Morgensonne umglänzt das Fenster meiner Stube zu Lille.
Ich will versuchen, ruhig ein Wort neben das andere zu setzen, will vorerst
zu Ende erzählen, was ich gestern zu schildern begann. --
-- Die Türme von Arras standen im Nebel und umschleierten sich wieder,
als die zwei führenden Offiziere aus den weißen Kalkwänden des
Schützengrabens mit mir herausstiegen und mich hinunterführten in das
tote Dorf.
Eine lange, ausgestorbene Gasse, Ruine neben Ruine. Kein Mensch, kein Rind,
kein Huhn und keine Taube. Nur kleine Vögel sind noch da, spüren den
nahen Frühling und zwitschern -- ich seh' einen Spatzen, der gemütlich im
Mauerloch einer Schrapnellkugel sitzt, munter herausguckt und immer piepst.
Das Loch ist genau so groß, als wäre es für den Spatzen nach Maß
gemacht.
Neben dieser Sperlingsvilla steht die Kirche mit halbem Turm und ohne
Glocke, mit zerschmetterten Wänden und ohne Dach -- ein Anblick, der mir
das Herz umkrampft, obwohl ich nicht der frömmste der Christen bin.
Ich sehe durch offene Türen in zerschlagene Ställe, sehe durch
Granatenlöcher in verwüstete Stuben, aus deren Schutt die zerfetzten
Reste gemütlicher Lebensdinge heraustrauern -- und plötzlich zwingt mich
eine kleine Sache zu wortlosem Aufenthalt.
In einem von Mauerstaub überstreuten Vorgarten steht, durch einen
Granatensplitter übel verwundet, ein kleines Kinderpferdchen mit Rädern
unter den Hufen.
Mich ergreift das, obwohl ich finde, daß dieses französische Spielzeug
sehr geschmacklos ist. Aber auch symbolisch ist es. Statt der Ohren hat das
Pferdchen zwei Kurbeln -- wenn der kleine verschwundene Reiter an diesen
Kurbeln drehte, ging das Rößlein vorwärts. --
Hat nicht der Kriegsgaul des französischen Volkes einige Ähnlichkeit
mit diesem Spielzeug? Auch Frankreich hat zwei Kurbeln in den Ohren, und
England dreht daran. Wie weit wird Frankreich kommen dabei? So weit wie
dieses Spielzeug? Ein Granatensplitter hat ihm ein Loch in den Bauch
gerissen, aus dem der verrostete Mechanismus herausguckt. --
-- Das tote Dorf ist nicht völlig tot. Ich höre Stimmen und sehe eine
Gruppe von Feldgrauen in einem Schloßpark stehen, der aussieht wie
ein kränklicher Bruder des Parkes von Hollebeke. Das hübsche
Barockschlößchen ist löcherig wie Schweizerkäse, aber noch immer
bewohnbar. Ein Dutzend Feldgraue hausen drin, in großen Räumen mit
schönen Möbeln, mit seidenen Vorhängen und guten Bildern, mit Stutzuhren
und Kandelabern auf dem Kamin, in dem ein wärmendes Feuer brennt. Außer
diesem Feuerglanz ist keine Farbe mehr zu sehen, alles ist überbröselt
von Mörtelschutt, überkrustet von Lehm. So grau wie Straßenstaub ist
auch der Parkettboden; man geht da ganz wunderlich weich; ich frage:
»Ist das eine Hanfmatte?« Ein Feldgrauer antwortet: »Nein! das war ein
Smyrnateppich!« --
Ich nicke nur. Anders kann es da nicht aussehen! Die Leute, die todmüde
aus dem Schützengraben kommen, können nicht erst die Kleider reinigen und
die Stiefel putzen; sie kommen und essen und werfen sich hin und
schlafen ein. Und zur anderen Hälfte macht es der Mauerstaub, den die
französischen Granaten erzeugen.
