatsmann berühmt. Er hatte innere Factionen niedergeworfen, war die
Seele einer mächtigen Coalition und hatte im Felde gegen einige von den
größten Generälen seiner Zeit mit Ehren gefochten.
[_Seine militairischen Talente._] Seine persönlichen Neigungen waren
mehr die eines Kriegers als die eines Staatsmannes, aber wie sein
Urgroßvater, der schweigsame Prinz, der die batavische Republik
gründete, nimmt er unter den Staatsmännern einen viel höheren Rang ein
als unter den Feldherren. Der Verlauf der Schlachten ist allerdings kein
untrüglicher Prüfstein für die Talente eines Befehlshabers, und es würde
ganz besonders ungerecht sein, wollte man diesen Prüfstein bei Wilhelm
anwenden, denn das Schicksal wollte, daß er fast stets Feldherren,
welche vollendete Meister in ihrer Kunst, und Truppen gegenüberstand,
welche in der Disciplin den seinigen weit überlegen waren. Indessen läßt
sich mit gutem Grunde annehmen, daß er als General im offenen Felde
Manchem, der in geistiger Beziehung tief unter ihm stand, keineswegs
gleichkam. Mit Leuten, die sein Vertrauen besaßen, sprach er über diesen
Gegenstand mit der edlen Offenheit eines Mannes, der Großes vollbracht
hat und der recht wohl auch einige Mängel eingestehen kann. Er sagte, er
habe keine Lehrzeit für den militairischen Beruf bestanden; er sei schon
als Knabe an die Spitze einer Armee gestellt worden, unter seinen
Offizieren habe sich keiner befunden, der fähig gewesen wäre, ihn zu
unterweisen; nur aus seinen eigenen Fehlern und deren Folgen habe er
etwas lernen können. „Ich würde einen guten Theil meines Vermögens darum
geben,“ rief er einmal aus, „wenn ich einige Feldzüge unter dem Prinzen
von Condé mitgemacht hätte, ehe ich gegen ihn commandiren mußte.“ Es ist
nicht unwahrscheinlich, daß der Umstand, welcher Wilhelm verhinderte,
eine ausgezeichnete strategische Bildung zu erlangen, der allgemeinen
Entwickelung seiner Geisteskräfte zu Gute gekommen ist. Bewiesen seine
Schlachten auch nicht den großen Taktiker, so berechtigten sie ihn doch
zu dem Titel eines großen Mannes. Kein Mißgeschick konnte ihn nur einen
Augenblick seiner Festigkeit und des vollständigen Besitzes aller seiner
Fähigkeiten berauben. Seine Niederlagen wurden mit einer so wunderbaren
Schnelligkeit wieder gut gemacht, daß er, noch ehe seine Feinde das
Tedeum gesungen hatten, schon wieder zum Kampfe gerüstet war; auch
beeinträchtigten solche Schläge in keiner Weise die Achtung und das
Vertrauen, dessen er sich von Seiten seiner Soldaten erfreute. Diese
Achtung und dieses Vertrauen verdankte er in nicht geringem Maße seinem
persönlichen Muthe. Den Grad von Muth, dessen der Soldat bedarf, um
einen Feldzug ohne Schande zu bestehen, besitzen die meisten Menschen
oder wenigstens können sie denselben in einer guten Schule erlangen. Ein
Muth wie der des Prinzen Wilhelm aber ist in der That selten. Er wurde
auf jede nur mögliche Weise geprüft, durch Krieg, durch Wunden, durch
schmerzhafte und entnervende Krankheiten, durch Seestürme, durch die
beständig drohende Gefahr, ermordet zu werden, eine Gefahr, die schon
sehr starke Nerven erschüttert hat und durch welche selbst die eiserne
Tapferkeit Cromwell’s einen harten Stoß erhielt. Aber Niemand konnte je
etwas entdecken, was der Prinz von Oranien fürchtete. Seine Rathgeber
konnten ihn nur mit Mühe dazu bringen, daß er einige Vorsichtsmaßregeln
gegen die Pistolen und Dolche von Verschwörern ergriff.[2] Alte Seeleute
erstaunten über die kaltblütige Ruhe, die er inmitten tobender
Brandungen an einer gefahrvollen Küste bewahrte. In der Schlacht
zeichnete ihn seine Tapferkeit unter Zehntausenden tapferer Krieger aus,
erweckte die hochherzige Anerkennung selbst der feindlichen Heere und
wurde selbst von der Unbilligkeit feindlicher Factionen nie bestritten.
Während seiner ersten Feldzüge setzte er sich der Gefahr aus, als ob er
den Tod gesucht hätte, war beim Angriff stets der Erste, beim Rückzug
der Letzte, kämpfte mit dem Schwerte in der Hand im dichtesten Gewühl,
und mit einer Flintenkugel im Arm, den Harnisch von Blut überströmt,
hielt er noch immer Stand und schwenkte im furchtbarsten Feuer seinen
Hut. Seine Freunde beschworen ihn, er solle doch sein für das Vaterland
unschätzbares Leben mehr schonen. Sein berühmtester Gegner, der große
Condé, bemerkte nach der blutigen Schlacht von Seneff, der Prinz von
Oranien habe sich in jeder Beziehung wie ein alter General benommen, nur
in sofern nicht, als er sich wie ein junger Soldat ausgesetzt. Wilhelm
leugnete, daß er sich der Tollkühnheit schuldig gemacht habe. Er stelle
sich, meinte er, nur aus Pflichtgefühl und aus kalter Berechnung dessen,
was das öffentliche Interesse erheische, immer auf den Posten der
Gefahr. Die Truppen, die er befehlige, seien wenig an den Krieg gewöhnt
und fürchteten ein Handgemenge mit den französischen Veteranen; es sei
daher nöthig, daß ihr Anführer ihnen zeige, wie man Schlachten gewinnt.
Und in der That wurde auch mehr als eine Schlacht, welche rettungslos
verloren schien, noch durch die Kühnheit gewonnen, mit der er seine
zersprengten Bataillone sammelte und eigenhändig die Memmen niederhieb,
welche das Beispiel zur Flucht gaben. Zuweilen sah es jedoch ganz so
aus, als ob er ein eignes Vergnügen daran finde, sein Leben zu
gefährden. Es wurde bemerkt, daß er nie heiterer, freundlicher und
liebenswürdiger war, als im blutigen Getümmel der Schlacht. Selbst bei
seinen Zerstreuungen liebte er das Aufregende der Gefahr. Kartenspiele,
Schach und Billard machten ihm kein Vergnügen; seine Lieblingserholung
war die Jagd, und die gefährlichste war ihm die liebste. Er machte oft
Sätze, daß seine kühnsten Begleiter nicht Lust hatten, ihm zu folgen.
Selbst die verwegensten Sportvergnügungen Englands scheint er für
weibisch gehalten zu haben, und im großen Parke von Windsor sehnte er
sich nach dem Wilde, das er in den Forsten von Geldern zu jagen gewohnt
war, nach Wölfen, Ebern und riesigen Sechzehnendern.[3]
[Anmerkung 2: Nach dem Frieden von Ryswick drangen die Freunde
Wilhelm’s in ihn, mit dem französischen Gesandten ganz ernstlich
über die Mordanschläge zu sprechen, welche die Jakobiten von St.
Germain beständig schmiedeten. Die kaltblütige Hochherzigkeit,
mit der er diese Warnungen vor Gefahr aufnahm, ist besonders
characteristisch. Dem Grafen Bentinck, der von Paris sehr
beunruhigende Nachrichten gemeldet hatte, antwortete er nur am
Schlusse eines langen Geschäftsbriefes: +„Pour les assasins je ne
luy en ay pas voulu parler, croiant que c’etoit au desous de
moy.+“ -- 2.(12.) Mai 1698. Ich habe die Orthographie des
Originals, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann,
beibehalten.]
[Anmerkung 3: Von Windsor schrieb er an Bentinck, damals Gesandten
in Paris: +„J’ay pris avant hier un cerf dans la forest avec les
chains du Pr. de Denm. et ay fait un assez jolie chasse, autant,
que ce vilain paiis le permest.“+ -- 20. März (1. April) 1698. Die
Orthographie ist schlecht, aber nicht schlechter als die
Napoleon’s. In besserer Stimmung schrieb Wilhelm von Loo aus:
+„Nous avons pris deux cerfs, le premier dans Dorewaert, qui est
un des plus gros que je sache avoir jamais pris. Il porte seize.“+
-- 25. Oct. (4. Nov.) 1697.]
[_Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit._] Seine
Tollkühnheit war um so merkwürdiger, da er von ungemein zarter
Körperconstitution war. Er war von früher Jugend an schwächlich und
kränklich gewesen, und im ersten Mannesalter waren seine Leiden durch
einen heftigen Pockenanfall noch verschlimmert worden. Er war engbrüstig
und schwindsüchtig. Sein schwächlicher Körper wurde durch einen
beständigen heiseren Husten erschüttert. Er konnte nicht schlafen, wenn
sein Kopf nicht durch mehrere Kissen unterstützt wurde, und nur in der
reinsten Luft konnte er ohne Beschwerden athmen. Dabei quälten ihn oft
heftige Kopfschmerzen. Körperliche Anstrengungen ermüdeten ihn sehr
bald. Die Ärzte pflegten die Hoffnung seiner Feinde dadurch aufrecht zu
erhalten, daß sie einen Termin festsetzten, über den hinaus, wenn sich
überhaupt irgend etwas in der Wissenschaft mit Sicherheit bestimmen
lasse, sein zerrütteter Organismus unmöglich ausdauern könnte. Dennoch
verließ seinen Geist während seines ganzen Lebens, das nur eine lange
Krankheit war, bei keiner wichtigen Gelegenheit die nöthige Kraft, um
seinen leidenden und siechen Körper aufrecht zu erhalten.
[_Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen._] Er war
mit heftigen Leidenschaften und mit leichter Reizbarkeit geboren; aber
die Welt hatte keine Ahnung von der Stärke seiner Gemüthsaffecte. Vor
den Blicken der Menge verbarg er seine Freude und seinen Kummer, seine
Zuneigung und seinen Groll unter einer phlegmatischen Ruhe, die ihm den
Ruf des kaltblütigsten und gleichgültigsten Menschen verschaffte. Wer
ihm eine gute Nachricht brachte, konnte selten ein Zeichen von Freude
entdecken; wer ihn nach einer Niederlage sah, spähte umsonst nach einer
Spur von Unmuth. Er lobte und tadelte, belohnte und bestrafte mit der
kalten Gelassenheit eines Mohawkhäuptlings; aber wer ihn genauer kannte
und ihn näher betrachtete, der bemerkte wohl, daß unter dieser Eisrinde
beständig ein ungestümes Feuer brannte. Nur selten raubte der Zorn ihm
seine Selbstbeherrschung; wenn er aber einmal in Wuth gerieth, so war
der erste Ausbruch seiner Leidenschaft furchtbar. Es war dann in der
That nicht rathsam, ihm zu nahe zu kommen. In diesen seltenen Fällen
jedoch gab er, sobald er seine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte,
Denen, die er beleidigt, so vollständige Genugthuung, daß sie sich fast
zu dem Wunsche versucht fühlten, er möchte aufs neue in Wuth gerathen.
Seine Liebe war nicht minder stürmisch als sein Zorn. Wo er einmal
liebte, da liebte er mit der ganzen Kraft seiner starken Seele. Wenn der
Tod ihn von einem geliebten Wesen trennte, fürchteten die wenigen Zeugen
seiner Schmerzensausbrüche für seinen Verstand und für sein Leben. Einem
sehr kleinen Kreise intimer Freunde gegenüber, auf deren Treue und
Verschwiegenheit er sich unbedingt verlassen konnte, war er ein ganz
andrer Mensch als der verschlossene und stoische Wilhelm, dem die Menge
jedes menschliche Gefühl absprach. In ihrer Gesellschaft war er
freundlich, gemüthlich, offenherzig, selbst gesellig und witzig, konnte
Stunden lang bei Tische sitzen und vollen Antheil an einer heiteren
Unterhaltung nehmen.
[_Seine Freundschaft für Bentinck._] Am höchsten in seiner Gunst stand
ein Kavalier seines Hofstaates, Namens Bentinck, der aus einem edlen
batavischen Geschlecht stammte und der Gründer eines der großen
patrizischen Häuser Englands werden sollte. Bentinck’s Treue hatte sich
in nicht gewöhnlicher Weise erprobt. Zu der Zeit, als die Vereinigten
Provinzen gegen die Macht Frankreichs um ihre Existenz kämpften, wurde
der junge Prinz, auf dem alle ihr Hoffnungen ruhten, von den Pocken
befallen. Diese Krankheit hatte bei mehreren Mitgliedern seiner Familie
einen tödtlichen Ausgang genommen und zeigte auch bei ihm anfangs einen
sehr bösartigen Character. Die Bestürzung des Volks war groß. Von früh
bis Abends waren die Straßen im Haag mit Leuten angefüllt, die sich
ängstlich nach dem Befinden Seiner Hoheit erkundigten. Endlich nahm das
Übel eine günstige Wendung. Seine Genesung wurde zum Theil seinem eignen
Gleichmuth, zum Theil der unerschrockenen und unermüdlichen Freundschaft
Bentinck’s zugeschrieben. Nur aus seinen Händen nahm Wilhelm Speisen und
Arzneien an; er allein hob ihn aus dem Bette und legte ihn wieder
hinein. „Ich weiß nicht, ob Bentinck während meiner Krankheit geschlafen
hat oder nicht,“ sagte Wilhelm mit inniger Rührung zu Temple; „soviel
aber weiß ich, daß ich in den sechzehn Tagen und Nächten nicht ein
einziges Mal etwas verlangte, ohne daß Bentinck augenblicklich an meiner
Seite gewesen wäre.“ Bevor der treue Diener seine Aufgabe ganz vollendet
hatte, wurde er selbst angesteckt. Trotzdem überwand er noch immer
Müdigkeit und Fieberschauer, bis sein Gebieter als Reconvalescent
erklärt wurde. Jetzt endlich bat er um Erlaubniß, nach Hause gehen zu
dürfen. Es war die höchste Zeit, denn seine Füße wollten ihn nicht mehr
tragen. Er kam in die größte Gefahr, genas aber und eilte, sobald er das
Bett verlassen konnte, zur Armee, wo er in vielen heißen Feldzügen immer
dicht an Wilhelm’s Seite gefunden ward, wie er es in einer Gefahr andrer
Art gewesen.
