Erinnert euch an alles, was ich seit drei Monaten an Zerstörungswerken des
Krieges geschildert habe, von Audun le Roman bis zum »Friedenspark«
von Hollebeke und bis zum toten Dorfe bei Arras -- erinnert euch an diese
hundert Bilder des Grauens, und dann sagt: »Das alles war nichts, war nur
ein ungeschicktes Kinderspiel, nur eine Lehrlingsarbeit des Krieges!« Was
ich jetzt sehe, ist sein Meisterwerk im Zerbrechen und Vernichten. Erst
diese kleingehämmerte, tote, versunkene Stadt Dixmuiden zeigt mir, was
Untergang unter den Stürmen des Krieges bedeutet.
Das schildern? Es ist unmöglich. Ich will keinen Versuch machen, will
nur zum Geleit für die Schritte, die mich an diesem endlosen Gemenge von
Trümmern und Schutt vorüberführen, Wort für Wort vor mich hinsagen.
In der Ruinengasse, die zum Rathaus leitet, können Menschen über dem
Erdboden nicht mehr wohnen. Der letzte Einwohner von Dixmuiden ist längst
verschwunden. Unsere Reserven, die hier ausharren müssen, hausen in den
gewölbten Kellern. Um in dieser Finsternis ein wenig Licht zu haben,
holten die Soldaten aus den zerstörten Häusern die noch unzerbrochenen
Spiegel, alle blanken Bleche und polierten Holzflächen heraus und
befestigten sie in schräger Stellung vor den Kellerlöchern, als
Reflektoren der Himmelshelle. Ein Soldat sagt zu mir: »En bißche Licht,
un denn is man ooch widder zufrieden!«
Die Trümmergasse ist leer; nur manchmal sieht man einen Feldgrauen aus
einem Kellerloch herausschlüpfen und im anderen verschwinden. Ich frage
einen: »Wieviel von den Unseren sind denn noch hier?« Der Soldat -- ich
glaube, ein Hallenser -- sagt lachend: »Genugg, daß mer's aufhalten, die
annern!« Ein deutsches Wort! Und nicht nur von Dixmuiden gilt es. Nicht
nur vom heißen Boden am Yserkanal. Es gilt von Belfort und vom Wasgenwald
bis nach Ostende und Zeebrügge.
Nun kommt, was im Oktober noch ein feines, prunkvolles gotisches Rathaus
war. Was es jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen. So sinnlos sieht es aus!
In dem vom Sparrenwerk des Daches noch übrig gebliebenen Gerippe steckt
-- wie ein Kinderpfeil in der Binsenscheibe -- ein schlankes, prächtiges
Türmchen, mit dem Fuß nach oben, mit der Spitze nach unten. Und nicht
weit davon ist ein Rätsel der Mechanik zu sehen. Eine große Granate,
viele Zentner schwer, die einen Dachfirst zerschlug, ohne zu explodieren,
ist über den Rest des Daches heruntergekollert und quer auf einer
faustdicken Latte im Gleichgewicht liegen geblieben. Macht eine Detonation
der Beschießung das zertrümmerte Gemäuer zittern, so schaukelt die
Granate eine Weile und schwebt dann wieder ruhig in der Luft. Das ist so
unwahrscheinlich, daß man lange hinsehen muß, bevor man es glauben kann.
Über den Marktplatz geht ein verlassener Schützengraben, mit einem Wall
von Pflastersteinen; und eine Schuttstelle, die früher ein hübsches
Haus gewesen, ist verwandelt in den gewaltigen Trichter einer deutschen
Brummergranate.
Am verwichenen Abend hatte ich mir in Brügge eine Mappe mit Ansichten von
Dixmuiden gekauft, wie es früher war. Und nun sitze ich an der linken Ecke
des Marktplatzes auf einem Steinhaufen und vergleiche die Bilder von einst
mit den Bildern von jetzt. Sie gleichen einander wie Haus und Grab, wie
Leben und Tod. Keine Spur von Ähnlichkeit ist mehr vorhanden. Das Heftchen
zeigt mir eine wundervolle gotische Kirche. Wo ist sie? Das aberwitzige
Ruinengewirre, das hinter den Trümmern des Rathauses von ehemals
hervorragt? Ist das die schöne Kirche gewesen? Eine schmerzende Trauer
umklammert mein Herz. Und während ich so sitze, stumm, und immer dieses
grauenvolle Bild des Untergangs betrachte, ist hoch aus den Lüften
herunter das knatternde Geräusch einer Flugmaschine zu hören. Sonst, wenn
ich diesen Ton vernahm, suchten meine Augen immer gleich in der Höhe.
