17. März 1915.

Die Fahrt geht an Roubaix und Tourcoing vorüber und durch das nette,

von Feldgrauen wimmelnde Meenen. Über die freundliche, sanft geglättete

Landschaft streckt sich eine nach der Schnur gezogene Alleestraße hin und

erinnert mich an die ersten perspektivischen Zeichnungen, die ich einst in

der Schule machte: vorne die zwei Bäume, die in den Himmel wachsen, hinten

zwei winzige Besenblümchen und dazwischen eine immer kleiner werdende

Leiter; vorne eine Durchfahrt so breit wie der Weg des Lasters, und in der

Ferne eine enge Baumschlucht, die dem Pfade der Tugend gleicht.

Weil wir damals in der Schule freihändig zeichnen mußten, ohne Lineal,

drum waren alle Linien krumm, die gerade sein sollten.

Genau so ist es auch hier.

Es gibt da keinen Strauch, der aufrecht steht, keinen Baum, der senkrecht

zum lieben Herrgott trachtet. Alle Kinder der Natur, Halme und Stauden

und Bäume sind vom ewig über das Land her blasenden Meerwind nach Osten

gebogen. Sogar die Telegraphenstangen haben was lustig Schiefes.

Dadurch bekommt die Landschaft, in der sich die großen Flügel vieler

Windmühlen wie in ehrgeizigem Wettrennen durch den Nebel drehen,

einen ganz wunderlich fidelen Charakter, einen Zug von liebenswürdiger

Beschwipstheit.

Freut sich diese Gegend, weil die Schrecken des Krieges barmherzig und

schonungsvoll an ihr vorüberschritten?

Manchmal sieht man auf den Feldern die Erdwälle von kurzen

Schützengräben, die hastig geschaufelt und schnell wieder verlassen

wurden.

Aber keine verwüstete Kirche ist zu gewahren, kein zerschossenes Haus,

keine Brandstätte, kein Mauerschutt und kein Trümmerhaufen.

Ruhig stehen die hübschen Dörfer mit den farbigen Häuschen inmitten

sprossender Saaten.

Die erwachsenen Leute sind bei der Arbeit, und vor den Haustüren stehen

kleine blondhaarige Mädelchen in großen Holzschuhen.

Das Bild dieser Menschen und die ganze Landschaft mutet germanisch an, und

überall an der Straße reden die Wirtshausschilder eine Sprache, die

ein Deutscher versteht, auch ohne daß er Flämisch lernte: »=In 't wite

Kruis=« (Zum weißen Kreuz), »=De dree Linden=«, »=De niuwe meiboom=«,

»=Vlaamsh bierhuis=«, »=De Zomerbloem=« (das Sommerblümchen), und ganz

besonders freundlich grüßt mich ein Schild: »=De landgenoot=« -- der

Landsmann!

Eine doppelte Freude ist in mir: die Freude, auf germanischem Boden zu

sein, und die Freude, nach Bildern des Krieges, die ich sah, nun wieder

-- wenn auch nur für ein kurzes Aufatmen -- friedliche Bilder des Lebens

schauen zu dürfen.

Nun geht die Fahrt den schönen, gut gepflegten Wäldern entgegen, hinter

denen Brügge liegt, die matt gewordene Perle einer großen flandrischen

Vergangenheit.

Wie wird sich auf diesem historischen Boden die Zukunft gestalten? Wird

unter kraftvoller Führung wieder aufblühen, was Jahrhunderte

politischer Zerrissenheit versinken ließen und in wehrloser Ohnmacht der

fortschreitenden Versandung preisgaben? Ist der Krieg nur Vernichtung?

Regen sich in ihm nicht auch Kräfte, die beleben, erneuern und frisch

erschaffen?

