Wir besitzen viel derartige Gemälde, die meistens für häusli

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[Illustration]

DIE KUNST · SAMMLUNG ILLUSTRIERTER

MONOGRAPHIEN · HERAUSGEGEBEN VON

· RICHARD MUTHER ·

· SECHSZEHNTER BAND ·

DIE KUNST

SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN

_Herausgegeben von_

RICHARD MUTHER

_Bisher erschienen_:

Band I: LUCAS CRANACH von RICHARD MUTHER.

Band II: DIE LUTHERSTADT WITTENBERG von CORNELIUS GURLITT.

Band III: BURNE-JONES von MALCOLM BELL.

Band IV: MAX KLINGER von FRANZ SERVAES.

Band V: AUBREY BEARDSLEY von RUDOLF KLEIN.

Band VI: VENEDIG ALS KUNSTSTÄTTE von ALBERT ZACHER.

Band VII: EDOUARD MANET UND SEIN KREIS von JUL. MEIER-GRAEFE.

Band VIII: DIE RENAISSANCE DER ANTIKE von RICHARD MUTHER.

Band IX: LEONARDO DA VINCI von RICHARD MUTHER.

Band X: AUGUSTE RODIN von RAINER MARIA RILKE.

Band XI: DER MODERNE IMPRESSIONISMUS von JUL. MEIER-GRAEFE.

Band XII: WILLIAM HOGARTH von JARNO JESSEN.

Band XIII: DER JAPANISCHE FARBENHOLZSCHNITT, Seine Geschichte

-- sein Einfluss von FRIEDR. PERZYŃSKI.

Band XIV: PRAXITELES von HERMANN UBELL.

Band XV: DIE MALER VON MONTMARTRE [Willette, Steinlen, T.

Lautrec, Léandre] von ERICH KLOSSOWSKI.

Band XVI: BOTTICELLI von EMIL SCHAEFFER.

_Weitere Bände in Vorbereitung._

_Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit Kunstbeilagen,

~kartoniert~_ _à Mk. 1.25._

_ganz in Leder gebunden_ _à Mk. 2.50._

JULIUS BARD VERLAG. BERLIN W. 57.

· · BUCHSCHMUCK VON GEORG TIPPEL · ·

[Illustration:

_Florenz, Uffizien._

SELBSTBILDNIS

_Detail aus der »Anbetung der Könige«._]

DIE

KUNST

HERAUSGEGEBEN VON

RICHARD MUTHER

BOTTICELLI

VON

EMIL SCHAEFFER

MIT ZWEI PHOTOGRAVÜREN UND

NEUN VOLLBILDERN IN TONÄTZUNG

JULIUS BARD BERLIN

DIE ERSTEN FÜNFZIG EXEMPLARE DIESES BANDES WURDEN AUF MIT

DER HAND GESCHÖPFTEM BÜTTENPAPIER -- DIE ILLUSTRATIONEN AUF

KAISERLICH JAPAN-BÜTTEN -- ABGEZOGEN. DIE IN EINEN APARTEN,

KOSTBAREN GANZLEDER-EINBAND GEBUNDENEN EXEMPLARE DIESER

LIEBHABER-AUSGABE SIND VON 1 BIS 50 EINZELN MIT DER HAND

NUMERIERT. DER PREIS EINES SOLCHEN EXEMPLARS BETRÄGT ZEHN MARK.

AUCH DIESE LIEBHABER-AUSGABE DER »KUNST« KANN DURCH JEDE

BUCHHANDLUNG BEZOGEN WERDEN

ALLE RECHTE VOM VERLEGER VORBEHALTEN

Jahrhunderte lang wurde in einer Kapelle der Kirche St. Maria Maggiore

zu Florenz eine Darstellung der Himmelfahrt Mariä verwahrt, deren

Entwurf man Sandro Botticelli dankt. In diesem anscheinend frommen

Bilde hatte die heilige Inquisition ketzerische Greuel entdeckt und

entzog es durch einen Vorhang den Blicken der Gläubigen. Botticelli war

nämlich in der Auffassung der Engel einer verdammungswürdigen Meinung

des Origines gefolgt, der da behauptet hatte, die Seelen jener Engel,

die bei Lucifers Empörung neutral geblieben, seien in menschliche

Körper gebannt und solcher Weise von Gott noch einmal versucht

worden. Eigentlich hätte eine gestrenge Inquisition sämtliche Bilder

von Botticellis Hand verdecken, verhüllen und verbrennen sollen;

denn stets kann vor ihnen der nämliche Tadel laut werden, allüberall

gewahren wir Menschen mit engelhaften Seelen ...

Ich bin der Sonne ausgesetztes Kind,

Das heim verlangt ...

So liest man in den schmerzlichen Blicken botticellesker Menschen,

das künden ihre adligen Gesten, mehr noch ihre Körper, die nichts

vom Geiste der Schwere haben und wie Musik dünken. Die christlichen

Heiligen und die heidnischen Grazien schreiten fremd durch dieses Thal

der Thränen und bangen in frierender Sehnsucht nach einer verlorenen

Sonnenheimat.

Man muss sehr weit zurückdenken, um die Erscheinung Botticellis

innerhalb der Florentiner Kultur als eine historische Notwendigkeit

zu empfinden. Das ganze Mittelalter hindurch tobten bis zum Beginn

des Quattrocento wüste Parteikämpfe in den Gassen der Arnostadt.

Die Häuser, gewaltig und zinnenbewehrt, wandelten sich oft genug in

Festungen und ihre Inwohner liessen dem Schwert keine Zeit, Rost

anzusetzen. Noch heute reckt, ein Wahrzeichen jener Tage, der Turm des

Palazzo Vecchio sein Haupt über die Dächer, als wollte er Ausschau

halten nach einem Feinde; selbst die Chroniken des Trecento scheinen

nicht mit der Feder, sondern mit dem Schwert geschrieben und ihre Sätze

klingen zuweilen wie drohendes Panzergerassel. »Freiheit«, lautete das

grosse Losungswort der Zeit; es enthielt alles, was die Florentiner

auf Erden forderten; die Schönheit blieb dem Jenseits vorbehalten.

Nur wenige jedoch waren so gelehrt, dass Bücher ihnen eine greifbare

Vorstellung von himmlischer Seligkeit vermitteln konnten; darum sollte

die Kunst durch goldschwere Gemälde den »uomini grossi, che non sanno

lettera« das wahre Leben im farbigen Abglanz zeigen. Natürlich mussten

dabei Anlehen bei den Gebilden dieser Erde gemacht werden, aber von

einem Nachahmen der Sinnenwelt um ihrer selbst willen war nie die Rede.

