20. März 1915.

Es hat in der Nacht geschneit. Gegen vier Uhr morgens ist noch alles weiß,

aber ein lauer Wind weht über das flandrische Land, schwarze Flecken

wachsen schon aus dem weißen Schnee heraus, und zwischen den dünner

werdenden Wolken glänzen einige Sterne mit lebhaftem Zitterschein.

Das Auto muß ohne Lichter fahren, ganz langsam, um wenig Lärm zu machen

und um den vielen Granatentrichtern auf der Straße ausweichen zu können.

Vorne auf dem Kühlkasten des Wagens sitzt ein Marinesoldat, der mit einem

elektrischen Taschenlaternchen umherleuchtet und alle paar Minuten halblaut

das gleiche Wort ruft: »Vorsehen!« Dann schwankt der Wagen wie ein

Betrunkener, taucht hinunter in plätscherndes Wasser, richtet sich wieder

auf, und in tiefem Dunkel geht die achtsame Reise weiter auf guter Straße.

Trotz der Finsternis ist der Weg nicht zu verfehlen; links und rechts

stehen die vom Meerwind schief gebogenen Alleebäume, und außerhalb

dieser schwarzen Ruten leuchten die von der Überschwemmung breitgewordenen

Wassergräben. Manchmal ist auf eine Länge von zwanzig oder dreißig

Schritt ein entsetzlicher Geruch zu spüren; er kommt von den aus dem

Wasser ragenden Kadaverteilen, die als unerquickliche Inselchen den glatten

Grabenspiegel unterbrechen.

Schwerfällig wackelt das Auto durch die nachtstille Ruine eines

Dorfes. Die Soldaten, die hier im Quartier liegen, hausen in wasserdicht

ausgemauerten Erdlöchern, die sie durch schwere Vorbauten aus Quadern und

durch Wälle aus Sandsäcken geschützt haben. Ich öffne an solch einem

Unterschlupf die Türe, leuchte mit dem elektrischen Laternchen hinunter

und sehe kauernde Männer, in den Mänteln zu Gruppen aneinandergelehnt,

die an altdeutsche Darstellungen der schlafenden Jünger auf dem

Ölberg erinnern. Neben dem Unterstande ragen mit sinnlosen Konturen die

spärlichen Überreste einer zerstörten Kirche in den grau werdenden

Himmel. Ein Passionsbild des Krieges.

Noch eine kurze Fahrt, dann hält das Auto und fährt leer zurück, um

vor Tagesanbruch eine Deckung zu erreichen. Drei junge Offiziere, die uns

erwartet haben, treten zu uns. Einer macht dem General, dessen Gast ich

bin, eine Meldung mit halblauter Stimme. Diese Dämpfung des Wortes ist

nicht Vorsicht, nur ein Zwang des ernsten Platzes und der dunklen Stunde;

auf zwei Kilometer ist hier kein Feind in der Nähe. Alles ist eine

grauschwarze, von weißen Spiegelflächen durchsetzte Öde. Zur Rechten und

Linken der Straße ziehen sich gebuckelte, verwinkelte und völlig leblos

erscheinende Erdgebilde in das Dunkel hinaus. Das ist die deutsche Stellung

am Damm des Yserkanals. Noch ein paar Schritte, und ich sehe zwischen

zerfetzten Ufern den breiten Strom, dessen schwarzes, still rinnendes

Wasser mit leisem Glucksen die Trümmer einer gesprengten Brücke und

die Balken des Notsteges umspült. Drüben die Mauern und Sparren eines

halbzerstörten Bauernhauses, eine Brandruine, ein schwermütiges Moorland

mit Gewässer und Büschen, und weit draußen ein flackerndes Feuer -- für

die unbewaffneten Augen sieht es aus wie ein schwelendes Gluthäuflein, im

Glase wird es zu einer mächtig lodernden Flamme. Was brennt da? Ein Haus,

eine Scheune, nur eine Strohmiete? Man kann's nicht erkennen. Ein paar

Male bewegen sich kleine schwarze Figürchen rasch durch den Feuerschein --

Vorposten oder Patrouillen. Und manchmal kracht ein Gewehrschuß, bald nah,

bald ferne.

