Die Fahrt geht an Roubaix und Tourcoing vorüber und durch das nette,
von Feldgrauen wimmelnde Meenen. Über die freundliche, sanft geglättete
Landschaft streckt sich eine nach der Schnur gezogene Alleestraße hin und
erinnert mich an die ersten perspektivischen Zeichnungen, die ich einst in
der Schule machte: vorne die zwei Bäume, die in den Himmel wachsen, hinten
zwei winzige Besenblümchen und dazwischen eine immer kleiner werdende
Leiter; vorne eine Durchfahrt so breit wie der Weg des Lasters, und in der
Ferne eine enge Baumschlucht, die dem Pfade der Tugend gleicht.
Weil wir damals in der Schule freihändig zeichnen mußten, ohne Lineal,
drum waren alle Linien krumm, die gerade sein sollten.
Genau so ist es auch hier.
Es gibt da keinen Strauch, der aufrecht steht, keinen Baum, der senkrecht
zum lieben Herrgott trachtet. Alle Kinder der Natur, Halme und Stauden
und Bäume sind vom ewig über das Land her blasenden Meerwind nach Osten
gebogen. Sogar die Telegraphenstangen haben was lustig Schiefes.
Dadurch bekommt die Landschaft, in der sich die großen Flügel vieler
Windmühlen wie in ehrgeizigem Wettrennen durch den Nebel drehen,
einen ganz wunderlich fidelen Charakter, einen Zug von liebenswürdiger
Beschwipstheit.
Freut sich diese Gegend, weil die Schrecken des Krieges barmherzig und
schonungsvoll an ihr vorüberschritten?
Manchmal sieht man auf den Feldern die Erdwälle von kurzen
Schützengräben, die hastig geschaufelt und schnell wieder verlassen
wurden.
Aber keine verwüstete Kirche ist zu gewahren, kein zerschossenes Haus,
keine Brandstätte, kein Mauerschutt und kein Trümmerhaufen.
Ruhig stehen die hübschen Dörfer mit den farbigen Häuschen inmitten
sprossender Saaten.
Die erwachsenen Leute sind bei der Arbeit, und vor den Haustüren stehen
kleine blondhaarige Mädelchen in großen Holzschuhen.
Das Bild dieser Menschen und die ganze Landschaft mutet germanisch an, und
überall an der Straße reden die Wirtshausschilder eine Sprache, die
ein Deutscher versteht, auch ohne daß er Flämisch lernte: »=In 't wite
Kruis=« (Zum weißen Kreuz), »=De dree Linden=«, »=De niuwe meiboom=«,
»=Vlaamsh bierhuis=«, »=De Zomerbloem=« (das Sommerblümchen), und ganz
besonders freundlich grüßt mich ein Schild: »=De landgenoot=« -- der
Landsmann!
Eine doppelte Freude ist in mir: die Freude, auf germanischem Boden zu
sein, und die Freude, nach Bildern des Krieges, die ich sah, nun wieder
-- wenn auch nur für ein kurzes Aufatmen -- friedliche Bilder des Lebens
schauen zu dürfen.
Nun geht die Fahrt den schönen, gut gepflegten Wäldern entgegen, hinter
denen Brügge liegt, die matt gewordene Perle einer großen flandrischen
Vergangenheit.
Wie wird sich auf diesem historischen Boden die Zukunft gestalten? Wird
unter kraftvoller Führung wieder aufblühen, was Jahrhunderte
politischer Zerrissenheit versinken ließen und in wehrloser Ohnmacht der
fortschreitenden Versandung preisgaben? Ist der Krieg nur Vernichtung?
Regen sich in ihm nicht auch Kräfte, die beleben, erneuern und frisch
erschaffen?
