Achtes Kapitel

Eisenhut nahm eine demütige Haltung an. Er nickte und schloß die fleckige

Tür mit dem kleinen Guckfensterchen auf. Er verneigte sich und sagte mit

demütigen Augen und einer linkischen, rührenden Handbewegung: »Treten Sie

ein in mein Haus!«

Im Hause war es ganz dunkel und es roch dumpf und feucht wie in einem

Keller. Etwas raschelte und sprang über Graus Füße. »Es gibt Ratten hier,

deshalb bewohne ich den ersten Stock,« sagte Eisenhut und zündete eine

kleine Talgkerze an.

Grau blickte sich gespannt um: In der Ecke stand eine alte Holzfigur, ein

Heiliger, dessen Arme abgeschlagen waren.

Grau nickte. Ich bin aber noch nie in diesem Hause gewesen, dachte er und

starrte die Figur an. Er war wie betäubt.

Eisenhut öffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter, das das Treppenhaus

abschloß. »Eine alte Figur, die ich auf dem Speicher fand. Bitte!«

»Ja!«

Kaum hatte Grau einen Fuß auf die Stufen gesetzt, als es im ganzen Hause

schrill zu läuten begann. »Das sind Alarmglocken. Ich wohne ganz allein im

Hause.«

Vor Eisenhuts Zimmern im ersten Stock stand ein kleines braunes Hündchen

mit einem Backenbart wie ein Oberkellner, und wedelte vergnügt mit dem

Schweife und streckte die Zunge heraus.

»Sehen Sie her!« sagte Eisenhut und schüttelte den Kopf. »Solch ein Hund!«

Er stampfte mit dem Fuße und rief: »Warum bellst du nicht, wenn ein Fremder

kommt!« Das Hündchen rannte entsetzt davon und kroch unter einen Diwan.

Eisenhut stellte die Kerze auf den Tisch und sank erschöpft auf den alten

Lederdiwan. Er schloß die Augen und sah aus wie ein Greis. Er zitterte am

ganzen Körper.

Das Zimmer war eine Art Halle und hatte eine gewölbte Decke und zwei breite

Fenster in tiefen Nischen, der Boden war krumm und knarrte bei jedem

Schritte; ein mächtiger hellbrauner Ofen in der Form eines Würfels, der auf

vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan, ein hoher zerrissener Sessel mit

geschnitzter Lehne, ein großer schwarzer Schrank, einige Stühle, der Tisch,

das war alles, was im Zimmer stand. Die Wände waren vollständig nackt, nur

an dem Pfeiler zwischen den Fenstern hing ein Bild, jedoch bis zur

Unkenntlichkeit vom Rauch geschwärzt. Die Fenster waren ohne Gardinen, das

Zimmer kahl und unordentlich, man konnte glauben in einem Gefängnis zu

sein.

Es war eisig kalt hier.

Plötzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet, Eisenhut verfolgte

ihn mit den Blicken. Er lächelte spöttisch. Dann begann er zu sprechen,

aber die Stimme versagte ihm, er räusperte sich und begann von neuem.

»Weshalb gehen Sie denn nicht?« fragte er heiser. Er zitterte.

»Davon ist nun gar nicht die Rede. Vor allen Dingen will ich Feuer

anschüren,« versetzte Grau. »Wo kann ich Holz finden? Sie müssen trachten

ins Bett zu kommen, Herr Eisenhut.«

Eisenhut schloß wieder die Augen; er wiegte den Kopf hin und her und

murmelte, daß er gewohnt sei, in den Kleidern zu schlafen.

Grau ging hinaus und suchte die Küche. Hier fand er einen großen Haufen von

Tannenzapfen, Ästen, Stücken von Latten und Splittern von Bauholz. Das

zerbrochene Rad eines Kinderkärrchens lag dabei, ein Peitschenstiel, ein

unbrauchbarer Kochlöffel und viele Dinge, wie man sie auf der Straße finden

kann. Auf ein Bord waren Kohlenbrocken gelegt, geordnet zu einem langen

Zuge, Stückchen um Stückchen, einige Reihen. Ebenso entdeckte Grau auf

einem Gesimse eine Sammlung alter Eisenteile, Schrauben, Nägel, Hufeisen,

das Stück einer Eisenbahnschiene und einen Türdrücker.

Grau füllte den gelben Ofen mit Holz und machte Feuer. Dann kam er wieder

aus der Küche zurück mit einem Kochtopf voll Wasser, mit Tellern, Messern,

Brot und einem riesigen Stück Speck, das er in der Küche entdeckt hatte. Er

stellte den Topf auf den Ofen, schnitt Brot und Speck und hantierte

lautlos, während Eisenhut auf dem Diwan saß und zu schlafen schien.

Zeitweise öffnete er ein Auge und lächelte spöttisch. Das kleine Hündchen

streckte die Schnauze unter dem Diwan vor und verfolgte jede Bewegung

Graus.

Der dicke Ofen begann zu prasseln und zu fauchen, manchmal knallte es wie

Schüsse in seinem Innern und weißlicher dicker Rauch quoll aus den Fugen.

Es war lange still. Dann ging Grau hinaus und holte Gläser aus der Küche.

Eisenhut blinzelte. »Sie bemühen sich!« sagte er leise. »Sie bemühen sich!«

Er lächelte spöttisch.

Grau lächelte und antwortete freundlich: »Die Mühe ist sehr gering, Herr

Eisenhut. Wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, so sagen Sie mir,

bitte, ob ich nicht etwas Kognak finden kann.«

Eisenhut lächelte und deutete auf den alten schwarzen Schrank.