Dies war der Ursprung einer so innigen und reinen Freundschaft wie
irgend eine, von der uns die alte oder neue Geschichte erzählt. Die
Nachkommen Bentinck’s bewahren noch heute viele Briefe auf, die Wilhelm
an ihren Ahnherrn geschrieben, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man
behauptet, daß wer diese Briefe nicht gelesen hat, sich keinen richtigen
Begriff von dem Character des Prinzen bilden kann. Der Mann, den selbst
seine Verehrer in der Regel für den zurückhaltendsten und frostigsten
Menschen hielten, vergißt hier jeden Rangunterschied und schüttet alle
seine Gedanken mit der Offenherzigkeit eines Schulknaben aus. Ohne
Rückhalt theilt er Geheimnisse von der höchsten Wichtigkeit mit und legt
mit der größten Einfachheit umfassende Pläne vor, welche alle
Regierungen Europa’s berührten. Mit seinen Mittheilungen über solche
Dinge verbindet er Mittheilungen von ganz andrer, aber vielleicht nicht
weniger interessanter Art. Alle seine Abenteuer, alle seine persönlichen
Ansichten, seine langen Jagdritte nach gewaltigen Hirschen, seine Gelage
am St. Hubertustage, das Gedeihen seiner Anpflanzungen, das Mißrathen
seiner Melonen, der Zustand seines Gestüts, der Wunsch, einen frommen
Zelter für seine Gemahlin zu erlangen, sein Verdruß, als er erfährt, daß
einer seiner Kavaliere, nachdem er ein Mädchen aus guter Familie
unglücklich gemacht, sich weigert, sie zu heirathen, seine Anfälle von
Seekrankheit, sein Husten, seine Kopfschmerzen, seine andächtigen
Stimmungen, seine Dankbarkeit für den göttlichen Schutz nach Errettung
aus einer großen Gefahr, seine Anstrengungen, sich nach einem
Unglücksfalle dem göttlichen Willen zu unterwerfen, dies Alles ist darin
mit einer liebenswürdigen Redseligkeit geschildert, die man von dem
verschwiegensten und ernstesten Staatsmanne jener Zeit kaum erwarten
sollte. Noch auffallender sind die sorglosen Ergüsse seiner Zärtlichkeit
und die brüderliche Theilnahme, die er an seines Freundes häuslichem
Glücke nimmt. Als Bentinck ein Erbe geboren wurde, sagte Wilhelm: „Ich
hoffe, er wird ein so braver Mann werden als Sie einer sind, und sollte
ich einen Sohn bekommen, so werden unsere Kinder einander hoffentlich
ebenso lieben, wie wir uns geliebt haben.“[4] Während seines ganzen
Lebens blickte er mit väterlicher Liebe auf die kleinen Bentincks. Er
ruft sie bei den zärtlichsten Diminutiven, er sorgt für sie in ihres
Vaters Abwesenheit, und so schwer es ihm wird, ihnen ein Vergnügen zu
versagen, so will er sie doch nicht an einer Jagdpartie teilnehmen
lassen, wo ihnen die Gefahr droht, von einem Hirsche gestoßen zu werden,
noch ihnen erlauben, bei einem Abendschmause bis spät in die Nacht
hinein zu verweilen.[5] Als ihre Mutter während der Abwesenheit ihres
Gatten krank wird, findet Wilhelm inmitten der wichtigsten und
dringendsten Staatsgeschäfte noch soviel Zeit, um an einem Tage mehrere
expresse Boten mit kurzen Briefen abzuschicken, in denen er von ihrem
Zustande Nachricht giebt.[6] Einmal als sie nach einem heftigen Anfall
außer Gefahr erklärt wird, ergießt sich der Prinz in die wärmsten
Dankesbezeigungen gegen Gott. „Ich schreibe,“ sagt er, „mit Thränen der
Freude in den Augen.“[7] Es liegt ein eigner Reiz in diesen Briefen von
der Hand eines Mannes, dessen Alles überwältigende Energie und
unbeugsame Festigkeit selbst seinen Feinden Achtung abnöthigte, dessen
kaltes und unfreundliches Benehmen in den meisten seiner Anhänger keine
innigere Zuneigung aufkommen ließ und dessen Geist beständig mit
gigantischen Plänen beschäftigt war, welche die Gestalt der Welt
veränderten.
Seine Güte ward keinem Unwürdigen zu Theil. Temple hatte frühzeitig
Bentinck für den besten und treuesten Diener erklärt, den je ein Fürst
zu besitzen das Glück hatte, und er verdiente diesen ehrenvollen Titel
sein ganzes Leben hindurch. Die beiden Freunde waren in der That wie für
einander geschaffen. Wilhelm bedurfte weder eines Führers noch eines
Schmeichlers. Da er ein festes und wohlbegründetes Vertrauen in sein
eignes Urtheil setzte, so war er kein Freund von Rathgebern, die ihn mit
Vorschlägen und Einwendungen überhäuften. Zu gleicher Zeit besaß er eine
zu scharfe Unterscheidungsgabe und einen zu edlen Sinn, als daß er an
Schmeicheleien hätte Vergnügen finden können. Der Vertraute eines
solchen Fürsten mußte ein Mann sein nicht von erfinderischem Genie oder
von gebieterischem Character, aber bieder und treu, im Stande, jeden
Befehl pünktlich zu vollziehen, Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren,
Ereignisse umsichtig zu beobachten und treulich zu berichten. Und ein
solcher Mann war Bentinck.
[Anmerkung 4: 3. März 1679.]
[Anmerkung 5: +„Voilà en peu de mot le détail de nostre St.
Hubert. Et j’ay en soin que M. Woodstoc+ (Bentinck’s ältester
Sohn) +n’a point esté à la chasse, bien moin au soupé, quoyqu’il
fut icy. Vous pouvez pourtant croire que de n’avoir pas chassé l’a
un peu mortifié, mais je ne l’ay pas ausé prendre sur moy, puisque
vous m’aviez dit que vous ne le souhaitiez pas.“+ -- Von Loo, 4.
Nov. 1697.]
[Anmerkung 6: Am 15. Juni 1688.]
[Anmerkung 7: 6. Sept. 1679.]
[_Marie, Prinzessin von Oranien._] Wilhelm war in der Ehe nicht weniger
glücklich als in der Freundschaft. Anfangs hatte jedoch seine Ehe kein
besonderes häusliches Glück versprochen. Seine Wahl war hauptsächlich
durch politische Rücksichten bestimmt worden, und es sah nicht
wahrscheinlich aus, daß zwischen einem hübschen sechzehnjährigen
Mädchen, die zwar ein sanftes Gemüth und natürlichen Verstand besaß, im
übrigen aber unwissend und einfach war, und einem Bräutigam, der, obwohl
noch nicht ganz achtundzwanzig Jahr alt, doch seinem körperlichen
Zustande nach älter war als ihr Vater, der ein kaltes, abstoßendes
Benehmen hatte und dessen Kopf beständig mit Staatsgeschäften und
Sportvergnügungen angefüllt war, eine innige Zuneigung würde entstehen
können. Eine Zeit lang vernachlässigte Wilhelm seine Gemahlin, indem er
durch andere Frauen von ihr abgezogen wurde, besonders durch eine ihrer
Hofdamen, Namens Elisabeth Villiers, welche Talente besaß, die sie wohl
geeignet machten, seine Sorgen zu theilen, obgleich sie aller
persönlichen Reize entbehrte und sogar durch ein häßliches Schielen
entstellt war.[8] Er schämte sich zwar seiner Fehler und bemühte sich
nach Kräften, sie zu verbergen, aber trotz aller Vorsicht wußte Marie
wohl, daß er ihr nicht ganz treu war. Spione und Ohrenbläser thaten auf
Anregen ihres Vaters ihr Möglichstes, um ihren Zorn zu entflammen. Ein
Mann von ganz andrem Character, der vortreffliche Ken, der mehrere
Monate lang im Haag ihr Kaplan war, wurde so aufgebracht durch die ihr
widerfahrenden Kränkungen, daß er mit mehr Eifer als Besonnenheit
drohte, ihren Gemahl ernstlich zur Rede zu setzen.[9] Sie selbst ertrug
jedoch alles Unrecht mit einer Sanftmuth und Geduld, welche ihr nach und
nach Wilhelm’s Achtung und Dankbarkeit erwarben. Indessen war auch noch
eine andre Ursache der Entfremdung vorhanden. Es kam ohne Zweifel eine
Zeit, wo die Prinzessin, welche nur zu Stickereiarbeiten, zum
Spinetspiel und zum Lesen der Bibel und der „Pflichten des Menschen“
erzogen war, das Oberhaupt einer großen Monarchie wurde und das
Gleichgewicht Europa’s in ihrer Hand ruhte, während ihr ehrgeiziger,
geschäftskundiger und beständig auf große Unternehmungen sinnender
Gemahl bei der britischen Regierung keine vorausbestimmte Stelle für
sich fand und nur durch ihre Güte und so lange es ihr gefiel Macht
ausüben konnte. Es kann nicht befremden, daß ein Mann, der die Gewalt so
liebte wie Wilhelm, und der sich seines Herrschergenies so bewußt war,
in hohem Maße die Eifersucht empfand, die während eines Königthums von
wenigen Stunden zwischen Guildford Dudley und Lady Johanna Zwietracht
hervorrief und einen noch viel tragischeren Bruch zwischen Darnley und
der Königin von Schottland herbeiführte. Die Prinzessin von Oranien
hatte nicht die leiseste Ahnung von den Gefühlen ihres Gemahls. Ihr
Lehrer, der Bischof Compton, hatte sie in der Religion sorgfältig
unterrichtet und ihr Gemüth namentlich gegen die Künste der
römisch-katholischen Theologen gestählt, sie aber in völliger Unkenntniß
der englischen Verfassung und ihrer eignen Stellung gelassen. Sie wußte,
daß ihr eheliches Gelübde sie zum Gehorsam gegen ihren Gemahl
verpflichtete und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß dieses
gegenseitige Verhältniß einmal umgekehrt werden könnte. Sie war bereits
neun Jahre vermählt, ehe sie die Ursache von Wilhelm’s Verstimmung
entdeckte, und von ihm selbst würde sie dieselbe auch nie erfahren
haben. In Folge seiner ganzen Gemüthsart brütete er eher über die ihn
niederdrückenden Sorgen, als daß er denselben einen Ausdruck gab, und in
diesem speciellen Falle wurde sein Mund durch ein ganz natürliches
Zartgefühl versiegelt. Endlich aber kam durch die Vermittelung Gilbert
Burnet’s eine vollkommene Verständigung und Aussöhnung zu Stande.
[Anmerkung 8: Siehe Swift’s Bericht über sie im +Journal to
Stella+.]
[Anmerkung 9: Heinrich Sidney’s Tagebuch vom 31. März 1680 in Mr.
Blencowe’s interessanter Sammlung.]
