Lille ist eine schmucke Stadt, obwohl sie gegenwärtig mit etwas forcierten
Kontrasten wirken muß: neben dem Prunkbau der neuen Oper liegt das
Trümmergewirre eines völlig zusammengeschossenen und niedergebrannten
Häuserviertels. Das Liller Leben hat sich vom Schreck schon erholt und
flutet lärmend an diesen Schuttstätten vorüber. An einer Straßenecke
sah ich einen Menschenauflauf und hörte Witzworte, die bei den Franzosen
lautes Gelächter weckten. Ein Maueranschlag -- die Übersetzung des
deutschen militärischen Tagesberichtes -- verkündete den Lillern die
Niederlage der Franzosen in der Champagne. »Deutsche Lügen, natürlich!«
So gehirnschwächlich sind die Liller nicht, um so was zu glauben! Nichts
glauben sie, gar nichts, wenn es von den Deutschen kommt. Aber wenn
sie zuweilen eine eingeschmuggelte Nummer des »Matin« oder »Temps«
erwischen, dann wird sie hundertmal abgeschrieben, und man kolportiert in
Lille dieses verläßliche Evangelium der historischen Tatsachen um zwei
und drei Franken pro Exemplar.
Erbitterte Feinde? Nein! Das sind törichte, unzurechnungsfähige Kinder,
die man mit einiger Nachsicht beurteilen muß -- aber nicht mit Nachlaß
der Taxen. Denn manchmal gewinnen die Unüberlegtheiten der Liller ein
bedenkliches Aussehen. In ihrem athletenhaften gallischen Optimismus
prophezeiten sie seit Monaten in jeder Woche für irgendeinen Tag einen
großen Angriff und Sieg der Franzosen, den Entsatz ihrer Stadt und die
Verjagung der Deutschen. Auch für den 3. März lief in Lille eine solche
Prophezeiung um. Sie erfüllte sich auch, nur mit vertauschten Rollen.
Die Deutschen griffen an, eroberten bei Arras mehrere Schützengräben und
machten gegen sechshundert Gefangene. Sie wurden durch die Straßen
von Lille zum Bahnhof geführt, um Deutschland zu bereisen. Die Liller
verwechselten Niederlage und Sieg, umjubelten, beschenkten und küßten
die Gefangenen, zeigten die französischen Farben und riefen: »=Vive
la France!=« Viele, die sich beim Anblick einiger hundert Rothosen der
starken deutschen Besatzung von Lille nicht mehr erinnerten, riefen auch:
»=À bas l'Allemagne!=« Ich besorge, das wird ihnen Kosten verursachen.
Mit eigenen Augen hab' ich diese Begriffsverwirrung der Liller nicht
gesehen. Ich war am Abend des 3. März nach Süden davongefahren, über
Douai gegen Bapaume. In einem fast völlig in Trümmer geschossenen
Dorfe und unter einem von Granaten durchlöcherten Dache kam ein warmer,
gemütlicher Abend im Kreise preußischer Offiziere. Man plauderte von der
Heimat, bekam das Gefühl, daß man heimatlich beisammen wäre, und vergaß
für ein paar fröhliche Stunden aller Schatten des Krieges, obwohl man
immer das Gebrumm der Kanonen hörte. Nach kurzer Nachtruhe in einem
Bauernstübchen, darin jede Wand und jedes Möbelstück vom Einschlag der
Schrapnellkugeln getüpfelt war, ging es um sechs Uhr morgens hinaus in die
graue Dämmerung, deren verziehende Nebel einen schönen Tag zu verheißen
schienen.
Zerstörung und Vernichtung zu beiden Seiten unseres Weges. Die Straße
selbst ist zerrissen von Granatenlöchern. Und die Alleebäume sind
zersplitterte Stümpfe. Jetzt kommt ein Dorf -- nein, nur eine Sache, die
so aussieht, als wär' das einmal ein schönes und reiches Dorf gewesen!
Nicht die deutschen, sondern die französischen Geschütze haben diese
Verwüstung angerichtet. Es steht keine ganze Mauer und kein Dach mehr.
Unsere Reserven wohnen da in den Kellerlöchern; die Schuttberge, die über
den Gewölben liegen, sind ihr Granatenschutz.
Noch umhüllen die Schleier des frühen Morgens diese sprachlose Heimat des
Schreckens; der Frühwind, wenn er stärker strömt, trägt aus den öden,
von Steinbrocken übersäten Gärten und aus einem Gewirre zersplitterter
Obstbäume den Übelduft der Verwesung her. Und manchmal sieht man hinter
diesen Hecken einen formlosen Klumpen liegen, der früher einmal ein Pferd
oder eine Kuh gewesen.