Allmählich verstummte der Lärm des Streitens und der Friede zog in

Florenz ein. Das Auge des Bürgers war von keiner zornigen Leidenschaft

mehr verdunkelt, heiter und willig haftete es an den Herrlichkeiten

dieser Erde. Das neue Empfinden forderte eine neue Kunst; das schöne

Diesseits wollte man nunmehr im Bilde schauen, den Menschen und die

Dinge um ihn. Künstler standen auf, die, geführt von Donatello und

Masaccio, die Herrschaft über alle Ausdrucksmittel der Kunst sich

zu eigen machten, dem Bereich des Darstellbaren neue Stoffgebiete

angliederten. Jenen Grossen, deren Gebilde noch den ganzen finsteren

Reckentrotz des Trecento atmeten, folgten Jüngere, die bereits

ernten durften, wo ihre Vorgänger gesäet. Das Irdische war der Kunst

gewonnen und sie erzählten in frohen Gemälden von den Reizen dieses

Neulandes: Fra Filippo Lippis Fresko vom Gastmahl des Herodes im Dome

zu Prato vereint alles, was Lust am Dasein bedeutet. Musik ertönt in

lichterfüllten Hallen, Jünglinge gewahren wir in festlicher Kleidung

und ahnen durchs flatternde Gewand die Linien schlanker Mädchenkörper.

»Weise Männer« erklärten dies Zeitalter, dem Cosimo de' Medici den

Namen gab, »für das beste, das Florenz je zu teil geworden,« aber

seiner zweiten Generation gehörten bereits unweise Menschen an, die

keine Lust mehr am Dasein, die Wirklichkeit schaal und hässlich fanden,

nach einer mehr vergeistigten Existenz verlangten, seltene und feinere

Sensationen forderten. Der erste Künstler nun, der anfangs nur leise

und scheu, später immer leidenschaftlicher sein Nein zur Sinnenwelt

sagte und ein Bild zum formgewordenen schmerzlichen Schönheitstraum

gestaltete, war Sandro Botticelli. Von seinem Vater hatte er die

aristokratische Natur nicht geerbt; denn der alte Mariano Filipepi

betrieb das ehrsame Handwerk eines Lohgerbers und ärgerte sich wohl

genugsam über seinen jungen Sandro. Dem gefiel das Lernen schlecht;

in der Werkstatt eines Goldschmiedes hielt er auch nicht lange aus;

da brachte der Alte den Knaben, der inzwischen -- man weiss nicht,

warum -- den Beinamen Botticelli empfangen hatte, zu Fra Filippo, dem

lustigen Maler-Mönch. Aber die genussfrohe Art des Meisters blieb

Sandro zeitlebens fremd; er bewunderte die Kompositionen des Frate, mit

seinen robust-gesunden Typen konnte er sich jedoch nicht befreunden.

Nach Anmut und graziler Eleganz ging Botticellis Streben und gerade

diese Eigenschaften liessen Fra Filippos Menschen vermissen; darum

wählte sich Botticelli schon früh Antonio Pollaiuolo und Andrea del

Verrocchio zu Vorbildern. In Antonio Pollaiuolos Werken gefielen

ihm die plastischen scharfen Formen, die bestimmte sichere Art der

Linienführung und die Freude am feingliedrigen Jünglingskörper. Bei

Verrocchio schätzte er den Sinn für alles Zierliche und Gleissende, der

trotzdem niemals in Spielerei und Kleinkrämerei ausartete. Auch den

rundlichen Gesichtstypus, dem man in Botticellis Frühwerken begegnet,

die vorspringenden starkgewölbten Stirnen seiner ersten Madonnen, ihre

hochgezogenen Brauen und schweren Lider, all solche Einzelheiten setzt

man heute gern auf Rechnung verrocchiesker Einflüsse. Aber mögen einem

auch bisweilen vor Sandros ersten Bildern die Namen Filippo Lippi,

Antonio Pollaiuolo und Andrea del Verrocchio einfallen, so enthalten

jene Werke noch immer genug von Botticellis Eigenart und gerade dies

bedingt ihren Zauber.

Da ist seine Allegorie der Tapferkeit, jene »Fortezza« der Uffizien,

die voreinst mit fünf anderen »Tugenden« Antonio und Piero Pollaiuolos

eine Wand im florentiner Handelsgericht schmückte. Die Schöpfungen der

beiden Brüder kann man heute ebenfalls in den Uffizien betrachten.

Unweiblich ernst und streng, den hieratischen Madonnen der Primitiven

vergleichbar, thronen die »Tugenden« der Pollaiuoli in Marmornischen,

deren fein ciselierte Ornamentik die geübte Hand des Goldschmieds

verrät. Die »Hoffnung« blickt hergebrachter Weise zum Himmel empor,

die andern schauen hoheitsvoll und kalt geradeaus ins Weite. Auch

der »Fortezza« Sandros bietet eine bunt leuchtende Marmornische den

Hintergrund. Aber sie »thront« nicht, sondern sitzt, das Haupt träumend

zur Seite geneigt, lässig darin. In den Händen ruht ein Schwert; aber

diese Frau, die nichts von einer Virago hat, könnte es niemals dräuend

erheben. An die Komposition der Pollaiuoli hielt sich Botticelli, an

ihre Typen, selbst an ihre Handform, und malte ein sinnendes Mädchen.

Sein Wesen war lyrischer Art. Ein Weib bedeutete ihm mehr, als eine

stahlgepanzerte Abstraktion. Und doch liebte er das Schimmern der

Waffen; aber nicht, wie Castagno und Uccello, als starke Form einer

Lebensbejahung, sondern lediglich vom rein malerischen Standpunkt.

Er zuerst empfand das Künstlerbehagen am dunklen Blitzen eines

blankpolierten Stahles, und das Leuchten des Metalls verbindet sich

hier, beim Ärmel der Fortezza, mit Weiss und Blau zu einer delikaten

Harmonie, die man in sämtlichen Bildern der Pollaiuoli vergeblich

suchen würde. Alle Welt feiert Sandro als Beherrscher der Linie; aber

selten wird darauf hingewiesen, dass Botticelli auch das grösste

Farbengenie, das bedeutendste Maltalent des Florentiner Quattrocento

gewesen ist. In seinen Gemälden kann man jeden beliebigen Teil, jeden

Winkel, jede Ecke auf malerische Qualitäten hin ansehen und wird stets

reicheren Genuss dabei finden, als vor den meisten Bildern seiner

Zeitgenossen.

[Illustration:

_Florenz, Uffizien._

FORTEZZA]

Was Botticelli in jungen Tagen bereits als Maler vermochte, zeigen noch

deutlicher zwei kleine Werke, die aus Bianca Capellos »Studio« in die

Uffizien gelangten. Sie schildern zwei Episoden der Judith-Legende:

die Heimkehr der jüdischen Heldin aus dem Lager der Assyrier und die

Auffindung des toten Holophernes. Vernehmlicher, als in der »Fortezza«

äussert sich hier, besonders im ersten Gemälde, das specifisch

Botticelleske. Mit dem Grau der Morgendämmerung verbinden sich das

Orange und Violett der Gewänder zu einer Farbenstimmung, die kein

anderer Florentiner ersinnen konnte; auch hätte keiner die Gestalt

der Judith so eigenartig aufgefasst. Sie galt im republikanischen

Florenz als ein Symbol der bürgerlichen Freiheit; aber die »liberatix

patriae suae«, die Donatellos Bronze verkörpert, ihr düsteres Pathos,

ihre Zorngebärde liessen den jungen Botticelli kalt. Wiederum malte er

ein träumendes Weib, das wie eine sanftere Schwester der »Fortezza«

anmutet. Auch sie hat das blonde Haupt gesenkt und vor den versonnenen

Mädchenaugen geistern noch die Schreckensbilder der verflossenen Nacht.

