ich war im Wälschkornfelde den Leuten nachzusehen, die Kolben einsammelten.
Ich blieb ziemlich lange bei den Leuten; die Sonne wies bereits auf eilf;
der Morgen war aber so schön, wie er je auf das Missisippithal geschienen,
und ihr wißt, die Leute arbeiten nicht gern, wenn sie es anders können,
und so blieb ich denn. Dachte dann, mußt wohl nach Hause gehen und das
Mittagsmahl für die Leute kochen, und so ging ich denn. Ich weiß nicht;
aber als ich so durchs Feld dem Hause zuging, war es mir, als ob mir's
plötzlich zuriefe: Laufe was du kannst! und ich lief was ich konnte. Etwas
kam über mich, etwas, gleich einer Angst, einer Furcht. Ich rannte so
schnell ich konnte. Als ich zum Hause kam, sah ich Cesi[68], unsern
schwarzen Buben, auf der Haussteige sitzen und allein spielen. Ich hatte
aber noch immer keinen Gedanken an das, was kommen sollte. Ich ging ins
Haus und in die Küche, ohne etwas Arges zu gedenken. Als ich mich so umsah
um Kessel und Pfannen, fiel mir mein Dougl[69] ein. Ich ließ die Pfanne
stehen und lief zur Thüre; da kam mir Cesi entgegen. »Missi!« sagte er,
»Dougl ist weg.« »Dougl ist weg?« sagte ich, »wohin ist er denn, Cesi?«
»Weiß nicht,« sagte Cesi; »er ist mit einem Manne weg, der auf einem Pferde
gekommen.« »Mit einem Manne, der auf einem Pferde gekommen?« sagte ich. »Um
Gotteswillen, wohin kann er denn gegangen sein? Was ist denn das?« »Weiß
nicht,« sagte Cesi. »Und mit wem ist er denn gegangen, Cesi?« sagte ich.
»Ging er freiwillig?« »Nein, er ging nicht freiwillig,« sagte Cesi; »aber
der Mann sprang von seinem Pferde, hob Dougl zuerst darauf, setzte sich
dann hinter ihn und ritt weg.« »Ritt weg?« sagte ich, »und du kennst den
Mann nicht?« »Nein, Missi!« sagte Cesi. »Erinnere dich, Cesi!« schrie ich,
»um Gotteswillen, erinnere dich, kennst du den Mann nicht?« »Nein,« sagte
Cesi, »ich kenne ihn nicht.« »Hast du nicht aufgemerkt, wie er aussah,
Cesi?« sagte ich; »war er schwarz oder weiß?« »Ich weiß nicht,« sagte Cesi.
»Hast du ihm nicht ins Gesicht gesehen, Cesi?« fragte ich. »Er hatte ein
rothes Flanellhemd vor'm Gesicht,« weinte Cesi. »Weißt du denn nicht, wie
der Mann aussah, lieber Cesi?« »Er hatte einen Rock und ein Pferd,« sagte
Cesi. »Weißt du nicht den Namen des Mannes, Cesi? -- war es Nachbar Symmes,
oder Banks, oder Medling, oder Barns?« -- »Nein,« weinte Cesi.
[68]: =Cesi=, Diminutiv von Cäsar, ein gewöhnlicher Name von
Sklaven und Pferden.
[69]: =Dougl=, Diminutiv von Douglas.
Gerechter Gott! schrie ich, was ist das? Was ist aus meinem armen Kinde
geworden! Ich lief vorwärts, ich lief zurück; ich lief in den Busch, ich
lief auf die Felder; ich schaute, ich rief. Je länger ich rief, desto
größer wurde meine Angst. Zuletzt rannte ich zu den Leuten und holte die
Mutter des Cesi. Ihr, dachte ich, wird er es vielleicht sagen, was aus
meinem Kinde geworden. Sie lief herein mit mir; sie fragte den Buben, wie
der Mann aussah. Sie versprach ihm Pfefferkuchen, neue Hosen, eine neue
Jacke, Alles in der Welt -- der Bube weinte, konnte aber nichts mehr sagen.