Der Ausgang der Dorfstraße ist im Zickzack mit Barrikaden gesperrt, die
aus Lehmsäcken, Karrenfragmenten, Eggen, Pflugscharen, Mähmaschinen,
Hausgerät und Wagenrädern gebaut sind. Aus allen Mauerresten der
eingestürzten Häuser lugen die Schießscharten wie starre, schwarze
Augen heraus, und gleich den Werken einer im Gehirne von Wahnsinnigen
entsprungenen Gartenkunst erhebt und verschlingt sich das Wirrsal der
Drahthindernisse und zieht sich in unbegreiflichen Formen gegen die
Felder hin. Noch hört man keinen Kanonenschuß, nur jenes schlummerlose
Gewehrgeknatter, das nicht Kampf ist, sondern Wachsamkeit -- es ist wie
das Ticken von vielen großen Uhren; jede will ihre Pflicht tun, keine will
stehen bleiben.
Der Schützengraben, in den wir hinter einem Wall von Sandsäcken mit
geduckten Köpfen hinuntersteigen -- der Oberst von Z., der mich führt,
und der sich bei der Eroberung dieses zum Schutthaufen gewordenen Dorfes
das Eiserne Kreuz erster Klasse holte, ist so hochgewachsen, daß er jetzt
zwei Stunden lang immer den Nacken beugen muß -- dieser Schützengraben
gleicht den anderen, die ich schon gesehen habe, und dennoch hat auch
er wieder sein eigenes Gesicht. Er ist besetzt mit Feldgrauen aus der
preußischen Provinz Sachsen, mit Magdeburgern und Hallensern. Das Aussehen
dieser Mannschaften ist ebenso gesund und frisch, wie ich es bei den
munteren Lehmfischen gefunden, von denen ich schon erzählte; und nicht
minder heiter sind sie, nur ist die Art ihres heimatlichen Humors eine
anders gefärbte, ist stiller, im Worte sparsamer, knapper im Ton. Auch
hier die gleiche deutsche Soldatensehnsucht, dieses Leben im wässerigen
Brei erträglicher zu machen, ihm ein bißchen Schönheit zu geben. Ein
Unteroffizier -- in seinem Zivilstand ist er Berufsjäger -- hat sich
mitten im Schlamm aus Backsteinen ein sauber gefügtes Hüttchen gebaut
und hat es »Schloß Hubertus« getauft. Nette Kapellchen sind in die
Lehmwände eingenistet, und die dem Feinde abgewendeten Ränder des
Schützengrabens sind mit frischem Grün bepflanzt, mit Buchs, Efeu und
Schneeglöckchen, von denen einzelne Stücke schon zu blühen beginnen. Man
fühlt: dieser freundliche Schmuck der deutschen Kampfstätten wächst
aus ruhigem Glauben an das Leben heraus und kommt aus unverwüstlicher
Frühlingshoffnung, aus zuversichtlichem Erharren des deutschen Sieges!
Auch hier wieder die Kontraste der pietätvoll gezierten deutschen
Soldatengräber und der in Regen und Sonne verwesenden Franzosenleichen,
die, unbeerdigt, von ihrer Heimat festgehalten, aber von ihrem Volk
verlassen, als zermürbte Mißform zwischen den Schützengräben liegen.