[_Gilbert Burnet._] Burnet’s Ruf ist mit auffallender Böswilligkeit und
Hartnäckigkeit angegriffen worden. Der Angriff begann schon frühzeitig
in seinem Leben und wird noch jetzt mit unverminderter Heftigkeit
fortgesetzt, obgleich er bereits über ein und ein Viertel Jahrhundert im
Grabe liegt. Allerdings ist er auch für den Parteihaß und den
muthwilligen Spott eine Zielscheibe, wie sie sich keine bessere wünschen
können, denn die Mängel seines Verstandes und seines Characters liegen
klar am Tage und können Niemandem entgehen. Es waren jedoch nicht die
Fehler, welche man als seinen Landsleuten eigen zu betrachten pflegt. Er
allein unter den vielen Schotten, die sich in England zu Auszeichnung
und Wohlstand emporgeschwungen haben, hatte den Charakter, welchen
Satiriker, Romanschreiber und Schauspieldichter allgemein den irischen
Abenteurern zuschreiben. Seine physische Lebendigkeit, seine
Ruhmredigkeit, seine unverhohlene Eitelkeit, seine Faseleien, seine
herausfordernde Indiscretion und seine kecke Dreistigkeit boten den
Tories unerschöpflichen Stoff zu Spötteleien. Auch unterließen seine
Feinde nicht, ihm nebenbei über seine breiten Schultern, seine dicken
Waden und sein Glück in Heirathsspekulationen auf verliebte reiche
Wittwen mehr witzige als artige Complimente zu machen. Obwohl jedoch
Burnet in vieler Beziehung dem Spott und selbst dem Tadel Blößen darbot,
so verdiente er doch keineswegs eine solche Geringschätzung. Er besaß
einen regen Geist, einen unermüdlichen Fleiß und eine vielseitige,
ausgedehnte Belesenheit. Er war zu gleicher Zeit Geschichtsschreiber,
Alterthumsforscher, Theolog, Prediger, Tagesschriftsteller, Polemiker
und thätiger politischer Parteiführer, und in allen diesen
Eigenschaften zeichnete er sich unter vielen geschickten Mitbewerbern
vortheilhaft aus. Die vielen geistreichen Abhandlungen, die er über
Tagesbegebenheiten schrieb, sind jetzt nur noch Forschern bekannt; aber
seine +History of his own Times+, seine +History of the Reformation+,
seine +Exposition of the Articles+, sein +Discourse of Pastoral Care+,
sein +Life of Hale+ und sein +Life of Wilmot+ werden noch immer neu
aufgelegt und fehlen in keiner guten Privatbibliothek. Gegen eine solche
Thatsache vermögen alle Anstrengungen der Verleumder nichts. Ein
Schriftsteller, dessen umfangreiche Werke in verschiedenen Zweigen der
Literatur noch hundertdreißig Jahre nach seinem Tode zahlreiche Leser
finden, kann große Fehler gehabt haben, muß aber auch große Vorzüge
gehabt haben, und diese hatte Burnet: einen fruchtbaren und regen Geist
und einen Styl, der allerdings von tadelloser Reinheit weit entfernt,
doch stets klar, oft lebendig ist und sich zuweilen selbst zu
feierlicher und glühender Beredtsamkeit erhebt. Auf der Kanzel wurde die
Wirkung seiner ohne irgend welche schriftliche Notizen gehaltenen
Predigten noch erhöht durch eine edle Gestalt und einen imponirenden
Vortrag. Er wurde oft durch das Beifallsgemurmel seiner Zuhörer
unterbrochen, und wenn die Sanduhr, die sich damals auf jeder Kanzel
befand, abgelaufen war und er dieselbe emporhielt, forderte ihn die
Gemeinde durch lauten Zuruf auf fortzufahren, bis der Sand noch einmal
abgelaufen wäre.[10] Die großen Mängel seines sittlichen Characters und
seines Geistes wurden durch große Vorzüge mehr als ausgeglichen.
Obgleich durch Vorurtheil und Leidenschaft oft auf Irrwege geführt, war
er doch im strengsten Sinne des Worts ein Ehrenmann. Konnte er auch den
Versuchungen der Eitelkeit nicht immer widerstehen, so stand sein
Character doch hoch über den Einflüssen der Habsucht und der Furcht. Er
war von Gemüth leutselig, hochherzig, dankbar und nachsichtig.[11] Sein
Glaubenseifer, obwohl stetig und glühend, wurde im Allgemeinen durch
Humanität und durch Achtung der Gewissensfreiheit in Schranken gehalten.
Trotz seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an das was er als den
Geist des Christenthums betrachtete, war er doch gleichgültig gegen
Gebräuche, Namen und Formen der kirchlichen Verfassung und war selbst
gegen Ungläubige und Ketzer, deren Lebenswandel tadellos war und deren
Irrthümer mehr die Wirkung falscher Begriffe als eines verderbten
Characters zu sein schienen, durchaus nicht zur Strenge geneigt. Aber
gleich vielen anderen braven Männern jener Zeit betrachtete er die Sache
der römischen Kirche als eine Ausnahme von allen gewöhnlichen Regeln.
Burnet genoß schon seit mehreren Jahren eines europäischen Rufes. Seine
Geschichte der Reformation war von allen Protestanten mit lautem Beifall
aufgenommen und von den römischen Katholiken als ein gewaltiger Schlag
gefühlt worden. Der größte Gelehrte, den die römische Kirche seit dem
Schisma des sechzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, Bossuet, Bischof
von Meaux, war mit der Bearbeitung einer ausführlichen Erwiederung
beschäftigt. Burnet war von einem der glaubenseifrigen Parlamente,
welche während der durch das papistische Complot verursachten Aufregung
tagten, mit einem Dankvotum beehrt und im Namen der Gemeinen von England
ersucht worden, seine geschichtlichen Forschungen fortzusetzen. Er war
von Karl sowohl als von Jakob in deren engere Unterhaltungszirkel
gezogen worden, hatte mit mehreren ausgezeichneten Staatsmännern,
besonders mit Halifax auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war der
Gewissensrath einiger sehr hochstehenden Personen gewesen. Er hatte
ferner einen der glänzendsten Wüstlinge jener Zeit, Johann Wilmot, Earl
von Rochester, von Atheismus und Ausschweifung zurückgebracht. Lord
Stafford, das Opfer des Oates, war, obgleich Katholik, in seinen letzten
Stunden durch Burnet’s geistlichen Zuspruch über diejenigen Punkte, in
denen alle Christen übereinstimmen, erbaut worden. Wenige Jahre später
begleitete Burnet einen noch erlauchteren Dulder, Lord Russell, vom
Tower auf das Schaffot in Lincoln’s Inn Fields. Der Hof hatte nichts
unversucht gelassen, um einen so thätigen und tüchtigen Theologen zu
gewinnen. Weder königliche Schmeicheleien, noch die Verheißung
einträglicher Stellen waren gespart worden. Aber Burnet war, obwohl in
früher Jugend von den servilen Lehren angesteckt, denen der damalige
Klerus durchgehends anhing, aus Überzeugung Whig geworden und er blieb
seinen Grundsätzen durch alle Wechselfälle des Lebens treu. Er hatte
jedoch keinen Antheil an der Verschwörung genommen, welche soviel
Schmach und Unheil über die Whigpartei brachte und verabscheuete nicht
nur die Mordpläne Goodenough’s und Ferguson’s, sondern war auch der
Meinung, daß selbst sein geliebter und verehrter Freund Russell gegen
die Regierung weiter gegangen sei, als es sich rechtfertigen ließ.
Endlich kam eine Zeit, wo die Unschuld kein hinreichender Schutz war.
Burnet wurde, obgleich er sich keiner Übertretung des Gesetzes schuldig
gemacht, von der Rache des Hofes verfolgt. Er begab sich auf den
Continent und nachdem er etwa ein Jahr auf jene Wanderungen durch die
Schweiz, durch Italien und Deutschland verwendet, von denen er uns eine
anziehende Beschreibung hinterlassen hat, ging er im Sommer 1686 nach
dem Haag, wo er mit Freundlichkeit und Achtung aufgenommen wurde. Er
unterhielt sich sehr freisinnig mit der Prinzessin über Politik und
Religion und wurde bald ihr geistlicher Beistand und vertrauter
Rathgeber. Wilhelm erwies sich als ein viel freundlicherer Wirth, als es
zu erwarten gewesen wäre. Denn von allen Fehlern waren ihm
Zudringlichkeit und Indiscretion am meisten verhaßt und Burnet war, wie
selbst seine Freunde und Verehrer zugestanden, der zudringlichste und
indiscreteste Mensch, den es geben konnte. Aber der scharfsichtige Prinz
bemerkte sehr wohl, daß dieser vorlaute und schwatzhafte Theolog, der
beständig Geheimnisse ausplauderte, naseweise Fragen stellte und
unerbetenen Rath aufdrängte, bei alledem ein freimüthiger, furchtloser
und kluger Mann war, der die Gesinnungen und Absichten der britischen
Secten und Factionen genau kannte. Auch war der Ruf von Burnet’s
Beredsamkeit und Gelehrsamkeit weit verbreitet. Wilhelm selbst war kein
Freund vom Lesen, aber er stand jetzt seit vielen Jahren an der Spitze
der holländischen Regierung zu einer Zeit, wo die holländische Presse
eines der gewaltigsten Werkzeuge war, durch welche die öffentliche
Meinung in Europa bearbeitet wurde, und obgleich er an literarischen
Genüssen kein Vergnügen fand, war er doch viel zu klug und
scharfsichtig, als daß er den Werth des literarischen Beistandes nicht
hätte erkennen sollen. Er wußte sehr wohl, daß eine populäre Flugschrift
zuweilen ebenso gute Dienste leistet als ein Sieg auf dem Schlachtfelde.
Auch sah er ein, wie wichtig es sei, daß er immer einen Mann um sich
hatte, der mit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung unsrer Insel
vertraut war, und Burnet eignete sich vortrefflich dazu, als lebende
Encyclopädie über britische Angelegenheiten benutzt zu werden, denn
seine Kenntnisse waren, wenn auch nicht immer ganz zuverlässig, doch von
erstaunlicher Vielseitigkeit und es gab in England wie in Schottland
wenige ausgezeichnete Männer irgend einer politischen oder religiösen
Partei, mit denen er nicht verkehrt hätte. Es wurde ihm daher die
nämliche Gunst und das nämliche Vertrauen gewährt wie nur irgend Einem
außer denen, welche den kleinen intimsten Kreis von Privatfreunden des
Prinzen bildeten. Nahm sich der Doctor Freiheiten heraus, was nicht
selten der Fall war, so wurde sein Gönner noch kälter und mürrischer als
gewöhnlich gegen ihn und äußerte zuweilen eine kurze, beißende
Bemerkung, die einem Menschen von gewöhnlicher Dreistigkeit für immer
den Mund geschlossen haben würde. Trotz solcher Vorfälle aber dauerte
die Freundschaft dieses sonderbaren Paares mit wenigen kurzen
Unterbrechungen so lange, bis sie durch den Tod aufgelöst wurde. Es war
in der That nicht leicht, Burnet zu kränken. Seine Selbstgefälligkeit,
seine heitere Sorglosigkeit und seine Taktlosigkeit waren so groß, daß
er wohl oft Anstoß gab, aber nie Anstoß nahm.
[Anmerkung 10: Sprecher Onslow’s Note zu Burnet I. 596; +Johnson’s
Life of Sprat+.]
[Anmerkung 11: Niemand hat Burnet häufiger und bitterer
widersprochen als Dartmouth. Und doch schrieb auch Dartmouth: „Ich
glaube nicht, daß er jemals vorsätzlich etwas veröffentlichte, was
er für falsch hielt.“ Zu einer späteren Zeit nahm er, durch einige
Bemerkungen über sich im zweiten Bande der Geschichte des Bischofs
gereizt, dieses Lob zurück; aber auf einen solchen Widerruf darf
man kein großes Gewicht legen. Selbst Swift war so gerecht zu
sagen: „Im Ganzen war er ein hochherziger und braver Mann.“ +Short
Remarks on Bishop Burnet’s History+.
Burnet wird gewöhnlich als ein auffallend ungenauer
Geschichtsschreiber getadelt; aber ich halte diesen Vorwurf für
ungerecht. Er scheint nur deshalb ungenau zu sein, weil seine
Darstellung einer besonders strengen und unfreundlichen Kritik
unterzogen worden ist. Wenn ein Whig sich die Mühe nehmen wollte
+Reresby’s Memoirs, North’s Examen, Mulgrave’s Account of the
Revolution+ oder +Clarke’s Life of James the Second+ einer
ähnlichen Prüfung zu unterwerfen, so würde es sich bald zeigen,
daß Burnet keineswegs der ungenaueste Geschichtsschreiber seiner
Zeit war.]
[_Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der
Prinzessin._] Alle Eigenthümlichkeiten seines Characters machten ihn
ganz dazu geeignet, der Friedensstifter zwischen Wilhelm und Marien zu
werden. Wenn Personen, die einander achten und lieben sollten, durch
eine Ursache von einander fern gehalten werden, welche drei freimüthig
gesprochene Worte beseitigen könnten, so ist es ein Glück für sie, wenn
sie einen indiscreten Freund haben, der mit der ganzen Wahrheit
herausplatzt. Burnet sagte der Prinzessin ganz offen, welches Gefühl an
dem Herzen ihres Gemahls nagte. Sie erfuhr jetzt zum ersten Male mit
nicht geringem Erstaunen, daß, wenn sie Königin von England würde,
Wilhelm ihren Thron nicht theilen sollte. Sie erklärte mit den innigsten
Worten, daß es keinen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gebe,
zu dem sie nicht jeden Augenblick bereit wäre. Unter vielen
Entschuldigungen und feierlichen Versicherungen, daß kein andrer Mensch
ihm ein Wort in den Mund gelegt habe, sagte ihr Burnet nun, daß das
Heilmittel in ihrer Hand liege. Wenn die Krone ihr zugefallen sei, könne
sie leicht ihr Parlament dazu bewegen, daß es ihrem Gatten nicht nur den
Königstitel gewährte, sondern ihm sogar durch ein Gesetz die Zügel der
Regierung in die Hand gab. „Aber,“ setzte er hinzu, „Ihre königliche
Hoheit müssen wohl überlegen, ehe Sie einen solchen Entschluß
aussprechen, denn es ist ein Entschluß, dessen Zurücknahme weder rathsam
noch leicht sein würde, wenn er einmal angekündigt wäre.“ -- „Ich bedarf
keiner Zeit zur Überlegung,“ antwortete Marie. „Es ist genug, daß ich
eine Gelegenheit habe, um dem Prinzen meine Achtung zu beweisen. Theilen
Sie ihm mit was ich gesagt habe, und bringen Sie ihn zu mir, damit er es
aus meinem eigenen Munde höre.“ Burnet wollte den Prinzen sogleich
herbeiholen, aber er war viele Meilen weit entfernt auf einer
Hirschjagd. Erst am folgenden Tage konnte die entscheidende Unterredung
stattfinden. „Ich habe erst gestern erfahren,“ sagte Marie, „daß
zwischen den Gesetzen Englands und den Gesetzen Gottes ein solcher
Unterschied obwaltet. Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie jederzeit der
Gebieter sein sollen, und ich verlange keinen andren Lohn dafür, als daß
Sie das Gebot, welches den Gatten vorschreibt, ihre Frauen zu lieben,
ebenso befolgen, wie ich das Gebot halte, welches den Frauen
vorschreibt, ihren Gatten zu gehorchen.“ Dieser Beweis von edelmüthiger
Zuneigung gewann ihr Wilhelm’s Herz vollständig. Von diesem Augenblicke
an bis zu dem traurigen Tage, an welchem er ohnmächtig von ihrem
Sterbebett hinweggetragen wurde, herrschte vollkommene Freundschaft und
unbegrenztes Vertrauen zwischen ihnen. Viele von ihren Briefen an ihn
sind noch vorhanden und sie enthalten zahlreiche Beweise, daß es diesem
Manne, der in den Augen der Menge für so unliebenswürdig galt, gelungen
war, einer schönen und tugendhaften Frau, welche in Hinsicht der Geburt
über ihm stand, eine bis zur abgöttischen Verehrung gehende Liebe
einzuflößen.
