In den religiösen Bildwerken trägt Botticelli -- nennt ihn doch bereits

Vasari eine »persona sofistica« -- den Talar des mittelalterlichen

Scholastikers: er malt den »hortus conclusus« Marias, und in einem

andern Gemälde der Berliner Galerie, das seinem Atelier entstammt,

erblickt man die sieben Geister Gottes der divina commedia als

leuchtertragende Engel. Er entwirft, wiederum in Anlehnung an Dante,

eine Himmelsglorie, geht, im nämlichen Bilde, auf Matteo Palmieris

gelehrte Wünsche ein und Sixtus IV. hat genau gewusst, warum er gerade

Botticelli das Fresko der Reinigung des Aussätzigen zuwies; kein

andrer Maler hätte eine theologische Erörterung über die Sühnekraft

des Blutes in Kunst umsetzen können. Selbst Äusserlichkeiten und

kleine Züge verraten Sandros gelehrte Neigungen. Er meisselt Danteske

Verse in Marmorthrone; man erblickt, wo es nur angeht, aufgeschlagene

Bücher, Schriftrollen und Tintenfässer; auf dem Berliner Bilde

der Palmen-Madonna werden die Olivenzweige in den Vasen nicht von

Bindfaden, sondern von lateinischen Spruchbändern zusammengehalten;

unmöglich grosse Edelsteine schmücken die Handschuhe und Mitren der

Bischöfe, und gewiss möchten, an der Hand eines »liber gemmarum«

mittelalterlich-symbolische Beziehungen zwischen der Wesensart der

Heiligen und der Natur der Juwelen sich offenbaren.

Sein Gelehrtentum bedingte auch Botticellis eigenartiges Verhältnis

zur Antike. Die Maler neben ihm, die Pollaiuoli, Ghirlandajo und

seine Schüler füllten ihre Gemälde mit mehr oder minder freien Copien

antiker Bauten an. Das war -- im allgemeinen -- Botticellis Sache

nicht. Wohl nimmt auf dem Fresko von dem Untergang der Rotte Korah

Constantins Triumphbogen die Mitte der Scene ein; aber die lateinische

Inschrift, die seine Vorderfront trägt, »Nemo sibi assumat honorem

nisi vocatus a deo tanquam Aron« mildert diesen Anachronismus und

verbindet das altrömische Bauwerk mit dem alttestamentarischen Inhalt

des Freskos. Ein gedankenloser Kopist antiker Kunst ist Sandro nie

gewesen; er dankt ihr entscheidende Anregungen; nur führte ihn -- das

ist bezeichnend -- Leon Battista Albertis Traktat zur alten Kunst. In

dieser ästhetischen Bibel Sandros steht zu lesen: »Es gefällt, im Haare

der Menschen und Tiere, in den Zweigen, im Laub, in der Gewandung eine

gewisse Bewegung zu sehen« und für derartige »Bewegungen« der Haare

und besonders der Gewandung, aber auch nur für solche, wurden ihm die

Reliefs spät-römischer Sarkophage zum Vorbild. Seine Unabhängigkeit

gegenüber der Antike hat Sandro jedoch -- bewusst oder unbewusst --

stets gewahrt. Dies zeigt sehr deutlich ein weibliches Idealporträt

im Staedelschen Institut zu Frankfurt. Vom Individuellen ausgehend,

näherte Sandro die Züge des Modells der strengen Regelmässigkeit

antiker Gemmenköpfe und gab dem blonden Haar, das erst zu Zöpfen

aufgebunden ist, dann lose über die Wangen rieselt, durch Bänder,

Reiherfedern und eingeflochtene Perlen jene von Alberti gewünschte

»Bewegung«.