Hinter ihr zerreisst Kampfeslärm die Morgenstille. Sie hört und gewahrt

es nicht. Weder Furcht, noch Freude beflügeln ihren Schritt. Langsam

und zögernd nur wandert sie, mit der Rechten das Schwert, in der Linken

den Ölzweig des Friedens haltend, gen Bethulien. Botticelli wusste

um den Reiz des Kontrastes. Darum gab er diesem Adelsgeschöpf eine

stumpfsinnige Sklavin zur Gefährtin, die auf ihrem Kopfe gleichmütig

wie einen Krug Wassers, das Haupt des Holophernes trägt, und ihre

unvornehme Art zu laufen hebt sich scharf von Judiths königlichem

Schreiten ab. Auch die »Auffindung des Holophernes« birgt manche

Züge, die, Wegweisern vergleichbar, auf die Pfade von Botticellis

späterer Entwickelung deuten. So lässt seine Angst vor »toten Stellen«

sich klar erkennen: jeder einzelne der assyrischen Krieger, die den

hauptlosen Leichnam umdrängen, scheint bis ins Mark erschüttert von dem

grausigen Anblick; jeder äussert durch Gebärden seine Ergriffenheit

und jede Geste offenbart das besondere Wesen des Menschen, der sie

vollführt. Diese Tugend wird bei Sandro bisweilen zum Fehler. Über dem

Bestreben, das Innenleben jedes Einzelnen möglichst eindringlich zu

schildern, verlor er den Blick für die Gesamtwirkung all dieser Mienen

und Gebärden. Die Geste des Einen beschränkt die Armfreiheit seines

Nächsten; die Köpfe drücken einander, der Raum deucht überfüllt und die

Composition verworren.

Wie eng sich Botticelli damals an den grössten Meister des Nackten in

Florenz, an Pollaiuolo, anschloss, zeigen der Leichnam des Holophernes

und deutlicher noch seine Einzelfigur des heiligen Sebastian vom

Jahre 1473 im Berliner Museum. Einstmals trug dieses Bild sogar

Antonio Pollaiuolos Namen. Seltsam genug; denn es ist voll vom

Geiste Botticellis. Man denke nur an den Sebastian Pollaiuolos der

National-Gallery. Antonio, der Maler-Bildhauer, sah in dem Heiligen nur

einen Akt, in den Henkern eine Kombination mehrerer Bewegungsmotive.

Für Sandro dagegen handelte es sich in erster Linie um Stimmung: die

Schergen haben die Richtstätte bereits verlassen und verlieren sich

in der Ferne. Alles ist vorüber. Niemand kümmert sich mehr um den

Heiligen, der pfeildurchbohrt an seinen Baum gefesselt blieb. Doch

scheint er seiner Schmerzen nicht zu achten. Nur das edelgeschnittene

Antlitz mit dem feinen Leidenszug um die Lippen hat er leicht gesenkt.

An einen Epheben des Praxiteles wird man eher gemahnt, denn an einen

christlichen Märtyrer. Ein paar Schritte hinter dem Heiligen langen

die laubleeren Äste eines jungen Baumes wie klagend in die Luft.

Einige Cypressen, ödes Gestein und das Meer bilden den Hintergrund

des Bildes. Dies alles ergreift durch seine traurige Armut, aber

»Botticelli hatte kein inneres Verhältnis zur Natur und behandelte die

Landschaft stets als Nebensache«. Dieser Satz gehört zu jenen ewigen

Krankheiten der Kunstgeschichte, die sich aus einem Buch ins andere

forterben. Kein Wunder: denn im Malerbuch Leonardo da Vincis steht

zu lesen ... »So sagte unser Botticelli, das Studium der Landschaft

sei eitel; wenn man nur einen Schwamm voll verschiedener Farben gegen

die Wand werfe, so hinterlasse dieser einen Fleck auf der Mauer, in

dem man eine solche Landschaft erblicke ... und jener Maler schuf sehr

traurige Landschaften« ... Ob Sandro diese Worte im Ernst oder aus

Freude am Paradoxen gesagt, wer mag dies heute entscheiden? Hält man

sich aber nicht an Sätze Leonardos, dagegen an Botticellis Bilder, so

erwächst der Schöpfer jener »tristissimi paesi« zum grossen Künstler

der Landschaft. Grazien und Göttinnen schreiten über einen Blütenboden,

der in tausend Farben leuchtet; Veilchen, Anemonen, das junge Gras,

das unterm Windhauch bebt, alles ist mit peinlichster Beobachtung der

besonderen Einzelformen jeder Pflanze geschildert. Sandro malt »im

dunklen Laub die Goldorangen«, der Duft weisser Lilien und farbiger

Rosen weht aus manchen Bildern uns entgegen, und bereits vor vier

Jahrhunderten wusste Botticelli um eine Entdeckung der Moderne, die

Poesie der Öde, das heilige Grauen der Verlassenheit. Das Meer,

bleifarben und reglos, den blaugrauen Himmel, zerklüftete Felsen und

den braunen Strand, -- solche Symphonien des Schweigens, wie man heute

sagt, hat Botticelli öfter komponiert. Es ist etwas Grandioses und

Vorweltliches, etwas Keusch-Geheimnisvolles um seine Landschaften;

nur Heilige und Götter dürfen darin hausen, nicht die Schar der

Staubgeborenen, mit denen man die topographisch aufgefassten Veduten

der Baldovinetti und Pollaiuoli oder die Prospekte Ghirlandajos und

seiner Schüler bevölkern kann.

[Illustration:

_Aufnahme Hanfstaengl._

_Berlin, Kgl. Gemäldegalerie._

DER HEILIGE SEBASTIAN]

Botticelli starb unvermählt. »Eines Tages,« -- erzählt ein Florentiner

Schriftsteller des Cinquecento -- »drängte ihn Messer Tommaso Soderini

zur Heirat; aber Sandro antwortete: »Ich will Euch sagen: vor einigen

Nächten träumte mir, ich hätte ein Weib genommen. Darob erfasste mich

solcher Schmerz, dass ich aufwachte und, um nicht wieder einzuschlafen

und das nämliche noch einmal zu träumen, erhob ich mich und lief, einem

Verrückten gleich, die ganze Nacht durch Florenz ...««

Diese reizende Anekdote, die alles enthält, was von Botticellis

Verhältnis zum Weibe überliefert ist, zeigt nur, wie Sandro, nach

Art vieler Grossen, wohlmeinender Zudringlichkeit gegenüber sich

hinter trivialem Spott verschanzte. In Wahrheit mochte das Weib

eine grössere Rolle in seinem Leben spielen, und was seelische Scham

ihm auszusprechen verbot, künden deutlich genug seine Werke, vor

allem seine Madonnenbilder. Maria, die heilige Gebenedeite, steht im

Mittelpunkte seines Schaffens; aber nicht die unnahbare, in starrer

Herrlichkeit thronende regina coeli des Mittelalters, sondern die

scheue ancilla Domini, die am tiefsten leiden musste unter allen Frauen

dieser Erde und deshalb am besten weiss um alles Menschenweh ...

»Vergine Madre, figlia del tuo Figlio«

diesen Anfangvers jener Marienhymne, die Dante seinen heiligen Bernhard

jubeln lässt, schrieb Botticelli in einem grossen Altargemälde der

Florentiner Accademia auf den Sockel von Marias Thron. Er wurde mit der

nächsten Zeile

»Umile ed alta più che creatura«

zum Leitmotiv für alle Madonnenbilder Botticellis; Hoheit und Demut,

Jungfräulichkeit und Mutterschaft, das geistige Sich-Hingeben an den

heiligen Sohn, all dies gestaltete Botticelli zur unlöslichen Einheit.

Lebte doch vom Mönch wie vom Troubadour etwas in seiner Seele; einem

lyrischen Asketen gleicht Sandro in seinen religiösen Bildern,

glaubensernst und doch süssen Wohllautes voll. Der Lyriker wuchs mit

den Jahren zum Pathetiker; seine Ausdrucksmittel wurden reicher und

gewaltiger; was er vordem in halben Tönen nur geklagt, brauste nun wie

Orgelfluten dahin; aber selbst diese letzten Schöpfungen bergen kein

andres Ziel als die ersten; die Verse Dantes schimmern, Leitsternen

gleich, über allen Wegen, die der Madonnen-Maler Botticelli wandelte ...

Die Kunst des Mittelalters kannte nur die ernste Königin, um deren

Thron sich die »baroni di Cristo« wie heilige Paladine scharen. Fra

Filippo, Sandros Lehrer, brach als erster mit dem strengen Schema

des ceremoniösen Andachtsbildes und malte eine junge Florentinerin,

die ihr bambino liebkost, indes ein paar lustige Engelsknaben dem

traulichen Spiel der beiden zusehen. Botticelli übernahm dies Motiv

von seinem Lehrer, aber seiner innersten Natur gemäss vergeistigte

er's und wandelte das Familienidyll ins Tragische. Ein frühes

Madonnenbild Sandros, das einst dem Principe Chigi gehörte, offenbart

den ganzen Wesensunterschied zwischen Botticelli und seinem Meister

um so deutlicher, als in der Formgebung des Gemäldes noch eine leise

Erinnerung an die Art des Frate durchklingt. Fra Filippos frohgemuter

Engel ist zu einem blassen Himmelspagen geworden. Traurig lächelnd

tritt er, die Augen halbgeschlossen, mit Ähren und Weintrauben, den

Symbolen der Eucharistie, vor die Madonna und ihren göttlichen Sohn.

Gedankenverloren ergreift Maria einen Halm, indes Jesus, der auf ihrem

Schosse ruht, mit der Kinderhand die Zeichen seines Todesopfers segnet.

Da ist jener schwerblütige Botticelli, der niemals lacht, kaum die

Lippen zu melancholischem Lächeln verzieht! Seine Madonna und sein

Jesusknabe haben immer das Kreuz von Golgatha vor Augen. Darum ist

dies Kind so feierlich-ernst und in Mariens Antlitz nur hoffnungslose

Resignation zu lesen; darum vermag die Madonna vor innerem Grauen ihr

eigen Kind manchmal nicht anzublicken; darum presst sie es wieder in

schmerzlichem Krampf an ihren Busen und hält es da mit beiden Armen

fest, als wollte sie es gegen einen frevlen Räuber schirmen.

Auch die Engel, die, aus göttlichen Höhen niedersteigend, sich dem

»Sohne des Menschen« verehrend nahen, diese morbiden Geschöpfe mit

den flackernden Blicken der Fieberkranken wissen um das Schicksal des

Welterlösers. Mit Blumen sind ihre Locken durchflochten, aber die

blassen Lippen, die frohe Hymnen jubeln möchten, zucken in verhaltenem

Weh und man glaubt die dumpfen Klänge eines Sterbeliedes zu vernehmen.

Dem Jesuskinde gab Botticelli den kleinen Johannes zum Spielgenossen,

einen hysterischen Knaben mit krankhaft funkelnden Augen. Er ahnt

ebenfalls die Pfade des Leidens, die Jesus und er selber wandern

müssen. Denn zuweilen kniet er vor dem Gottgesandten, und legt, sich

ihm angelobend, die Rechte ans Herz, kreuzt, -- das orientalische

Zeichen willenloser Ergebenheit, -- die zarten Kinderarme über der

Brust, oder die beiden todgeweihten Knaben umarmen einander wie zum

ewigen Abschied ...

Wir besitzen viel derartige Gemälde, die meistens für häusliche Andacht

bestimmt waren. Aber nur ihre Anlage verrät botticellesken Geist;

die Ausführung überliess Sandro, wie üblich beim Werkstatt-Betrieb,

den Gehilfen und so können solche Bilder nur als mehr oder minder

bedeutendes Schulgut betrachtet werden. Eigenhändige Schöpfungen

dieser Art, in denen poetische Conception und feinste technische

Ausführung restlos ineinander aufgehen, haben wir leider nur wenige.

Als schönstes darf man, ohne Widerspruch befürchten zu müssen,

das sogenannte »~Magnificat~« der Uffizien rühmen. Das Gemälde

ist ein Tondo d. h. in jener kreisrunden Form gehalten, die als

charakteristisch für Botticelli und seine Schüler gelten kann. Sieht

man von Plastikern ab, so war auch hierin Fra Filippo Botticellis

Vorgänger. Seine »Madonna mit dem Kinde« im Palazzo Pitti ist wohl

das früheste religiöse Tondo der Florentiner Malerei. Aber der Frate

sah in der Rundform nur eine zufällige Äusserlichkeit, die auf die

Gesamt-Anlage des Gemäldes ohne Einfluss blieb. Sandros Magnificat

dagegen ist bereits als Tondo erdacht: die Haltung Mariens und des

einen Engels, die Arme von zwei anderen wiederholen leise, doch

nachdrücklich die Rundlinie des Rahmens und überall herrscht eine

seltsam weiche Formgebung. Dies alles sind ohne Zweifel hohe Vorzüge

des Gemäldes; aber auch in dem Magnificat stört die obligate Schwäche

botticellesker Tondi, jene unübersichtliche und gedrängte Komposition,

die überall, wo es um lebensgrosse Figuren sich handelt, merkbarer

als z. B. in dem kleinen Holophernes-Bilde, hervortritt. Vor den

grossen Köpfen, die förmlich aneinander kleben, gewahrt man kaum die

Körper; man sieht eine geöffnete Bibel, in die Maria den Hymnus an

sich selber schreibt; aber niemand könnte angeben, wo sie eigentlich

aufruht, und das Tintenfass müsste dem Engel, der es Maria reicht,

unfehlbar aus den Händen gleiten. Die Krone über dem Haupte der Madonna

liegt auf den ausgestreckten Engelsfingern und diese machen nicht

den leisesten Versuch, sie zu erfassen und festzuhalten. So hört man

öfter vor dem Bilde bemerken. Ob Botticelli aber -- in diesem letzten

Fall -- nicht vielleicht von dem Rechte Gebrauch machte, das nur den

Grössten freisteht und bewusst »verzeichnete«? Dies Gemälde scheint

wunderbar frei von aller Erdenschwere. Hätte er nun -- wie Fra Filippo

in der Marienkrönung der Accademia -- die Krone zu einem wägbaren

Goldreifen gemacht, dessen Gewicht auf den Fingern lastet, so wäre

dies ein Missklang, ein Forte in der Pianissimo-Stimmung des Bildes.

Darum hat Sandro die Krone nicht, wie andere Künstler thaten, als

eine Metallmasse dargestellt, sondern sie gleichsam entmateralisiert,

in einen goldenen Strahlenglanz verwandelt, der, vom heiligen Geiste

niederfliessend, sich zu unzählbaren Sternen verdichtet; diese aber

bedürfen keiner Stütze, um feierlich hehr über Marias Haupte zu

schweben. Bei der gekrönten Magd des Herrn erinnert, im Gegensatz zu

den Häuptern der Judith und Fortezza, kein Zug mehr an die rundlichen

derbknochigen Gesichter der Pollaiuoli. Ein leicht geneigtes blasses

Antlitz von traumhaft weichem Oval; volle feingezogene Lippen, die

wie zu leiser Frage sich öffnen; seltsam tiefe Mundwinkel, Augen, die

Vergangenes oder Zukünftiges, aber nie eine Gegenwart zu erblicken

scheinen; seidige Locken, die erst zu schweren Knoten sich winden, dann

sich auflösen und in goldbraunen Wellen, unter einem weissen Schleier

hervor, längs der Wangen auf die Schultern rieseln, -- all das vereint

sich zu jenem Botticelli-Typus, von dessen Schönheit solche Sätze

freilich nicht die leiseste Vorstellung vermitteln. Botticellis Bilder

lassen sich eben nicht »beschreiben«. Man kann pedantisch analysieren,

~was~ in ihnen wirkt, ihr Zauber selbst lässt sich so wenig in Worte

umsetzen wie eine Melodie oder ein Accord. Das liegt im Wesen von

Botticellis Kunst begründet.

[Illustration:

_Florenz, Uffizien._

KOPF DER MADONNA (aus dem »Magnificat«)]

Bisher hatte die Quattrocento-Malerei ihr Ziel in der Wiedergabe

der Sinnenwelt gefunden; sie war, um eine Wendung Leone Battista

Albertis zu gebrauchen, ein Abbild der »cose vedute«, der gesehenen

und sichtbaren Dinge. Der Kunst Botticellis aber ist nichts gemein

mit dieser episch-deskriptiven Art der anderen Florentiner; die

Schilderung der Aussenwelt wird nie zum Selbstzweck, sondern ein

reiches Gefühlsleben ringt nach bildmässiger Form. Als Ausdrucksmittel

diente Botticelli hierzu die ~Linie~. »Unter Umriss« -- sagt wiederum

Alberti -- »wird man in der Malerei die Umfangslinien eines Körpers

verstehen« und in der objektiven florentinischen Malerei kommt der

Linie auch keine andre Bedeutung zu. Botticellis Umriss jedoch ist mehr

als eine blosse Begrenzungslinie. Der botticelleske Kontur führt, wie

eine Melodie, sein vom Körperlichen losgelöstes Sonderdasein, nicht

als »Umfangslinie eines Körpers«, sondern wie etwas Immaterielles, wie

einen Reflektor seelischer Stimmungen empfindet man ihn; Melancholie,

Schwermut, die mystischen Schauer religiöser Ekstasen und jede noch so

scheue Gefühlsnuance fanden in Botticellis Linie klaren und bestimmten

Ausdruck. Die Ausdrucksfähigkeit der Linie suchte Sandro auf alle

Weise zu steigern: Schweres und Massiges mied er, stellte am liebsten

überschlanke Körper dar, aus denen die Seele gleichsam von innen

heraus leuchtet; bevorzugte spinnenwebhaft dünne, weich anliegende

Gewänder, die den Körper weder beschweren, noch ihm Bewegungsfreiheit

rauben, liebte vor allem ~Bewegung~ als solche. Die blosse Freude an

der Gebärde, wie sie den Cinquecentisten eigen war, hat Botticelli

jedoch nie besessen; die leiseste Geste entspringt ebenso wie jene

Convulsionen, die den Körper krümmen und auseinanderbiegen, einer

seelischen Notwendigkeit; in allem spiegelt sich jenes ruhelose

Innenleben, das vor Botticelli kein Florentiner Künstler ins Bild zu

bannen vermochte. Durfte er seinem Temperament nicht folgen, musste

er, wie bei grossen Altarbildern, auf das Schildern von Bewegung

verzichten, konnte er seinen Gefühlen keinen adäquaten Ausdruck geben,

so scheint er leer und langweilig; die Sprache der Convention hatte

keine Worte für Sandro Botticelli.

Trotzdem bieten auch die grossen Kirchenbilder Sandros genug des Neuen

und Fesselnden. Sein Verständnis für den Stimmungswert kostbarer

Ziergeräte und leuchtender Blumen, seine Fähigkeit, den Eindruck des

Feierlich-Religiösen, des Visionären und Traumhaft-Fernen zu erzwingen,

dies alles will im Einzelnen bewundert sein. Auf die früheste

Vergangenheit greift Sandro in seinen Mitteln da zurück und scheint

doch wieder manche Meister ferner und fernster Zukunft vorzuahnen. Wir

besitzen nur vier umfangreiche Altargemälde von Botticellis eigener

Hand, aber jedes kennzeichnet den grossen Meister der Stimmung oder

wenigstens den religiösen Maler im strengsten Sinne des Wortes. Eine

frühe, durch Überpinselung leider arg entstellte »santa conversazione«

der Florentiner Accademia zeigt den jungen Sandro noch ängstlich in

den Spuren der Pollaiuoli wandelnd: »cose vedute.« Ganz anders schon

wirkt die sogenannte Palmen-Madonna vom Jahre 1485, die aus der

Florentiner Kirche St. Spirito ins Berliner Museum gelangte. Maria

hat auf einem stufenerhöhten Marmorthron Platz genommen. Ein wenig

vor ihr stehen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist. An

diesem althergebrachten Kompositions-Schema für »sante conversazioni«

durfte Botticelli nichts ändern. Und doch hat das Gemälde kaum etwas

gemein mit allen Bildern, die damals in Florenz den nämlichen Stoff

behandelten. Jede Farbe scheint zum Duft geworden. Als ob man in einem

südlichen Hain atmete. Palmen und Binsen formen hinter der Madonna

eine Nische; Myrthen und Cypressenzweige schlingen sich ineinander;

auf der Marmorbalustrade stehen vier Körbe voll Rosen; Büschel von

Oliven gewahrt man in edelgeformten Vasen; aus ihrer schwarzgrünen

Pracht steigen hochgestielte weisse Lilien auf und von all dieser

Herrlichkeit wird das nie entweihte Magdthum Marias umblüht. Ein Künder

unserer Sehnsucht deucht Botticelli in diesem Gemälde und griff doch

auf das gotische Mittelalter nur zurück, dessen sinnlich-übersinnliche

Hymnen manche Vergleiche zwischen Maria und den Blumen enthalten. Jener

spitzfindigen scholastischen Vorstellung vom »hortus conclusus«, die

kein Humanist seines Spottes mehr würdigte, gab Sandro in seinem Bilde

künstlerische Form.

Tu rosa, tu lilium,

Cuius dei Filium

Carnis ad connubium

Traxit odor ...

Die anderen Florentiner Maler im Quattrocento erstrebten die Illusion

des Wirklichen, Sandro die des Unwirklichen. Darum verwandte er, gleich

den Meistern des Trecento, häufig Gold als Stimmungselement. Blendender

Strahlenglanz fliesst, wo es nur angeht, vom Himmel zur Erde nieder.

Veni, sancte spiritus

Et emitte coelitus

Lucis tuae radium ...

In der grossen Marienkrönung der Accademia hat das himmlische Jerusalem

seine Pforten aufgetan und in goldener Majestät erblicken wir Maria,

der Gottvater die Krone aufs Haupt setzt. Voll seliger Verzücktheit

schauert die Schmerzensreiche zusammen; jubelnd schwingen Engel den

Reigen um die neue Herrin und werfen ihr Rosen zum freudigen Willkomm.

Nie wieder hat Sandro so göttlich leichtes Tanzen gemalt, nie wieder

Engel, so frei von Erdenlast. Ergreifend ist der Kontrast zwischen

der goldenen Strahlenpracht des Jenseits und dem klippenreichen

Strand, auf dem vier Heilige trauernd zurückbleiben. Auch ihre Schwere

hat Sandro vielleicht in bewussten Gegensatz zur Grazie der Engel

gestellt. Leider wirken diese Gestalten auffallend leer. Musste

Sandro der Schilderung des Bewegten entsagen, den Körper gar noch mit

priesterlichen Gewändern, der Dalmatica, der Casula und dem Pluviale

behängen, so kam wenig mehr dabei heraus als ein »mächtiger« Faltenwurf

und ein paar malerische Schönheiten. Ein Haupt, das der Kardinalshut

oder die Mitra decken, ist bei Sandro langweilig. Er wusste Menschen

darzustellen, die ihres Gottes Antlitz suchen, keine Würdenträger der

Kirche.

Man betrachte daraufhin jenes grosse Altargemälde der Accademia,

wo sieben Heilige sich um die Madonna scharen. Der purpurdunkle

Baldachin, mattgoldene Reliefs und eine feierliche Architektur

ergeben als Ganzes eine Farbenwirkung, deren dekorativen Prunk erst

die Künstler des Barock wieder erstrebten; der Panzer des Erzengels

Michael ist mit einer Freude am rein Malerischen behandelt, die den

meisten italienischen Quattrocentisten fremd blieb, und der seltsam

kühlen Pracht eines Farbeneffektes, wie ihn der weisse Handschuh des

heiligen Ambrosius, der blutrote Edelstein darauf und ein blauer

Bucheinband hervorbringen, wird man erst in französischen Bildern des

neunzehnten Jahrhunderts begegnen. Die Figur des heiligen Johannes ist

die männlichste Gestalt, die Botticelli je geschaffen; kraftvoll und

durchlodert von düsterer Asketen-Glut. Und doch lässt dies Gemälde,

dessen Raumverhältnisse durch eine dumme Anstückelung überdies

verschoben sind, ziemlich kalt; das lediglich Repräsentierende war,

besonders in Verbindung mit lebensgrossen Figuren, eben niemals

Botticellis Sache. Durfte er das Ceremonienbild in kleinerem Format

halten, Feierlich-Starres in Bewegung auflösen, so konnte selbst

auf diesem Gebiet, das den Lyriker Sandro fremd anmutete, ein Werk

entstehen wie jene Anbetung der Könige in den Uffizien, die, vom rein

malerischen und zeichnerischen Standpunkt aus betrachtet, Botticellis

höchste Leistung bedeutet.

Die Anbetung der Könige war im Quattrocento ein beliebter Vorwurf

der Florentiner Malerei. Hier konnte sie leicht ihre Freude am

Porträt bethätigen und hervorragende Bürger ins Gefolge der Könige

reihen. So weit aber wie Botticelli hatte sich keiner der früheren

vorgewagt; er hat als erster selbst die Gestalten der Könige in

Bildnisse gewandelt. Diese Neuerung hängt aufs engste zusammen mit

der Entstehungsgeschichte des Gemäldes. Im Jahre 1469 war der Sohn

Cosimos de' Medici, der gichtkranke Piero, gestorben, und seine Kinder

Giuliano und der prunkende Lorenzo lenkten die Geschicke der Republik

Florenz. Die beiden Jünglinge waren hochgesinnt, voll Kraft und Jugend,

den Frauen hold; jedem Manne von Verdienst standen die Pforten ihres

Palastes offen. Verskünstler und schönheitsfrohe Ästheten, konnten sie

trotzdem, wenn es not that, zu eiskalten Realpolitikern werden; das

Ansehen des Staates nach aussen hin war bei ihnen wohl aufgehoben. Das

niedere Volk liebte die beiden und Lorenzo, der ältere und anscheinend

thatkräftigere, wusste diese Neigung zu erhalten. Er fütterte den Pöbel

mit Schaustellungen aller Art. Das hielt einerseits vom Nachdenken

über den Verlust der politischen Freiheit ab und gab andrerseits

den Medici Gelegenheit, ihren Ästhetendrang zu befriedigen, für

eine kurze Spanne Zeit diese wahre Welt in ein schöneres Traumland

zu verwandeln. Ritten sie auf Piazza Santa Croce, geleitet von den

edelsten Jünglingen, in die Turnierschranken ein, um zu Ehren ihrer

Damen eine Lanze zu brechen, so entwarf Antonio Pollaiuolo den Schmuck

der Rosse, in der blauen Luft flatterten seidene Fahnen, gemalt von

Verrocchio oder Botticelli, und die tönenden Stanzen der mediceischen

Hausdichter verglichen ihre Grossthaten mit denen Scipios und

Alexanders. Der goldene Glanz blendete aber nicht die Augen aller;

viele betrachteten das Regiment der Brüder mit scheelen Blicken und

gerade die vornehmste Familie nächst den Medici, die Pazzi, verfolgten

die Beiden mit unversöhnlichem Hass. Sie gewannen die Unterstützung

des Papstes und beschlossen, am Ostermorgen des Jahres 1478, während

des feierlichen Hochamtes im Dom, Lorenzo und Giuliano zu ermorden.

Aber nur das Blut des unglücklichen Giuliano floss »aus unzähligen

Wunden« über den heiligen Boden; Lorenzo flüchtete durch die Thür der

Sacristei, rief seine Getreuen zu den Waffen und nahm fürchterliche

Rache an den Gegnern. Botticellis Epiphanie, die ein unbedingter

Parteigänger der Medici malen liess, bekundet einen Freundesdank für

Lorenzos wunderbare Rettung. Die toten Ahnen und die lebenden Gefährten

huldigen mit Lorenzo der schirmenden Allmacht. Darum wurde, was vordem

nur ein Mittel zur Wirklichkeitsillusion gewesen, bei Botticelli

Selbstzweck des Bildes. Nur um seiner neunundzwanzig Porträts willen

scheint es überhaupt gemalt. Maria, Joseph und das Kind nehmen zwar

-- vielleicht im Anschluss an Leonardos Epiphanie vom Jahre 1478 --

nicht mehr, wie es bislang Sitte war, eine Ecke, sondern die Mitte des

Gemäldes ein; aber Botticelli hat -- zum ersten und letzten Male --

der heiligen Familie nicht den Hauptaccent geliehen. Man gewahrt sie

kaum; denn unwillkürlich haftet der Blick an den Bildnisgruppen des

Vordergrundes, deren diskrete und reizvolle Art sich zu bewegen selbst

dem in solchen Dingen anspruchsvollen, Cinquecento Respekt abnötigte.

Da ist der greise, damals schon längst verstorbene Cosimo de' Medici

mit dem prachtvollen Senatorenhaupt; er neigt sich ehrerbietig, aber

nicht allzu inbrünstig, den Fuss des Kindleins zu küssen; wie etwa ein

mächtiger Vasall seinem jungen Könige huldigt. Hinter dem Vater knieen

seine -- ebenfalls toten -- Söhne, Piero und der nicht minder schöne

als lasterhafte Giovanni de' Medici. In der Ecke links vorne steht,

seine Hand wie träumend am Schwerte haltend, der prunkende Lorenzo

und dem vornehmsten Medici stellte, nicht allzuweit vom ermordeten

Giuliano, sich Botticelli selber gegenüber; er kannte seinen Wert und

wusste sich richtig einzuschätzen. An diese Hauptpersonen reiht sich

zu beiden Seiten statistenartig das Gefolge. Freilich im »Teatro del

mondo«, auf der Bühne des Lebens, hatte wohl jeder dieser Männer eine

grössere Rolle durchzuführen; es wäre eine lockende Aufgabe, all diese

Personen zu identificieren und, von Botticellis Bild ausgehend, die

Geschichte der mediceischen Kultur zu schildern.

Nicht nur den Triumph der Sieger, auch die Schmach der Gegner musste

Botticelli aller Welt verkünden und nach alt-toscanischer Sitte auf

die Mauern des Palazzo del Podestà einige Mitglieder der Pazzi-Familie

und ihre Anhänger als Verräter malen, d. h. mit den Füssen nach oben.

In der Sammlung Bonnat erinnert eine Zeichnung Leonardos an jenes

Schand-Fresko, das Botticelli selber noch -- gewiss ohne Schmerz --

zerstören sah; heute besitzt Florenz nur mehr eine einzige Probe

seiner Art »al muro« zu malen, jenen heiligen Augustin, den er für

einen Vespucci in der Ognissanti-Kirche schuf. »Das Werk gelang ihm

vorzüglich«, -- meint Vasari -- »weil das Haupt des Heiligen tiefes

Nachdenken und jene höchste Feinheit des Geistes offenbart, wie sie

klugen Menschen eigen ist, die sich beständig mit dem Ergründen sehr

hoher und schwieriger Probleme befassen.« An der Wand gegenüber

sieht man die Einzelgestalt des heiligen Hieronymus, die Domenico

Ghirlandajo -- ebenfalls für einen Vespucci -- dort al fresco malte.

Ein Blick auf dieses Werk genügt, um Botticellis Wesen und Vasaris

Lob zu begreifen. Ghirlandajos Hieronymus, ist, was das Künstlerische

anlangt, ein missglückter Versuch, die Feinmalerei flandrischer Meister

mit dem monumentalen Freskostil zu vereinen. Und was hat, hinsichtlich

des Geistigen, dieser phlegmatisch dreinschauende alte Herr mit dem

einsamen Büsser von Bethlehem gemein; wer traut ihm das Pathos der

»Briefe« zu? Der Heilige Botticellis gleicht dagegen aufs Haar dem

Bischof von Hippo, wie er in seinen »Bekenntnissen« so prachtvoll

lebendig uns entgegentritt, jenem Mann, dessen Seele alle Stürme

durchbrausten, der die Leidenschaften kannte und selbst vor seinem

Intellekt auf der Hut sein musste. An die satten und zufriedenen

Renaissance-Heiligen wird niemand vor dieser in grossen Zügen

hingestrichenen Gestalt denken; wie die meisten Heiligen Botticellis,

der Johannes Evangelista der Palmenmadonna oder der Eligius der

Marienkrönung, geht auch der Agostino im Typus auf die finsteren und

wilden Asketen trecentistischer Altarwerke zurück. Denn Botticelli

liebte die damals so verachtete gotische Malerei, die er vielleicht als

christliche Kunst an sich empfinden mochte. Nannte man ihn doch sogar

den »letzten Künstler des Mittelalters«. Gewiss mit Unrecht. Er wollte

-- in jenen Tagen wenigstens -- nur das Ewige der Kunst des Trecento

von allem loslösen, was an ihr historisch-bedingt und vergänglich war,

oder, wie man heute sagt, den lebendigen Duft der toten Dinge in sein

Werk herüber retten. Botticellis Verhältnis zum Mittelalter ist rein

ästhetischer Natur geblieben und gleicht jenem, das vierhundert Jahre

später Rossetti und Burne Jones zu seiner eignen Kunst fanden.

Botticellis Namen hatte unterdessen, auch jenseits der Florentiner

Gemarkung, guten Klang erworben. Seine Vaterstadt wollte Sandro mit

dem Freskenschmuck im Audienzsaal des Palazzo della Signoria betrauen;

aber dies Werk wurde niemals in Angriff genommen; denn vorher schon

rief ihn, als er gerade fünfunddreissig Jahre zählte, der ehrenvollste

Auftrag, der an einen Künstler der Christenheit ergehen konnte,

nach Rom. Dort hatte der gelehrte und streitbare Franziskaner-Papst

Sixtus IV. von Giovanni de' Dolci jene Kapelle erbauen lassen, die

seinem Namen die Unsterblichkeit sicherte. Italiens grösste Meister

sollten ihr Bestes hier vollbringen; da durfte neben Ghirlandajo,

Cosimo Rosselli und Pinturicchio, neben Signorelli und Perugino auch

Botticelli nicht fehlen. Die Aufgabe, die seiner harrte, war eben

so gross, als schwierig und undankbar. Ausser einigen belanglosen

Papstbildnissen musste er drei umfangreiche Fresken malen, deren

Themata ihm von bibelkundigen Hoftheologen vorgeschrieben waren. Die

Versuchung Christi und die Reinigung des Aussätzigen bildeten den

Vorwurf des ersten, Episoden aus der Geschichte Mosis den Inhalt des

zweiten Freskos; im dritten wurde die Bestrafung der Rotte Korah

dargestellt, und das ganze musste »aktuell« gemacht, d. h. mit

zeitgeschichtlichen Anspielungen durchsetzt werden. Sandro sollte den

Papst als Krieger, als Bauherrn und Gelehrten feiern und ausserdem die

Porträts höfischer Würdenträger an ausgezeichneter Stelle anbringen;

-- auch ein Grösserer wäre da gescheitert. Botticelli rang dem spröden

Stoff ab, was er konnte; mangelte ihm auch die Ruhe des Erzählers,

leiden die Fresken an manchen Schwächen der Komposition, -- Moses

erscheint z. B. in dem zweiten Fresko siebenmal! -- so wird das Auge

für all dies durch viele Einzelschönheiten reichlich entschädigt.

