Erstens also sei -- und zweitens --

Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwährend.

»Nun auf das Wohl der Herren!« rief sie und erhob das Glas. Sie sah

wiederum Grau einen Augenblick lang eigentümlich an. Dann lächelte sie.

»Auf das Wohl Susannas!« sagte sie. »Auf gute Freundschaft!« setzte sie

hinzu und lächelte wieder.

»Auf gute Freundschaft!«

Eisenhut hatte keinen Wein im Glase und bis er es füllte, war es zu spät.

Er sagte höflich: »Auf die Gesundheit der Damen!« und stürzte das volle

Glas hinunter. Dann lachte er. Nur Maria Sinding sagte: »Zum Wohlsein!«

»Es ist sehr unterhaltend hier!« sagte Adele. »Alles Ernstes, ich will

Mitglied des Klubs werden. Ja! ich will die kurzen Monate noch genießen.«

Wann denn die Hochzeit sei?

»Im Mai!« antwortete Adele lachend. Dann schüttelte sie den Kopf. »Wer weiß

es?« fügte sie hinzu. »Niemand weiß es. Seht her, wieviel ich gewonnen

habe! Ich habe Glück im Spiel! Faites vos jeux, messieurs!«

Professor Richter verlor endlich die Geduld. Ja, ein merkwürdiger Herr war

dieser Herr Grau. Wie eine Katze fiel er stets auf die Füße. Nun er

zugegeben hatte, daß der Mensch vielleicht nichts sei als das letzte Glied

einer langen Entwickelungsreihe -- ein Produkt der Auslese und Zuchtwahl --

nun war alles noch viel wunderbarer für ihn. Er bewunderte den feinen

Geschmack und Instinkt der Wesen, immer das Schönere und Zweckmäßigere

auszuwählen, er bewunderte das Resultat. Nein! Man könne nicht mit ihm

diskutieren.

Aber nach einer Weile begann Professor Richter von neuem die Diskussion. Er

bearbeitete Grau nach allen Regeln und von allen Seiten. Die ganze moderne

Wissenschaft ließ er aufmarschieren. Endlich -- ach, endlich!

»Nun, verehrter Herr,« murmelte er und rieb bedächtig die großen fetten

Hände aneinander, »die Schlußfolgerungen sind höchst einfach. Ja, das ist

ja erstaunlich, was Sie nun alles zugegeben haben, haha! Sie sind ja gar

kein solch altmodischer Mensch, Donner und Doria -- nein, Sie sind ja ganz

modern. Und beschlagen sind Sie ebenfalls, nicht wahr, Doktor, wie er doch

die Literatur kennt, unser Herr Grau! Aber nun erlauben Sie, daß ich

zusammenfasse! Wenn Sie mir all das zugeben und behaupten all das ändere ja

an der Sache nichts -- wenn Sie mir zugeben, daß die Seele des Menschen aus

der Tierseele entstanden ist, ein Komplex von Gehirnfunktionen -- wenn Sie

mir das zugeben, wenn Sie mir zugeben, daß jedes Empfinden von einem

physiologischen Vorgange begleitet sein muß -- so erlischt also die Seele

-- sie hört auf, sie ist fort und verschwunden, in die Binsen ist sie

gegangen -- in dem Augenblicke, da die Blutzirkulation im Gehirn stockt!

Das ist doch logisch, nicht wahr? Ja, zum Henker, jeder Idiot begreift das.

Aber dann leugnen Sie ja die Unsterblichkeit der Seele, haha! Vollständig,

mein Verehrter, jawohl -- Sie lachen -- aber Sie taten es, gerade vor zwei

Minuten. Prosit! Ja, prosit, Sie sind ein moderner Mensch, durch und durch,

einen Orden sollen Sie haben!«

»Haben Sie gesehen, daß alle herblickten, als Sie das kleine Wort

Unsterblichkeit aussprachen?« entgegnete Grau. »Es fiel mir auf. Ja, das

nur nebenbei. Was sagten Sie? Was habe ich doch getan? Aber auf Ihre

Gesundheit, auf die Gesundheit der Damen -- gewiß werde ich heute einen

Rausch bekommen, so oft schenkt mir der liebenswürdige Herr Doktor ein! Ja,

was habe ich doch nur getan, daß Sie so triumphieren, Herr Professor?