Ich trete hinaus auf die Veranda, die noch halb erhalten ist. Aus
einem Kellertürchen seh' ich einen alten, weißbärtigen Mann langsam
heraufsteigen. Er geht zu einem verwüsteten Blumenbeet und leert einen
Nachtkübel aus. Das ist nicht appetitlich, aber ich muß es erzählen
-- denn der alte Mann, der dieses üble Morgenwerk verrichtet, ist der
Besitzer des Schlosses.
Wir reden ihn an; er ist sehr höflich, auch sehr gesprächig, obwohl er
immer nur ein einziges Wort wiederholt: »=Oui, oui, oui, oui ...=«
Als der Krieg kam, brachte der alte Herr das nicht übers Herz, sein
Haus und seinen geliebten Park zu verlassen. Er blieb -- mit seiner
siebzigjährigen Frau. Die Feldgrauen überließen dem alten Paar als
Wohnung den bombensicheren Keller. Da leben nun die beiden von den
Nahrungsmitteln, welche die deutschen Soldaten mit ihnen teilen. Kein
Diener ist mehr im Haus, keine Magd -- alle Dienstboten sind davongelaufen,
als die ersten Kanonenschüsse krachten.
Das ist Frankreich! Könnte Ähnliches in Deutschland möglich sein? Ein
alter Kutscher, der seiner Herrschaft viele Jahre diente, oder ein braves,
gutes deutsches Mädel wäre geblieben, auch unter Schreck und Grauen!
-- Ich sage das in deutscher Sprache zu den beiden Offizieren, und der
Schloßbesitzer antwortet mit höflichem Lächeln: »=Oui, oui, oui,
oui ...=« Ich fürchte, es sieht nimmer gut unter seinem alten Weißkopf
aus!
-- Krieg! Wer weiß und ahnt in der Heimat, was unserem Land erspart wurde
durch unser Heer! _Sehen_ muß man es, hier, in Feindesland, so wie meine
Augen es sehen! --
Zwei Granaten sausen über die Felder hin und dröhnen; manchmal klatscht
eine Gewehrkugel ins Gemäuer des Schlosses oder in die Rinde eines
Parkbaumes. Allmählich wird das Geschützfeuer ein ununterbrochenes
Rollen. Das hört sich anders an als das übliche Geböller, das die
Franzosen und Engländer Tag für Tag nach dem Frühstück zu beginnen
pflegen. Etwas Zorniges ist in diesem aus der Ferne her dröhnenden
Gebrüll. Wie ein Angriff klingt es. Man kann auch schon unterscheiden,
daß die Deutschen antworten, immer fleißiger! Das muß bei La Bassée
oder bei Lorgies sein! Oder noch nördlicher?
Eine lange, jagende Autofahrt mit vielen Umwegen. Gegen zwei Uhr
nachmittags tauchen die zerrupften Giebel von La Bassée aus dem Dunst
heraus. Unter dem Gerassel des Autos ist der ruhelose Geschützkampf nur
wie ein schwaches Murren zu hören. Nun halten wir. Und ein ingrimmiges
Donnerdröhnen geht durch die Lüfte.
Die Einfahrt nach La Bassée erweckt den Eindruck: das ist ein Städtchen,
das trotz allem noch lebt! Freilich, die Mehrzahl der Bevölkerung besteht
aus deutschen Feldgrauen. Zwischen ihnen und den Einheimischen ist
ein auffälliger Unterschied: die letzteren stehen zwecklos und mit
ängstlichen Gesichtern unter den Türen, die Unseren gehen ruhig ihrer
Arbeit nach oder schmauchen, wenn sie Rast haben, gemütlich ihr Pfeiflein.
