Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er
verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie
begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang kühl und ihre
Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an
ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien
heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie
auf ihre Mutter blickte, die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte
sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen sah sie die
Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe.
Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich
langsam und hartnäckig den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden
Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er
um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich
stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, daß er
zufrieden lächelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle
beschäftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die
Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze
der Maske jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete um sich
bemerkbar zu machen, aber in all dem Getöse hörte man ihn gar nicht,
niemand beachtete ihn.
Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch.
Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen wandte sich ihm zu. »Sofort,
sofort, mein schöner Herr!« rief sie. »Willst du eine Flasche, eine ganze
Flasche? Nur zwanzig Mark!«
Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte, dann sah er auf Adele
und rief: »Eine ganze Flasche, jawohl. Zwanzig Mark, einerlei.« Er sprach
immerzu mit verstellter, quiekender Stimme.
Da drehte sich Adele rasch um und sagte: »Es ist Herr Eisenhut! Für ihn
geben wir es nicht so billig. Er soll etwas besonderes tun!«
Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte. Aber dann machte er
sich ganz steif und quiekte mit verstellter Stimme: »Sind Sie auch sicher,
daß es Herr Eisenhut ist?«
Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten. Das könne ein Blinder
sehen. Er könne ruhig die Maske abnehmen.
»Maske ab! Maske ab!« schrieen die Herren.
Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske ab. Sein gelbes verlebtes
Gesicht kam zum Vorschein, er lachte, strich sich den Spitzbart und gab
dann allen ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch gegen die
Herren, die um den alten Freiherrn von Hennenbach herum standen. Man schrie
und schüttelte ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern,
zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele.
»Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt haben!« sagte er. »Guten
Abend, Fräulein von Hennenbach!« Er machte auch einen schüchternen Versuch,
ihr die Hand zu reichen.
Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. »Nun will ich Ihnen einschenken,
ich werde es selbst tun, aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es
gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden für jedes Glas hundert
Mark bezahlen, nicht wahr?«
»Bravo! Bravo!« riefen die Herren.
Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden glänzend, gleichsam als ob sie
erwachten. Dann lächelte er und zeigte seine schlechten, zerfressenen
Zähne.
»Sie scherzen?« sagte er.
»Scherzen? Nein, ich bin gar nicht in der Laune zu scherzen!«
Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases beschäftigt war. Seine
Augen glänzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre
Arme, er lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll
und schön, seine Wangen färbten sich. Adele füllte sorgfältig das Glas.
Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte
sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der Friede und die
momentane Schönheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten
erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die
Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm
das Glas und er sah ihren Augen an, daß sie nicht scherzte.
»Fräulein von Hennenbach?« stotterte er.
Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all die Ringe, die Steine. »Herr
Eisenhut?«
»Hundert Mark? Hundert M--?« fragte Eisenhut leise. »Hundert Mark -- aber
ganz unmöglich?« Er lächelte beklommen.
Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele.
Eisenhut raffte sich zusammen.
Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und fuhr hastig in die
Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er
einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche.
Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit einem Millionär zu tun habe,
hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam.
»Bitte, Herr Eisenhut!« sagte Adele, da Eisenhut zögerte. »Ich werde sogar
nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch!« Sie
lachte und nippte am Glase.
Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander,
lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen
Hundertmarkschein auf den Tisch.
»Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!«
Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es
leer. Er fühlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr
unsicher.
Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, daß sie wieder
daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafür bezahlen.
»Wieder?« fragte Eisenhut mit zitternder Stimme.
»Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie
hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.«
»Noch mehr?« fragte Eisenhut in ungläubigem Tone. »Hundert Mark für die
Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin.« Er
deutete auf die Jüdin mit dem hohen Busen.
Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen, aber für Millionäre da
hätten sie ganz besondere Preise.
Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und
her. »Sie scherzt -- Fräulein von Hennenbach scherzt!« sagte er zu der
lachenden Gesellschaft von Herren.
»Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie nicht, daß man sich
schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas für hundert
Mark, fülle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht
lange besinnen.«
Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwärts
Eisenhut -- hahaha -- schmeißen Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und
lachten und stießen sich gegenseitig an.
Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein
Zittern lief durch sein Gesicht, er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr
wieder in die Rocktasche.
»Bravo! Hurra!«
Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen
sollte?
»Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind!« antwortete Adele. »Sie nennen
sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.«
»O -- hoho!« versetzte Eisenhut geschmeichelt.
»Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank vollgestopft mit
Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!«
Eisenhut streckte den Kopf vor. »Haben Sie denn -- haben Sie denn diesen
Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich.« Er lächelte eigentümlich
und blickte Adele an.
Adele lachte laut und unnatürlich. »Selbstverständlich habe ich ihn
gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in
der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?«
Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele.
»Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe
nochmals daran. Nun, nehmen Sie?«
Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra!
Eisenhut, Eisenhut!
Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei
ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die
Umstehenden, die lachten, plötzlich mit scharfen, bösen Blicken an.
Gelächter.
»Bitte!« sagte Adele und lachte. »Weshalb zögern Sie denn?«