Es gibt Bilder, die sich dem in Erregung schauenden Auge so glühend
einprägen, daß sie, wenn man die Lider schließt, immer wieder aus
der Nacht heraustreten und in roten Linien die geschaute Wirklichkeit
nachzeichnen. Ein solcher Nervenreiz, der auf der Netzhaut nicht mehr
erlöschen will, ist für mich das Vernichtungsbild des Forts Boussois bei
Maubeuge geworden.
Vor Wochen schilderte ich die Ruine, in die das Fort Les Ayvelles durch die
deutschen Haubitzen verwandelt wurde. Dieses Bild der Zerstörung schien
mir keiner Übertreibung mehr fähig. Aber was ich damals gesehen
habe, verhält sich zum Untergangsbilde von Boussois wie ein Häuflein
Glasscherben zum Trümmerfelde eines Bergsturzes.
Wenn ich an Maubeuge denke und die Augen schließe, erwachen zuerst die
sinnlos durcheinandergewirrten Linien eines von einer Mörsergranate
erzeugten Explosionsschachtes, der durch den hohen Erdwall trichterförmig
hinunterstürzt in ein Festungsgewölbe und durch die darunterliegende
Kasematte sich noch abwärts bohrt bis in den Keller. Der Schacht windet
sich zickzackähnlich hin und her, als hätte ihn ein Blitzstrahl von der
Dicke eines vielhundertjährigen Baumes ausgebrannt. Und wenn auch die
Sonne eben hineinscheint in den weitausladenden Erdtrichter, so ist doch
drunten in der Tiefe noch immer die schwarze Finsternis.
Ich bin über steile Felswände unserer Berge hinweg gestiegen und habe auf
das winzige Spielzeug der Talwälder über tausend Meter tiefe Abstürze
hinuntergeschaut, ohne daß ich ein Gefühl des Schwindels empfinden
lernte. Aber hier, im zerstörten Fort Boussois, am Rande dieses nur zwölf
oder vierzehn Meter tiefen Kamins, den der brüllende Kriegsteufel
durch drei Stockwerke einer mit Soldaten vollgepfropften Festungskaserne
hinunterschlug bis in das Kellerdunkel -- hier befiel mich ein Schwindel
des Grauens. Hier lernte ich verstehen, was mir immer unglaublich schien,
wenn ich es erzählen hörte: daß eine solche Festung, gebaut, um einer
Welt zu trotzen, sich nach einer Beschießung von wenigen Stunden ergab,
und daß die noch Lebenden der Besatzung wie Wahnsinnige aus dem Tor
herausrannten oder getaumelt kamen wie nach Atem Ringende, wie Erstickende.
Der grauenvolle Anblick dieses Schachtes erläuterte mir auch ein Bild, das
ich am folgenden Tage zu sehen bekam: das Bild des Krüppelsaales im Spital
der französischen Schwerverwundeten zu Avesnes.
