gewaltigen Kränzen von Liveoaks[71], so herrlich umschlungen von beinahe
mannsdicken Reben, in deren Schatten wir uns so oft ergingen. Cäsar wurde
immer unruhiger, und überließ sich Freudenausbrüchen, welche die Hälfte
unserer Schiffsgesellschaft vom Verdecke wegscheuchten. Das edle Thier
hatte sich ungemein gut während der ersten acht Tage unserer Fahrt
betragen; es war so müde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florenz
verließen. Nun hatte es sich wieder erholt, und seine Munterkeit fing an
uns lästig zu werden. Bereits seit einer Stunde hatte ich ihn in seinem
Verließe zu bewachen und ihm zu schmeicheln, sonst würde der Tollkopf
sicher durchgebrochen sein, zum nicht geringen Schrecken zweier Damen,
die, bis zum Kinn in ihren Shawls steckend, gewaltiges Aergerniß zu nehmen
schienen. Mit Richards war nun nichts anzufangen, das sah ich deutlich.
Seit dem frühesten Morgen war kein Wort aus ihm herauszubringen gewesen;
auf das linke Ufer hinstarrend, schwelgte er bereits im Vorgefühle der
Wonne, die seine Ankunft verursachen werde. Ein Besuch bei seinen Eltern
hatte ihn nun über vier Monate von Hause und seinem reizenden Weibe
entfernt gehalten. Er war noch nicht volle sechs Monate vermählt, als er
abreiste. -- Glücklicher Mensch! Welch ein süßes Gefühl ist die Heimath,
dieser Ruheort für den Müden, dies Paradies seiner irdischen Freuden,
wenn ein gleichgesinntes Wesen unserer Ankunft entgegenharrt, wenn
ein zartfühlender Busen höher schlägt und lauter klopft, so wie unsere
Fußtritte nahen! -- Leider habe ich diese Freuden nie gefühlt. Meine
Heimath haben Fremdlinge inne; bloß die kalten Herzen von Miethlingen und
Sklaven warten meiner. Das Gefühl meiner Verlassenheit ergriff mich nie
so bitter, so wehmuthsvoll, als in diesem Augenblicke; es war, als ob
schneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Cäsar brach neuerdings in
ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbst der hat eine Heimath; er hat sie
nicht vergessen, die Eingangslaube von Chinabäumen, mit ihren leichten und
glänzenden Blättern und den Tausenden ihrer Blüthen und Beeren, wie sie
in der Morgensonne erglänzen, als ob sie von dem Athem eines Zauberers
angehaucht wären. Und seine Grüße, sie werden von einer ganzen Koppel Hunde
beantwortet. Es ist Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerst gucken ein paar
rabenschwarze Wollköpfe hinter der Orangenlaube hervor und verschwinden
eben so schnell; dann kömmt eine Heerde klaffender Hunde, die etwas zu
wittern scheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mädchen herbei,
die sich ohne weitere Umstände auf ihre Rücken pflanzen, und dafür
tüchtig heruntergeworfen werden. Diesen folgen ihre erwachsenen Brüder und
Schwestern, und endlich die ganze Sippschaft Japhets. Doch nun fliegt
eines der lieblichsten Wesen durch die Thür und die Terrasse herab, dem
Laubengange zu, augenscheinlich vom Dampfschiffe etwas erwartend. Sie
scheint noch immer in Zweifel; man sieht es, mit welch reizender Ungeduld
sie dem Boote entgegensieht, das zu langsam für das süße Weib sich nun dem
Ufer zuwendet. Wie sie eilig hin und wieder trippelt, als wollte sie die
Eile des Schiffes durch ihre Bewegung beschleunigen, und ihm Schnellkraft
geben. -- Es ist Clara, das reizende Weib meines Freundes. Beneidenswerther
Junge! Eine Thräne zittert in seinem Auge, als er diese reizende Hälfte
seines Ichs und ihre reizendere Ungeduld ersieht. Dreimal war sie aus der
Laube hervorgekommen; nun erscheint sie ein viertes Mal, dem Ufer zu-
und wieder zurückeilend, und gleichsam schmollend über die unausstehliche
Langsamkeit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brücke ist geworfen,
und Richards rennt -- fliegt auf's Ufer. Sie kann nicht widerstehen; sie
eilt aus der Laube; ein Augenblick länger -- und sie liegt in seinen Armen;
zieht ihn jedoch -- des Weibes Zartgefühl ist stets rege -- verschämt ins
Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glücklichen, und
flog dann über meine Reisegefährten, die still und beinahe ehrfurchtsvoll
dem holden Bilde der Vereinigung zugesehen hatten. Selbst die rohen
Schiffsleute schienen gerührt; kein grober Scherz, kein hämisches Lächeln
entfuhr ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermählten hat etwas so
rührend Zartes in sich, daß selbst gröbere Seelen sich ergriffen fühlen.
