Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder
öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende
nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet
hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück
fortwährend die Brille. »Welche Freude -- daß sie uns die Ehre schenken --
an Susannas Ehrentage.« -- Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz -- anders
hatte es Mütterchen nicht getan. »Willkommen« stand darauf und Mütterchen
hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war
immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie
keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.
Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen.
Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu
einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein
Sperling kam, die »ewige Braut«. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen.
Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu
gerührt mit dem Kopfe.
Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und glänzenden Augen und
roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten
soviel wie ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht. Sie
brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht hätten, und füllten
das Zimmer damit an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte
Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen Rosen. Die Schwestern
Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den
Kopf setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände.
Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg.
Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach
kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein
kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle vergnügt anstarrte. Der
Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war
Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er
sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mädchen kümmerten
sich nicht um ihn.
Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mütterchens Bett
und schafften es in die Küche. Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch
Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch
herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in
Ordnung und das Fest konnte beginnen.
Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her
gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das
hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt sich gut und ohne
jede Pause.
Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten
all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden
Mädchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern,
lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an
seine Schulter.
Er drückte ihr die Hand.
Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen plötzlich einen Schrei
aus: Ein bärtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme
sagte: »Guten Tag, allerseits!« Es war der Lehrer.
Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem Halse.
Wie kam er doch hierher? »Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe
eben ein Engagement von einem Theater gehabt -- als König Lear zu gastieren
-- habe aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hörte!«
Es war ihm glänzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glänzend und
fürstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron
hatte er förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art
Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben. Als ob das so einfach
wäre --!
Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche
Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals
hatten ihn seine Freunde so fürstlich aufgenommen. Hahaha!
Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nämlich
tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Gruße hinstreckte.
»Mein Name ist Pracht!« sagte er. »Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie
zu kennen.«
»Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine
Hand!«
Aber Herr Pracht kannte ihn nicht.
Lenz streckte ihm die Hand hin.
»Genug, genug!« sagte er und lachte herzlich. »Hier ist meine Hand! Frieden
wollen wir schließen.«