Ich wollte diesen Saal betreten. Aber nach dem ersten Schritt über die
Schwelle mußte ich stehen bleiben -- etwas Fürchterliches hatte mir
an den Hals gegriffen. Gegen achtzig Betten. Und jedes Bett hatte seinen
uniformierten Gast. Ein Gewirre bunter Farben. Infanteristen, Kanoniere und
Reiter, Spahis und Turkos, Europäer und Afrikaner -- aber unter ihnen kein
einziger mehr, der ein ganzer Mensch war. Der eine ohne Beine, der andere
ohne Arme, ein dritter mit halbem Gesicht. Einarmige und Einfüßige, mit
Krücken und mit Stelzbeinen, mit umgeknickten Ärmeln und mit aufgebogenen
Hosenschäften, mit Armstummeln, die keine Hand mehr hatten, und mit
Beinstümpfen, die ohne Fuß waren. Bleiche Gesichter und braune und
schwarze, Knaben und Männer. So saßen oder lagen sie auf ihren Betten,
keiner bewegte sich, alle waren unbeweglich, stumm, mit trauervollen oder
stumpf gewordenen Augen. Und dennoch schien es mir, als spräche aus allen
Gesichtern eine heiße Erwartung, eine ungeduldige Sehnsucht. Bei ihnen war
ein junger französischer Arzt, dessen ruhiges Benehmen und mildes Wesen
mir sehr gefiel. Er sagte mir, daß diese achtzig reisefertig wären
seit vier Tagen, und der Zug, der sie durch Deutschland nach Genf bringen
sollte, stünde seit vier Tagen zur Abfahrt bereit; aber die Einwilligung
der französischen Regierung zum Austausch der Kriegsuntauglichen käme
nicht, noch immer nicht. »Das Warten wird ihnen schwerer mit jeder
Stunde.«
Schweigend hatte ich dieses martervolle Bild betrachtet, schweigend die
Worte des Arztes angehört. Meine Gedanken sahen den Jammer, der diese
Sehnsüchtigen in ihrer Heimat erwartet. Und aus meiner Kehle preßten sich
die Worte heraus: »Das wird keine schöne Reise!« Erst sah mich der Arzt
ein bißchen verwundert an -- als hätte ich so mangelhaft Französisch
gesprochen, daß er mich nicht verstehen konnte. Dann nickte er ernst und
sagte: »Sie haben recht! Keine schöne Reise, das!«
Als ich aus dem kühlen stillen Saal hinausgetreten war in die Sonne, blieb
ich stehen, schloß die Augen -- und sah wieder den Granatentrichter des
vernichteten Forts von Boussois. Man versteht das Bild des französischen
Krüppelsaals von Avesnes, wenn man das erschütternde Vernichtungsgemälde
von Maubeuge gesehen hat. Wie viele Stummgewordene, wie viele Beine und
Arme und formlose Menschenreste mögen unter diesen Bergen von Trümmern
noch begraben liegen? Sie bleiben, wo sie sind; es geht ihnen wie den
Kanonen des Panzerturms. Ihm hat eine deutsche Granate die aus Stahl
und Eisenbeton erbaute Decke zerdrückt, als wär's nur die Schale einer
Krachmandel gewesen! Im Innern des Turmes ist das viele Eisenwerk der
Geschützmaschinerie zu so irrsinnig verschnörkelten Klammern und
Polypenformen ineinander gepreßt, daß man die zwei eingequetschten
Kanonen nicht mehr herauszubringen vermochte; sie liegen und hängen noch
immer da und strecken aus dem konfusen Stahlknäuel ihre schon mit Rost und
Grünspan behangenen Mündungen heraus, gleich den aufgerissenen Mäulern
verschmachteter Riesenfische. Und wohin man sonst noch blickt, alles ist
ein Gewirr von Eisenfetzen und Mauerbrocken, von Schutt und Trümmern, von
unbegreiflich zerrissenen Erdformen. Und alles ist öd und menschenleer,
alles trostlos ineinandergeschmolzen zur schauerlichen Todesmaske eines
Unterganges, der keine Auferstehung mehr erleben wird. Noch kommende
Jahrhunderte werden sagen: »So wirkten die deutschen Waffen!«
Solche Waffen besaßen wir und erhoben sie nie und lebten mit allen
Völkern in redlichem Frieden. Nun, da fremde Eifersucht auf die Blüte des
deutschen Lebens uns zwang zu diesem Kriege, nun sollen unsere Feinde auch
die gigantische Gewalt der deutschen Waffen verkosten an ihrem Gut und
Blut! Die Zerstörungsbilder, die ich sehe, erfüllen mich mit Grauen und
Schreck. Aber ich bin ohne Mitleid. Warum ließ man uns nicht in Ruhe?