Ich schließe die Augen; alle die mächtigen, Herz und Nerven

erschütternden Gesichte der letzten Tage gleiten wieder an meiner Seele

vorüber, und inmitten dieses huschenden Panoramas von Zerstörung

und Vernichtung klingt mir, gleich einer wegweisenden Glocke, das

Verheißungswort einer klaren und ruhigen Mannsstimme:

»Der Krieg ist hart, aber er wird auch Großes bringen. Alles Starke, wenn

es gerecht ist, muß sich belohnen. Wir haben noch immer schwere Arbeit zu

leisten, doch ich glaube, daß das Schwerste bereits getan ist.«

Diese Worte hörte ich von jenem deutschen Heerführer, dem wir seit der

Erlösungsschlacht in den Vogesen begeisterte Dankbarkeit und ein erhöhtes

Maß von Verehrung entgegenbringen, und der auch in den schmerzvollen

Stunden schwerster menschlicher Prüfung ein aufrechter Held blieb und

das stählerne Wort von der Zeit sprach, in der man handeln muß und nicht

trauern darf.

Die Bilderflucht meines Erinnerns zeigt mir das Quartier des jungen

siegreichen Heerführers, des Kronprinzen Rupprecht von Bayern.

Still die Straße, still der Garten, auch still das Haus.

Die mahnende Stimme eines unsichtbaren Hüters scheint da immer zu

flüstern: »Nicht laut sein, nicht stören!«

Ein Doppelposten steht vor dem Gartentor, und im Hause sieht man zwei

Diener.

Der Tag unter diesem Dache ist militärische Arbeit, Vortrag und Beratung,

nur unterbrochen durch den Ausritt zu den Stellungen an der Front.

Mittags speisen die Generale des Stabes mit dem Prinzen, am Abend sind im

Wechsel die höheren Offiziere des Kommandos zu einer Tafel von acht oder

zehn Gedecken geladen.

Der Salon des abgereisten Besitzers dient als Empfangsraum. Inmitten einer

typisch französischen, dem Empirestil nachempfundenen Einrichtung gewahrt

man mit Vergnügen zwei Dinge, die gut münchnerisch sind: Adolf Hengelers

»Tagebuch von 1914«, jene entzückende, aus vaterländischem Zorn und

spielender Ironie geborene Künstlergabe -- und auf dem Marmorgesimse des

prunkvollen Kamins, zwischen kostbaren Bronzen, liegt neben einer kleinen

Spielmarkenschachtel ein heimatliches Remedium für müde Abendstunden, in

denen der Kopf sich ausruhen möchte -- ein nicht mehr ganz neues Päckchen

bayerischer Tarockkarten. -- Heimat ist Heimat; bei allem, was in der

feindlichen Fremde die Erinnerung an das Heimatliche wachruft, schätzt man

das Wertvolle und das Bescheidene mit einander ebenbürtigen Ziffern ein.

Das köstliche Werk Meister Hengelers und diese sechsunddreißig

Kartenblättchen hatten für mich, wenn auch nicht die gleiche

kunstgeschichtliche Bedeutung, so doch den gleichen Gefühlswert des

Augenblickes. Ich empfand so was Ähnliches, wie es unsere Feldgrauen

in ihren feuchten und dunklen Lehmhöhlen fühlen, wenn sie ein kleines,

zerknittertes, von daheim gekommenes Zettelchen zärtlich streicheln und

glätten, um dann leise und inbrünstig zu singen:

»In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt's ein Wiedersehn!«

-- Während im Empiresalon die paar Gäste sich versammeln, klingt

durch die Glaswand des anstoßenden Raumes die Stimme eines vortragenden

Offiziers, und manchmal hört man eine rasche und knappe Zwischenfrage des

Kronprinzen. Auch diese Worte, wie streng und ernst ihr Klang ist, haben

heimatliche Wärme.

Nun kommt er -- eine schlanke, straffe Soldatengestalt, lebhaft und

elastisch. In der Art, wie er die Gäste begrüßt und mit ihnen plaudert,

ist heitere Freundlichkeit.

Sieben Kriegsmonate, die Fülle des Geschehens und der militärischen

Verantwortung, wie auch persönliches Erleben und Überwinden haben diesen

charakteristischen Fürstenkopf noch schärfer gemeißelt, noch herber

geformt. Die blaugrauen Augen sind von einer Ruhe, die wie ein Schleier

ist. Doch immer wieder leuchten sie bei raschem Gespräche blitzartig auf,

und dann hört man auch immer ein Wort, das man sich merken muß, weil

etwas Starkes und Aufrichtendes aus ihm redet.

