Es hat in der Nacht geschneit. Gegen vier Uhr morgens ist noch alles weiß,
aber ein lauer Wind weht über das flandrische Land, schwarze Flecken
wachsen schon aus dem weißen Schnee heraus, und zwischen den dünner
werdenden Wolken glänzen einige Sterne mit lebhaftem Zitterschein.
Das Auto muß ohne Lichter fahren, ganz langsam, um wenig Lärm zu machen
und um den vielen Granatentrichtern auf der Straße ausweichen zu können.
Vorne auf dem Kühlkasten des Wagens sitzt ein Marinesoldat, der mit einem
elektrischen Taschenlaternchen umherleuchtet und alle paar Minuten halblaut
das gleiche Wort ruft: »Vorsehen!« Dann schwankt der Wagen wie ein
Betrunkener, taucht hinunter in plätscherndes Wasser, richtet sich wieder
auf, und in tiefem Dunkel geht die achtsame Reise weiter auf guter Straße.
Trotz der Finsternis ist der Weg nicht zu verfehlen; links und rechts
stehen die vom Meerwind schief gebogenen Alleebäume, und außerhalb
dieser schwarzen Ruten leuchten die von der Überschwemmung breitgewordenen
Wassergräben. Manchmal ist auf eine Länge von zwanzig oder dreißig
Schritt ein entsetzlicher Geruch zu spüren; er kommt von den aus dem
Wasser ragenden Kadaverteilen, die als unerquickliche Inselchen den glatten
Grabenspiegel unterbrechen.
Schwerfällig wackelt das Auto durch die nachtstille Ruine eines
Dorfes. Die Soldaten, die hier im Quartier liegen, hausen in wasserdicht
ausgemauerten Erdlöchern, die sie durch schwere Vorbauten aus Quadern und
durch Wälle aus Sandsäcken geschützt haben. Ich öffne an solch einem
Unterschlupf die Türe, leuchte mit dem elektrischen Laternchen hinunter
und sehe kauernde Männer, in den Mänteln zu Gruppen aneinandergelehnt,
die an altdeutsche Darstellungen der schlafenden Jünger auf dem
Ölberg erinnern. Neben dem Unterstande ragen mit sinnlosen Konturen die
spärlichen Überreste einer zerstörten Kirche in den grau werdenden
Himmel. Ein Passionsbild des Krieges.
Noch eine kurze Fahrt, dann hält das Auto und fährt leer zurück, um
vor Tagesanbruch eine Deckung zu erreichen. Drei junge Offiziere, die uns
erwartet haben, treten zu uns. Einer macht dem General, dessen Gast ich
bin, eine Meldung mit halblauter Stimme. Diese Dämpfung des Wortes ist
nicht Vorsicht, nur ein Zwang des ernsten Platzes und der dunklen Stunde;
auf zwei Kilometer ist hier kein Feind in der Nähe. Alles ist eine
grauschwarze, von weißen Spiegelflächen durchsetzte Öde. Zur Rechten und
Linken der Straße ziehen sich gebuckelte, verwinkelte und völlig leblos
erscheinende Erdgebilde in das Dunkel hinaus. Das ist die deutsche Stellung
am Damm des Yserkanals. Noch ein paar Schritte, und ich sehe zwischen
zerfetzten Ufern den breiten Strom, dessen schwarzes, still rinnendes
Wasser mit leisem Glucksen die Trümmer einer gesprengten Brücke und
die Balken des Notsteges umspült. Drüben die Mauern und Sparren eines
halbzerstörten Bauernhauses, eine Brandruine, ein schwermütiges Moorland
mit Gewässer und Büschen, und weit draußen ein flackerndes Feuer -- für
die unbewaffneten Augen sieht es aus wie ein schwelendes Gluthäuflein, im
Glase wird es zu einer mächtig lodernden Flamme. Was brennt da? Ein Haus,
eine Scheune, nur eine Strohmiete? Man kann's nicht erkennen. Ein paar
Male bewegen sich kleine schwarze Figürchen rasch durch den Feuerschein --
Vorposten oder Patrouillen. Und manchmal kracht ein Gewehrschuß, bald nah,
bald ferne.
