Grau erhielt einen Brief von Adele. »Warte! Mama ist besser, ich will mich
ihr anvertrauen. Habe Geduld!« Er traf die Schwestern Sinding auf der
Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig kamen sie auf Adele
zu sprechen.
»Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell,« sagten die Schwestern. »Sie soll
ja in den allernächsten Tagen reisen.«
»So?«
Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen erstaunt anblickten.
Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen reisen, nur wußte niemand
wohin und mit wem. Der Stadt stand eine kleine Überraschung bevor.
Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten, Wochen, Monate, Jahre,
wenn es sein mußte, es war ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es
durfte.
Mit jedem Tage wurde sein Herz reicher, es frohlockte, es sang in seiner
Brust. Er ging durch die Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren
seine Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher, seine
Augen waren heller, goldener geworden in den letzten Tagen, er lächelte und
seine Wangen waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte er und
er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht hatte. Ganze Strecken lief
er dahin, den Hut in der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet.
Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von allen Seiten auf ihn ein,
unausgesetzt, und dabei pochte immerfort das Herz in seiner Brust, pochte
und klopfte und zitterte. Reiche Tage waren das.
Wie aber waren Graus Nächte?
Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie würde er sie vergessen
können! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel
emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war kein Platz
am Himmel leer. Da schimmerten sie, die großen Sternbilder spannten sich
gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg
herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein
blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten
Sternen abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten große
Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte.
Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlüpft und wieder erhascht,
oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden.
Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzückten ihn. Sie
zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen überkam ihn,
Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen Walde, so war
er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und würde ihnen
nicht näher kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser Stunde ein ihm
verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor
Entzücken und Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den
unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den
unverständlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er
taumelt, er möchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran.
Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht
leer, sondern von Geistern erfüllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes
und plötzlich könnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst
du es?
Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit
zu sein.