Ich Verlassener stand wie ein armer Sünder da, schüttelte dann dem Capitain
und meinen Reisegefährten die Hände, ordnete Cäsar und die Gig ans Ufer
und folgte. Die treuen Hunde sprangen bellend und tobend um mich herum,
gleichsam als erwarteten sie von mir, was ihnen ihr Herr im Drange
seiner Liebe versagte, einen freundlichen Gruß. Und mit ihnen ein Dutzend
Wollköpfe jeden Alters, vom zweijährigen Wechselbalge bis zum erwachsenen
Mädchen; wie sie sich herandrängen, die kleinen Schelme, umherpurzeln
vor Freude, und jauchzend aufspringen, um dann bittend ihre Hände
emporzuhalten. Ich weiß, was sie wollen: ein Escalin[72] ist das ersehnte
Ziel ihrer Wünsche. Sie soll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die sie
einige Tage glücklich machen wird.
[71]: =Liveoaks=, Immergrün, Eichen; das beste, dauerhafteste und
zäheste Schiffsbauholz, von der Marine der V. St. ausschließend
benutzt.
[72]: =Escalin=, Schilling, 12½ Cents, so in Louisiana genannt.
Ja, glücklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fühlt, die ihr
das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt!
Und zweimal glücklich, wenn das Schicksal euch erlaubt, in harmloser
Unwissenheit dem Tage entgegen zu harren, der auch euch in die Zahl freier
Wesen versetzen wird. Ja, er wird kommen, dieser Tag, der uns gestatten
wird, das zu versöhnen, was unserer Väter Machthaber an euch verbrochen
haben.
Sonderbar, der Anblick der fröhlichen Wesen, die um mich herumgaukeln, hat
mich ernst gestimmt. Es ist Zeit, meine Freunde zu sehen; doch die ersten
Augenblicke des Wiedersehens sind so kostbar, so süß; ich muß noch warten.
Wie Vieles mögen sie sich zu sagen haben, das dem Ohre des Freundes selbst
verborgen bleiben muß! Ich steige die Treppe hinan, und verweile auf der
Terrasse. Noch eine Weile. Ich nähere mich der Thüre. Beinahe scheint es
mir, als ob ich überflüssig sei. Wieder halte ich. Endlich fällt meine
Hand auf den Drücker, die Thüre geht auf. Ich sehe sie beide Arm in
Arm verschlungen, ohne gesehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich
zurückziehen. Doch nein -- solch ein Anblick ist nicht oft wieder zu sehen.
Wie sie sich umschlungen halten! Es ist ein herrliches Paar. Er eine wahre
Apollogestalt, mit einer Adlernase, feurig schwarzen Augen, in denen man
sich nicht satt sehen kann, denn mit jedem Blicke sieht man tiefer in eine
freie Seele, die ein wenig stolz und selbstbewußt, aber männlich und fest
ist. Als er so da stand, sein Weib in seine Arme geschlossen, seine Lippen
an die ihrigen gepreßt. -- Sie das Modell einer Hebe, mit den sanften,
weichen und doch so begehrenden, mädchenhaften Zügen, wie sie so stand,
oder vielmehr hing in seinen Armen, zu ihm aufblickend mit dem reizend
vertrauenden Gesichte, ihr ganzes Wesen zitternd vor Freude und süßem
Verlangen. Ich wollte, ich hätte sie nicht unterbrochen. Sie sahen mich
jedoch nicht; sie hatten zuviel an sich zu sehen. Sein Auge schien nun
etwas zu suchen; er blickte im Zimmer umher, und sie, mit Erröthen seine
Hand fassend, führte ihn durch die Flügelthüren, durch die Polly so eben
tanzte, einen kleinen Engel im Arme.
