»Wie beliebt, Herr Grau? Wir haben die Telegraphie, das Telephon,
Bogenlampen, Blitzzüge, die Röntgenstrahlen -- all das hat unsere Zeit
geschaffen. Imponiert Ihnen das nicht ein wenig? Kinematograph, Phonograph,
ja, was haben wir doch alles. Die eminente Entwickelung der
Naturwissenschaften.«
Herr Grau möge sich auch an die Errungenschaften der modernen Physiologie,
Bakteriologie, Chirurgie erinnern, bemerkte der Arzt.
Grau lächelte. »Ich sagte schon, daß das alles ganz groß ist,« sagte er,
»all diese Erfindungen, von denen Sie sprechen, wunderbar! Ich lege Ihnen
sogar noch einen tieferen Sinn bei -- sie sind in gewissem Sinne
Offenbarungen -- Verzeihung, ich spreche im vollen Ernste, meine Herren --
aber --«
»Aber?«
»-- trotz ihrer Größe und Wichtigkeit und Tiefe sind sie alle zusammen noch
nicht imstande eine Kultur zu bilden. So groß sie sind, sind sie doch kein
wesentlicher kultureller Faktor. Ich nehme an, ja, zum Beispiel, ein
einziger Psalm von Salomo ist weitaus mehr wert als alle Fernsprechapparate
und Dynamomaschinen zusammen --«
»Allen schuldigen Respekt vor Ihrem Salomo, aber --«
»Wir können ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine, eine Kantate von Bach,
ein Beethovenscher Akkord, ein Gedanke von Plato oder Goethe, wie Sie
wollen.«
»Pardon,« unterbrach ihn der Arzt, »glauben Herr Grau vielleicht, daß ein
Goethescher Gedanke, um nur eines herauszugreifen, kulturell höher zu
werten ist als zum Beispiel die Erfindung des Serums gegen die Tollwut oder
die Entdeckung des Cholerabazillus?«
Grau sah ihn erstaunt an. »Aber natürlich!« sagte er lächelnd. »Wir
sprechen ja von Kulturwerten, nicht wahr?«
Hm!
Aber mit einem Serum könne man doch Tausende von Menschen heilen und ihr
Leben retten?
Grau lächelte. »Haben Sie damit schon etwas zur Kultur beigetragen, Herr
Doktor?«
»Hahaha!« lachte der dicke Chinese und zog seine Karten auf.
Hier geschah es, daß Herr von Hennenbach auf Grau blickte. Wiederum ruhten
die Blicke der beiden eine Weile merkwürdig fragend und suchend ineinander.
Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentümlich, der junge
Mann erbleichte unter Graus Blick. Er erbleichte ganz langsam. Er wandte
die Augen ab, um Grau sofort wieder anzusehen. Er legte die Karten auf den
Tisch, starrte Grau an und drehte mechanisch den silbernen Reif um das
Handgelenk. Dann gab er sich einen Ruck, verzog den Mund und griff nach
seinem Glase und erhob es gegen Grau.
»Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!« sagte er und lächelte.
Grau rührte sich nicht. Es war ein solcher Lärm, daß der Freiherr annahm
Grau habe nicht gehört. Er wiederholte: »Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!«
Sah Grau nicht? Hörte er nicht? Er blickte ruhig und ohne eine Miene zu
bewegen auf den jungen Mann.
»Auf Ihre Gesundheit, Herr!«
Grau sah und hörte nicht.
»Das ist doch unerhört!« stammelte der Freiherr und erbleichte.
Niemand hatte dem Vorfall Beachtung geschenkt.
Professor Richter rückte näher an Grau heran, so daß jetzt Grau ebenfalls
unter den gelben chinesischen Schirm zu sitzen kam.
»Also unsere Zeit findet keine Gnade vor Ihren Augen? Seht an, seht an!«
begann er von neuem.
Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von dem ewigen Geschwätz,
übrigens beschäftigten ihn auch andere Gedanken, gerade jetzt.
»Bitte?« sagte er. Er lächelte. »Gerade vor meinen Augen? Ich bin ja nicht
befugt, zu urteilen und zu richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich
wohl antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet, man sucht,
ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte ich das leugnen, unsere Zeit
bereitet gewiß eine andere vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es
gegenwärtig aussieht -- nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz und gar
nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur gegeben, die so tief stand
wie die Kultur unserer Zeit. Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint
es mir. Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen
Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige Bewegung, ein
Rausch, eine Begeisterung, Ideale? Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger
der Kultur ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa. Auch das
belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst auf die Gefahr hin, daß ich
mich vor den Herren lächerlich mache und immer mehr und mehr altmodisch
erscheine. Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja, so scheint
es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste und zivilisierteste Stück
Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen -- wir haben das Mittelalter
gehabt, mit einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung, wie
haben doch die Menschen damals gefühlt? Ich weiß, daß Sie den Mönchen
gegenüber nicht freundschaftlich gesinnt sind -- aber der Gedanke des
Mönchtums war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein den Gedanken
kurzerhand abtut -- aber wenn man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer
-- die Fakire und Derwische -- zu welchen Taten sind sie fähig gewesen, und
die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten Dinge. Was ist
Gefühl, was ist Mysterium, Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses
Empfinden? Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine Ihnen vielleicht
altmodisch, weil ich mich danach umsehe. Übrigens weiß ich wohl, daß all
das noch existiert, aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung. Wir
haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen, aber wissen Sie, woran es
uns vor allem fehlt?«
»Bitte?«
»An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen
Eigenschaften.«
»Hahaha. Fahren Sie fort! Auf das Wohl der Fakire und heulenden Derwische!«
Grau erhob das Glas. »Auf ihr Wohl!« sagte er. Und er fuhr fort: »Wir haben
in unserer Zeit eine Art von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint.
