wurden? fragte er. Die zweihundert Meilen, die ich zweimal zu fahren hatte,
dich von deinen Wanderungen aufzulesen und wieder heimzuführen, dürften
leicht Herzenswehen verursachen.
Herzenswehen? fragte ich, und wer fühlt diese?
Das Auge Emiliens ruhte auf mir. Herr Howard, sprach sie, hat wirklich
Ursache, stolz auf die Liebe und Achtung seiner Freunde zu sein.
Die ersten Worte, die sie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche
Töne! Was sind Garcias Töne gegen diese? Und dieser Mund, wie himmlisch er
sich öffnet! Und diese Reihen von Perlenzähnen! Ich konnte mich nicht satt
genug an ihr sehen. Ich hätte Vieles gegeben -- und ich gebe nicht gern --
diese Zähne noch einmal zu sehen; doch der Knall zweier Gewehre ließ sich
nun hören und das Geheul der Neger. Das Dampfschiff! rief Mistreß
Houston mit ihrer klaffenden Stimme. Das Dampfschiff! wiederholte ich in
Verzweiflung. Die alte Dame warf einen höhnisch triumphirenden Blick auf
mich. -- Emilie! sprach ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge,
Emilie! und zu gleicher Zeit preßte ich wüthend ihre Hand. Sie blickte mich
gleichsam verwundert an; sie mußte in meinem Gesichte gelesen haben, was in
meinem Innern vorging. Und nun die verwünschte _Helen Mc Gregor_, wie eine
Anaconda zischend; sie ist bereits zu hören wie das Brüllen der Neger.
Und die gellende Mistreß Houston -- wahrscheinlich, um mir die Qualen des
Abschiednehmens so viel wie möglich zu verkürzen! -- Doch, was hat dieses
zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Shawl auf, schiebt den alten
gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Cottonballen thun
würde, und wirft das Seidentuch Emilien über die Schulter; er reißt beinahe
die Spitzen von ihrem Halse. Das ist's also! da geht es hinaus! Wohl, ich
weiß nun, woran ich bin, und ich bin herzlich froh. Was ist mir Emilie
Warren? Ein schöner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch
dieses zu überstehen; es ist nicht meine erste und, ich hoffe, auch nicht
meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von acht und zwanzig Jahren wird
sich um solche Kleinigkeiten nicht den Hals abreißen. Elende Tröstungen!
Während mir diese Maximen grober Liebesphilosophie durch den Sinn
schwirrten, hätte ich Ralph Doughby, der ihr nun seinen Arm anbot, ganz
gemüthlich erwürgen können. Ja, er führt sie wirklich auf das Dampfboot,
und mir fällt Mistreß Houston zu. Anstatt ihr den Arm anzubieten, faßte sie
den meinigen, und so ziehen wir denn fort. Was ich sagte, weiß ich bis
auf diesen Tag noch nicht; es muß jedoch etwas Heilloses gewesen sein;
sie schrie beinahe laut auf. Ihre gellende Stimme brachte mich endlich zum
Bewußtsein zurück, und ihr süßlich giftiger Blick kühlte allmälig meine
Leidenschaft. Wenig Schritte mehr und wir waren am Landungsplatze. Kisten,
Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponirt; es blieb nichts
übrig, als die Eigenthümer gleichfalls zu spediren. Zuvor muß jedoch noch
Lebewohl gesagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilien, und sie in
den Armen der Frau meines Freundes. Es schien, als trenne sie sich ungern
von der Jugendfreundin; der lange, lange Kuß, die thränenvollen Augen
zeugten deutlich davon. Doch nun kömmt Mistreß Houston, stattlich, steif
und frostig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frühling umarmt.