Dieser Schrank sah im Innern aus wie das Schaufenster eines

Branntweinfabrikanten, er war angefüllt mit Flaschen von allen Größen und

Farben und Formen, zierlichen Flakons, dicken Bocksbeuteln; Eisenhut schien

auch Liebhaber von Phantasieflaschen zu sein, da stand eine Flasche aus

zwei Kugeln, ein pechschwarzer Neger in rot-weiß-gestreifter Badehose und

mit weißen lachenden Zähnen, und andere Sehenswürdigkeiten. Eine Menge von

Kerzenstumpfen und Zigarrenresten, ein Revolver und ein Fernglas lagen in

dem obersten Fach, das mit staubigen Weinflaschen vollgestopft war.

»Ah, das ist ja ganz prächtig,« sagte Grau. »Hier haben wir alles was wir

brauchen.«

Er bereitete Grog und stellte ein Glas vor Eisenhut. »Bitte,« sagte er. Er

blickte im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Wie häßlich

Sie doch wohnen, Herr Eisenhut! Ein Mann wie Sie, Gott stehe mir bei! Wie

schön könnten Sie es hier haben, eine freundliche Farbe an den Wänden,

Vorhänge, ein hübscher Teppich. Ein paar Bilder, die Sie erfreuen, so oft

Sie sie ansehen, eine Uhr mit einem langen Pendel, die Ihnen die Zeit

vormißt und etwas Lärm macht. Sie könnten es schön haben, daß es eine

Freude wäre, zu Ihnen zu kommen.«

»Sie haben auch keine Bücher hier. Ein Bord mit schönen Büchern. Wenn Sie

allein sind oder müde, dann könnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen

bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich für meine Person. Es gibt so

herrliche Bücher. Die ganze Welt ist darin, alles was die Menschen gedacht

und gefühlt haben. Sie können in der Gesellschaft von wirklich großen und

außerordentlichen Menschen leben, die alle wie Freunde zu Ihnen sind. Sie

finden Friede, Ruhe und Halt, Freude, Schönheit und Rat. Sehen Sie, hier an

dieser Wand, da könnten die Bücher stehen. Ich werde mit Ihnen in den

nächsten Tagen zum Buchhändler gehen. -- Wollen Sie nicht den Grog trinken?

Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wünschen Sie ihn ein wenig stärker?«

Eisenhut schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen.

»Seien Sie kein Narr! Ich will Ihnen die Schuhe ausziehen, es wird warm

hier, alle Wetter! Das ist gut für uns beide.« Grau zog ihm die Stiefel

aus. Eisenhut richtete sich auf und blickte sich nach dem Hündchen um. Das

kleine braune Hündchen verschwand blitzschnell unter dem Diwan und zerrte

ein Paar alte Pantoffeln hervor.

»Was für ein hübsches und kluges Hündchen!« sagte Grau. »Ich darf ihm doch

etwas Speck geben? Du hast deine Sache ganz außerordentlich gut gemacht!«

Wä! Wä! Wäwä!

»Schon gut, schon gut! Siehst du, das hat mir gefallen, schleppst die

Pantoffeln für deinen Herrn herbei und bist selbst so klein. Nun auf Ihre

Gesundheit, Herr Eisenhut, auf unsere Gesundheit, raffen Sie sich auf,

stärken Sie sich!«

Eisenhut schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin. Sein Auge war trübe

und hoffnungslos. »Es ist alles vorbei!« murmelte er leise und nickte. Er

schlürfte langsam den heißen Grog, er zitterte immer noch. Grau machte ihm

ein zweites Glas zurecht. »Nein, nein!« sagte Eisenhut, aber er schlürfte

auch dieses Glas. Es wurde warm und er hörte auf zu zittern.

Plötzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf Eisenhuts Schulter und

dann umarmte er ihn. »Ich bin als Freund zu Ihnen gekommen!« flüsterte er.

Eisenhuts Schultern bebten.

Es war stille und die lange Ofenröhre ließ einen hohlen surrenden Ton

hören. Vom Marktplatze herauf drang der fröhliche Lärm einer Gesellschaft,

die sich verabschiedete. Gute Nacht, gute Nacht -- huhu!

»Glauben Sie an die Hölle?« fragte Eisenhut leise nach einer Weile.

»Nein.«

»Sie glauben nicht daran?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.«

»Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle. Ja! Hören Sie wohl, es

gibt eine Hölle, sage ich Ihnen! Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die

Hölle, ich bin die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle. Meine

Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle, meine Träume! Ich kann einen

Hund vor mein Haus legen, daß niemand herein kommt, aber -- frage ich Sie

-- kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein Herz legen? Wenn ich wache,

da kann ich mich betäuben, ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht

meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe --? Sie träumen, daß ihr Körper

mit Aussatz bedeckt ist, mit Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was

ist das? Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine Spinne sitzt auf

ihren Augen und saugt sie aus. Das ist entsetzlich!«

»Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen, die fröhlich und guter Dinge

sind? Warum kann ich nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht's? und dabei

lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft -- ich hasse die

Menschen! Aber warum hasse ich sie doch? Warum, warum? Habe ich mich selbst

so geschaffen? Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle. Ich

sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt mir einen Stich, ich

höre, daß man einen Menschen lobt, daß man gut und bewundernd von ihm

spricht, das kann ich nicht ertragen -- ich schimpfe über ihn. Ich mache

ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute. Die guten Menschen, denke ich,

sind alle Heuchler, sie hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen

einander wie Teufel. Ich glaube nicht an Gott, an nichts glaube ich. Ich

freue mich, wenn es einem Menschen schlecht geht. Er bricht das Bein, ich

lache und sage: Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen,

ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück. Selbst das

macht mir eine geheime Freude, obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind.

Haha -- so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben, sterben kann

ich auch nicht, denn ich liebe das Leben, schrecklich liebe ich es,

obgleich es die Hölle ist. Wie soll ich es doch anpacken?« Er schüttelte

den Kopf. »Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist, Ihnen meinen

Bankerott zu erklären, es macht mir Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein

ich bin. Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld, offen und

ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu mir, was du hast. Und

sie beneiden dich darum, die andern. Sie kommen zu mir und wollen Geld.