Der Dienst, den Burnet seinem Vaterlande erzeigt, war von hoher
Bedeutung. Es war eine Zeit gekommen, wo es für das Wohl des Staates
sehr wichtig war, daß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin
vollkommene Eintracht herrschte.
[_Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien._] Bis nach der
Unterdrückung des Aufstandes im Westen hatten ernste Ursachen des
Zwiespaltes Wilhelm sowohl von den Tories als von den Whigs getrennt. Er
hatte mit großem Mißfallen die Versuche der Whigs beobachtet, der
ausübenden Gewalt einige Befugnisse zu entziehen, die er zur
Aufrechthaltung ihrer Wirksamkeit und ihrer Würde für nöthig hielt. Mit
noch größerem Mißfallen hatte er die Unterstützung gesehen, welche ein
großer Theil dieser Partei den Anmaßungen Monmouth’s angedeihen ließ. Es
schien als ob die Opposition zuerst die Krone Englands des Tragens nicht
mehr werth machen und sie dann einem Bastard und Betrüger aufs Haupt
setzen wollte. Zu gleicher Zeit war das religiöse System des Prinzen
weit verschieden von dem, welchem die Torypartei huldigte. Sie waren
Arminianer und Prälatisten. Sie sahen mit Verachtung auf die
protestantischen Kirchen des Continents herab und hielten jede Zeile
ihrer eignen Liturgie und Rubrica für kaum weniger geheiligt als die
Evangelien. Seine Ansichten über die metaphysischen Seiten der Theologie
waren calvinistisch. Seine Ansichten bezüglich der Kirchenverfassungen
und der gottesdienstlichen Formen waren latitudinarisch. Er gab zu, daß
das Episcopat eine gesetzliche und zweckmäßige Form des Kirchenregiments
sei; aber er sprach mit Bitterkeit und Hohn von der Bigotterie Derer,
welche die bischöfliche Ordination für ein wesentliches Erforderniß
einer christlichen Gesellschaft hielten. Gegen die durch die Liturgie
vorgeschriebenen Gewänder und Gesten hatte er keine Bedenken, aber er
gestand, daß ihm die Gebräuche der anglikanischen Kirche lieber sein
würden, wenn sie ihn weniger an die Gebräuche der römischen Kirche
erinnerten. Man hatte ihn ein ominöses Gemurmel von sich geben hören,
als er in der Privatkapelle seiner Gemahlin zum ersten Male einen Altar
nach anglikanischer Weise geschmückt sah, und es schien ihm nicht
sonderlich zu gefallen, als er Hooker’s +Ecclesiastical Policy+ in ihrer
Hand sah.[12]
[Anmerkung 12: +Dr.+ Hooper’s handschriftliche Erzählung im
Anhange zu Lord Dungannon’s +Life of William+.]
[_Seine Gesinnungen gegen England._] Er verfolgte daher lange den Streit
zwischen den englischen Parteien mit Aufmerksamkeit, aber ohne eine
starke Vorliebe für die eine oder die andre Partei zu hegen. Er wurde
auch bis ans Ende seines Lebens in der That niemals weder ein Whig, noch
ein Tory. Es fehlte ihm das was die gemeinsame Grundlage beider
Charactere ist, denn er wurde nie ein Engländer. Er rettete zwar
England, liebte es aber nie und erlangte ebensowenig die Liebe der
Engländer. Für ihn war es nur ein Verbannungsort, den er mit Widerwillen
besuchte und mit Freuden verließ. Selbst als er dem Lande die Dienste
leistete, deren günstige Wirkungen wir bis auf den heutigen Tag fühlen,
war sein Hauptzweck nicht die Wohlfahrt desselben.
[_Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich._] All’ sein
patriotisches Gefühl gehörte Holland. Hier befand sich das prächtige
Grabmal, in welchem der große Staatsmann ruhte, dessen Blut, dessen
Namen, dessen Character und dessen Genie er geerbt hatte. Hier war der
bloße Klang seines Namens schon ein Zauberspruch, welcher durch drei
Generationen die liebevolle Begeisterung der Landleute und Handwerker
erweckt hatte. Die holländische Sprache war die Sprache seiner
Kinderstube; unter dem holländischen Adel hatte er seine ersten Freunde
gewählt; die Vergnügungen, die Bauart und die Gegenden seines
Heimathlandes wurzelten tief in seinem Herzen. Zu ihm wendete er sich
immer wieder mit unveränderter Zärtlichkeit von einem stolzeren und
schöneren Nebenbuhler ab. In den Sälen von Whitehall sehnte er sich nach
dem traulichen Hause im Busche im Haag und er fühlte sich nie
glücklicher, als wenn er die Pracht von Windsor mit der bescheidenen
Einfachheit von Loo vertauschen konnte. Während seiner glänzenden
Verbannung fand er einigen Trost darin, daß er durch Bauen, Pflanzen und
Graben um sich her einen Schauplatz schaffen konnte, der ihn an die
regelmäßigen Gebäude von rothem Backstein, an die langen Kanäle und an
die symmetrischen Blumenbeete erinnerte, unter denen er seine Jugend
verlebt hatte. Doch selbst die Liebe zu seinem Vaterlande war einem
andren Gefühle untergeordnet, welches schon frühzeitig in seiner Seele
die Oberherrschaft gewann, das sich mit allen seinen Leidenschaften
vermischte, das ihn zu großartigen Unternehmungen anspornte, das ihn
aufrecht erhielt, wenn Kränkungen, Schmerzen, Krankheit und Sorgen ihn
zu Boden drücken wollten, das gegen das Ende seiner Laufbahn einmal
kurze Zeit erloschen zu sein schien, aber bald heftiger als je wieder
hervorbrach und ihn noch beseelte, als das Sterbegebet an seinem Lager
gesprochen wurde. Dieses Gefühl war der Haß gegen Frankreich und den
prachtliebenden König, der in mehr als einer Hinsicht Frankreich
repräsentirte und der mit seinen specifisch französischen Tugenden und
Vorzügen jenen unruhigen, gewissenlosen und dünkelhaften Ehrgeiz
verband, der zu wiederholten Malen den Zorn ganz Europa’s über
Frankreich gebracht hat.
Es ist nicht schwer, die Fortschritte des Gefühls zu verfolgen, welches
nach und nach die Alleinherrschaft in Wilhelm’s Seele erlangte. Als er
kaum erst dem Knabenalter entwachsen, war sein Vaterland in
prahlerischem Trotze gegen Recht und Gerechtigkeit überfallen, verwüstet
und allen Excessen der Raubsucht, Ausschweifung und Grausamkeit
preisgegeben worden. Die Holländer hatten sich in ihrer Bedrängniß vor
dem Eroberer gedemüthigt und um Gnade gefleht. Darauf war ihnen der
Bescheid geworden, daß wenn sie Frieden wünschten, sie ihre
Selbstständigkeit aufgeben und alljährlich dem Hause Bourbon huldigen
müßten. Die schwer beleidigte Nation hatte, zur Verzweiflung getrieben,
ihre Deiche durchbrochen und das Meer als Bundesgenossen gegen die
französische Tyrannei zu Hülfe gerufen. Mitten in den Greueln dieses
Kampfes, während die Landleute entsetzt vor den Eroberern flohen,
während Hunderte von schönen Gärten und Lusthäusern in den Fluthen
begraben, während die Berathungen der Generalstaaten durch die
Ohnmachten und das laute Weinen alter Senatoren unterbrochen wurden,
welche den Gedanken nicht ertragen konnten, die Freiheit und den Ruhm
ihres Vaterlandes zu überleben, war Wilhelm an die Spitze der Geschäfte
berufen worden. Eine Zeit lang dünkte ihm jeder Widerstand hoffnungslos.
Er sah sich vergebens nach Hülfe um. Spanien war ausgesogen, Deutschland
zerrissen, England bestochen. Es schien dem jungen Statthalter, als ob
ihm nichts weiter übrig bliebe, als mit dem Schwerte in der Hand zu
fallen, oder der Aeneas einer großen Völkerwanderung zu werden und in
Gegenden, welche außer dem Bereiche der Tyrannei Frankreichs lagen, ein
neues Holland zu gründen. Dann wäre kein Hinderniß mehr vorhanden
gewesen, das die Fortschritte des Hauses Bourbon hätte hemmen können.
Noch wenige Jahre und dieses Haus würde seine Besitzungen durch
Lothringen und Flandern, Castilien und Arragonien, Neapel und Mailand,
Mexico und Peru vergrößert haben. Ludwig hätte sich dann die Kaiserkrone
aufsetzen, einen Prinzen seines Hauses auf den Thron Polens erheben und
der Alleinherrscher in Europa von den scythischen Wüsten bis zum
Atlantischen Ocean, sowie in Amerika von den Gegenden nördlich vom
Wendekreis des Krebses bis zu den Gegenden südlich vom Wendekreis des
Steinbocks werden können. Dies waren die Aussichten, die sich Wilhelm
darboten, als er in das öffentliche Leben eintrat und welche ihn bis zu
seinem letzten Tage unaufhörlich verfolgten. Die französische Monarchie
war für ihn das was die römische Republik für Hannibal, was das
ottomanische Reich für Scanderbeg, was die südliche Herrschaft für
Wallace war. Die Religion gab diesem glühenden und unverlöschlichen
Hasse ihre Weihe. Hunderte von calvinistischen Predigern verkündeten,
daß die nämliche Macht, welche Simson vom Mutterleibe an dazu bestimmt,
die Geißel der Philister zu werden, und welche Gideon von der
Dreschtenne abgerufen, um die Midianiter zu schlagen, Wilhelm von
Oranien zum Vorkämpfer aller freien Nationen und aller reinen Kirchen
erkoren habe, und diese Ansicht war nicht ohne Einfluß auf sein Gemüth
geblieben. Dem Vertrauen, welches dieser heldenmüthige Fatalist in seine
erhabene Bestimmung und in seine heilige Sache setzte, ist zum Theil
seine auffallende Gleichgültigkeit gegen jede Gefahr zuzuschreiben. Er
hatte ein großes Werk zu vollbringen und bis es vollbracht war, konnte
ihm nichts schaden. Daher kam es auch, daß er trotz der Prophezeiungen
der Ärzte von hoffnungslos scheinenden Krankheiten genas, daß Schaaren
von Mördern sich vergebens gegen sein Leben verschworen, daß der offene
Nachen, dem er sich in sternenloser Nacht auf einem tobenden Ocean an
einer verrätherischen Küste anvertraute, ihn wohlbehalten ans Land trug
und daß auf zwanzig Schlachtfeldern die Kanonenkugeln auf allen Seiten
an ihm vorübersausten. Die Begeisterung und Ausdauer, womit er sich
seiner Sendung widmete, haben kaum ein Beispiel in der Geschichte.
Seinem großen Ziele gegenüber achtete er das Leben Anderer ebenso gering
als sein eigenes. Selbst die menschlichsten und edelmüthigen Soldaten
jener Zeit waren zu sehr daran gewöhnt, das Blutvergießen und die
Verheerungen, welche von großen kriegerischen Unternehmungen
unzertrennlich sind, mit kalter Gleichgültigkeit zu betrachten, und
Wilhelm’s Herz war nicht allein durch berufsmäßige Unempfindlichkeit,
sondern auch durch die noch starrere Unempfindlichkeit gestählt, welche
die Wirkung des Pflichtgefühls ist. Drei große Coalitionen, drei lange
und blutige Kriege, in denen ganz Europa von der Weichsel bis zum
westlichen Ocean unter den Waffen stand, sind lediglich seiner
unbezwinglichen Energie zuzuschreiben. Als im Jahre 1678 die
Generalstaaten erschöpft und entmuthigt nach Ruhe verlangten, stimmte er
noch immer dagegen, das Schwert in die Scheide zu stecken, und der
Friede wurde nur geschlossen, weil er seinen wilden und entschlossenen
Geist nicht auch Anderen einhauchen konnte. Noch im letzten Augenblicke
schlug er in der Hoffnung, dadurch die Unterhandlungen abzubrechen, von
denen er wohl wußte, daß sie dem Abschlusse nahe waren, eine der
blutigsten und hartnäckigsten Schlachten jener Zeit. Von dem Tage an, wo
der Friede von Nymwegen unterzeichnet worden war, begann er auf eine
neue Coalition zu sinnen. Sein Streit mit Ludwig, der nun vom
Schlachtfelde in das Kabinet versetzt wurde, ward bald durch eine
Privatfehde noch erbitterter. Die beiden Rivalen waren einander in
Talenten, Character, Manieren und Ansichten gerade entgegengesetzt.