Triumphieren Sie, bitte, nicht zu früh. Ja trotzdem, trotz alledem glaube

ich an die Unsterblichkeit der Seele. Ich werde Ihnen nicht mit Gründen

kommen, denn so unzulänglich meine Worte wären, so unwürdig wären Worte

diesem Gegenstande. Auch finde ich es häßlich, jedes Geheimnis mit einem

Worte zu vernageln. Wie würde es sich doch ausnehmen, wollte ich sagen, all

die Millionen Schwingungen, Strahlen, die in jeder Stunde von Ihnen

ausgehen und ja gewiß fortdauern müssen, sie zusammen -- oder die Seele

könnte sich irgend eines unbekannten Mediums bedienen -- wie häßlich würde

das doch klingen und nichts sagen obendrein. Nein, meine Herren, ich fühle

es und ich denke auch, nie hätte ein Mensch diesen Gedanken fassen können,

niemals, wenn es nicht etwas Wahres mit ihm wäre!«

Grau lächelte und einen Augenblick lang leuchteten seine Augen wie dunkles

Gold.

»Ja,« wiederholte er, »wie hätte doch solch ein Gedanke in den menschlichen

Kopf kommen können, wenn er nicht wahr wäre!«

Aber da höre jede Diskussion auf. Herr Grau sei ein ganz modern denkender

Mensch, aber sobald man gewisse Dinge berühre -- haha!

»Diese Dinge lassen sich eben nicht diskutieren!« erklärte Grau lächelnd.

Dr. Nürnberger rollte sich eine Zigarette und sagte: »Aber der Mensch hat

ja auch den Gedanken der Sterblichkeit der Seele fassen können, also muß es

auch damit eine gewisse Richtigkeit haben.«

»Gewiß,« erwiderte Grau, »der Irrtum ist verzeihlich, denn wir sehen den

Tod stets ringsum und es ist auch möglich, daß ein Teil -- jener Teil, Herr

Doktor -- der Seele stirbt -- -- -- -- Aber sehen Sie doch, was ist mit

Herrn Eisenhut?«

Eisenhut nämlich deutete mit dem Zeigefinger auf den Tisch und schrie

unaufhörlich: »Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ich lasse mir das

nicht bieten!«

»Er läßt sich das nicht bieten!« ahmte der Adjunkt Eisenhuts heulende und

pfeifende Stimme nach.

»Bitte, bitte!« sagte Adele und lachte gereizt. »Herr Eisenhut weiß es

besser, natürlich!«

Jemand hatte Adele grausam genannt, weil sie Eisenhut soviel Geld abnähme.

Sie hatte ganze Rollen von Geld vor sich liegen. Man könne doch sehen, daß

Eisenhut es aufs Verlieren anlege.

»Er mag spielen, wie er will!« antwortete Adele lachend. »Wenn es ihm

Freude macht zu verlieren, so mag er ruhig verlieren. Ich für meine Person

freue mich, wenn ich gewinne, und ich freue mich, wenn jemand verliert. Wer

hat mich doch grausam genannt? Sie, Herr Assistent Pechmann? Danke! -- Ja,«

fügte sie in scherzendem Tone hinzu, »gewissermaßen haben Sie recht, ich

bin vielleicht grausam. Zum Beispiel, ich hasse die Kranken und die

Krüppel, ob sie nun bucklig sind oder hinken, einerlei, und oft denke ich,

man sollte sie eigentlich vergiften, das beste wäre es! Ist das nicht

grausam? Und dann, schon als Kind war ich recht unangenehm, ich habe meine

Amme in die Nase gebissen und später liebte ich es, den Mücken den Kopf

abzureißen --«

Sie sagte es in scherzendem Tone und gab dabei die Karten; niemand

beachtete es weiter, aber Eisenhut begann plötzlich sich ganz unsinnig zu

gebärden.

»Das ist nicht wahr.« schrie er und pochte auf den Tisch. Gelächter.

»Wie beliebt?« fragte Adele und richtete die hellen Augen auf ihn.

Eisenhut schrie: »Niemals haben Sie Mücken die Köpfe abgerissen, das ist

eine Lüge. Ich habe es in einem Buche gelesen!«

Jemand fragte, ob er denn überhaupt je ein Buch gelesen habe?

Der Redakteur streckte beide Hände gegen Eisenhut aus: »Friede sei mit

dir!« Aber der dicke Chinese schob ihn zur Seite und faßte Eisenhut an der

Schulter. »Eisenhut!« rief er. »Ruhig, oder du fliegst hinaus! Du brauchst

Damen lügen zu strafen! Eine Dame lügt nie! Verstanden, du Erzlügner!« Ja,

die Damen müßten den unangenehmen Zwischenfall entschuldigen.

Eisenhut machte sich frei und erhob sich. Er war weiß wie eine getünchte

Wand. Er atmete tief und versuchte zu lächeln. Seine Lippen zitterten, das

Haar klebte an seiner Stirn. Er ließ die Augen im Kreise umherirren, von

einem zum andern, und seine Lippen bebten stärker: Feinde, lauter Feinde!