Wir schreiten auf sumpfiger Straße durch die erblassende Nacht, in der

die flimmernden Sterne sich mehren. Die Lüfte sind so mild, als käme ein

schöner Tag. -- Oder ist nur mir so schwül! Von der Erregung, die in

mir brennt? -- Der Schnee, der um Mitternacht fiel, ist fast völlig

verschwunden; nur an einzelnen hügeligen Stellen liegt er noch, und da

sieht man häufig in dem reinen Weiß die zwei schwarzen Striche kleiner

Kreuze. Der Boden, über den wir schreiten, hat viel Blut getrunken, war

durch Monate die Stätte der zähesten Kämpfe und ist die Gegend jenes

berüchtigten »Froschteiches«, in dessen Überschwemmungssümpfen so

viele der Unseren und noch mehr der Feinde versanken. Eine schmerzende

Erinnerung wühlt in mir. Totenstille umgibt mich, und dennoch ist mir, als

vernähme ich den in Begeisterung brausenden Gesang vieler Tausender von

jungen Stimmen: »Deutschland, Deutschland über alles!« Ich bring'

es nicht übers Herz, zu fragen: »Wo ist das geschehen?« Während ich

schweige, suchen meine Augen im Dunkel. Überall seh ich die gleiche Öde,

die gleiche schwermutsvolle Trauer, in deren grauem Riesengesicht

die zahllosen Wasserflächen wie große, von Tränen umflossene Augen

schimmern. Kann das Wort eines Gegners zum Troste werden? Damals,

als dieses Schmerzvolle und dennoch Heilig-Schöne geschah, sagte ein

feindlicher Führer: »Man muß das bewundern! Wo tausend Deutsche sinken,

stehen zehntausend wieder auf!« Unsere Gegner haben viel über uns gelogen

-- dieser eine sprach eine deutsche Wahrheit aus! -- Was da hinzieht über

die stillen Moorflächen? Sind das die wehenden Schwaden des Frühnebels?

Für meine träumenden Augen sieht es aus wie ein rasch und fröhlich

schreitender Millionenzug von grau gekleideten Männern und Jünglingen.

Und in der Stille, die mich umgibt, hört meine Seele ein jubelndes

Siegeslied: »Deutschland, Deutschland über alles!«

An meiner Seite sagt eine halblaute, ruhige Soldatenstimme: »Der Tag

kommt, wir müssen Deckung nehmen!«

Auf einige hundert Meter sind wir bei der feindlichen Stellung. Zu sehen

ist sie nicht. Die Ruinen verbrannter Fermen, Baumreihen, Hecken

und Büsche verschleiern den von Dixmuiden nach Nieuport führenden

Eisenbahndamm, hinter dem die Belgier und Engländer liegen. Bei

Namscapelle fährt aus der grauen Morgendämmerung ein langer Feuerstrahl

heraus, und nach geraumer Zeit hören wir fast zu gleicher Zeit den

Abschuß und den dröhnenden Einschlag der Granate. Dabei zittert der Boden

ein bißchen. »Das Morgengebet!« Es hat begonnen und nimmt kein Ende

mehr.

Die Sterne sind verschwunden, der Himmel ist klar und hell geworden, der

Morgen frisch. In der Kälte bedecken sich die Straßenränder mit

Reif, die seichten Wasserflächen mit Eiskrusten. Am östlichen Horizont

entzündet sich ein langer orangefarbener Glutstreif und verwandelt alle

Dinge, die vor ihm stehen, in zierliche, tintenschwarze Silhouetten. Auch

das Wasser des Yserkanals, den wir bei erwachendem Tag erreichen, ist noch

immer schwarz. Ein Soldat paddelt in einer kleinen Zille und pfeift ein

Liedchen, während er die Fischreusen hebt, die er am Abend auslegte. Ich

überschreite den Notsteg, und plötzlich wird das schwarze Wasser des

Kanals, das die Glut des Morgens spiegelt, zu einem leuchtenden Blutstrom.

Ein wundervolles Bild! Ich möchte stehen bleiben und schauen, aber wir

müssen weiter. Zur Linken und Rechten seh ich hinein in die hinter dem

Damme liegenden Schützengräben -- die verwinkelten Erdgebilde, die mir in

der Nacht völlig leblos erschienen, sind Schulter an Schulter besetzt,

und bei den Maschinengewehren und Schiffskanonen üben die

Bedienungsmannschaften. Ich höre Befehlsworte, höre heitere Stimmen,

höre munteres Lachen, und in der Kühle des Morgens durchrieselt mich ein

warmes, wohliges Sicherheitsgefühl.

Geduckte Gestalten, mit Blechkesseln an den Armen, springen flink über

offenes Feld zur Ruine einer Ferme hinüber, hinter deren Mauerzacken eine

Feldküche dampft. Der Übelduft verwesender Viehkadaver mischt sich mit

dem Wohlgeruch eines schmackhaften Frühstücks. So wirbelt der Krieg alle

Gegensätze zwischen namenlosem Grauen und liebenswürdigem Wohlbehagen

durcheinander.

