Fünftes Kapitel

»Ah!« schrien die Herren und fuhren in die Höhe. Der dicke Chinese schwang

den Schirm wie eine Fahne und der Redakteur verneigte sich tief und

ruckweise, daß sein wirres Haar über die Stirne flog. Hurra! Hoch die

Damen! Hoch! Ein Stuhl klapperte auf dem Boden und ein Weinglas fiel auf

geisterhafte Weise ganz langsam von selbst um und zerbrach. Adjunkt Kaiser

schlief friedlich in seinen Hemdärmeln; da keine Karte mehr gekommen war,

war er eingeschlafen.

Der Rauch wirbelte zur Türe hinaus, so sah es aus als kämen die Mädchen aus

einer Wolke. Sie standen alle drei zögernd beisammen und hatten Furcht der

Gesellschaft nahe zu kommen, die lärmend auf sie eindrang.

»Wir wollten einmal sehen, wie die Herren sich amüsieren!« sagte Adele und

blickte umher. Sie bewegte den Fächer in der Hand und der Ärmel ihres

Kostüms fiel herab, so daß man ihren weißen vollen Arm sah. In dem roten

Kostüm, mit den schwarzen Haaren, den hellen Augen sah sie imponierend und

fremdartig schön aus. Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel.

Sie lachte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen waren so rot. Aber ihre

Augen waren ohne Erbarmen, stechend und hart.

Sie blickte auf Grau, sah aber sofort weg, sie streifte Eisenhut mit einem

raschen Blicke.

Eisenhut hatte sich langsam erhoben als Adele sichtbar wurde. Er reckte den

Spitzbart vor, hörte auf zu blinzeln und machte die Augen scharf, um sich

zu überzeugen, daß sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde fahl, richtete

sein Kostüm, strich sich die Haare zurecht und starrte unausgesetzt auf

Adele. Auf seinen Lippen erschien ein verzweifeltes Lächeln. Er ließ sich

auf das Sofa nieder, langsam, um kein Geräusch zu machen, und versteckte

sich hinter dem jungen Hennenbach, der mit Klara Sinding plauderte.

Plötzlich lachten alle. Der junge Lehrer nämlich, der unter dem Tische

schlief, erwachte und machte sich auf allen Vieren aus dem Staube. Er kroch

zur Türe, stieß sie mit dem Kopfe auf und verschwand.

»Ja, was ist denn das?« schrien die Mädchen.

»Das ist unser Hund!« sagte Herr von Hennenbach, der seine Trunkenheit

geschickt hinter seinen sicheren gesellschaftlichen Formen verbarg. »Er

geht um für die Damen zu bestellen!«

»Hahaha!« lachten die Schwestern Sinding und Klara blickte Herrn von

Hennenbach mit schwärmerischen, glänzenden Augen an; sie verriet sich mit

einem Blicke.

Professor Richter ordnete geschickt wie ein Kellner die Gesellschaft.

Gläser! Die Damen sollten sich zu Hause fühlen, höhö! Gläser für die Damen.

»Nein, keinen Wein, um Gottes willen!« rief Adele. »Vielleicht könnte man

ein Glas Selters haben.«

»Selters! Selters!«

Auch die Schwestern Sinding wollten nichts mehr trinken. »Selters, ja.« Sie

saßen mit glühenden Wangen da.

Adele lachte laut auf. »Hier ist er ja, unser Herr Eisenhut!« rief sie und

zeigte auf Eisenhut. »Bedenken Sie nur, meine Herrschaften, hundert Mark

war ihm zuviel für ein Glas Sekt, an dem ich nippte!«

»Ah, oh -- oho!« riefen die Herren rings im Kreise.

Eisenhut bewegte die Lippen. Er blinzelte. »Ich habe ja -- habe ich nicht

hundert Mark bezahlt -- ich wollte Ihnen die Hand geben --«

Aber Adele war grausam. Sie hörte ihn nicht, sie erzählte die Geschichte

von den hundert Mark, die ganze Szene und ahmte Eisenhuts Erstaunen,

Schrecken und Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fächelte sich

unaufhörlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich heiß es sei! Ob man die Fenster

nicht --

»Die Fenster auf -- zum Donnerwetter! Für die Damen --«

Der Redakteur stand schon eine ganze Weile da, das Glas in der Hand und

klappte mit den Lidern wie eine mechanische Figur. Offenbar hielt er eine

Rede, aber niemand nahm Notiz von ihm.

»-- des Lebens heitere Zierde -- ehret die Frauen, sie flechten und weben

-- hoch die Damen! --« murmelte er -- »hoch! Ein Kranz schöner Jungfrauen,

der des Festes Tafel schmückt -- könnte ich jeder ein Kränzchen von

Maienblumen auf das holde Haupt legen --« Plötzlich liefen dicke Tränen

über sein Gesicht. »Hoch die Damen, hoch!«

Die Herren fielen stürmisch ein.

