Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Hätte er gewußt --

»Unsinn!« sagte Lenz und lachte. »Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein

Name, Herr Pracht!«

Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure.

»Gut!« sagte Lenz und lachte. »Die Herrschaften haben gesehen, daß ich

diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand

hinstreckte und meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins

Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!«

Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte ihn hinaus durch den

Garten, er öffnete ihm höflich die Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr

Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte.

Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände und bat die Gesellschaft

wegen der kleinen Störung um Entschuldigung.

Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit

herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz' ich hier. -- Niemand

konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers,

der Widerhall riesiger Fässer -- alles. Niemand konnte wie er den Wein im

Glase anlächeln, mit einem verliebten gönnerhaften Lächeln, niemand konnte

wie er mit solch königlicher Geste das Glas erheben.

Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn

Schwestern mit eisernen Nasen -- sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen

und sandten ihn nach Freiern aus -- eine Hexe vollständig aus Eisen --

niemand könnte diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte

herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig vergessen. Die

Mädchen tranken und ihre Wangen wurden röter, ihre Augen glänzender. Sie

sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore --

Als ich noch im Flügelkleide -- Der Mai ist gekommen -- Mütterchen hörte

andächtig zu. Als die Fröhlichkeit den Höhepunkt erreicht hatte, sangen

sie: Ich weiß nicht was soll es bedeuten --

Auch die »ewige Braut« fühlte sich zu Hause unter den jungen Mädchen, sie

sang indem sie den blondweißen Kopf hin und her auf den Schultern wiegte

und man hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon

zu Ende waren.

Dann lachte sie.

Eisenhut sang nicht, aber er lächelte.

»Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!« rief Adele und sah ihn an. Eisenhut

kam in Verlegenheit. »Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr

unrecht getan,« fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten, »vergeben

Sie mir!«

Eisenhut sagte: »Ach, das ist ja -- haha -- schon -- so lange her -- wie?«

Später erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im

Süden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es Grau ins

Ohr.

Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und als die Sonne unterging

blendete sie all den jungen Mädchen ins Gesicht. All die singenden Lippen

und strahlenden Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen blitzten.

Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief sie ein.

Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte Grau ein kleines

Paketchen in die Tasche. »Nimm!« sagte sie geheimnisvoll. »Wie soll ich dir

doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich

sie war!«

Der Tor: Roman · 第 55 / 86 题