Die Nebel sind verschwunden, eine strahlende Sonne steigt. Ein

Frühlingsmorgen voll Glanz und Schönheit! Kleine Vögel singen, und

einmal ist mir, als schlüge eine Nachtigall. Der ganze Himmel ist blau,

und dennoch donnert es immer wie bei einem Hochgewitter in den Hundstagen.

Große Schwärme von Kiebitzen kommen angeflogen, kreisen und gaukeln in

den Lüften und spazieren vertraulich auf den grünen Inseln umher, die aus

den von Sonne glitzernden Überschwemmungsflächen herauslugen. Es sind der

scheckigen Vögel so viele, daß auch ein Mathematikprofessor sie nicht

zu zählen vermöchte. »Jetzt legen sie bald. Da werden die Unseren im

Ysergraben an jedem Morgen frühstücken wie Bismarck am 1. April.«

Unter wachsender Sonne eine zweistündige Fahrt durch wundervolles

Frühlingsgelände. So schön ist dieser Morgen, daß sein Glanz auch alle

Trümmerstätten und Ruinen in schimmernde Kostbarkeiten verwandelt.

Und dieses von zartem Duft Umwobene, dieses zauberhaft Leuchtende, dem wir

immer näher kommen? Dieses Gewirre von strahlenden Firsten, von goldenen

Mauern, von gleißenden Turmzinnen? Ist das ein Märchenland, eine

Sonnenstadt des Paradieses, eine ewige Heimat des Glückes?

Nun verschwindet das Herrliche hinter zerrissenen Hecken und sonderbar

ausgefransten Hügelkämmen. Ist das Gewitter aus den Lüften

heruntergefallen, hat es den Himmel blau gemacht und tobt es sich

unsichtbar auf der Erde aus? Bei dem ruhelosen Knallen und Dröhnen muß

ich wieder einmal an das »lustige Scheibenschießen mit Böllerschüssen«

denken. Immer die Köpfe duckend, marschieren wir sehr hastig einen

Kilometer weit durch den Hohlweg einer von Granatentrichtern zerrissenen

Bahnstrecke. Guckt man durch einen Erdschnitt oder durch die Lücke einer

Hecke seitwärts hinaus, so sieht man Viehkadaver liegen, die von Kiebitzen

umflattert sind. -- Als die schweren Oktoberkämpfe hier begannen, weideten

auf diesen Wiesen große Rinder- und Pferdeherden. Unter dem Feuer der

Geschütze und Maschinengewehre fraßen sie ruhig weiter. Alle fielen.

Was der Sieger verzehren konnte, nahm er. Der Rest blieb liegen -- zehnmal

mehr, als genommen wurde. Wie wird es hier riechen, wenn heiße Tage

kommen?

Auf der Bahnstrecke sind viele Eisenbahnschienen losgerissen und zu

seltsamen Ornamenten gebogen, untermischt mit zusammengeschnurrten

Telephondrähten und zerschmetterten Telegraphenstangen. Der Boden des

Bahndammes glitzert und funkelt, wie besät mit kleinen und großen

Smaragden -- mit den Scherben und Splittern der grünen Glasisolatoren.

Wohin man zur Linken und Rechten des Dammes sieht, überall liegen

Haufen von Tornistern und Waffen, von belgischen Uniformstücken und

französischen Matrosenmützen; dazu überall das Bild einer grauenvollen

Maulwurfsarbeit, ein unübersehbarer Irrgarten von Sumpflöchern,

Wasseraugen, Granatentrichtern, verlassenen Schützengräben und

zickzackförmigen, noch offenen oder schon wieder zugeschütteten

Sappengängen. Jedem Schützengraben ist es deutlich anzusehen, daß er von

den Feinden ausgehoben und gegen Osten verteidigt, dann von den

Deutschen erobert, umgedreht und gegen Westen gerichtet wurde. Alle die

zugeschütteten Sappengänge sind Massengräber, in denen zu Hunderten die

gefallenen Belgier und Franzosen liegen. Wo die Unseren bestattet wurden,

das zeigen die kleinen Kreuze an -- viele sind es, viele, viele -- ein

Deutscher, der diese Kreuze sieht, muß den Kopf entblößen und die

Hände ineinanderklammern und muß beten, mag er ein Glaubensloser oder ein

Gläubiger sein. Alle Bilder verschwimmen mir und meine Augen sind naß,

während einer der führenden Offiziere mir von den schweren Kämpfen

zwischen dem 21. und 25. Oktober erzählt. -- Haben die deutschen

Wälder so viel Eichenlaub, um diese Gräber so zu schmücken, wie sie es

verdienen? -- Während ich hinschaue über diese, vom Frühling schon grün

umhauchten Todesstätten, sind immer und immer jene beiden Dankworte

von Herlies in mir: »Für uns! Für uns!« Und mit dem Schauer vor

den Bildern, die ich da aufsteigen sehe, mischt sich die dankbare und

ehrfürchtige Bewunderung der deutschen Tapferkeit, die alle Hindernisse

siegend überrannte und jeden feindlichen Widerstand zu Boden warf.