Der dreimal Glückliche! Er fiel über das arme Mädchen gleich einem Rasenden
her, und bei einem Haare wäre ihr die süße Bürde entwischt. Er fing sie
jedoch auf, hob sie in seine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer,
ein Tanz, den der trockenste Quäker lieblich gefunden haben müßte,
vorausgesetzt, es schlage ein Herz an der linken Seite und kein
Dollarbeutel. Wieder umschloß er sein Weib, und sofort überhäufte das
liebliche Paar den jungen Bürger mit so ungestümen und zahlreichen
Beweisen ihrer älterlichen Zärtlichkeit, daß er zuletzt in die lautesten
Protestationen mittelst Zappelns und Weinens ausbrach.
Wenn je eine Scene mich mein Hagestolzthun bedauern ließ, und die Grundlage
zu veränderten Gesinnungen wurde, so waren es diese funfzehn Minuten; denn
volle funfzehn Minuten dauerte es, ehe mein werthes Selbst in Betrachtung
gezogen wurde. Ich schüttelte noch die Hand Claras, als Mappa, der
Leibkutscher beider Herrschaften, in die Stube trat. »Die Pferde sind
angespannt,« meldete der schwarze Squire.
Du weißt noch nicht, lispelte sie, daß sie heute in der _Helen Mc Gregor_
(Name eines Dampfschiffes) nach dem Norden aufbricht. Ich war so eben im
Begriffe, ihr Lebewohl zu sagen; doch deine Ankunft änderte dies, und sie
wird entschuldigen, wenn sie hört --
Sie wird nicht, versetzte Richards; nein, wir müssen sie sehen. Sie würde
es uns nie verzeihen.
Aber du bist so müde.
Wie sollte ich auch. Ich komme so eben vom Dampfschiffe, und wenn ich's
wäre, so würde dies mich keineswegs abhalten, die Busenfreundin meiner
Clara zu sehen, der ich so vieles verdanke.
Ja, und einen besorgten Anwald hattest du, drohte sie mit ihrem Finger,
und hätte sie nicht ewig von dir geschwatzt, der Himmel weiß, was geschehen
wäre. Doch, fügte sie im leisern Tone hinzu, ich habe Gleiches mit Gleichem
vergolten: sie ist versprochen.
Du schriebst mir von dem Plane der Tante, entgegnete Richards eben so
leise. Ich hoffe jedoch, die Sache sei noch nicht so weit gediehen.
Sie ist es; -- doch, du wirst hören. Ihr habt eine halbe Stunde zum
Umkleiden, und eine andere zum Luncheon[73]; das Dampfschiff wird um vier
Uhr erwartet.
[73]: =Luncheon=, ein Imbiß, vor dem Mittagsessen genommen, besteht
gewöhnlich aus kalten Speisen.
Und was mit Howard thun? wisperte er ihr zu; du kennst seine Abneigung
gegen die Tante. Ich zweifle, daß du etwas in diesem Punkte ausrichtest.
Gegen die Tante aufgebracht? wisperte sie. Du machst mich staunen; das ist
etwas ganz Neues. Und sie ist doch so ganz sein Bewunderer, beinahe sollte
ich glauben, sie habe --
Da steckt der Haken.
Sie sann eine Weile nach, nickte zuversichtlich, und lispelte dann: Er muß
mit. Und mit diesen Worten kam sie auf mich zugetrippelt. Ich hatte kein
Wort von der Unterredung verloren, und dachte: komme nur, du sollst mich so
ledern finden, als wir Mister Shifty nassen Andenkens.
Sie sind doch von der Partie zur Tante? fragte sie mit dem
einschmeichelndsten Lächeln, während sie meine Hand ergriff.
Nicht für diesmal, war meine Antwort; ich bin froh, daß wir im Hafen
eingelaufen sind.
Selbst dann nicht, wenn ich Sie einer Schönheit zuführe, einer Schönheit,
die Verstand hat, Verstand wie ein gewisser Mister Howard?
Danke für das Compliment; es ist ein armseliges.
Es sind ja bloß vier Meilen.
Zuviel, wenn es nur so viele Ruthen wären.
Wie Sie doch so nüchtern und amphibiös sein können. Ein wahrer Hagestolz.
Wollen Sie selbst dann nicht gehen, wenn ich Ihnen sage, wem ich Sie
zuführe?
Nein, meine schöne Dame.
Ihre Hartnäckigkeit ist wirklich impertinent. Wollen Sie selbst nicht
gehen, um Emilie Warrens zu sehen?
Sie gehen, Emilie Warrens zu sehen? fiel ich ziemlich rasch ein. Wie? ich
dachte, sie wäre in New-Orleans?
Der Wind ändert sich erstaunlich, bemerkte Clara trocken, ihrem Manne sich
zuwendend.
Ich sah darein, als hörte ich sie nicht; aber die Lockspeise hatte
gefangen. Und war es ein Wunder nach den Scenen, die ich so eben gesehen?
Richards hatte von eben dieser Emilie stets in so hoher Begeisterung
gesprochen; er, der so kühl, so gemäßigt, so geizig in seinem Lobe war,
wenn es dem zweiten Geschlechte galt. War es ein Wunder, wenn meine
Neugierde, mein Interesse aufgeregt waren? Aber dann die unglückselige
Mistreß Houston mit ihrer verfolgenden -- Liebe kann ich's nicht nennen.
Dieses langbeinige Ding, hager, mager, mit Armen und Beinen wie ein
Hochländer, und hervorragenden Backenknochen; eine leibhafte Clansgenossin;
dabei flach wie unsere Breithörner oder Flachböte. Sie ist das
unausstehlichste Wesen, das je in Petticoats[74] gesteckt; das Beste an ihr
sind noch ihre fünf und vierzig Jahre. Freilich hat sie einige gute Seiten:
sie ist sehr reich, sehr respectabel, wie es sich von selbst versteht,
und sehr rationell, einen einzigen Punkt ausgenommen: ihre Baumwolle ist
beinahe _sea islands_[75]. Aber ihre armen Neger! Potemkin übte nicht
größere Zwingherrschaft über die bärtigen Subjekte Ihrer Moskowitischen
Majestät aus, als der gallsüchtige Mister Twang über die Körper dieser
armen Teufel. Und dann ihre Züge, besonders wenn sie sich in Haß oder Hohn
falten, wenn ihr ein armer Wicht zur unrechten Zeit unter die Augen tritt.
Ihr ganzes Wesen verräth dann Abscheu; es ist häßlich, beinahe grausig.
-- Und in diesen Händen ist Emilie? fragte ich mich zehnmal. Ich war
vorzüglich ihr zu Liebe nach Hause zurückgekehrt; sie hatte meine Neugierde
zu kitzeln angefangen, und nun ich sie kennen lernen sollte, ist sie wieder
auf dem Sprunge, in die weite Welt zu segeln. Mir war nicht wohl zu Muthe.
Mädchennarr, wie ich war, es ahnte mir, ich sollte zuletzt leer ausgehen.
Ich sann und sann, ganz vergessend, daß Richards und seine Frau schon fünf
Minuten vor mir standen, sich bedeutsame Blicke zuwerfend. Ich sehe wohl,
sprach sie mit einem sonderbar spitzen Lächeln, daß Sie nicht zu bewegen
sind.
[74]: =Petticoats=, Unterröckchen; weibliche Kleidung überhaupt,
scherzweise genannt.
[75]: =_Sea islands_=, die berühmte Baumwolle der Inseln Georgiens.
Je nun, um Sie zu verbinden, will ich mit; doch, aufrichtig gesagt, bloß um
Sie zu verbinden.
Es wäre wirklich unzart, ein so großes Opfer von Ihnen zu verlangen,
erwiederten die ehelichen Verbündeten mit einem Gelächter, das mich so
ziemlich als einen Hasenfuß bezeichnete.
In einer halben Stunde waren wir mit unserer Toilette fertig, in einer
zweiten war das Luncheon genommen; und dann setzten wir uns, besiegt von
der weiblichen Diplomatie, in den Wagen.
In einem Wagen mit einem kaum zwölf Monate verbundenen und sich herzlich
liebenden Paare zu sitzen, das sich die letzten vier Monate nicht gesehen
hat, ist eben nicht sehr zeitvertreibend. Die jungen Leute haben sich
so viel zu sagen, so viele Geheimnisse zuzuflüstern, kurz, selbst
die philanthropischsten sind so haushälterisch mit jeder Sekunde, so
selbstsüchtig, daß einem Dritten kaum etwas anderes zu thun übrig bleibt,
als -- nichts zu thun, und eine stumme Rolle zu spielen. Ich konnte mich
selbst nicht an meinen jungen Mitbürger halten, der in Polly's Armen lag,
da er so oft hin und wieder passirte, daß es vergeblich gewesen wäre, mich
mit ihm befassen zu wollen; so war ich denn gezwungen, meine Aufmerksamkeit
in's Weite, nämlich auf den Missisippi, zu richten.