Und dann die übrigen Damen und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt
Richards und ich. Sie nähert sich uns einen Schritt; ihr Auge sucht
mich, unsre Hände begegnen sich; ich presse die ihrige -- vielleicht das
letztemal. Jedoch nicht das leiseste Zeichen der Erwiederung, und doch
ruht dieses prachtvolle Auge auf mir; eine Thräne spiegelt sich darin, eine
zweite -- sie wendet sich, und nun ein zitternder, beinahe unmerklicher
Druck dieser lieblichsten aller Hände. Ich murmelte, meiner selbst
unbewußt: Himmel, so muß ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nachdem
ich Sie gesehen! Sie blickt mich an, und wendet sich dann mit einem Blicke,
der milde und schwermüthig zu sagen scheint: ja, wir müssen scheiden. --
Doch wer kommt hier. Ein ganzer Troß von Wollköpfen, jung und alt, Kinder,
Jungen, Mädchen, Greise und alte Mütterchen, alle ihr Lebewohl heulend
und grinsend, alle nach einem letzten Blicke von diesem lieblichen Wesen
haschend. Sie muß diesen Armen herzlich gut gewesen sein; niemand fühlt
tiefer als sie. Selbst ihre Leiden, ihr hartes Loos, macht sie um so
empfänglicher, die milde Hand zu küssen, die sich ihnen wohlthätig aufthut,
die es der Mühe werth hält, einen Tropfen Balsam in ihre stets offenen
Wunden zu gießen. Es ist wirklich ein schöner Anblick dieß, das herrliche
Geschöpf umringt von den schwarzen Gestalten; die unerwartete Huldigung
scheint in ihr eine wehmüthig-freudige Empfindung zu erregen. Doch Mistreß
Houston winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinge scheuchen zurück.
Ihr Blick fällt furchtsam auf ihre Herrin, und dieser Blick scheint alle
erstarren zu machen, gleich Banquo's Geiste. Noch ein Lebewohl und sie
scheiden, und betreten die Breter, die sie für immer mir entziehen soll.
Ich starre ihr wie verloren nach, übersehe ganz, daß sie an Doughby's
Arme über die Brücke auf das Verdeck schritt und mit ihm in der Salonthüre
verschwand, -- und nun schwingt sich das Boot herum, der Dampf brauset,
zischt stärker und stärker, endlich der letzte Stoß und die gewaltige
Maschine bewegt sich; langsam zuerst, und dann schneller und schneller
schwirren die Räder. Wird sie nicht aus dem verwünschten Salon
herauskommen? uns keinen letzten Blick gönnen? Immer weiter entfernt sich
das abscheulich schnelle Boot; nie schien mir eines so eilig. Ah, nun
öffnet sich die Thüre; es ist eine weibliche Gestalt; sie nähert sich dem
Geländer; ihr Sacktuch in der Hand; sie schwingt es. Der alte Gentleman
zunächst ihr lüftet seinen Hut und macht eine abgemessene Bewegung, und nun
fällt mir der bocksteife Gentleman wieder ein. Ich erinnere mich, daß er
noch an der Brücke sich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrückt,
und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boston käme, sein Haus als das
meinige zu betrachten. »Wer ist doch,« fragte ich Richards, »der Mann, der
neben Miß Emilien steht, und uns so steif sein Adieu zunickt?« Fürwahr,
erwiederte mein Freund, du bist einer der sonderbarsten Menschen; da steht
er, gafft, vergißt Alles neben und um sich, und bemerkt selbst nicht, wenn
man von ihm Abschied nimmt. Mister Warrens muß sonderbare Dinge von dir
denken.
Dieß Mister Warrens? fragte ich, mich auf die Stirne schlagend.
Wer sonst als er? Ich bitte dich, vermeide alles Auffallende; unsre Tante
hat dich im Auge.
Das Wort rief mich wieder zurück. Sie stand mir gegenüber, ein boshafter,
schadenfroher Zug spielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richards Zeit, mir die
Worte zuzuflüstern: Sei ein Mann! so stand sie auch schon vor mir, um mich
mit aller möglichen Zutraulichkeit zum Mittagsessen einzuladen. Ich wollte
ein bestimmtes Nein aussprechen; allein Richards und seine Frau traten
wieder dazwischen, und sagten zu. Die alte Dame fixirte mich einen
Augenblick, und wandte sich dann zu der übrigen Gesellschaft.
Sei nur diesmal ein Mann, und gieb dich dem Spotte der Tante und ihrer
tausend Nebenzungen nicht bloß, bat Richards. -- Was kümmert mich die Tante
und ihre tausend Nebenzungen, wollte ich erwiedern; aber Richards mußte
in meiner Seele gelesen haben, und sprach ernst und trocken: Das schroffe,
leidenschaftliche, träumerische Wesen taugt fürwahr nur, dich zum
ungenießbaren Sonderling zu stempeln. Bedenke, daß du unter deinen Nachbarn
bist, denen du nie eine Blöße geben darfst.
Du hast wahrlich recht, erwiederte ich. -- Es war wirklich hohe Zeit,
zurückzukommen. Bereits flüsterten meine Nachbarn und schöne Nachbarinnen,
bereits spitzten sich ihre Näschen und krümmten sich ihre schönen Lippen;
eine Stunde länger so fortgefahren, und am ganzen Missisippi wäre der zu
spät gekommene Liebhaber ein Theegespräch geworden. Nein, das muß nicht
sein; erwache zum Gefühle deiner ganzen Kraft, sprach ich, und vergesse
diese Lappalien. Vielleicht wäre mir dieses doch nicht so leicht geworden;
doch als ich so selbst mit mir kämpfte, warf mir Mistreß Houston einen
ihrer gewöhnlichen _coup-d'oeils_ zu, und der entschied. Mich vor dieser
Frau bloß zu geben, wäre Tollheit, Stumpfsinn gewesen; nein, diese Zunge
soll ihre anatomisirende Gewandtheit nicht an mir üben; es ginge
mir wahrlich nicht besser, als dem armen Eichhörnchen, das von der
Mocassinschlange verschlungen wird, zuerst der Kopf und dann der Leib,
den sie mit ekeligem Schleime überzieht, um ihre Beute desto leichter
hinabzuwürgen. Sicherlich würde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen
oder einem Wochenblatte figurirt haben, herausgeputzt in einen Wehe- und
Entsagungshelden, zahlbar mit fünf Dollars baaren Geldes oder vier Bänden
derlei Potpourri's von Unsinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen.
Es kam nun darauf an, ein paar Stunden gehörig zu benutzen, und die üblen
Eindrücke wieder zu verwischen. Schon der feste Entschluß, die Lösung
dieses Problems aufzustellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir trefflich
zu statten kam. Allmälig kam die gute Laune gleichfalls angezogen, und
zuletzt in einem Maße, wie ich sie selten hatte. Wie das herging, weiß ich
noch heutigen Tages nicht; war der höhnende Blick von Mistreß Houston daran
Ursache, oder war es Uebermaß der Verzweiflung, ein Geschöpf für immer
verloren zu haben, das, mein Herz sagte es mir beim ersten Anblicke, mich
namenlos glücklich gemacht haben würde, -- genug, ich war plötzlich
in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes- und
Geistesfunken fingen mit einem Male aus meinem Munde zu sprühen an; jedes
Wort athmete den fröhlichen, heitern Lebensmann. Mistreß Houston sah mich
anfangs zweifelnd, dann verwundernd an; zuletzt schien sie ihren Ohren und
Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Clara kicherte und lachte, bis sie es
nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorfälle unserer
Tour, vom ledernen Mister Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des
achten Jänner gebratenen Barbecu-Ochsen, von dem auch uns eine Rippe
zu Theil wurde, und dem pfiffigen Yankee, der seine selig verschiedene
Ehehälfte einsalzte und in den Kamin zum Räuchern aufhing, willens, sie
so, wohl geräuchert und gedörrt, als eine egyptische Mumie, an die Londner
egyptische Halle in Piccadilly zu veräußern, indem er aus seiner Zeitung
vernommen, daß Mumien ein gangbarer Artikel wären, und mit schwerem
Gelde aufgewogen würden. All der Unsinn, den wir gehört, alle die
tausend Albernheiten, die wir gesehen, wurden nun preisgegeben, mit einer
Geläufigkeit preisgegeben, die die Gesellschaft in vollem Lachen
erhielt. Natürlich trug der Umstand, daß der Erzähler kein gewöhnlicher
Lustigmacher, sondern ein Mann war, der mehr zu seinem eigenen und seiner
nächsten Freunde Vergnügen, als den Beifall der Uebrigen zu erringen,
erzählte, das Seinige zum Genusse bei. Ich fühlte mich ganz froh und
heiter, es schien mich zu drängen, von dem Ueberflusse meines Frohsinnes
auch meinen Freunden etwas zukommen zu lassen. Selbst der Takt, mit dem
ich abbrach, sollte meine Gabe in ihren Augen noch erhöhen. Mistreß Houston
hatte für ein frisches Dutzend Champagner gesorgt; wir hatten ihn trefflich
gefunden, und ich liebe diesen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn
für uns erzeugt; allein ich hasse gemeines Zechen, und zu meiner großen
Ergötzlichkeit haßten nun alle meine vierzig Nachbarn eben so das sonst
so liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichst versprochen
hatten, so bald als möglich wieder zu kommen. Und wirklich, so froh
und heiter schieden wir, daß ich beinahe glaube, Mistreß Houston habe
lieblicher denn je ausgesehen.