Nichts als Geld, keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich liebe

das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur, um mir den Menschen zu

kaufen, er wird freundlich gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So

ist es und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen vor mir auf dem

Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir schmeichelt -- nimm! nimm! er kann alles

haben -- ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die hübschen

Worte zu hören -- Herr Eisenhut hin und Herr Eisenhut her, vorwärts und

rückwärts -- wie geht es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser

Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann ist er doch! Ja, wenn ich

es glauben könnte, aber ich kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts.

Sobald man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir -- hier, in meiner

Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht ja nicht die Wahrheit, denke ich.

Ein nobler und feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht wirklich

meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan. Sprechen Sie?«

»Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr Eisenhut!«

»Aber es gibt ja viele Lumpen und Hunde ringsumher -- wie spricht man von

ihnen? Man ist freundlich, Ja, man liebt sie. Man liebt sie, obgleich sie

Lumpen und Hunde sind! Warum das? Warum liebt mich keiner?«

»Weil Sie die Menschen nicht lieben, Eisenhut!«

Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er nickte. »Ich hasse die

Menschen, es ist wahr! Aber ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu

lassen.«

Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts Schulter. »Das hilft Ihnen

nichts.« sagte er. »Die Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und

Freundschaft heucheln.«

Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. »Sie fühlen es?« Er blickte mit

hilflosen Augen vor sich hin und gab dem kleinen Hunde einen Stoß auf die

Schnauze, als er sich ihm zu Füßen setzte. Der Hund sah ihn erschrocken und

erstaunt an und blickte auch auf Grau, was er davon halte? »Wenn ich daran

denke, an alles denke, so ist mein Leben eine fortgesetzte Blamage

gewesen,« fuhr Eisenhut fort und stützte das verzehrte Gesicht in die

Hände. »Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige Blamage. Ich will gar nicht daran

denken, wie die Bauern mich durchgeprügelt haben -- das ist ja eine

Kleinigkeit -- aber ich mache den Mund auf -- ich sage etwas, ich tue etwas

-- alles ist nichts als Blamage. Ich bin auch so unwissend -- ich schäme

mich -- so unwissend -- ich kann nicht richtig schreiben, einmal wollte ich

einen Brief an eine Dame schreiben, ich konnte nicht, diese Sätze, Komma,

Punkt, diese Wörter, man schreibt sie hin, sie haben keinen Sinn mehr, es

ist zum wahnsinnig werden. Haha, wie haben sie gelacht, dieser Professor

Richter und die ganze Bande -- -- ich spreche -- alle lachen, die Herren

und die Damen. Sie sprechen von einer Stadt und ich denke, sie liegt in

Deutschland, aber die Stadt liegt in China. Alles lacht, alles! Ich lache

mit und sage, ja, man kann sich täuschen. Aber ich liebe es, gebildet zu

erscheinen, trotzdem ich nichts weiß, ich sage ein Wort französisch, ich

streue ein lateinisches Wort ein -- damit man glaubt, dieser Eisenhut kennt

eine Menge Sprachen -- aber ich wende ein fremdes Wort an und wieder lacht

man. Das ist doch kein Vergnügen, oder?«

Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fühle, daß er unwissend sei,

und darunter leide, weshalb lasse er sich nicht belehren.

»Glauben Sie? Glauben Sie, daß es nicht zu spät ist?«

»Wie alt sind Sie denn, um Gottes willen?«

»Dreiunddreißig.«

Grau lachte.

Eisenhut flüsterte: »Niemand weiß es. Ich habe gar keinen Unterricht

genossen. Meine Mutter sagte, was brauchst du den Kram, du hast Geld. Lenz

hat mich unterrichtet -- aber was war es doch? Er spielte Karten mit meinem

Vater -- sie tranken und spielten -- Ah, sagte Lenz, dein Sohn braucht

nichts zu lernen, er saugt die Weisheit aus dem Leben und aus der Natur!

Auf diese Weise habe ich gar nichts gelernt, könnte ich dem Lehrer den

Schädel einschlagen! Ich habe nie den Mut gehabt, Unterricht zu nehmen,

denn der Lehrer hätte ja gesehen, wie unwissend ich bin.«

»Das ist ja nebensächlich, das läßt sich leicht nachholen,« warf Grau ein.

»Mit einigem guten Willen.«

»Ja?« sagte Eisenhut und nickte. »Das ist es ja nicht, es ist auch nur ein

Stückchen. Aber alles zusammen, alles, alles. Ich könnte nicht einmal alles

sagen, selbst wenn ich wollte. Solch schreckliche Dinge! Aber was sagen Sie

dazu, wenn einem Menschen mit der Zeit alles gleichgültig wird? Hören Sie,

ist es möglich, daß es einem Menschen gleichgültig ist, ob es Tag oder

Nacht ist? Ich liege im Bett und wage nicht aufzustehen, nicht aufzuwachen,

denn ich fürchte mich vor dem Tag, vor der Langeweile und dem Nichts. Was

wird vorgehen, frage ich mich? Nichts, nichts! Weshalb soll ich aufstehen?