Wir schreiten auf sumpfiger Straße durch die erblassende Nacht, in der
die flimmernden Sterne sich mehren. Die Lüfte sind so mild, als käme ein
schöner Tag. -- Oder ist nur mir so schwül! Von der Erregung, die in
mir brennt? -- Der Schnee, der um Mitternacht fiel, ist fast völlig
verschwunden; nur an einzelnen hügeligen Stellen liegt er noch, und da
sieht man häufig in dem reinen Weiß die zwei schwarzen Striche kleiner
Kreuze. Der Boden, über den wir schreiten, hat viel Blut getrunken, war
durch Monate die Stätte der zähesten Kämpfe und ist die Gegend jenes
berüchtigten »Froschteiches«, in dessen Überschwemmungssümpfen so
viele der Unseren und noch mehr der Feinde versanken. Eine schmerzende
Erinnerung wühlt in mir. Totenstille umgibt mich, und dennoch ist mir, als
vernähme ich den in Begeisterung brausenden Gesang vieler Tausender von
jungen Stimmen: »Deutschland, Deutschland über alles!« Ich bring'
es nicht übers Herz, zu fragen: »Wo ist das geschehen?« Während ich
schweige, suchen meine Augen im Dunkel. Überall seh ich die gleiche Öde,
die gleiche schwermutsvolle Trauer, in deren grauem Riesengesicht
die zahllosen Wasserflächen wie große, von Tränen umflossene Augen
schimmern. Kann das Wort eines Gegners zum Troste werden? Damals,
als dieses Schmerzvolle und dennoch Heilig-Schöne geschah, sagte ein
feindlicher Führer: »Man muß das bewundern! Wo tausend Deutsche sinken,
stehen zehntausend wieder auf!« Unsere Gegner haben viel über uns gelogen
-- dieser eine sprach eine deutsche Wahrheit aus! -- Was da hinzieht über
die stillen Moorflächen? Sind das die wehenden Schwaden des Frühnebels?
Für meine träumenden Augen sieht es aus wie ein rasch und fröhlich
schreitender Millionenzug von grau gekleideten Männern und Jünglingen.
Und in der Stille, die mich umgibt, hört meine Seele ein jubelndes
Siegeslied: »Deutschland, Deutschland über alles!«
An meiner Seite sagt eine halblaute, ruhige Soldatenstimme: »Der Tag
kommt, wir müssen Deckung nehmen!«
Auf einige hundert Meter sind wir bei der feindlichen Stellung. Zu sehen
ist sie nicht. Die Ruinen verbrannter Fermen, Baumreihen, Hecken
und Büsche verschleiern den von Dixmuiden nach Nieuport führenden
Eisenbahndamm, hinter dem die Belgier und Engländer liegen. Bei
Namscapelle fährt aus der grauen Morgendämmerung ein langer Feuerstrahl
heraus, und nach geraumer Zeit hören wir fast zu gleicher Zeit den
Abschuß und den dröhnenden Einschlag der Granate. Dabei zittert der Boden
ein bißchen. »Das Morgengebet!« Es hat begonnen und nimmt kein Ende
mehr.
Die Sterne sind verschwunden, der Himmel ist klar und hell geworden, der
Morgen frisch. In der Kälte bedecken sich die Straßenränder mit
Reif, die seichten Wasserflächen mit Eiskrusten. Am östlichen Horizont
entzündet sich ein langer orangefarbener Glutstreif und verwandelt alle
Dinge, die vor ihm stehen, in zierliche, tintenschwarze Silhouetten. Auch
das Wasser des Yserkanals, den wir bei erwachendem Tag erreichen, ist noch
immer schwarz. Ein Soldat paddelt in einer kleinen Zille und pfeift ein
Liedchen, während er die Fischreusen hebt, die er am Abend auslegte. Ich
überschreite den Notsteg, und plötzlich wird das schwarze Wasser des
Kanals, das die Glut des Morgens spiegelt, zu einem leuchtenden Blutstrom.
Ein wundervolles Bild! Ich möchte stehen bleiben und schauen, aber wir
müssen weiter. Zur Linken und Rechten seh ich hinein in die hinter dem
Damme liegenden Schützengräben -- die verwinkelten Erdgebilde, die mir in
der Nacht völlig leblos erschienen, sind Schulter an Schulter besetzt,
und bei den Maschinengewehren und Schiffskanonen üben die
Bedienungsmannschaften. Ich höre Befehlsworte, höre heitere Stimmen,
höre munteres Lachen, und in der Kühle des Morgens durchrieselt mich ein
warmes, wohliges Sicherheitsgefühl.
Geduckte Gestalten, mit Blechkesseln an den Armen, springen flink über
offenes Feld zur Ruine einer Ferme hinüber, hinter deren Mauerzacken eine
Feldküche dampft. Der Übelduft verwesender Viehkadaver mischt sich mit
dem Wohlgeruch eines schmackhaften Frühstücks. So wirbelt der Krieg alle
Gegensätze zwischen namenlosem Grauen und liebenswürdigem Wohlbehagen
durcheinander.