Ein junger Offizier, der mir von einer harten, aber siegreichen Sturmnacht
berichtet, zeigt mir in einer von Streifschüssen durchfächerten
Wiesenmulde viele von diesen blaubraunen, schon nimmer menschenähnlichen
Klumpen, deutet auf den uns zunächst liegenden und sagt: »Als alle, die
den Angriff gegen uns versuchten, schon gefallen waren, ist _der_ noch wie
ein Baum bis zuletzt gestanden. Es war ein Jammer, daß wir den braven Kerl
haben totmachen müssen.« Um seiner Tapferkeit willen versuchten es die
_Deutschen_, ihn zu begraben -- die Franzosen ließen es nicht geschehen;
sie schossen. --
Der Morgenhimmel hat sich geklärt. Es ist hell geworden und die Sonne
kommt. Ihre warme, goldene Riesenhand streichelt zärtlich über die kahlen
Felder hin, die wie leblos erscheinen, obwohl hinter ihren Erdrunzeln
der Herzschlag eines tausendfältigen Lebens hämmert -- und zärtlich
streichelt das wachsende Sonnenlicht die Köpfe unserer Feldgrauen bei den
Schießscharten, streichelt aber auch ebenso zärtlich die nur noch schwach
an Menschen erinnernden Klumpen, die unbeweglich da draußen liegen auf dem
goldfarbenen Acker und die warme Liebkosung der ewigen Lebensmutter nimmer
fühlen. Eine große, bewundernswerte Philosophin ist sie, in ihrem Glanz
da droben! Ohne Unterschiede zu machen, sieht sie alle Dinge der Erde
barmherzig und hilfreich an, Freund und Feind ist für sie nur ein einziges
Wort! -- Und wir Menschen? Was tun wir um einiger Buchstaben willen? --
Immer lebhafter knallen die Gewehrschüsse über die unabsehbare Zeile der
Schützengräben hin. Inmitten dieses harten Geknatters hört man von
der nur hundertfünfzig Meter entfernten feindlichen Stellung ein kurzes,
wirres Geschrei. Hat eine deutsche Kugel da drüben einen Stahlschild
durchbohrt? Ist sie durch eine Scharte geflogen, aus der ein feindliches
Auge spähte? Fiel da drüben einer? Das sind Gedanken, die nicht
ausgesprochen werden. Niemand stellt eine Frage; so braucht auch keiner zu
antworten. Die Schüsse knallen, immerzu, immerzu. Es scheint, als wäre
das stählerne Geklapper ein bißchen schneller geworden. Nun verzögert
es sich wieder. Und linde Sonnenstrahlen schmeicheln sich in die kühle
Feuchtigkeit des Grabens herein, dessen Lehmwände fein zu dampfen
beginnen.
Da klingen menschliche Stimmen -- ganz deutlich hört man's über die
hundertfünfzig Meter herüber -- fünf oder sechs Männerstimmen zählen
unisono: »=Un, deux, trois!=« -- das letzte Wort hat einen stärkeren
Klang -- und dann rollt über den feindlichen Erdwall ein dunkelblauer
Klumpen herüber, sieht aus wie ein Mensch mit schlaffen Armen und Beinen,
kollert gegen den Acker hin und bleibt da liegen wie ein Pfahl, der von
einem Soldatenmantel umwickelt ist.
Das haben viele von den Unseren gesehen. Und nicht nur dieses eine Mal! Ich
kann's nicht begreifen -- seit ich die Fürsorge französischer Ärzte für
die ihrer Pflege anvertrauten Verwundeten gesehen habe, versteh ich
diese Pietätlosigkeit der französischen Soldaten gegen ihre gefallenen
Kameraden noch weniger als zuvor.
Während ich durch den Schützengraben hinwandere, begleitet von dem harten
Geknatter, klingen immer wieder diese drei schrecklichen Worte in mir nach:
»=Un, deux, trois!=« Um sie auszulöschen, erwecke ich gegensätzliche
Bilder in mir und erinnere mich jeder Freundlichkeit, die ich von der
einheimischen Bevölkerung hier erfahren habe, erinnere mich jedes
gefälligen Zuges, den ich an ihnen wahrgenommen. Noch in jedem
Quartier, das ich, seit meinem ersten Schritt über die Grenze, hier auf
französischem Boden bewohnte, fand ich gute Aufnahme, vielleicht nicht
immer ehrliche Worte, aber doch immer ehrliche und liebenswürdige
Dienstwilligkeit. Hier in Lille, im Haus einer alten französischen Dame,
hab' ich auch herzliche Güte gefunden. Als ich zwei Tage lang mit einem
Schützengraben-Rheumatismus die Stube hüten mußte, wurde ich von den
Hausleuten mit wahrhaft rührender Aufmerksamkeit gepflegt. Zwanzigmal des
Tages kam die gute alte Frau, um zu fragen, ob ich einen Wunsch hätte,
oder um nachzusehen, ob das Fenster gut geschlossen und das Kaminfeuer
in behaglichem Brand wäre. Und die Söhne solcher Mütter zählen im
französischen Schützengraben: »=Un, deux, trois!=« Wie soll man's
verstehen? Man wird da, im Quartier und Feld, bei der Beurteilung des
französischen Volkes immer hin und her geworfen zwischen freundlichem
Glauben und hartem Groll, zwischen wühlendem Zorn und herzlichem
Empfinden. Wer sagt mir, was da das Richtige ist? Ich weiß es nicht. Wie
schwer es ist, gerecht zu sein, das wußte ich zeit meines Lebens. Jetzt,
hier in Frankreich, bei allem Wechsel und Gewirre von dunklen und hellen
Bildern, beginne ich fast zu glauben, daß Gerechtigkeit im reinsten Sinne
des Wortes eine der menschlichen Natur versagte Eigenschaft ist. Was wir
Gerechtigkeit nennen, ist ein Zwitterkind von Haß und Liebe, wenn diese
beiden einander die Wagschale halten.