Nun, ich stehe nicht auf, ich möchte im Bette liegen und schlafen, immerzu,

bis ich sterbe. Aber auch das ist sinnlos. Ich stehe auf, und ich denke,

warum bist du aufgestanden, hast ja nichts zu tun. Ich gehe auf die Straße

und die Sonne scheint. Mein Gott, wie gut es ist, daß die Sonne scheint,

denke ich. Ich freue mich, ich grüße die Leute. Das ist das Leben, denke

ich, wenn die Sonne scheint und der Mensch fröhlich ist. Ich gehe ein wenig

in der Sonne und freue mich nicht mehr. Es ist ja so einerlei, ganz

einerlei, ob die Sonne scheint oder nicht. So gehe ich in das nächste

Wirtshaus, setze mich hin, trinke Bier, esse Käse, sitze da, stundenlang

und trinke -- es ist mir ja alles einerlei. Ich kann ruhig hier sitzen,

warum nicht? Mein Kopf ist leer, ich kann nichts denken. Aber ich kann

träumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf der Straße, da kommen sechs junge

Mädchen daher, Arm in Arm und lachen mich an. Ich träume, ich gehe durch

den Wald und eine Dame kommt daher und begrüßt mich und plaudert mit mir,

ganz wie mit andern Herrn, ja, was will ich sonst? Nichts andres will ich

sonst! Aber wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grüßt sie kaum

und läßt mich stehen. Haha, denke ich, so sind sie, und ich trinke. Oh,

wenn sie doch zum Teufel ginge, sie und alle Mädchen, die immer lachen und

vergnügt sind, alle, alle, mit ihr in die Hölle! Ich wünsche, daß sie krank

wird und ihr die Haare ausfallen und ich freue mich -- ja, wie häßlich wird

sie doch aussehen? Niemand wird sie mehr ansehen -- auch ich -- nein, ich

nicht, ich werde alles für sie tun, was sie will. Alles, alles, sie mag

häßlich sein wie sie will. Aber das alles wird ja nie sein. Sie wird leben

und fröhlich sein, alle, alle Menschen. Ich fluche den Menschen, auch

meinen Freunden! Habe ich welche? -- Mögen sie dahinfahren! Brauche ich

Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgültig und ich brüte vor mich

hin -- ja, nun ist mir wieder alles einerlei -- alles -- aber das ist noch

schrecklicher, lieber noch Haß, noch Qual -- Das ist das schrecklichste

meiner Hölle, daß mir alles einerlei geworden ist!« Er stand mit einer

Gebärde des Ekels auf. -- Seine Züge waren bleich und verfallen. Die Linien

um seinen Mund waren tief und gaben dem Gesichte den Ausdruck eines

trostlosen Lächelns, obgleich er keine Miene bewegte. Ein verzweifeltes

stummes Lachen war für immer in sein Gesicht eingegraben. Seine Augen waren

scharf und brannten in kranker Glut, wie die eines Irren. Er ergriff das

Glas mit Grog, das Grau für ihn gerichtet hatte und stürzte es hinunter.

Seine Hand zitterte.

»Ja!« sagte er heiser wie ein Mensch, der lange geweint hat. »Laßt uns

trinken! Geben Sie mir noch ein Glas, es ist so nicht auszuhalten. Alles

peinigt mich! Dieses Zimmer, ich brauche es nur anzusehen! Dieses Sofa,

dieser Stuhl, alles quält mich! In meinem Kopfe geht etwas herum, immer das

gleiche! Haben Sie das schon erlebt, daß in Ihrem Kopfe immer das gleiche

herumgeht, etwas das Sie foltert, wachen Sie auf, es ist da, gehen Sie zu

Bett, es ist da. Es ist immer da, es weicht nicht mehr. Jemand lacht, es

ist in seinem Lachen, sie trinken eine Flasche Schnaps, es ist in der

Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmächtig, aber je ohnmächtiger Sie

werden, desto mehr ist es da! Sie werden wahnsinnig, aber dann ist es für

immer da. Es quält mich, weil es immer da ist. Hier -- hier -- der Boden,

der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Türschwelle -- da ist es! Hören Sie! Es

ist das Tollste, was Sie je gehört haben. Hören Sie?«

»Ich höre, sprechen Sie, Eisenhut!« sagte Grau.

Eisenhut atmete tief und begann: »Eines Nachts da klopft es an meine Türe

-- ich muß es Ihnen sagen, ich muß! -- es klopft, ich horche, es klopft an

der Türe, die zum Garten führt. Ha! denke ich, wer, bei allen Teufeln, soll

denn mitten in der Nacht an der Türe, der hintern Türe klopfen? Bum, bum!

Die Haare stehen mir zu Berg, ich bekomme Angst und es siedet in meinem

Kopfe. Ich sitze hier an meinem Tische wie aus Stein. Vielleicht sind es

Diebe oder Mörder, die dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu kläffen.

Pack, pack! sage ich, pack Nero, und öffne die Türe und er kollert die

Treppe hinunter und bellt. Bum, bum! Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme das

Gewehr und öffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut, aus

Angst schreie ich so laut. Jemand lacht leise im Garten. Ja, zur Hölle mit

dir, wer kann denn im Garten lachen, das ist doch unerhört! Wer ist da? Es

ist eine Dame, deren Stimme ich kenne.« Hier hielt Eisenhut inne und

blickte auf Grau. Ein Schatten fiel über sein Gesicht, nur das Kinn war

beleuchtet und Grau sah, daß sein Mund lächelte, so wie der eines Menschen,

der horcht und lächelt zu gleicher Zeit. »Es sind weder Diebe noch Mörder,«

fuhr er fort »es ist ja eine Dame, die du kennst. Sie hat mit mir zu

sprechen. Was um alles in der Welt -- es ist ja Nacht -- tiefe Nacht! --

Ich öffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich mit den Hunden,

vor denen gewarnt wird, und mit den Fußangeln und Selbstschüssen in Ihrem

Garten, sagt sie und lacht als ob es heller Tag wäre. Bitte? Ja, das sei

eine Finte, um das Gesindel abzuschrecken. Nichts ist wahr daran! Nun also,

bitte? Sie habe mit mir zu sprechen. Bitte, sage ich, bitte, hier ist es

finster ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gnädiges Fräulein.

Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr, hier, wo Sie jetzt sitzen. Es

ist zwei Uhr nachts, es ist Sommer. Geben Sie mir noch ein Glas Grog, ich

muß trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat dringend mit mir zu

sprechen. Es war am dritten Juni, nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer

großen Bitte, sie weiß nicht, ob ich sie ihr erfüllen werde. Bitte, bitte,

sage ich, mein gnädiges Fräulein -- nein, sie will nichts trinken, sie hat

es auch sehr eilig, es tut ihr leid, daß sie nicht immer liebenswürdig mit

mir umging. Ich muß verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch. So sprach

sie, so freundlich und blickte mir in die Augen. Sie sagte einfach

Eisenhut, nicht Herr Eisenhut, nein, gibt's nicht, Eisenhut bin ich. Bitte,

sage ich, wenn es in meiner Macht steht? Ja, es steht in Ihrer Macht, es

ist so leicht für Sie, Eisenhut. -- Eisenhut, einfach Eisenhut! -- Sie hat

ein hellrotes Tuch um die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es

hätten sich zu Hause Dinge ereignet, die unangenehmsten Dinge --. Geld!

Auch sie wollte Geld von mir! Sie sind ja doch kein Geizhals, Eisenhut,

sagte sie. Eine plötzliche Forderung -- hm -- ihre Mutter sei

sterbenskrank, das ganze Haus, nun käme sie zu mir, sie habe Vertrauen zu

meiner Güte. Güte? denke ich. Sie lügt, sie will Geld. Da sitzt sie nun,

sie blickt mich an, sie tut ganz gleichgültig, spricht als ob sie vom

Wetter spreche, aber sie bebt, sie bebt! Warum soll ich nicht helfen, denke

ich, warum nicht? Die Familie ist verschuldet, das Geld ist verloren, ich

kann es ebensogut einem Hunde zum Fressen geben -- niemals wirst du auch

einen Pfennig wieder sehen! -- aber da sitzt sie ja, ich sehe wie sie

innerlich zittert. Das freut mich -- unsäglich! Da sitzt sie, früher, da

sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase in die Luft, sie ging wie eine

Königin durch die Straßen und wir andern alle waren Hanswurste und Luft für

sie. Aber da sitzt sie nun -- weshalb soll ich nicht -- wie? Wieviel

ungefähr? Sie atmet zweimal tief, pickt mit dem Finger Brotkörnchen vom

Tisch, sie lächelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan--zig--tausend --

sie hatte wohl den Verstand -- nein, nein, nein. Ah, was die Leute doch

denken. Esse ich Gansbraten und eingemachte Birnen? Ich esse nur einmal im

Tage -- nein! Da steht sie auf, sie legt mir die Hand auf die Schulter. Es

ist so leicht für Sie, in einigen Monaten bekommen Sie es zurück. Ich

stelle Ihnen einen Wechsel aus, einen Schuldschein, wie Sie wollen. Es wird

alles geschäftsmäßig geregelt werden -- nun spricht sie wie ein Bankier.

Aber sie bebt ja doch! Sie sieht, daß ich zögere, sie fährt mir mit der

Hand übers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hören Sie, sage ich zu

ihr, hören Sie, gnädiges Fräulein, Sie wissen, daß ich Sie liebe, werden

Sie meine Frau. Ich liebe Sie, Sie können tun was Sie wollen, nur daß ich

Sie täglich sehen kann -- denn ich will ja lieber Ihr Lakai sein, als der

Mann einer der geschwollenen Krämerstöchter von hier. So sage ich und sie

hört aufmerksam zu. Ich sage, Sie werden dann so viel Geld haben wie Sie

nur wünschen. Alles wird Ihnen gehören, alles, eine Million und mehr! Haben

Sie soviel? fragt sie und lächelt. Ja, sage ich, ich lüge nicht. Ich öffne

die Türe und zeige ihr den Schrank, öffne ihn: Sehen Sie! Alles sollen Sie

haben. Hören Sie, Eisenhut, sagte sie, es kann doch nicht so rasch gehen,

ich muß es mir doch überlegen und wenn ich Ihre Frau werde, so werde ich es

doch nicht Ihres Geldes halber. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und

lächelt. Ich möchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine Bewegung

und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, daß ich ordentlich und gut werden

würde -- ich schwöre ihr, nicht mehr zu trinken. Sie soll befehlen und ich

gehorche, blindlings. Ihr Lakai werde ich sein. Ja, sie wolle nachdenken.

So schnell kann es ja nicht gehen, mein Freund -- sagt sie -- mein Freund,

das ist ja ausgeschlossen. Sie müßten bei meinen Eltern um meine Hand

anhalten, aber so -- ich bringe Ihnen ja gewiß Freundschaft und Sympathie

entgegen, obgleich ich immer launisch gegen Sie war -- ob ich Sie aber

heiraten kann, das muß ich mir doch überlegen. -- Wann werden Sie mir

Antwort sagen? -- Morgen oder in den allernächsten Tagen. Gut, sage ich,

dann will ich Ihnen das Geld mitbringen. Sie besinnt sich und setzt sich

langsam nieder. -- Das geht ja nicht, mein Freund, sagt sie! Morgen gibt es

zu Hause eine Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelöst werden kann.

Es ist ein Wechsel. Könnte es Ihnen nicht einerlei sein -- ich komme morgen

wieder zu Ihnen, ich verspreche es Ihnen. -- Gut, ich zähle ihr die Scheine

hin. Danke, sagt sie, und zählt das Geld sorgfältig nach -- aber ich sehe,

wie ihre Hand bebt. Sie geht. Über diese Schwelle hier ist sie gegangen.

