»Ich bin verloren und schlecht, schlecht und verloren.«
Grau schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »aber Sie haben zu viel
gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur schrecklich unglücklich sind Sie!«
Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden Augen. »Kann ich
denn so leben?« fragte er und wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn
sitzen zu bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und drückte sie. Er
nickte und saß lange Zeit, die hellen freundlichen Augen auf ihn gerichtet.
»Geduld, Geduld!« sagte er endlich. »Nun wird es ja schon Tag; die Sonne
muß bald aufgehen. Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird ein
schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen doch sagen, Eisenhut? Da
sitze ich nun und beginne vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie
ich beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung, Sie müssen Nachsicht
haben, ich bin ja sogar jünger als Sie, Eisenhut -- wie anmaßend wäre es
doch, wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen zu mir gehabt
und wie schön ist es doch, daß Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem
Menschen haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich damit
auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht mehr vergessen. Ich habe mich
so gefreut darüber und ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur
wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken,
es wird Sie stärken. Sind Sie müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich
und arm Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten, konnte ich ja
entnehmen, daß Sie niemals, aber auch niemals einen Freund gehabt haben.«
»Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!«
»Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte. Sie sagte, wenn sie in den
Büchern liest, so fühlt sie, daß sie von all den Gestalten, die in den
Büchern vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut sind. So empfand
auch ich, als ich Ihnen zuhörte. Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all
Ihren Wünschen, Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil. Ich
will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie, nein, jeder Mensch ist
ja doch anders, aber so im allgemeinen? Mehr oder weniger sind alle
Menschen wie Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf, es
scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie sind Ihnen alle verwandt.
Sie sind allein oder fühlen sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter
dieser Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe und
Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und haßerfüllte Gedanken,
jeder Mensch hat sie zuweilen. Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört,
beachtet zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun fast alle.
Fast alle sind so empfindlich wie Sie und wir alle fühlen einen Tropfen
Essig stärker auf der Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig,
alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung der Menschen wie
Sie -- und das ist ja nur gut! Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir
möchten bewundert sein. Und das ist ja nur gut!«
»Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser gewesen als
gegen andere, Eisenhut. Das hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark
genug gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet, wie haben Sie in
Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie ein Mörder! Ja, das haben Sie getan,
verzeihen Sie mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie, hat Ihre
Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein! Sie hat sich gewehrt dagegen
und hat Sie gefoltert dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug,
genug, wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut, Eisenhut. Sie
sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch! Das glauben Sie nicht? Seht an!
Ich habe ja schon früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel,
viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an? Ja, das habe ich getan.
Ich habe mich in Gedanken viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch
mit mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein guter Mensch, den
man viel quälte. Ein guter, aber einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen,
ich habe das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen. Sie hassen
die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so große Liebe entgegen brachten. Wie
können Sie doch lieben! Haben Sie nicht gesagt -- als Sie von jener Frau
sprachen -- ich blicke auf ihr Haus und weine? Sie vergeben mir wohl, daß
ich es wage, Ihre intimsten Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur
beweisen, wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie sich selbst
kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe für diejenigen, die in ihrer
Seele wüten, daß sie sich selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die
Sonne scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute -- kurz und
gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen Dingen zeigen, daß ich im Recht
bin. Haben Sie nicht auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam,
geholfen?«
»Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen haben. Sie haben jenen
Fehler begangen, den die meisten Menschen begehen: Sie suchten Glück und
Erlösung durch andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben jenen
Fehler begangen, den die meisten Männer begehen, sie suchten Glück und
Friede durch die Frau. Ja, fragen Sie sich doch, sollten die Frauen
vielleicht dazu da sein, daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir
von ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein, wie unsinnig wäre
das doch! Sie wollten, daß die Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie
lieben, daß Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen geholfen.
Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen, so sieht er Sie an und fragt sich:
Was wird er mir geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben? Ja,
Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben? Richtig, aber jene
Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie
mit sich allein nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung
wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus gehen, essen, trinken und
nicht bezahlen können, so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein
Zechpreller. Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten Menschen sind
solche Wirte, die den vor die Türe werfen, der nicht bezahlen kann und den
nicht hinein lassen, der arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen
vielleicht so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine reichen
Herren, die Bettler speisen können.«
»Sie fragen mich nun -- ja, sagen Sie, ich sehe doch, man liebt den oder
jenen und was ist er im Grunde genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt
ihn. Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn auf, man liebt ihn
um einer einzigen schätzenswerten Eigenschaft willen! Vielleicht kann er
singen, oder Geschichten erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er
ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur eine einzige
Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet. Haben Sie eine solche
Eigenschaft? Fragen Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann
und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber das ist ja eigentlich
keine Eigenschaft, nicht wahr.«
»Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie wissen ja selbst, Sie leben
nicht im Frieden mit sich. Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein
kann und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie wollen, daß man
Sie liebt! Freunde sind der Preis unserer Tugenden, Eisenhut.«
»Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben nicht an ihre Liebe und
Güte und an das Edele in ihnen. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du
guter Gott, was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen
Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr, aber Sie wollen, daß die Frauen
Sie lieben. Da kommen Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind
liebenswürdig, Sie sind freundlich -- aber die Frauen? Die Frauen fühlen ja
deutlich, wie Sie sonst über sie denken. Sie bleiben kühl. Ein anderer
spricht dieselben Worte, lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die
Augen der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken? Warum? Ja, die
Frauen fühlen, er denkt immer so von uns. Das Gefühl eines Mannes können
Sie am Ende täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie sind
alle Hellseherinnen.«
»Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut -- ich bin ja Ihr Freund und
mir müssen Sie alle diese grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr
Freund, Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage ich. Sie fanden
keine freundliche Miene bei den Menschen. Was taten Sie aber? Gingen Sie
nach Hause und sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich habe
den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht einmal ein guter
Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig und habe meine Kenntnisse nicht
bereichert. Taten Sie das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die
Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit an und begannen zu
trinken. Sie suchten also Erlösung, Glück und Friede im Rausch. Das tun
ebenfalls alle Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend
eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt und Ihre Seele
schreit hungriger und durstiger als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine
Lüge und Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten wie ein König,
aber der Rausch vergeht und Sie sind ein Bettler. Denn Sie sind ja kein
wirklicher König gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren Sie.
Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund, denn -- all das habe ich an
mir selbst erlebt.«
»Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt das? Wissen Sie denn,
wie gefährlich es ist mit den Geistern der Nacht zu leben, für den
Menschen, der ja geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen des
Tages und des Lichtes?«
»Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich. Nur wenige
Menschen können es ungestraft tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum
Umgange mit seinen Brüdern.«
»Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr Geist nach Erkenntnis? Haben
Sie Ihre Seele gesättigt, Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der
zufrieden ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren und in
Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie das nicht befriedigt. Ihre hungernde
Seele soll Sie quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu
sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis, in diesen
Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen Stadt, wo das Leben still steht. Was
würden all die andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie Sie,
wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und Poesie hätten? Es ist ja nicht
genug, daß der Mensch ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel
mehr. Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt? Warum nicht? Wo
täglich tausend neue Eindrücke Ihre Seele erquicken und ermutigen? Warum
taten Sie das nie?«
»Da draußen kennt mich ja kein Mensch,« antwortete Eisenhut.
Grau lächelte. »Lieber Freund,« sagte er, »daran müssen Sie sich ja
gewöhnen, nicht mehr gekannt zu sein. Sie müssen es lernen Ihr Leben zu
leben, ohne daß Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern
läßt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen, so müssen Sie ihn nicht tragen
für die andern, sondern weil es Sie freut Ihre Hand geschmückt zu sehen.
Und wenn Sie glücklich sind und heiter und tanzen und singen, so müssen Sie
nicht tanzen und singen, weil andere es sehen und hören und denken werden:
Er tanzt, er singt, er ist guter Dinge. Sie müssen es tun für sich allein.«
Eisenhut schüttelte den Kopf. Er ging herum, er schüttelte den Kopf. Worte,
Worte, was sollten ihm all diese Worte nützen, frage er? Diese Hölle von
Leben --. Aber er war schon hoffnungsvoller gestimmt.
»Ja,« sagte Grau, »es ist wahr, Sie haben die Hölle in sich und Sie sind
sehr unglücklich. Ich weiß es und ich würde Ihnen gerne etwas abnehmen,
könnte ich nur. Aber haben Sie nichts anderes als diese Hölle in sich,
nichts anderes sonst?«
Grau griff sich an die Wangen. Er fühlte plötzlich, daß er Fieber hatte.
Eisenhut schlich an den Wänden entlang und schüttelte den Kopf. Hinter ihm
ging das Hündchen; doch da Eisenhut sehr langsam dahin schlürfte, hatte es
immer Zeit, sich nach jedem dritten Schritte seines Herrn zu setzen. Dann
blickte es auf Grau und spitzte die Ohren. Eisenhut schüttelte den Kopf.
»Nein!«
Grau lachte leise. »Das ist ja nicht wahr!« sagte er, »Sie haben ja selbst
-- ach, haben Sie nicht gesagt, Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint,
Sie freuen sich, wenn Sie jene Dame im Walde treffen? Sie haben schöne
Träume, wie das Leben sein könnte, Sie haben gewiß nicht nur häßliche
Träume.«
Eisenhut lachte. Er träume oft, er fliege, es gehe dahin über die Lande --
haha!