Die Nebel sind verschwunden, eine strahlende Sonne steigt. Ein
Frühlingsmorgen voll Glanz und Schönheit! Kleine Vögel singen, und
einmal ist mir, als schlüge eine Nachtigall. Der ganze Himmel ist blau,
und dennoch donnert es immer wie bei einem Hochgewitter in den Hundstagen.
Große Schwärme von Kiebitzen kommen angeflogen, kreisen und gaukeln in
den Lüften und spazieren vertraulich auf den grünen Inseln umher, die aus
den von Sonne glitzernden Überschwemmungsflächen herauslugen. Es sind der
scheckigen Vögel so viele, daß auch ein Mathematikprofessor sie nicht
zu zählen vermöchte. »Jetzt legen sie bald. Da werden die Unseren im
Ysergraben an jedem Morgen frühstücken wie Bismarck am 1. April.«
Unter wachsender Sonne eine zweistündige Fahrt durch wundervolles
Frühlingsgelände. So schön ist dieser Morgen, daß sein Glanz auch alle
Trümmerstätten und Ruinen in schimmernde Kostbarkeiten verwandelt.
Und dieses von zartem Duft Umwobene, dieses zauberhaft Leuchtende, dem wir
immer näher kommen? Dieses Gewirre von strahlenden Firsten, von goldenen
Mauern, von gleißenden Turmzinnen? Ist das ein Märchenland, eine
Sonnenstadt des Paradieses, eine ewige Heimat des Glückes?
Nun verschwindet das Herrliche hinter zerrissenen Hecken und sonderbar
ausgefransten Hügelkämmen. Ist das Gewitter aus den Lüften
heruntergefallen, hat es den Himmel blau gemacht und tobt es sich
unsichtbar auf der Erde aus? Bei dem ruhelosen Knallen und Dröhnen muß
ich wieder einmal an das »lustige Scheibenschießen mit Böllerschüssen«
denken. Immer die Köpfe duckend, marschieren wir sehr hastig einen
Kilometer weit durch den Hohlweg einer von Granatentrichtern zerrissenen
Bahnstrecke. Guckt man durch einen Erdschnitt oder durch die Lücke einer
Hecke seitwärts hinaus, so sieht man Viehkadaver liegen, die von Kiebitzen
umflattert sind. -- Als die schweren Oktoberkämpfe hier begannen, weideten
auf diesen Wiesen große Rinder- und Pferdeherden. Unter dem Feuer der
Geschütze und Maschinengewehre fraßen sie ruhig weiter. Alle fielen.
Was der Sieger verzehren konnte, nahm er. Der Rest blieb liegen -- zehnmal
mehr, als genommen wurde. Wie wird es hier riechen, wenn heiße Tage
kommen?
Auf der Bahnstrecke sind viele Eisenbahnschienen losgerissen und zu
seltsamen Ornamenten gebogen, untermischt mit zusammengeschnurrten
Telephondrähten und zerschmetterten Telegraphenstangen. Der Boden des
Bahndammes glitzert und funkelt, wie besät mit kleinen und großen
Smaragden -- mit den Scherben und Splittern der grünen Glasisolatoren.
Wohin man zur Linken und Rechten des Dammes sieht, überall liegen
Haufen von Tornistern und Waffen, von belgischen Uniformstücken und
französischen Matrosenmützen; dazu überall das Bild einer grauenvollen
Maulwurfsarbeit, ein unübersehbarer Irrgarten von Sumpflöchern,
Wasseraugen, Granatentrichtern, verlassenen Schützengräben und
zickzackförmigen, noch offenen oder schon wieder zugeschütteten
Sappengängen. Jedem Schützengraben ist es deutlich anzusehen, daß er von
den Feinden ausgehoben und gegen Osten verteidigt, dann von den
Deutschen erobert, umgedreht und gegen Westen gerichtet wurde. Alle die
zugeschütteten Sappengänge sind Massengräber, in denen zu Hunderten die
gefallenen Belgier und Franzosen liegen. Wo die Unseren bestattet wurden,
das zeigen die kleinen Kreuze an -- viele sind es, viele, viele -- ein
Deutscher, der diese Kreuze sieht, muß den Kopf entblößen und die
Hände ineinanderklammern und muß beten, mag er ein Glaubensloser oder ein
Gläubiger sein. Alle Bilder verschwimmen mir und meine Augen sind naß,
während einer der führenden Offiziere mir von den schweren Kämpfen
zwischen dem 21. und 25. Oktober erzählt. -- Haben die deutschen
Wälder so viel Eichenlaub, um diese Gräber so zu schmücken, wie sie es
verdienen? -- Während ich hinschaue über diese, vom Frühling schon grün
umhauchten Todesstätten, sind immer und immer jene beiden Dankworte
von Herlies in mir: »Für uns! Für uns!« Und mit dem Schauer vor
den Bildern, die ich da aufsteigen sehe, mischt sich die dankbare und
ehrfürchtige Bewunderung der deutschen Tapferkeit, die alle Hindernisse
siegend überrannte und jeden feindlichen Widerstand zu Boden warf.
