Eine stürmische Nacht will sich verwandeln in einen trüben Morgen. Meine
Uhr sagt mir: jetzt muß es Tag werden! Aber die Helle will nicht kommen.
Immer bleibt dieses dicke, für die Augen undurchdringliche Grau über
allen Dingen hängen. Manchmal huscht am Wagen eine Laterne vorbei,
deren Licht so heftig flackert, daß es immer zu erlöschen und wieder
aufzuglimmen scheint. Flimmernde Regentropfen und Schneeflocken fliegen
horizontal an den Wagenfenstern vorüber. Manchmal brennt in der Ferne,
bald hier, bald dort, eine rötliche Helle im Nebel auf. Das sind die
Leuchtkugeln, die aus den Schützengräben emporgeschossen werden, um das
Gelände zwischen Freund und Feind für eine halbe Minute zu erhellen.
Fällt die Kugel nach kräftigem Glanze rasch herunter, so ist es eine
deutsche, die nur die feindliche Stellung aufklären, nicht auch den
deutschen Graben für die Feinde beleuchten will -- bleibt die Kugel in
der Höhe hängen und treibt sie eine Weile im Winde, so ist es eine
feindliche, die an einem kleinen seidenen Fallschirm hängt.
Einmal hält der Wagen; man muß in dieser grauen Finsternis bei einer
Wegkreuzung die Karte zu Rate ziehen. Der schwache Lichtkegel des
elektrischen Taschenlämpchens gleitet über das Blatt. Ferner
Kanonendonner und nahes Gewehrfeuer ist zu hören. Zur Rechten und Linken
des Weges seh' ich undeutliche Ruinen im Nebel hängen, sehe zerrissene
Mauern und leere Fensterlöcher. Schwerbeladene Karren ächzen vorüber,
und ich höre die Stimmen der Fuhrleute. Welche Sprache reden sie? Nicht
Französisch. Auch nicht Deutsch. Ich verstehe kein Wort. Und dennoch
klingt diese Sprache so, als wäre sie eine liebe Schwester meiner eigenen.
Etwas Warmes, fast Zärtliches erwacht in mir. Ich weiß: jetzt bin ich
auf flämischem Boden! Wie die Leute da draußen, so ähnlich reden unsere
Bauern bei Aachen und am Niederrhein.
Während der Wagen weiterfährt, spritzen von den Rädern dicke
Schlammgüsse gegen die Fenster herauf. Nun halten wir und steigen aus,
inmitten eines Waldes, den ein Wirbelsturm vernichtet zu haben scheint.
Fast alle Bäume sind in halber Stammhöhe geknickt und haben besenförmige
Splitterstümpfe. So weit man in der grauen Dämmerung zu sehen vermag, ist
der Waldboden bedeckt mit einem Wust von zerschlagenen Baumkronen und mit
zahllosen runden Erdlöchern, die bis zum Rande voll sind von schlammigem
Grundwasser. -- Ein Wald? Nein! Was ich sehe, war einmal ein herrlich
gepflegter, durch seine Schönheit berühmter Park -- der Park des vom
Kriege zerstörten Schlosses Hollebeke.
Unter dem Gewehrgeknatter, das immer näher klingt, waten wir im Regen
und im schwermütigen Grau der Morgenfrühe über eine Parkstraße hin und
versinken bis zur halben Höhe der Stiefelröhren im schwarzen Schlamm.