Dann kam Mister Clarke. So weit das Weib.
Als ich hereinkam, fuhr der Mann fort, war der Schrecken des Weibes so
groß, daß mir auf der Stelle einleuchtete, daß es ein Unglück gegeben. Aber
an so etwas hätte ich in meinem Leben nicht gedacht. Als sie mir das Ganze
erzählt, sagte ich ihr, um sie zu trösten, daß irgend einer unserer Freunde
oder Nachbarn den Buben mit sich genommen; aber ich selbst glaubte es
nicht; denn welcher meiner Nachbarn würde sich eine so dumme Freiheit mit
meinem einzigen Kinde wohl erlaubt haben? Ich würde ihm wahrlich nicht
gedankt haben für ein solch einfältiges Wesen. Ich nahm Cesi noch einmal
vor, und fragte ihn, wie der Mann aussah; ob er einen blauen oder schwarzen
Rock angehabt? er sagte einen blauen; wie sein Pferd ausgesehen? braun,
sagte der Bube; welchen Weg er genommen? diesen Weg, sagte der Bube, und
deutete auf den großen Sumpf. -- Ich sandte sogleich alle meine Neger,
Männer, Weiber und Mädchen, rings herum zu meinen Nachbarn, um meinen Buben
aufzusuchen, und ihnen zu sagen, was vorgefallen. Ich selbst nahm den Weg
längs dem Pfade, auf welchem ich wirklich Pferdehufspuren fand. Ich folgte
der Spur bis zur Bayou; dort verlor ich sie. Der Mann war mit seinem Gaule
und meinem Kinde in ein Boot gegangen, hat vielleicht über den Missisippi
gesetzt, ist vielleicht längs dem jenseitigen Ufer hinabgegangen -- wo er
gelandet, weiß Gott. Er mag vielleicht zehn, zwanzig, vielleicht funfzig,
hundert Meilen unterhalb ans Land gegangen sein. Meine Angst wurde
schrecklich; ich ritt auf Hopefield zu. Nichts war da von meinem Kinde
gesehen oder gehört worden; alle Männer aber setzten sich auf ihre Gäule,
um mir mein Söhnchen suchen zu helfen. Alle meine Nachbarn kamen, und wir
suchten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Nichts, nichts hatten wir
gefunden. Niemand hatte meinen Buben gesehen, Niemand den Mann, der ihn
weggeführt. Wir stöberten den Wald dreißig Meilen im Umkreise meines Hauses
durch, setzten über den Missisippi, gingen hinauf bis nach Memphis und
hinab bis nach Helena und dem Yazoofluß -- nichts war zu sehen oder
zu hören. Wir kamen zurück, wie wir ausgezogen waren: keine Spur, kein
Zeichen. Als ich nach Hause kam, fand ich die Leute aus dem ganzen County
vor meinem Hause. Neuerdings zogen wir aus, neuerdings durchsuchten wir den
Wald. Ich hatte nicht Rast, noch Ruhe. Jeden hohlen Baum untersuchten wir,
jedes Gebüsch; -- Hirsche, Bären und Panther fanden wir in Menge, doch
nicht meinen Buben. Am sechsten Tage meines verzweifelnden Lebens kehrte
ich zurück. Mein Haus war mir zum Schrecken geworden; Alles verdroß mich,
Alles ekelte mich an. Ich war zerfleischt, meine Knochen geschunden, aber
mein Inneres litt tausendmal mehr als mein Leib. Ich war krank an Leib
und Seele und lag im Bette, als am zweiten Tage nach meiner Heimkehr einer
meiner Nachbarn zu mir kam, und mir meldete, daß er so eben in Hopefield
von einem Manne von Muller County gehört, daß ein Fremder auf der Straße
von New-Madrid gesehen worden, der der Beschreibung entspreche, die wir
von dem Räuber meines Sohnes hatten. Der Mann sollte einen blauen Rock und
