»Ah!« schrien die Herren und fuhren in die Höhe. Der dicke Chinese schwang
den Schirm wie eine Fahne und der Redakteur verneigte sich tief und
ruckweise, daß sein wirres Haar über die Stirne flog. Hurra! Hoch die
Damen! Hoch! Ein Stuhl klapperte auf dem Boden und ein Weinglas fiel auf
geisterhafte Weise ganz langsam von selbst um und zerbrach. Adjunkt Kaiser
schlief friedlich in seinen Hemdärmeln; da keine Karte mehr gekommen war,
war er eingeschlafen.
Der Rauch wirbelte zur Türe hinaus, so sah es aus als kämen die Mädchen aus
einer Wolke. Sie standen alle drei zögernd beisammen und hatten Furcht der
Gesellschaft nahe zu kommen, die lärmend auf sie eindrang.
»Wir wollten einmal sehen, wie die Herren sich amüsieren!« sagte Adele und
blickte umher. Sie bewegte den Fächer in der Hand und der Ärmel ihres
Kostüms fiel herab, so daß man ihren weißen vollen Arm sah. In dem roten
Kostüm, mit den schwarzen Haaren, den hellen Augen sah sie imponierend und
fremdartig schön aus. Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel.
Sie lachte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen waren so rot. Aber ihre
Augen waren ohne Erbarmen, stechend und hart.
Sie blickte auf Grau, sah aber sofort weg, sie streifte Eisenhut mit einem
raschen Blicke.
Eisenhut hatte sich langsam erhoben als Adele sichtbar wurde. Er reckte den
Spitzbart vor, hörte auf zu blinzeln und machte die Augen scharf, um sich
zu überzeugen, daß sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde fahl, richtete
sein Kostüm, strich sich die Haare zurecht und starrte unausgesetzt auf
Adele. Auf seinen Lippen erschien ein verzweifeltes Lächeln. Er ließ sich
auf das Sofa nieder, langsam, um kein Geräusch zu machen, und versteckte
sich hinter dem jungen Hennenbach, der mit Klara Sinding plauderte.
Plötzlich lachten alle. Der junge Lehrer nämlich, der unter dem Tische
schlief, erwachte und machte sich auf allen Vieren aus dem Staube. Er kroch
zur Türe, stieß sie mit dem Kopfe auf und verschwand.
»Ja, was ist denn das?« schrien die Mädchen.
»Das ist unser Hund!« sagte Herr von Hennenbach, der seine Trunkenheit
geschickt hinter seinen sicheren gesellschaftlichen Formen verbarg. »Er
geht um für die Damen zu bestellen!«
»Hahaha!« lachten die Schwestern Sinding und Klara blickte Herrn von
Hennenbach mit schwärmerischen, glänzenden Augen an; sie verriet sich mit
einem Blicke.
Professor Richter ordnete geschickt wie ein Kellner die Gesellschaft.
Gläser! Die Damen sollten sich zu Hause fühlen, höhö! Gläser für die Damen.
»Nein, keinen Wein, um Gottes willen!« rief Adele. »Vielleicht könnte man
ein Glas Selters haben.«
»Selters! Selters!«
Auch die Schwestern Sinding wollten nichts mehr trinken. »Selters, ja.« Sie
saßen mit glühenden Wangen da.
Adele lachte laut auf. »Hier ist er ja, unser Herr Eisenhut!« rief sie und
zeigte auf Eisenhut. »Bedenken Sie nur, meine Herrschaften, hundert Mark
war ihm zuviel für ein Glas Sekt, an dem ich nippte!«
»Ah, oh -- oho!« riefen die Herren rings im Kreise.
Eisenhut bewegte die Lippen. Er blinzelte. »Ich habe ja -- habe ich nicht
hundert Mark bezahlt -- ich wollte Ihnen die Hand geben --«
Aber Adele war grausam. Sie hörte ihn nicht, sie erzählte die Geschichte
von den hundert Mark, die ganze Szene und ahmte Eisenhuts Erstaunen,
Schrecken und Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fächelte sich
unaufhörlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich heiß es sei! Ob man die Fenster
nicht --
»Die Fenster auf -- zum Donnerwetter! Für die Damen --«
Der Redakteur stand schon eine ganze Weile da, das Glas in der Hand und
klappte mit den Lidern wie eine mechanische Figur. Offenbar hielt er eine
Rede, aber niemand nahm Notiz von ihm.
»-- des Lebens heitere Zierde -- ehret die Frauen, sie flechten und weben
-- hoch die Damen! --« murmelte er -- »hoch! Ein Kranz schöner Jungfrauen,
der des Festes Tafel schmückt -- könnte ich jeder ein Kränzchen von
Maienblumen auf das holde Haupt legen --« Plötzlich liefen dicke Tränen
über sein Gesicht. »Hoch die Damen, hoch!«
Die Herren fielen stürmisch ein.
