12. März 1915.

Wir fahren nach Süden.

Die gleiche Morgenstimmung wie bei der Fahrt nach Hollebeke. Alles wieder

so grau, nur ohne Sturm, ohne Regen. Kälte ist eingefallen. In der

Morgenfrühe werden die Felder weiß vom Reif, und in den Straßengräben

blinken die Eisscheiben.

In allen Dörfern und Städtchen, durch die wir kommen, seh' ich beim

Erwachen des Morgens die gleichen Schuttbilder. Jede Ortschaft ist belebt

von unseren Feldgrauen, die zu den Stellungen marschieren oder flink

zu einer Arbeit wandern. Ich sehe viele Züge von frisch Angekommenen,

tadellos ausgerüstet, mit neuem Lederzeug. Frauen und Kinder stehen bei

den Haustüren, die Gesichter müde, die Augen stumpf.

Bei ihrem Anblick schwirrt mir immer ein wunderliches Liedchen im Kopf

herum, das ich dieser Tage von zwei Soldaten singen hörte. Ähnlich wie

beim Lied vom Guten Kameraden, das einen neuen Refrain bekam, wurde

auch hier ein altes Volkslied mit einer neuen Zutat versehen, mit einer

französischen -- mit Worten, die man hier in Nordfrankreich überall von

den Einheimischen hören kann.

Das Liedchen, wie es die zwei Soldaten sangen, war wohl scherzhaft gemeint,

und dennoch hat es einen traurigen Sinn:

Ȁnnchen von Tharau ist's,

Die mir gefällt,

Aber sie nimmt mich nicht,

Hab' ich kein Geld ...

=Mon père, ma mère,=

O weh, =la guerre,=

=C'est triste pour nous,=

=C'est triste pour vous,=

=C'est triste pour tous,=

Jawoll, mein Sohn,

Det kommt davon!«

Je häufiger dieses aus Sinn und Unsinn, aus Spott und Bitterkeit gewobene

Liedchen in mir nachklingt, um so ernster empfind' ich es. Unter allem

gesunden Humor, der mir im Feld entgegenflattert, gibt es auch eine

Spezies, die ich nicht gerne höre: das Spiel mit dem Grausigen und

Grausamen. Ich erinnere mich an das Wort eines Radfahrers, der einen Befehl

zur Front zu bringen hatte und bei einer Wegscheide seinem nach der anderen

Seite davonsausenden Kameraden lachend nachrief:

»Also, behüt' dich Gott, Huber, auf Wiedersehen im Massengrab!«

Mit diesem Wort kann die spartanische Rede eines Telephonisten versöhnen,

die ich am gleichen Tage vernahm. Die Telephonstelle war in einem

Bauernhäuschen untergebracht, das schon halb in Scherben lag; als Schutz

gegen Wind und Zugluft waren die zerschmetterten Fensterscheiben mit

Zeitungspapier verklebt; und da sagte der Telephonist bei Beginn einer

neuen schweren Beschießung, die das kleine Haus umbrüllte:

»Mir scheint, die geben nicht eher Ruh', bis nicht die Fenster wieder

kaputt sind!« --

Auch der Weg, der uns im Grau der Frühe durch verwüstetes Gelände

führt, zeigt mir eine Groteske der Zeit. Ein hübsches Schlößchen

inmitten eines großen Obstgartens ist eine wertlose Ruine geworden; alles,

was da Holz war, ist verbrannt; nur neben dem Steinportal hat sich ein

kleines hölzernes Täfelchen unversehrt erhalten, mit der Inschrift

»=Château à vendre!=« Wann wird sich für diesen rußgeschwärzten

Steinhaufen der Käufer finden, der da vor Beginn des Krieges gesucht

wurde?

Wir halten bei hell gewordenem Morgen im Schutz eines hohen Bahndammes,

über den unter etwas lückenhaftem Geknatter die Hochgänger der

feindlichen Stellung pfeifend herüberfliegen. Ich sehe zur Ablösung einen

Zug von den Unseren ausmarschieren, die mich fragen machen: »Sind denn

das Franzosen?« Sie tragen weite blaue Pluderhosen, die bis unter die

Arme heraufreichen. Sehr komisch sieht das aus und ist doch eine ungemein

praktische Sache. Das sind Überhosen aus blaugefärbtem Zwilch, wie die

Maurer sie bei der Arbeit zu tragen pflegen. So behütet man jetzt unsere

feldgrauen Uniformen gegen die Lehmbekleckerung in den Schützengräben.