Übrigens, bei Maubeuge ist auch eine Trümmerstätte zu sehen, die
_nicht_ von der Wirkung deutscher Waffen herrührt: das Schuttfeld der
Munitionsmagazine, deren Sprengung durch die Engländer veranlaßt wurde,
als die Franzosen das weiße Fähnchen aufziehen mußten. Frankreichs
zärtliche Verbündete benahmen sich da nicht sonderlich rücksichtsvoll
gegen die französische Bevölkerung. Englische Offiziere ließen die
gewaltige Sprengung vornehmen, ohne die Einwohnerschaft des umliegenden
Stadtteils vorher zu verständigen. Viele Häuser wurden unter dem
Luftdruck der Explosion zu Ruinen ineinandergerüttelt; und Steintrümmer,
so groß wie erratische Blöcke, flogen als Zermalmungsgeschosse durch
die Hausmauern und durch alle Stockwerke der von Menschen, von Frauen und
Kindern bewohnten Gebäude.
An die Trümmerberge dieses großen Massengrabes mußte ich denken, als
ich gestern im Lazarett zu Lille die ersten Engländer sah, denen ich auf
meiner Frontreise begegnete. Dank der deutschen Pflege, die sie genossen,
erfreuten sie sich schon wieder eines sehr gesunden Aussehens. Von ihnen
erregten zwei meine kulturelle Aufmerksamkeit. Während die halbgenesenen
Franzosen sich dienstwillig mit ihren noch leidenden Kameraden
beschäftigten, überwacht von einem jungen französischen Arzte, der sehr
höflich war und einen netten Eindruck machte, saßen die beiden Engländer
abgesondert und teilnahmslos auf den besten Plätzen beim warmen Ofen. Der
eine las -- vermutlich einen von Englands schmachtenden Romanen --, der
andere rauchte und spuckte. Als mein Führer die beiden ansprach, benahmen
sie sich sehr mißlaunig und ungezogen. Das war nicht der Stolz eines
Feindes, es war nur Mangel an guter Sitte, nur Flegelei. -- Möglich, daß
es meinem Urteil an gerechter Objektivität gebrach; denn während ich die
zwei kratzborstigen Sprößlinge des britischen Leuen betrachtete, empfand
ich selbst auf meiner Schattenseite ein Gefühl, als hätte sich zwischen
meinem Nacken und der tiefer liegenden Gegend jedes kleinste Härchen
gesträubt, das ich da hinten zu besitzen scheine. Dieser unangenehme
Aufbäumungsreiz beschwichtigte sich erst, als ich den Söhnen des
»zivilisierten Albions« den deutschen Rücken zudrehte und wieder
leidende Menschen sah.
Unter den Lazarettpfleglingen befanden sich auch vier Indier, die gerade
jetzt, nach dem unerquicklichen Nachgeschmack des Englischen, in mir ein
erhöhtes Interesse wachriefen, das stark mit Vorurteil und Mißtrauen
gesprenkelt war. Man pflegt doch zu sagen: »Wie der Herr, so seine
Knechte!« Aber da kam eine seltsame Überraschung.
Der erste, den ich sah -- er war schon außer Bett, trug aber noch den
Kopfverband, die deutsche Kugel hatte ihm den Backenknochen durchbohrt und
war hinter dem Ohr wieder herausgeflogen --, dieser erste war einer von
jenen »wilden, grausamen, tigergleichen, riesenhaft gewachsenen« Gurkhas,
von denen die französischen Zeitungen verkündeten, daß sie uns Deutsche
so unbarmherzig in der Luft zerreißen würden, wie es der Teufel mit den
armen Seelen macht. Gallischer Hoffnungstraum! Geträumt von einem Enkel
des Tartarin von Tarascon! Denn der tatsächliche Gurkha, der da
lächelnd vor mir stand, war ein kleines, gutmütig-freundliches,
knabenhaft-zierliches Männlein, in Farbe und Gestalt eine Mischung
von Japaner und Negerchen; er hörte die Fragen, die der Dolmetsch
=Dr.= Walter an ihn richtete, aufmerksam an, beantwortete sie gern und
hatte in den Augen stets eine Schimmersprache, die zu sagen schien: »Seid
mir gut, ich denke nichts Böses.« Sein Kamerad, auch schon außer Bett,
war ein arischer Mohammedaner aus dem Himalajagebiet, gut gewachsen,
grobknochig, mit heiterem Breitgesicht, von so schwacher asiatischer
Couleur, daß er bei uns in Tegernsee oder Lenggries hinter der Zither oder
bei der Schmarrenpfanne sitzen könnte.