Ein zierliches Eisengitter ist zerschlagen und hängt verknüllt um die
zerschossenen Baumstrünke; fast jeder dieser entzweigebrochenen
Stämme ist hundertfach getüpfelt von den Kugelwunden der Gewehr-
und Schrapnellschüsse und von den Rissen, welche die Granatsplitter
schürften; auch die wenigen Bäume, die da noch unentwipfelt zu stehen
scheinen, werden sterben müssen an diesen Wunden. Nun eine Mauer -- nein,
nur eine Reihe von Steinhaufen und Wandfragmenten, die noch erraten lassen,
daß sie einmal eine schmucke Parkmauer waren; durch die Löcher gewahre
ich zerrissenen Rasen, zerschlagene Hecken, die auch im Sterben noch den
Frühling spüren und gerne grünen möchten, gewahre zerfetzte Wege,
verwüstete Zierbäume, zerschmetterte Palmenkübel, geknickte Eiben und
Zedern, gewahre Tempelchen, von denen nur noch die Säulenstümpfe stehen,
und gewahre Blumenhäuser und Glasgebäude, die aussehen wie ein mageres
Gerippe und keine ganze Fensterscheibe mehr haben; ein Gewirre von
mattglänzenden Scherben liegt um ihren Sockel herum. Nun kommt ein
zerschossenes Parktor. Wie hübsch muß es einmal gewesen sein mit seinen
flankierenden Säulen und seinen Marmorgruppen, die jetzt zertrümmert sind
und kaum noch erkennen lassen, was sie darstellten.
Hinunter in einen Laufgraben! Oder ist das ein kleiner Kanal? Wir waten
ein paar hundert Meter weit im Wasser. Irgendwo unter der schlammigen Suppe
liegt der Balken, über den wir hingaukeln müssen; tappt der Fuß daneben,
so geht's hinunter bis übers Knie. Endlich, Gott sei Dank, erreichen wir
den Schützengraben, der etwas trockener ist! Von allen Frontgräben,
die ich bis jetzt gesehen habe, ist es der am stärksten befestigte, eine
unbezwingbare Erdburg. Wo ich heute bin, das ist die Stätte der schweren,
blutigen Novemberkämpfe, ist eine Hölle der Ruhelosigkeit seit drei
Monaten. Auch heute geht dieses harte Geknatter ununterbrochen hin und her.
Man gewöhnt sich dran, fast hört man es nimmer.
In dem mit Mannschaften dicht gefüllten Graben riecht es heftig nach
nassen Kleidern. Die Hände der Feldgrauen sind ein bißchen starr von der
Nachtkälte, aber alle Gesichter sind frisch und gesund, ruhig und heiter.
Und eine wahre Blütenlese deutscher Dialekte ist da vertreten; ich
höre Bayern und Schwaben, Franken und Pfälzer, höre Sächsisch und
Mannhemerisch und schwatze mit einem Aschebercher (Aschaffenburger) aus der
Vaterstadt meiner Mutter. Immer quillt mir vor Ergriffenheit das Wasser
in die Augen und immer wieder muß ich mich freuen, muß lachen. Gesunder
Humor, wohin ich lausche, wohin ich schaue! Drollige Inschriften und
heitere Höhlennamen! Natürlich fehlt es auch nicht an einem glorios
gezierten »Hindenburg-Tor«. Und eine »Gaudeamus-Hütte« gibt es.
Dann werde ich stumm. Ich spähe hinaus, sehe fern im Nebel die
unbestimmten Formen der Türme von Ypern und sehe da draußen auf dem Feld
in Haufen und langen Reihen die toten Franzosen liegen; eine von unseren
Maschinengewehren niedergemähte feindliche Sturmkolonne, die das deutsche
Drahthindernis gar nicht erreichte. Sie haben schon ein sehr abgenütztes
Ansehen, diese dunkelblauen Schläfer, die niemals wieder erwachen werden!
Aber weit da draußen? Dieses Braune, ganz Neue in der Farbe? Was ist das?
Auch im Glase sieht es noch aus wie ein bräunlicher Holzpfahl. Ich selber
erkenne die Wahrheit nicht, man muß sie mir sagen. Was ich sehe, war
einmal von unseren zähesten Feinden einer, war ein lebendiger und ist nun
ein toter Engländer. Das ist ein Tod, der mir keine Ehrfurcht einflößt.
In mir, der ich am 3. August noch ein Englandschwärmer war, regt sich
etwas heiß Erbittertes -- ich kann es nur fühlen, nicht erklären. Meine
Zähne sind hart übereinandergebissen, und ein Zornschauer rieselt mir
über den Nacken. Ich wende mich ab und gehe, bis ich den braunen Pfahl
nimmer sehen kann. Nun werde ich wieder ruhig. Man sagt mir, daß da
drüben seit Wochen keine Franzosen mehr stehen, nur noch Engländer.