Du hast Wunder gethan, sprach Richards, als wir wieder in dem Wagen
zusammengeschichtet seiner Pflanzung zurollten.
Die Tante lachte, fiel seine Frau ein, daß ihr die Thränen über die Backen
herabliefen. Ich glaube, Sie könnten mit ihr thun, was Ihnen beliebt.
Wahrlich, Sie waren bezaubernd; nie hätte ich das erwartet.
Dann kennst du ihn nur wenig, diesen launenhaften, wunderlichen Menschen,
und diesen Geist des Widerspruchs, der in ihm hauset. Danken wir es der
sauren Miene unserer Tante; wir hatten eine der vergnügtesten Stunden.
Da sprichst du wieder wie ein behaglicher englischer Epikuräer von vierzig,
der sein gutes Diner liebt und einen Spaß dazu, vorausgesetzt, er kostet
nichts und befördert die Verdauung. Du weißt, ich hasse Egoismus. Doch
sage mir nur, was ist denn eigentlich gegenwärtig Herr Warren, was seine
Umstände?
Ich hasse Egoismus, spottete Richards nach, mit einer Lache, so laut, daß
sie von zwei Bootsmännern, die auf dem Verdecke eines Breithornes sich
hingestreckt hatten, wiedergegeben wurde. Ich hasse Egoismus, und die
nächste Frage, die dieser Erklärung folgt, beweist die Wahrheit seines
Ausspruchs. Oder was ist es anders, als eine Abart von Egoismus, eine
verfeinerte Selbstsucht, die unter dieser Frage lauert? Gestehe es nur,
armer George, Emilie ist dir nicht gleichgültig.
Hol' euch der Henker! Da lauern und lauern, und wispern und wispern sie,
ich wußte nicht weshalb, bis nun das große Geheimniß heraus ist.
_Hony soit qui mal y pense._ Wollte der Himmel, ich hätte es ahnen können,
erwiederte mein Freund, und sein Auge ruhte voll und ehrlich auf mir. Ja,
sie wäre ein Weib für dich gewesen; ich sagte dir's immer; reiste hunderte
von Meilen, um noch zurecht zu kommen; es sollte aber nicht sein, es ist
nun zu spät.
Zu spät? wiederholte ich mechanisch.
Ja wohl! Sie besucht Saratoga mit ihrem Vater und Mister Doughby, verweilt
einige Wochen zu Hause, und kehrt dann als Frau Doughby zurück.
Ich wußte es; es war mir klar wie die aufgehende Sonne, sobald ich Ralph
gesehen hatte, wie er ihr das Halstuch umwarf, so wie er seinem Schecken
die Schabracke überwirft. Kein Zweifel konnte vernünftiger Weise mehr
obwalten; aber ich war nun wieder in meine schlimme, beinahe giftige Laune
versetzt. Wer würde es auch nicht sein?
Dann hättest du dir aber auch deine freundschaftliche Mühe, mir den Pfeil
ins Herz zu drücken und mich mit ihr bekannt zu machen, ersparen können,
fuhr ich bitter heraus.
Das hätte ich gewiß unterlassen, wenn ich dich erstens für so kindisch und
romanhaft empfänglich gehalten, und dann die wahre Lage der Dinge gewußt
hätte.
Du hast sie nicht gewußt? und doch bin ich beinahe mit Haaren herbeigezogen
worden.
Ich bedaure dies noch immer nicht, fiel Richards ein; haben wir doch nun
Hoffnung, dich stätig zu sehen. Fürwahr, dies Umherziehen dauert zu lange.
Ich blickte ihn an; er war meiner Frage ausgewichen. Seine Frau jedoch hob
den ihm hingeworfenen Handschuh auf.
Fürwahr, hätten wir nur ahnen können, daß Sie, der ewige Jude, Lust zum
Heirathen bekämen! aber wer kann sich auf Sie verlassen, und Sie wissen,
die Tante ist nun einmal zum Heirathmachen geboren. Wir haben Emilie von
Neworleans abgeholt, und das Uebrige wissen oder errathen Sie.
Und seit wann hat sich dieses Geschäft abgethan?
Seit zwei Wochen.
Seit zwei Wochen! wiederholte ich ein-, zwei-, dreimal. Es waren volle vier
Wochen seit meinem zweiten Zusammentreffen mit Richards, und wenigstens
achtzehn Tage, daß unsre Ankunft seiner Frau bekannt sein mußte. Ich
glaubte mir schmeicheln zu können, daß der Einfluß Clara's auf ihre
Freundin diese von einer so schnellen Wahl wenigstens bis zu meiner Ankunft
hätte zurückhalten sollen. Alles das schwindelte mir durchs Gehirn und
trübte nur noch mehr meine Laune. Ich sah nur zu deutlich, daß die Tante
mir einen Streich gespielt. -- Ja, diese glorreiche Tante! platzte ich
wieder heraus.
Ist eine sehr respectable Dame, Mister Howard, versetzte Mistreß Richards,
und sie glaubte für ihre Nichte sehr wohl zu wählen; ich kann ihr gar
keinen Vorwurf machen.
Freilich nicht, entgegnete ich; schade nur, daß sie sich nicht zur allein
seligmachenden Kirche bekennt. Sie hätte dann Aussicht, einst, in Glas und
Rahmen gefaßt, in der Kathedrale von Neworleans zu prangen, allen ihren
Negern zum Trost und Labsal.
Das war nun beißig boshaft; aber wer kann seine Geduld immer behalten.
Mir war es unmöglich; ich mußte meinem Herzen Luft machen. Der Stich hatte
keine Erwiederung zur Folge. Richards sah mich ernst an, seine Frau beinahe
wüthend. Eine lange Pause erfolgte.
Ich sah wieder auf den Missisippi hinaus, den Schiffen und Kielböten zu,
von denen der _Yankee doodle_ in nicht unangenehmem Chore herübertönte.
Und Emilie, hat sie sich geduldig in die Wahl ihrer Tante gefügt? fragte
Richards.
Seine Frau hielt mit der Antwort inne; wahrscheinlich antwortete sie durch
ihr Geberdenspiel.
Es nimmt mich auch nicht Wunder, wisperte sie nach einer Weile; das feine
Wesen fehlt ihm gänzlich. Selbst die Art, wie er ihr sein erstes Geschenk
darbot, war ziemlich derbe.
Sage vielmehr roh, versetzte eben so leise ihr Gatte. Ich wollte ihm gern
den Mangel an Abgeschliffenheit verzeihen; aber des Mannes Seele ist roh,
gewaltthätig, für alle sanfteren Empfindungen verloren. Sie kann nicht mit
ihm glücklich sein. Und sie hat also sein Geschenk zurückgewiesen? fragte
er.
Entschlossen und fest zurückgewiesen, erwiederte sie. Selbst meine Bitten
vermochten nichts über sie; sie kenne ihn nicht hinlänglich; sie wolle sich
nicht binden, ehe sie den Rath ihrer Mutter eingeholt.
Sie hat ganz recht, und ich begreife nur nicht, wie die Tante es so weit
treiben konnte.
Du weißt, ihr Vermögen, ihr Ansehen macht jeden Wink zum Gebote.
Und doch hat sie dem armen Warren Hülfe versagt?
Sie zuckte die Achseln.
Ich blickte auf; fiel jedoch wieder in mein Nachsinnen zurück. Also halb
gezwungen mußte die arme Emilie werden. Wahrlich, sie verdient es, aus den
Händen dieses Bären gerettet zu sein.
Ich kann es mir nicht möglich denken, daß sie ihn nimmt, bemerkte ich, zu
Richards gewandt.
Ich bitte dich, gieb nicht Hoffnungen Raum, versetzte er, die vergeblich
sind. Und hier zu hoffen, ist mehr als vergeblich.
Und würden Sie Emilie geheirathet haben? fragte Clara.
Geheirathet? erwiederte ich, geheirathet? Das Wort machte mich stutzen. Ein
alter Junggeselle von acht und zwanzig Jahren ist nicht sehr vorschnell,
wenn es an's Heirathen geht; aber hier war nichts zu bedenken. --
Heirathen? wiederholte ich; ja, das würde ich gethan haben. Von dem ersten
Augenblicke, da ich sie sah, war ich dazu entschlossen; sie oder keine
sollte meine Lebensgefährtin werden. Ich getraue mir zu behaupten, daß
ich diese vortreffliche Seele durchblickte. Ich war unempfindlich gegen
ausgezeichnetere Schönheiten, unzugänglich nach längerer Bekanntschaft;
sie aber würde mir nach Jahren eben so erscheinen, denn es ist ein offenes
Gemüth, das ihrige. Unsre Augen und Herzen begegneten sich; ihre Seele lag
aufgeschlagen vor mir, diese edle, feste, reine und selbstständige Seele.
Vor ihr ein Geheimniß zu haben, würde mir unmöglich sein; jeden ihrer
Gedanken, ihrer Wünsche würde ich errathen haben; offen würde ich mich
hingeben. Sieh! würde ich sagen, so bin ich; dies sind meine Gebrechen,
dies meine Tugenden, -- willst du mich? Wohl! beide sollen mir helfen,
dich glücklich zu machen. Achtung vor ihrem Seelenadel, vor ihrem Verstande
würde mich diese Sprache führen machen, und sollte mich durch mein ganzes
Leben begleiten. Und auf diese Grundlage wollte ich mein und ihr Glück
bauen. Sie ist das erste Wesen, das mir begegnete, vor dem ich mich ganz,
wie ich bin, zeigen könnte.
Beide hatten mir in sichtlicher Spannung zugehört.
Und was sagte Herr Warren? fragte endlich Richards.
Oh, du kennst ihn doch, erwiederte sie. Vorausgesetzt, er kann sein
Geschäfte fortführen, und ein respectables Haus halten, so läßt er das
Uebrige seinen Gang gehen. Er wünscht nur einen achtbaren Mann für Emilien,
der im Stande wäre, sie unabhängig zu erhalten, ohne daß er ihn nöthigte,
einen Theil seines noch übrigen Vermögens zu ihrer Ausstattung aufzuwenden.
Auf keine Weise wäre er zu vermögen, mehr zu geben, als einen Theil seiner
Ländereien am Missisippi oder dem Miami bei Dayton, die er eben Willens ist
zu besuchen.
Ja, so sind sie alle, diese Yankees, brummte ich darein, wahre doppelt
destillirte Juden, die ihre Töchter eben so, wie ihre Zwiebel-, Mehl- und
Whiskyfässer, den Meistbietenden überlassen.
Ich hatte ganz vergessen, daß meines Freundes liebevolle Hälfte gleichfalls
diesem berühmten Yankeestamme entsprossen, und verbiß meine Zunge. Zu
Richards, einem echten Virginier, ließ sich so etwas schon sagen.
Er ist der consequenteste Feind alles Ausländischen, fuhr dieser fort, den
es nur geben kann; doch vorzüglich was aus England herrührt; ein Tarifmann
durch und durch. Er hat Pamphlete geschrieben, Reden gehalten, alles nur
Mögliche zu Gunsten dieses seines Steckenpferdes gethan, wurde ausgelacht
und ausgepfiffen, mit Koth beworfen, -- nichts konnte ihn ändern. Er
ist nun diese fünfzehn Jahre, seit ich ihn kenne, immer dieselbe steife,
starre, stattliche Personnage, die kerzengerade, wie ein Indianer,
einherwandelt, einen Schritt gleich dem andern, einen Tag wie den andern.
Seinem Haare und Haarzopf widmet er eine systematische Sorgfalt, und er
hat öfters lieber sein Mittagsessen versäumt, ehe er ohne diese Zierde bei
Tafel erschienen wäre. Ein großer Theil seines Mißgeschickes springt von
derselben Antipathie für alles Ausländische. Seit der Revolution rühmt er
sich, nie auch nur das Mindeste vom Auslande auf seinem Leibe getragen zu
haben. Vom Kopf zum Fuße in amerikanische Fabrikate gekleidet, bezahlte
er lieber den fünffachen Preis, so lange unsere Manufakturen noch in ihrer
Kindheit waren, als daß er englische Stoffe wählte; ja, einstens verbrannte
er wirklich, ein zweiter Napoleon, einen vollständigen englischen Anzug,
den man ihm als amerikanisch untergeschoben hatte.
Der Mann ist wirklich interessant, erwiederte ich. Ich würde diese
patriotische Aufopferung nicht in seinen grauen Spekulationsaugen gesucht
haben. Und doch konnte er der Freiheit seiner Tochter so nahe treten?
Wir waren nun vor Richards Hause angelangt. Ich zog mich bald auf mein
Zimmer zurück. Mehrere Briefe von meinem Aufseher lagen vor mir; wahrlich,
es ist hohe Zeit, dieses Wanderleben aufzugeben.
Das Abendessen war trefflich, die Weine ausgesucht; es wollte jedoch nicht
munden. Meine Freunde waren in der besten, herrlichsten Stimmung, besonders
Clara; aber ich wollte nun diesen Abend elend sein, und zog mich frühe mit
einem Packet Zeitungen zurück.
Ja, der Red-River kommt morgen zwölf Uhr hier vorbei, auf seinem Wege
nach Alexandria; ich will mit, und einmal wieder sehen, was die Meinigen
treiben.
Es war Morgens neun Uhr, als ich, mit diesem löblichen Vorsatze
ausgerüstet, in meinem Morgenanzuge und Pantoffeln die Stiegen herabkam.
Ich weiß nicht, wie es geschah, daß ich, ganz gegen meine sonstige
Gewohnheit, mein Frühstück nicht aufs Zimmer beordert hatte. Als ich
den Corridor zum Speisesaal hinantrat, hörte ich meinen Namen. Ich stand
stille. »Der Horcher an der Wand, fiel mir ein, hört seine eigne Schand';«
doch ich wollte einmal meine Schande hören. Es war Claras Stimme.
Aber mit Emilien geht es nun und nimmermehr, sprach sie sehr leise; du
weißt, sie hat keine Aussteuer, und die achttausend Dollars --
Ja, die müßte er uns aufkündigen, versetzte ihr Mann; denn er brauchte sie
zur ersten Einrichtung und Vermehrung seines Sklavenstandes. Mir käme dies
sehr ungelegen; wir haben gute zwanzigtausend damit gewonnen.
Eben deswegen dachte ich, deinen Winken nicht Folge leisten zu müssen,
lispelte sie.
Aber mit der Tante wird gewiß nichts daraus, versetzte er.
Wohl denn, laß ihn als Hagestolz vegetiren; ohnedem ist er ein wunderlicher
Kauz. Kaum glaube ich, daß Emilie seine Rhapsodien besonders liebgewinnen
dürfte.
Ja, das bin ich! murmelte ich, mich leise auf die Stiege zurückziehend. --
Wahrlich, ich glaube, in meinem Leben war ich nicht schneller mit meiner
Toilette fertig. Die Zeitung in der Hand, trat ich vor meine Freunde.