Manchmal ruft einer: »Obacht!« Dann wird die Straße leer, jeder Lebende
drückt sich flink an die Hausmauer -- ich bin überrascht, wie schnell ich
das lerne -- eine unsichtbare Lokomotive schnaubt über die Dächer weg,
irgendwo hinter den Häusern kracht es sehr heftig, die Mauern zittern, der
Boden schüttert, die Ohren klingen -- dann geht man weiter. Die gleiche
Sache wiederholt sich nach jeder Minute.
Nun kommt die Quergasse von La Bassée. Die ist beinahe ausgestorben. Wie
die Kirche, die schrecklich anzusehen ist, genau so sehen alle Häuser aus.
An keinem ist mehr ein ganzes Dach, an keinem eine ganze Fensterscheibe,
an keinem eine unversehrte Mauer. Die meisten Häuser stehen leer, mit
abgesperrten Türen. Einige sind noch bewohnt. In ihnen hausen Bauersleute,
die von den zerstörten Dörfern hereinflüchteten in das Städtchen,
irgendeine verschlossene Tür erbrachen und sich einnisteten in den leeren
Stuben; wenn sie hungrig werden, gehen sie zu den deutschen Feldküchen.
Die paar Frauen, die aus den Fenstern gucken, haben blasse, verstörte
Gesichter. Ein bißchen lustiger sehen die Kinder aus. Die benehmen
sich wie der Spatz im Mauerloch, huscheln sich in eine Schutthöhle und
zwitschern. Auch sie werden bleich, so oft die unsichtbare Lokomotive
braust. Aber kaum ist der Donnerschlag vorüber, so lachen sie, zuerst wohl
ein bißchen scheu und unbehilflich, aber nach einer halben Minute ganz
munter und natürlich.
Aus einer Haustür sieht ein junges, bildschönes Mädel heraus, mit einem
Kind an der Hand. In ihrem Gesicht ist wahrhafte Heiterkeit, keine Spur von
Sorge. Der Blick, mit dem sie uns ansieht, scheint zu sagen: »Ich weiß,
daß ich schön bin. Schönheit ist eine Macht. Mir geschieht nichts.
Und geschähe mir was, so würdet ihr fremden Männer springen, um mir zu
helfen!« --
Der Blick des schönen Mädchens hat recht. Schönheit ist eine
Überwinderin. Wie dieses schöne, junge Geschöpf, so wahrhaft heiter
und ohne Sorge darf unsere deutsche Heimat sein. In ihrer Volksseele ist
Jugend, Schönheit und Kraft. Und da ihr was Übles zu geschehen drohte,
sprangen Millionen deutscher Männer, um ihr zu helfen.
Wieder pfeift die unsichtbare Lokomotive, und hinter zertrümmerten
Häusern wirbeln dichte Rauchwolken herauf. Dann erfragen wir's bei der
Befehlsstelle: zwei englische Angriffe sind abgewiesen worden, noch ehe sie
recht begannen, ich glaube bei Guinchy oder Givenchy, ein paar Kilometer
westlich von La Bassée. Weiter nördlich dröhnt und rollt es noch
immer, hat noch immer einen erbitterten Klang. Dort scheint noch keine
Entscheidung gefallen zu sein. Was hier bei La Bassée noch aufbrüllt in
immer länger werdenden Pausen, ist nur der Schlußakkord eines schon zu
Ende gehenden Kriegskonzertes.
Von einem Hausgarten, der uns zwischen verwinkeltem Gemäuer etwas Aussicht
bietet, sehen wir auf den Äckern die schwarzen Rauchbäume wachsen, sehen
über unseren Köpfen die Schrapnellwolken und hören von den Hausdächern
das Geprassel der einschlagenden Kugeln, hören das Geplätscher von Schutt
und Scherben. Nicht weit vom Gartenzaun schlägt eine Granate ein, ganz
nahe huscht ein scharfes Zischen vorüber und das Sprungstück fährt in
die Hausmauer.