»Sehen Sie! Und auch wenn Sie wachen, haben Sie schöne Träume. Es gibt doch
noch so viel Schönes für Sie!«
»Nein, nichts mehr.«
»Heute sehen Sie ja alles schwarz, Eisenhut. Aber Sie freuen sich doch über
viele Dinge -- wenn Sie zum Beispiel ein schönes Pferd sehen oder eine
dicke hohe Eiche im Walde --«
»Ja, ja.«
»Sehen Sie! Ich könnte wohl stundenlang -- stundenlang Dinge nennen, die
Sie lieben. Es ist ja lange nicht so schlimm wie Sie es heute sehen, mein
Freund, lange nicht so schlimm. Haben Sie denn keine Sehnsucht mehr? Kein
Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?«
»Ja, doch!«
»Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wünscht ja noch zu leben und das
Leben ist ihm noch kostbar. Die Menschen, mein Freund, die mit dem Leben
fertig sind, wünschen sich nichts mehr. Und nun muß ich Ihnen doch
Ratschläge geben, obschon es mir anmaßend erscheint. Ich meine, vielleicht
könnte ich Ihnen sagen, wie Sie es zu beginnen hätten -- für den Anfang
wenigstens -- was meines Erachtens gut für Sie wäre. Sie brauchen das ja
nicht zu befolgen -- es ist ja nur meine Ansicht, die Ansicht eines jungen
und unerfahrenen Menschen --«
»Ich befolge alles, alles!« sagte Eisenhut. Er öffnete die Tischschublade
und nahm eine Handvoll Zigarren heraus, die er Grau reichte.
»Danke, danke!« sagte Grau. »Als ob Sie wüßten, wie leidenschaftlich ich
rauche. Nun hören Sie --«
Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst müsse er seine Nerven kurieren,
seine Gesundheit kräftigen. »Sehen Sie mich an, Eisenhut,« sagte Grau und
fuhr erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. »Hören Sie wohl!
Sie müssen ein neues Leben beginnen, und jeder Mensch muß das von Zeit zu
Zeit. Von Grund auf neu! In jeder Beziehung! Jeden Tag um sechs Uhr heraus,
von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends harte körperliche Arbeit in den
Steinbrüchen, wie ein Taglöhner -- einen Monat lang. -- Wie? -- Ja, das
müssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darüber wird nicht mehr gesprochen.
Sie müssen sich den Schlaf erarbeiten. Danach, zwei Monate lang jeden
Vormittag von sechs Uhr bis zwölf Uhr harte Taglöhnerarbeit in den
Steinbrüchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen Bücher geben, Bücher
empfehlen. Ich will Ihnen gern etwas behilflich sein. Wenn Sie wollen, gebe
ich Ihnen regelrechte Stunden, natürlich kann ich es nicht ganz umsonst
tun. Ich verlange für die Stunde eine Mark. Das ist Ihnen nicht zuviel?
Schön! Sobald Sie etwas sicherer sind, fort auf Reisen.«
»Wohin?«
»Das alles wird sich finden. Wir werden alles noch genau besprechen. Ich
deute Ihnen vorläufig alles nur an.« Grau lächelte, während er Eisenhut
immerzu ansah.
»Ich werde alles tun -- tun -- tun -- alles!« sagte Eisenhut.
»Gut. Wir werden auch zu besprechen haben, wie Sie sich einzurichten haben.
Wir werden Ihre Wohnung hübsch herrichten und ich werde häufig zu Ihnen
kommen. Wir werden uns gut unterhalten. Am besten wird es sein, wenn Sie
vorläufig nicht mehr mit Professor Richter und Konsorten verkehren. Die
passen nicht zu Ihnen. Ah, sehen Sie doch, jetzt funkelt die Sonne auf den
Dächern. Bist du müde?«
»Nein, nicht im geringsten.«
»Gut, dann lasse deinen Schlitten einspannen und wir fahren hinaus in
irgend ein Dorf und frühstücken da. Bist du einverstanden damit?«
»Wie Sie wünschen, ich bin dabei.«
Grau lachte. »Hörst du nicht, daß ich Du sage, wie? Freilich, es ist
unverschämt, denn ich bin ja der Jüngere. Aber was kümmern wir uns um
solche Höflichkeitsregeln, haha, jetzt, da wir so gute Freunde geworden
sind. Wenn du aber nicht willst --«
Eisenhut lächelte und blinzelte. »Zigarren? Zigarren haben wir. Wir können
gehen und den Kutscher wecken.«
Vielleicht ist nie in seinem Leben jemand gut gegen ihn gewesen, dachte
Grau.
Sie fuhren hinaus in den Winter, der aufsteigenden Sonne entgegen, die
Schellen klingelten am Schlitten --
* * * * *
Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er hatte sich in der Nacht
vorher erkältet und fiel in ein heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang
anhielt. Eisenhut pflegte ihn wie ein Bruder.