Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefühl, als sei seine
Brust angefüllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er spürte den Schein
seiner Augen.
Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt, die Blumen
leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen
strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der
Frühsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor
gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen
ihm zuzulächeln.
Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe.
Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen mußten
angeknüpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten,
arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine
Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes Leben neu; keine
Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, tätiger mußte er werden!
Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht
und fragte neugierig, aber Grau ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf
Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. »Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!«
War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen lächelten? Da gingen sie
dahin mit einem kleinen Glück im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu
erfassen, sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah ihn jemand
an, so hatte er sofort ein freundliches Wort für ihn. Die Leute sahen ihm
erstaunt ins Gesicht. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften,
roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr
eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte mit ihm, ermutigte
ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen
Bart Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz im
Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der
Schule und als er damit fertig war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen
und lud sich eigenmächtig bei der »ewigen Braut« zum Kaffee ein. Er traf es
günstig, Fräulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand
ein Strauß von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie
plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Fräulein Sperling
legte den weißblonden Kopf auf die Seite und lächelte Grau kokett zu.
Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein
Ende nehmen?
Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand irgendwohin. Er wartete
oben auf der Höhe. Da saß er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors
Gesicht und lachte und weinte.
Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser Glanz vor ihm, dieser
Reichtum, so unerwartet und plötzlich! Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück
beschieden wurde, warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück? Er
konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die Zukunft denken, nein, das
blendete, er konnte nicht an die vergangene Nacht denken, nein, nein, das
funkelte. Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen im Walde
zwitscherten --
Adele kam nicht in der ersten Nacht, auch nicht in der zweiten und dritten.
Aber Grau erhielt ein Billet. »Mama ist nicht wohl. Ich bin dein, warte!«
stand darin, sonst nichts.
Gewiß, er wartete!
* * * * *
»Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein Herz,« sprach Grau zu seinem
Herzen. »Freude und Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal.
Jubele!«
Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust.
»Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und unten, alle Dinge sind
freundlich. Es ist schön die Augen zu schließen und in die Brust
hineinzublicken, wo es funkelt von Herrlichkeiten.«
Die Tage waren schön, und schöner noch waren die Nächte. Die Tage waren
sonnig und heiß, die Nächte warm und nahezu silberweiß vom Mond und den
vielen, vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet und funkelte
wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß. Freundliche Wolken zogen langsam
über den tiefblauen, glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der
gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal regnete es, nur
fünf Minuten lang, während die Sonne schien, dann war die Luft um so
köstlicher und alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker.
Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er plötzlich zu sich sagte:
Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien geben, wie? Zwei, drei Tage, an
denen ich nur das Notwendige verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und
wandern, schauen und fühlen.
Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem
Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die
sich schwer neigten, wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung
eines Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude erfüllte seine
Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt, geschmückt. Zuweilen nahm er
Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder
sorgfältig ein.
»Ich darf ja nicht daran denken,« sagte er und lachte und schüttelte den
Kopf. »Es ist ja zuviel!«
Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt hatte, es sang und klang
im Tale, und er dachte an all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie
es wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den Werkstätten, den
Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, daß es immerzu
lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine
Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in
jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf
der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert,
jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein
als die Vögel im Walde?
Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war
saftig und vom tiefsten Grün. Er ging nach Hause und legte sich in seinem
kühlen, dämmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er
ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Köstlichkeit seines
Schlafes. Dann kam ein großer Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor
eine Orgel setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle und hatte
nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste die Orgel: Auf, auf! Und er
fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken.
Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als er zwischen Obstgärten und
Weinpflanzungen empor zur Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau
legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, stützte den Kopf in
die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wußte, daß Adele
erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war.
Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen, die gleichsam
zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer über die Ebene. Der
Fluß brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von
dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf den Höhen
erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er
verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte
der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne blitzte ein
kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es plötzlich still
geworden. In der Stadt läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig,
bis die erste Grille zu zirpen begann.
Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf,
groß und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und
jetzt kam die Nacht.
In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles Licht, aus der
Stille kamen merkwürdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein
warmer Strom von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit Leben.
Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben, das Silber des Mondes auf
den Schwingen, Käfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein
Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von Sternen, der Mond ging
auf.
Die Sommernacht funkelte.
Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut
oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes,
das Gute wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmälern und
Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg
des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird
vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde
vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst? Wenn du kalt bist und spottest,
vielleicht hätte er dir eher die große Missetat vergeben.
Es rauschte! War sie es, die kam?
Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die Stunden nicht zählte. Er
lag im Grase und atmete. Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er
und endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume, die Gräser.
Und er lächelte.
Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie?
Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch die Erde, deshalb atmete
sie und alles, was auf ihr ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere,
alles, alles atmet.
Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert und bis in die
kleinsten und fernsten Teile immerzu bebt von der großen schwingenden
Kraft! Wir fühlen sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die
Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die Erde schwingt, so
schwingt das Blut in den Adern der Menschen.
Und überall pocht und pulst und bebt es! In den Urwäldern, den Sümpfen, wo
es gurrt und miaut, in der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub
ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts als ein einziges
großes pochendes Herz!
Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes Herz! All, all das
zu denken!
Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf.
Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein, es war ein Reh, das aus dem
Walde trat um zu äsen, ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den
dünnen Läufen bewegte.
Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke dahintragen. Es
schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes Meer.
Er lauschte erstaunt: In seinem linken Ohre sang jemand ein Lied!
* * * * *
Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses Glück? Zuweilen fuhr es
über ihn dahin wie ein heißer, erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm
leise und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es vor ihm ruhig und
unendlich wie ein goldenes sanftes Meer.
Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe, seine Augen waren
schärfer geworden, seine Ohren feiner, sein Gefühl lebendiger. Er fühlte
wie das Zittergras zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen
wunderschönen Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig eines
Baumes schwankte. Es war so schön in dieser Welt zu leben, wo alle Dinge so
schön und sinnreich waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die
Blumen, ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben der Sonne
aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind aber nicht nur schön, sie
stehen nicht umsonst da, sie sind notwendig für die Quellen und die Luft;
da hast du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist nicht umsonst
da, sie befruchtet die Blumen. Da hast du --. Alles, alles verschlingt
sich, verwebt sich, jedes kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen,
geheimnisvollen Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch, nichts anderes
als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst der Welt ist er. Er mag ein
Unternehmer sein, der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein
Denker, einerlei -- er arbeitet für Geld und Ruhm, ja, und doch dient und
wirkt er, ob er will oder nicht, der Unternehmer, der die Bahn baut, dient
der Verbrüderung der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit, der Künstler
verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker vertieft ihren Sinn -- alle,
alle arbeiten sie für den kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der
Traum der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der Mensch, verwebt
mit dem was lebt und tot scheint, verwandt mit dem Grase und der Eiche, dem
Pferde, der Luft und den Sternen.
»Weiter, weiter! Gehen und wandern!«
Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat in die blendende Sonne. Er
prallte zurück. Was war das, was mitten im Tale stand in der flimmernden
Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom Mensch! Seine Füße
standen im Tal und sein Haupt reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein
Leib leuchtete in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne.
Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau schloß die Augen, eine
ungeheure Erschöpfung lähmte seine Glieder. Er setzte sich in das Gras und
lächelte. Wie herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten
dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen! Ja, das war er,
dachte Grau, der Mensch, das Phantom! Der Mensch mit seinen Gebräuchen und
Sitten, seinen Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen und
Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben und Maschinen, seinen Wünschen,
seiner Sehnsucht, seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz,
seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker als der Elefant,
schneller als der Vogel, mit köstlichern Gesängen als des Vogels Lieder
sind.
Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie es glänzt und dunkelt und
blitzt unter der Wimper, die sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie
sich seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch.
Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain, ein Volk wie ein Baum, der
seine Zeit hat, aber der Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und
wächst und wächst! --
Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah ihn ja ganz deutlich, wie
kühn, wie herrlich, nie mehr werde ich diese Erscheinung vergessen.
Er sprang auf. »Weiter, weiter, gehen und wandern, meine reichen Tage sind
gekommen.«