Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmädchen,
die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch
eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wünschte.
Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren
noch fünf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr
Grau ihr helfen.
Grau freute sich über ihr Vertrauen. »Ich danke Ihnen!« sagte er und
drückte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. »Bitte, treten Sie ein!«
Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm
ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein
ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund.
Dann ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und übergab
es der Frau. »Ich werde morgen früh kommen,« sagte er. »Sagen Sie keinem
Menschen etwas davon,« fügte er flüsternd hinzu, »und kommen Sie heute
abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefüllt.
Auch ein Bettstück will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns
bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und nicht mir, es muß ganz im
geheimen geschehen.«
Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die eingetroffen war, und
den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher
stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote
Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wäsche, ein Pack
beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma,
eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene
Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein
Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke,
die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von
jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf
den Porzellankopf gemalt.
Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der
Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner
Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe.
Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote
Äpfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen.
Auffallend an ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten Lächeln
verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine
Hände waren vor Kälte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor.
Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie
hätten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem
Kegelklub hätten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn
ausgestoßen.
Grau rauchte die Pfeife. »Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz,« sagte
er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. »Es ist mir sehr
angenehm, daß Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch
erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie
haben ein Verhältnis mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?«
»Ja.«
»Wann hat es geendet?«
»Vorige Weihnachten.«
»Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mädchen? Erzählen Sie
mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen
hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden, denn es wird alles
unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort.« Grau streckte ihm die Hand
hin.
Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzählen. Grau
unterbrach ihn.
»Ein Wort noch,« sagte er. »Sie können mir alles sagen und Sie dürfen
sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht,
denn es ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich
fühle es ja sofort, ich höre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!«
Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die
Wand, während der Bursche erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach
einem wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen Heiligen dar,
der in einer Landschaft saß und dachte. An seiner Seite saß ein kleines
weißes Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und
sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, daß es nahezu
idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische
Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des
Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts gestellt; aber auch
diese Füße schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines
der größten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war
eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen
hatte: Ein nackter Jüngling, der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen
Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit.
»Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so?« wandte sich
Grau an den Burschen.
»Ja,« sagte der Bursche. »Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie
kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte
auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft,
aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.«
»Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mädchen gehen sehen,
was sagen Sie dazu?«
Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Straße, wie es ihm
gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen
ihnen sein könne.
»Was hat sie darauf geantwortet?«
»Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.«
»Hat sie wirklich bald gesagt?«
»So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.«
»Und das nächste Mal, sagte sie es da?«
Der Bursche schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »aber sie war sehr gut
zu mir. Ich habe mit ihr unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner
Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen könnten. Wir
gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich
wußte nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.«
»Sie verstanden sie nicht mehr?«
»Nein.«
»Damals war sie schon sehr unglücklich!« sagte Grau und nickte.
»Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir
helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts
Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein Freund. Aus all dem,
was mir die Leute erzählt haben, konnte ich mir ein Bild von Fräulein
Sammet machen. Sie hätten wohl alles für sie getan?«
»Ja!«
Grau nickte. »Das ist schön von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie
das Gedächtnis der Toten hoch!«
Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der
Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den
Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der Bursche saß verblüfft
und sah fast erstarrt zu Grau empor.
Grau lächelte unmerklich.
»Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,« sagte er leise und
ließ den Burschen nicht aus den Augen, »mit Verbrechern und Mördern, aber
sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun,
haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung
dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!«
Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte
Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: »Ich will
Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über
diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt
um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut
unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen,
wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat
sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat
ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß.
Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen.
Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher -- aber das
hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl
verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will
Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen
haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich
fromm gestellt, wahnsinnig gestellt -- man fühlt aber nur zu deutlich was
Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden
war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er
sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging --
er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen
nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt
und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu
verteidigen!«
Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne.
Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich
Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: »Nun sollen Sie mir
aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und
weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut.
Ich bin nun nicht gerade neugierig -- aber ich habe meine Gründe -- die
Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo
hat Fräulein Sammet zuerst gedient?«
»Bei einem Wirt in Weinberg.«