Spielen? Ja, natürlich wollten sie spielen. Alle! Man stürzte sich kopfüber
ins Spiel, schrie und lachte. Die Damen würden es sofort können, eine
Kinderei! Der Adjunkt schlief immer noch. Amtsrichter Leutlein, der seine
schläfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein auf die Glatze, und er
erwachte. Er starrte lange Zeit geistesabwesend auf die Mädchen, dann sagte
er feierlich: »Guten Abend!«
»Es ist ganz herrlich hier!« rief Adele. »Kann ich dem Klub beitreten? Ein
Glas Bowle nun, Herr Doktor, bitte.«
»Bowle, ein Glas Bowle, rasch!« kommandierte der dicke Chinese.
»Ja, also, verehrter Herr Grau --« Er müsse doch zugeben -- selbst wenn er
mit allem und allem unzufrieden sei -- er müsse doch gestehen, daß die
Wissenschaft in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine ganz
unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten Vorurteilen, habe sie
zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen habe sie in Grund und Boden
hineingeritten --
»Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten Respekt vor der
Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren großen Männern. Wo habe ich denn
behauptet, daß ich, ein kleiner und einfacher Mensch -- das wäre ja
geradezu kühn --«
»Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel, zum Teufel ist er! Pardon!
Aber er ist zum Teufel, einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage
mehr glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder fünftausend
Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?«
»Natürlich, das ist Fabel!«
»Bravo, bravo! Also endlich --«
»Im übrigen,« fügte Grau hinzu, »wer weiß, ob es nicht doch ein wahres
Geschehnis ist? Wie schön ist aber jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach
dem Außerordentlichen, jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren? Nicht wahr?
Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es auch, ich glaube es. Ich bin
geneigt, das Unglaublichste zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen
kann --«
»Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand -- wo bleibt da der
gesunde Menschenverstand? Ich bitte, Ehrwürdiger, der gesunde
Menschenverstand muß doch auch auf seine Rechnung kommen?«
Grau lächelte. »Der gesunde Menschenverstand?« sagte er. »Was ist es
eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen, Herr Professor, daß mein
Verstand, obwohl ich annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr
häufig im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat schon ganze
Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie mir einen Kirschkern her und
behaupten Sie, es wird ein Baum daraus werden mit Blättern, Blüten,
Kirschen, verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für möglich
halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit
von so und soviel Meilen um die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie,
mein gesunder Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe einen Stein,
der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht einmal das. Ich muß Ihnen
leider gestehen, daß ich mich auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei
den einfachsten Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar nicht zu
sprechen.«
Hm, hm.
»Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr gesunder Menschenverstand
den Wunderglauben abweist, nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft
arbeiten lassen -- Hölle und Tod! -- sie wird ihr Werk der Aufklärung schon
vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel sie darstellt, das ist wohl
eine Fabel oder nicht?«
»Natürlich ist das eine Fabel, aber --«
Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die Hand. »Redefreiheit für
jedermann! Wir sind unter uns!« sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln.
»Sie können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand wird ein Wort
erfahren. Ein Wort, ein Mann!«
»Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal nicht gesetzt, Eisenhut,
schreie nicht so! Ich erlaube mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn
die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und Poren des Volkes
gedrungen ist -- all der Zauber, Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs
schmelzen -- ja was dann? -- Ich erlaube mir zu behaupten, daß die Religion
dann bankerott ist, einfach. Sie kann ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich
bitte wegen des starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so, bei
allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.«
»Bitte,« sagte Grau, »es ist ja nur eine Formsache, die nichts zu sagen
hat. Also, das glauben Sie? Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft
erkennen wird, desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es wird
nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen, ungeheuer anwachsen. Denn
die Wissenschaft wird Wunder um Wunder aufdecken, es wird alles
verwirrender und verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff
verliert natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr und mehr
verfeinern, vergeistigen; je wissender und größer der Mensch wird, desto
erhabener und größer und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird
gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht --«
»Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem so tiefen religiösen
Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich kommt.«
»Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem Menschen begreiflich macht,
daß vor etlichen Millionen Jahren der Mensch noch gar nicht existierte?
Wie? Was denn, was denn? Gott?«
Grau sah ihn erstaunt an. »Wenn es jetzt keinen Menschen gäbe,« versetzte
er lächelnd, »so gäbe es allerdings kein menschliches religiöses Gefühl.
Aber es handelt sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des
Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch existiert und seit wann,
das ist ja nebensächlicher Natur.« Grau lächelte. »Es ist merkwürdig wie
sehr Sie an die Naturwissenschaften glauben,« fuhr er fort, »ich verehre
die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen zum größten Teil meiner
Erziehung -- allein so unumstößlich wahr sind ihre Thesen nicht, glaube
ich. Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über einen Anhänger der
jetzigen Entwickelungslehre ebenso, wie man in unseren Tagen über jemand
lacht, der noch glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt worden.
Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht dieser Meinung, sondern
ich finde die Behauptungen der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar.
Aber was soll das sagen, nicht wahr?«
»Wie!« Der dicke Chinese lachte und schrie. »Alles, alles mein Herr, alles!
Ich bitte Sie, die Konsequenzen -- die Konsequenzen! Fassen Sie die
Konsequenzen ins Auge!« heulte er triumphierend.