Wahrhaft gerecht ist nur die Sonne.
Schön und strahlend, die lächelnde Mutter eines klaren, eines wundervoll
milden Frühlingsmorgens, steigt sie über den blauen, wolkenlosen Himmel
empor. Wolkenlos? Nein! Überall puffen schon wieder die kleinen weißen
Himmelsschäflein der Schrapnellgeschosse auf, die hinter einem Flieger
hertasten. Immer dröhnt und knattert es. Auch die gröberen Kaliber der
feindlichen Geschütze rühren sich -- es ist halb neun Uhr vorüber,
die Franzosen haben gefrühstückt -- und immer näher brüllen die
Granatenschläge. Aber alle die zerrissenen Bäume und Hecken des
gestorbenen Dorfes funkeln von Sonne, um alle Ruinenzähne und Dachstumpen
webt sich ein feines Geglitzer, und wo die verwesenden Viehkadaver liegen
und auseinanderfließen wie abscheuliche Käslaibe im letzten Stadium ihres
Daseins, da blühen Schneeglöckchen und Gänseblümchen und Aurikeln.
Ein ohrzerreißender Donner dröhnt hinter einer Hausruine, die nur
fünfzig Meter von uns entfernt liegt. Rauch wirbelt auf, Dreck fliegt
empor und Steine spritzen. Ein sonderbarer Geruch. Und eine verkohlte
Mauer, die da drüben gestanden, fällt langsam und ohne viel Lärm in sich
zusammen. Eine feste deutsche Offiziershand faßt meinen Arm: »Wir müssen
gehen. Ich bin verantwortlich.« Da hilft keine Bitte. Und kaum sind wir
ein paar hundert Schritte weit gekommen, so geht hinter uns ein Gedonner
los, wie wir's im Frieden manchmal erleben können beim Schlußeffekt eines
festlichen Feuerwerkes. Die Feldgrauen nennen diese lärmende Sache »das
tägliche Morgenbrot«. Und seit die Franzosen ihr Quantum amerikanischer
Munition gefaßt haben, verabreichen sie dieses Frühstück in reichlichen
Portionen. Vor und hinter dem deutschen Schützengraben wachsen ganze
Alleen von Rauchbäumen, die sich in Dunsthecken verwandeln. Das kostet
viel und macht nur geringen Schaden. Drum antworten unsere Geschütze nur
ab und zu mit einer von den belgischen Granaten, die wir billig bekommen.
Ich schaue zurück. Die Ruinen des Dorfes sind umschleiert von Staub und
Rauchgewirbel.
Über den Kamm einer Feldhöhe müssen wir flink hinüberspringen. Dann
sind wir wieder in dem Dorf, in dem ich übernachtete. Es ist noch leidlich
erhalten, obwohl schon zahlreiche Dächer fehlen. Im Hof eines Bauernhauses
sehe ich eine merkwürdige Sache liegen: eine große, viele Zentner schwere
Kirchenglocke. Auf meinen fragenden Blick zeigt mir der führende Offizier
einen gewaltigen Trümmerhaufen, so formlos, daß ich nimmer zu erkennen
vermag, was da in Schutt versank. Dieser Berg von Steinen, von Staub
und Mörtel, war einmal eine schöne französische Kirche. Nachdem die
Deutschen das Dorf erobert hatten, richteten die Franzosen dieses, ihr
eigenes Gotteshaus so zu, daß man die Ruine sprengen mußte, wenn nicht
durch den drohenden Einsturz deutsche Soldaten erschlagen werden sollten.
Vor der Sprengung bargen die Deutschen mit Lebensgefahr alle Kirchengeräte
und übergaben sie dem Pfarramt des Nachbardorfes. Aus dem Schutthaufen des
Turmes gruben sie auch noch die große Glocke heraus und rollten sie bis
zum Gehöft des Bürgermeisters. -- Wo bleiben die Proteste der Herren
Spitteler und Hodler? Den beiden sollte man eine Freifahrt nach Roye
gewähren, wo die Engländer eine alte, herrliche Kathedrale völlig
zwecklos ohne militärische Notwendigkeit in ein steinernes Sieb
verwandelten, nur aus dem einzigen Grunde: weil sie so miserabel schossen,
daß sie wohl immer wußten, wohin sie zielten, aber nie, wohin sie trafen.