Das ist eine Ersparnis an Quartierarbeit und eine Mehrung der nötigen Ruhe

in den Ablösungszeiten; jetzt brauchen die Soldaten nicht immer an ihren

Uniformen zu bürsten und zu rippeln, die gelb gewordenen Blauhosen werden

jede Woche einmal gewaschen. Wie gut man auch geschult und vorbereitet war,

im Kriege lernt man noch immer etwas Nützliches hinzu.

Der Schützengraben, durch den wir hinsteigen, gehört zu den festesten,

die ich gesehen habe. Es gibt auch andere, solche, in denen man eine

Beklommenheit um unsere Braven trotz ihrer Ruhe und ihres Humors nie

völlig los wird; meist sind das Gräben, die man wegen des drohenden,

unableitbaren Grundwassers nur bis zu halber Manneshöhe in den Boden

einschlagen konnte; da müssen die Wälle um so höher aufgeschichtet

werden; diese lockeren Erdschichten, auch dann noch, wenn sie durch

Sandsäcke verstärkt werden, sind ein höchst zweifelhafter Schutz gegen

schweres Artilleriefeuer.

Der Humor unserer Feldgrauen bezeichnet solche Gräben nicht umsonst als

»Mausfallen« und »Granatenschachteln«; findet der Feind da Zeit, sich

einzuschießen, so gibt es in solchen Gräben bei aller Tapferkeit kein

Aushalten mehr, man _muß_ heraus, will man nicht zwecklos niedergemäht

werden. --

Wenn ihr daheim von aufgegebenen Gräben der Deutschen hört, dann handelt

es sich immer um solche »Granatenschachteln« und »Mausfallen«, die man

einer festeren Stellung zuliebe aufgeben mußte, und in denen sich auch der

Feind nach seiner billigen »Eroberung« nicht zu halten vermag. Aber der

prachtvolle Graben, durch den ich da heute hinsteige, der ist sicher, ist

mannstief in den Boden gesägt und durch festen Kalkstein geschnitten, ist

eine unzerstörbare Burg der Unseren, ist uneinnehmbar.

Welch ein Wahnwitz der Feinde es ist, eine solche Stellung anzugreifen,

beweisen die Kolonnen der toten Franzosen, die außerhalb der

Drahthindernisse in solchen Massen liegen, wie ich es noch nirgends gesehen

habe.

Seit dem 17. Dezember liegen sie da, in dicken Klumpen, in langen, nicht

abzuzählenden Reihen; ein verwesender Schimmel liegt dazwischen; und je

weiter sich diese Schnüre der Stummgewordenen in die Ferne ziehen, um so

kleiner werden sie und sehen schließlich aus wie dunkelblaue Steine, wie

blaßblaue Frühlingsblümchen.

Und während ich hinblicke über diese Blumenrabatten des Krieges, taucht

fern aus dem Nebel der Turm der Kathedrale von Arras heraus und das

schwarzgraue, klobige Viereck des Seminargebäudes, das noch mächtiger als

die Kirche wirkt. --

(Hier wurde ich heute mittag bei der Arbeit unterbrochen. Ein Auto holte

mich ab. Nun dämmert es, da ich heimkehre. Ehe der Tag versank, bekam er

eine rotglühende Sonne. Was ich in den vier vergangenen Stunden erlebte,

ist in mir wie ein Sturm, der meine Gedanken vor sich herjagt. Ich werde

ein paar Tage brauchen, bis dieser Bilderwirbel in mir sich beruhigt und

ordnet. Heute kann ich nimmer arbeiten. Nur dieses Eine muß ich noch

niederschreiben: Wie stolz bin ich auf meine Heimat, und wie viel Freude

ist in mir, weil ich sagen darf: ich bin ein Deutscher!)

Die stählerne Mauer: Reise zur deutschen Front, 1915, Zweiter Teil · 第 7 / 17 题