Am Nachmittag des 10. März, als ich in La Bassée war und aus nördlicher
Richtung schweren Kanonendonner vernahm, mußten die Deutschen nicht weit
von Lorgies, in dem von zahlreichen Drainierungskanälen durchschnittenen
Sumpfgelände von Neuve Chapelle, einen Schützengraben aufgeben, eine von
jenen nassen »Mausfallen« und »Granatenschachteln«, die gegen schweres
Artilleriefeuer nicht zu halten sind. Es handelte sich dabei um eine für
die Kriegslage an der westlichen Front völlig bedeutungslose Sache,
um jenes wechselnde, dem Schachspiel gleichende Hin und Her, das
im Stellungskriege mehr durch die Bodenbeschaffenheit als durch ein
Übergewicht militärischer Kräfte bestimmt wird. Man kann an den Verlust
dieses Grabens vielleicht den Vorwurf knüpfen, daß die mißgünstige
und unhaltbare Stellung nicht schon früher verbessert wurde. Aber nach
vorwärts war Boden von verläßlicher Beschaffenheit nicht zu gewinnen,
und nach rückwärts, wenn es sich auch nur um einen Kilometer handelt,
korrigiert sich der Deutsche nicht gern. Nun mußte dies am 10. März
unter dem Zwang eines wahrhaft höllischen Artilleriefeuers geschehen,
und die Zähigkeit, mit der die Unseren die schwierige Stellung bis zum
äußersten zu halten suchten, führte zu an sich nicht wesentlichen
Verlusten.
Ich habe heute in Herlies und Illies viele von den Braven gesehen, die,
bevor sie widerwillig den von der Vernunft befohlenen Rückzug aus diesem
mörderischen Feuer begannen, viele Stunden unter einem grauenvollen
Granatenregen ausgehalten hatten. Wären ihre Gesichter nicht so ernst
gewesen, so hätte der wunderliche Anblick ihrer Kleider erheiternd wirken
müssen. Die Leute sahen aus wie Soldaten, die sich als Kanarienvögel
maskierten. Die Pikrindämpfe der englischen Granaten hatten die feldgrauen
Uniformen zitronengelb gefärbt. Einer von diesen Tapferen sagte zu mir:
»Ich will so brav werden, daß ich in den Himmel komme, denn ich
weiß jetzt, wie es in der Hölle ist!« Ein anderer, dem von der
Nervenüberspannung jener Glutstunden ein ruheloses Zucken der rechten
Gesichtshälfte geblieben war, sagte wie ein Träumender: »Ich kann es
noch immer nicht glauben, daß ich lebendig bin.« Und ein dritter, dem
auch in solchen Stunden der Humor nicht völlig entronnen war, sah seine
zitronengelbe Hose an und sagte lachend: »Wär's nicht so heiß gewesen,
so hätte man glauben können, die Engländer schießen mit faulen Eiern.«
Während ich heute mit diesen Gelbgewordenen redete, ging ein fleißiges
Sausen und Brüllen durch die Lüfte. Man konnte in der Minute dreißig und
vierzig schwere Schüsse zählen. Fast nur die Deutschen schossen. Jetzt
waren _sie_ es, die den Engländern die gefährliche »Granatenschachtel«
heiß machten. Von der feindlichen Stellung war nur lückenhaftes Feuer
zu hören. Sehr bescheiden ging es da drüben zu, viel bescheidener als im
englischen Tagesbericht über den »Sieg von Neuve Chapelle«. Das Ergebnis
dieser englischen Errungenschaft wird ein Wirrsal zerrissener Erde mit
tausend trübselig blickenden Wasseraugen sein.
Der kleine Erfolg hatte die Engländer ein bißchen übermütig gemacht.
Sie hatten verschmeckt, was ihnen als Erfolg erschien, und wollten es
weitertreiben. Da schob man ihnen am 12. März einen deutschen Balken
über den Weg. Ich hab' es hören und sehen dürfen, wie dieser stählerne
Riegel zu klirren begann und sich vorschob.
Nach der Mittagsstunde war's. Ich saß bei der Arbeit, um vom toten Dorfe
bei Arras zu erzählen. Da läutet's. Ich werfe die Feder fort und packe
den Regenmantel, die Kappe und das Glas. Zwei Stabsoffiziere nehmen mich in
ihr Auto. Der Wagen hat Eile. Wir brauchen bis nach Fournes la Coquerelle
nur eine halbe Stunde, obwohl der Weg beengt und die Fahrt behindert ist
durch endlose Batteriezüge und Munitionskolonnen.