»Wie sagen Sie?« sagte er, stotterte er. »Ich stehe -- ja, was soll das

heißen -- was soll das heißen! frage ich?« Er rang die Hände und alle sahen

ihm zu, wie zu einem Schauspiel. »Was soll das heißen,« fuhr er zitternd

und bleich fort. »Ich bin wohl kein Mensch? Alles was recht ist -- es ist

zuviel! Erzlügner? Wie -- alles was recht ist -- Sie -- Sie haben -- dieser

Doktor dort, Herr Dr. Nürnberger -- er hat Herrn Grau heraufgelockt. Dr.

Nürnberger ist gegangen um Herrn Grau heraufzuholen, wir wollen ihm die

Würmer aus der Nase ziehen, er sagte es, Professor Richter -- es wäre ein

Vergnügen, zum Scherz ein Gespräch mit ihm anzufangen -- er hat es gesagt.

Alles lügt hier, alles macht sich lustig hier, so ist es. Eine Dame lügt

nie? Er sagt es, hier, Herr Professor Richter, aber vorhin hat er gesagt,

jede Frau wäre ein Sack voll Lügen und die Frauen lügen so, daß sie sogar

manchmal die Wahrheit sagen. Ich habe es gehört, alle haben es gehört --«

Alle Teufel! Ruhe!

Aber Eisenhut schrie nur um so lauter. »Das lasse ich mir nicht bieten.

Erzlügner? Muß ich mir denn --«

»Hören Sie mal! Eisenhut!« sagte Professor Richter und faßte Eisenhuts Arm.

Aber Eisenhut stieß ihn zurück, er stieg auf das Sofa.

»Es hat gar keinen Sinn!« sagte er. »Gar keinen Sinn -- Fräulein von

Hennenbach hat mich verhöhnt -- vor allen Leuten -- ich habe aber hundert

Mark bezahlt für ein Glas Sekt -- sie hat mir nicht einmal die Hand gegeben

-- dann zerbrach ich ein Glas -- Ja, ich kam hierher und freute mich. Ich

freute mich so sehr. Ich war allen dankbar, euch allen -- aber wie begann

es. Es begann mit den hundert Mark! Ich hasse euch alle, alle! Ich hasse

euch, ihr Hunde und Lügner! Und auch Sie hasse ich, Fräulein von Hennenbach

-- mehr als alle! Bin ich geizig, bin ich schmutzig, ich? Wie? Ihr alle

seid mir Geld schuldig, sechzehntausend Mark seid ihr mir alle zusammen

schuldig -- bin ich geizig? Ihr lacht?!« Er fuhr rasch in die Tasche und

zog den Pack Banknoten heraus. »Es ist mir alles einerlei -- hier, ich

zerreiße das Geld -- alles, alles -- nehmt es, ihr Bettler! -- ich hasse

euch!«

Man schrie, lachte und stieß Eisenhut vom Sofa herunter.

Adele sagte: »Lassen Sie ihn doch! Er klebt die Stücke ja morgen doch

wieder zusammen.«

Eisenhut richtete die Blicke auf sie. Er schloß einen Augenblick lang die

Augen und hatte das Aussehen eines Menschen, der das Gefühl hat, in die

Tiefe zu stürzen. Er legte auch die Hände auf den Tisch um sich zu stützen.

»Sie sagen das!« sagte er mit böse funkelnden Augen. »Sie! Nach all dem was

vorgefallen ist!«

Adele stand auf. »Herr Eisenhut!« sagte sie und erbleichte.

Eisenhut machte eine verzweifelte Gebärde. Er blickte Adele an und

plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes vollständig. Er

errötete und wurde wieder bleich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er

rang die Hände und schrie: »Ich bin schlecht, schlecht, ich bin -- seht

alle her, wie schlecht ich bin! Ja, bei Gott, bei allen Göttern, verzeihen

Sie mir, Fräulein von Hennenbach! Ha! Oh, was habe ich gesagt! Was habe ich

gesagt? Was sollte denn vorgefallen sein? Daß Sie freundlich zu mir waren

und mich einluden zum Tennis? Jeder weiß, daß nichts vorgefallen ist. Ich

beleidigte Sie -- ich wollte Sie beleidigen, das ist es! Sie müssen es

vergessen. Sie haben recht, ich habe ja schon öfters Banknoten zerrissen

und wieder zusammengeklebt. Sie sagten die Wahrheit -- ja, bei Gott --«

»Eisenhut!« sagte Grau.