einen braunen Gaul haben, und auf dem Sattelknopfe einen Knaben. Ich vergaß
meine Krankheit, meine wunden Glieder; ich erhandelte mir sogleich einen
frischen Gaul, ich hatte die meinigen zu Schanden geritten. Ich setzte dem
Manne an demselben Tage nach, ritt Tag und Nacht, ritt dreihundert Meilen
bis New-Madrid, und als ich in New-Madrid ankam, so sah ich mit Schmerzen
den Mann und Gaul und das Kind. Es war nicht mein Bube. Es war ein Mann
von New-Madrid, der von einem Besuche in Muller County mit seinem Sohne
zurückgekehrt war. Wie ich heim kam, weiß ich nicht. Nicht weit von
Hopefield fanden mich die Leute und brachten mich nach Hause. Ich war
vierzehn Tage krank, und wußte nicht, was um mich her vorging. Meine
Nachbarn hatten unterdessen die Anzeige von der gräuelvollen That in
die Zeitungen setzen lassen, in alle Zeitungen von Arkansas, Tennessee,
Missisippi, Missouri und Louisiana; ich war mit meinen Freunden Tausende
von Meilen geritten -- Alles vergebens! -- -- Nein! schrie er mit einem
herzzerreißenden Stöhnen, wäre mein Kind mir vom Fieber entrissen, hätte
ihn ein Bär oder Panther zerrissen: es würde mich schmerzen, bitter
schmerzen; es war mein letztes Kind. Aber, barmherziger Gott, gestohlen!
Mein Sohn, mein armes Kind gestohlen! -- Der Mann schrie laut, sprang auf,
rannte in der Stube herum mit gerungenen Händen und wie ein Kind weinend.
Selbst das Weib war nicht so schrecklich vom Schmerze ergriffen.
Wenn ich an die Arbeit gehe, fuhr er schluchzend fort, so steht mein Dougl
vor mir, und meine Hände hängen herab, so steif, so schwer, als wären sie
von Blei. Ich schaue mich um und schaue mich um, aber kein Dougl ist zu
sehen. Wenn ich zu Bette gehe, so stelle ich sein Bett vor's unsrige hin
und rufe ihn -- kein Dougl ist zu sehen. Dougl steht vor mir, ich mag
schlafen oder wachen. Wollte Gott, ich wäre schon todt! Ich habe geflucht
und gelästert, geschworen und gebetet, ich habe geweint und geheult, -- es
ist aber Alles vergebens. --
Ich habe manchen Leidenden gesehen, aber nie sah ich einen, dem
das schmerzlichste Weh sich so tief ins Herz gegraben, wie diesem
Hinterwäldler. Sein Leiden war wirklich gränzenlos. Wir bemühten uns, ihn
zu trösten, ihm Hoffnungen einzuflößen; des Mannes Blick war starr; ich
zweifle, daß er ein einziges unserer Worte vernommen. Uns selbst hatte
Mitleiden mit seinem Zustande mit einer Gewalt ergriffen, die die Worte auf
der Zunge erstickte. Wir brachen bald hernach auf, schüttelten die Hände
des unglücklichen Ehepaares, und versprachen, alles Mögliche beizutragen,
um dieser räthselhaften gräuelvollen That auf die Spur zu kommen, und ihnen
wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen.
* * * * *
Ich hatte oft des armen Vaters gedacht, und in Verbindung mit meinen
Freunden mir alle erdenkliche Mühe gegeben, dieser Abscheulichkeit auf
die Spur zu kommen; alle unsere Bemühungen jedoch waren vergebens. Dieser
Kindesraub zirkulirte in den Zeitungen, wurde das Theegespräch jeder
Familie; Belohnungen waren angeboten, Untersuchungen gemacht, aber auch
nicht die mindeste Spur war entdeckt worden.
Sechs Wochen waren verflossen, als Geschäfte mich nach Natchez riefen,
wo ich an einem heitern Januar-Nachmittage ankam. Ich hatte so eben das
Dampfschiff verlassen, und ging in Begleitung einiger Bekannten von der
untern Stadt den Lehmhügel hinan, der zur obern führt, als ein verworrenes
Getümmel an unsre Ohren schlug. Auf der Höhe angekommen, sahen wir einen
sich immer vermehrenden Volkshaufen vor dem Hause des Friedensrichters
B--r. Wir eilten, zu sehen, was es gebe. Die Menge bestand aus den bessern
Klassen von Natchez, Weibern, Männern, Kindern, aber vorzüglich den
ersteren. Zugleich war in den Gesichtszügen eine Aengstlichkeit zu lesen,
eine Theilnahme, die auffallend mit dem Tumult contrastirte, der sonst bei
solchen Versammlungen zu hören ist. Ich bemerkte Mütter, die ihre Kinder
mit einer instinktartigen Heftigkeit in die Arme preßten, und convulsivisch
ihre Hälse umfingen, gleichsam als befürchteten sie, sie würden ihnen
entrissen. Auf meine Fragen erfuhr ich, daß der Kindesräuber endlich
entdeckt, oder vielmehr, daß ein Mann verhaftet worden, der des an Mister
Clarke von Hopefield County begangenen Kindesraubes sich stark verdächtig
gemacht. Ich war von Herzen über eine Nachricht erfreut, welche endlich
Aufschluß über die so fürchterliche Verletzung der heiligsten Naturrechte
zu geben versprach. Ich drückte mich vorwärts, aber die Frauen hatten eine
so starke Stellung genommen, daß alle meine Bemühungen fruchtlos blieben.
Es war ein allerdings für Frauen wichtiger Criminalfall; aber jedem von uns
mußte die gräßliche Sicherheits- und Eigenthumsverletzung von unendlicher
Wichtigkeit sein. Wir standen so nahe an zwei Stunden; die Menge mehrte
sich, Niemand wich. Alle Fenster waren mit Köpfen vollgepfropft.
Endlich öffnete sich die Thüre, und der Gefangene, in der Mitte von zwei
Constables, hinter ihnen der Sherif, kam aus dem Hause, um in das Gefängniß
abgeführt zu werden.
Das ist er, murmelten die Frauen mit hohler, heiserer Stimme und
bleichen Gesichtern, auf den Mann deutend, als er durch die lebende Gasse
hindurchgeführt wurde, und zugleich hielten sie ihre Kinder fester mit
fieberhaftem Krampfe. Und wahrlich, wenn das äußere Gepräge den innern
Menschen verräth, so mußte dieses der Kindesräuber sein. Es war das
abstoßendste Gesicht, das mir je vorgekommen; eine hündisch verstockte,
stumpfsinnige, heimtückische Physiognomie, mit einem teuflisch-finstern
hohnlachenden Ausdrucke. Man hielt unwillkürlich den Athem an, indem man in
dieses Gesicht blickte. Seine grauen Augen waren auf die Erde geheftet;
nur zuweilen schoß er einen Blick, in dem die Hölle sich spiegelte, auf
die Anwesenden, wie sie ihre Kinder fest in den Armen hielten. Beim ersten
Anblicke sah man, daß er ein Irländer war. Er war etwas über Mittelgröße,
seine Gesichtsfarbe schmutzig grau, seine Wangen hohl, seine Lippen
ungewöhnlich groß; der ganze Mensch ekelhaft, wild aussehend. Seine
Kleidung bestand aus einem abgetragenen blauen Fracke, eben solchen
Beinkleidern, einem hohen runden schäbichten Hute und sehr zerrissenen
Schuhen. Der Eindruck, den sein Erscheinen hervorbrachte, schien sich in
den erblassenden Gesichtern der Menge zu malen. Alle sahen ihm mit einem
langen, verzweifelnd hoffnungslosen Blicke nach, als er dem Gefängnisse
zuging. »Wenn dieser Mann das Kind gestohlen hat,« murmelten mehrere, »dann
ist es verloren.« Ich eilte nun, den Friedensrichter zu sehen, der mir
folgende Aufschlüsse gab.
