»Bei Herrn Eisenhut.«
»Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der
Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.«
Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf
große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige
Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine
Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd
zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er
sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß
sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam
noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause
kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch
die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine
Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in
der Hand durch sein Haus streichen.
»Er ist nicht verheiratet?« fragte Grau.
»Ach nein!« Hammerbacher lachte laut auf. »Keine mag ihn, trotzdem er so
reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.«
»Unmöglich!«
»So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt. Er sagte: Du sollst
ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen
wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grün
und blau werden.«
»Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?«
»Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn
nicht. Sie ging aus seinem Hause.«
Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig und wie einfältig, nun
hatte ihn plötzlich ein Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller
Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein?
»Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut?« fragte er endlich.
»Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken
oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie
schreien und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen
sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heißen
sich: >Der goldene Zirkel<.«
»Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?«
»Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.«
»Tut er das?«
»Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen müssen, aber sie haben
nur gelacht und nie etwas bezahlt!«
»Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?«
»Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nürnberger,
ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von
der Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schloß,
Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt --«
»Nun ja, ja --« unterbrach ihn Grau. »Die Herren sind wohl zumeist
Junggesellen?«
»Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von
ihnen erzählt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da --«
Grau unterbrach ihn. »Ich will das nicht wissen,« sagte er.
»Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,« fuhr der Bursche fort,
»dafür sollte ich die Herren alle durchprügeln.«
Grau lächelte.
»Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei Monate einsperren lasse!«
Hammerbacher lachte. »Sie treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr
Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschießen. Sie
nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den
Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Räuber
genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so
wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mußt auch das Notizbuch
herausgeben.«
»Was für ein Notizbuch?«
»Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen
die Hände küssen müssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen
habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir
fünf Mark verdienen will.«
»Sie haben aber abgelehnt?«
»Ja.«
»Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?« fragte Grau und rauchte
lächelnd.
Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick.
»Ich? -- Oh, was das anbetrifft -- aber ich riskierte zuviel.«
»Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,« sagte Grau; »wenn Ihnen
Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten hätte?«
»Dann schon!« sagte der Bursche und lachte.
Grau sah ihn an.
Er stand auf. »Ich darf wohl annehmen, daß Sie über unser Gespräch
Stillschweigen beobachten,« sagte er und gab Hammerbacher die Hand. »Ich
danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste
sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen,
nicht wahr? Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten Abend, Herr
Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz
allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?«
»Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter
lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.«
»Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?«
»Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof draußen.«
»Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt sie nicht Löwenherz?«
»Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen Mütterchen, weil sie so
klein ist.«
»Ah, ja!« rief Grau aus. »Herr Eisenhut wird wohl öfters hinaus kommen zu
seiner Mutter?«
»Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.«
»Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung
bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das
Andenken an Fräulein Sammet hoch!«
Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und
warf folgende Notiz auf ein Blatt: »Der Fleischergeselle Herr Anton
Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung
abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen Fräulein Margarete
Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist
unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. --«
Nun wurde es Abend.