Ich schließe die Augen; alle die mächtigen, Herz und Nerven
erschütternden Gesichte der letzten Tage gleiten wieder an meiner Seele
vorüber, und inmitten dieses huschenden Panoramas von Zerstörung
und Vernichtung klingt mir, gleich einer wegweisenden Glocke, das
Verheißungswort einer klaren und ruhigen Mannsstimme:
»Der Krieg ist hart, aber er wird auch Großes bringen. Alles Starke, wenn
es gerecht ist, muß sich belohnen. Wir haben noch immer schwere Arbeit zu
leisten, doch ich glaube, daß das Schwerste bereits getan ist.«
Diese Worte hörte ich von jenem deutschen Heerführer, dem wir seit der
Erlösungsschlacht in den Vogesen begeisterte Dankbarkeit und ein erhöhtes
Maß von Verehrung entgegenbringen, und der auch in den schmerzvollen
Stunden schwerster menschlicher Prüfung ein aufrechter Held blieb und
das stählerne Wort von der Zeit sprach, in der man handeln muß und nicht
trauern darf.
Die Bilderflucht meines Erinnerns zeigt mir das Quartier des jungen
siegreichen Heerführers, des Kronprinzen Rupprecht von Bayern.
Still die Straße, still der Garten, auch still das Haus.
Die mahnende Stimme eines unsichtbaren Hüters scheint da immer zu
flüstern: »Nicht laut sein, nicht stören!«
Ein Doppelposten steht vor dem Gartentor, und im Hause sieht man zwei
Diener.
Der Tag unter diesem Dache ist militärische Arbeit, Vortrag und Beratung,
nur unterbrochen durch den Ausritt zu den Stellungen an der Front.
Mittags speisen die Generale des Stabes mit dem Prinzen, am Abend sind im
Wechsel die höheren Offiziere des Kommandos zu einer Tafel von acht oder
zehn Gedecken geladen.
Der Salon des abgereisten Besitzers dient als Empfangsraum. Inmitten einer
typisch französischen, dem Empirestil nachempfundenen Einrichtung gewahrt
man mit Vergnügen zwei Dinge, die gut münchnerisch sind: Adolf Hengelers
»Tagebuch von 1914«, jene entzückende, aus vaterländischem Zorn und
spielender Ironie geborene Künstlergabe -- und auf dem Marmorgesimse des
prunkvollen Kamins, zwischen kostbaren Bronzen, liegt neben einer kleinen
Spielmarkenschachtel ein heimatliches Remedium für müde Abendstunden, in
denen der Kopf sich ausruhen möchte -- ein nicht mehr ganz neues Päckchen
bayerischer Tarockkarten. -- Heimat ist Heimat; bei allem, was in der
feindlichen Fremde die Erinnerung an das Heimatliche wachruft, schätzt man
das Wertvolle und das Bescheidene mit einander ebenbürtigen Ziffern ein.
Das köstliche Werk Meister Hengelers und diese sechsunddreißig
Kartenblättchen hatten für mich, wenn auch nicht die gleiche
kunstgeschichtliche Bedeutung, so doch den gleichen Gefühlswert des
Augenblickes. Ich empfand so was Ähnliches, wie es unsere Feldgrauen
in ihren feuchten und dunklen Lehmhöhlen fühlen, wenn sie ein kleines,
zerknittertes, von daheim gekommenes Zettelchen zärtlich streicheln und
glätten, um dann leise und inbrünstig zu singen:
»In der Heimat, in der Heimat,
Da gibt's ein Wiedersehn!«
-- Während im Empiresalon die paar Gäste sich versammeln, klingt
durch die Glaswand des anstoßenden Raumes die Stimme eines vortragenden
Offiziers, und manchmal hört man eine rasche und knappe Zwischenfrage des
Kronprinzen. Auch diese Worte, wie streng und ernst ihr Klang ist, haben
heimatliche Wärme.
Nun kommt er -- eine schlanke, straffe Soldatengestalt, lebhaft und
elastisch. In der Art, wie er die Gäste begrüßt und mit ihnen plaudert,
ist heitere Freundlichkeit.
Sieben Kriegsmonate, die Fülle des Geschehens und der militärischen
Verantwortung, wie auch persönliches Erleben und Überwinden haben diesen
charakteristischen Fürstenkopf noch schärfer gemeißelt, noch herber
geformt. Die blaugrauen Augen sind von einer Ruhe, die wie ein Schleier
ist. Doch immer wieder leuchten sie bei raschem Gespräche blitzartig auf,
und dann hört man auch immer ein Wort, das man sich merken muß, weil
etwas Starkes und Aufrichtendes aus ihm redet.
