verhaßt, es knüpften sich zu schmerzliche Erinnerungen für ihn daran.
Gewohnt, den Tod die kraftstrotzende Jugend hinwegraffen zu sehen,
hatte das Ende der alten Mutter nichts Tragisches für ihn, aber den
Lars konnte er nicht vergessen; der Zorn über seine schmähliche Flucht
war längst verraucht, die Liebe war geblieben. Er verwandelte sich in
seinen Augen immer mehr zum verführten Kinde, von einem bösen Zauber
verführt, dessen teuflische Wirkung er ja selbst an sich verspürt.
Die Spur Hennings und seiner Tochter hatte er nach langem Suchen
glücklich aufgefunden, bis auf den Namen des Schiffes, auf dem sie sich
befanden. Daß Lars bei ihnen war, blieb immer noch Vermutung, nichts
Bestimmtes ließ sich darüber erfahren. Aber Knut schwur darauf. Was auf
der Welt hätte sonst seinen Lars ihm untreu machen können, als diese
Hexe. Ja, das war sie, eine ausgemachte Hexe, wie man sie vor achtzig
Jahren noch verbrannt hatte auf dem Markte zu P....., gerade so eine.
Seit einem Jahre bewohnte er jetzt diesen Raum. Er war doch völlig
ausgebrannt damals, dann war er neu gezimmert worden, und noch immer
roch es seltsam herinnen, wie nach fremdländischen Spezereien, die
einem zu Kopfe steigen und schwüle Bilder erzeugen im Hirn.
Oder war nur der Vogel daran schuld, den er zu sich genommen?
Seltsame Gedanken kamen ihm oft, Erinnerungen an in der Jugend
Gehörtes, Gelesenes. Wenn in ihm der ganze böse Zauber steckte? Klug
war er wie ein Mensch, und wenn er ihn im Dämmerlichte der Stube so
starr anblickte mit seinen roten Augen, sprach wie ein Mensch, dann
ward es ihm ganz unheimlich. Wiederholt hatte er schon seinen Tod
beschlossen, -- er fand nicht den Mut dazu, der Ausgang war immer, daß
er ihn herzte und streichelte, seinen einzigen Freund.
Zum zweiten Male war der Herbst gekommen und kehrten die Fischerboote
aus dem Nordmeere zurück. Knut las mit Eifer die Berichte, die Namen
der Schiffe, der Reeder, von schweren Verlusten an Menschenleben,
Schiffbruch und Verschollenerklärung.
Nichts von der „Halland‟.
Eine stürmische Novembernacht! Dichter, großflockiger Schnee fegte
durch den undurchdringlichen Nebel und verklebte die Fenster. Außen
pfiff und sang es um die Ecken, innen ächzte und stöhnte es durch den
Schacht herauf, knarrten die schwankenden Dielen. Vom Meer her ertönte
das wüste Geheul der Sirenen, dann und wann tauchte ein schwacher
Lichtschimmer auf im brüllenden Chaos. Heute galt es sich bewähren für
den Turm von P.....
Knut scheuerte unermüdlich an den Hohlspiegeln der mächtigen
Laterne, welche, auf einen eisernen Rahmen gestellt, sich
fortwährend gleichmäßig drehten, um das für den Turm vorgeschriebene
intermittierende Licht zu erzeugen. Der ganze Turm schwankte, und das
Uhrwerk, welches die Drehung des Rahmens besorgte, knarrte und ächzte
in allen Fugen.
Er war das blendende Licht schon gewöhnt und die Glühhitze in dem engen
Raum, nur wenn er dann die Wendeltreppe hinabstieg in den Wachtraum,
überkam ihn oft ein Schwindel, und die sonderbarsten Sinnestäuschungen
äfften ihn augenblicks.
Jetzt glaubte er Schritte zu vernehmen -- von unten herauf -- auf der
Treppe -- deutlich -- ganz leise Tritte, -- als ob man so etwas hören
könnte in dem Unwetter, in dem Gestöhn und Geknarr ringsum. Er horchte
gegen die Fallthür hinab. Wer sollte denn kommen in dem Wetter?
Da kreischte Babe auf -- Knut kannte seine Sprache --, doch das waren
ihm fremde Laute, nicht Zorn, nicht Freude, nicht Sehnsucht, -- dann
wieder die Stille --
Er riß die Fallthür auf, die Lichtfülle von oben stürzte herab in
den Raum, er mußte sich an das Geländer halten -- das war ein neues
Phantom, das sich ihm zeigte, ein riesiger Schatten, der sich an der
Decke brach, ein menschlicher Schatten.
