Adele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten, mit lautem Hurra
begrüßt und mit schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben
überhäuft.
»Hoch, hoch, hurra!« schrieen die Herren und schwenkten die Kelche. Adele
hatte Mühe sich den Weg in den Kiosk zu bahnen.
Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt. Die Frau des
Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit dem porzellanartigen Teint, eine hohe
Blondine, die etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen
Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun, Flaschen zu entkorken, die
Kelche zu füllen, zu trinken. Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde
Stimmung und die Herren waren alle angeheitert.
Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehüllt, fein,
durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte
Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen,
fröhlichen Herren -- es waren die Offiziere von Weinberg -- er war größer
als alle, grau und würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen
mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und
änderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder
zuhörte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt
und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder, die kokett über seinen
hohen Schädel gelegt war.
Baron Kirchgang -- Adeles Bräutigam -- war ein schweigsamer, etwas
ärgerlich aussehender Herr, dessen Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war
rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrüht
worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den
Schenktisch trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt war, er
war kürzer als der rechte und lahm.
Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um.
»Ihr Herr Bruder ist nicht da?« fragte er Adele.
»Er ist dagewesen,« antwortete sie ihm, »er sitzt mit seinen Freunden im
ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?«
»Ich dachte nur,« sagte Grau. »Danke!«
Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stieß mit ihm an und sagte
lächelnd: »Auf das Wohl Ihrer Braut!«