11. März 1915.

Eine stürmische Nacht will sich verwandeln in einen trüben Morgen. Meine

Uhr sagt mir: jetzt muß es Tag werden! Aber die Helle will nicht kommen.

Immer bleibt dieses dicke, für die Augen undurchdringliche Grau über

allen Dingen hängen. Manchmal huscht am Wagen eine Laterne vorbei,

deren Licht so heftig flackert, daß es immer zu erlöschen und wieder

aufzuglimmen scheint. Flimmernde Regentropfen und Schneeflocken fliegen

horizontal an den Wagenfenstern vorüber. Manchmal brennt in der Ferne,

bald hier, bald dort, eine rötliche Helle im Nebel auf. Das sind die

Leuchtkugeln, die aus den Schützengräben emporgeschossen werden, um das

Gelände zwischen Freund und Feind für eine halbe Minute zu erhellen.

Fällt die Kugel nach kräftigem Glanze rasch herunter, so ist es eine

deutsche, die nur die feindliche Stellung aufklären, nicht auch den

deutschen Graben für die Feinde beleuchten will -- bleibt die Kugel in

der Höhe hängen und treibt sie eine Weile im Winde, so ist es eine

feindliche, die an einem kleinen seidenen Fallschirm hängt.

Einmal hält der Wagen; man muß in dieser grauen Finsternis bei einer

Wegkreuzung die Karte zu Rate ziehen. Der schwache Lichtkegel des

elektrischen Taschenlämpchens gleitet über das Blatt. Ferner

Kanonendonner und nahes Gewehrfeuer ist zu hören. Zur Rechten und Linken

des Weges seh' ich undeutliche Ruinen im Nebel hängen, sehe zerrissene

Mauern und leere Fensterlöcher. Schwerbeladene Karren ächzen vorüber,

und ich höre die Stimmen der Fuhrleute. Welche Sprache reden sie? Nicht

Französisch. Auch nicht Deutsch. Ich verstehe kein Wort. Und dennoch

klingt diese Sprache so, als wäre sie eine liebe Schwester meiner eigenen.

Etwas Warmes, fast Zärtliches erwacht in mir. Ich weiß: jetzt bin ich

auf flämischem Boden! Wie die Leute da draußen, so ähnlich reden unsere

Bauern bei Aachen und am Niederrhein.

Während der Wagen weiterfährt, spritzen von den Rädern dicke

Schlammgüsse gegen die Fenster herauf. Nun halten wir und steigen aus,

inmitten eines Waldes, den ein Wirbelsturm vernichtet zu haben scheint.

Fast alle Bäume sind in halber Stammhöhe geknickt und haben besenförmige

Splitterstümpfe. So weit man in der grauen Dämmerung zu sehen vermag, ist

der Waldboden bedeckt mit einem Wust von zerschlagenen Baumkronen und mit

zahllosen runden Erdlöchern, die bis zum Rande voll sind von schlammigem

Grundwasser. -- Ein Wald? Nein! Was ich sehe, war einmal ein herrlich

gepflegter, durch seine Schönheit berühmter Park -- der Park des vom

Kriege zerstörten Schlosses Hollebeke.

Unter dem Gewehrgeknatter, das immer näher klingt, waten wir im Regen

und im schwermütigen Grau der Morgenfrühe über eine Parkstraße hin und

versinken bis zur halben Höhe der Stiefelröhren im schwarzen Schlamm.