„Wer da?‟ rief er rauh, von einer fremden Angst gepackt.
Ein unterdrücktes Weinen drang herauf, -- der Schatten bewegte sich
vor. Plötzlich flog Babe kreischend vorüber. „Larrrs! Larrrs!‟ Dann
folgte das eigentümliche Kollern, der Ausdruck der höchsten Freude.
„Wer da?‟
Knut stieg hastig herab. Er hatte nicht mehr Zeit, die Fallthüre zu
schließen, den Arm zu dem Zwecke erhoben, blieb er wie gebannt stehen.
Vor dem Eingange zum Wachtraum stand ein Weib, Schneeflocken hingen
in dem schwarzen Haar, auf dem wollig bunten Shawl, in dem sie einen
Gegenstand gehüllt trug; auf der Schulter des Weibes aber saß Babe, der
Kakadu, mit den Flügeln schlagend, sein „Larrrs!‟ kreischend.
Es war Knut, als ob die Stufe unter der Schwere seines Körpers wankte,
der ganze Turm.
„Nizam!‟ Er wagte sich nicht heraus mit dem Namen, flüsterte ihn nur.
Die Gestalt nickte mit dem Haupte. Da stand er schon vor ihr, die Arme
ausgestreckt, ihr Antlitz durchforschend, -- es war fahl und gelb,
tiefe Furchen zogen sich darin hin, nur die Augen leuchteten wie einst,
und das Haar erfüllte mit seltsamem Duft den Raum.
„Nizam!‟
Nochmals nickte sie mit dem Kopfe.
„Und Lars? Wo ist Lars?‟ Knut fragte drohend, Rechenschaft fordernd.
Da löste das Weib das Tuch, -- blondes Gelock leuchtete im grellen
Lichte, das herabfiel durch die Fallthür, ein Kinderantlitz wandte sich
geblendet, die Fäustchen vor die Augen drückend.
„Sein Kind? Meines Lars?‟ Knut beugte sich über das holde Wunder, er
vergaß einen Augenblick das Weib vor ihm, den Bruder. „Und er -- er
ist tot?‟ fragte er dann plötzlich mit unsicherer Stimme. „Was ist mit
Lars? Sprich! Was habt ihr gemacht mit meinem Lars? Tot?‟
„Wer spricht von tot? Ich komme, ihn zu erwarten -- er muß ja
wiederkommen.‟
„Erwarten? Wiederkommen? Hat er dich zum Teufel gejagt, oder bist du
ihm davongelaufen? Bringt dich die Not hierher?‟
Nizam nickte mit dem Kopfe. „Die Not! Nichts sonst, verlasse dich
darauf, der Kleine hier, -- mein Knut!‟ Das Weib sank in die Knie und
drückte schluchzend das Kind an sich.
Knut preßte die Fäuste zusammen. „Knut heißt er? Wirklich Knut? Und
Lars -- Lars hat ihn so genannt? Ich bin ganz wirr -- du mußt schon --
komm, Nizam, -- bei dem Wetter mit dem armen Kind?‟ Er hob mit bebenden
Händen das Weib vom Boden auf und führte es zu dem Sitz am Herde.
„Jetzt erzähl' mir von Lars! Er lebt ja -- sagst du, -- der Lars --‟
Und Nizam erzählte von Lars, während der kleine Knut, von der
behaglichen Wärme gelockt, aus der mütterlichen Hülle kroch und mit
Babe sein Spiel trieb. Sie erzählte von der letzten Stunde, die sie
mit Lars verlebt, wie er noch an die Mutter gedacht, und des Bruders,
wie das Heimweh ihn beschlichen, von ihrem qualvollen Warten, von dem
Kapitän, der taub gegen ihre Bitten, der sie eingeschlossen wie eine
Wahnsinnige, von den furchtbaren Wochen, die nun folgten, verlassen,
hilflos unter den rohen, lüsternen Männern, bedrängt von dem Kapitän,
der sie als seine willkommene Beute betrachtete, -- und sie immer
festen Glaubens an Lars' Rettung. Die „Halland‟ selbst litt schwer
Schaden im Sturme, nach Monaten liefen sie erst in einem kleinen Hafen
Norwegens ein.
Da stand sie nun, entweder die Beute des verhaßten Mannes, oder des
Elendes! Sie wählte das letztere. Der Winter stand vor der Thür. Sie
verdingte sich als Magd. Im Frühjahr genas sie eines Knaben.