Bei der Tafel, deren paar Gänge die heimatliche Küche durch gefüllte

Kalbsbrust und echt Münchnerischen Kartoffelsalat angenehm in Erinnerung

bringen, herrscht der gleiche, aus Ruhe und Heiterkeit gemischte Ton.

Flattert ein munteres Wort auf, ein kleiner Scherz, so schmunzelt man. Dann

wird wieder ernst von den militärischen Dingen des Tages gesprochen.

Nach der Mahlzeit, bei der Zigarre, ist alles Soldatische vom Gespräche

ausgeschieden. Das berührt wie eine unausgesprochene Verabredung: man will

aufatmen, will Gehirn und Nerven rasten lassen, will sich erfrischen an

einem herzlichen und wohltuenden Lachen. Man plaudert von daheim, von

freundlichen Vergangenheiten. Eine Wendung im Gespräch bringt es, daß der

Kronprinz mit Humor und voll wirksamer Anschaulichkeit von allerlei

tollem Übermut zu plaudern beginnt, von manchem lustigen Streich seiner

Jugendjahre. Doch immer bleibt in dieser sprudelnden Heiterkeit etwas ernst

Verschleiertes, eine verhüllte Sehnsucht, die man empfindet, obwohl sie

sich nie mit einem Worte äußert. Und manchmal, nach lebhaftem Erzählen,

wird er plötzlich stumm, und die blaugrauen Augen blicken ernst, als

möchten sie die Schrift einer weiten Ferne lesen. --

Zwei Offiziere kommen. Der Kronprinz erhebt sich.

»Ich habe noch zu tun!«

Mit herzlichem Händedruck verabschiedet er sich von jedem seiner Gäste.

Mehrere Tage später. Ich kam in die Villa, um mich vor meiner weiteren

Fahrt für das freundliche Entgegenkommen zu bedanken, das mir so viel

gegeben, mir eine fast unbeschreibliche Fülle von Bildern dieses großen

Ringens um Leben und freie Zukunft des Deutschtums gezeigt hatte.

Ein Schimmer linder Frühlingssonne glänzte um die hohen Fenster des

Empiresalons, während der Kronprinz mit mir sprach. Den Inhalt dieser

Stunde will ich fest bewahren. Vieles, was ich hörte, muß ich in mir

verschließen; manches darf ich sagen und muß es sagen, weil es für das

Leben in der Heimat wegweisend, aufklärend und hilfreich ist.

Ein stolzes Aufleuchten in den blaugrauen Augen des Kronprinzen.

»_Unser Heer! Das ist ein Menschenmaterial, mit dem man alles, auch das

fast unmöglich Scheinende leisten kann, wenn man es richtig macht und

die rechte Stunde wählt. Die wird kommen._ Man darf nur in der Heimat den

Erscheinungen gegenüber, welche durch die Lage der Dinge hier verursacht

werden, nicht allzu kritisch sein. Die Situation ist für uns eine ganz

verläßliche. Daheim beurteilt man das nicht immer in zutreffender Weise.

Wenn wir von der Heimat Geduld und gläubiges Ausharren erwarten, dann

verlangen wir weniger, als wir selbst im Felde hier zu leisten haben.

_Glauben Sie mir, wir im Felde hier, besonders wir Führer, liefern

Geduldproben, mit denen die doch wesentlich ungefährlichere Geduld, die

man in der Heimat beizusteuern hat, den Vergleich nicht aushält._«

Ich kam auf die Skrupellosigkeit unserer Feinde in der Wahl ihrer

Kampfmittel und ihrer politischen Schachzüge zu sprechen.

Der Kronprinz lächelte.

»Politische Moral ist ein Fremdwort. Es kommt nur darauf an, wie man's

übersetzt. Bei uns Deutschen heißt es ›Gewissen‹, bei den Engländern

heißt es ›Erfolg‹. Unter allen Völkern sind die Engländer in der

Politik am brutalsten. Aber man kann nicht leugnen, daß sie mit dieser

gegen alle Völker gleich rücksichtslosen Brutalität eine häufig sehr

erfolgreiche Nüchternheit beim Rechnen vereinigen. Doch passiert es

manchmal auch diesen gewiegten Rechnern, daß sie theoretisch das für

ihren Vorteil Richtige erkennen und in der Praxis das Falsche, ihnen

Schädliche ausführen. Ich glaube, so geht es ihnen jetzt. In uns

Deutschen wohnen Kräfte, die für die Engländer am 4. August noch eine

dunkle Ziffer waren. Darum haben sie sich verrechnet.«

Wir sprachen von der psychischen Erneuerung, die der Krieg und die Größe

seiner deutschen Ziele in den Lebenskräften und im Wesen unseres Volkes

hervorrufen; und sprachen auch von den materiellen Härten, durch die der

Krieg eine große Zahl von Existenzen erschüttert.