Sie geht wieder durch den Garten. Also morgen! sage ich. Ja, antwortet sie,

wenn es mir möglich ist, sicherlich. -- Am andern Tage gehe ich zum

Schneider und lasse mir einen Frack anmessen. Sie heiraten wohl? Ja,

vielleicht. Ich warte. Der Tag vergeht, sie kommt nicht. Ich warte einige

Tage. Der Frack ist fertig. Ich probiere ihn an und der Gedanke kommt mir

in den Kopf um ihre Hand anzuhalten. Ja? Sofort -- vorwärts, -- haha --

vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfängt mich. Wie? sagt er. Ich

spreche und er lacht. Na, sagt er, Herr Eisenhut, was fällt Ihnen doch ein

-- hahaha -- er lacht -- er lacht und sagt: Entschuldigen Sie, ich lache ja

nicht -- es ist ja höchst ehrenvoll -- aber ich glaube, daß meine Tochter

-- hahaha! -- daß meine Tochter, na, daß die Wünsche und Absichten meiner

Tochter -- übrigens, wer kennt die Frauen? Sie wird es Ihnen ja sagen.

Konrad -- meine Tochter soll kommen. -- Sie kommt. Ich sehe sie nicht, aber

ich höre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, höre ich ihn. Sie ist

da. -- Herr Eisenhut gibt uns die Ehre, gibt dir die Ehre -- Sie ist

totenbleich -- sie sieht mich an und auch ihre Lippen werden blaß -- sie

hat Angst, ich werde sprechen -- nein, Sie brauchen keine Angst zu haben,

nein, so bin ich ja nun doch nicht -- ich werde Sie nicht verraten. Sie

lächelt, gibt mir freundliche und höfliche Worte. Sie sagt nicht Ja, sie

sagt nicht Nein, sie sagt hmhm. Ich gehe. Der Diener lächelt ebenfalls.

Soll ich dich aufs Maul hauen, du Affe? -- Ich warte, ich denke, wie dumm,

wie voreilig. Endlich treffe ich die Dame und sage: Nun? Wie steht es mit

der Antwort? -- Sie lächelt und sagt: Ja, was für Einfälle Sie doch haben,

Sie kommen ins Haus -- ich bin ja nicht wiedergekommen, war Ihnen das nicht

klar genug? -- Ich sage: Haha, was ist das! Sie haben aber versprochen zu

kommen. Ja, sagt sie gleichgültig. Ich möchte Sie bitten weniger laut zu

sprechen und sich weniger auffallend zu gebärden, Herr Eisenhut, wenn uns

jemand beobachtet! -- Nun sprechen Sie ja ganz anders, seht an, sage ich,

neulich da konnten Sie viel freundlicher sein. Sie haben von Freundschaft

und Sympathie gesprochen -- was weiß ich -- es war aber nur eine Falle, so

ist es. Sie haben wohl auch nie im entferntesten daran gedacht, mich zu

heiraten -- wie? -- Sie sieht mich an und lächelt verächtlich. Wenn Sie es

wissen wollen: Nein! Ich bitte Sie nun -- Was bitten Sie! schreie ich. Dann

haben Sie mich einfach betrogen! -- Sie stampft mit den Füßen und wird

blaß. Bitte! sagt sie und sieht mich an als ob ich ein Lakai wäre. Ich

hätte nicht gedacht, daß Sie ein solch ungebildeter Mann wären! Außerdem

wäre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.

Sie geht. -- Ja, wie konnte ich auch so ungebildet schreien, denke ich, wie

konnte ich mich so vergessen. -- Ich kam mir vor wie ein Hund. Ich trank,

schrecklich trank ich in dieser Zeit, ich wollte gar nicht mehr zur

Besinnung kommen. Ich habe eine Dame beleidigt und liebe sie doch, ja zum

Teufel mit mir! Ich trinke hier in dem gleichen Zimmer, wo sie mir das Haar

streichelte. Ich bin ein ungebildeter Mann, jawohl, ganz richtig. Das ist

wahr, sie hat es gesagt. Ich könnte mir die Haare ausreißen! Sie hätte mich

ja nie um eine Gefälligkeit gebeten, wenn sie gewußt hätte, was für ein

ungebildeter Mann ich eigentlich bin. Ja, es ist wahr, sie heuchelte mir

etwas vor, sie machte mir Versprechungen -- soll ein Mensch in der Welt

aufstehen und das Gegenteil behaupten! -- sie schmeichelte mir, sie nahm

die Gefälligkeit von zwanzigtausend Mark mit sich, das tat sie -- aber

trotzdem! Und ich fluchte und trank, weil sie mich angelogen hatte, ich

trank weil ich ein Narr war und ihr glaubte, ich trank, weil ich sie

kränkte und am meisten trank ich, weil sie mich nun verachtete wegen meines

ungebildeten Benehmens. Ich mag schon gar nicht daran denken -- wie ich den

Freiersmann spielte und mir einen Korb holte -- Wie sollte ich je mit der

Sache fertig werden, je ins Klare kommen? Ich sitze hier und trinke und

deute auf den Tisch -- hier hast du also auf der einen Seite eine Dame, die

kommt, dich streichelt und heuchelt und verspricht und -- ich deute auf den

Tisch -- hier hast du also einen Mann, der sich die Freiheit nimmt zu

fragen, was denn eigentlich -- hier hast du also -- und hier -- nein! Mein

Kopf faßt das nicht. Wie ist es doch? Wer hat recht und wer hat unrecht.

Wie ist es doch? Nein, ich bin zu dumm, um das je herauszubekommen. Aber

Zorn kommt über mich, Wut, daß ich schreie! Hier hast du also, hier -- und

hier -- ja, ich bitte einen vernünftigen Menschen mir zu erklären -- wie?

