Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine
Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes
Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald
war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte er, bald schüttelte er sich,
er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein
junges Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief.
Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins
Wasser falle. Knistern, Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in
der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde?
In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nächsten da
war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer
andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie
mit einer Geliebten.
Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden Lichtern erschien wie
eine große warzige Kröte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an
den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet,
aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden
Silberwellen.
Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken
flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dächer der
Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich zerrissen
sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wütende Schmiede
arbeiteten. Die Funken sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten.
Die Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die Blitze gleichsam über
den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war
kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen, so daß er
lange nichts andres denken konnte.
Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und Graus Herz war still und
lächelnd und voller Liebe.
»Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie schlafen,« dachte er, »und
sonnige Wiesen, wenn sie wachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den
Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!«
»Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor den geängstigten Menschen
tanzen und spielen, ich möchte ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe
des Gefängnisses setzen und meine schönen Farben zeigen.«
»Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern der Häuser wachse und
die Tannen Wein und Früchte tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.«
»Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden in die Lande, damit der
Hader und Zank endigte.«
»Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden, damit sich alle Herzen
entzündeten zu friedevollem Wettkampfe. Das möchte ich!«
Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz hatte, winkte leise mit
der Hand und sagte: »Allen, allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem
Mißmutigen einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige, jeder Flöte will ich
ihm einen Ton schenken, von jedem Vogel ein Federchen, das er entbehren
kann, von jeder Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem
Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen, das jetzt lacht, einen
Gruß, und dir, dem Schwarzen einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche
arbeitet und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!«
Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da Grau wartete.
Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und sich umblickte. Das
glänzte! Der Fluß, die Stadt, die Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte!
Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da stand er und staunte. Das
war ja sein Glanz, des großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern und
Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er diesen Glanz vorher gesehen.
Das Firmament, war es nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die
Erde beugte?
Gott?
Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte? Unfaßbare Formen,
verwirrende Gebilde. Sein Gedanke ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang,
seine Blicke schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein Blick fiel
auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt der Erde sprang der Mensch. Das
Heben seines Lides kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides ein
neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor.
War er so? Er, er? Er, nach dem die menschliche Sehnsucht irrt wie ein
Hund, der die Spur des Herrn sucht.
Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze, die über die Mauer
schleicht und in mir? Blickt er ewig auf mich mit einem seiner ungezählten
Augen? Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in mir, in
jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine Gedanken? Duftet er aus der
Blume?
Ist er in den Sternen, im Licht?
Oder ist er fern von allem, fern, fern von der Erde und wirft nur in
Millionen Jahren einen Blick auf sie.
Ist er in der Bewegung -- oder ist er das Einzige, das ruht?
Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem Garten mit den Menschen
wandelte, oder im Donner redete oder auf einer Wolke dahin fuhr.
Wir können ihn ja nicht mehr denken -- aber wäre er nicht weniger groß,
wenn wir ihn denken könnten?
Er ist eine Sehnsucht!
Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu denken?
Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an, Glanz blendete ihn. Er
zitterte, sein Herz stand still und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er
hatte Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte sein
Gesicht.
Wozu fragen, wozu denken, wozu Worte? Niederfallen, knien, sich beugen,
beten, das ist alles, es gibt nichts andres.
Grau ging hinein in den Wald, wo es ganz dunkel war.
»Vergebung!« sagte er. Der Wald rauschte.
Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. »Goldener Gott!« flüsterte
Grau. »Auch hierher folgst du mir?« Er schloß die Augen -- da fühlte er den
Duft des Waldes. »Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig für ein
Menschenherz.« Er roch den Duft nicht mehr, da begann sein Herz zu pochen,
fürchterlich schlug es. »Auch hierher folgst du mir!«
Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge in ihm zu funkeln. -- Er
kniete nieder und beugte das Haupt. --
Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Walde trat, war er ganz blaß und
erschöpft. Er lächelte matt und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte
gebetet zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht, Adele würdig zu werden.
Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich freier und glücklicher
gefühlt.
»Komm, Adele!« rief er. »Ich bin bereit! Komm!«