Unter verhülltem Himmel, dessen Dunstwolken nach Westen jagen, lenkt
eine wundervolle Rüsternallee von der Landstraße ab und führt zu einem
Schlosse, dessen Bau und Park an englischen Stil erinnert. Fast alle Bäume
sind angesplittert, viele schon umgeworfen. Das Schloßdach hat Löcher,
und zerschmetterte Fensterscheiben sind durch Papier ersetzt. Der Wagen
hält, und nun hört man den Kanonendonner. Ununterbrochen rollt er über
Herlies her und weckt im treibenden Gewölk ein grollendes Echo. Die beiden
Stabsoffiziere treten ins Haus; mich fesselt eine braune Sache, die ich im
Hof gewahre: eine Doppelreihe gefangener Engländer. Viele halbwüchsige
Bürschlein sind dabei; auch von den anderen ist keiner so hoch gewachsen
wie die Ulanen, von denen sie bewacht werden. Ein junger, schlanker, etwas
zart gebauter Unteroffizier hat den Kopf verbunden, Stirn und Wange sind
blutig; manchmal schließt er für eine Weile die Augen und blickt dann
wieder ruhig vor sich hin. Alle anderen sind unverwundet, und alle haben
etwas Ähnliches in den hageren, glattrasierten Gesichtern. Sie erinnern
an die Exzentrikgymnastiker, die man bei uns im Zirkus oder im Variété zu
sehen bekommt.
Unter den Feldgrauen, die um die braunen Engländer herumstehen, befindet
sich ein langer sächsischer Sanitäter mit schwarzem Backenbart. Der sagt:
»Ich habe den Haß gegen Ängland in mir genährt wie ene Mudder ihr Gind.
Aber nu sin se gefangene Fainde. Da muß man das reen Mänschliche im
Ooche behalten. Das heeßt, eens muß ich schon saachn, _sähr_ viel
Germanenvettrisches ham se _nich_!«
Die Weisheit des braven Sachsen wird sofort durch einen überzeugend
wirkenden Vorgang bewiesen. Unter dem rollenden Kanonendonner geht ein
scharfes Sausen durch die Luft. Immer näher kommt es, sehr nahe -- und
plötzlich, wie auf einen stummen Befehl, werfen sich alle Engländer,
ausgenommen den jungen verwundeten Unteroffizier, platt auf den Boden
hin. Achtzig Schritte seitwärts platzt die Granate, es dröhnt, und Rauch
wirbelt auf -- dann ist es ein bißchen still, und in diesem Schweigen
huschen an uns zwei Kaninchen vorüber, die unbekümmert um Krieg und
Menschennähe ihr temperamentvolles Liebesspiel betreiben. In etwas
unbehaglicher Stimmung erheben sich die vorsichtigen Engländer vom Boden,
und die Deutschen, von denen keiner den Kopf duckte, brechen in heiteres
Gelächter aus. Auch Spottworte regnet's, sehr derbe, und einer von den
Ulanen zieht hinten seinen Hosenboden spitz hinaus -- eine Geste, die so
deutlich ist, daß sie auch den Engländern nicht unverständlich bleibt.
Sie gucken verdrießlich drein.
»Nee!« sagt der lange Sachse ernst. »Nur geenen Spott nich! Wir wollen
Godd danggen, daß wir die ausgiebichere Gurasche in Laibe haben. Aber nich
überhäben! Das widderschpricht der reen mänschlichen Wierde.
Ängland hat sich, als es den Grieg an Deitschland erglärte, als en
unzurächnungsfähiches Gind erwiesen. Und Ginder sin furchtsam. Man muß
da immer das reen Mänschliche im Ooche behalten.«
Der lange Sachse gefällt mir sehr. Während ich ein Gespräch mit ihm
beginne, kommen Ulanen angeritten und galoppieren wieder davon. Radfahrer
sausen durch das Parktor herein und hinaus, Autos rauschen zum Haus und
rasseln weiter, aus dem Schloß und aus den Ställen klingen befehlende
Stimmen, und immer donnert und dröhnt es, in allen Richtungen sieht man
die Rauchbäume wachsen, und das Sausen in den Lüften wird eine unendliche
Melodie im Stile Richard Wagners.
Nun jagen auch wir davon. Eine heiße Erregung befällt mich, und ich
fühle den glühenden Wunsch, zwanzig Augen zu haben -- mit dem armseligen
Paar, das ich besitze, kann ich nicht alles sehen. Denn was da geschieht
und an mir vorübergleitet, ist wie ein Falkenflug.
Neben der Rüsternallee gewahr' ich einen großen Granatentrichter, der
nicht vorhanden war, als wir kamen. Nun sind wir wieder auf der Straße,
fahren gegen Herlies und kommen nur langsam vorwärts inmitten dieses
lärmenden Gewühls -- nein, kein Gewühl ist das, nur Fülle mit allen
Stimmen einer straffen Bewegung -- alles geht in stählerner Festigkeit
und Ordnung an uns vorüber, wie an einem eisernen Seil, rasch und doch in
Ruhe, hin und her, voran und zurück.
Der deutsche Stolz erwacht in mir und weitet mir die Augen, weitet meine
Brust. Im Auto stehend schau' ich mit einer freudigen Gier hinein in
dieses regelfeste Gewimmel. Nebeneinander, in dreifacher Reihe, ziehen
die beladenen Munitionskolonnen, die Feldküchenzüge und die
Geschützbatterien vor uns hin, und Kolonnen mit leergewordenen Wagen
traben gegen uns her. Inmitten dieses ohrenbetäubenden Geratters
marschiert im Schnellschritt ein Bataillon Grenadiere, zieht sich zwischen
den Wagenkolonnen schmal in die Länge und formiert sich wieder zu
viermannsbreiten Reihen, sobald es Platz gewinnt. Immer hängt dabei die
Orgel des Geschützkampfes wie ein tobendes Sommergewitter in den Lüften,
deren wehende Schleier dünner werden und manchmal von der für uns
unsichtbaren Sonne einen leuchtenden Hauch bekommen. Zur Rechten und Linken
der Straße, bald ferner, bald näher, schlagen die Granaten in das kahle
Feld. Erde wirbelt auf, die grauschwarzen Rauchbäume fahren in die Höhe,
und wenn sie im Winde verwehen, lassen sie einen bitteren Geruch zurück.
Es donnert und rollt und dröhnt. Doch unerschütterliche Ruhe bleibt in
all den festen, gesunden Soldatengesichtern. Nur die Gäule werden ein
bißchen zapplig und müssen fest an die Hand genommen werden. Und immer
höre ich heitere Worte und häufig ein kräftiges Lachen -- einer pfeift
und der andere schwatzt, der eine hat den kurzen Stummel zwischen den
Zähnen, der andere läßt sich die Zigarre schmecken, und neben unserem
Auto rasselt ein Geschütz, dessen Bespannungsreiter und Kanoniere
vierstimmig zusammen singen, halblaut, so daß es in dem knatternden Lärme
kaum noch zu hören ist.
Schon sind wir bei den ersten in Scherben geschossenen Häusern von
Herlies, zwischen unsagbar zerrupften Mauern, über deren zum Gerippe
gewordenen Dächern der Ruinenstumpf des Kirchturms trauert. Da flattert in
den dichten Soldatenreihen ein Wort von Mund zu Mund -- »Flieger!« -- und
alle Gesichter sind nach aufwärts gehoben, ohne daß die Bewegung auf der
Straße auch nur für eine Sekunde stockt. Jetzt seh' ich ihn auch. Und
noch ein zweiter kommt. Das sind Engländer; aber ihre Flugzeuge tragen die
französischen Farbenringe -- in den Lüften macht es England nicht anders
als auf dem Meere, borgt sogar manchmal die deutsche Fliegermarke, das
Eiserne Kreuz! Nun verschwinden die zwei Flugzeuge in den hastig ziehenden
Dünsten des Himmels -- eines taucht wieder heraus, hängt weiß da droben
unter einem Flecklein Blau, fast senkrecht über uns -- und da ist mir,
als zucke ein feiner, schwarzer, gedankenschneller Strich durch die Luft
herab -- -- --
Geht die Welt zugrunde? Bricht die Erde entzwei? Stürzt mit Donnerdröhnen
das Himmelsgewölbe herunter auf uns?
Ein paar Sekunden brauche ich, um meine Sinne wieder zusammenzufinden. Mir
war's, als hätte die Fliegerbombe dicht neben uns eingeschlagen. Doch
bis zu der Stelle, wo die schwarze, dem Qualm einer Brandstatt ähnliche
Rauchwolke aufwirbelt, sind's fünfzig oder sechzig Meter hinüber. Die
Bombe ist zwischen das Gewirre der Hausruinen gefallen und hat keinen
Schaden an deutschem Leben angerichtet, nur an französischem Eigentum.