Bei der Tafel, deren paar Gänge die heimatliche Küche durch gefüllte
Kalbsbrust und echt Münchnerischen Kartoffelsalat angenehm in Erinnerung
bringen, herrscht der gleiche, aus Ruhe und Heiterkeit gemischte Ton.
Flattert ein munteres Wort auf, ein kleiner Scherz, so schmunzelt man. Dann
wird wieder ernst von den militärischen Dingen des Tages gesprochen.
Nach der Mahlzeit, bei der Zigarre, ist alles Soldatische vom Gespräche
ausgeschieden. Das berührt wie eine unausgesprochene Verabredung: man will
aufatmen, will Gehirn und Nerven rasten lassen, will sich erfrischen an
einem herzlichen und wohltuenden Lachen. Man plaudert von daheim, von
freundlichen Vergangenheiten. Eine Wendung im Gespräch bringt es, daß der
Kronprinz mit Humor und voll wirksamer Anschaulichkeit von allerlei
tollem Übermut zu plaudern beginnt, von manchem lustigen Streich seiner
Jugendjahre. Doch immer bleibt in dieser sprudelnden Heiterkeit etwas ernst
Verschleiertes, eine verhüllte Sehnsucht, die man empfindet, obwohl sie
sich nie mit einem Worte äußert. Und manchmal, nach lebhaftem Erzählen,
wird er plötzlich stumm, und die blaugrauen Augen blicken ernst, als
möchten sie die Schrift einer weiten Ferne lesen. --
Zwei Offiziere kommen. Der Kronprinz erhebt sich.
»Ich habe noch zu tun!«
Mit herzlichem Händedruck verabschiedet er sich von jedem seiner Gäste.
Mehrere Tage später. Ich kam in die Villa, um mich vor meiner weiteren
Fahrt für das freundliche Entgegenkommen zu bedanken, das mir so viel
gegeben, mir eine fast unbeschreibliche Fülle von Bildern dieses großen
Ringens um Leben und freie Zukunft des Deutschtums gezeigt hatte.
Ein Schimmer linder Frühlingssonne glänzte um die hohen Fenster des
Empiresalons, während der Kronprinz mit mir sprach. Den Inhalt dieser
Stunde will ich fest bewahren. Vieles, was ich hörte, muß ich in mir
verschließen; manches darf ich sagen und muß es sagen, weil es für das
Leben in der Heimat wegweisend, aufklärend und hilfreich ist.
Ein stolzes Aufleuchten in den blaugrauen Augen des Kronprinzen.
»_Unser Heer! Das ist ein Menschenmaterial, mit dem man alles, auch das
fast unmöglich Scheinende leisten kann, wenn man es richtig macht und
die rechte Stunde wählt. Die wird kommen._ Man darf nur in der Heimat den
Erscheinungen gegenüber, welche durch die Lage der Dinge hier verursacht
werden, nicht allzu kritisch sein. Die Situation ist für uns eine ganz
verläßliche. Daheim beurteilt man das nicht immer in zutreffender Weise.
Wenn wir von der Heimat Geduld und gläubiges Ausharren erwarten, dann
verlangen wir weniger, als wir selbst im Felde hier zu leisten haben.
_Glauben Sie mir, wir im Felde hier, besonders wir Führer, liefern
Geduldproben, mit denen die doch wesentlich ungefährlichere Geduld, die
man in der Heimat beizusteuern hat, den Vergleich nicht aushält._«
Ich kam auf die Skrupellosigkeit unserer Feinde in der Wahl ihrer
Kampfmittel und ihrer politischen Schachzüge zu sprechen.
Der Kronprinz lächelte.
»Politische Moral ist ein Fremdwort. Es kommt nur darauf an, wie man's
übersetzt. Bei uns Deutschen heißt es ›Gewissen‹, bei den Engländern
heißt es ›Erfolg‹. Unter allen Völkern sind die Engländer in der
Politik am brutalsten. Aber man kann nicht leugnen, daß sie mit dieser
gegen alle Völker gleich rücksichtslosen Brutalität eine häufig sehr
erfolgreiche Nüchternheit beim Rechnen vereinigen. Doch passiert es
manchmal auch diesen gewiegten Rechnern, daß sie theoretisch das für
ihren Vorteil Richtige erkennen und in der Praxis das Falsche, ihnen
Schädliche ausführen. Ich glaube, so geht es ihnen jetzt. In uns
Deutschen wohnen Kräfte, die für die Engländer am 4. August noch eine
dunkle Ziffer waren. Darum haben sie sich verrechnet.«
Wir sprachen von der psychischen Erneuerung, die der Krieg und die Größe
seiner deutschen Ziele in den Lebenskräften und im Wesen unseres Volkes
hervorrufen; und sprachen auch von den materiellen Härten, durch die der
Krieg eine große Zahl von Existenzen erschüttert.