Wenn ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt sich ohne
jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten und trivialsten
Lebensanschauungen anzuschließen -- zum Beispiel dem Materialismus,
Atheismus und so weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach, so
nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und weil diese Anschauungen
so gar keine Anforderungen stellen. Das erscheint mir so ärmlich und
trivial und das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur, sehen
Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch zum größten Teil
geworden, die Feste, jede Lebens- und Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,«
fügte er hinzu, »ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer, wenn
auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur vorbereitet!«
Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer nämlich war langsam vom
Sofa geglitten und unter den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn
laut schnarchen.
Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf der
Brust und die Oberlippe stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten
tapfer in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die Runde an ihn kam.
Das erriet er stets. Die Stimmen der Spieler wurden leidenschaftlicher,
rauh und betrunken. Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde zu
werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik im Saale, die Geigen, die
Klarinetten, die Pauken. Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe,
kicherte durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte sich heiter.
Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe.
Da erhob sich Grau plötzlich und sagte: »Meine Herren, ich bitte um eine
Minute Gehör. Ich finde Sie alle bei guter Laune und ich möchte die gute
Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohltätigen Werke zu animieren.« Er zog
den silbernen Ring mit dem winzigen blauen Stein aus der Westentasche. »Ich
habe hier einen Ring,« fuhr er fort, »den ich zu Geld machen möchte. Er
gehört einer armen alten Frau. Vielleicht findet sich hier ein Liebhaber?«
Er lächelte und zeigte den Ring. Seine weißen hübschen Zähne blitzten.
Der dicke Chinese lachte zuerst und alle fielen in sein Lachen ein.
»Nein, Sie sind schon ein wenig sehr altmodisch -- hahaha -- alles was
recht ist --«
»Der Ring ist freilich einfach und schlicht,« sagte Grau, der leicht
errötete, und zeigte den Ring im Kreise umher, »er gehörte Fräulein
Margarete Sammet, die sich das Leben nahm -- Sie erinnern sich gewiß alle
-- für die Mutter möchte ich ihn zu Geld machen. Natürlich gebe ich ihn
nicht billig her, nicht allzu billig. Findet sich kein Liebhaber? Herr
Redakteur Heinrich -- oder vielleicht Sie, Herr Assistent Pechmann? Sie
lachen, meine Herren, aber die Frau ist ja arm und hat Geld nötig. Herr
Amtsrichter Leutlein, Herr Eisenhut?«
Eisenhut blickte auf den Ring und blinzelte, dann sah er Grau ins Gesicht.
Er wurde totenblaß und hörte auf zu blinzeln. Er schüttelte den Kopf.
»Nein, danke!« sagte er leise.
Grau verbeugte sich und lächelte. »Nicht? Wie schade! Aber vielleicht Sie,
Herr von Hennenbach? Ich habe die Angelegenheit in die Hand genommen und
möchte sie auch zu Ende bringen, deshalb. Vielleicht Sie, Herr von
Hennenbach? Wollen Sie sich den Ring nicht ansehen?« Grau beugte sich über
den Tisch und zeigte den Ring. »Sie sind ja ein Liebhaber solcher Dinge,
wollten Sie mir nicht einmal meinen Reisesack abkaufen? Sie erinnern sich,
es war hier im Elefanten am Tage vor der Beerdigung des Dienstmädchens. --
Ich habe Sie vorhin beleidigt, ich war unhöflich gegen Sie. Tragen Sie mir
das nicht nach. Sie waren ja an jenem Abend ebenfalls nicht gerade
freundlich gegen mich -- vergessen wir es, wir sind quitt. Wollen Sie sich
den Ring nicht ansehen?«
Grau spielte eine lächerliche Rolle. Alles belustigte sich über ihn.
Herr von Hennenbach begann augenblicklich laut aufzulachen. Er lachte, daß
sich sein Gesicht rötete und hustete. »Danke, danke!« rief er aus.
»Oh, aber ich denke, Sie verstehen sich auf die Schätzung eines solchen
Ringes --«
Der Freiherr lachte immer noch.
»Für den Ring habe ich leider keine Verwendung,« sagte er und lachte
immerfort.
»Bitte sehr!« Grau lächelte sonderbar. »Selbst Sie also nicht!« sagte er
und sah dem lachenden jungen Mann in die Augen.
Plötzlich jubelten alle und blickten zur Türe. An der Türe hörte man das
Lachen von Mädchen, Adele und die Schwestern Sinding traten ein.
»Hurra! Hoch die Damen!«