Ist es vielleicht ein Vergnügen -- ich frage den Teufel! -- ist es ein

Vergnügen -- einen Frack anzuziehen -- wie -- und ein alter Habenichts

lacht -- ist das ein Vergnügen -- ich bitte weniger laut zu sprechen --

wenn uns jemand beobachtet -- wie? Gott im Himmel, wie soll ich das

verstehen! -- Ich hasse die Menschen! Was für eine Behandlung ist das? Ich

hasse die Frauen! Ja, ich liebte jene Dame, es ist die Wahrheit, ich liebte

sie. Aber nun hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Straße, ich grüße

nicht, ich blicke sie nur durchdringend an. Ich gehe an ihr vorüber und

ziehe einen Brief heraus, auf den ich mit haushohen Buchstaben Schuldschein

schrieb -- ich mache es so, daß sie es sieht. Ich hasse sie, sie könnte es

Schwarz auf Weiß haben -- ich treffe sie in der Buchhandlung und lasse den

Brief fallen. Sie soll nur etwas Angst vor mir haben, jetzt, da ich sie

hasse. Ich habe sie geliebt, was ist geschehen, daß ich sie jetzt hasse?

Habe ich zu mir gesagt: Hasse sie, hasse sie! Nein! -- Ich begegne ihr mit

den Freundinnen, sie spricht das erste Wort, sie reicht mir die Hand. Sie

spricht mit mir: Sie hat Angst. Gott im Himmel! denke ich, weshalb hat sie

doch nur Angst? Nun spricht sie freundlich mit mir, sagt, ob ich nicht zum

Tennis kommen wolle -- nur weil sie Angst hat. Ja, weshalb sollte sie denn

Angst haben? Vor mir? Ach, bei Gott, nein, sie braucht gar keine Angst zu

haben, ich tue ihr nichts, nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, daß sie

Angst hat. Denn ich liebe sie ja, ich hasse sie ja gar nicht, ich liebe

sie! Ich blicke auf ihr Haus und weine. -- Wie lächerlich, Angst zu haben,

ich werde es ihr sagen, von einem Skandal kann ja gar keine Rede sein. --

Ich laure auf den Wegen, bei ihrem Haus, endlich treffe ich sie. Ich nehme

den Brief aus der Tasche, um ihr den Schuldschein zurückzugeben -- sie

sieht mich an und sagt: Man wird Sie bezahlen, haben Sie keine Angst, Herr

Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich gefälligst ungeschoren zu lassen, ich

kann ja keinen Fuß mehr aus dem Hause setzen, ohne daß Sie dastehen. --

Glauben Sie nun, ein Mensch wie ich, lächelt, gibt den Brief zurück, sagt

ihr, daß sie unbesorgt sein möge? Glauben Sie das? Dann sind Sie auf

falschem Wege. Ich bin nicht so. Nein. Was hat mich doch so wütend gemacht?

Ich stehe da mit dem Briefe und also muß sie denken -- deshalb spricht sie

ja so -- aber daß sie so spricht, ihre Haltung, ihr Blick -- alles -- was

hat mich doch wütend gemacht, daß ich schreie: Nehmen Sie sich in acht vor

dem Skandal! Ich schreie das, ich lache ganz gemütlich und gehe.

Ist das nicht um verrückt zu werden, wie? Nichts ist geblieben als Haß. Aus

allem, was man tut, nichts bleibt als Blamage, Ekel und Haß! Ach, wie ich

doch die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schön, wärmen sich in der Sonne

und glitzern, denken böse und sind giftig! Man sollte sie alle einsperren,

gehen daher und blähen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch die

Männer, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz andere Weise! Ich sitze

hier, bewerfe sie mit Schmutz und hasse sie. In manchen Stunden, da liebe

ich sie ja. Sie sind schön, Gott im Himmel, sie sind ja schön, sage ich,

schön und rührend sind sie. Ich bitte euch um Verzeihung, ihr Frauen auf

der ganzen Erde, ich! Aber der Haß kommt zurück. Auch die Menschen liebe

ich zuweilen, aber der Haß kommt zurück und zerfrißt mich wie Gift. Ist das

ein Dasein? frage ich Sie, was für ein Leben soll das sein! Es ist ein

Hundedasein, nichts als ein Hundedasein!«

Er lachte verzweifelt auf und schrie.

»Das ist das, hören Sir, Herr Grau, das ist das, nun habe ich es Ihnen

erzählt, das, was mich quält -- was nicht mehr von mir weicht, ich denke

daran, fresse daran über ein halbes Jahr -- immer wieder ziehe ich den

Frack an -- immer wieder -- geht die Dame über diese Schwelle -- immer

wieder spricht sie mit mir oben im Walde -- immer, immer, immer wieder --

ah!« Er vergrub den Kopf in den Händen.

»Halt!« schrie er. »Sagen Sie nichts! Es ist noch nicht alles! Ich muß

alles sagen, es muß heraus, ich muß es tun, Sie sollen wissen, wie es um

mich steht. Glauben Sie denn, es sei eine Wonne so zu leben -- mit all dem

im Kopfe? Wie ist das alles gekommen? Weiß ich es? Wie ist es gekommen, daß

alles sich in meinen Gedanken in Schmutz verwandelt? Jedes harmlose Wort --

ich höre es, man spricht es -- aber in meinem Kopfe verwandelt es sich zu

einer Niedrigkeit. Was für Gedanken habe ich doch früh und spät --

abscheuliche Gedanken, die kein Mensch ertragen kann, ich möchte weit fort

von ihnen, aber es geht nicht. Nichts ist schrecklicher als eine verdorbene

Phantasie -- sie ist ein Gespenst, das alles häßlich und stinkend macht.«

Er schauderte zusammen und schüttelte sich wie gepackt vom Grausen. »Auch

meine Phantasie ist eine Hölle!«

»Ich will nicht mehr!« fuhr er fort und wiegte den Kopf auf den Schultern

hin und her. »Ich will nicht -- aber ich muß -- ich muß Ihnen alles sagen.

Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie zu mir gesagt: Nun,

Eisenhut, wie steht es mit dir? Was macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie

gesagt. Aber ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus ein,

damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich auf Abbruch vor Ihnen.