Beiläufig vier Wochen nach unserer Excursion in der Grafschaft Hampstead
hatte Mister Clarke ein Schreiben erhalten, das mit dem Namen Thomas Tutti
unterfertigt, und das Postzeichen von Natchez am Couverte hatte. Der Vater
wurde darin benachrichtigt, daß sein Kind am Leben sei, daß Schreiber des
Briefes von seinem Aufenthalte wisse, und daß, wenn er, Mister Clarke,
eine Fünfzig-Dollars-Banknote in seiner Antwort einschließen wolle,
der Verwahrungsort des Kindes ihm angezeigt werden solle. Der Schreiber
verlangte ferner, daß Mistreß Clarke allein, ohne Begleitung, an dem zu
bezeichnenden Orte erscheine, daß sie zweihundert Dollars mehr mit sich
bringe, und daß nach Bezahlung dieser Summe ihr Söhnchen ihr ausgeliefert
werden solle.
Der bejammernswerthe Vater hatte kaum diesen Hoffnungsstrahl erhalten, als
er auf den Rath seiner Freunde und Nachbarn ein Schreiben an den Posthalter
zu Natchez absandte, in welchem dieser von dem Vorgange unterrichtet und
zugleich aufgefordert wurde, die Person anhalten zu lassen, die um die
Antwort anfragen würde. Vier Tage nach Erhalt dieser Aufforderung kam auch
wirklich der oben beschriebene Irländer an das Postbüreau-Fenster, und
erkundigte sich, ob kein Brief unter der Adresse »Thomas Tutti« angekommen
wäre. Während der Posthalter den Mann unter dem Vorwande aufhielt, daß er
unter den Briefen nachsehen wolle, sandte er um den Constable, der, bereits
von dem Falle unterrichtet, sogleich herbeieilte und den Anfrager in
Verwahrung nahm. Es ergab sich bei der Examination, daß er sich einige Zeit
in und um Natchez aufgehalten und bemüht hatte, eine Schule zu errichten.
Da er jedoch keine Auskunft von seinem frühern Thun und Treiben geben
konnte, sein Betragen auch sonst höchst auffallend und verdächtig
erschienen, so war ihm sein Vorhaben nicht gelungen, und die Wenigen, die
ihm ihre Kinder anvertraut, hatten sie bald wieder zurückgenommen. Damals
nannte er sich Thomas Tutti. Nichts desto weniger läugnete er, daß dieses
sein eigentlicher Name sei, oder daß er den Brief abgesandt, der allerdings
von einer geübten, wenn auch nicht schulmeisterlichen Hand geschrieben zu
sein schien. Aus dem Verhöre erhellte es ferner, daß er vollkommen mit den
Pfaden und Wegen zwischen Natchez und Hopefield, und der von letzterem Orte
zu der Wohnung des Vaters führenden Straße, so wie den Bayous, Sümpfen und
Flüssen und ihrer Tiefe und Schiffbarkeit bekannt sei. Es war hinlängliche
Evidenz vorhanden, und er wurde auf das Factum, daß er um die Antwort auf
das Geld erpressende Schreiben angefragt, den Gerichten überantwortet, was
zu gleicher Zeit dem Vater des geraubten Kindes kund gethan wurde.