Der dritte Indier, wieder so ein »wilder blutdürstiger Gurkha«, lag
noch an einer schweren Verwundung durch Bombensplitter; er ließ nur das
abgezehrte Gesicht und die braunen Finger mit den weißen Nägeln aus der
Bettdecke herausgucken; in der Hagerkeit seines Kopfes und im ekstatischen
Blick der nußbraunen Augen, die, obwohl der Mann ohne Fieber war, einen
fast überirdischen Glanz hatten, glich er einem indischen Büßer; er
sprach demütig, hatte eine suchende Angst in der ruhelosen heißen Fackel
seines Blickes; und wenn er sich für die freundlichen Zusicherungen des
Missionars bedankte, war in der rudernden Geste seiner mit den Spitzen
aneinandergelegten Finger immer der Ausdruck einer inbrünstigen Bitte.
Von seinem Bette gingen wir zu einem Sikh hinüber, der nach
lebensgefährlicher Malaria zu genesen begann. Ein wundervoller Rassekopf
mit blauschwarzem Vollbart, die Stirne mit dem sorgfältig geknoteten
Kriegertuch umwunden. Der Mann schien den Dolmetsch zu lieben; als wir an
das Bett traten, glänzte eine schöne, fast zärtliche Freude in den Augen
des Indiers. Er hatte geglaubt, in der Fremde sterben zu müssen, ferne
von seiner Heimat, und wußte nun, daß er leben und die Ufer des heiligen
Stromes wiedersehen würde. Der neu erwachende Lebensglaube erhöhte noch
die angeborene Vornehmheit, die aus jedem Wortklang und aus jeder
Geste dieses Sikhs herausredete. Sikh -- der Laut bedeutet nicht
einen Volksstamm, er bedeutet: Schüler, Anhänger einer religiösen
Überzeugung, in der sich Mohammedanismus mit überwiegendem Buddhismus
vermischt. Ehe wir gingen, hielt der glanzäugige Krieger lange meine Hand
umschlossen und nickte mir herzlich zu. Und jener lächelnde, gutmütige
Himalajasohn, der einem Tegernseer ähnelte, begleitete uns bis zum Tor des
Lazaretts.
Zehn andere Indier, schon völlig genesen, fanden wir an einem
sonderbaren, von ihnen selbst gewählten Aufenthalt; in einer ehemaligen
Unteroffizierswaschküche der Zitadelle von Lille. Sie hatten diesen Ort
gewählt, weil sie hier in Einsamkeit leben konnten, weil der Herd und sein
Waschkessel es ihnen ermöglichte, ihre Nahrung nach rituellen Vorschriften
zu bereiten, und weil sie hier von allem geschieden waren, was ihnen nach
den Satzungen ihres Glaubens als unrein gilt.
Auf dem Weg zur Zitadelle erfuhr ich manches über ihre Art, sich zu geben.
Sie sind ehrlich in Werk und Wort. Alles Tatsächliche ist von ihnen
zu erfragen; Urteile über die Vorgänge des Krieges und ihre innersten
Meinungen sprechen sie nicht aus. Man mußte erraten, daß es ihr Wunsch
ist: nach dem Friedensschlusse nicht mehr an die Engländer ausgeliefert
zu werden. Heimweh in unserem Sinne scheinen sie nicht zu kennen; sie
haben nur den Wunsch, noch einmal im Leben eine Wallfahrt zu ihrem
Lieblingstempel machen zu dürfen.