Ein besseres Schulbeispiel noch, Botticellis Art zu »erklären«, bietet

jene Pallas, die -- lange verschollen -- heute ein Gemach in den

Wohnräumen des Palazzo Pitti schmückt. Auch dies Gemälde verherrlicht

die Unterdrückung der Pazzi und bezeichnend für das rein ästhetische

Verhältnis der mediceischen Kreise zu Christentum und Antike ist: der

nämliche Botticelli feierte die Errettung Lorenzos de' Medici in einem

christlichen Votivbilde, der Epiphanie, und durch eine antikisierende

Allegorie, eben diese Pallas mit dem Centauren. Voll Symbolik steckt

das Gemälde. Der Centaur, dem Pallas mit der Rechten bändigend ins

Haar greift, war seit Dantes Zeiten ein Sinnbild der Zwietracht. Die

Linke der Göttin hält eine Hellebarde und einen Ölzweig, der sich in

einzig schönen Linien um ihr Gewand ranken will; das bedeutet Kraft und

Frieden; ihrer Vereinigung entspriesst eine segensreiche Herrschaft:

nur die Medici können mit einer solchen die Arnostadt beglücken; darum

durchwirken, eine Impresa Lorenzos, drei Ringe, die sich ineinander

schlingen, das Kleid der Olympierin. Das klingt pedantisch und

schulmeisterhaft; aber Botticelli war ein Künstler, dem alles, was

er schuf, selbst eine politische Allegorie, zum inneren Erlebnis

wurde; er war ein Maler, und das will sagen: jedem, auch dem kleinsten

Flächenstück in seinen Bildern kommt, lange vor seiner symbolischen,

eine bestimmte sinnliche Bedeutung zu; alles ist, bevor es Allegorie

wurde, als Form und Farbe erdacht gewesen. Darum wird man stets das

Pathos des Centauren, den malerischen Reiz der hellen Frauenhand im

dunklen Haar des Unholdes bewundern und kann, auch ohne literarische

und culturgeschichtliche Vorkenntnisse, von der traurigen Schönheit der

Pallas ergriffen sein.

[Illustration:

_Florenz, Accademia._

DER FRÜHLING]

Nicht anders ist es mit der herrlichsten Allegorie Botticellis, dem

»Frühling« der Florentiner Accademia. In einem menschenfernen Haine

webt der Lenz und tausend farbenbunte Blumen spriessen empor; Grazien

in goldgesäumtem Schleiergewand reichen einander die Hände zum Reigen;

auf zarten Füssen eilt eine Blütenfee durch all die Frühlingspracht, in

der selbst der rastlose Hermes gern verweilt; seiner Mutter zu Häupten

gaukelt Amor faltergleich in Lüften und mit sinnendem Lächeln blickt

Venus auf ihr ewiges Reich ... »ridegli intorno tutta la foresta«

... Wer je empfand, wie die Einzelschönheiten der Formen und Farben

beim Betrachten sich zur dichterischen Einheit zusammenschlossen, mag

bewundert haben, wie hier ein Poet zum Maler, ein Maler zum Poeten

geworden; die Frage, ~was~ ist hier gemalt, mögen sich nur wenige

gestellt haben. Und doch sind darüber Aufsätze und Bücher geschrieben

worden, in letzter Zeit sogar erbitterte Fehden entbrannt, und die

Pforten zum Reich der Venus sind von hadernden Gelehrten umlagert,

die uns durch Citate aus Ovid und Horaz, aus Alberti und Polizian,

durch Hinweise auf die Revers-Seite von Medaillen und mailändische

Holzschnitte den wahren Sinn eines Gemäldes offenbaren wollen, das

sich allen Ungelehrten anscheinend von selbst erklärt. Man streitet

ums Ganze wie ums Einzelne, möchte die Entstehung des Bildes mit einem

Ereignis der Florentiner Zeitgeschichte in Verbindung setzen, weiss

aber nicht, ob mit dem Tode der bella Simonetta Vespucci, der Muse

des mediceischen Kreises oder mit der Hochzeit Lorenzo Tornabuonis;

dass Botticelli mancherlei Anregungen den prunkenden Stanzen von

Angelo Polizianos »Giostra« schuldet, wurde sehr scharfsinnig und

überzeugend nachgewiesen; Alberti mag ihm eingegeben haben, die

Grazien zu schildern, wie sie »lächelnd, mit ungegürteten und

durchsichtigen Gewändern angethan, einander an den Händen halten«;

verweist man jedoch, um die Anwesenheit des Hermes im Reiche der Venus

zu »rechtfertigen«, auf eine horazische Ode an Venus, wo nichts weiter

zu lesen ist, als »Amor und Hermes geleiten dich«, so heisst das, einen

grossen Künstler nicht verstehen. Dass Botticelli ins Reich der Venus

auch einem göttlichen Jüngling Einlass gewährt, musste er sich dazu

erst von einer klassischen »Belegstelle« die Erlaubnis holen, und lässt

sich die Wahl dieser vielgedeuteten Figur nicht vom rein künstlerischen

Standpunkt aus begreifen? Vielleicht hätten diese Frauengestalten, ohne

den Kontrast zu einem männlichen Akte, nicht so eindringlich gewirkt;

wie könnte jene Bewegung, die, allmählig leiser werdend, das Bild von

rechts nach links durchzieht, edler ausklingen, als in der geraden

Linie des jünglinghaften Hermeskörpers, und glaubt man wirklich, dass

nebeneinander gestellte Illustrationen zu fünf oder sechs Autoren als

Summe eine unvergessliche Stimmungseinheit ergeben?

Dem nämlichen Gefühlskreise wie der »Frühling«, -- »Reich der Venus«

wäre ein besserer Titel für das Gemälde -- der nämlichen mediceischen

Antike gehört auch die »Geburt der Venus« in den Uffizien. Zu Vasaris

Zeiten schmückten beide Bilder ~einen~ Raum und als Gegenstück zum

»Frühling« ist dies künstlerisch nicht ganz so hoch stehende Bild

zweifellos von Botticelli erdacht worden. Rosenblüten gaukeln durch

sonnenvolle Luft und Windgötter hauchen die Schaumgeborene, die

aufrecht in einer blanken Muschel steht, über das blaugrüne Meer

zum Strand. Eine goldhaarige Nymphe im Blumengewande harrt, die

leuchtende Nacktheit der Gebieterin mit dem Königsmantel zu bergen.

Die Herrscherin betritt ihr Reich: vergebens sucht Flora, sich der

stürmenden Glut des Zephirs zu entwinden, in dumpfer Mädchensehnsucht

schlingen die Grazien den Reigen; alle treibenden Säfte und Kräfte

des Frühlings werden lebendig, -- »vereint sind Liebe und Lenz«

... Anregungen von seiten Polizians und Albertis lassen sich auch

in diesem zweiten Bilde nachweisen; aber Sandro wahrte doch seine

Künstlerfreiheit. So wird, um ein prägnantes Beispiel einzuführen,

Venus bei Polizian, gemäss dem Homerischen Hymnus an Aphrodite,

von drei Nymphen empfangen; Botticelli malte nur eine und vielleicht

braucht man das nicht, wie ein wohlmeinender Kunsthistoriker that,

mit »Vergesslichkeit« von seiten Sandros zu entschuldigen. Jenen

Glanztagen botticellesken Schaffens entstammt auch das wundersame

Idyll von Mars und Venus in der National-Gallery. Wiederum erkennt

man leise Anklänge an manche Reime der »Giostra«; aber niemandem

werden vor diesem Gemälde Homerische Verse einfallen: die hellenischen

Götter lachen, Sandros Olympier verziehen kaum den Mund zu träumendem

Lächeln. Um den schlafenden Kriegsgott, -- den besten männlichen

Akt, den Botticelli je geschaffen, -- treiben mit den Waffen des

Schlachtenerregers bocksbeinige Satyrknaben ihr tollgraziöses Spiel.