-- Wir müssen weiter. Schon sind ein paar unsichtbare »Rollwägelchen«
über unsere Köpfe hinübergebraust -- zwei von jenen Granaten, die in der
Luft so sonderbar wackelnde Geräusche verursachen, als überschlügen
sie sich immer. Nun beginnen dort, von wo wir kamen, unsere Haubitzen zu
antworten. Welch ein festes, ruhiges Brausen ist das in der Luft! Und
von den vielen deutschen Geschossen, die unsichtbar hinüberreisen zum
feindlichen Ufer des Yserkanals, versagt nicht ein einziges. Am Klang
des Sausens kann man es immer anrechnen, wann das Dröhnen des Aufschlags
kommen wird -- »Jetzt!« -- und da drüben donnert es schon!
Immer mahnt eine Offiziersstimme: »Schneller, Herr Doktor, schneller,
schneller!« Aber wie soll man schauen, wenn man so rennen muß? Und da ist
etwas Furchtbares, an dem man so schnell nicht vorüberkommt. Das
Geleise ist gesperrt durch einen gewaltigen Kehrichthaufen zermalmter
Eisenbahnwagen; die Lokomotive hat einen Purzelbaum geschlagen und ist
auf den eigenen Zug gesprungen; alle Wagen sind in Siebe verwandelt,
durchlöchert von Schrapnellkugeln, zerrissen von Granaten; und einer ist
durch das in der Nässe ausgewachsene Getreide umgezaubert in einen grünen
Garten. Auch hier wieder ein Gewirre von umhergestreuten Tornistern,
Feldflaschen und Käppis, von belgischen und französischen
Uniformstücken. Viele tragen die Nummer 151. Unter den feindlichen
Verluststücken liegt ein einziger deutscher Helm. »Der ist noch gut,«
sagt einer der Offiziere und hebt ihn vom Boden auf, »den muß man an die
Sammelstelle abliefern.«
Der zerrissene Bau einer Güterhalle trägt den Namen der Station in
der alten, vlamischen Schreibart: »Diksmuiden«. Auf der Ruine des
Bahnhofsgebäudes heißt es französisch: »Dixmude«. Auch eine von den
Errungenschaften, die das vlamische Belgien dem Franzosentum zu verdanken
hat. Und symbolisch ist sie! Von dem Eisenbahntempel, in welchem Frankreich
die Ellbogen breit machte, ist nimmer viel übrig geblieben: zerrissene
Mauern, zerfetzte Möbel, zersplitterte Bilder und Spiegel. Jedes Bureau
ist ein Wirrsal von kleingeklopftem Gerät und zahllosen Aktenfetzen, von
umhergestreuten Fahrkarten und Abonnementsscheinen.
Nun trete ich auf den Bahnhofsplatz hinaus, sehe die Straße, die zum
Rathaus führt, und stehe wie gelähmt, bis ins Innerste erschrocken und
erschüttert.
Was ich da gewahre, jetzt, in der Nähe? Ist das die leuchtende Heimat
des Glücks, die goldene Sonnenstadt des Paradieses und jenes funkelnde
Märchenland, das ich vor einer Stunde aus dem Duft der Ferne hervortauchen
und schimmern und winken sah?
Ach, Sonne, Sonne, du zärtliche Lügnerin! Du ewige Trösterin des vom
Schreck verschüchterten Lebens!
Dieses furchtbare Vernichtungsgesicht, von dem jetzt die Nähe den
mildernden Schleier der Ferne gerissen, ist nicht zu schildern. Hier
versagen alle Behelfe der Sprache. Schuttwüsten und Trümmerhaufen,
Schreck und Grauen, Zerstörung und Untergang -- was bedeuten diese kleinen
Worte? Nichts, nichts, nichts gegen die namenlose Wahrheit, die ich da
sehe!
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