Was kümmert mich jetzt der Flieger? Immer muß ich zu diesem grauen,
unsagbaren Ding hinüberschauen, das eine Kirche und ein Rathaus und die
schmucke Front eines städtischen Platzes war. Da sagt einer von den vier
Offizieren, die bei mir sind: »Wir müssen weg da! Der Flieger hat eine
Schwenkung gemacht, er hat uns gesehen.« Wir wandern davon, schräg über
den Platz hinüber, und kaum sind wir in der anderen Ecke, da saust es
über unseren Köpfen, und hinter uns ist ein brüllender Teufel los. Genau
bei dem Steinhaufen, wo wir vor drei Minuten noch gestanden, fährt die
schwarze Rauchwolke auseinander.
In der Trümmerallee, durch die wir kommen, ist ein Lazarett in einem
ehemaligen Weinkeller eingerichtet. Ein paar Schritte weiter, und ich
sehe einen grotesken Gegensatz. Im Hause eines Schlächters, über dessen
Ladentür als Handwerkszeichen ein großer Ochsenschädel prangt, hat eine
Granate das obere Stockwerk auseinandergerissen und die ganze Einrichtung
auf die Straße geschleudert; eine zweispannenlange Mädchenpuppe ist
mit dem Spitzenhemdchen am rechten Hornzinken des Ochsenschädels hängen
geblieben. Kann auch sein, daß die Soldaten das Püpplein so aufhängten.
Dann ist es ein Beweis für den Humor, mit dem unsere Feldgrauen in solcher
Umgebung ausharren.
Wieder dröhnt eine Granate. Wir springen durch ein von Schutt
übergossenes Gärtchen und kommen zu einem Damm aus Sandsäcken. Der
führende Offizier mahnt immer wieder und wieder: »Ducken! Ducken!
Ducken!«
Nun sind wir im Schützengraben, beim Wall der Yser, deren Lauf die
Stadt von der Vorstadt trennt. Die Stellung ist nicht in den Boden
eingeschnitten, sondern geht über die Erdfläche hin, gegen die feindliche
Seite durch Gemäuer und feste Brustwehren aus Quadern und Sandsäcken
geschützt. So zieht die Stellung durch Häuser und Gärten, durch einen
Turm, durch ein Brückentor, durch eine Kapelle. Das ist wieder, wie es
im Mittelalter war; genau so muß es ausgesehen haben, wenn im sechzehnten
Jahrhundert eine Stadt oder Burg verteidigt wurde. Nur Kostüm und Waffen
sind ein bißchen anders.
Ich gucke durch die Scharte eines Stahlschildes und sehe die den blauen
Himmel spiegelnde Flut der Yser, sehe die feindliche Stellung, die nur
dreißig Meter von uns entfernt ist, sehe die gleichen Steinwehren und
Sackmauern wie herüben. Aus den Schlitzen der stählernen Schilde ragen
die Gewehrläufe heraus; und schießt da drüben einer, so sieht man einen
matten Feuerblitz und ein bißchen Rauch. Über die feindliche Brustwehr
starren die Hausruinen empor, und zwischen dem Schuttwerk trauern die Reste
einer Wirtschaft mit dem Namen: »=Duc de Lorraine=«. Und immer saust es
und dröhnt, immer knallt es. Um besseren Ausblick zu haben, benütze ich
den Winkelspiegel, eine längliche Holzröhre, deren oberes Spiegelauge
über den Saum des Waldes hinausragt; aber der Apparat pariert nicht recht;
während der Benutzung bekam er drei Streifschüsse; der Holzkasten ist
zersplittert, der Spiegel blieb unversehrt.
Nun ein Kontrastbild, wie ich es vom Argonnenwald bis Ostende noch nicht
gesehen habe. Dicht beim Schützengraben liegt ein hübscher kleiner
Garten. Der ist verwandelt in einen freundlichen, mit vielem Grün
gezierten Friedhof der deutschen Helden. An die zwanzig, die am Yserdamm
die jungen Augen im Kampfe für die Heimat schlossen, liegen da bestattet.