Ein stubengroßer Raum, die Decke weiß getüncht, die Wände mit schwarzer
Teerfarbe übermalt. Zehn kraftvolle Gestalten erhoben sich höflich und
begrüßten uns. Alle waren gleichmäßig in das Graubraun der indischen
Felduniform gekleidet, ein paar mit wollenen Mützen, andere mit dem
turbanartigen Kopftuch des Kriegers, und einer mit einem deutschen
Liebesgabenkopfschlauch, der, mit der Gesichtsöffnung über den Hinterkopf
gestülpt, sehr wunderlich gerollt war und viel orientalischer aussah als
die echten Kopfbedeckungen der anderen. Allen gemeinsam war der Feuerglanz
der herrlichen, frauenhaften Augen und das weiße Elfenbeinblitzen des
festen, tadellosen Gebisses in dem braunen, fast immer heiteren Gesicht
-- allen gemeinsam auch eine liebenswürdige, noble Gelassenheit, ein
zutraulicher Frohsinn und der natürliche Adel einer alten Menschenrasse,
an der keine Spuren von Degeneration, nur entwicklungsfähige Eigenschaften
zu bemerken sind, die zum Glauben an einen Aufstieg dieses Volkes
berechtigen. In ihrer äußeren Erscheinung waren sie sehr verschieden.
Einer, von jenem mongolischen Typus, der auch Schönheit in unserem Sinne
besitzt, hatte einen Jünglingskopf von so klassischem Oval und mit so
streng gezeichnetem Schwarzbärtchen, daß ich immer an den Märchenprinzen
Kalaf denken mußte. Ein zweiter erinnerte an jene delikaten persischen
Miniaturen aus der Zeit, in der das Heldenbuch des Firdusi geschrieben
wurde. Ein anderer, schon fünfzigjährig, mit einem kurzgestutzten
schneeweißen Vollbart, der Sprößling einer alten Unteroffiziersfamilie
der indischen Armee, war von derberem Volksschlag, dabei so ruhig,
selbstbewußt und abgeklärt, daß man ihn als einen Bruder von
Anzengrubers Steinklopferhans hätte nehmen können. Einer, mit
phantastisch geformtem Schwarzbart und mit üppig gezopfter, aus dem
Kriegertuch hervorquellender Haarfülle, hatte im Aussehen wirklich
etwas Asiatisch-Wildes -- und war dabei von allen der gutmütigste und
freundlichste. Und einer, größer als ich, ein junger schlanker Sikh,
war von geradezu verblüffender männlicher Schönheit -- war, was man
ein Fressen für einen Maler oder Bildhauer nennt -- und gab sich so
bescheiden, hatte eine so reizvoll verlegene Schüchternheit wie ein
Mädchen mit zartbesaiteter Seele.
Die Indier standen mit verschränkten Armen oder saßen mit gekreuzten
Beinen um das sehr heiße Herdchen herum, an dessen glühenden Kohlen sie
Obst und Kartoffeln brieten. Der Dolmetsch stellte mich ihnen -- (jetzt
dürfen meine Leser nicht lachen!) -- als einen »Weisen meiner Heimat«,
als einen Brahmanen des deutschen Volkes vor. Gleich nahm einer von den
Indiern, _auch_ ein Brahmane, die charakteristische Buddhastellung
ein, erhob den Zeigefinger der linken Hand und überreichte mir, seinem
fremdländischen Kastenbruder, mit würdevoller Freundlichkeit als
Gastgeschenk eine deutsche Liebesgabenzigarre. Ich bot zum Gegengeschenk
mein Zigarrenetui herum. Rauchend saßen wir um den schwelenden Herd, der
mich schwitzen machte, und der Dolmetsch begann die Unterhaltung. Als ich
das Alter des fünfzigjährigen Weißbartes erfahren hatte -- ich glaubte
jünger auszusehen als er --, ließ ich ihn fragen, für wie alt er mich
hielte. Er betrachtete mich aufmerksam und sagte: »Gegen dich bin ich ein
Jüngling, du bist zehn Jahre älter als ich.« Da das letztere stimmte,
konnte ich gegen das erstere nichts einwenden.
