Wir fahren nach Süden.
Die gleiche Morgenstimmung wie bei der Fahrt nach Hollebeke. Alles wieder
so grau, nur ohne Sturm, ohne Regen. Kälte ist eingefallen. In der
Morgenfrühe werden die Felder weiß vom Reif, und in den Straßengräben
blinken die Eisscheiben.
In allen Dörfern und Städtchen, durch die wir kommen, seh' ich beim
Erwachen des Morgens die gleichen Schuttbilder. Jede Ortschaft ist belebt
von unseren Feldgrauen, die zu den Stellungen marschieren oder flink
zu einer Arbeit wandern. Ich sehe viele Züge von frisch Angekommenen,
tadellos ausgerüstet, mit neuem Lederzeug. Frauen und Kinder stehen bei
den Haustüren, die Gesichter müde, die Augen stumpf.
Bei ihrem Anblick schwirrt mir immer ein wunderliches Liedchen im Kopf
herum, das ich dieser Tage von zwei Soldaten singen hörte. Ähnlich wie
beim Lied vom Guten Kameraden, das einen neuen Refrain bekam, wurde
auch hier ein altes Volkslied mit einer neuen Zutat versehen, mit einer
französischen -- mit Worten, die man hier in Nordfrankreich überall von
den Einheimischen hören kann.
Das Liedchen, wie es die zwei Soldaten sangen, war wohl scherzhaft gemeint,
und dennoch hat es einen traurigen Sinn:
Ȁnnchen von Tharau ist's,
Die mir gefällt,
Aber sie nimmt mich nicht,
Hab' ich kein Geld ...
=Mon père, ma mère,=
O weh, =la guerre,=
=C'est triste pour nous,=
=C'est triste pour vous,=
=C'est triste pour tous,=
Jawoll, mein Sohn,
Det kommt davon!«
Je häufiger dieses aus Sinn und Unsinn, aus Spott und Bitterkeit gewobene
Liedchen in mir nachklingt, um so ernster empfind' ich es. Unter allem
gesunden Humor, der mir im Feld entgegenflattert, gibt es auch eine
Spezies, die ich nicht gerne höre: das Spiel mit dem Grausigen und
Grausamen. Ich erinnere mich an das Wort eines Radfahrers, der einen Befehl
zur Front zu bringen hatte und bei einer Wegscheide seinem nach der anderen
Seite davonsausenden Kameraden lachend nachrief:
»Also, behüt' dich Gott, Huber, auf Wiedersehen im Massengrab!«
Mit diesem Wort kann die spartanische Rede eines Telephonisten versöhnen,
die ich am gleichen Tage vernahm. Die Telephonstelle war in einem
Bauernhäuschen untergebracht, das schon halb in Scherben lag; als Schutz
gegen Wind und Zugluft waren die zerschmetterten Fensterscheiben mit
Zeitungspapier verklebt; und da sagte der Telephonist bei Beginn einer
neuen schweren Beschießung, die das kleine Haus umbrüllte:
»Mir scheint, die geben nicht eher Ruh', bis nicht die Fenster wieder
kaputt sind!« --
Auch der Weg, der uns im Grau der Frühe durch verwüstetes Gelände
führt, zeigt mir eine Groteske der Zeit. Ein hübsches Schlößchen
inmitten eines großen Obstgartens ist eine wertlose Ruine geworden; alles,
was da Holz war, ist verbrannt; nur neben dem Steinportal hat sich ein
kleines hölzernes Täfelchen unversehrt erhalten, mit der Inschrift
»=Château à vendre!=« Wann wird sich für diesen rußgeschwärzten
Steinhaufen der Käufer finden, der da vor Beginn des Krieges gesucht
wurde?
Wir halten bei hell gewordenem Morgen im Schutz eines hohen Bahndammes,
über den unter etwas lückenhaftem Geknatter die Hochgänger der
feindlichen Stellung pfeifend herüberfliegen. Ich sehe zur Ablösung einen
Zug von den Unseren ausmarschieren, die mich fragen machen: »Sind denn
das Franzosen?« Sie tragen weite blaue Pluderhosen, die bis unter die
Arme heraufreichen. Sehr komisch sieht das aus und ist doch eine ungemein
praktische Sache. Das sind Überhosen aus blaugefärbtem Zwilch, wie die
Maurer sie bei der Arbeit zu tragen pflegen. So behütet man jetzt unsere
feldgrauen Uniformen gegen die Lehmbekleckerung in den Schützengräben.