-- Wir müssen weiter. Schon sind ein paar unsichtbare »Rollwägelchen«

über unsere Köpfe hinübergebraust -- zwei von jenen Granaten, die in der

Luft so sonderbar wackelnde Geräusche verursachen, als überschlügen

sie sich immer. Nun beginnen dort, von wo wir kamen, unsere Haubitzen zu

antworten. Welch ein festes, ruhiges Brausen ist das in der Luft! Und

von den vielen deutschen Geschossen, die unsichtbar hinüberreisen zum

feindlichen Ufer des Yserkanals, versagt nicht ein einziges. Am Klang

des Sausens kann man es immer anrechnen, wann das Dröhnen des Aufschlags

kommen wird -- »Jetzt!« -- und da drüben donnert es schon!

Immer mahnt eine Offiziersstimme: »Schneller, Herr Doktor, schneller,

schneller!« Aber wie soll man schauen, wenn man so rennen muß? Und da ist

etwas Furchtbares, an dem man so schnell nicht vorüberkommt. Das

Geleise ist gesperrt durch einen gewaltigen Kehrichthaufen zermalmter

Eisenbahnwagen; die Lokomotive hat einen Purzelbaum geschlagen und ist

auf den eigenen Zug gesprungen; alle Wagen sind in Siebe verwandelt,

durchlöchert von Schrapnellkugeln, zerrissen von Granaten; und einer ist

durch das in der Nässe ausgewachsene Getreide umgezaubert in einen grünen

Garten. Auch hier wieder ein Gewirre von umhergestreuten Tornistern,

Feldflaschen und Käppis, von belgischen und französischen

Uniformstücken. Viele tragen die Nummer 151. Unter den feindlichen

Verluststücken liegt ein einziger deutscher Helm. »Der ist noch gut,«

sagt einer der Offiziere und hebt ihn vom Boden auf, »den muß man an die

Sammelstelle abliefern.«

Der zerrissene Bau einer Güterhalle trägt den Namen der Station in

der alten, vlamischen Schreibart: »Diksmuiden«. Auf der Ruine des

Bahnhofsgebäudes heißt es französisch: »Dixmude«. Auch eine von den

Errungenschaften, die das vlamische Belgien dem Franzosentum zu verdanken

hat. Und symbolisch ist sie! Von dem Eisenbahntempel, in welchem Frankreich

die Ellbogen breit machte, ist nimmer viel übrig geblieben: zerrissene

Mauern, zerfetzte Möbel, zersplitterte Bilder und Spiegel. Jedes Bureau

ist ein Wirrsal von kleingeklopftem Gerät und zahllosen Aktenfetzen, von

umhergestreuten Fahrkarten und Abonnementsscheinen.

Nun trete ich auf den Bahnhofsplatz hinaus, sehe die Straße, die zum

Rathaus führt, und stehe wie gelähmt, bis ins Innerste erschrocken und

erschüttert.

Was ich da gewahre, jetzt, in der Nähe? Ist das die leuchtende Heimat

des Glücks, die goldene Sonnenstadt des Paradieses und jenes funkelnde

Märchenland, das ich vor einer Stunde aus dem Duft der Ferne hervortauchen

und schimmern und winken sah?

Ach, Sonne, Sonne, du zärtliche Lügnerin! Du ewige Trösterin des vom

Schreck verschüchterten Lebens!

Dieses furchtbare Vernichtungsgesicht, von dem jetzt die Nähe den

mildernden Schleier der Ferne gerissen, ist nicht zu schildern. Hier

versagen alle Behelfe der Sprache. Schuttwüsten und Trümmerhaufen,

Schreck und Grauen, Zerstörung und Untergang -- was bedeuten diese kleinen

Worte? Nichts, nichts, nichts gegen die namenlose Wahrheit, die ich da

sehe!

9.

Die stählerne Mauer: Reise zur deutschen Front, 1915, Zweiter Teil · 第 12 / 17 题