Gott sei Dank! Die Feldgrauen lachen schon wieder -- das ist ein anderes
Lachen, als ich es in La Bassée von den erschrockenen Kindern hörte --
es ist ein festes, ruhiges Männerlachen; dabei haben die Soldaten harte
Arbeit, um die scheuenden Gäule zu bändigen.
Der Flieger kreist da droben in den Lüften -- »dieses gottverwünschte
Luder!« --, ein paarmal ist er senkrecht über uns, und eine
herzzerdrückende Sorge um die Unseren befällt mich. Denn die Ruinengasse
von Herlies ist so dicht mit Feldgrauen angefüllt, daß Schulter die
Schulter berührt -- wenn jetzt eine Fliegerbombe da herunterschlüge --
ich kann's nicht ausdenken und muß für einen Moment die Augen schließen,
wie der englische Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf. Nun geht durch
die Reihen der Feldgrauen ein vergnügter Jubel hin -- in den Lüften
kracht es wie von einer großen Raketengarbe, zwischen den grauen Dünsten
und unter den blauen Himmelsflecken pufft in rascher Folge ein Dutzend
Schrapnellwolken auf -- der Flieger saust in Windungen davon, höher
steigend und sich niederwerfend und wieder aufwärts rudernd -- einmal ist
er von den Schrapnellwolken so dick eingewickelt, daß hundert Feldgraue
zu jauchzen beginnen: »Jetzt kommt er, jetzt kommt er!« -- da hüllen die
grauen Dünste der Höhe den Vogel wieder ein, und er bleibt verschwunden.
Ich stehe beim letzten Hause von Herlies. Weiter darf ich nicht. Wohin
soll ich die Augen schicken? Hinauf in die Lüfte, in denen es saust und
dröhnt? Hinunter in das nahe Tal von Illies, in dem die großen Weiher der
Überschwemmung umschleiert sind vom zerflatternden Granatenrauch?
Hinüber zu den Schützenstellungen, wo die Maschinengewehre tacken und die
Gewehrsalven knattern? Gegen die dunklen Wälder hin, in deren Schatten
man schon die Flammenblitze der explodierenden Geschosse sieht? Oder zu den
seltsam verdickten Hecken, hinter deren Stauden lange Munitionskolonnen,
Haubitzenbatterien und Infanteriezüge sich decken und auf das Befehlswort
harren? Oder soll ich nur dicht vor mich hin auf die Straße schauen, wo
Glied um Glied die stählerne Kette der deutschen Kraft, der eiserne Riegel
wider die Engländer an mir vorüberklirrt?
Tausende von den Unseren marschieren dem Feind entgegen -- doch es kommen
auch Feldgraue von da unten herauf, nicht in festgeschlossenen Zügen und
nach dem Hundert, nur alle paar Minuten einer oder zwei zusammen. Keiner
von ihnen hat ein Gewehr, jeder hat etwas Weißes an sich, am Kopf, am Hals
oder an den Händen.
Einen, der ein verzerrtes Gesicht hat und die Zähne hart
übereinanderbeißt, muß ich fragen: »Haben Sie Schmerzen?« Er
schüttelt den Kopf. »Ick? Nee! Ick ärjere mir nur, daß sie mir
fortjeschickt haben!« -- Einer kommt, das Gesicht dick verbunden, man
sieht nur die Nase und das geschwollene Maul; und knödelig fängt er von
selber zu reden an: »Gelt, so was Saudumms!« Ein Bayer! Ich frage, was
ihm geschehen ist? »Mei, es hat a bissel pressiert, und da hab' i mer
beim Telephondrahtwickeln 's Messer durch 'n Backen durchig'stochen!
Bluathimisakra! Jatz derfen die anderen ebbes loasten, und i muaß hoam!
