Eisenhut und Grau kamen rasch über die Brücke gegangen. Eisenhut war in
Graus Mantel eingehüllt und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mühe
Grau zu folgen, der zur Eile trieb. Er zitterte und die Kälte schüttelte
ihn am ganzen Körper. Zuweilen weinte er leise vor Erschöpfung.
»Eines begreife ich nicht,« begann Eisenhut zitternd, es war das erste
Wort, das er sprach, »wie konnten Sie mich finden, wie soll das ein Mensch
begreifen?«
Grau lächelte. »Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut. Ich habe gesehen, was
vorfiel. Sie waren sehr erregt und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein
Kunststück, ich konnte ja Ihre Spuren im Schnee sehen. So einfach ist das.
Nur vorwärts!«
Eisenhut nickte, er lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich habe von einem
großen Feuer geträumt,« sagte er, »daran wärmte ich mich -- ein helles,
großes Feuer. Ich streckte die Hände hinein. Nun fällt mir alles ein -- oh,
wie schrecklich, ich hatte so furchtbar getrunken! Das große Feuer schrie
meinen Namen. Eisenhut, schrie es, tanze, tanze! Ich tanzte und das Feuer
lachte -- hahaha -- Eisenhut tanze! -- da waren Sie es, der mich
schüttelte! Nun fällt mir alles ein, ich bin nicht mehr betrunken -- ich
lief im Schnee, durch den Schnee -- haha -- ich wollte sterben, ja, aber
nun lebe ich noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brücke hinabrannte.
Stürze dich ins Wasser, kopfüber -- kopfüber, genau so dachte ich, kopfüber
-- aber das Wasser in der Mitte des Flusses glitzerte so kalt -- all das
Eis -- vielleicht unter dem Eise schwimmen -- niemals -- ich lief weiter.
Ich lief und warf mich in den Schnee, auf einer Anhöhe, da lag ich und es
wurde kalt und ich fühlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich
hatte alle Lust zum Sterben verloren. Sterben, warum? Aber ich konnte ja
doch nicht mehr zurückgehen, konnte ich mich denn wieder sehen lassen? Ich
hatte ja Abschied genommen -- hatte ein großes Geschrei gemacht -- also
mußte ich wohl oder übel sterben. Das ist kein Vergnügen, das ist ein
schauderhaftes Gefühl, sterben zu müssen und nicht zu wollen. Ich lief in
die Nacht hinein, vorwärts, fort und schrie: Du bist zum Tode verurteilt,
Eisenhut -- es geschieht dir recht -- zum Tode bist du verurteilt. Dieser
Professor mit seinem Duell -- ich hatte mich verabschiedet -- von allen --
lebewohl für immer -- also vorwärts, vorwärts! Wie ich doch gefroren habe
-- eine fürchterliche Kälte -- ich lief um warm zu werden. Ich wollte auch
nicht mehr denken. Du bist zum Tode verurteilt, sagte ich und hatte
wahnsinnige Angst. Ich wurde müde und setzte mich in den Schnee -- nur ein
bißchen ausruhen, ein klein wenig -- aber ich hatte furchtbare Angst. Ich
wurde schläfrig und alles wurde mir gleichgültig. Einerlei, einerlei, sagte
ich, es geht dahin mit dir, Eisenhut, in die Hölle hinein. Ich lachte. Ich
hatte eine Menge von Gedanken -- wie ich im Schnee liegen würde, lang und
steif -- man wird dich finden, dachte ich. Alle würden es erfahren -- man
hat ihn gefunden -- alle, aber nein, jetzt war nichts mehr zu ändern -- es
konnte ihnen leid tun -- es war nichts mehr zu ändern, haha! Dann würde ich
beerdigt werden und Sie -- Sie werden die Rede halten. Ich dachte an alles
und auch daran, daß die jungen Damen vom Tennisklub kämen. Aber da kam die
Angst zurück. Nein! Ich werde nicht sterben. Ich hatte Angst! Wie dumm
nicht zu wissen, was morgen ist. Nicht zu wissen, wie das und jenes enden
wird -- schon aus Neugierde konnte ich ja nicht sterben. Nein, nein --
hihihi! Du gehst nach Hause, stellst dich ans Fenster und lachst, ja! Alles
ist einerlei! Also ging ich nach Hause, ich rannte -- im Nu war ich zu
Hause -- ah, ich war ja gar nicht weit gegangen gewesen -- in meinem Zimmer
saß eine Katze. Ich machte ein großes Feuer und setzte mich davor und
wärmte mich -- und ich vergaß alles, fühlte mich so wohl -- aber plötzlich
erwachte ich, ich richtete mich auf: Da lag ich ja im Schnee! Ich war gar
nicht zu Hause? Das ist ja schrecklich, sagte ich mir, und zitterte und
konnte nicht denken. Du bist ja gar nicht zu Hause. Bei allen Teufeln in
der Hölle! Das ist toll, sagte ich, das ist -- ich kroch ein wenig
vorwärts, ich stand auf -- ich laufe wieder -- ich glaube immerzu zu
laufen, ich sehe die Brückenlampe -- ich erwache wieder und finde mich
wieder im Schnee. Das ist entsetzlich! sage ich und schreie.« -- Hier
begann Eisenhut wieder vor Erschöpfung leise zu weinen. -- »Ich laufe und
glaube ich laufe nach Hause und immer, immer finde ich mich wieder im
Schnee. Da verzweifelte ich, ich schrie, ich schrie -- aber ich hörte nicht
mehr, ich hörte mich nicht schreien -- ich lief, lief, lief -- oh, wie
schrecklich lief ich doch --«
Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hörte wie seine Zähne
klapperten.
»Ich habe Sie beleidigt, Herr Grau, neulich, heute abend, ich wollte --«
»Lassen wir die alten Geschichten ruhen!«
Der »weiße Elefant« war noch immer hell beleuchtet, die Musik wiegte sich
in der Ferne, Lachen und Singen drang aus dem Torweg. Eisenhut hielt sich
die Ohren zu.
»Ich darf doch ein wenig mit Ihnen eintreten?« sagte Grau. »Nur, bis Sie
ganz in Ordnung sind, Herr Eisenhut.« Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht.