Weit hinter Sandro lagen nunmehr jene Tage, da er am »Betrug des Mars

und den Listen Vulcans« sich erfreute. Der Born antiker Herrlichkeit

rauschte ihm nicht mehr; dafür erschloss sich eine christliche

Schönheitsquelle dem Gläubigen, -- Dantes göttliche Komödie.

Sechsundneunzig jener Federzeichnungen, mit denen er für Lorenzo di

Pierfrancesco de' Medici ein Exemplar der Divina commedia schmückte,

sind uns erhalten; acht davon bewahrt die Vaticana; die übrigen bilden

einen stolzen Besitz des Berliner Kupferstich-Kabinets. Vielleicht

begann Sandro dies Riesenwerk vor seiner Romfahrt; aber es zog sich

viele Jahre hin, wahrscheinlich noch über den Tod des Medici heraus,

und das Beste daran gehört den Zeiten, da Botticelli dem Glauben

neu gewonnen war. Sandro widmete -- mit einer einzigen Ausnahme --

jedem Gesang ein Blatt. Aber die Fülle des Darzustellenden erdrückte

ihn; das Nacheinander der Schilderung löst sich nicht immer gut zum

Nebeneinander auf und so kranken besonders die frühen Zeichnungen zum

Inferno an einer unklaren und verworrenen Anordnung. Doch darf man, in

Umkehrung eines Goetheschen Wortes, sagen: Wo starker Schatten, ist

auch viel Licht. Seine Zeichnungen enthalten, gleichsam im Extrakt,

alle Vorzüge seiner Gemälde: die plastische Formgebung, den beseelten

Contur, und die Gesten werden hier, noch unmittelbarer als im Bilde,

zum Ausdruck eines überquellend reichen Innenlebens. Die finsteren

Giganten der Hölle wirken ebenso überzeugend wie die Holdseligkeit

der Engelsreigen; wenn Sandro mit ein paar Strichen die Unendlichkeit

des Äthers oder eine unermessliche Weite ahnen lässt, so scheint der

Florentiner zum Japaner geworden und wie endlich, in den Zeichnungen

zum Paradies, Dantes Augen Angst, Verwirrung, das Gefühl der eignen

Unwürdigkeit, Hoffnung und heiligste Ergriffenheit wiederspiegeln, --

solcher Kunst ist nur wenig, vielleicht gar nichts vergleichbar.

Botticelli konnte den Abend seines Lebens gänzlich den Dante-Studien

widmen; denn in seinem Atelier drängten sich die Besteller nicht mehr.

Die Florentiner brachten dem Maler, den ein Papst berufen hatte,

noch immer Respekt entgegen, baten ihn zuweilen um ein Gutachten in

Kunstdingen, -- aber Sandros Art schien überholt. Seine Kunst wurzelte

nicht im nährendem Erdreich des Florentiner Volkstums; sie glich einer

aristokratischen Zierpflanze Careggis, jenes Mediceer-Haines wo die

Künstler gelehrt und die Gelehrten Künstler waren. Sandros Schöpfungen

bedeuteten die bildgewordene Sehnsucht jener Estheten, die hier, unter

Cypressen, zu Füssen eines marmornen Hellenengottes, den ewigen Traum

einer versunkenen Schönheitswelt träumten. Als Lorenzo de' Medici

starb und seine humanistischen Freunde dem Florenz Savonarolas den

Rücken kehrten, verlor Sandro alle Verehrer seiner Kunst. Auch der

Geschmack hatte sich gewandelt: einem Geschlecht, das die pompösen,

aber seelenarmen Gemälde Fra Bartolommeos bewunderte, konnten

Botticellis Werke nichts mehr sagen. Die jungen Künstler schworen auf

Michelangelo; und die Banausen, -- es wird an solchen auch in der

Renaissance nicht gemangelt haben, -- was konnte ihnen die scheue

Poesie des »Frühlings« oder des »Magnificats« sein? So schleppte Sandro

arm und einsam seine letzten Jahre, und als er am 17. Mai des Jahres

1510 in der Kirche Ognissanti begraben wurde, mochten manche staunend

erfahren, dass er überhaupt noch gelebt hatte. Man vergass ihn rasch.