Es scheint, eine Beschießung durch die Engländer ist eine für
Unbeteiligte, die abseits stehen, nicht völlig gefahrlose Sache. Die
britische Kugel nimmt häufig einen anderen Flug, als es die Engländer
wünschen. Nach allem, was ich von deutschen Offizieren höre, stehen und
fechten die Engländer im Nahkampf besser als sie im Fernkampf schießen.
Ein paarmal zischt es lehrreich an uns vorüber, und ich gewinne innerhalb
weniger Minuten die beruhigende Überzeugung, daß die deutschen Batterien,
die augenblicklich von den Engländern »beschossen« werden, viel sicherer
sind als meine harmlose Bürgerhaut, die weit davon entfernt ist.
Auf dem Rückweg zum Auto geht's immer hart an der deckenden Häuserzeile
hin. Kaum sitz' ich im Wagen, da spring' ich wieder heraus. Ein Feldgrauer
bringt zwei gefangene Engländer eskortiert. Sie enttäuschen mich. Wenn
die anderen von Kitcheners »Millionenarmee« nicht wesentlich männlicher
aussehen als diese beiden, dann sollte man für das englische Heer auch
einige Kindergärtnerinnen anwerben. Der eine ist ein achtzehnjähriges
Bürschlein, nur käsehoch, mit Säbelbeinen; er watschelt wie eine Ente
und weckt die Erinnerung an Falstaffs berühmte Rekruten.
Der andere -- nein, ich kann nicht spotten -- dieser andere ist ein
schlanker hübscher Mensch von etwa zwanzig Jahren, trägt den schlaff
hängenden linken Arm mit einer Schuhschnur an die Brust gebunden, wandert
mühsam und hat den Ausdruck eines quälenden Schmerzes im jungen schmalen
Gesicht. Das ist kein Feind mehr, das ist ein leidender Mensch. Ich sage
ihm rasch, daß er nimmer weit bis zu dem Hause hat, wo ein deutscher Arzt
ihm helfen wird. Er lächelt mit blassem Mund, sein Wort und seine Augen
danken.
Dann bringt man drei andere. Die sind besser gewachsen, sehen kräftig aus.
Zwei von ihnen sind verwundet, und die feldgraue Eskorte war so barmherzig,
die Tornister dieser beiden dem dritten aufzuladen, einem festen und
gesunden Kerl, der aber das harte Schleppen nicht zu lieben scheint.
Er sieht sehr mißmutig drein und schwitzt unter den drei gewichtigen
Tornistern wie ein Maulesel unter vielen Getreidesäcken. Dem vergönn' ich
es. Jeder Tropfen seines Schweißes soll ihn brennen, wie Reue brennt!
Hinter uns verstummt das Kriegsgewitter von La Bassée. Weiter nördlich
dröhnt es noch immer weiter. Schließlich übertönt das Geräusch des
Wagens auch dieses ferne Murren.
Bei der Einfahrt in Lille ist der Abend noch hell, kaum sechs Uhr vorüber.
Doch alle Läden sind schon geschlossen, die großen und hübschen Straßen
sind völlig menschenleer. Das sonst so muntere Lille sieht aus wie eine
Märchenstadt aus Tausendundeiner Nacht, wie eine Stadt der unsichtbaren
Magier, wie die Stadt der verzauberten, in einen fernen Weiher
verwunschenen Fische.
Mit dieser frühen Polizeistunde und dem Entgang des Abendbummels muß
Lille jene Begriffsverwechslung büßen, deren es sich beim Durchzug der
französischen Gefangenen schuldig machte.
Die gute Lehre wirkte bereits. Als vorgestern neuerdings dreihundert
französische Gefangene durch die Straßen von Lille geführt wurden,
benahm sich die einheimische Bevölkerung geradezu musterhaft. Eine
Krankheit mag heißen, wie sie will -- wenn man das richtige Medikament
erwischt, so hilft es _immer_! --
Für heute genug! Morgen will ich zu erzählen versuchen, was ich gestern
erlebte.
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