Warum? Vielleicht, weil Sie mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe

Sie gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei der Beerdigung --

ich habe an Sie gedacht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von Ihnen

losreißen. Warum? Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken

muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und jung er ist und wie

freundlich und gleichmäßig liebenswürdig gegen jedermann. Vielleicht ist er

glücklich, vielleicht ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der

Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht! Nein, er ist

ein Dummkopf und ein Schwätzer, habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot,

ein Narr -- so wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an Sie

denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre Fenster, ich mußte Ihnen

immer begegnen, Sie immer ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und

kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten Tage, da begegnete ich

Ihnen -- ich richtete es so ein -- ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich

grüßte nicht. Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder was Sie

doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an. Ich aber lachte über Sie. Ich

lachte und ich weiß nicht, warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke,

am gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat eine Liste bei

sich, er will Geld! Aber nicht deshalb allein öffnete ich nicht, nein --

ich hatte Angst vor Ihnen, ganz plötzlich -- eine eigentümliche unsagbare

Angst. Seitdem mußte ich immer an Sie denken.«

»Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte, einige Schurken hätten mich

angeschossen. Ich lag da und stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte

die Hand auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste aus --

da ging die Türe auf und Sie kamen herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie

legten mir die Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie

feuchteten den Finger an den Augen an, da war die Wunde geheilt. Das

träumte ich von Ihnen und oft träumte ich von Ihnen.«

»Warum, warum? Seitdem ich Sie sah -- weshalb doch? Ich verstehe ja das

ganze Leben nicht mehr. Ich mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie

denken mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte, desto mehr

mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie nur sah, konnte ich wütend werden.

Sie gehen dahin, so leicht -- Ihre Augen sind so klar -- alles zusammen --

ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle Ihnen alles. Ich muß.

Ich muß fortfahren, ich weiß nicht warum.«

»Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor Richter, dem

Adjunkten, von Dr. Nürnberger -- von mir und ihnen -- alles sollen Sie

hören. Weshalb verkehre ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil

sie angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt, diese Hunde, die

alle so sind -- so niedrig wie ich -- die nichts glauben, nur lachen,

nichts wollen, alles in den Schmutz ziehen -- diese -- nein, nein, nein,

genug -- einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert, ich

glaubte es sei ihm Ernst -- ich -- nein, nein, nein -- genug -- nichts mehr

--«

Er schwieg und schloß die Augen und es sah aus als ob er ohnmächtig werden

würde. Grau wollte ihm eben beispringen, aber da sah er, daß Eisenhut

lächelte.

Er lächelte und ohne die Augen zu öffnen sagte er: »Es ist zu toll, es

waren ja gar keine zwanzigtausend Mark, die die Dame holte. Es waren nur

zehntausend!« Er schüttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus

Erstaunen heiter zu lachen. »Ja,« rief er aus, »wie toll! Es waren ja nur

zehntausend Mark! Ich bildete mir ein, es seien zwanzigtausend gewesen, all

die Zeit lang und endlich glaubte ich es selbst. Ha! Ha! Ha! Ja, bei Gott,

so ist es mit mir! Ich lüge und manche Lügen wiederhole ich so oft, daß ich

sie selbst glaube. Warum muß ich denn immerzu lügen? Das ist sonderbar! Ich

komme in eine Wirtschaft und erzähle, daß ich soeben einen weißen Hirsch

gesehen habe. Weshalb, warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Können

Sie mir das erklären?«

Grau antwortete: »Ich denke, Sie wollen sich interessant machen, Herr

Eisenhut.«

Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt über Graus Antwort. »Ja, das ist es.

Ich habe mich schon wahnsinnig gestellt, ja sogar tot habe ich mich

gestellt -- sogar tot! Um Aufsehen zu erregen, um mich interessant zu

machen. Deshalb lüge ich auch immerzu. Ich habe auch Sie einmal angelogen,

als wir zu Mütterchen hinaus gingen. Daß Lenz mit den Mädchen im Sommer

spazieren ging und sagte: Alle auskleiden. Das war eine Lüge. Ha! Ha! Ha!

Wie kam ich doch darauf. Warum tat ich es doch! Ha! Ha! Ha!«

Grau unterbrach ihn, denn er sah, daß Eisenhut den äußersten Grad von

Erregung erreicht hatte. »Ruhen Sie sich aus, Eisenhut, sprechen Sie nicht

mehr!« sagte er und führte ihn zum Sofa.

»Ja, ja!« sagte Eisenhut. »Ha! Ha! Ha!«

Eisenhut schwieg. Dann lachte er wieder, sah Grau an und wurde plötzlich

ernst. »Sie sind gewissermaßen der allerschrecklichste Mensch!« flüsterte

er. »Mir graut vor Ihnen, denn man kann Sie nie kennen, nie, nie!«

»Aber lieber Freund!« sagte Grau. »Ruhen Sie doch ein wenig.«

Eisenhut nickte und schwieg.

Aber er begann von neuem und er sprach und flüsterte die ganze Nacht

hindurch. Das Licht der Kerze erlosch und sie saßen im Dunkeln. Durch die

Risse des Ofens flackerte der Schein des Feuers, das langsam erstarb. Er

sprach aus der Dunkelheit, lachte, schrie, schluchzte, flüsterte. All die

Qual, die in den Menschenherzen haust --

Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie pressen mußte, um sich

nicht zu verraten. Warum zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. »Es ist so

schrecklich, so schrecklich all das zu hören!«

Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen. Die Scheiben der

Fenster wurden blau und begannen zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts

regte sich auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde Glocke im

Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche hallte aus der Ferne.

Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und schwieg.

Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster wurden hellblau und die

Häuser gegenüber tauchten wie aus einem dicken Nebel auf.

Der Tor: Roman · 第 49 / 86 题