»Allen schwer erträglichen Härten zum Trotz ist dieser Krieg ein

Gesundbrunnen für unser Volk!« Die Stimme des Kronprinzen hob sich.

»Alles Gute und Lebensfähige stärkt er, alles Schwächliche belebt

er neu, alles hilflos Ungesunde bläst er fort. Richtet sich nicht viel

Wertvolles jetzt wieder auf, von dem man im letzten Jahrzehnt besorgen

konnte, daß es für immer lahm geworden wäre?

_Alles Angekränkelte, das sich vordrängte, verschwindet._ Man ist jetzt

in der Heimat doch wohl erlöst von allem überreizten Ästhetentum und

aller manierierten Dekadenz!

_Wegen solcher Dinge hat man sich übrigens viel mehr Sorge gemacht als

notwendig war. Gar so arg, wie es für manche aussah, war es nicht. Die

frische, prachtvolle Jugend, die jetzt mit den Rekrutennachschüben ins

Feld kommt, beweist es mir._ Solche Menschheitskrankheiten sind Wellen, die

kommen und vergehen. Im großen und ganzen ist es meine Überzeugung,

daß der Mensch immer der gleiche bleibt, sich nur in seinen äußerlichen

Lebensmodalitäten ändert, gestern zum Schlechteren, heut wieder zum

Besseren.

Und dann kommt es auch darauf an, ob man solche Erscheinungen mit

alten oder mit jungen Augen ansieht. Alte Augen sehen das Vergängliche

schärfer, junge Augen erkennen deutlicher das neue Werden. Auch liegt es

immer im Wesen der Menschen, zu hoffen, daß das Kommende besser sein

wird als das Gegenwärtige ist, und zu glauben, daß das Gegenwärtige

schlechter ist als das Vergangene war. Jede Entfernung verklärt. Und wie

in rein menschlichen Fragen, so ist es auch in politischen Dingen.

Ich habe alte Männer oft sagen hören: Im Jahre 70/71 wäre es nicht

so gewesen wie in den Befreiungskriegen, nicht so groß, einheitlich und

heilig. Und jetzt sagen die Altgewordenen: So wie es 70/71 war, so ist es

heute nicht, weder so heilig noch so groß.

_Ich glaube, es war vor hundert Jahren und vor fünfundvierzig Jahren

und im vergangenen August ganz das gleiche: deutsche Kraft, die sich

aufstreckte in der Not, deutscher Wille, der zu Eisen wurde, und deutsche

Energie, die sich nicht beugen läßt und beharrlich bleibt, ohne im Glück

übermütig oder unter einem Rückschlag verzagt zu werden._«

Ein freies, ruhiges Auflachen des Prinzen. Dann ein kurzes, nachdenkliches

Schweigen.

»Viele haben es hart daheim, ich weiß. Was man in einem so schweren

Krieg zu überstehen hat, das ist kein Bett auf Rosen. Es ist auch ein

zweifelhafter Trost, zu sagen: daß es unsere Feinde nach allen Niederlagen

noch schlechter haben als wir, die wir nach den bereits errungenen Erfolgen

_bald den endgültigen Sieg erhoffen dürfen_. Aber man sollte doch

vergleichen: wie es hier aussieht, unter allem Kriegsschreck im Land des

Feindes, und um wieviel besser es daheim in Deutschland ist, das, ein paar

Grenzstriche angenommen, von allem verschont blieb, was der Feind unter dem

Kriege leiden muß.

Für viele daheim ist's eine harte Zeit. Vieles, was man verlieren mußte,

ist unersetzlich. Aber materielle Verluste kann man doch wirklich bei dem

Gedanken verschmerzen und überwinden, daß eine große Zukunft den Verlust

wieder ersetzen wird. Ich weiß, daß gerade unsere engere Heimat,

der deutsche Süden, sehr empfindlich leidet. Es gibt da nicht viele

Industrien, die auf die Arbeit für den Heeresbedarf umsatteln können.