So was Saudumms! Glei' derreißen kunnt i mi! So was Saudumms!« -- Einer
kommt, der ein bißchen blaß ist und die beiden Hände vor sich hin hält,
so wie man achtsam etwas Kostbares zu tragen pflegt; aber diese beiden
Hände sind leer, sind dick umbunden, und alles Weiße des Verbandes ist
dunkelrot geworden, und rote Tropfen fallen hinunter auf die Straße. Mir
fährt ein leiser Laut aus der Kehle. Da lächelt der blasse Deutsche,
sieht mich freundlich an und sagt mit Ruhe: »Det wird schun widder!«
Etwas Starkes und Stolzes und Wundervolles faßt mich und rüttelt mich
an den Schultern, am Herzen, am ganzen Leibe -- ich kann's nicht sagen --
immer schreit es in mir: »Zu denen gehör' ich! Zu denen gehör' ich! Nimm
mich, liebe Heimat, laß mir um deines Lebens willen die Haut von meinem
Leibe reißen, fordere um deiner Zukunft willen den letzten Heller meiner
Habe, und in Freude will ich sagen: Das wird schon wieder!«
Ein Klirren und Klingen. Da kommt ein neues Bataillon und löst sich zu
einer langen Reihe auf und deckt sich an einer Hecke, damit die feindlichen
Flieger, wenn sie wieder kämen, die Zahl der Verstärkungen nicht erkunden
könnten. Und _wieder_ eines! Nimmt die Fülle der deutschen Jugend und
Kraft, die da an mir vorübermarschiert, kein Ende mehr? Und welch ein
Wechsel in diesen jungen gesunden Gesichtern! Derbe Bauerngesichter und
feingeschnittene Züge! Klare Blitzaugen und Brillen in Horn, in Silber,
in Gold, mit Gläsern, die vom Schmutz und Staub des Marsches ein bißchen
schmutzig wurden. Unter vier Feldgrauen ist immer einer, dem man es
ansieht, daß er von der Hochschule weglief, um zu seiner deutschen Heimat
zu sagen: »Nimm mich!« Deutsches Blut und deutsche Fäuste, deutsches
Wissen und deutscher Geist! Aus diesen vierfachen Wunderkräften ist unser
Heer zusammengeschmiedet! Aus solchen Erzblöcken ist die stählerne Mauer
aufgebaut, die uns beschützt! Was brauchen wir zu fürchten auf Erden?
Seht, wie sie hinschreiten, dem Feuer der Feinde entgegen! _Für uns!_
Diese beiden Worte sollte jeder Deutsche in der Heimat, Mann und Weib und
Kind, sich dreimal des Tages vorsagen, beim Erwachen, in der Mittagsstunde
und vor dem Schlafengehen: _Für uns!_ Und wenn wir alle in der Heimat
so fest und verläßlich unsere Pflicht erfüllen wie diese stählernen
Männer und diese prächtigen Jungen da, so werden wir fragen können mit
ruhigem Lächeln: »Welt, was willst du von uns?«
-- Der Wagen, der mich herbrachte, muß heim in die Stadt; die beiden
Offiziere müssen ihre Meldungen zum Stab bringen. Ich gehorche gern. Was
hätt' ich noch abzuwarten? Der deutsche Riegel klirrt, der eiserne Balken
legt sich ein, die stählerne Mauer ist errichtet -- ich weiß, wie es
kommen wird!
Hinter Fournes holt das Auto den Zug der gefangenen Engländer ein. Der
junge Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf sieht entkräftet aus. Einer
der beiden Offiziere sagt: »Den müssen wir zu uns ins Auto nehmen!«
Jetzt sitzt der Braungekleidete vor mir. Bei der jagenden Fahrt macht
ihn der rauhe Luftzug frieren und zittern. Ich muß an den braven Sachsen
denken und wickle dem schauernden Engländer meinen Regenmantel um Kopf und
Brust. So bleibt er unbeweglich. Ich weiß, er hält unter meinem Mantel
die Augen geschlossen.
Dann kommen zehn Sekunden brennender Erregung. Ein feindlicher Flieger
gleitet quer über die Straße hin, kaum vierhundert Meter hoch,
vierhundertfünfzig höchstens! »Herrgott, Herrgott, hätt' ich nur meine
Fernrohrbüchse, der Kerl müßte herunter!« Von der Munitionskolonne,
die an uns vorüberrasselt, springen die Feldgrauen zu den Alleebäumen und
legen an; aber bis sie mit ihren Karabinern zu knallen beginnen, ist der
Flieger schon außer Schußweite und steigt wieder. -- (Noch am Abend
erfuhr ich, daß die beiden englischen Flugzeuge vor Sonnenuntergang bei
Illies heruntergeschossen wurden. Und -- die »reene Mänschlichgeid«,
die der brave Sachse gepredigt hatte, verließ mich vollständig -- ich
jubelte!) --
Kaum noch vernehmbar murrt hinter uns das eiserne Grollen des Kampfes. Der
Himmel klärt sich, und eine rotglühende Sonne, die aus zerfließenden
Dünsten rein heraustritt, überflutet die Erde mit gleißendem Gold und
verwandelt jedes Bild der Vernichtung in etwas leuchtend Schönes!
Wir fahren durch die leeren Straßen von Lille zur Zitadelle. Der
Engländer hat sich erholt und sagt in seiner Sprache: »Ich danke Ihnen!«
Das Tor öffnet sich, eine Wache empfängt den Gefangenen, dann klirrt der
Riegel.