13. März 1915.

Morgensonne umglänzt das Fenster meiner Stube zu Lille.

Ich will versuchen, ruhig ein Wort neben das andere zu setzen, will vorerst

zu Ende erzählen, was ich gestern zu schildern begann. --

-- Die Türme von Arras standen im Nebel und umschleierten sich wieder,

als die zwei führenden Offiziere aus den weißen Kalkwänden des

Schützengrabens mit mir herausstiegen und mich hinunterführten in das

tote Dorf.

Eine lange, ausgestorbene Gasse, Ruine neben Ruine. Kein Mensch, kein Rind,

kein Huhn und keine Taube. Nur kleine Vögel sind noch da, spüren den

nahen Frühling und zwitschern -- ich seh' einen Spatzen, der gemütlich im

Mauerloch einer Schrapnellkugel sitzt, munter herausguckt und immer piepst.

Das Loch ist genau so groß, als wäre es für den Spatzen nach Maß

gemacht.

Neben dieser Sperlingsvilla steht die Kirche mit halbem Turm und ohne

Glocke, mit zerschmetterten Wänden und ohne Dach -- ein Anblick, der mir

das Herz umkrampft, obwohl ich nicht der frömmste der Christen bin.

Ich sehe durch offene Türen in zerschlagene Ställe, sehe durch

Granatenlöcher in verwüstete Stuben, aus deren Schutt die zerfetzten

Reste gemütlicher Lebensdinge heraustrauern -- und plötzlich zwingt mich

eine kleine Sache zu wortlosem Aufenthalt.

In einem von Mauerstaub überstreuten Vorgarten steht, durch einen

Granatensplitter übel verwundet, ein kleines Kinderpferdchen mit Rädern

unter den Hufen.

Mich ergreift das, obwohl ich finde, daß dieses französische Spielzeug

sehr geschmacklos ist. Aber auch symbolisch ist es. Statt der Ohren hat das

Pferdchen zwei Kurbeln -- wenn der kleine verschwundene Reiter an diesen

Kurbeln drehte, ging das Rößlein vorwärts. --

Hat nicht der Kriegsgaul des französischen Volkes einige Ähnlichkeit

mit diesem Spielzeug? Auch Frankreich hat zwei Kurbeln in den Ohren, und

England dreht daran. Wie weit wird Frankreich kommen dabei? So weit wie

dieses Spielzeug? Ein Granatensplitter hat ihm ein Loch in den Bauch

gerissen, aus dem der verrostete Mechanismus herausguckt. --

-- Das tote Dorf ist nicht völlig tot. Ich höre Stimmen und sehe eine

Gruppe von Feldgrauen in einem Schloßpark stehen, der aussieht wie

ein kränklicher Bruder des Parkes von Hollebeke. Das hübsche

Barockschlößchen ist löcherig wie Schweizerkäse, aber noch immer

bewohnbar. Ein Dutzend Feldgraue hausen drin, in großen Räumen mit

schönen Möbeln, mit seidenen Vorhängen und guten Bildern, mit Stutzuhren

und Kandelabern auf dem Kamin, in dem ein wärmendes Feuer brennt. Außer

diesem Feuerglanz ist keine Farbe mehr zu sehen, alles ist überbröselt

von Mörtelschutt, überkrustet von Lehm. So grau wie Straßenstaub ist

auch der Parkettboden; man geht da ganz wunderlich weich; ich frage:

»Ist das eine Hanfmatte?« Ein Feldgrauer antwortet: »Nein! das war ein

Smyrnateppich!« --

Ich nicke nur. Anders kann es da nicht aussehen! Die Leute, die todmüde

aus dem Schützengraben kommen, können nicht erst die Kleider reinigen und

die Stiefel putzen; sie kommen und essen und werfen sich hin und

schlafen ein. Und zur anderen Hälfte macht es der Mauerstaub, den die

französischen Granaten erzeugen.