Aber das schmerzverzogene Antlitz des Gottes steht in seltsamem

Kontrast zu ihrem Thun, und Aphrodite, die von golddurchwirktem Pfühl

mit lächelndem Ernst auf den Schlummernden blickt, ist zwar schön,

aber nicht, gleich ihrer Homerischen Schwester, »unbändigen Herzens«

... Jene antike Sinnlichkeit, die untrennbar ist von gesunder und

kraftvoller Schönheit, hat Sandro in seiner Venus nicht geschildert;

sie hat auch mit der vampyrhaften »Frau Venus« des Mittelalters nichts

gemein. Als Bewunderer der Antike schaut Sandro ehrfürchtig zum Olymp

empor; selbst die entthronte Aphrodite bleibt ihm eine hoheitsvolle

Göttin. Sie gleicht der nazarenischen Maria, und niemand könnte einen

Heiligenschein um ihr Haupt störend empfinden. Die keuscheste nackte

Frauengestalt schuf Sandro in seiner Venus; aber der »naive alte

Meister« wusste auch um süsse Teufelinnen, um Weiber, die nichts als

geschlechtliche Wesen sind. Da ist die »Salome« der Accademia; rostrote

Haare, gierige Augen und Lippen, die verruchter Sünde entgegenzittern.

Von dieser kleinen und leider nur wenig beachteten Predella führt kein

Pfad zur Vergangenheit. Botticellis Salome ist nicht das »Mägdlein« der

Bibel, kein Zug gemahnt an die kirchlich strenge Prinzessin Giottos,

an Filippo Lippis fröhlich tanzendes Kind; aber man findet von dieser

Salome einen Weg in die fernste Zukunft, zur perversen Erotik der Oscar

Wilde und Aubrey Beardsley. Auf einer andern Predella naht dem heiligen

Eligius die Versuchung; aber metallisch funkelnde Hörner im goldigen

Zauberhaar verraten die Herkunft der Dämonin; ihre lachenden Augen und

der blutrote Dirnenmund werden den Mann Gottes nicht verführen; denn

er weiss: »Mulier est confusio hominis, bestia insanabilis ... fetens

rosa, tristis paradisus, dulce venenum« ...

[Illustration:

_Florenz, Uffizien._

GEBURT DER VENUS]

Als Botticelli seine Geburt der Venus malte, dachte er vielleicht,

ein im Altertum viel gefeiertes Bild des Apelles gleichsam neu zu

schaffen; ganz deutlich offenbart dies Streben nach Rekonstruktion

eines verlorenen Kunstwerkes seine »Verläumdung des Apelles« in den

Uffizien. Lucian gab in den Dialogen über die Verläumdung eine genaue

Beschreibung von dem Bilde des Apelles. Alberti nahm diese Schilderung

in sein Malerbuch auf, und aus diesem wird sie Botticelli gekannt

haben. Hier, wo es in seiner künstlerischen Absicht liegen musste,

folgte Sandro genau den Worten Lucian-Albertis. Man vergleiche:

»Es zeigt jenes Bild einen Mann mit sehr grossen Ohren, zu dessen

Seiten zwei Frauen standen, deren eine man »~Unwissenheit~«, die

andere »~Argwohn~« nannte. Dann kam die »~Verläumdung~«; dies war

ein Weib, prächtig von Ansehen, doch zeigte ihr Antlitz allzuviel

Verschlagenheit; ihre Rechte hielt eine brennende Fackel; mit der

Linken schleppte sie an den Haaren einen Jüngling herbei, der seine

Hände zum Himmel emporstreckte. Dann war ein bleicher Mann da,

hässlich, schmutzbedeckt, von schaurigem Ansehen ... Dieser führte die

Verläumdung und man nannte ihn den »~Neid~«. Zwei andre Frauen versehen

die »Verläumdung« mit Schmuck: »~List~« und »~Täuschung~« waren ihre

Namen. Ihnen folgte die »~Reue~«, eine Frau im Trauergewande, die sich

selbst zerfleischt. Endlich kam ein Mädchen, zag und schüchtern, --

die »Wahrheit« ...« Nur diese eine Gestalt hat Botticelli -- gewiss

zum Vorteil des Bildes -- geändert. Eine hüllenlose Frau hebt ihre

Rechte wie anklagend und beschwörend zu den ewigen Göttern auf. Zum

Schauplatz der antiken Scene bestimmte Sandro eine sonnendurchflutete

Renaissance-Halle, wo in goldenen Nischen ungemein plastisch empfundene

Statuen stehen, deren manche geradezu Motive Castagnos und Donatellos

kopieren. Vasari preist dies Gemälde in wenigen aber begeisterten

Worten; ob jedoch Leon Battista Alberti seinem Jünger Beifall genickt

hätte? »Alle Bewegungen« -- konnte man im Malerbuch lesen --

»sollen, immer aufs neue weise ich darauf hin, massvoll und lieblich

sein« ... »Denn heftige Gebärden rauben nicht nur der Malerei jegliche

Anmut (grazia e dolcezza), sondern lassen auch den Geist des Künstlers

allzu wild und feurig erscheinen.« Und in Sandros Bild ist jede

einzelne Figur durchschauert von inneren Stürmen, die sich nach aussen

in heftige und leidenschaftliche Gesten umsetzen. Botticelli wusste um

diese Vorschrift Albertis und hat sie viele Jahre treulich erfüllt.

Aber die Zeiten, da Wünsche von Ästhetikern ihm Gesetze bedeuteten,

lagen hinter Sandro. Gerade in jenen Tagen, wo er die Verläumdung

malte, vollzog sich die entscheidende Wandlung seiner Seele: der

mediceische Sandro, der nur vollendete Kunstwerke schaffen, mit feinen

Fingern die Schätze toter Kultur heben wollte, -- er starb; und an

seiner Statt erblicken wir einen sündbewussten Menschen, der nicht mehr

»schöne«, sondern inbrunstvolle Bilder malt, den Pinsel in sein eigenes

Herzblut zu tauchen scheint. Der Mann, dem Botticelli diese Erleuchtung

seiner Seele, die Neubekehrung zum Christentum dankte, hiess ~Girolamo

Savonarola~.

[Illustration:

_Florenz, Uffizien._

DIE VERLÄUMDUNG DES APELLES]

Das Florentiner Volk war -- auch in den Tagen der Renaissance -- immer

fromm gewesen, oder, mit Vespasiano da Bisticci zu reden, »dem Weg der

Wahrheit zugethan«; lange vor Savonarola errichtete Fra Bernardino

da Massa auf Piazza Santa Croce einen Scheiterhaufen, woselbst »die

falschen Haare der Frauen, Spielwerk und eitle Dinge«, verbrannt

wurden. Die Medici gehörten religiösen Bruderschaften an und sogar dem

frivolen Polizian dienten das Leiden und die Demut Christi gelegentlich

zu lateinischen Stilübungen. In Wahrheit hatten jene Freunde Lorenzos

de' Medici, die im Palazzo der via larga und in den Hainen von Careggi

sich zusammenfanden, nur ein sehr äusserliches Verhältnis zu Gott

und seinen Dienern. Der Prediger bedeutete ihnen, was dem antiken

Menschen der Rhetor war, dem modernen ein Schauspieler ist. Was er

sagte, kam nicht in Betracht; das wie allein entschied. Ob der Mann

auf der Kanzel an seine Worte glaubte, danach frug niemand. Angelo

Poliziano spricht einmal ungemein charakteristisch vom Eindruck, den

ein Sermon Fra Marianos da Genazzano ihm bereitete. »Ich bin ganz Ohr

(tutto orecchi) für den Wohlklang der Stimme, die gewählten Worte, die

grossen Sentenzen. Ich unterscheide die Absätze, den Bau der Perioden,

bin im Bann harmonischer Kadenzen« ... Savonarola verschmähte die

Mittelchen solcher Kanzelvirtuosen: »Eleganz und aller Wortschmuck«

-- meinte er einmal -- »müssen zurücktreten, wenn man die Lehre des

Heils einfach kündet« ... Auch Botticelli mag der ersten Predigt

Savanarolas beigewohnt haben, um klingende Perioden oder elegante

Gesten zu bewundern und fand einen Mönch, -- der ~glaubte~. Die Männer

um Lorenzo de' Medici »konnten« alles, waren glänzende Artisten der

Sprache, geschmackvolle Histrionen von Gefühlen und Empfindungen;