Ludwig, fein und würdevoll, verschwenderisch und ausschweifend, ein
Freund von Prunk und Feind von persönlicher Gefahr, ein freigebiger
Beschützer der Künste und Wissenschaften und ein grausamer Verfolger der
Calvinisten, bildete einen auffallenden Contrast mit Wilhelm, der
einfach in seinen Neigungen, unfreundlich in seinem Benehmen,
unermüdlich und unerschrocken im Kriege, gleichgültig gegen alle
Luxuszweige des Wissens und ein entschiedener Anhänger der genfer
Theologie war. Die beiden Feinde beobachteten nicht lange jene
Artigkeit, welche Männer ihres Ranges, selbst wenn sie einander an der
Spitze von Armeen gegenüberstehen, selten aus den Augen setzen. Wilhelm
gebrauchte zwar die Formalität, daß er Ludwig seine besten Dienste
anbot; aber diese Höflichkeit wurde nach ihrem wahren Werthe gewürdigt
und mit einer trocknen Zurückweisung vergolten. Der große König
verachtete den kleinen Prinzen, der der Diener eines Bundes von
Handelsstädten war und auf jedes Zeichen von Verachtung antwortete der
unerschrockene Statthalter mit einer neuen Herausforderung, Wilhelm
entlehnte seinen Namen, ein Name, den die Ereignisse des
vorhergegangenen Jahrhunderts zu einem der glänzendsten und berühmtesten
von ganz Europa gemacht hatten, von einer Stadt, welche nicht weit von
Avignon an den Ufern der Rhone liegt und die, wie Avignon, obgleich von
allen Seiten von französischem Gebiet umgeben, doch eigentlich nicht der
französischen, sondern der kaiserlichen Krone als Lehen gehörte. Ludwig
besetzte Orange mit der ihm eigenen übermüthigen Verachtung des
Völkerrechts, schleifte die Befestigungswerke und eignete sich die
Einkünfte der Stadt zu. Wilhelm erklärte laut bei Tische in Anwesenheit
vieler Personen, der allerchristlichste König solle diese Beleidigung
schwer bereuen, und als der Graf von Avaux ihn um eine nähere Erklärung
dieser Worte bat, weigerte er sich auf das Bestimmteste, sie zu
widerrufen oder wegzuerklären. Der Streit ging so weit, daß der
französische Gesandte es nicht wagen durfte, sich im Empfangzimmer der
Prinzessin blicken zu lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen
wollte, öffentlich beleidigt zu werden.[13]
Wilhelm’s Gesinnungen gegen Frankreich erklären zugleich seine ganze
Politik gegen England. Sein Gemeinsinn war ein europäischer. Der
Hauptgegenstand seiner Sorge war nicht unsre Insel, ja selbst sein
Geburtsland nicht, sondern die große Gemeinschaft der Nationen, der die
Unterjochung durch ein zu mächtiges Mitglied drohte. Wer in dem Irrthume
befangen ist, ihn als einen englischen Staatsmann zu betrachten, muß
nothwendig sein ganzes Leben in einem falschen Lichte erblicken und wird
nicht im Stande sein, irgend einen Grundsatz, sei es ein guter oder ein
schlechter, ein whiggistischer oder ein toryistischer, zu entdecken, auf
den sich seine wichtigsten Thaten zurückführen ließen. Betrachten wir
ihn aber als einen Mann, dessen besondere Aufgabe es war, eine Masse von
schwachen, zerrissenen und entmuthigten Staaten zu einem festen und
starken Bunde gegen den gemeinsamen Feind zu sammeln, betrachten wir ihn
als einen Mann, in dessen Augen England namentlich deshalb wichtig war,
weil ohne dasselbe die von ihm beabsichtigte große Coalition
unvollständig gewesen sein würde, so werden wir zugeben müssen, daß
keine langjährige Laufbahn, von der uns die Geschichte erzählt, von
Anfang bis zu Ende gleichmäßiger war als die dieses großen Fürsten.[14]
[Anmerkung 13: +Avaux Negotiations+, Aug. 10.(20.), Sept.
14.(24.), Sept. 28. (Oct. 8.), Dec. 7.(17.) 1682.]
[Anmerkung 14: Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen,
Massillon’s unfreundliche, aber scharfsinnige und edle
Characteristik Wilhelm’s hier anzuführen: +„Un prince profond dans
ses vues; habile à former des ligues et à reunir les esprits, plus
heureux à exciter les guerres qu’à combattre; plus encore à
craindre dans le secret du cabinet, qu’à la tête des armées; un
ennemi que la haine du nom Français avait rendu capable d’imaginer
de grandes choses et de les exécuter; un de ces génies qui
semblent être nés pour mouvoir à leur gré les peuples et les
souverains; un grand homme, s’il n’avoit jamais voulu être roi.“+
Grabrede auf den Dauphin.]
[_Seine Politik durchaus consequent._] Der Leitfaden, den wir jetzt
besitzen, wird es uns möglich machen, ohne Schwierigkeit den wirklich
consequenten, obgleich anscheinend zuweilen gewundenen Gang zu
verfolgen, den er gegen unsere inneren Factionen beobachtete. Er
erkannte deutlich, was übrigens auch weit weniger scharfsichtigen Leuten
als er war, nicht entging, daß das Unternehmen, an dem er mit ganzer
Seele hing, wahrscheinlich gelingen würde, wenn England auf seiner Seite
wäre, daß der Ausgang ungewiß sein würde, wenn England neutral bliebe,
und daß es hoffnungslos sein würde, wenn England handelte, wie es in den
Tagen der Cabale gehandelt hätte. Nicht weniger deutlich sah er, daß
zwischen der äußeren und der inneren Politik Englands ein enger
Zusammenhang stattfand, daß der Regent dieses Landes, wenn er mit dem
gesetzgebenden Körper harmonirte, stets einen großen Einfluß auf die
Angelegenheiten der Christenheit ausüben und daß ihm offenbar daran
gelegen sein mußte, der ungebührlichen Machtvergrößerung irgend eines
festländischen Potentaten entgegenzuwirken; daß auf der andren Seite der
Souverain, wenn der gesetzgebende Körper ihm nicht traute und ihn in
seinen freien Bewegungen hemmte, in der europäischen Politik nur von
geringem Gewicht sein konnte und daß dieses ganze kleine Gewicht in die
falsche Wagschale fallen würde. Der erste Wunsch des Prinzen war daher:
Eintracht zwischen dem Throne und dem Parlamente. Wie diese Eintracht
herzustellen war und auf welcher Seite Zugeständnisse gemacht werden
mußten, dies waren seiner Ansicht nach Fragen von untergeordneter
Bedeutung. Allerdings würde es ihm am liebsten gewesen sein, wenn eine
vollständige Aussöhnung hätte bewirkt werden können, ohne einen
Buchstaben von der Prärogative zu opfern, denn er hatte an der
ungeschmälerten Aufrechthaltung derselben ein anwartschaftliches
Interesse, und war von Natur mindestens eben so herrschsüchtig und ein
eben so großer Feind von Beschränkung, als irgend ein Stuart. Aber es
gab kein Kleinod der Krone, das er nicht, selbst nachdem sie auf sein
eignes Haupt gesetzt worden, bereitwilligst zum Opfer gebracht hätte,
wenn er überzeugt sein konnte, daß ein solches Opfer zur Erreichung
seines großen Zieles unumgänglich nöthig war. Daher empfahl er auch der
Regierung in den Tagen des papistischen Complots Nachgiebigkeit,
obgleich er die Heftigkeit mißbilligte, mit der die Opposition die
königliche Autorität angriff. Das Verfahren der Gemeinen bezüglich der
inneren Angelegenheiten, sagte er, sei höchst unverständig, aber so
lange die Gemeinen unzufrieden seien, könnten die Freiheiten Europa’s
nicht sicher sein und dieser überwiegenden Rücksicht müsse jede andre
weichen. Nach diesen Grundsätzen handelte er, als die Ausschließungsbill
die ganze Nation erschütterte. Man hat keinen Grund zu der Annahme, daß
er die Opposition aufgemuntert habe, diese Bill einzubringen oder die
wiederholt gemachten Vergleichsvorschläge des Thrones zurückzuweisen.
Als es aber klar wurde, daß, wenn diese Bill nicht durchging, ein
ernster Bruch zwischen den Gemeinen und dem Hofe entstehen mußte, sprach
er deutlich, obwohl mit gebührender Mäßigung, seine Ansicht dahin aus,
daß man sich um jeden Preis mit den Vertretern des Volks versöhnen
müsse. Als ein heftiger und reißender Umschwung der öffentlichen Meinung
die Whigpartei eine Zeit lang völlig hilflos gelassen hatte, versuchte
er es sein großes Ziel auf einem andren Wege zu erreichen, der seiner
Natur vielleicht besser zusagte als der vorher betretene. Die veränderte
Stimmung der Nation bot wenig Aussicht dar, daß ein Parlament gewählt
werden würde, das geneigt war, die Wünsche des Souverains zu
durchkreuzen. Karl war eine Zeit lang Herr. Ihn zu gewinnen, war daher
des Prinzen erster Wunsch. Im Sommer 1683, fast in dem Augenblicke, als
die Entdeckung des Ryehousecomplots die Niederlage der Whigs und den
Sieg des Königs vollständig machte, traten anderwärts Ereignisse ein,
welche Wilhelm nicht ohne die größte Angst und Besorgniß mit ansehen
konnte. Die türkischen Heere rückten bis an die Vorstädte Wiens heran.
Die große österreichische Monarchie, auf deren Unterstützung der Prinz
gerechnet hatte, schien ihrem Untergange nahe zu sein. Bentinck wurde
daher schleunigst vom Haag nach London gesandt, mit dem Auftrage nichts
zu versäumen, was nöthig sein konnte, um den englischen Hof zu gewinnen,
und ganz besonders war er angewiesen, in den stärksten Ausdrücken den
Abscheu seines Gebieters gegen die Whigverschwörung zu versichern.
Während der nächsten achtzehn Monate war einige Hoffnung, daß der Einfuß
Halifax’ überwiegen und daß der Hof von Whitehall zur Politik der
Tripleallianz zurückkehren werde. An diese Hoffnung klammerte sich
Wilhelm mit Vorliebe an und sparte keine Mühe, um Karl günstig zu
stimmen. Die gastliche Aufnahme, welche Monmouth im Haag fand, muß
hauptsächlich dem ernstlichen Bestreben des Prinzen, die wirklichen
Wünsche von Monmouth’s Vater zu erfüllen, zugeschrieben werden. Sobald
Karl gestorben war, schlug Wilhelm in unabänderlicher Verfolgung seines
Zieles wieder ein andres Verfahren ein. Er hatte Monmouth aufgenommen,
um dem verstorbenen Könige zu gefallen; damit nun der gegenwärtige König
keine Ursache zu Beschwerden haben sollte, wurde Monmouth fortgeschickt.
Wir haben gesehen, daß beim Ausbruche des Aufstandes im Westen die in
holländischen Diensten stehenden britischen Regimenter durch die
thätigen Bemühungen des Prinzen auf die erste Aufforderung in ihre
Heimath zurückgesandt wurden. Wilhelm erbot sich sogar, persönlich ein
Commando gegen die Rebellen zu übernehmen, und daß dieses Anerbieten
vollkommen aufrichtig gemeint war, kann von Niemandem, der seine
vertraulichen Briefe an Bentinck gelesen hat, bezweifelt werden.[15]
Der Prinz gab sich zu dieser Zeit augenscheinlich der Hoffnung hin, daß
der große Plan, dem in seinem Geiste alles Andre untergeordnet war, den
Beifall und die Unterstützung seines Schwiegervaters erhalten werde. Der
hohe Ton, den Jakob damals gegen Frankreich annahm, die
Bereitwilligkeit, mit der er sich zu einem Defensivbündnisse mit den
Vereinigten Provinzen verstand, und seine Geneigtheit zu einer
Verbindung mit dem Hause Österreich bestärkten diese Erwartung. Aber
bald verfinsterte sich der Horizont. Die Entlassung Halifax’, der Bruch
zwischen Jakob und dem Parlamente, die Prorogation desselben und die
ausdrückliche Erklärung, welche der König den auswärtigen Gesandten gab,
daß die festländische Politik seine Aufmerksamkeit nicht länger von
inneren Maßregeln zur Befestigung seiner Hoheitsrechte und zur Förderung
der Interessen seiner Kirche ablenken sollte, machten der Täuschung ein
Ende. Es war klar, daß England, wenn Jakob sein Beherrscher war, im Fall
einer europäischen Krisis entweder unthätig bleiben oder im Einklange
mit Frankreich handeln würde. Und die europäische Krisis rückte immer
näher. Das Haus Österreich war durch eine Reihe von Siegen gegen fernere
Gefahr von Seiten der Türkei gesichert worden und hatte daher nicht mehr
nöthig, die Übergriffe und Beleidigungen Ludwig’s geduldig zu ertragen.