Jetzt mußte er ja zurückkehren, der Lars, oft kam es vor, daß das Eis
verirrte Fischer den Winter über zurückhält, -- aber er kam nicht, nur
die Not kam, die bitterste Not! Niemand wußte etwas von Lars und dem
Vater in dem Bureau der Reederei, zu welcher die „Halland‟ gehörte.
Im Sommer ging es. Sie arbeitete auf dem Felde, um den Kleinen zu
ernähren. Lars kam immer noch nicht, -- aber der Winter kam. Sie fühlte
sich krank und schwach, jetzt galt es das Leben des kleinen Knut.
Es gab nur zwei Wege -- zurück zu dem Kapitän der „Halland‟, er wird
ihr nicht die Thür weisen, was er auch begehrt dafür, -- es gilt das
Leben ihres Kindes, -- oder zu dem Bruder des Lars nach P.....
„Du siehst, wie ich gewählt, jetzt verstoße mich, liefere mich dem
Gerichte aus, was du willst, nur den Kleinen nimm auf, das Kind deines
Lars.‟
Knut verlor keinen Blick von Nizam. Sie erschien ihm jetzt wieder
so blühend wie damals, als er sie zum ersten Male sah im Hause der
Mutter, nur das Hexenhafte war völlig verschwunden, der sündhafte heiße
Blick, der sein Blut damals sieden machte; es war nur noch Mitleid,
liebevolles Mitleid, das er für sie empfand.
„Und du hoffst noch immer auf seine Wiederkehr?‟ fragte er.
„Ich muß hoffen, wenn ich leben will.‟
„Obwohl das zweite Jahr schon um?‟
„Und wenn das dritte und vierte um, ich werde noch immer hoffen und auf
ihn warten.‟
„Das ist lange, Nizam, drei, vier Jahre warten.‟
„Lange?‟ Nizam sah Knut seltsam forschend an. „O, ich verstehe dich
-- ich will dir nicht zur Last fallen, -- ich will hier nicht warten,
--‟ sie erhob sich jäh, „nicht einen Tag -- nur das Kind, --‟ Thränen
erstickten ihre Stimme, dann färbten sich plötzlich ihre Wangen
dunkelrot, und die Augen leuchteten wie damals, so drohend -- „nein,
auch das Kind nicht!‟ Mit hastigem Griffe nahm sie es auf und schlug
das Manteltuch um die Schultern.
Doch Knut stand vor ihr in seiner ganzen Breite.
„So, meinst du, Nizam?‟ Er lachte zum ersten Male wieder, seit Lars
ihn verlassen. „Und du glaubst, das geht dir so durch, mit deinem
Trotzkopf? Ei natürlich, -- hier habe ich allein zu befehlen, und ich
befehle: dageblieben, Mutter und Kind, -- das heißt, nicht hier, in
einem Raum mit dem Knut, brauchst dich nicht zu ängstigen, -- das --
das möcht' ich selber nicht -- gewiß nicht, -- ginge auch gar nicht,
schon wegen dem Dienst, -- aber drüben auf der Werft -- da kannst du
hausen und warten, -- ich -- ich werde dir nicht oft lästig fallen, ich
verspreche es dir. Was ich noch fragen wollte -- ihr seid doch getraut,
du und der Lars?‟
„Ja, das sind wir, -- zu Bergen war es. Mir wär' es wohl gleich
gewesen, aber der Lars wollte es nicht anders --‟
„Lästere nicht, Nizam, das war gut vom Lars. Jetzt mach' dir's bequem,
dort auf dem Lager. Hier sind Decken und Kissen. Die Suppe steht am
Herd. Ich muß nach oben sehen.‟
„Und wo schläfst du, Knut?‟ fragte Nizam.
Er wich ihrem Blicke aus. „Ich schlafe nicht heut nacht. Das Wetter ist
stürmisch. Kümmere dich nicht um mich.‟ Er verschloß die Thür und stieg
schweren Trittes die Wendeltreppe empor.
Nizam sah ihm starr nach. Wie er doch Lars glich! Die Lichtflut saugte
ihn förmlich auf, die herabdrang zu der geöffneten Fallthür; dann
schloß er sie.
Nizam war allein mit dem Kleinen und Babe.