Ein zierliches Eisengitter ist zerschlagen und hängt verknüllt um die

zerschossenen Baumstrünke; fast jeder dieser entzweigebrochenen

Stämme ist hundertfach getüpfelt von den Kugelwunden der Gewehr-

und Schrapnellschüsse und von den Rissen, welche die Granatsplitter

schürften; auch die wenigen Bäume, die da noch unentwipfelt zu stehen

scheinen, werden sterben müssen an diesen Wunden. Nun eine Mauer -- nein,

nur eine Reihe von Steinhaufen und Wandfragmenten, die noch erraten lassen,

daß sie einmal eine schmucke Parkmauer waren; durch die Löcher gewahre

ich zerrissenen Rasen, zerschlagene Hecken, die auch im Sterben noch den

Frühling spüren und gerne grünen möchten, gewahre zerfetzte Wege,

verwüstete Zierbäume, zerschmetterte Palmenkübel, geknickte Eiben und

Zedern, gewahre Tempelchen, von denen nur noch die Säulenstümpfe stehen,

und gewahre Blumenhäuser und Glasgebäude, die aussehen wie ein mageres

Gerippe und keine ganze Fensterscheibe mehr haben; ein Gewirre von

mattglänzenden Scherben liegt um ihren Sockel herum. Nun kommt ein

zerschossenes Parktor. Wie hübsch muß es einmal gewesen sein mit seinen

flankierenden Säulen und seinen Marmorgruppen, die jetzt zertrümmert sind

und kaum noch erkennen lassen, was sie darstellten.

Hinunter in einen Laufgraben! Oder ist das ein kleiner Kanal? Wir waten

ein paar hundert Meter weit im Wasser. Irgendwo unter der schlammigen Suppe

liegt der Balken, über den wir hingaukeln müssen; tappt der Fuß daneben,

so geht's hinunter bis übers Knie. Endlich, Gott sei Dank, erreichen wir

den Schützengraben, der etwas trockener ist! Von allen Frontgräben,

die ich bis jetzt gesehen habe, ist es der am stärksten befestigte, eine

unbezwingbare Erdburg. Wo ich heute bin, das ist die Stätte der schweren,

blutigen Novemberkämpfe, ist eine Hölle der Ruhelosigkeit seit drei

Monaten. Auch heute geht dieses harte Geknatter ununterbrochen hin und her.

Man gewöhnt sich dran, fast hört man es nimmer.

In dem mit Mannschaften dicht gefüllten Graben riecht es heftig nach

nassen Kleidern. Die Hände der Feldgrauen sind ein bißchen starr von der

Nachtkälte, aber alle Gesichter sind frisch und gesund, ruhig und heiter.

Und eine wahre Blütenlese deutscher Dialekte ist da vertreten; ich

höre Bayern und Schwaben, Franken und Pfälzer, höre Sächsisch und

Mannhemerisch und schwatze mit einem Aschebercher (Aschaffenburger) aus der

Vaterstadt meiner Mutter. Immer quillt mir vor Ergriffenheit das Wasser

in die Augen und immer wieder muß ich mich freuen, muß lachen. Gesunder

Humor, wohin ich lausche, wohin ich schaue! Drollige Inschriften und

heitere Höhlennamen! Natürlich fehlt es auch nicht an einem glorios

gezierten »Hindenburg-Tor«. Und eine »Gaudeamus-Hütte« gibt es.

Dann werde ich stumm. Ich spähe hinaus, sehe fern im Nebel die

unbestimmten Formen der Türme von Ypern und sehe da draußen auf dem Feld

in Haufen und langen Reihen die toten Franzosen liegen; eine von unseren

Maschinengewehren niedergemähte feindliche Sturmkolonne, die das deutsche

Drahthindernis gar nicht erreichte. Sie haben schon ein sehr abgenütztes

Ansehen, diese dunkelblauen Schläfer, die niemals wieder erwachen werden!

Aber weit da draußen? Dieses Braune, ganz Neue in der Farbe? Was ist das?

Auch im Glase sieht es noch aus wie ein bräunlicher Holzpfahl. Ich selber

erkenne die Wahrheit nicht, man muß sie mir sagen. Was ich sehe, war

einmal von unseren zähesten Feinden einer, war ein lebendiger und ist nun

ein toter Engländer. Das ist ein Tod, der mir keine Ehrfurcht einflößt.

In mir, der ich am 3. August noch ein Englandschwärmer war, regt sich

etwas heiß Erbittertes -- ich kann es nur fühlen, nicht erklären. Meine

Zähne sind hart übereinandergebissen, und ein Zornschauer rieselt mir

über den Nacken. Ich wende mich ab und gehe, bis ich den braunen Pfahl

nimmer sehen kann. Nun werde ich wieder ruhig. Man sagt mir, daß da

drüben seit Wochen keine Franzosen mehr stehen, nur noch Engländer.