»Allen schwer erträglichen Härten zum Trotz ist dieser Krieg ein
Gesundbrunnen für unser Volk!« Die Stimme des Kronprinzen hob sich.
»Alles Gute und Lebensfähige stärkt er, alles Schwächliche belebt
er neu, alles hilflos Ungesunde bläst er fort. Richtet sich nicht viel
Wertvolles jetzt wieder auf, von dem man im letzten Jahrzehnt besorgen
konnte, daß es für immer lahm geworden wäre?
_Alles Angekränkelte, das sich vordrängte, verschwindet._ Man ist jetzt
in der Heimat doch wohl erlöst von allem überreizten Ästhetentum und
aller manierierten Dekadenz!
_Wegen solcher Dinge hat man sich übrigens viel mehr Sorge gemacht als
notwendig war. Gar so arg, wie es für manche aussah, war es nicht. Die
frische, prachtvolle Jugend, die jetzt mit den Rekrutennachschüben ins
Feld kommt, beweist es mir._ Solche Menschheitskrankheiten sind Wellen, die
kommen und vergehen. Im großen und ganzen ist es meine Überzeugung,
daß der Mensch immer der gleiche bleibt, sich nur in seinen äußerlichen
Lebensmodalitäten ändert, gestern zum Schlechteren, heut wieder zum
Besseren.
Und dann kommt es auch darauf an, ob man solche Erscheinungen mit
alten oder mit jungen Augen ansieht. Alte Augen sehen das Vergängliche
schärfer, junge Augen erkennen deutlicher das neue Werden. Auch liegt es
immer im Wesen der Menschen, zu hoffen, daß das Kommende besser sein
wird als das Gegenwärtige ist, und zu glauben, daß das Gegenwärtige
schlechter ist als das Vergangene war. Jede Entfernung verklärt. Und wie
in rein menschlichen Fragen, so ist es auch in politischen Dingen.
Ich habe alte Männer oft sagen hören: Im Jahre 70/71 wäre es nicht
so gewesen wie in den Befreiungskriegen, nicht so groß, einheitlich und
heilig. Und jetzt sagen die Altgewordenen: So wie es 70/71 war, so ist es
heute nicht, weder so heilig noch so groß.
_Ich glaube, es war vor hundert Jahren und vor fünfundvierzig Jahren
und im vergangenen August ganz das gleiche: deutsche Kraft, die sich
aufstreckte in der Not, deutscher Wille, der zu Eisen wurde, und deutsche
Energie, die sich nicht beugen läßt und beharrlich bleibt, ohne im Glück
übermütig oder unter einem Rückschlag verzagt zu werden._«
Ein freies, ruhiges Auflachen des Prinzen. Dann ein kurzes, nachdenkliches
Schweigen.
»Viele haben es hart daheim, ich weiß. Was man in einem so schweren
Krieg zu überstehen hat, das ist kein Bett auf Rosen. Es ist auch ein
zweifelhafter Trost, zu sagen: daß es unsere Feinde nach allen Niederlagen
noch schlechter haben als wir, die wir nach den bereits errungenen Erfolgen
_bald den endgültigen Sieg erhoffen dürfen_. Aber man sollte doch
vergleichen: wie es hier aussieht, unter allem Kriegsschreck im Land des
Feindes, und um wieviel besser es daheim in Deutschland ist, das, ein paar
Grenzstriche angenommen, von allem verschont blieb, was der Feind unter dem
Kriege leiden muß.