[Anmerkung 15: Zum Beispiel: +„Je crois M. Feversham un très brave
et honeste homme. Mais je doute s’il a assez d’expérience à
diriger une si grande affaire qu’il a sur le bras. Dieu lui donne
un succès prompt et heureux. Mais je ne suis pas hors
d’inquiétude.“+ -- 7.(17.) Juli 1685. Als er die Nachricht von der
Schlacht von Sedgemoor erhalten hatte, schrieb er wieder: +„Dieu
soit loué du bon succès que les troupes du Roy ont eu contres les
rebelles. Je ne doute pas que cette affaire ne soit entièrement
assoupie, et que le règne du Roy sera heureux, ce que Dieu
veuille.“+ -- 10.(20.) Juli.]
[_Vertrag von Augsburg._] In Folge dessen wurde im Juli 1686 zu Augsburg
ein Vertrag unterzeichnet, durch den sich die Fürsten des Reichs zum
Zwecke gegenseitiger Vertheidigung eng verbanden. Die Könige von Spanien
und von Schweden waren diesem Bunde ebenfalls beigetreten, der König von
Spanien als Besitzer der im burgundischen Kreise liegenden Provinzen,
der König von Schweden als Herzog von Pommern. Die Verbündeten
erklärten, daß sie nicht die Absicht hätten irgend eine Macht
anzugreifen oder irgend eine zu beleidigen, daß sie aber entschlossen
seien, keine Verletzung der Rechte zu dulden, welche das deutsche Reich
unter Sanction des Völkerrechts und der öffentlichen Treue besitze. Sie
verpflichteten sich, einander im Falle der Noth beizustehen und
bestimmten das Truppencontingent, das jedes Mitglied des Bundes stellen
mußte, wenn es nöthig werden sollte, einen Angriff zurückzuweisen.[16]
Der Name Wilhelm’s war in dieser Urkunde nicht genannt aber Jedermann
wußte, daß sie sein Werk war und sah voraus, daß er in nicht langer Zeit
wieder an der Spitze einer Coalition gegen Frankreich stehen werde.
Zwischen ihm und dem Vasallen Frankreichs konnte unter solchen Umständen
kein herzliches Einvernehmen stattfinden. Es erfolgte zwar kein offener
Bruch und kein Austausch von Drohungen oder Vorwürfen; aber
Schwiegervater und Schwiegersohn waren vollständig und für immer
geschieden.
[Anmerkung 16: Der Vertrag ist in dem +Recueil des Traités, IV.
No. 209+ zu finden.]
[_Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition._] Gerade zu der
Zeit, als der Prinz so dem englischen Hofe entfremdet wurde,
verschwanden die Ursachen, welche bisher eine Kälte zwischen ihm und den
beiden großen Parteien des englischen Volks hervorgerufen hatten. Ein
großer Theil, der Zahl nach vielleicht die Mehrheit der Whigs, hatte die
Ansprüche Monmouth’s begünstigt, aber Monmouth existirte jetzt nicht
mehr. Die Tories auf der andren Seite hatten gefürchtet, die Interessen
der anglikanischen Kirche mochten unter der Leitung eines Mannes nicht
sicher sein, der unter holländischen Presbyterianern aufgewachsen und
dessen Ansichten über die Gewänder, die Ceremonien und die Bischöfe als
latitudinarisch wohl bekannt waren; seitdem aber jener geliebten Kirche
von einer ganz andren Seite weit furchtbarere Gefahren drohten, hatten
diese Befürchtungen fast ihre ganze Kraft verloren. So kam es, daß beide
große Parteien in dem nämlichen Augenblicke ihre Hoffnungen und ihre
Liebe auf den nämlichen Führer zu richten begannen. Alte Republikaner
konnten ihr Vertrauen einem Manne nicht versagen, der viele Jahre
hindurch das höchste Amt einer Republik würdig bekleidet hatte, und alte
Royalisten sahen ein, daß sie in Übereinstimmung mit ihren Grundsätzen
handelten, wenn sie einem dem Throne so nahe gehenden Prinzen die
tiefste Ehrerbietung bezeigten. Unter diesen Umständen war es von
höchster Wichtigkeit, daß zwischen Wilhelm und Marien die vollkommenste
Einigkeit herrschte. Eine Mißhelligkeit zwischen der präsumtiven
Thronerbin und ihrem Gemahl hätte in der großen Masse, die sich von
allen Seiten her um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt schaarte, eine
Spaltung hervorbringen müssen. Zum Glück wurde jede Gefahr einer solchen
Mißhelligkeit im entscheidenden Augenblicke durch Burnet’s
Dazwischenkunft beseitigt und der Prinz wurde das unbestrittene Haupt
der ganzen Partei, welche der Regierung feindlich gegenüberstand, einer
Partei, welche fast die ganze Nation in sich begriff.
Es ist nicht der mindeste Grund zu der Annahme vorhanden, daß er schon
um diese Zeit das große Unternehmen im Sinne hatte, zu dem ihn später
die gebieterische Nothwendigkeit trieb. Er wußte sehr gut, daß die
öffentliche Stimmung in England, wenn auch durch Kränkungen gereizt,
doch zu einer Revolution keineswegs reif war. Gewiß würde er gern das
Ärgerniß vermieden haben, das ein blutiger Streit zwischen Personen,
welche durch die engsten Bande der Blutsverwandtschaft und der
Verschwägerung an einander gekettet waren, nothwendig erregen mußte.
Auch sein Ehrgeiz ließ es ihm nicht wünschenswerth erscheinen, die
Größe, die im gewöhnlichen Laufe der Natur und des Rechts ihm zufallen
konnte, einer Gewaltthätigkeit zu verdanken, denn er wußte jetzt, daß,
wenn die Krone auf regelmäßigem Wege auf seine Gemahlin überging,
zugleich mit derselben auch alle ihre Vorrechte ungeschmälert auf ihn
selbst übergehen würden, daß sie aber, wenn sie durch eine Wahl erlangt
wurde, unter den Bedingungen angenommen werden mußte, welche die Wähler
zu stellen für gut fanden. Er schien daher geduldig den Tag erwarten zu
wollen, wo er mit unbestrittenem Rechte die Regierung antreten konnte,
und sich bis dahin darauf zu beschränken, als erster Prinz von Geblüt
und als Oberhaupt der Partei, welche in der Nation entschieden das
Übergewicht hatte, und die auch darauf rechnen konnte, in beiden Häusern
eines zu versammelnden Parlaments entschieden zu überwiegen, einen
großen Einfluß auf die englischen Angelegenheiten auszuüben.
[_Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor._] Indessen war
er bereits durch einen Rathgeber, der weniger scharfsichtig, aber
ungestümer war als er selbst, gedrängt worden, einen kühneren Weg
einzuschlagen. Dieser Rathgeber war der junge Lord Mordaunt. Das
damalige Zeitalter hat kein erfinderischeres Genie und keinen
verwegeneren Geist hervorgebracht. Aber wenn ein Plan nur glänzend war,
so fragte Mordaunt selten danach, ob er auch ausführbar sein würde, sein
ganzes Leben war ein wilder Roman, zusammengesetzt aus geheimnißvollen
Intriguen der Politik und der Liebe, aus heftigen und schnellen Wechseln
des Schauplatzes und des Glücks, und aus Siegen, welche mehr denen eines
Amadis und eines Lancelot, als denen eines Luxemburg und eines Eugen
glichen. Die Episoden, welche mit dieser seltsamen Lebensgeschichte
verflochten waren, entsprachen ganz der Hauptintrigue. Es waren darunter
nächtliche Kämpfe mit edelmüthigen Räubern und Befreiungen vornehmer und
schöner Damen aus den Händen von Entführern. Nachdem sich Mordaunt durch
die Beredtsamkeit und Kühnheit ausgezeichnet, mit der er im Hause der
Lords gegen den Hof aufgetreten war, zog er sich bald nach der
Prorogation nach dem Haag zurück und empfahl dringend eine unverzügliche
Landung in England. Er bildete sich ein, es sei eben so leicht, drei
große Königreiche zu überrumpeln, als es ihm lange nachher wurde,
Barcellona zu nehmen.
[_Wilhelm verwirft den Rath._] Wilhelm hörte ihn an, überlegte sich die
Sache und erwiederte endlich in allgemeinen Ausdrücken, er interessire
sich sehr für die englischen Angelegenheiten und werde dieselben scharf
im Auge behalten.[17] Was aber auch seine Absicht sein mochte, es ist
nicht anzunehmen, daß er einen voreiligen und hitzköpfigen fahrenden
Ritter zu seinem Vertrauten erwählt haben würde. Die beiden Männer
hatten nichts mit einander gemein als persönlichen Muth, der bei ihnen
bis zum fabelhaften Heroismus ging, Mordaunt wollte lediglich die
Aufregung des Kampfes genießen und die Menschen in Erstaunen setzen,
Wilhelm hatte beständig ein erhabenes Ziel vor Augen. Nach diesem Ziele
trieb ihn eine gewaltige Leidenschaft, die ihn im Gewande einer heiligen
Pflicht erschien. Auf dieses Ziel steuerte er mit einer Geduld hin, die,
wie er einmal sagte, der Geduld eines Bootsführers glich, den er auf
einem Kanale gegen eine widrige Strömung hatte ankämpfen sehen, der
immer wieder zurückgeworfen wurde, aber nicht aufhörte zu rudern und
zufrieden war, wenn er nach stundenlanger Arbeit um einige Yards
vorwärts gekommen war.[18] Heldenthaten, die ihn seinem Ziele nicht
näher brachten, mochten sie in den Augen des großen Haufens noch so
ruhmvoll sein, waren seiner Ansicht nach kindische Eitelkeiten, aber
kein Theil der wahren Aufgabe des Lebens.
Er beschloß, Mordaunt’s Rath zu verwerfen und es kann keinem Zweifel
unterliegen, daß dies ein weiser Entschluß war. Hätte Wilhelm im Jahre
1686 oder selbst 1687 das versucht, was er 1688 mit so glänzendem
Erfolge unternahm, so würden zwar vielleicht auf seinen Ruf viele Whigs
zu den Waffen gegriffen haben, aber er würde bald gesehen haben, daß die
Nation noch nicht hinreichend vorbereitet war, um einen bewaffneten
Befreier aus fremdem Lande willkommen zu heißen, und daß die Kirche noch
nicht genugsam gereizt und beleidigt worden war, damit sie den
Grundsatz, der seit so langer Zeit ihr Losungswort war, schon hätte
vergessen haben können. Die alten Kavaliere würden sich um das
königliche Banner geschaart haben und es würde wahrscheinlich in allen
drei Königreichen ein eben so langer und heftiger Bürgerkrieg als der
unter der vorigen Generation ausgebrochen sein. Während dieser Krieg auf
den britischen Inseln wüthete, was konnte Ludwig inzwischen nicht Alles
auf dem Continent versuchen? Und welche Aussichten hätte dann Holland
gehabt, das von seinen Truppen entblößt und von seinem Statthalter
verlassen gewesen wäre?
[Anmerkung 17: +Burnet I. 762.+]
[Anmerkung 18: +Temple’s Memoirs.+]
[_Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde._] Wilhelm
begnügte sich daher für jetzt, Maßregeln zu ergreifen, um der mächtigen
Opposition, deren Oberhaupt er geworden war, Einigkeit und Lebenskraft
einzuhauchen. Dies war nicht schwer. Der Fall der Hyde hatte durch ganz
England eine heftige Aufregung und Entrüstung hervorgerufen. Man fühlte,
daß es sich jetzt nicht mehr darum handelte, ob der Protestantismus
herrschen, sondern ob er geduldet werden sollte. An die Stelle des
Schatzmeisters war eine Commission getreten, deren Oberhaupt ein Papist
war. Das Geheimsiegel war einem Papisten anvertraut worden und der
Nachfolger des Lordlieutenants von Irland war ein Mann, der durchaus
keinen andren Anspruch auf einen so hohen Posten hatte, als daß er
Papist war. Tyrconnel wäre der Letzte gewesen, den eine Regierung,
welcher das allgemeine Wohl des Landes am Herzen lag, nach Dublin als
Stellvertreter geschickt hätte. Seine brutalen Manieren machten ihn
geradezu unfähig, die Majestät der Krone zu repräsentiren. Sein
beschränkter Verstand und sein heftiges Temperament machten ihn
untauglich, wichtige Staatsgeschäfte zu leiten. Sein unversöhnlicher Haß
gegen die Besitzer des größeren Theiles des irischen Grund und Bodens
machte ihn ganz untauglich, gerade dieses Land zu verwalten. Aber die
Maßlosigkeit seiner Bigotterie wurde als ein genügender Ersatz für die
Maßlosigkeit seiner anderen Leidenschaften betrachtet und aus Rücksicht
auf seinen Haß gegen den reformirten Glauben gestattete man ihm, seinem
Hasse gegen den englischen Namen freien Lauf zu lassen. Dies war also
der wirkliche Sinn der Achtung Seiner Majestät vor den Rechten der
Überzeugung! Er wollte, daß sein Parlament alle den Papisten auferlegte
Ausschließungen beseitigte, nur damit _er_ gleich drückende
Ausschließungen über die Protestanten verhängen konnte. Es war klar, daß
unter einem solchen Fürsten Glaubensabfall der einzige Weg zur Größe
sein konnte. Dennoch wagten es nur Wenige, diesen Weg einzuschlagen,
denn der Geist der Nation war furchtbar aufgeregt, und jeder Renegat
hatte ein solches Maß von Hohn und Verachtung zu ertragen, daß auch die
verhärtetsten Naturen nicht ganz unempfindlich dagegen bleiben konnten.