Eine jagende Heimfahrt über das von Sonne schimmernde Land. Schon
umdunstet sich der Westen wieder, alles Leuchtende verschwindet und der
Wind wird rauh. Ehe die huschenden Regenschleier die ganze Ferne umhüllen,
seh' ich für einige Minuten die Türme von Arras herauftauchen und sehe
das von Erdwällen durchschnittene Kampfgelände, wo fast jede Bodenscholle
für einen kommenden Frühling mit Blut gedüngt ist, mit deutschem Blut
und noch mehr mit feindlichem. Die schon im Grau verschwindenden Hügel
da drüben? Das ist die Stätte des deutschen Sieges vom 3. März. Dort
wurden die Sechshundert gefangen, denen die Bewohner von Lille in einer
halb tragischen und halb grotesken Verwechslung der Begriffe so glückselig
zujubelten, als wäre Frankreich erlöst und gerettet. Dieses Ereignis
bekam noch ein sonderbares, für die Lage der Dinge sehr charakteristisches
Nachspiel. Am Tage nach dem für die Deutschen siegreichen Gefechte
stellten sich bei einem von unseren Schützengräben sechsundzwanzig
mongolische Überläufer vom Stamme der Afridi ein. Das ist der
kriegstüchtigste unter den asiatischen Gebirgsstämmen des britischen
Weltreiches. Die Männer dieses Stammes lieben nichts auf der Welt so heiß
und begehrlich wie eine gute Waffe. Für ein scharfschießendes Gewehr und
eine feste Stahlklinge geben sie Haus und Weib als Kaufpreis. Und nun kamen
diese Sechsundzwanzig, ergaben sich den Deutschen und sagten dem Dolmetsch:
sie hätten erkannt, daß die deutschen Waffen besser wären als die
englischen und französischen; man solle ihnen diese herrlichen deutschen
Lanzen, Schwerter und Gewehre geben, dann würden sie mit diesen
siegreichen Waffen für Deutschland fechten!
Das Geschäft war nicht zu machen. Unmöglich!
Die Engländer -- ich bin überzeugt davon -- hätten umgekehrten Falles
diesen Waffenhandel ohne viel Zögern abgeschlossen.
3.
Tagebuchblätter
vom 22. Februar bis 9. März 1915
Bei den Güterhallen und Plätzen von Avesnes sah ich ein fesselndes
Arbeitsbild. Alles hilft da in Eintracht zusammen, Freund und Feind. Unsere
Feldgrauen plagen sich in Soldatentreue zum Vorteil des Vaterlandes, die
Einheimischen ums tägliche Mittagessen, das viele von ihnen nicht hätten,
wenn sie sich's nicht bei der deutschen Armee verdienen könnten. Auch nur
ums liebe Brot, versüßt durch zahlreiche Leckerbissen, arbeitet dabei
eine kluge und fleißige, rührend gutmütige, aber unglaublich robuste
junge Dame von achtzehn Jahren mit. Sie ist auch überaus sittsam. Es wurde
mir amtlich versichert, daß sie bislang noch immer ihren jungfräulichen
Stand bewahrte, obwohl sie sich schon seit längerer Zeit in Frankreich
befindet. Ihre Wohlerzogenheit ist unbeschreiblich. Mit vorsichtiger
Zartheit frißt sie jedem Freunde und Feinde aus der Hand, bittet mit dem
Füßchen (Schuhnummer 217) um ein Stückelchen Zucker und bedankt sich
dafür durch ein auf hundert Schritte noch deutlich hörbares Geklapper
mit den Ohrlappen und durch eine graziöse Neigung des schlanknäsigen
Köpfchens, dessen Hutweite 336 Zentimeter betragen würde.
Wer es nur immer wünscht, kann dieser Dame auf den Buckel steigen, ohne
daß sie dazu auffordert. Und ohne die geringste Einwendung dagegen zu
erheben, läßt sie einen ausgewachsenen Mann auf ihrem jungfräulichen
Nacken reiten. Alle Geduld und Güte ihrer keuschen Mädchenseele ist am
deutlichsten zu erkennen, wenn man sie von hinten betrachtet -- da ist
jede Bewegung und Riesenform die personifizierte Sanftmut! Aber noch viel
unbeschreiblicher als der Reichtum ihres Gemütes sind die erstaunlichen
Arbeitsleistungen dieser Dame. In einer Stunde erledigt sie, was hundert
Packträger an einem ganzen Tage nicht fertig brächten. Mit ihrem
Schnäbelchen, das einem Gigantenfinger ähnlich ist, hebt sie die
zentnerschweren Proviantkisten wie Zündholzschachteln und schwingt die
Getreidesäcke spielend in die Eisenbahnwagen.