Ich trete hinaus auf die Veranda, die noch halb erhalten ist. Aus

einem Kellertürchen seh' ich einen alten, weißbärtigen Mann langsam

heraufsteigen. Er geht zu einem verwüsteten Blumenbeet und leert einen

Nachtkübel aus. Das ist nicht appetitlich, aber ich muß es erzählen

-- denn der alte Mann, der dieses üble Morgenwerk verrichtet, ist der

Besitzer des Schlosses.

Wir reden ihn an; er ist sehr höflich, auch sehr gesprächig, obwohl er

immer nur ein einziges Wort wiederholt: »=Oui, oui, oui, oui ...=«

Als der Krieg kam, brachte der alte Herr das nicht übers Herz, sein

Haus und seinen geliebten Park zu verlassen. Er blieb -- mit seiner

siebzigjährigen Frau. Die Feldgrauen überließen dem alten Paar als

Wohnung den bombensicheren Keller. Da leben nun die beiden von den

Nahrungsmitteln, welche die deutschen Soldaten mit ihnen teilen. Kein

Diener ist mehr im Haus, keine Magd -- alle Dienstboten sind davongelaufen,

als die ersten Kanonenschüsse krachten.

Das ist Frankreich! Könnte Ähnliches in Deutschland möglich sein? Ein

alter Kutscher, der seiner Herrschaft viele Jahre diente, oder ein braves,

gutes deutsches Mädel wäre geblieben, auch unter Schreck und Grauen!

-- Ich sage das in deutscher Sprache zu den beiden Offizieren, und der

Schloßbesitzer antwortet mit höflichem Lächeln: »=Oui, oui, oui,

oui ...=« Ich fürchte, es sieht nimmer gut unter seinem alten Weißkopf

aus!

-- Krieg! Wer weiß und ahnt in der Heimat, was unserem Land erspart wurde

durch unser Heer! _Sehen_ muß man es, hier, in Feindesland, so wie meine

Augen es sehen! --

Zwei Granaten sausen über die Felder hin und dröhnen; manchmal klatscht

eine Gewehrkugel ins Gemäuer des Schlosses oder in die Rinde eines

Parkbaumes. Allmählich wird das Geschützfeuer ein ununterbrochenes

Rollen. Das hört sich anders an als das übliche Geböller, das die

Franzosen und Engländer Tag für Tag nach dem Frühstück zu beginnen

pflegen. Etwas Zorniges ist in diesem aus der Ferne her dröhnenden

Gebrüll. Wie ein Angriff klingt es. Man kann auch schon unterscheiden,

daß die Deutschen antworten, immer fleißiger! Das muß bei La Bassée

oder bei Lorgies sein! Oder noch nördlicher?

Eine lange, jagende Autofahrt mit vielen Umwegen. Gegen zwei Uhr

nachmittags tauchen die zerrupften Giebel von La Bassée aus dem Dunst

heraus. Unter dem Gerassel des Autos ist der ruhelose Geschützkampf nur

wie ein schwaches Murren zu hören. Nun halten wir. Und ein ingrimmiges

Donnerdröhnen geht durch die Lüfte.

Die Einfahrt nach La Bassée erweckt den Eindruck: das ist ein Städtchen,

das trotz allem noch lebt! Freilich, die Mehrzahl der Bevölkerung besteht

aus deutschen Feldgrauen. Zwischen ihnen und den Einheimischen ist

ein auffälliger Unterschied: die letzteren stehen zwecklos und mit

ängstlichen Gesichtern unter den Türen, die Unseren gehen ruhig ihrer

Arbeit nach oder schmauchen, wenn sie Rast haben, gemütlich ihr Pfeiflein.

Manchmal ruft einer: »Obacht!« Dann wird die Straße leer, jeder Lebende

drückt sich flink an die Hausmauer -- ich bin überrascht, wie schnell ich

das lerne -- eine unsichtbare Lokomotive schnaubt über die Dächer weg,

irgendwo hinter den Häusern kracht es sehr heftig, die Mauern zittern, der

Boden schüttert, die Ohren klingen -- dann geht man weiter. Die gleiche

Sache wiederholt sich nach jeder Minute.