[_Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury._] Allerdings hatten
erst kürzlich mehrere bemerkenswerthe Übertritte stattgefunden; aber sie
waren von der Art, daß sie der römischen Kirche wenig Ehre machten. Zwei
vornehme Männer hatten sich in ihren Schooß aufnehmen lassen: Heinrich
Mordaunt, Earl von Peterborough und Jakob Cecil, Earl von Salisbury.
Aber Peterborough, früher ein thätiger Soldat, Hofmann und Diplomat, war
jetzt durch Alter und Krankheit gebeugt und wer ihn, auf einen Stock
gestützt und in Flanell und Pflaster eingehüllt, durch die Gallerien von
Whitehall hinken sah, tröstete sich über seinen Abfall damit, daß er
seinen Glauben erst gewechselt, nachdem er seine Körper- und
Geisteskräfte überlebt hatte.[19] Salisbury war sprüchwörtlich albern.
Sein Körper war in Folge sinnlicher Genüsse dermaßen aufgeschwollen, daß
er sich fast nicht mehr bewegen konnte, und dieser träge Körper war der
Wohnsitz eines eben so trägen Geistes. In populären Spottliedern war er
als ein Mensch dargestellt, der dazu geschaffen war, betrogen zu werden,
als ein Mensch, der bisher die Beute von Spielern gewesen und der eben
so gut die Beute von Mönchen werden konnte. Ein Pasquill, das zur Zeit
von Rochester’s Rücktritt an die Thür von Salisbury House am Strand
angeheftet wurde, schildert in starken Ausdrücken das Entsetzen, mit dem
der weise Robert Cecil, wenn er aus seinem Grabe auferstehen könnte,
sehen würde, auf was für ein Geschöpf seine Würden und Ehren gekommen
waren.[20]
[Anmerkung 19: Siehe die beiden Gedichte, betitelt: +The Converts+
und +The Delusion+.]
[Anmerkung 20: Die Verse befinden sich in der +Collection of State
Poems+.]
[_Wycherley, Tindal, Haines._] Dies waren im Range die höchststehenden
von Jakob’s Proselyten. Außerdem gab es noch Renegaten ganz andrer Art,
unbemittelte Leute von Talent, die aber keine Grundsätze und keine Spur
von Ehrgefühl besaßen. Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm Wycherley,
der zügelloseste und hartherzigste Schriftsteller einer ganz besonders
zügellosen und hartherzigen Schule, zu diesen gehörte.[21] Gewiß ist,
daß Matthäus Tindal, der sich später durch seine Schriften gegen das
Christenthum einen Namen machte, um diese Zeit in den Schooß der
alleinseligmachenden Kirche aufgenommen wurde, ein Schritt, den, wie man
leicht denken kann, die Theologen, mit denen er nachmals polemisirte,
nicht vergessen hatten.[22] Ein noch ehrloserer Apostat war Joseph
Haines, dessen Name jetzt so gut wie vergessen ist, der aber damals als
ein Abenteurer von vielseitiger Begabung, als Gauner, Falschmünzer,
falscher Zeuge, falscher Bürge, Tanzmeister, Possenreißer, Dichter
und Schauspieler wohl bekannt war. Einige von seinen Prologen und
Epilogen wurden von seinen Zeitgenossen viel bewundert und sein
Schauspielertalent war allgemein anerkannt. Dieser Mann wurde Katholik,
ging im Gefolge Castelmaine’s mit nach Italien, wurde aber bald wegen
schlechter Aufführung wieder entlassen. Wenn man einer Tradition glauben
darf, die sich lange im Garderobezimmer erhalten hat, so hatte Haines
die Frechheit zu behaupten, daß ihm die Jungfrau Maria erschienen sei
und ihn zur Buße aufgefordert habe. Nach der Revolution versuchte er es
sich mit der Stadt durch eine Buße auszusöhnen, die noch skandalöser war
als sein Vergehen. Eines Abends, ehe er in einer Posse auftrat, erschien
er in ein weißes Betttuch gehüllt und mit einer Kerze in der Hand auf
der Bühne und trug einige gottlose, unanständige Knittelverse vor, die
er seinen Widerruf nannte.[23]
[Anmerkung 21: Die Nachrichten, die wir über Wycherley haben, sind
äußerst dürftig; zweierlei aber ist gewiß: daß er sich in seinen
späteren Jahren einen Papisten nannte und daß er von Jakob Geld
erhielt. Ich zweifle kaum daran, daß er ein bezahlter Convertit
war.]
[Anmerkung 22: Siehe den Artikel über ihn in der +Biographia
Britannica+.]
[Anmerkung 23: Siehe Jakob Quin’s Bericht über Haines in +Davies’s
Miscellanies+; +Tom Brown’s Works+; +Lives of Sharpers+; Dryden’s
Epilog zu der +Secular Masque+.]
[_Dryden._] Mit dem Namen Haines wurde in vielen Libellen der Name eines
berühmteren Renegaten, Johann Dryden’s verbunden. Dryden näherte sich
jetzt dem Abend seines Lebens. Nach vielen Erfolgen und vielen
Enttäuschungen hatte er endlich mit allgemeiner Zustimmung die erste
Stelle unter den lebenden Dichtern Englands erhalten. Er hatte größere
Ansprüche auf den Dank Jakob’s als irgend ein andrer Schriftsteller des
Königreichs. Doch Jakob war an Versen wenig, sehr viel aber am Gelde
gelegen. Vom Tage seiner Thronbesteigung an bemühte er sich kleine
Ersparnisse zu machen, welche einer Regierung den Vorwurf der Knauserei
zuziehen, ohne die Finanzlast merklich zu erleichten. Zu den Opfern
seiner unverständigen Sparsamkeit gehörte auch der +Poeta Laureatus+. Es
wurde Befehl gegeben, daß in dem neuen Diplom, welches durch die
Erledigung der Krone nöthig geworden war, das jährlich gespendete Faß
Sect, das ursprünglich Jonson bewilligt und auch dessen Nachfolgern
zugestanden worden war, weggelassen werden sollte.[24] Dies war die
einzige Notiz, welche der König im ersten Jahre seiner Regierung von dem
gewaltigen Satiriker zu nehmen geruhte, der im kritischesten Augenblicke
des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill in den Reihen der Whigs
Schrecken verbreitet hatte. Dryden war arm und seine Armuth drückte ihn
nieder. Von Religion wußte er wenig und kümmerte sich auch nicht darum.
Wenn irgend ein Gefühl tief in seiner Brust wurzelte, so war es der
Widerwille gegen die Priester jeden Glaubens, gegen Leviten, Auguren,
Muftis, römisch-katholische Geistliche, presbyterianische und
anglikanische Geistliche. Er war von Natur kein hochherziger Mann, und
seine Bestrebungen waren nicht von der Art, daß sie seinem Sinne höhere
Würde und größeres Zartgefühl verleihen konnten. Er hatte viele Jahre
lang sich seinen Unterhalt dadurch erworben, daß er dem verderbten
Geschmacke des Publikums diente und reichen, adeligen Gönnern auf die
plumpste Manier schmeichelte. Selbstachtung und ein feines
Schicklichkeitsgefühl konnte man von einem Manne, der das Leben eines
Bettlers und Speichelleckers geführt hatte, nicht erwarten. Da er die
Bemerkung machte, daß seine Dienste unbeachtet bleiben würden, wenn er
fortführe sich einen Protestanten zu nennen, so erklärte er sich zum
Papisten. Augenblicklich ließ die Knauserei des Königs nach. Dryden
wurde mit einem Jahrgelde von hundert Pfund belohnt und dazu verwendet,
seine neue Religion in Prosa und in Versen zu vertheidigen.
Zwei ausgezeichnete Männer, Samuel Johnson und Walter Scott, haben ihr
Möglichstes gethan, um sich selbst und Andere zu überreden, daß dieser
denkwürdige Glaubenswechsel aufrichtig war. Es war natürlich, daß sie
einen Schandfleck von dem Gedächtnisse eines Mannes verwischen
wollten, dessen Genie sie mit Recht bewunderten und mit dessen
politischen Ansichten sie stark sympathisirten; der unparteiische
Geschichtsschreiber aber muß ein ganz andres Urtheil aussprechen. Es
wird jederzeit starker Zweifel gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung
erhoben werden, durch welche der Bekehrte unmittelbar gewinnt. Und in
Dryden’s Falle ist nichts vorhanden, was diesen Zweifel entkräften
konnte. Seine theologischen Schriften beweisen zur Genüge, daß er sich
nie fleißig und ernstlich bemüht hat, die Wahrheit zu ergründen, und daß
seine Kenntniß der Kirche, die er verließ, wie auch der, zu der er
übertrat, höchst oberflächlich war. Eben so wenig benahm er sich in der
Folge wie ein Mann, den ein starkes Pflichtgefühl zu einem Schritte von
so hochwichtiger Bedeutung bewogen hatte. Wäre er ein solcher Mann
gewesen, so würde die nämliche Überzeugung, die ihn in den Schooß der
römischen Kirche geführt hatte, ihn abgehalten haben, allgemeine Regeln,
welche diese Kirche in Übereinstimmung mit jeder andren christlichen
Gemeinschaft als bindend anerkennt, gröblich und gewohnheitsmäßig zu
verletzen. Es würde ein merklicher Unterschied zwischen seinen früheren
und seinen späteren Werken zu erkennen gewesen sein; er würde mit Reue
auf seine fast dreißigjährige literarische Laufbahn zurückgeblickt
haben, während welcher er seine seltenen Talente für die Diction und den
Versbau systematisch zur Verbreitung der Sittenverderbniß angewendet
hatte. Nicht eine Zeile, welche darauf hinzielte, die Tugend verächtlich
zu machen und unreine Begierden zu entzünden, würde von diesem
Augenblicke an mehr aus seiner Feder geflossen sein. Leider aber ist es
nur zu wahr, daß die Dramen, welche er nach seiner angeblichen Bekehrung
schrieb, in keiner Hinsicht weniger unrein und profan sind, als die
seiner Jugend. Selbst in seinen Übersetzungen wich er beständig von den
Originalen ab, um Bilder aufzusuchen, die er hätte übergehen müssen,
wenn er sie in den Originalen gefunden hätte. Das Schlechte wurde durch
seine Übertragungen noch schlechter, und das Unschuldige wurde durch die
Berührung mit seinem Geiste befleckt. Er machte die derbsten Satiren
Juvenal’s noch derber, schob in die Erzählungen Boccacio’s schlüpfrige
Schilderungen ein und befleckte die liebliche und reine Poesie der
Georgica mit Schmutz, der Vergil’s Ekel erregt haben würde.
Dryden’s Beistand war denjenigen römisch-katholischen Theologen
willkommen, welche gegen die ausgezeichnetsten Männer der Staatskirche
mit Mühe einen Kampf unterhielten. Sie konnten es sich nicht verhehlen,
daß ihr durch ausländische, in Rom oder Douay aufgelesene Ausdrücke
entstellter Styl der Beredtsamkeit eines Tillotson und Sherlock
gegenüber eben in keinem vortheilhaften Lichte erschien. Man glaubte es
nicht gering anschlagen zu dürfen, daß man die Mitwirkung des größten
lebenden Meisters der englischen Sprache gewonnen hatte. Der erste
Dienst, der von ihm zum Dank für die bewilligte Pension verlangt wurde,
war eine in Prosa geschriebene Vertheidigung seiner Kirche gegen
Stillingfleet. Aber einem Manne, der nichts zu sagen weiß, hilft das
Talent, Alles gut sagen zu können, nichts, und in diesem Falle befand
sich Dryden. Er sah bald ein, daß er einem Gegner, dessen ganzes Leben
ein langes Studium der Polemik gewesen, nicht gewachsen war. Der
langgediente Gladiator entwaffnete den Neuling, versetzte ihm mit
Verachtung einige Hiebe und wendete sich dann von ihm ab, um
achtunggebietenderen Kämpfern entgegenzutreten.
[Anmerkung 24: Diese Thatsache, welche den genauen Forschungen
Malone’s entging, ergiebt sich aus dem Briefbuche des Schatzamts
von 1685.]