Nach fünf Tagen kam der unglückliche Vater mit dem Negerknaben. Die ganze
Stadt bezeugte dem tiefgebeugten Vater die innigste Theilnahme. Man schritt
zu einem zweiten Verhör; alle Anwälde waren zugegen und hatten ihre Dienste
unentgeldlich angeboten. Man nahm die früheren Aussagen des Irländers
zur Grundlage der gegen ihn sprechenden Evidenz, und bemühte sich, etwas
Näheres über den Aufenthalt des Knaben aus ihm herauszubringen; aber allen
Fragen setzte er ein hartnäckiges Stillschweigen entgegen. Der Negerknabe
erkannte ihn nicht. Zuletzt gab er zu verstehen, daß bloß die Hoffnung,
Geld vom Vater herauszulocken, ihn zum Schreiben des Briefes vermocht habe.
Kaum war jedoch diese Aussage zu Protokoll genommen, als er sich mit einem
teuflischen Hohnlachen zum Vater wandte und ihm zuflüsterte: Ich will euch
doch noch elender machen, als ihr mich zu machen im Stande seid. Zugleich
bedeutete er ihm, daß er an einem gewissen Orte die Kleider seines Sohnes
finden würde.
Der Vater reiste mit einem der Constables an den bezeichneten Ort, fand
richtig die Kleider, und kehrte nach Natchez zurück. Der Beschuldigte
wurde neuerdings vor die Schranken geführt, und versicherte nach vielen
Widersprüchen, daß das Kind noch am Leben, wenn man ihn aber länger im
Gefängnisse behalten würde, dem Hungertode ausgesetzt sei. -- Nichts in der
Welt konnte ihn bewegen, auch nur eine Sylbe für weitere Aufklärungen von
sich zu geben.
Die Quarter-Sessions waren mittlerweile herangekommen. Eine ungeheure
Menschenmenge hatte sich versammelt. Man hatte Alles aufgeboten;
Verheißungen, Versprechungen von Freiheit, und selbst die ausgesetzte
Belohnung wurde ihm zugesichert -- der Mann schwieg. Es waren
starksprechende Vermuthungen, aber immer noch kein Beweis für seine
Theilnahme am Raube vorhanden. Die aufgeklärtesten Anwälde waren der
Meinung, daß der verzweifelte Mensch, von Noth getrieben, Gelderpressung
durch sein Schreiben beabsichtigte. Für dieses Verbrechen und als Vagant
wurde ihm eine mehrmonatliche Gefängnißstrafe zuerkannt.
Dieser Ausspruch war weit entfernt, den Richtern selbst oder den Anwälden
zu genügen. So milde sind jedoch die Gesetze, die die freien Bürger dieses
Landes sich selbst gegeben, so human der Geist der Auslegung, daß man
auch dem verzweifelten ausländischen Bösewichte nicht ihrer Begünstigung
berauben konnte oder wollte, so sehr sich das Innerste eines Jeden gegen
eine solche Begünstigung empörte. Es war wirklich etwas so Höllisches in
dem finstern Hohnlachen dieses Mannes, die Lust, die er an den Qualen des
Vaters und der Menge zu empfinden schien, so wahrhaft teuflisch, daß man
sich eines kalten Schauders bei seinem Anblicke nicht erwehren konnte. Die
kaltesten Anwälde versicherten, ihre Brust sei beengt, und sie fänden weder
Worte noch Gedanken. Es war mit einem Worte ein allgemeines Gefühl des
Schrecks und Schauders. Die Bewohner von Natchez, besonders der Oberstadt,
sind eine sehr achtbare Klasse von Menschen, mit einem hohen Grade von
politischer und intellectueller Bildung, allein bei dieser Gelegenheit riß
ihre Geduld, und ihr warmes Gefühl verleitete sie zu einer Handlung,
die nur das Scheußliche dieses Verbrechens entschuldigen konnte. Ohne
vorläufige Uebereinkunft versammelten sie sich in der Nacht vom 31. Jänner,
mit dem festen Vorsatze, für dieses Mal die Milde der Gesetze hintan zu
setzen und einen wirksamern Versuch mit dem Gefangenen zu machen. Einige
der angesehensten Einwohner nahmen ihn aus seiner Zelle, während mehrere
starke Neger mit Rindssehnen versehen wurden. Diese nun wurden auf ihn
in Anwendung gebracht. Mit jedem Hiebe schien die Kraft des Schlagenden
zuzunehmen. Eine lange Zeit beobachtete der Gefangene ein hartnäckiges
Stillschweigen; der Schmerz jedoch wurde zu groß, und er versprach ein
volles Bekenntniß.