Das ist eine Ersparnis an Quartierarbeit und eine Mehrung der nötigen Ruhe
in den Ablösungszeiten; jetzt brauchen die Soldaten nicht immer an ihren
Uniformen zu bürsten und zu rippeln, die gelb gewordenen Blauhosen werden
jede Woche einmal gewaschen. Wie gut man auch geschult und vorbereitet war,
im Kriege lernt man noch immer etwas Nützliches hinzu.
Der Schützengraben, durch den wir hinsteigen, gehört zu den festesten,
die ich gesehen habe. Es gibt auch andere, solche, in denen man eine
Beklommenheit um unsere Braven trotz ihrer Ruhe und ihres Humors nie
völlig los wird; meist sind das Gräben, die man wegen des drohenden,
unableitbaren Grundwassers nur bis zu halber Manneshöhe in den Boden
einschlagen konnte; da müssen die Wälle um so höher aufgeschichtet
werden; diese lockeren Erdschichten, auch dann noch, wenn sie durch
Sandsäcke verstärkt werden, sind ein höchst zweifelhafter Schutz gegen
schweres Artilleriefeuer.
Der Humor unserer Feldgrauen bezeichnet solche Gräben nicht umsonst als
»Mausfallen« und »Granatenschachteln«; findet der Feind da Zeit, sich
einzuschießen, so gibt es in solchen Gräben bei aller Tapferkeit kein
Aushalten mehr, man _muß_ heraus, will man nicht zwecklos niedergemäht
werden. --
Wenn ihr daheim von aufgegebenen Gräben der Deutschen hört, dann handelt
es sich immer um solche »Granatenschachteln« und »Mausfallen«, die man
einer festeren Stellung zuliebe aufgeben mußte, und in denen sich auch der
Feind nach seiner billigen »Eroberung« nicht zu halten vermag. Aber der
prachtvolle Graben, durch den ich da heute hinsteige, der ist sicher, ist
mannstief in den Boden gesägt und durch festen Kalkstein geschnitten, ist
eine unzerstörbare Burg der Unseren, ist uneinnehmbar.
Welch ein Wahnwitz der Feinde es ist, eine solche Stellung anzugreifen,
beweisen die Kolonnen der toten Franzosen, die außerhalb der
Drahthindernisse in solchen Massen liegen, wie ich es noch nirgends gesehen
habe.
Seit dem 17. Dezember liegen sie da, in dicken Klumpen, in langen, nicht
abzuzählenden Reihen; ein verwesender Schimmel liegt dazwischen; und je
weiter sich diese Schnüre der Stummgewordenen in die Ferne ziehen, um so
kleiner werden sie und sehen schließlich aus wie dunkelblaue Steine, wie
blaßblaue Frühlingsblümchen.
Und während ich hinblicke über diese Blumenrabatten des Krieges, taucht
fern aus dem Nebel der Turm der Kathedrale von Arras heraus und das
schwarzgraue, klobige Viereck des Seminargebäudes, das noch mächtiger als
die Kirche wirkt. --
(Hier wurde ich heute mittag bei der Arbeit unterbrochen. Ein Auto holte
mich ab. Nun dämmert es, da ich heimkehre. Ehe der Tag versank, bekam er
eine rotglühende Sonne. Was ich in den vier vergangenen Stunden erlebte,
ist in mir wie ein Sturm, der meine Gedanken vor sich herjagt. Ich werde
ein paar Tage brauchen, bis dieser Bilderwirbel in mir sich beruhigt und
ordnet. Heute kann ich nimmer arbeiten. Nur dieses Eine muß ich noch
niederschreiben: Wie stolz bin ich auf meine Heimat, und wie viel Freude
ist in mir, weil ich sagen darf: ich bin ein Deutscher!)