Für viele daheim ist's eine harte Zeit. Vieles, was man verlieren mußte,
ist unersetzlich. Aber materielle Verluste kann man doch wirklich bei dem
Gedanken verschmerzen und überwinden, daß eine große Zukunft den Verlust
wieder ersetzen wird. Ich weiß, daß gerade unsere engere Heimat,
der deutsche Süden, sehr empfindlich leidet. Es gibt da nicht viele
Industrien, die auf die Arbeit für den Heeresbedarf umsatteln können.
Kunst und Kunsthandwerk, Luxusgeschäfte und Fremdenindustrie haben bittere
Zeiten durchzumachen. Ich hoffe, unsere Kunst und unser Kunsthandwerk
werden diese Prüfungsmonate mit ungebrochenen Kräften überdauern.
Und was die Fremdenindustrie anbelangt -- wer weiß, ob da der Krieg nicht
gerade für uns Münchener etwas sehr Gutes und Heilsames brachte? Ein
reichflutender Fremdenverkehr ist gewiß etwas Angenehmes und Nützliches.
Aber wenn sich eine große Stadt und ein ganzer Landesteil fast
ausschließlich auf den Fremdenverkehr einrichten würde, so ist auch immer
die Gefahr dabei, daß Zeiten kommen können, in denen der Verkehr stockt
und die Fremden ausbleiben. Unser liebes schönes München wird nach dieser
Erfahrung ein bißchen umlernen müssen. Ich bin überzeugt, daß München
auch _nach_ dem Kriege die Kunststadt bleiben wird, die es war, und ich
hoffe, daß es daneben eine Stadt der deutschen Arbeit sein wird, die in
ihrer Blüte unabhängig ist von allem Fremden.«
Beim Abschied, als der Kronprinz mit festem Druck meine Hand umspannte,
sagte er: »Erzählen Sie nur zu Hause, wie der Krieg aussieht: _Je
deutlicher Sie es sagen, um so mehr wird man daheim aufatmen_. Daß unser
Volk durch dick und dünn durchhalten wird, daran hab' ich noch keine
Sekunde gezweifelt. Ein paar Ungeduldige und Wehleidige? Was macht das aus!
Das Volk im ganzen fühlt seine deutsche Pflicht. Und Pflichtgefühl und
Geduld sind immer zwei Dinge, die zusammengehören wie Schwestern. Wenn
wir recht und fest unsere Pflicht erfüllen, dann ist die Geduld von
selber dabei. Oder haben Sie hier bei uns im Feld schon einen Ungeduldigen
gesehen?«
»Nein, Königliche Hoheit! Nur Sehnsüchtige.«
Der Kronprinz nickte:
»Das ist was andres. Wär's nicht so, dann wären wir doch keine
Deutschen. Sie, Herr Doktor, werden wohl früher nach Hause kommen als ich.
_Grüßen Sie von mir die Heimat!_« --
Als ich das Quartier des fürstlichen Heerführers verließ, war's im Osten
blau, und die Mittagssonne überglänzte die dicken Meernebel, die von
Westen schon wieder herquollen über die Dächer der Stadt. Dann ging die
Fahrt hinein in diese ziehenden Dünste, und bevor es dämmern wollte,
tauchte eine feine, schmucke, wundervoll von alten Zeiten redende Stadt
vor mir auf. Keine Spur von Zerstörung, alles ein Bild des Friedens. Und
überall die Heimlichkeiten einer Vergangenheit mit deutschem Gesicht! Auch
die vielen vergnügten Kinder auf der Straße scheinen Deutsch zu reden,
obwohl ich ihr lustiges Geschrei nicht verstehe. Und deutsche Blaujacken
bewachen die Autosperre, deutsche Blaujacken hüten das alte kleine Tor;
überall seh' ich sie gehen, mit den Händen in den Hosentaschen, mit
ruhigen, wettergebräunten Gesichtern, mit nackten Hälsen, mit wehenden
Bändern hinter den deutschen Seemannsmützen. -- Und am Abend, in einem
Kreise deutscher Marineoffiziere, vernahm ich Dinge, die mir das Herz froh
und heiß machten, und hörte das ruhig rechnende und eben deshalb so tief
erquickende Wort des Kommandierenden Admirals:
»Wir haben zu Beginn des Krieges vieles unterschätzt, aber _eins_ haben
wir _überschätzt: die englische Flotte_!«
8.