Die geschmückten Hügel, die frischen Buchsrabatten und die kleinen Kreuze
schimmern schön und friedlich in der Sonne des reinen Frühlingstages.
Und zwischen diesem leuchtenden Friedhof und dem Kapellchen, durch das der
Schützengraben geht -- und unter dem Sausen und Dröhnen der Granaten
und bei dem ununterbrochenen Gewehrgeknatter, das ruhelos die bleiernen
Todesboten über den stillen Lauf der Yser hin und her wirft, sitzen im
Schutze der Kapellenmauer drei Hallenser Reservisten unter freiem Himmel
an einem Tisch -- und spielen Skat. Die Kartenblätter, obwohl sie so
abgegriffen sind, daß man Rot und Grün fast nimmer unterscheiden kann,
leuchten in der Sonne wie goldene Täfelchen, und aus den glänzenden
Gesichtern der drei Spieler redet gemütliche Ruhe und alles Behagen einer
köstlichen Frühlingsstunde. Ich gucke dem Spiel eine Weile zu und
frage: »Na, wie wär's denn? Könnt' ich da nicht als Vierter ein bisserl
mitspielen?« Die Drei -- mein Sprachklang mag ihnen meine süddeutsche
Heimat verraten haben, und die Vorstellung, daß ein Bayer Skat spielen
möchte, scheint ihnen etwas so unglaublich Komisches zu sein wie der
Versuch eines Dromedars, auf der Mandoline zu konzertieren -- die Drei
legen ihre Kartenblätter fort, gucken zuerst verwundert an mir hinauf und
fangen dann so herzlich zu lachen an, daß ihr Gelächter das Knallen der
Gewehrschüsse übertönt.
Dieses heitere Lachen begleitet mich und bleibt in mir. Ich hör' es noch
immer, obwohl es schon längst erloschen ist im Dröhnen der immer rascher
aufeinanderfolgenden Granaten. Schlag auf Schlag. Rauch wirbelt auf, und
überall kollern die Mauerbrocken. Die Sache wird ungemütlich, es gibt
keinen sicheren Weg mehr, und schließlich müssen wir in einen Keller
hinunter. Da kommt -- in einem Raum, in dem man nicht aufrecht stehen, aber
behaglich sitzen kann -- eine seltsam anheimelnde Stunde. Das Talglicht,
das man auf die Tischplatte klebte, wirft einen matten Flackerschein durch
das Kellerdunkel und läßt den Rotwein in den gastlichen Gläsern funkeln,
die klein sind, aber gerne und oft gefüllt werden. Beim Schwatzen und
Erzählen vergißt man völlig, daß es da droben über unseren Köpfen
immer dröhnt und donnert. Das Gebäude und die Kellermauern zittern. Und
plötzlich gibt es auch bei uns herunten einen festen Krach -- das Bett,
auf dem drei Offiziere saßen, ist zusammengebrochen. Etwas Rotes
tröpfelt -- der Burgunder. Man lacht über dieses kleine Satyrspiel der
Kriegstragödie.
Die Beschießung mindert sich nicht. Ihr Ende ist nicht abzuwarten, wir
müssen hinauf und an die Rückfahrt denken. Seit dem Morgen sind ein paar
hundert Granaten auf die Trümmerhaufen von Dixmuiden niedergefallen. Sie
haben keinen Lebenden beschädigt, nur ein paar Tote aus ihren Gräbern
gerissen -- drei Granaten fielen in jenen sonnigen Garten mit den kleinen
Kreuzen. Sonst ist an den weiten Trümmerstätten nach diesem stundenlangen
Kleinklopfen des Schuttes kein Unterschied gegen früher zu gewahren.