Eisenhut blickte ihn an und suchte mit seinen glitzernden verzweifelten

Blicken in Graus Augen. Dann lächelte er spöttisch. »Herr Eisenhut -- ich

bitte recht sehr!« sagte er und deutete auf den Tisch. »Euch allen sage ich

--«

Man lachte wiederum und schrie ihm zu doch endlich ruhig zu sein.

»Ich will nicht!« keuchte Eisenhut.

Der dicke Chinese umklammerte Eisenhuts Arm und sagte: »Jetzt bist du

ruhig, du bist ja vollständig betrunken!«

Eisenhut spie ihm ins Gesicht.

»Lassen Sie mich in Ruhe!« rief er. »Wer gibt Ihnen das Recht mich zu

duzen, he? Ich fordere Sie zum Duell. Auf Pistolen fordere ich Sie, Sie

Schuft!«

Alle Wetter! Ruhe!

Der Chinese sprang zurück und besann sich einen Augenblick. Er blickte auf

die Mädchen, dann lachte er wütend.

Eisenhut aber schrie: »Haben Sie gehört, Sie Schuft und Heuchler! Haben Sie

es gehört? Oder sind Sie zu feige, wie, wie, wie?«

»Ich nehme die Forderung mit Vergnügen an!« sagte der Chinese und verbeugte

sich vor Eisenhut. »Auf Kanonen oder Pistolen, wie Sie wünschen!«

Man nötigte Eisenhut sich zu setzen. »Er nimmt sie ja an, schreie nicht

so!«

»Gewiß nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman an!« sagte Professor

Richter mit ruhiger Stimme. »Aber Sie erlauben mir eine Frage, wo haben Sie

Ihre Papiere?«

»Papiere?« Eisenhut stotterte und tastete an seine Taschen.

»Als Offizier der Reserve und ehemaliger Korpsstudent bin ich dem

Ehrenkodex unterworfen. Ich bitte Herrn Eisenhut um sein

Universitätsmatrikel.«

Eisenhut öffnete den Mund und starrte dem Chinesen ins Gesicht.

Man lächelte und lachte ringsum.

»Ich sehe, Sie haben die Matrikel nicht in der Tasche, wer sollte sie auch

immer mit sich herumschleppen,« fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort.

»Natürlich bin ich kein Pedant. Ich will Ihnen nur eine einzige Frage

vorlegen, eine kleine Prüfung gewissermaßen. Wir kennen einander und können

auf schriftliche Ausweise verzichten. Übersetzen Sie mir den bekannten

Satz: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat,

ignis sanat. Bitte!« Er stand mit den Fäusten in den Hüften und schnarrte

die Sentenz herunter, daß es rasselte.

Eisenhuts Blick flackerte. Er errötete, er erblaßte, er blickte scheu auf

Adele, ohne den Mut zu haben, sie anzusehen.

»Quae medica --« stotterte er.

»Ein bekanntes Sprüchlein von Hippokrates,« schnarrte der Chinese. »Das ist

nicht zuviel verlangt.«

»Quae --«

Eisenhut sank auf das Sofa zurück.

Es war ganz still und plötzlich hörte man Grau lachen; er lachte heiter,

belustigt, und noch niemals hatte man dieses Lachen von ihm gehört.

Er faßte Eisenhut am Arm und sagte: »Herr Eisenhut! Fallen Sie doch auf den

albernen Scherz dieses Herrn hier nicht herein!«

»Fort!« sagte Eisenhut. »Fort! Hinweg!« Er stieß ihn zurück.

»Guten Abend!« Grau verließ das Zimmer.

Eisenhut sprang auf. »Leben Sie wohl!« sagte er zu allen. »Ich sage nicht

mehr als leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl!« wiederholte trocken der Adjunkt.

Eisenhut fixierte ihn und der dicke Chinese brach in lautes Gelächter aus.

Eisenhut schwankte zur Türe. Die Tanzmusik drang herein; man tanzte

Française und Bezirksamtmann Häberlein rief mit lauter Stimme französische

Kommandos. Er wandte den Blick auf Adele und sagte, indem er den Kopf

senkte: »Leben auch Sie wohl, Fräulein von Hennenbach! Leben Sie wohl für

immer!«

Adeles Lippen zuckten. Das sei das beste, was er tun könne.

Eisenhut lachte verzweifelt und verließ das Zimmer. Er taumelte, immerzu

verzweifelt lachend, den Korridor entlang, er ging die Treppen hinab und

lachte immerzu dasselbe verzweifelte Lachen.

Grau verließ vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel und verschwand in der

Richtung nach seinem Hause.

Der Tor: Roman · 第 46 / 86 题