Spielen? Ja, natürlich wollten sie spielen. Alle! Man stürzte sich kopfüber

ins Spiel, schrie und lachte. Die Damen würden es sofort können, eine

Kinderei! Der Adjunkt schlief immer noch. Amtsrichter Leutlein, der seine

schläfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein auf die Glatze, und er

erwachte. Er starrte lange Zeit geistesabwesend auf die Mädchen, dann sagte

er feierlich: »Guten Abend!«

»Es ist ganz herrlich hier!« rief Adele. »Kann ich dem Klub beitreten? Ein

Glas Bowle nun, Herr Doktor, bitte.«

»Bowle, ein Glas Bowle, rasch!« kommandierte der dicke Chinese.

»Ja, also, verehrter Herr Grau --« Er müsse doch zugeben -- selbst wenn er

mit allem und allem unzufrieden sei -- er müsse doch gestehen, daß die

Wissenschaft in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine ganz

unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten Vorurteilen, habe sie

zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen habe sie in Grund und Boden

hineingeritten --

»Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten Respekt vor der

Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren großen Männern. Wo habe ich denn

behauptet, daß ich, ein kleiner und einfacher Mensch -- das wäre ja

geradezu kühn --«

»Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel, zum Teufel ist er! Pardon!

Aber er ist zum Teufel, einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage

mehr glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder fünftausend

Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?«

»Natürlich, das ist Fabel!«

»Bravo, bravo! Also endlich --«

»Im übrigen,« fügte Grau hinzu, »wer weiß, ob es nicht doch ein wahres

Geschehnis ist? Wie schön ist aber jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach

dem Außerordentlichen, jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren? Nicht wahr?

Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es auch, ich glaube es. Ich bin

geneigt, das Unglaublichste zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen

kann --«

»Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand -- wo bleibt da der

gesunde Menschenverstand? Ich bitte, Ehrwürdiger, der gesunde

Menschenverstand muß doch auch auf seine Rechnung kommen?«

Grau lächelte. »Der gesunde Menschenverstand?« sagte er. »Was ist es

eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen, Herr Professor, daß mein

Verstand, obwohl ich annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr

häufig im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat schon ganze

Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie mir einen Kirschkern her und

behaupten Sie, es wird ein Baum daraus werden mit Blättern, Blüten,

Kirschen, verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für möglich

halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit

von so und soviel Meilen um die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie,

mein gesunder Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe einen Stein,

der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht einmal das. Ich muß Ihnen

leider gestehen, daß ich mich auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei

den einfachsten Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar nicht zu

sprechen.«

Hm, hm.

»Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr gesunder Menschenverstand

den Wunderglauben abweist, nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft

arbeiten lassen -- Hölle und Tod! -- sie wird ihr Werk der Aufklärung schon

vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel sie darstellt, das ist wohl

eine Fabel oder nicht?«

»Natürlich ist das eine Fabel, aber --«

Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die Hand. »Redefreiheit für

jedermann! Wir sind unter uns!« sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln.

»Sie können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand wird ein Wort

erfahren. Ein Wort, ein Mann!«

»Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal nicht gesetzt, Eisenhut,

schreie nicht so! Ich erlaube mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn

die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und Poren des Volkes

gedrungen ist -- all der Zauber, Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs

schmelzen -- ja was dann? -- Ich erlaube mir zu behaupten, daß die Religion

dann bankerott ist, einfach. Sie kann ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich

bitte wegen des starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so, bei

allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.«

»Bitte,« sagte Grau, »es ist ja nur eine Formsache, die nichts zu sagen

hat. Also, das glauben Sie? Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft

erkennen wird, desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es wird

nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen, ungeheuer anwachsen. Denn

die Wissenschaft wird Wunder um Wunder aufdecken, es wird alles

verwirrender und verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff

verliert natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr und mehr

verfeinern, vergeistigen; je wissender und größer der Mensch wird, desto

erhabener und größer und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird

gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht --«

»Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem so tiefen religiösen

Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich kommt.«

»Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem Menschen begreiflich macht,

daß vor etlichen Millionen Jahren der Mensch noch gar nicht existierte?

Wie? Was denn, was denn? Gott?«

Grau sah ihn erstaunt an. »Wenn es jetzt keinen Menschen gäbe,« versetzte

er lächelnd, »so gäbe es allerdings kein menschliches religiöses Gefühl.

Aber es handelt sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des

Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch existiert und seit wann,

das ist ja nebensächlicher Natur.« Grau lächelte. »Es ist merkwürdig wie

sehr Sie an die Naturwissenschaften glauben,« fuhr er fort, »ich verehre

die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen zum größten Teil meiner

Erziehung -- allein so unumstößlich wahr sind ihre Thesen nicht, glaube

ich. Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über einen Anhänger der

jetzigen Entwickelungslehre ebenso, wie man in unseren Tagen über jemand

lacht, der noch glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt worden.

Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht dieser Meinung, sondern

ich finde die Behauptungen der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar.

Aber was soll das sagen, nicht wahr?«

»Wie!« Der dicke Chinese lachte und schrie. »Alles, alles mein Herr, alles!

Ich bitte Sie, die Konsequenzen -- die Konsequenzen! Fassen Sie die

Konsequenzen ins Auge!« heulte er triumphierend.

Der Tor: Roman · 第 45 / 86 题