[_+„The Hind and Panther.“+_] Jetzt griff Dryden zu einer Waffe, in der
er schwerlich einen ebenbürtigen Gegner zu fürchten hatte. Er zog sich
auf einige Zeit von dem Geräusch der Kaffeehäuser und Theater in einen
ruhigen Winkel von Huntingdonshire zurück und schrieb dort mit
ungewohnter Sorgfalt und Anstrengung sein berühmtes Gedicht über die
zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden
Streitpunkte. Die römische Kirche ist darin bildlich als eine milchweiße
Hindin dargestellt, die beständig in Lebensgefahr schwebt, aber dazu
bestimmt ist, nicht zu sterben. Die Thiere des Feldes sannen auf ihr
Verderben. Der zitternde (+quaking+) Hase beobachtete eine furchtsame
Neutralität, aber der socinianische Fuchs, der presbyterianische Wolf,
der independente Bär und der anabaptistische Eber schossen hämische
Blicke auf das makellose Geschöpf. Unter dem Schutze ihres Freundes, des
königlichen Löwen, konnte sie es indessen wagen, mit ihnen aus der
nämlichen Quelle zu trinken. Die anglikanische Kirche war als Panther
dargestellt, der zwar Flecken hat, aber schön, für ein Raubthier nur zu
schön ist. Hindin und Panther, von der blutdürstigen Bevölkerung des
Waldes in gleichem Grade gehaßt, beriethen sich im Stillen über ihre
gemeinsame Gefahr. Dann gingen sie zur Discussion der Punkte über, in
denen sie verschiedener Ansicht waren, und hielten, mit dem Schwanze
wedelnd und sich den Bart leckend, ein langes Zwiegespräch über die
wirkliche Anwesenheit Christi beim Abendmahl, über die Autorität der
Päpste und Concilien, über die Strafgesetze, die Testacte, die Meineide
des Oates, Buttler’s schlecht belohnte Dienste für die Kavalierpartei,
Stillingfleet’s Pamphlets und Burnet’s breiten Rücken und glückliche
Heirathsspekulationen.
Das Unpassende dieses Planes springt in die Augen. Die Allegorie konnte
in der That nicht zehn Zeilen hintereinander ununterbrochen beibehalten
werden. Keine noch so kunstvolle Ausführung konnte die Fehler eines
solchen Planes verdecken. Dessenungeachtet ist die Fabel von der Hindin
und dem Panther unbestreitbar der werthvollste Beitrag zu der englischen
Literatur aus der kurzen und unruhigen Regierungszeit Jakob’s II. In
keinem andren Werke Dryden’s finden sich ergreifendere und erhabenere
Stellen, eine größere Biegsamkeit und Kraft der Sprache und ein
lieblicherer und abwechselnderer Wohllaut.
Das Gedicht erschien mit allen Vortheilen ausgestattet, welche
königliche Gunst gewähren konnte. Eine Prachtausgabe für Schottland
wurde in der in Holyrood House errichteten Officin gedruckt. Aber die
Leute waren nicht in der Stimmung, um sich von dem durchsichtigen Style
und den melodischen Reimen des Apostaten bezaubern zu lassen. Der durch
seine Feilheit erregte Unwille, die durch die Politik, deren Lobhudler
er war, hervorgerufene Besorgniß ließen sich nicht in Schlaf singen. Die
gerechte Entrüstung des Publikums wurde von Vielen, die den Stachel
seines Spotts gefühlt, und von Vielen, die seinen Ruhm beneideten,
angeschürt. Trotz aller Beschränkungen, denen die Presse unterlag,
erschienen täglich Angriffe auf sein Leben und seine Schriften. Bald
hieß er Bayes, bald der Dichter Squab. Man erinnerte ihn daran, daß er
in seiner Jugend dem Hause Cromwell in der nämlichen knechtischen Weise
den Hof gemacht, wie jetzt dem Hause Stuart. Ein Theil seiner Gegner
druckte boshafterweise die sarkastischen Verse wieder ab, die er zu
einer Zeit, wo es ihm nichts eingebracht haben würde, wenn er Papist
geworden wäre, gegen den Papismus geschrieben hatte. Von den vielen
satirischen Arbeiten, welche bei dieser Gelegenheit erschienen, war die
gelungenste das gemeinsame Werk zweier junger Männer, welche kürzlich
ihre Studien in Cambridge vollendet hatten und als vielversprechende
Anfänger in den literarischen Kaffeehäusern Londons begrüßt worden
waren: Karl Montague und Matthäus Prior. Montague war von adeliger
Abkunft, Prior’s Ursprung aber war so dunkel, daß kein Biograph im
Stande gewesen ist, demselben auf die Spur zu kommen. Beide Abenteurer
waren arm und strebsam. Beide hatten einen scharfen Verstand und einen
lebendigen Geist, Beide schwangen sich später hoch empor. Beide
verbanden in nicht gewöhnlichem Grade mit der Liebe zu den
Wissenschaften Geschicklichkeit in denjenigen Gebieten des praktischen
Lebens, gegen welche die Schöngeister in der Regel einen entschiedenen
Widerwillen haben. Von den funfzig Dichtern, deren Lebenslauf Johnson
geschildert hat, waren Montague und Prior die beiden einzigen, die sich
durch eine gründliche Kenntniß des Handels und des Finanzwesens
auszeichneten. Ihre Wege gingen bald weit auseinander, und ihre
Jugendfreundschaft löste sich auf. Einer von ihnen wurde das Haupt der
Whigpartei und wurde von den Tories angeklagt; der Andre wurde in alle
Geheimnisse der toryistischen Diplomatie eingeweiht und von den Whigs
lange in strenger Haft gehalten. Endlich wurden die so lange getrennt
gewesenen Freunde nach vielen ereignißvollen Jahren in der
Westminster-Abtei wieder mit einander vereinigt.
[_Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner._] Wer die
Fabel von der Hindin und dem Panther aufmerksam gelesen hat, muß bemerkt
haben, daß während der Bearbeitung dieses Werks in den Ansichten Derer,
welche Dryden als Dolmetscher benutzten, eine große Veränderung vorging.
Anfangs wird von der anglikanischen Kirche mit Liebe und Achtung
gesprochen und sie wird ermahnt, sich mit der römisch-katholischen gegen
die puritanischen Secten zu verbinden; am Schlusse des Gedichts aber und
in der Vorrede, welche nach Vollendung des Ganzen geschrieben wurde,
werden die protestantischen Dissenters aufgefordert, mit den Katholiken
gemeinschaftliche Sache gegen die anglikanische Kirche zu machen.
Dieser Umschlag in der Sprache des Hofpoeten deutete auf einen großen
Umschlag in der Politik des Hofes hin. Der ursprüngliche Zweck Jakob’s
war gewesen, nicht allein vollständige Befreiung von allen Strafen und
bürgerlichen Ausschließungen, sondern auch einen großen Antheil an den
kirchlichen und akademischen Stiftungen für seine Kirche zu erlangen und
zu gleicher Zeit die Gesetze gegen die puritanischen Secten mit Strenge
auszuüben. Alle von ihm gewährten besonderen Dispensationen waren
römischen Katholiken gewährt worden. Alle Gesetze, welche auf den
Presbyterianern, Independenten und Baptisten am schwersten lasteten,
hatte er eine Zeit lang mit aller Strenge durchgeführt. Während Hales
ein Regiment commandirte, während Powis im Geheimen Rathe saß, während
Massey eine Dechanei bekleidete, während in Oxford mit königlicher
Genehmigung Breviarien und Meßbücher gedruckt wurden, während in London
die Hostie unter dem Schutze der Piken und Musketen der Fußgarde
öffentlich ausgestellt wurde, während Ordensbrüder und Mönche in ihren
Kutten in den Straßen von London einhergingen, saß Baxter im Gefängniß,
war Howe in der Verbannung, standen die Fünfmeilenacte und die
Conventikelacte in voller Kraft, mußten die puritanischen Schriftsteller
zur ausländischen oder geheimen Pressen ihre Zuflucht nehmen, konnten
puritanische Gemeinden sich nur des Nachts oder in abgelegenen Einöden
versammeln, mußten puritanische Geistliche in Kohlengräber- oder
Matrosenverkleidung predigen. In Schottland hatte der König neue Gesetze
von beispielloser Härte gegen die Presbyterianer von den Ständen
verlangt und erhalten, während er keine Anstrengung sparte, ihnen jede
Erleichterung für die Katholiken abzupressen. Sein Verfahren gegen die
verbannten Hugenotten hatte seine Gesinnungen nicht minder deutlich
verrathen. Wir haben gesehen, wie er, als die öffentliche Mildthätigkeit
eine große Summe zur Unterstützung dieser Unglücklichen in seine Hände
gelegt, allen Gesetzen der Gastfreundschaft und der Rechtschaffenheit
zum Hohn von ihnen verlangte, daß sie dem calvinistischen Ritual, dem
sie mit großer Liebe anhingen, entsagen und sich der anglikanischen
Kirche anschließen müßten, ehe er ihnen das Geringste von den seiner
Verwaltung anvertrauten Gaben spenden könnte.
Dies war seine Politik gewesen, so lange er noch einigermaßen hoffen
konnte, daß die anglikanische Kirche einwilligen werde, die Herrschaft
mit der römischen Kirche zu theilen. Einmal stieg diese Hoffnung zur
festen Überzeugung. Die Begeisterung, mit der die Tories seinen
Regierungsantritt begrüßt hatten, die Wahlen, die demüthige Sprache und
die reichen Geldbewilligungen seines Parlaments, die Unterdrückung des
Aufstandes im Westen, die völlige Vernichtung der Partei, die ihn vom
Throne hatte ausschließen wollen, dies Alles steigerte seine Zuversicht
bis über die Grenzen der Vernunft. Er glaubte fest, daß seiner Macht und
seiner Entschlossenheit jedes Hinderniß weichen werde. Sein Parlament
leistete ihm Widerstand. Er versuchte die Wirkung von ungnädigen Blicken
und Drohungen, und da er mit diesen nichts erreichte, versuchte er es
mit der Prorogation. Aber von dem Augenblicke der Prorogation an wurde
der Widerstand gegen seine Pläne immer stärker und stärker. Es schien
klar, daß, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, er ihn im
Widerspruch mit der großen Partei durchsetzen mußte, die seinem Throne,
seinem Hause und seiner Person so glänzende Beweise von Treue gegeben
hatte. Die ganze anglikanische Geistlichkeit, die ganze Kavaliergentry
war gegen ihn. Vergebens hatte er kraft seines kirchlichen Supremats dem
Klerus anbefohlen, sich jeder Erörterung von Streitpunkten zu enthalten.
Jede Gemeinde der Nation wurde allsonntäglich gegen die Irrthümer Roms
gewarnt, und diese Warnungen waren um so wirksamer, weil sie stets mit
Versicherungen der Ehrerbietung gegen den König und des Entschlusses,
Alles mit Geduld zu ertragen, was ihm zu verhängen belieben werde,
verbunden waren. Die royalistischen Ritter und Squires, welche durch
fünfundvierzig Jahre des Kriegs und der Parteiwuth dem Throne mannhaft
zur Seite gestanden hatten, sprachen jetzt in sehr nachdrücklichen
Worten den Entschluß aus, daß sie eben so mannhaft zur Kirche halten
würden. Trotz seines beschränkten Verstandes und seines despotischen
Characters sah Jakob nun doch ein, daß er sein Verfahren ändern müsse.
Er konnte es ohne Gefahr nicht wagen, alle seine protestantischen
Unterthanen zugleich zu beleidigen. Wenn er es über sich gewinnen
konnte, der Partei, welche in beiden Häusern das Übergewicht hatte,
Zugeständnisse zu machen, wenn er sich entschließen konnte, der
Staatskirche alle ihre Würden, Einkünfte und Privilegien zu lassen, so
mochte er auch fernerhin presbyterianische Versammlungen verbieten und
die Gefängnisse mit baptistischen Predigern füllen. Blieb er aber dabei,
die Hierarchie zu plündern, so mußte er sich entschließen, dem
Vergnügen, die Dissenters zu verfolgen, zu entsagen. Wollte er von nun
an mit seinen alten Freunden in Fehde leben, so mußte er mit seinen
alten Feinden einen Waffenstillstand schließen. Er konnte die
anglikanische Kirche nur dadurch bezwingen, daß er eine umfassende
Coalition gegen sie bildete, welche Secten in sich schloß, die zwar in
Lehre und Verfassung von einander selbst viel stärker abwichen als von
ihr, aber doch durch ihre gemeinsame Eifersucht auf ihre Größe und durch
die gemeinsame Furcht vor ihrer Unduldsamkeit bewogen werden konnten,
ihre Feindseligkeiten so lange ruhen zu lassen, bis jene Kirche die
Macht verloren hatte, sie zu tyrannisiren.
Ein Grund schien besonders für diesen Plan zu sprechen. Wenn es ihm nur
gelang, die protestantischen Nonconformisten zu gewinnen, so durfte er
sich mit der Hoffnung schmeicheln, vor jeder Rebellion sicher zu sein.
Nach der Ansicht der anglikanischen Geistlichen konnte keine Kränkung
irgend welcher Art einen Unterthanen berechtigen, den Gesalbten des
Herrn gewaltsamen Widerstand zu leisten. Die Theorie der puritanischen
Sectirer lautete ganz anders. Diese Sectirer trugen kein Bedenken,
Tyrannen mit dem Schwerte Gideon’s zu Boden zu schlagen, und manche von
ihnen scheuten sich auch nicht, den Dolch Ehud’s zu gebrauchen.
Wahrscheinlich sannen sie eben jetzt wieder auf einen neuen westlichen
Aufstand oder auf ein neues Ryehousecomplot. Jakob glaubte daher, daß er
getrost die Staatskirche verfolgen könnte, wenn es ihm nur gelang, die
Dissenters zu gewinnen. Die Partei, deren Grundsätze ihm keine
Sicherheit gewährten, war dann durch das Interesse an ihn gefesselt, und
die Partei, deren Interessen er angriff, erregte aus Grundsatz keinen
Aufruhr.