Diese für die deutsche Arbeit hinter der Front höchst nützliche Dame
ist die achtzehnjährige Elefantin »Jenny«, welche Hagenbeck für die
Etappenarbeit zur Verfügung stellte. Und daß dieses fleißige, für
Deutschland rastlos arbeitende Fräulein eine Tochter des englischen
Indiens ist, das erscheint mir als ein besonders erquickender Gedanke.
* * * * *
Bei Fourmies stand ich vor einem Wunderbau deutscher Technik. Die Franzosen
haben hier einen Eisenbahnviadukt, der ein dreißig Meter tiefes und
zweihundert Meter langes Tal übersetzt, in seiner ganzen Länge gesprengt.
Sie hofften, daß die Zerstörung einer Brücke, deren Bau mehrere Jahre
erfordert hatte, den Bahnbetrieb der Deutschen auf dieser Strecke für die
ganze Okkupationsdauer lahmlegen würde. Dabei ließen sie die deutschen
Pioniere außer Rechnung. Die haben hier, neben und zwischen einem
Wirrsal von Trümmern, in nicht ganz drei Wochen eine mit genialer
Grazie konstruierte Holzbrücke erbaut, über welche jetzt die schweren
Proviantzüge mit zwei Lokomotiven und fünfzig Wagen hinübergleiten, ohne
daß ein merkliches Zittern des Baues zu spüren ist. Ich guckte von
oben hinunter und guckte von unten hinauf an diesen dreißig Meter hohen,
scheinbar aus zarten Spänen, in Wirklichkeit aus fünfzehn Meter langen
Baumstämmen dreistöckig gefügten Pfeilern -- und ich entblößte meinen
Kopf, wie man's vor einer heiligen Sache tut. Deutsche Arbeit! Welch ein
irdisches Ding könnte uns heiliger sein! Der Gedanke, daß die Franzosen,
deren geistreichstes Kampfmittel in der zwecklosen Zerstörung ihres
eigenen Gutes besteht, uns jemals niederringen könnten, wird beim Anblick
solcher Arbeit eine drollig wirkende Vorstellung. Ich hörte über diese
französische Kampfmethode von einem Amerikaner das charakteristische Wort:
»Das ist nicht mehr militärisch, das ist idiotisch!« Und neulich, bei
einer mehrstündigen Beschießung von Guillemont, haben die Franzosen
keinen deutschen Soldaten getroffen, nur sieben französische Bauernweiber
totgeschossen oder schwer verwundet.
* * * * *
Von den eingehobenen Steuerbeträgen decken die Deutschen pünktlich
alle Gehaltsquoten der Staats- und Gemeindebeamten, solange diese
ordnungsgemäß ihre Arbeitspflicht erfüllen. Diese Bedingung ist eins
von den Mitteln, durch die alle französischen »Regierungsgewalten«
der okkupierten Gebiete, auch die Professoren und Volksschullehrer, bei
andauernder Besonnenheit erhalten werden. -- In einem Städtchen, wo ich
einige Tage Station machte, schwatzte ich gern und viel mit dem kleinen,
achtjährigen Töchterchen meiner Quartierleute. Das liebe Kind, das immer
zutraulicher wurde und mir prompt jeden französischen Sprachschnitzer
korrigierte, berichtete mir in naiver Verwunderung: _Vor_ dem Kriege hätte
der Herr Lehrer in der Schule erzählt, daß jeder deutsche Soldat die
französischen Kinder mit Zündhölzchen brenne und aufs Bajonett spieße
-- und _jetzt_ versichere er täglich, daß es auf der ganzen Welt keine
gutmütigeren und freundlicheren Menschen gebe als unsere Feldgrauen.
-- Ja! Der regulierbare Brotkorb ist ein sicher wirkendes Mittel,
um Frankreichs irrsinnig gewordene Pädagogen zu verständiger
Menschenkenntnis genesen zu lassen.
* * * * *
Eine dankbare Würdigung verdient die kluge, rationelle Landwirtschaft und
Verproviantierungspolitik, die unsere Feldgrauen hier betreiben.
Was die Bevölkerung hier an Vieh und Geflügel zu ihrer Ernährung
benötigt, wurde ihr belassen. Alles übrige Vieh wird von den Feldgrauen
gesammelt, behütet und gemästet, um unsere Armee auf dem Umweg durch
die Feldküchen zu kräftigen. Unsere Feldküchen, ohne deren segensreiche
Existenz die deutsche Kriegführung in den gegenwärtigen Formen mit so
verläßlichem Erfolge nicht möglich wäre, können ruhelos brodeln und
dampfen -- der Materialnachschub wird ihnen nicht ausgehen! Nicht nur das
Nötigste ist vorhanden; zuweilen kann man sogar ein bißchen schlemmen.