In der Florentiner Kunst der Hochrenaissance und des Barocks verspüren

wir seines Geistes nicht den leisesten Hauch und selbst die feinsten

Amateure des Rokoko gingen achtlos an Sandros Werken vorüber. Erst das

neunzehnte Jahrhundert entdeckte die Kunst Botticellis und fand in der

sehnsüchtigen Schönheit seiner Bilder den Wiederschein der eigenen

Träume.

VERZEICHNIS DER WERKE SANDRO BOTTICELLIS.[1]

BERGAMO.

84 Geschichte der Virginia.

85 Christuskopf.

BERLIN.

106 Madonna und Heilige. (1485)

1128 Der heilige Sebastian. (1473)

_Sammlung von Kaufmann_.

Judith.

_Königl. Nationalgalerie (Sammlung Raczinsky)._

Madonna mit Engeln. Tondo.

BOSTON (bei Mrs. J. L. Gardner).

Tod der Lucretia.

Madonna mit Kind und Engel. (Chigi-Madonna.)

DRESDEN.

12 Darstellungen aus dem Leben des heil. Zenobius.

FLORENZ.

_Accademia._

46 Santa Conversazione.

73 u. 74 Krönung Mariae und Predelle.

80 Der Frühling.

85 Madonna, Heilige und Engel.

157 Toter Christus. }

161 Salome. } Diese vier kleinen Bildchen

158 Tod des heil. Augustin. } sind auseinandergenommene

162 Vision des heil. Augustin. } Teile ~einer~ Predelle.

_Uffizien._

39 Geburt der Venus.

1156 Judith.

1158 Der Leichnam des Holophernes.

1179 Der heilige Augustin.

1182 Die Verläumdung des Apelles.

1276b Das Magnificat.

1286 Anbetung der Könige.

1289 Madonna und Engel.

1299 Fortezza.

(ohne Nummer) Anbetung der Könige.

_Palazzo Pitti_ (Wohnraum).

Pallas mit dem Centauren.

_Kirche Ognissanti._

Der heilige Augustin (Fresko).

FRANKFURT A. M.

_Staedel'sches Institut._

11 Weibliches Idealportrait.

LONDON.

1033 Anbetung der Könige.

1033 Geburt Christi. (1500)

915 Mars und Venus.

_Mr. L. Mond_

Darstellungen aus dem Leben des heiligen Zenobius.

MAILAND.

_Ambrosiana._

145 Madonna und Engel.

_Poldi-Pezzoli._

Madonna mit Kind.

PARIS.

1297 Lorenzo Tornabuoni wird in den Kreis der freien Künste

eingeführt.

1298 Giovanna degli Albizzi wird von den vier Cardinaltugenden

begrüsst. (Fresken)

ROM.

_Sixtinische Kapelle._

Die Reinigung des Aussätzigen }

und Versuchung Christi. }

Die Thaten des Moses. } 1481--1482.

Die Vernichtung der Rotte Korah. } Fresken.

Einzelne Figuren von Päpsten. }

_Marchese Pallavicini._

Das Weib des Leviten.

ST. PETERSBURG.

163 Anbetung der Könige.

[1] _Atelier- und Schulwerke sind in dies Verzeichnis ~nicht~

aufgenommen. Wo keine nähere Bezeichnung dabei steht, ist als

Aufenthaltsraum des Bildes immer die Hauptgalerie des Ortes

anzusehen. Die Zahlen ~vor~ dem Bildnamen beziehen sich auf

den Katalog der betreffenden Galerie, die Zahlen hinter dem

Bilde bezeichnen das Entstehungsjahr, sofern dies gesichert

scheint_.

VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN

Botticellis Selbstbildnis

aus der »Anbetung der Könige«, _Titelbild_

_Seite_

Fortezza, 8

Der heilige Sebastian, 12

Kopf der Madonna aus dem »Magnificiat« 20

Töchter Jethros. Detail aus dem Fresco:

Die Thaten des Moses, 36

Mars und Venus, 40

Frühling, 44

Geburt der Venus, 48

Verläumdung des Apelles, 52

Salome, 56

Geburt Christi, 60

GEDRUCKT ZU WITTENBERG BEI HERROSÉ & ZIEMSEN

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Abbildungen

wurden zwischen Absätze verschoben, die Seitenzahlen im

Abbildungsverzeichnis aber wie im Original beibehalten.

Botticelli(#61501) · 第 3 / 3 段