Immer spähe ich mit dem Glas nach den Erdwällen der feindlichen Stellung

hinüber; aber da drüben ist nichts Lebendiges zu sehen, nichts, nichts.

Nur die Schüsse knattern drüben genau so wie bei uns, und die Kugeln

klatschen in die Lehmsäcke. Ich frage einen Feldgrauen: »Streckt da

drüben manchmal einer die Nase heraus?« Und der Mann, ein schlanker,

kräftiger Pfälzer, antwortet: »Nee. Ich tät gern emol een

niederschlaache. Awer es kommt keener. Nu jo, Geduld muß mer ewe hawe. Bei

uns do und daheem!« Ich muß dem Manne, in dem so viel deutsche Ruhe und

deutsche Weisheit steckt, die Hand auf die Schulter legen.

Der Graben wendet sich und klettert über einen steilen Hang hinunter. Noch

immer ist der Morgen grau, noch immer ziehen die Nebel, noch immer hängen

sie an allen Stauden, und immer rieselt der Regen. Unter Schleiern seh' ich

ein Bild, das ich im Leben niemals wieder vergessen werde.

Zu meinen Füßen, tief drunten, liegt der breite Kanal mit dem schwarzen,

träg fließenden Wasser. Die Eisenbahnbrücke, die ihn überspannte, ist

gesprengt, und ihre Trümmer liegen wirr in der Tiefe. Drüben -- jenseits

eines Faschinensteges, der nur in finsteren Nächten begangen werden kann

-- steigt der deutsche Schützengraben wieder empor. Von der Höhe, auf der

ich stehe, kann ich weit in seine Windungen hineinschauen. Alles ist grau

da drüben, und dennoch regt sich alles; aber kaum merklich heben sich

unsere Feldgrauen von der Farbe des Bodens ab. Nur auf dem Steilhang

drüben kann ich sie genau unterscheiden. Ich sehe die Unterstände und

Schlupfe, sehe die Türen und Fensterchen. Das Bild sieht aus wie eine in

den Berghang eingenistete Höhlensiedelung grauer Mönche. Und wieder

seh' ich die Unseren Schulter an Schulter und unbeweglich bei den

Scharten stehen. Nur manchmal rührt sich einer ein bißchen, stampft mit

kaltgewordenen Füßen oder schlägt die Hände um die Brust, behaucht die

Finger und packt dann mit hastigem Griffe wieder das Gewehr. Achtet man des

Geknatters nimmer, an das sich die Ohren zu gewöhnen beginnen wie an das

Rauschen eines Baches, so scheint eine tiefe, fast heilige Stille über

diesem ergreifenden Bild der deutschen Soldatentreue zu liegen. Und blickt

man ein paar hundert Meter weit gegen Westen hin, so sieht man hinter den

Erdwällen der Anhöhe den dünnen Rauch der Feuerchen herausquellen, an

denen sich die Engländer ihr ausgiebiges Frühstück kochen.

In nördlicher Richtung, gegen Dixmuiden, fängt der Kanonendonner, der

seit einer Weile stumm geworden, wieder zu dröhnen und zu rollen an. Auch

die Engländer bei Ypern scheinen satt zu sein und wollen die zwecklos

brüllende Arbeit wieder aufnehmen. Meine Zeit ist abgelaufen, ich muß den

Rückweg antreten.

Die Landstrecke zwischen dem Schützengraben und dem verwüsteten Park

von Hollebeke ist ein Panorama des Grauens, ist völlig durchsiebt von

Granatenschlägen. Die Erde sieht hier aus wie der hundertäugige Argus

-- jedes Auge ein runder, schwermütiger Wasserfleck, der keinen Himmel zu

spiegeln hat. Das hübsche Pförtnerhaus des Parkes ist verwandelt in eine

Trümmergrotte; zentnerschwere Steinplatten liegen weit umhergestreut, so

wie ein Windstoß die welken Rosenblätter auseinanderweht. Das große,

schöne schmiedeeiserne Tor ist eine sinnlos verknüllte Sache geworden.