Ja! Am gastlichen Kasinotische des Generalkommandos unseres 1. bayrischen
Armeekorps hab' ich herrliche Leckerbissen verzehrt: Blutwurst, Leberkäs
und Schwartenmagen. Und einmal -- in seliger Erinnerung verdrehe ich jetzt
noch die Augen -- da gab es sogar Münchener Weißwürscht! Leider nur zwei
Paar pro Seele. Aber frisch im Felde gemacht! -- Treues Bayernherz, was
begehrst du mehr? Da kannst du auf Hummern, Austern und Kaviar verzichten
und dich aussöhnen mit aller Mühsal des Krieges!
Ganz famos schmecken die =K=-Kipfelchen und das Kommißbrot. In
Wißbegierde nach dem Werdegang dieser grauen und schwarzen Köstlichkeiten
besuchte ich die Bäckerei. Sie ist in zwei großen Meierhöfen
installiert, so praktisch, als wären die beiden französischen Fermen
eigens für diesen schönen deutschen Zweck erbaut worden. Vierundzwanzig
aus Ziegelsteinen gemauerte Backöfen! Wie es da duftet! Nur ein bisserl
warm ist es, sehr warm! Die Besichtigung beginnt bei der Mehlkammer; nach
zehn Schritten steht man vor den Backtrögen -- die knetenden Soldaten
haben Bizepse wie Athleten; von der Teigwage wenden wir uns zum Brotformer:
schwupp, ist der Laib schon weg, im heißen Ofen, und ehe man sich ein
bißchen umsieht, dampft die Wassernetzung auf der braunglänzenden
Brotrinde! Ich versuchte es, mich in den Gedankengang eines
Bäckereisoldaten hineinzuversetzen, der innerhalb seiner Schicht ungefähr
fünfzehntausend dampfende Brotlaibe mit der Wasserbürste überstreicht --
aber ich muß bekennen, daß meine sonst sehr bewegliche Phantasie da nicht
ausreichte. So wird hier Tag und Nacht an allen vierundzwanzig Öfen mit
achtstündigem Schichtwechsel ununterbrochen durchgearbeitet. Bereits
am 15. Januar konnte diese Bäckerei das Jubiläum der viermillionsten
Portion feierlich begehen.
* * * * *
Jetzt, da der Frühling kommen will, pflügen und säen unsere Feldgrauen.
Die meiste Ackerarbeit wird von deutschen Motorpflügen geleistet, die man
aus der Heimat bezog. Als Aushilfe werden den Bürgermeistern Gespanne und
Mannschaften für die Feldarbeit zur Verfügung gestellt.
Diese gemeinsame Arbeit der Franzosen und Feldgrauen auf den
Frühlingsäckern trägt auch ein Erkleckliches zum friedlichen Ausgleich
der nationalen Gegensätze bei. Ich sah einen vierspännigen Pflug: die
zwei Feldgrauen gingen heiter schwatzend neben den Gäulen her, und auf
den beiden Sattelpferden ritten zwei nette junge Französinnen, die sehr
vergnügt waren.
* * * * *
Eine fast unübersehbare Fülle tüchtiger Arbeit wird von unsern
Feldgrauen in Städten und größeren Ortschaften geleistet. Sie haben da
alle besseren Handwerksstätten, die von ihren Besitzern verlassen waren,
in Betrieb genommen und sieden, nur innerhalb eines Armeebezirks, in acht,
zumeist mit dem Maschinenmaterial zerstörter Zuckerfabriken eingerichteten
Brauereien einen gut trinkbaren Tropfen für die durstigen Seelen unseres
braven Heeres.
Dieser ganze riesenhafte, aus der Vernichtung und aus dem Nichts
herausgebaute Arbeitsapparat des deutschen Etappenkörpers funktioniert
mit einer Pünktlichkeit, mit einer so tadellosen Ordnung bis ins
kleinste, daß man nicht eine grobe Kriegsmaschine, sondern den feinen
Präzisionsmechanismus eines genialen Uhrenkünstlers zu sehen glaubt.
Auch Maschinenfabriken, welche stillstanden, wurden in Betrieb genommen.