ihre Seele aber hatte keinen Teil an dem Thun ihres Geistes. Aus

Savonarolas Worten flammte heilige Überzeugung und darum schufen

sie Überzeugte; weil er selber glaubte, machte er Gläubige. Dass

aber gerade Sandro, der Künstler, so glühend jenem Priester anhing,

der alle Kunst nur als Dienerin des Glaubens gelten liess? In jedem

Künstler lebt die Heldensehnsucht, am willigsten bewundert er die

grosse Persönlichkeit, selbst eine antikünstlerische. So mochte das

festumrissene Charakterbild des Priors von San Marco dem Künstler

Botticelli Verehrung abzwingen; die Massen-Suggestion, der leicht

erregbare Menschen sich selten entziehen, übte ihren Einfluss; und

-- die Hauptsache -- es war plötzlich einsam geworden um Sandro

Botticelli. Er hatte Lorenzo de' Medici begraben sehen, und zwei Jahre

später -- anno 1494 -- war Polizian seinem Mäcen gefolgt; bald darauf

stürmte der heulende Pöbel den Palazzo Medici und sein Besitzer Piero,

Lorenzos Sohn, musste schimpfbeladen aus der Stadt flüchten; aufrecht

aber und gewaltig stand der Dominikaner auf der Kanzel, und wenn er dem

zitternden Volke das Crucifix entgegenstreckte, knieten Tausende nieder

und schluchzten: Miserere Domine ... Auch Botticelli hatte viel zu

büssen. »Was soll ich über euch, ihr Maler, sagen, die ihr halbnackte

Figuren hinstellt«, zürnte Fra Girolamo und Botticelli wusste: »viele

Bilder nackter Frauen«, die jetzt »die Häuser der Bürger« verunzierten,

waren aus seinem Atelier hervorgegangen. »Kein Kaufmann veranstaltet

eine Hochzeit,« -- donnerte wiederum Savonarola -- »dessen Tochter

ihre Ausstattung nicht in eine Truhe legt, die mit heidnischen Fabeln

bemalt ist; so dass eine christliche Braut früher den Betrug des Mars

und die Listen Vulcans, als die Thaten der heiligen Frauen beider

Testamente kennt« ... Sandro hatte die buhlerische Liebe von Mars und

Venus gefeiert und -- als erster -- heidnischen Göttern lebensgrosse

Bilder geweiht; aber »sollen wir Ovid hier predigen oder christlichen

Glauben«? Da verwies Botticelli den frohen Fabelwesen sein Haus,

schmückte »die Truhen für die Neuvermählten« mit den Wunderthaten des

heiligen Zenobius und dem keuschen Opfertod Virginias oder Lucretias,

ging hin und predigte christlichen Glauben, nicht mehr nach Albertis

Vorschriften, sondern wie sein glühendes Herz es ihm eingab. Schien

er bis nun ein Lyriker, ein Troubadour göttlicher Minne, so wurde

er jetzt zum Pathetiker und kleidete sich in die härene Kutte des

Busspredigers. Man vergleiche in den Uffizien die beiden Darstellungen

der Epiphanie mit einander: die eine, jene Verherrlichung der Medici,

malte ein Künstler um der Kunst willen; die andre, leider stark

ruinierte, ist das Werk eines Fanatikers, der die sündige Welt zum

Glauben bekehren möchte. Wie gepeitscht von unsichtbaren Geisseln,

ekstatisch aufgeregt, stürmen von allen Seiten die Völker zu dem

Sohne Marias, werfen sich aufs Knie, beugen, brennenden und seligen

Auges, sich zum Christkinde vor, deuten mit freudebebendem Arm auf

die heilige Gruppe, winken andere herbei in die braune Felsenöde, wo

der Menschheit ihr Erlöser geschenkt worden. Hie Fra Mariano -- hie

Savonarola! Das religiöse Fieber, das mit Botticelli ganz Florenz

erfasst hatte, verflog; die politischen Gegner des Priors gewannen die

Oberhand, und Botticelli musste erleben, wie am 23. Mai des Jahres 1498

Savonarola, der »zweite Heiland«, seine Lehre mit seinem Tode besiegeln

musste. Sandro hat es nie verwunden. In der Chronik seines Bruders

Simone Filipepi kann man unterm Allerseelentag des Jahres 1499 lesen:

»... Als wir gegen drei Uhr nachts in meinem Hause ums Feuer sassen,

erzählte mein Bruder Sandro di Mariano Filipepi, einer der guten Maler,

die damals in unsrer Stadt lebten, wie er in seiner Werkstatt mit

Doffo Spini über Fra Girolamos Schicksal gesprochen. Und weil Sandro

wusste, dass Doffo einer der Eifrigsten bei seinem Verhör gewesen, so

bat er um reine Wahrheit, ob Fra Girolamo einer Sünde schuldig befunden

worden, die so schmachvollen Tod verdient hatte. Und Doffo antwortete

ihm: »Sandro, soll ich dir die Wahrheit sagen? Wir fanden ihn nicht

nur keiner Todsünde, sondern nicht einmal einer lässlichen schuldig.«

Worauf Sandro sprach: »Warum liesset ihr ihn dann so elendigen Todes

sterben?«« ...

[Illustration:

_Florenz, Accademia._

SALOME]

Wie treu der Jünger Sandro seinem hingeopferten Meister anhing,

bekundet auch das einzige signierte und datierte Gemälde Botticellis,

jene kleine, unsagbar feierliche Darstellung von Christi Geburt in

der National-Gallery, vielleicht das letzte eigenhändige Bild, das

Sandro geschaffen. Heftig bewegt und doch von schmerzlichem Frieden,

christlichen Geistes und dunkler Symbolik voll, deucht dies Gemälde

wie ein Werk aus seiner mediceischen Epoche, übertragen in die

Formensprache der Savonarola-Zeit: die Niedrigsten und die Höchsten,

Könige und Hirten werden, den Ölzweig des Friedens im Haar, von Engeln

zur heiligen Hütte geleitet, auf deren Strohdach andere Engel das

»Gloria in excelsis« jubeln. Ihnen zu Häupten schlingen, von goldenem

Glanz umleuchtet, wieder andere Engel den Reigen; aber das ist nicht

mehr jenes selige Schweben, wie es vordem Sandro in der Marienkrönung

mit so einziger Kunst gemalt; eine religiöse Orgie, ein Bacchanal des

Glaubens könnte man diesen jäh dahin wirbelnden Tanz nennen. Drei

goldene Kronen schimmern im strahlenden Lichtmeer, bestimmt, die

Häupter dreier Pilger zu schmücken, die gerade von drei Engeln zärtlich

umarmt und geküsst werden, indes ein paar Teufel, Maulwürfen gleich,

sich in den Boden verkriechen; -- diese drei Pilger sind Savonarola

und die beiden Genossen seines Martyriums. Eine griechische Inschrift,

deren geheimnisvoller Ton bewusst an die Offenbarung Johannis anklingt,

zeugt erschütternd von Sandros Verzweifeln und Hoffen: »Dieses

Bild malte ich, Alessandro, am Ende des Jahres 1500, während

der Wirren Italiens, in der halben Zeit nach der Zeit, gemäss des

elften Kapitels S. Johannis, im zweiten Wehe der Apokalypse, in der

dreiundeinhalbjährigen Loslassung des Teufels; dann aber wird dieser

gefesselt werden, gemäss des zwölften und wir werden ihn erblicken, zu

Boden getreten, wie auf diesem Bilde.«

[Illustration:

_Aufnahme Hanfstaengl._

_London, National Gallery._

GEBURT CHRISTI]

Botticelli(#61501) · 第 2 / 3 段