Überall liegen die Granatenzünder, die Blindgänger und Bombensplitter,

die Ausbläser und Schrapnellböden in solchen Massen umher, wie hinter den

Alpenvereinshütten die Bierflaschen und Konservenbüchsen.

In allem Grauen auch noch ein Bröselchen Humor: dem Standbild einer

griechischen Göttin ist ein eingetriebener Zylinderhut aufgesetzt und

hinter das Hutband ist eine Pfauenfeder gesteckt, ein grüner Eibenzweig

und ein großer Granatensplitter, der einem vierblättrigen Kleeblatt aus

Eisen gleicht.

Wohin man sich wendet, überall dieses Gewirre von niedergebrochenen und

zerfetzten Bäumen. Jeder Weg ist bedenklich; Fußangeln liegen umher,

und immer wieder bleibt man an den Stacheldrähten versteckter Hindernisse

hängen. Dann steht man vor dem einstens herrlichen Schloß, das berühmt

war um seiner Schönheit und seines Prunkes willen und jetzt verwandelt

ist in ein namenloses, von Schutt und Gebälk überkollertes Ruinengewirre.

Jede Mauer, die noch steht, ist dem Einsturz nahe und verwehrt allem

Lebendigen den Aufenthalt in diesem Trümmerhaufen. Durch formlose

Fensterhöhlen sieht man noch die zermürbten Reste einer verschwundenen,

verschütteten Pracht. Und was an Gemäuer noch übrig blieb, hat keinen

anderen Zweck mehr, als eine Reihe von liebevoll geschmückten deutschen

Soldatengräbern vor dem Einschlag der englischen Granaten zu beschützen.

Alles, was da Ruine geworden, ist englisches Werk. In der Nacht vom 30.

auf den 31. Oktober, als die Deutschen das Schloß eroberten und den

Offiziersstab der Engländer bei einem üppigen Nachtmahl überraschten,

war der herrliche Bau noch heil und unversehrt. Dann wurde er von den

englischen Geschützen so zugerichtet, wie er sich heute zeigt -- nur zu

dem einen Zweck: daß die Deutschen kein Dach hätten, unter dem sie nach

dem Regen wieder trocken werden könnten.

Alles Atmende ist verscheucht von dieser Trümmerstätte. Und wo ein

zerrissener Weg aus diesem Wirrsal der entzweigebrochenen Parkbäume

hinausflüchtet gegen die Straße, wie in Sehnsucht nach der Nähe lebender

Menschen, da sieht man die Ruine eines Gebäudes -- man kann nicht mehr

erraten, was es war, das Haus ist ausgebrannt, zerbröselt und zerfallen,

nur die Quadern des Türgemäuers stehen noch, und oberhalb des Türloches

sind in den Steinen mit großen deutlichen Lettern die drei flämischen

Worte gemeißelt: »In de vrede!« Das bedeutet: »Tretet ein, hier wohnt

der Friede!«

Ein Dichter, im Geiste jenem Unsterblichen ähnlich, der das »Glück von

Edenhall« besang, wird vielleicht einmal eine Ballade singen: »Der Friede

von Hollebeke«. Die Wahrheit der Gegenwart vermöchte seinem Zukunftsliede

einen phantastischen Schlußgedanken zu geben -- man erzählte mir: Das

schöne Schloß wäre der von übermütiger Lebenslust erfüllte Besitz

einer von ihrem Gatten getrennten Frau gewesen, und ihr einziger Sohn,

jetzt Fliegeroffizier der französischen Armee, komme von Zeit zu Zeit

auf seinem Doppeldecker herangeflogen und umflattere stundenlang in

schwindelnder Höhe, klein wie ein Sperber, die im Winde staubende

Trümmerstätte seines Mutterhauses.

5.

Die stählerne Mauer: Reise zur deutschen Front, 1915, Zweiter Teil · 第 6 / 17 题