Wer in solchen Dingen nur ein bißchen bewandert ist, dem springt sofort
ein sehr auffälliger Unterschied zwischen dem französischen und dem aus
Deutschland bezogenen Arbeitswerkzeug in die Augen. Die französischen
Bohrmaschinen und Eisendrehbänke sind nach Systemen von Anno achtzig und
neunzig gebaut, der Mechanismus ist leichtsinnig und wackelig, die
Arbeit ungenau. Wahrhaftig, die deutschen Maschinen stehen neben den
französischen wie ein strammer, verläßlicher deutscher Soldat neben
einem wehleidigen Ohlala! Daß man unsere deutsche Industrie um den
Weltabsatz betrügen wird, brauchen wir wahrhaftig nicht zu besorgen. In
unserer deutschen Industrie stecken die gleichen sieghaften Kräfte wie in
unserem deutschen Volksheer.
* * * * *
Eine tiefe Erschütterung befiel mich beim Besuch einer Werkstätte, die
keinen deutlichen Namen hat, nur »Reparaturstelle« heißt. Hier werden
die Gewehre, Waffen, Armierungsteile und alle sonstigen Fundstücke des
Schlachtfeldes gereinigt und wieder brauchbar gemacht. Durch jeden der
Helme, Tornister und Mäntel, die ich da aufgeschichtet sah wie etwas
tadellos Neues, ist irgendeinmal und irgendwo der harte bleierne Tod
gegangen. Jetzt wird das gesunde Leben sie wieder tragen, zu unserem
Schutz!
Unter den vielen Dingen, die vom Schlachtfeld zu dieser Reparaturstelle
kamen, sah ich eine für Europa sehr wunderliche Beutegattung: die aus
drei zähen Holzarten zusammengefügten zwei Meter langen Bogen indischer
Urwaldleute oder afrikanischer Pfeilschützen! Solche Waffen und solche
Kämpfer gegen unsere Maschinengewehre und Mörser ins Gefecht zu hetzen?
Ist das nicht sinnlos und idiotisch? Ganz abgesehen davon, daß es auch
verbrecherisch ist!
Von den fünfzig oder sechzig Bogen, die ich bei der reichen Schlachtbeute
liegen sah, sind die meisten entzweigebrochen. Das geschah wohl nicht
im Kampfe. Ich vermute, daß die Leute, welche diese Bogen auf dem
Schlachtfeld zusammenlasen, sie aus Neugier und in Unkenntnis dieser
exotischen Waffe nach der falschen Seite zu spannen versuchten. Krümmt
man einen solchen Bogen, der auch ungespannt eine Biegung zeigt, nach
einwärts, so zerbricht er; man muß ihn, um ihn elastisch zu machen, über
die Biegung nach auswärts spannen.
In ähnlich verkehrter Weise versuchten es unsere Feinde mit Deutschland zu
machen. Sie wollten uns klein zusammenbiegen, uns nach einwärts krümmen.
Aber wir zerbrachen nicht. Und _wie_ uns die Torheit der Feinde auch
zu beugen versucht, immer schlägt und wirkt die zähe, unzerstörbare
Spannkraft des deutschen Stahlbogens nach außen hin!
* * * * *
Ich habe da aus der Fülle der deutschen Arbeitsbilder, die ich zu sehen
bekam, nur ein paar ungenügende Stichproben aufgezählt. Wollte man diesem
deutschen Friedenswerk inmitten des Krieges gerecht werden, so müßte man
ein dickes Buch schreiben. Aber auch das Wenige wird ausreichen, um in
der Heimat erkennen zu lassen, wie viel kluge, energische und erfolgreiche
Arbeit hinter der Front geleistet wird, und wie viele Siege des deutschen
Geistes und Fleißes unsere Feldgrauen in jenen scheinbaren »Ruhezeiten«
erfechten, von deren Inhaltsfülle die militärischen Tagesberichte
schweigen. Ebenso viel und ebenso Großes, wie von unseren siegreichen
Kämpfen an der Front, wo die deutschen Truppen unerschütterlich im
feindlichen Feuer stehen, wird die Geschichte des Weltkrieges einmal von
diesen deutschen Wirtschaftserfolgen auf erobertem Boden zu erzählen
haben. Und wenn ich bei der Schilderung dieser Bilder manches scherzhaft
genommen und heiter geformt habe, so soll das den Wert der Sache nicht
verkleinern. Die fröhliche Form ergab sich so, weil Heiterkeit, Ruhe und
froher Glaube die kostbaren Geschenke sind, die ich als schauender Bürger
im Feld empfange. Und wenn ich fröhlich erzähle, wohnt und schimmert
hinter jedem meiner Worte eine Bewunderung, so ernst und tief, daß ich sie
nicht auszusprechen vermag -- und eine deutsche Dankbarkeit, so heiß und
ehrlich, daß ich sie nicht sagen, nur fühlen kann.
4.