Wieder erschüttern mich die Bilder namenloser Vernichtung, während wir
flink von Ruine zu Ruine springen und uns bei jedem Sausen in den Lüften
hinter einem noch festen Gemäuer zu decken suchen. Und da pfeift es wieder
einmal gegen uns her. Hinter der Schuttstätte des Domes springe ich in
eine gewölbte Stube, an der die ganze Straßenwand schon herausgerissen
ist. Mit einem Husch der Augen gewahre ich zerfetzte Geräte, einen
zertrümmerten Schreibtisch, zerschmetterte Bücherkasten, zerknüllte
Heiligenbildchen und einen fast tischhohen Wust von Schutt und
umhergestreuten Büchern. Hier muß ein Prälat gewohnt haben. An einer
weißen Wand, die noch steht, aber schon viele Sprünge hat, ist ein
Kruzifix befestigt -- das grün bemalte Christusfigürchen, das den linken
Arm schon verloren hat, hängt von dem schwarzen Kreuzholze nach vorne
heraus, haftet nur noch am Fußnagel und droht mit jedem nächsten
Augenblick in den wüsten Schutt herunterzufallen. Ein dumpfes Dröhnen.
Staub wirbelt, die Mauern zittern und Mörtel bröselt von den zerrissenen
Wänden. Das schwarze Kreuzholz an der Wand ist leer -- der kleine
grüne Heiland hängt am verknüllten Messing eines leise schaukelnden
Kerzenlüsters und fällt -- nun liegt er auf meinem Arm, und ich halte ihn
fest.
Ein kunstloses, naives Schnitzwerk ohne Handelswert! Und armlos, von
Schuttstaub überkrustet, von Steinsplittern und Glasscherben zerkratzt!
Ich hab's nicht fertig gebracht, dieses Figürchen hinfallen zu lassen
auf den üblen Schutt, es der völligen Vernichtung preiszugeben. Das
mißhandelte Holzbild war mir lieb geworden in diesen dröhnenden Sekunden.
Ich nahm es mit. Hab' ich mich dadurch der Plünderung schuldig gemacht?
Dann bin ich bereit, zehnfachen Ersatz zu bieten. Aber ich gebe meinen
kleinen grünen Herrgott von Dixmuiden nimmer her, ich will ihn behalten,
so lang ich lebe.
-- Noch ein bedenklicher Weg durch verwüstete Gassen; ein flinkes
Springen von Deckung zu Deckung. Dann dröhnten die Granaten _hinter_ uns,
immer ferner. Und immer leiser wurde das Pfeifen der Sprungstücke.
Aus dem Ende einer Trümmerstraße traten wir hinaus auf das freie Feld
zwischen der zerstörten Stadt und der nahen Bahnstrecke. Und da sah ich
ein Frühlingsbild, dessen Grauen mich schaudern machte und dessen seltsame
Schönheit mich doch überwältigte.
Zwischen mächtigen Wasserflächen, die vom lauen Winde gekräuselt waren
und von Sonne blitzten, sah ich leichtgebuckelte grüne Wiesen. Ihre zarte
Frühlingsfarbe schien tausendfältig überstreut zu sein von kleinen
schwarz und weiß gesprenkelten Steinchen, von großen braunroten Knospen
der Gänseblümchen und von weißen Herbstzeitlosen. Und je weiter die
Wiesen sich in die Ferne dehnten, um so mehr der Herbstzeitlosen schienen
da zu blühen; schließlich verschwand das Grün der Wiesen völlig und
alle Ferne wurde weiß, gleich einem Schneefeld, das in der Sonne
glänzt. Doch manchmal, wenn der Donner einer schweren Granate die
Luft erschütterte, flogen die gesprenkelten Steinchen und die weißen
Herbstzeitlosen in dichten Schwärmen von der Erde auf und waren Tausende
von Kiebitzen und viele Tausende von Möwen. Nur die großen braunroten
Knospen der Gänseblümchen blieben unbeweglich auf dem Boden und waren
Hunderte von verwesenden Pferden und Rindern. Über ihnen gaukelten die
Wolken der unzählbaren Vögel auf und nieder und hin und her. Und wenn das
donnernde Rollen verstummte und die sonnige Luft wieder ruhig wurde, sanken
die Vogelschwärme zu den Säumen der leuchtenden Wasserflächen und auf
die grünen Wiesen hin und bedeckten alles Tote wie mit einem Blütenregen
des ewigen Lebens.
[Illustration: An Somme und Oise]
[Illustration: Von Ostende bis Arras]
Als erster Band der Kriegsberichte
von _Ludwig Ganghofer_ erschien