Manche Jünglinge und die Holzträgerin im ersten Fresko zählen zu

Sandros best ersonnenen Figuren; der epische Ton des zweiten wird

durch Stellen von bezaubernder Lyrik unterbrochen; im dritten endlich

schlägt uns der heisse Atem des Dramas entgegen, und Botticellis

Moses, der voll jener Majestät, die Gott ihm verliehen, seine Rechte,

verdammend wider Korahs Rotte streckt, hat erst Michelangelo

überboten. Seinem Wesen blieb Botticelli auch in Rom getreu. Nur er

konnte zu den drei Versuchungen Christi den Abschied des Heilands von

den Engeln als vierte hinzudichten, und auf dem Fresko, das Moses

Thaten schildert, nehmen nicht der Auszug der Kinder Israels oder die

Erscheinung des Herrn im flammenden Busch den breitesten Raum ein,

sondern in den Mittelpunkt der Handlung stellte Sandro die Scene mit

den Töchtern Jethros am Brunnen: »Aber Moses machte sich auf und half

ihnen, und tränkte ihre Schafe« ... Diese wenigen Sätze der Genesis

regten Sandro zu jenem Idyll an, dessen einfältige Hoheit man nur mit

dem Worte »biblisch« bezeichnen kann. Wie aus Duft und Sonne scheinen

diese goldgelockten Mädchen, gleich Kindern eines Blumenlandes, von

seltsam trauriger und fremder Schönheit. Sie müssen frieren unter

Menschen. Vor solchen Holdgestalten empfindet man das Ganz-Persönliche

von Botticellis Kunst. Hierin war er ahnenlos und keiner der Späteren

erreichte ihn. Wie Hamlet von Laërtes sagt: »Seine innere Begabung war

so köstlich und selten, dass nur sein Spiegel seinesgleichen ist« ...

[Illustration:

_Rom, Sixtinische Kapelle._

TÖCHTER JETHROS

_Detail aus dem Fresko der Sixtina_]

Papst Sixtus würdigte Sandros Werk, indem er -- laut Vasari --

Botticelli reiche Geldsummen auszahlen liess; aber »dieser lebte,

seiner Gewohnheit nach, in den Tag herein, verwirtschaftete alles noch

während des römischen Aufenthaltes und kehrte, nachdem er vollbracht,

was ihm aufgetragen worden, gleich nach Florenz zurück« ... Hier

konnte er sich bald wieder als Meister des Freskos erweisen. Diesmal

galt es, die Vermählung Lorenzos Tornabuonis mit der schönen Giovanna

degli Albizzi zu verherrlichen. Auf dem einen Fresko wird der junge

Lorenzo in den Kreis der sieben freien Künste eingeführt: Voll edler

Schüchternheit blickt er die weisen Schwestern an, indes ihn die

»Dialectica« zur Philosophie, einer betagten Matrone geleitet. In

dem andern Fresko begrüssen die vier Kardinaltugenden Giovanna degli

Albizzi. Es ist ein ungemein delikater Zug Botticellis: gelassen und

prüfenden Auges erwarten die Wissenschaften den Jüngling, der um ihre

Gunst erst werben soll. Die Tugenden aber schreiten auf Giovanna

zu, als wollten vier Schwestern eine fünfte umarmen, die lange fern

geweilt. Heute gibt ein Treppenhaus im Louvre den halbzerstörten

Fresken Obdach. Voreinst schmückten sie Chiasso Macerelli, eine Villa

der Tornabuoni unweit den Bergen von Fiesole, und hier, unter Cypressen

und wilden Rosen, in stiller Sonnen-Einsamkeit muss die erdenferne

Poesie dieses Werkes unendlich ergriffen haben.

In strengen geraden Linien fliesst Giovannas rotes Kleid den

hochgewachsenen Körper entlang. Orangenfarbige, weisse, gelbe und

grüne Gewänder umhüllen die schlanken Mädchen, bei deren Anblick

man sich erinnert, dass Alberti in seinem Malerbuch sagt: »Wenn man

Diana malen wollte, wie sie den Chor der Nymphen anführt, so thäte

man gut, die eine Nymphe in Grün, die andere in Weiss, die dritte

in Rosa, die vierte in Gelb zu kleiden und so eine jede in eine

andere Farbe.« Leone Battista Alberti, der grosse Theoretiker der

Frührenaissance, hatte sein Malerbuch bereits im Jahre 1435 vollendet;

aber erst Botticelli, der ganze elf Jahre später zur Welt kam, machte

seine Anregungen sich zu nutze. Dass er's überhaupt that, hängt mit

seiner Sonderstellung innerhalb der Florentiner Malerei zusammen. Die

Nachahmung des Wirklichen, die den andern das Endziel aller Kunst

schien, war für Botticelli nur ein Mittel; denn er glaubte mit Alberti:

»man müsse darstellen, was dem Geist zu denken giebt; nicht, was die

Augen sehen«. Sandro besass den feinsten Sinn für das Wesen der Form,

den Gefühlswert der Farbe, mit selbstschöpferischer Phantasie war er

begnadet, und all diese Maler-Eigenschaften gingen mit einem sterilen

Gelehrtentum eine ebenso fesselnde als komplicierte Verbindung ein.

Er war ein »letterato«, hatte den Respekt der Halbgebildeten vor

Gedrucktem und Geschriebenem und nur sein Künstler-Genie beschützte ihn

davor, der erste academische Maler, Ahnherr einer Professoren-Malerei

zu werden. Dass gerade Botticelli zu solcher Geistesrichtung neigte,

lässt sich begreifen. Im gastlichen Palazzo Lorenzos de' Medici, wo

er als Freund verkehren durfte, begegnete er Dichtern und Gelehrten und

diese grossen Herren sprachen so menschlich mit dem gesellschaftlich

tiefer stehenden Maler, wiesen ihm Pfade in versunkene Welten, die ihr

Zauberwort eben neu belebte, und gaben dadurch seiner Kunst manche

Themata.

[Illustration:

_London, National Gallery._

MARS UND VENUS]

Botticelli(#61501) · 第 1 / 3 段