Ja, es ist ein großartiger Anblick dieser Missisippi zu allen Zeiten, aber
besonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefüllt ist. Man behauptet,
er sei hier am tiefsten, und ich bin selbst der Meinung; denn weiter unten
sind die Bayous, die einen bedeutenden Theil seiner Gewässer abführen. Der
Strom ist beiläufig zehn Fuß gestiegen, und die Strömung äußerst schnell.
Ich sehe ihn gerne voll, den majestätischen Vater der Flüsse, oder, wie
ihn die Indianer nennen, den endlosen Strom[76], und empfinde stets ein
gewisses Mißbehagen, wenn ich ihn im niedern Wasserstande mit seinen
fünfzig bis sechzig Fuß hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze
wird jedoch drückend, und die Moschettos scheinen unser verdicktes Blut
zu wittern; bereits die dritte hat mich gestochen. Wir haben eine dritte
Pflanzung passirt. Ein herrlicher Anblick, dieses Haus mit seinen
zwanzig Hütten, in einem Walde von China-, Tulpen-, Orangen-, Feigen- und
Citronenbäumen begraben; besonders die ersten sind so lieblich anzuschauen
mit ihren weißen Blüthen und gelblichen Beeren, die die ganze Baumkrone
bedecken, und sich im Verlaufe weniger Wochen röthen, wo sie dann Millionen
glänzender Rubinen gleichen, den Robbins zum Labsal, zum Verderben.
Tausende dieser treuherzigen Thiere schwärmen dann und nisten an neblichten
Herbstmorgen in dem Gezweige, und ertränken im Safte der Beeren ihre
winzigen Sinne, und purzeln umher, und treiben närrisches Wesen, die
lieblichsten Trunkenbolde, die man nur sehen kann. Als wir so am breiten
Uferrande hinrollten, den Missisippi zur Linken, die weißen Zäune mit
den unabsehbaren Cottonpflanzungen zur Rechten, im Rücken die colossalen
Cypressen- und Cedernwälder, wurde mir beinahe schwindlich vom langen
Dahinstarren, und Landhäuser, Felder und Wälder schienen dem mexikanischen
Busen zuzufliehen. Die Stimme Richards weckte mich aus meinen Träumen; wir
waren vor der Pflanzung der Mistreß Houston.
[76]: Diesen Namen verdient er gewissermaßen, da er, den Missouri
mit eingeschlossen, über 4000 Meilen lang ist.
So werden wir denn dieses Wunder weiblicher Vollkommenheit sehen, der so
viele Huldigungen dargebracht werden. Eine Reihe von wenigstens zwanzig
glänzender London-Gigs, mit einer gleichen Anzahl von Reitpferden, halten
im Hofe unter den Bäumen. Wir stiegen sofort ab, übersahen unsere Anzüge,
setzten zurecht, was die kurze Fahrt unrecht gesetzt, und stiegen die
Stufen hinan. Die Halle war voll von Bedienten, der Saal voller Gäste, die
natürlich gekommen waren, der nordischen Schönheit Lebewohl zu sagen. Doch
weder sie noch Mistreß Houston ist zugegen. Ich kann mich eines Lächelns
nicht erwehren über die drollige Wichtigkeit, mit der die Frau meines
Freundes nach der Thüre deutet, und dann mit einem herablassenden,
beifälligen Lächeln hindurchschlüpft. Zugleich beginnt eine unendliche
Ungeduld sich in mir zu regen. Nichts ist unausstehlicher, als auf den
Fittichen der Sehnsucht herbeizueilen, jeden Augenblick verlangend zu
zählen, und dann auf Geduld verwiesen zu werden, oder, was noch ärger ist,
auf ein Dutzend alte Gesichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate
entbehrt haben, und denen wir nun recht freudestrahlend in die Augen sehen
und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen müssen, wie sehr es uns
freue, sie zu sehen, und wie das Wetter so schön sei. Doch es läßt sich
nicht vermeiden, und so beginnen wir denn ganz gemächlich unsere Tour in
der Runde, zuerst bei den Damen, wie es sich von selbst versteht, und dann
bei den Herren, in echter Yankeemanier. Ich hatte so das zehnte Individuum
abgefertigt, als Richards auf einmal meine Hand erfaßte und mich einem
ältlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des _drawing room_ stand.
Unglücklicher Weise war die Ceremonie des Aufführens so schnell vor sich
gegangen, daß ich den Namen der werthen Personnage ganz überhört hatte. Er
war sehr erfreut, lautete seine Formula, die Bekanntschaft eines Mannes zu
machen, von dem seine Freunde so viel Rühmliches erwähnt.
Ich verbeugte mich pflichtschuldigst; meine Verbeugung mußte aber sehr
steif ausgefallen sein. Ich sah mich nach Richards um; er war verschwunden.
Ich blickte den Gentleman an, er mich, und so verwirrt war ich, daß ich
kein Wort finden konnte. Ich weiß nicht, was es war, das mir jedes Wort an
die Zunge kleben machte; so verwünscht steif und starr und stattlich und
abgemessen stand er vor mir; ein spanischer Grande war ein französischer
Tanzmeister im Vergleiche. Und diese ernsten, trockenen, scharfen
Gesichtszüge, diese spitze Nase, mit den blauen, tiefliegenden, starr
fixirenden Augen, -- sie scheinen ins Innerste zu bohren. Es lag etwas
Gutmüthiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Yankee der
alten Schule, ganz wie er leibt und lebt. -- Ich muß recht erbärmlich vor
ihm gestanden sein, da ich, statt Antwort zu geben, sein ganzes Gestelle
abmaß, als wollte ich ihn aufnehmen, -- auf seine gepuderten Haare, den
Haarzopf, die seidenen kurzen Unterbeinkleider herabsah, die Schuhe mit den
goldenen Schnallen musterte, und mir doch kein Sterbenswörtchen einfiel.
Ich wollte bereits um Vergebung bitten, seinen Namen überhört zu haben, als
Ralph Doughby seine Hand auf meine Schulter legte. Beinahe hätte ich es ihm
Dank gewußt, so wenig ich übrigens den gar zu derben Schwenkflügel leiden
mochte. Ehe ich mich umsah, hatte der Mann seine Verbeugung gemacht, und
mich, den Tropf, so mußte er nothwendig denken, stehen gelassen. So geht
es acht und zwanzigjährigen Hagestolzen, die auf die Mädchenschau ausgehen.
Ich hatte ein wenig Mühe, den Hasenfuß, ich meine Doughby, aus seinem
zwölf Zoll hohen Halskragen und dem Carterschen Fracke und Pantalons
herauszufinden, mit denen er sich während seiner Newyork-Tour ausgerüstet.
Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewöhnlich fangen sie mit
achtzehn bei uns an, und enden mit vier und zwanzig. Wer hätte aber das
an unserm Doughby vermuthen sollen, als er noch vor zwei Jahren steif
und bedächtlich mit der Peitsche hinter seinen armen Negern einhertrabte?
selbst einen Aufseher zu halten, war er zu knauserig. Und nun ist er einer
unserer Fashionables in echter Ober-Missisippi-Manier, der seine zehn
Gläser Sling oder halb so viele Bouteillen Chambertin aussticht, sein
Ecarté mit Grazie bis Mitternacht spielt, und mit derselben Grazie einen
Wollkopf zu Boden schlägt. Es scheint, er hat sich recht methodisch zum
Lebemann vorbereitet, und physische und moralische Kräfte gesammelt,
und nun gilt er für einen unsers Gleichen; denn er hatte die Klugheit,
zusammenzuhalten, bis seine Batzen vollzählig waren. Ich möchte nur wissen,
ob er auch gekommen ist, Emilie Lebewohl zu sagen. Sollte sie an seiner
Bekanntschaft während ihres Hierseins Geschmack gefunden haben? Das wäre
gerade keine besondere Empfehlung für ihren Sagacitätssinn. Es muß etwas
dergleichen sein; der gute Ralph ist wie zu Hause.