Kunst und Kunsthandwerk, Luxusgeschäfte und Fremdenindustrie haben bittere

Zeiten durchzumachen. Ich hoffe, unsere Kunst und unser Kunsthandwerk

werden diese Prüfungsmonate mit ungebrochenen Kräften überdauern.

Und was die Fremdenindustrie anbelangt -- wer weiß, ob da der Krieg nicht

gerade für uns Münchener etwas sehr Gutes und Heilsames brachte? Ein

reichflutender Fremdenverkehr ist gewiß etwas Angenehmes und Nützliches.

Aber wenn sich eine große Stadt und ein ganzer Landesteil fast

ausschließlich auf den Fremdenverkehr einrichten würde, so ist auch immer

die Gefahr dabei, daß Zeiten kommen können, in denen der Verkehr stockt

und die Fremden ausbleiben. Unser liebes schönes München wird nach dieser

Erfahrung ein bißchen umlernen müssen. Ich bin überzeugt, daß München

auch _nach_ dem Kriege die Kunststadt bleiben wird, die es war, und ich

hoffe, daß es daneben eine Stadt der deutschen Arbeit sein wird, die in

ihrer Blüte unabhängig ist von allem Fremden.«

Beim Abschied, als der Kronprinz mit festem Druck meine Hand umspannte,

sagte er: »Erzählen Sie nur zu Hause, wie der Krieg aussieht: _Je

deutlicher Sie es sagen, um so mehr wird man daheim aufatmen_. Daß unser

Volk durch dick und dünn durchhalten wird, daran hab' ich noch keine

Sekunde gezweifelt. Ein paar Ungeduldige und Wehleidige? Was macht das aus!

Das Volk im ganzen fühlt seine deutsche Pflicht. Und Pflichtgefühl und

Geduld sind immer zwei Dinge, die zusammengehören wie Schwestern. Wenn

wir recht und fest unsere Pflicht erfüllen, dann ist die Geduld von

selber dabei. Oder haben Sie hier bei uns im Feld schon einen Ungeduldigen

gesehen?«

»Nein, Königliche Hoheit! Nur Sehnsüchtige.«

Der Kronprinz nickte:

»Das ist was andres. Wär's nicht so, dann wären wir doch keine

Deutschen. Sie, Herr Doktor, werden wohl früher nach Hause kommen als ich.

_Grüßen Sie von mir die Heimat!_« --

Als ich das Quartier des fürstlichen Heerführers verließ, war's im Osten

blau, und die Mittagssonne überglänzte die dicken Meernebel, die von

Westen schon wieder herquollen über die Dächer der Stadt. Dann ging die

Fahrt hinein in diese ziehenden Dünste, und bevor es dämmern wollte,

tauchte eine feine, schmucke, wundervoll von alten Zeiten redende Stadt

vor mir auf. Keine Spur von Zerstörung, alles ein Bild des Friedens. Und

überall die Heimlichkeiten einer Vergangenheit mit deutschem Gesicht! Auch

die vielen vergnügten Kinder auf der Straße scheinen Deutsch zu reden,

obwohl ich ihr lustiges Geschrei nicht verstehe. Und deutsche Blaujacken

bewachen die Autosperre, deutsche Blaujacken hüten das alte kleine Tor;

überall seh' ich sie gehen, mit den Händen in den Hosentaschen, mit

ruhigen, wettergebräunten Gesichtern, mit nackten Hälsen, mit wehenden

Bändern hinter den deutschen Seemannsmützen. -- Und am Abend, in einem

Kreise deutscher Marineoffiziere, vernahm ich Dinge, die mir das Herz froh

und heiß machten, und hörte das ruhig rechnende und eben deshalb so tief

erquickende Wort des Kommandierenden Admirals:

»Wir haben zu Beginn des Krieges vieles unterschätzt, aber _eins_ haben

wir _überschätzt: die englische Flotte_!«

8.

Die stählerne Mauer: Reise zur deutschen Front, 1915, Zweiter Teil · 第 11 / 17 题