Bei dem Verhör, das nach ihrer Einbringung mit ihnen vorgenommen worden
war, hatten sie übereinstimmend ausgesagt: sie wären eingeschifft
worden, ohne den Zweck und das Ziel der Reise zu kennen; während der Fahrt
erfuhren sie, man hätte sie in Ägypten nötig; dann hieß es, die Reise
ginge nach Malta; und im Mittelländischen Meer sagte man ihnen, daß
England von den Deutschen in hinterlistiger und treuloser Weise mit Krieg
überfallen worden wäre, und daß sie als redliche Söhne Indiens der
Mutter Britannia tapfer beispringen müßten. Und jeder müsse sich hüten,
lebendig in die Hände der Deutschen zu geraten, denn die Deutschen martern
die gefangenen Feinde, zwingen sie, Schweinefleisch und andere unreine
Dinge zu essen, stechen ihnen die Adern auf und schneiden ihnen die Hälse
ab. Um sich vor solchem Schicksal zu bewahren, hatten sie gekämpft bis zum
Versagen ihrer Kräfte, mit Messer und Zähnen. Die Wahrheit, die sie bei
der sorgfältigen Pflege der deutschen Ärzte erkannten, hatte in ihnen
ein frohes Staunen geweckt, hatte sie heiter, zutraulich und vertrauensvoll
gemacht. Ich ließ sie fragen, wie sie _jetzt_ über die Mutter Britannia
dächten? Die Indier schwiegen. Unter allen guten und liebenswürdigen
Zügen, die ich an ihnen beobachtet hatte, gefiel mir dieses vornehme
Schweigen am besten. Dann sagte der schöne junge Sikh, mit einer heißen
Erregung im braunen Gesicht: »Wir haben den Fahneneid geschworen.«
Beim Abschied reichte mir jeder freundlich die Hand. Und was ich in der
Waschküche der Zitadelle von Lille erlebt hatte, gab mir zu denken. Läßt
sich von den zehn Männern, die ich da kennen lernte, ein Schluß auf die
menschlichen Werte der Millionen ihrer Brüder ziehen, so sind die Indier
ein Volk, dem eine bessere, eine freie Zukunft kommen wird und kommen muß.
Als ich von der stillen Zitadelle dem Lärm der Stadt entgegenwanderte,
hörte ich aus der nördlichen Ferne den Donner englischer Geschütze.
Das war ein Geräusch von unanzweifelbarem Wahrheitscharakter. Man muß
gerechterweise zugeben: wenn die Engländer ihre Kanonen reden lassen,
lügen sie _nicht_! Vielleicht kommt das von der Tatsache, daß sie in
großen Quantitäten neutrales Pulver beziehen.
An einem der nächsten Tage werde ich bei Hollebeke und Ypern ihre
Stellungen sehen. Und heute erfuhr ich noch, daß der englische General
einer indischen Brigade, als von deutschen Flugzeugen die Verkündigung des
Heiligen Krieges herabgeflattert war, an die mohammedanischen Indier seiner
Truppe einen Tagesbefehl des Inhalts erließ: »Es gibt keinen Heiligen
Krieg. Die Deutschen sind Betrüger und Lügner. Ihr werdet mit Verachtung
auf sie herabsehen, wie der Kluge auf den Dummen!«
Ob dieser wahrheitsliebende General nicht eine Nachblüte des edlen Sir
John Falstaff ist, der in England nach glaubwürdigem Zeugnis viele, viele
Kinder seines Geistes hinterließ?
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