Nun kommt die Quergasse von La Bassée. Die ist beinahe ausgestorben. Wie

die Kirche, die schrecklich anzusehen ist, genau so sehen alle Häuser aus.

An keinem ist mehr ein ganzes Dach, an keinem eine ganze Fensterscheibe,

an keinem eine unversehrte Mauer. Die meisten Häuser stehen leer, mit

abgesperrten Türen. Einige sind noch bewohnt. In ihnen hausen Bauersleute,

die von den zerstörten Dörfern hereinflüchteten in das Städtchen,

irgendeine verschlossene Tür erbrachen und sich einnisteten in den leeren

Stuben; wenn sie hungrig werden, gehen sie zu den deutschen Feldküchen.

Die paar Frauen, die aus den Fenstern gucken, haben blasse, verstörte

Gesichter. Ein bißchen lustiger sehen die Kinder aus. Die benehmen

sich wie der Spatz im Mauerloch, huscheln sich in eine Schutthöhle und

zwitschern. Auch sie werden bleich, so oft die unsichtbare Lokomotive

braust. Aber kaum ist der Donnerschlag vorüber, so lachen sie, zuerst wohl

ein bißchen scheu und unbehilflich, aber nach einer halben Minute ganz

munter und natürlich.

Aus einer Haustür sieht ein junges, bildschönes Mädel heraus, mit einem

Kind an der Hand. In ihrem Gesicht ist wahrhafte Heiterkeit, keine Spur von

Sorge. Der Blick, mit dem sie uns ansieht, scheint zu sagen: »Ich weiß,

daß ich schön bin. Schönheit ist eine Macht. Mir geschieht nichts.

Und geschähe mir was, so würdet ihr fremden Männer springen, um mir zu

helfen!« --

Der Blick des schönen Mädchens hat recht. Schönheit ist eine

Überwinderin. Wie dieses schöne, junge Geschöpf, so wahrhaft heiter

und ohne Sorge darf unsere deutsche Heimat sein. In ihrer Volksseele ist

Jugend, Schönheit und Kraft. Und da ihr was Übles zu geschehen drohte,

sprangen Millionen deutscher Männer, um ihr zu helfen.

Wieder pfeift die unsichtbare Lokomotive, und hinter zertrümmerten

Häusern wirbeln dichte Rauchwolken herauf. Dann erfragen wir's bei der

Befehlsstelle: zwei englische Angriffe sind abgewiesen worden, noch ehe sie

recht begannen, ich glaube bei Guinchy oder Givenchy, ein paar Kilometer

westlich von La Bassée. Weiter nördlich dröhnt und rollt es noch

immer, hat noch immer einen erbitterten Klang. Dort scheint noch keine

Entscheidung gefallen zu sein. Was hier bei La Bassée noch aufbrüllt in

immer länger werdenden Pausen, ist nur der Schlußakkord eines schon zu

Ende gehenden Kriegskonzertes.

Von einem Hausgarten, der uns zwischen verwinkeltem Gemäuer etwas Aussicht

bietet, sehen wir auf den Äckern die schwarzen Rauchbäume wachsen, sehen

über unseren Köpfen die Schrapnellwolken und hören von den Hausdächern

das Geprassel der einschlagenden Kugeln, hören das Geplätscher von Schutt

und Scherben. Nicht weit vom Gartenzaun schlägt eine Granate ein, ganz

nahe huscht ein scharfes Zischen vorüber und das Sprungstück fährt in

die Hausmauer.

Es scheint, eine Beschießung durch die Engländer ist eine für

Unbeteiligte, die abseits stehen, nicht völlig gefahrlose Sache. Die

britische Kugel nimmt häufig einen anderen Flug, als es die Engländer

wünschen. Nach allem, was ich von deutschen Offizieren höre, stehen und

fechten die Engländer im Nahkampf besser als sie im Fernkampf schießen.