Der Gedanke fing an mich allmälig zu drücken, während ich meinem Nachbar,
der jedoch glücklicher Weise hundertfünfzig Meilen von mir wohnt, über
seine vortheilhafte Metamorphose mein Kompliment machte. Und der
Ignoramus nimmt es für baare Münze, und wirft sich auf, und geruht beinahe
protegirend zu werden. Gott sei Dank, er geht; doch was nachkömmt, ist
nicht besser. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte Gouverneurs-
und Präsidentenwahl die Rechnung verdorben hat. Die guten Leute sind steif
der Meinung, daß unsers Louisianas Ehre dahin ist, wenn nicht einer aus
ihnen das Ruder führt. Auf die armen Creolen sind sie schlimm zu sprechen.
Ich war eben daran, meine nagelneuen politischen Entdeckungen den Herren
zum Besten zu geben, als plötzlich die Flügelthüren sich öffneten, und
ein Zug von Damen hereinschwirrte. Zuerst eine unbekannte Gestalt am Arme
Claras, dann Mistreß Houston und Compagnie. Doch diese Unbekannte, sie ist
zweifelsohne Emilie; was will aber dieser Doughby bei ihr? Er poltert auf
sie zu, als ob sie bereits die Seinige wäre. Und sie? Wahrlich, ich weiß
nicht, wie mir wird. Ist es Ueberraschung, oder Eifersucht auf Doughby;
aber es wird mir grün und gelb vor den Augen. Sie verbeugt sich zur
Gesellschaft und spricht mit dem steifen Gentleman; jetzt wendet sie sich
zu mir. Mein Gott! Mistreß Houston steht diese halbe Minute vor mir und
erkundigt sich nach meinem Befinden; ich starre auf Emilien, und, was
schlimmer ist, brumme der Dame in ihrem eigenen Hause zu: »Ich bin sehr
erfreut, Sie zu sehen.« Wohl, wenn die nicht den Staar hat, dann wird es
saubere Geschichten geben; denn auf die Zungenspitze dieser personificirten
_chronique scandaleuse_ zu gerathen, und die Tour unserer zwölfhundert
Zeitungen zu machen, ist eins und dasselbe. Und noch dazu schiebe ich
sie höflichst auf die Seite, um mir nicht die Aussicht auf Emilien zu
verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuschwebt. Ja wohl schwebt sie;
ihr Schritt ist so leicht, beinahe tanzend, und doch so fest und bestimmt.
Keine Ziererei, nicht der mindeste Zwang in ihren Bewegungen, die zarteste
Lebendigkeit und doch die bescheidenste Grazie. Ihr Wuchs ist etwas über
die Mittelgröße, die Gestalt ein Modell der Symmetrie, so schlank und
doch so abgerundet, so elastisch und so ätherisch. Und diese prachtvollen,
tiefblauen Augen, die einen mit solch wunderbarlichem Vertrauen anblicken,
gleichsam als wollten sie sagen: ich weiß, du bist mir gut. Diese Augen,
die so zuversichtlich und doch wieder so prüfend auf Einem ruhen, gerade
lang genug, um ihn zu überzeugen, daß er eines längern Blickes würdig
erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflößen;
der wahrhaft mädchenhafte, reine Ausdruck dieser Augen, der von dem
bezauberndsten Glanz so unmerklich in sinnenden Ernst verschmilzt --
ich werde sie nie vergessen. Und dieser Teint so rein, die Rosen auf
Liliengrunde. Es ist das frischeste, lieblichste, verständigste Gesicht,
das mir je vorgekommen ist. Ja, sie ist wirklich ein reizendes Mädchen; nie
sah ich ein so offenes und wieder so intellektuelles Wesen. Das Gesicht ist
eines Lebensstudiums werth. -- Sie spricht mit Richards und seiner Frau,
ihre Hände in die ihrigen verschlungen. Wir haben lange und verlangend auf
Sie, Harry, gewartet, lispelte sie, während ihre Augen in sinnendem Ernste
auf ihn gerichtet waren.
Ich hoffe, ich bin nicht zu spät gekommen, erwiederte Richards.
Sie gab keine Antwort; aber diese funkelnden Augen schienen feucht zu
werden, sie schienen zu sagen: ja wohl zu spät.
Wenn ich zu spät gekommen, dann bist du Schuld daran, sprach Richards, sich
zu mir wendend.
Ich war einem Träumenden gleich da gestanden. Ich hörte nicht, ich sah
nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium.
George ist wieder einmal in seinen Träumen, sprach Richards, meine Hand mit
seiner Linken ergreifend und mich näher zu dem Kreise ziehend. Ich blickte
auf; sie stand vor mir im unaussprechlichen Reize.