In einem Hause beiläufig fünfzig Meilen oberhalb Natchez am Missisippi, so
lauteten seine Worte, lebt eine Familie, deren Oberhaupt im Stande ist, den
Verwahrungsort des Knaben anzugeben. -- Der Sherif war natürlicher Weise
während dieser Execution abwesend gewesen und hatte sie ignorirt, ohne
sie zu mißbilligen. Kaum hatte er jedoch die Wirkung dieses illegalen
Einschreitens erfahren, als er noch in der Nacht mit dem Vater nach dem
bezeichneten Orte aufbrach. Er kam daselbst am folgenden Mittage an, fand
eine sehr achtungswerthe Familie von Hinterwäldlern, die wohl von dem
begangenen Raube, aber weiter auch nichts wußten. Die bloße Zumuthung
der Theilnahme an der Gräuelthat schien die ehrlichen Hinterwäldler aufs
tiefste zu verletzen. Der Gefangene hatte, wie es schon so oft geschehen,
wieder sein Spiel mit ihnen getrieben.
Die gespannte, so oft getäuschte Hoffnung hatte den armen Vater aufs
Krankenlager geworfen. Er lag mehrere Tage im Kampfe zwischen Leben
und Tod. Das Publikum war müde, erschöpft; der Schmerz erschlafft. Die
Strafzeit des Gefangenen war mittlerweile verlaufen. Es war während
dieser Zeit Alles aufgeboten worden, den Bösewicht zu einer Mittheilung zu
bewegen; nichts als stumpfsinniges Hohnlachen war die Antwort gewesen. Man
konnte ihn nicht länger festhalten, und in Bezug auf den Kindesraub wurde
er auf das _Noli prosequi_ freigelassen. Dem Vater war gerathen worden,
sich, wo möglich, noch einmal mit ihm ins Vernehmen zu setzen. -- Beide
Eltern warfen sich dem Ungeheuer zu Füßen, der verstockt sein Auge
wegwandte, und höhnisch dem Vater zuflüsterte: Du hast =mich= elend machen
wollen, sei =du= es nun. Der unglückliche Mann sprang auf und bedeutete
dem Entlassenen, daß er ihm folgen müsse. Sie setzten über den Missisippi.
Hinter Concordia angekommen, beschwor der Vater nochmals den Irländer, ihm
um Gotteswillen den Verwahrungsort seines Sohnes zu sagen, ihm drohend,
wenn er es nicht thun würde, sollte er nicht lebend aus seinen Händen
kommen. Der Irländer fragte, wie lange er ihm Zeit geben wolle. Sechs
und dreißig Stunden war die Antwort. Eine Weile ging der Elende neben
den Eltern in tiefen Gedanken versunken, dann, plötzlich auf den Vater
zustürzend, riß er diesem eine Pistole aus dem Gürtel und drückte sie ihm
auf die Stirne ab. Die Waffe versagte; da sprang er auf ein Bayou zu, dem
sie sich genähert hatten, und kaum war er im Wasser, als dieses über
ihn zusammenschlug und er versank. Nach einer Stunde wurde seine Leiche
gefunden. Von dem Söhnchen des unglücklichen Vaters wurde nie wieder etwas
gehört.[70]
[70]: Ueber die so eben angeführte Thatsache, die sich zu Ende
des Jahres 1825 zugetragen, findet man in allen Zeitungen
des Missisippi-Staates ausführliche Berichte. Der Name des
unglücklichen Vaters ist beibehalten.
Zu spät gekommen
oder
Scenen am Missisippi.