Ein paarmal zischt es lehrreich an uns vorüber, und ich gewinne innerhalb

weniger Minuten die beruhigende Überzeugung, daß die deutschen Batterien,

die augenblicklich von den Engländern »beschossen« werden, viel sicherer

sind als meine harmlose Bürgerhaut, die weit davon entfernt ist.

Auf dem Rückweg zum Auto geht's immer hart an der deckenden Häuserzeile

hin. Kaum sitz' ich im Wagen, da spring' ich wieder heraus. Ein Feldgrauer

bringt zwei gefangene Engländer eskortiert. Sie enttäuschen mich. Wenn

die anderen von Kitcheners »Millionenarmee« nicht wesentlich männlicher

aussehen als diese beiden, dann sollte man für das englische Heer auch

einige Kindergärtnerinnen anwerben. Der eine ist ein achtzehnjähriges

Bürschlein, nur käsehoch, mit Säbelbeinen; er watschelt wie eine Ente

und weckt die Erinnerung an Falstaffs berühmte Rekruten.

Der andere -- nein, ich kann nicht spotten -- dieser andere ist ein

schlanker hübscher Mensch von etwa zwanzig Jahren, trägt den schlaff

hängenden linken Arm mit einer Schuhschnur an die Brust gebunden, wandert

mühsam und hat den Ausdruck eines quälenden Schmerzes im jungen schmalen

Gesicht. Das ist kein Feind mehr, das ist ein leidender Mensch. Ich sage

ihm rasch, daß er nimmer weit bis zu dem Hause hat, wo ein deutscher Arzt

ihm helfen wird. Er lächelt mit blassem Mund, sein Wort und seine Augen

danken.

Dann bringt man drei andere. Die sind besser gewachsen, sehen kräftig aus.

Zwei von ihnen sind verwundet, und die feldgraue Eskorte war so barmherzig,

die Tornister dieser beiden dem dritten aufzuladen, einem festen und

gesunden Kerl, der aber das harte Schleppen nicht zu lieben scheint.

Er sieht sehr mißmutig drein und schwitzt unter den drei gewichtigen

Tornistern wie ein Maulesel unter vielen Getreidesäcken. Dem vergönn' ich

es. Jeder Tropfen seines Schweißes soll ihn brennen, wie Reue brennt!

Hinter uns verstummt das Kriegsgewitter von La Bassée. Weiter nördlich

dröhnt es noch immer weiter. Schließlich übertönt das Geräusch des

Wagens auch dieses ferne Murren.

Bei der Einfahrt in Lille ist der Abend noch hell, kaum sechs Uhr vorüber.

Doch alle Läden sind schon geschlossen, die großen und hübschen Straßen

sind völlig menschenleer. Das sonst so muntere Lille sieht aus wie eine

Märchenstadt aus Tausendundeiner Nacht, wie eine Stadt der unsichtbaren

Magier, wie die Stadt der verzauberten, in einen fernen Weiher

verwunschenen Fische.

Mit dieser frühen Polizeistunde und dem Entgang des Abendbummels muß

Lille jene Begriffsverwechslung büßen, deren es sich beim Durchzug der

französischen Gefangenen schuldig machte.

Die gute Lehre wirkte bereits. Als vorgestern neuerdings dreihundert

französische Gefangene durch die Straßen von Lille geführt wurden,

benahm sich die einheimische Bevölkerung geradezu musterhaft. Eine

Krankheit mag heißen, wie sie will -- wenn man das richtige Medikament

erwischt, so hilft es _immer_! --

Für heute genug! Morgen will ich zu erzählen versuchen, was ich gestern

erlebte.

6.

Die stählerne Mauer: Reise zur deutschen Front, 1915, Zweiter Teil · 第 8 / 17 题