Immer spähe ich mit dem Glas nach den Erdwällen der feindlichen Stellung
hinüber; aber da drüben ist nichts Lebendiges zu sehen, nichts, nichts.
Nur die Schüsse knattern drüben genau so wie bei uns, und die Kugeln
klatschen in die Lehmsäcke. Ich frage einen Feldgrauen: »Streckt da
drüben manchmal einer die Nase heraus?« Und der Mann, ein schlanker,
kräftiger Pfälzer, antwortet: »Nee. Ich tät gern emol een
niederschlaache. Awer es kommt keener. Nu jo, Geduld muß mer ewe hawe. Bei
uns do und daheem!« Ich muß dem Manne, in dem so viel deutsche Ruhe und
deutsche Weisheit steckt, die Hand auf die Schulter legen.
Der Graben wendet sich und klettert über einen steilen Hang hinunter. Noch
immer ist der Morgen grau, noch immer ziehen die Nebel, noch immer hängen
sie an allen Stauden, und immer rieselt der Regen. Unter Schleiern seh' ich
ein Bild, das ich im Leben niemals wieder vergessen werde.
Zu meinen Füßen, tief drunten, liegt der breite Kanal mit dem schwarzen,
träg fließenden Wasser. Die Eisenbahnbrücke, die ihn überspannte, ist
gesprengt, und ihre Trümmer liegen wirr in der Tiefe. Drüben -- jenseits
eines Faschinensteges, der nur in finsteren Nächten begangen werden kann
-- steigt der deutsche Schützengraben wieder empor. Von der Höhe, auf der
ich stehe, kann ich weit in seine Windungen hineinschauen. Alles ist grau
da drüben, und dennoch regt sich alles; aber kaum merklich heben sich
unsere Feldgrauen von der Farbe des Bodens ab. Nur auf dem Steilhang
drüben kann ich sie genau unterscheiden. Ich sehe die Unterstände und
Schlupfe, sehe die Türen und Fensterchen. Das Bild sieht aus wie eine in
den Berghang eingenistete Höhlensiedelung grauer Mönche. Und wieder
seh' ich die Unseren Schulter an Schulter und unbeweglich bei den
Scharten stehen. Nur manchmal rührt sich einer ein bißchen, stampft mit
kaltgewordenen Füßen oder schlägt die Hände um die Brust, behaucht die
Finger und packt dann mit hastigem Griffe wieder das Gewehr. Achtet man des
Geknatters nimmer, an das sich die Ohren zu gewöhnen beginnen wie an das
Rauschen eines Baches, so scheint eine tiefe, fast heilige Stille über
diesem ergreifenden Bild der deutschen Soldatentreue zu liegen. Und blickt
man ein paar hundert Meter weit gegen Westen hin, so sieht man hinter den
Erdwällen der Anhöhe den dünnen Rauch der Feuerchen herausquellen, an
denen sich die Engländer ihr ausgiebiges Frühstück kochen.
In nördlicher Richtung, gegen Dixmuiden, fängt der Kanonendonner, der
seit einer Weile stumm geworden, wieder zu dröhnen und zu rollen an. Auch
die Engländer bei Ypern scheinen satt zu sein und wollen die zwecklos
brüllende Arbeit wieder aufnehmen. Meine Zeit ist abgelaufen, ich muß den
Rückweg antreten.
Die Landstrecke zwischen dem Schützengraben und dem verwüsteten Park
von Hollebeke ist ein Panorama des Grauens, ist völlig durchsiebt von
Granatenschlägen. Die Erde sieht hier aus wie der hundertäugige Argus
-- jedes Auge ein runder, schwermütiger Wasserfleck, der keinen Himmel zu
spiegeln hat. Das hübsche Pförtnerhaus des Parkes ist verwandelt in eine
Trümmergrotte; zentnerschwere Steinplatten liegen weit umhergestreut, so
wie ein Windstoß die welken Rosenblätter auseinanderweht. Das große,
schöne schmiedeeiserne Tor ist eine sinnlos verknüllte Sache geworden.
Überall liegen die Granatenzünder, die Blindgänger und Bombensplitter,
die Ausbläser und Schrapnellböden in solchen Massen umher, wie hinter den
Alpenvereinshütten die Bierflaschen und Konservenbüchsen.
In allem Grauen auch noch ein Bröselchen Humor: dem Standbild einer
griechischen Göttin ist ein eingetriebener Zylinderhut aufgesetzt und
hinter das Hutband ist eine Pfauenfeder gesteckt, ein grüner Eibenzweig
und ein großer Granatensplitter, der einem vierblättrigen Kleeblatt aus
Eisen gleicht.
Wohin man sich wendet, überall dieses Gewirre von niedergebrochenen und
zerfetzten Bäumen. Jeder Weg ist bedenklich; Fußangeln liegen umher,
und immer wieder bleibt man an den Stacheldrähten versteckter Hindernisse
hängen. Dann steht man vor dem einstens herrlichen Schloß, das berühmt
war um seiner Schönheit und seines Prunkes willen und jetzt verwandelt
ist in ein namenloses, von Schutt und Gebälk überkollertes Ruinengewirre.
Jede Mauer, die noch steht, ist dem Einsturz nahe und verwehrt allem
Lebendigen den Aufenthalt in diesem Trümmerhaufen. Durch formlose
Fensterhöhlen sieht man noch die zermürbten Reste einer verschwundenen,
verschütteten Pracht. Und was an Gemäuer noch übrig blieb, hat keinen
anderen Zweck mehr, als eine Reihe von liebevoll geschmückten deutschen
Soldatengräbern vor dem Einschlag der englischen Granaten zu beschützen.
Alles, was da Ruine geworden, ist englisches Werk. In der Nacht vom 30.
auf den 31. Oktober, als die Deutschen das Schloß eroberten und den
Offiziersstab der Engländer bei einem üppigen Nachtmahl überraschten,
war der herrliche Bau noch heil und unversehrt. Dann wurde er von den
englischen Geschützen so zugerichtet, wie er sich heute zeigt -- nur zu
dem einen Zweck: daß die Deutschen kein Dach hätten, unter dem sie nach
dem Regen wieder trocken werden könnten.
Alles Atmende ist verscheucht von dieser Trümmerstätte. Und wo ein
zerrissener Weg aus diesem Wirrsal der entzweigebrochenen Parkbäume
hinausflüchtet gegen die Straße, wie in Sehnsucht nach der Nähe lebender
Menschen, da sieht man die Ruine eines Gebäudes -- man kann nicht mehr
erraten, was es war, das Haus ist ausgebrannt, zerbröselt und zerfallen,
nur die Quadern des Türgemäuers stehen noch, und oberhalb des Türloches
sind in den Steinen mit großen deutlichen Lettern die drei flämischen
Worte gemeißelt: »In de vrede!« Das bedeutet: »Tretet ein, hier wohnt
der Friede!«
Ein Dichter, im Geiste jenem Unsterblichen ähnlich, der das »Glück von
Edenhall« besang, wird vielleicht einmal eine Ballade singen: »Der Friede
von Hollebeke«. Die Wahrheit der Gegenwart vermöchte seinem Zukunftsliede
einen phantastischen Schlußgedanken zu geben -- man erzählte mir: Das
schöne Schloß wäre der von übermütiger Lebenslust erfüllte Besitz
einer von ihrem Gatten getrennten Frau gewesen, und ihr einziger Sohn,
jetzt Fliegeroffizier der französischen Armee, komme von Zeit zu Zeit
auf seinem Doppeldecker herangeflogen und umflattere stundenlang in
schwindelnder Höhe, klein wie ein Sperber, die im Winde staubende
Trümmerstätte seines Mutterhauses.
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