Die wohlige Wärme des Raumes, die kräftige Suppe, die sie mit dem
Bübchen teilte, das weiche Lager, das ihrer wartete, -- schon lange
fühlte sie sich nicht mehr so behaglich. Eine wohlige Müdigkeit überkam
sie. Der kleine Knut schlummerte so süß, durch die Spalte der Fallthür
brach es wie ein himmlischer Glanz. Auf der Lehne des Stuhles saß Babe,
sie regungslos betrachtend. Sie dachte der kleinen Koje im „Halland‟,
der letzten Worte des Geliebten: „Wenn er nach Norderoog kommt, hat er
Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß dich darauf.‟
„Dann bin ich ihm wieder gut, -- ich war ihm überhaupt nie böse, --
er gleicht dir ja so‟ -- genau so sagte sie --, „und oben ist das
Prunkgemach -- alles Gold und Samt, -- draußen das weite Meer, -- die
weißen Vögel, -- die Wolken. Und Babe bekommt einen goldenen Käfig --
und eine goldene Kette um die Füße -- und eine Goldschnur ins Haar --‟
* * * * *
Neben dem Laternenraum war eine kleine Kammer, in der das Putzzeug
lag, Haufen von Werg, krauses Handwerkszeug. Hier saß Knut, der
Wächter, das Haupt in die Hände vergraben. Sie war das eheliche Weib
seines Bruders, die Mutter seines Kindes, es war seine Pflicht, sie zu
schützen. Wenn das die Mutter erlebt hätte, sie hier im Sühneturm, die
Hexe von Norderoog! Unsinn! -- Hexe! Aberglaube! Spricht der Böse aus
diesen Augen? Und wie zärtlich sie mit dem Kinde ist, mit dem kleinen
Knut, die beste Mutter! Armer Lars, solches Glück verscherzen! Und wenn
er wiederkehrt, wenn er ihm alles geben kann, was er ihm sorgfältig
verwahrt, Weib und Kind! Aber er kehrt nie wieder, nie mehr, das Meer
giebt keinen zurück. Zwei volle Jahre. Nie mehr!
Es litt ihn nicht mehr in dem engen Raume. Im Leuchtraum saugt das
glühende Licht an seinem Gehirn, -- so trat er auf die eiserne Galerie
hinaus in das Freie. Da fiel ihn der Sturm an, wie ein Feind, und der
feuchte Schnee umwirbelte seine heiße Stirne -- draußen brüllte das
Meer in der schwarzen Leere, und im Lichtkegel des Turmes bäumten sich
weißleuchtende Fabeltiere, sich gegenseitig verschlingend, -- dann und
wann tönte der Klagelaut einer Sirene, oder das Tuten eines verirrten
Fischers, -- das stärkte seine arme irre Seele.
VI
Mit banger Scheu sah man wieder Licht brennen die langen Winterabende
in Götreks Werft, wußte man doch, wer dort hauste, die _Hexe von
Norderoog_, wie sie der Volksmund längst getauft.
Sie hatte den armen Lars, der noch in aller Erinnerung war,
fortgelockt, weiß Gott wohin, kein Mensch sah ihn je wieder, und jetzt
war sie wiedergekommen, wohl um ein neues Opfer zu holen. Schon hatte
sie ihre Schlingen von neuem gelegt, und man wußte auch, wem sie
galten. Gerade auf die Götreks hatte sie es abgesehen. Die Schneespur
zwischen der Werft und dem Leuchtturm war immer wieder aufgefrischt.
Ist ja doch ihr Schwager, und der Junge seines Bruders Sohn, meinten
die Wohlgesinnten.
Saubere Schwägerin, sauberer Bruders Sohn, die andern, kann man sich
vorstellen, was das für eine Ehe gewesen ist. Schämen soll er sich, der
Knut, der doch der eifrigste Gegner der Hexe war.
Knut kannte die Stimmung. Er wäre am liebsten alle Tage den Weg
gegangen, aus Trotz, aus Zorn über die Bosheit der Leute, aber er wagte
es selbst nicht, vor sich selbst fürchtete er sich, nicht vor den
anderen.
Das Bild, das er da drüben immer wieder zu sehen bekam, war zu
verführerisch für den einsamen Mann, die Mutter mit dem Kinde. Es hatte
gar nichts Hexenhaftes, im Gegenteil, etwas ganz Himmlisches für ihn.
Dann und wann kam es ihm wohl vor, als blicke aus den schwarzen Augen
die einstmals so gefürchtete Heidin, die Verführerin seines Lars, aber
das war nur seine eigene wilde Begierde, die immer wieder hervorbrach,
sein eigenes sündiges Blut, das sich regte.
Nizam und der Knabe waren für ihn das heilige Vermächtnis Lars'. Er
kehrte ja nie mehr zurück, nie mehr, tausendmal sagte er sich das, --
gleichviel, dann konnte er ihm wenigstens drüben einmal Rede stehen.
Nizam schien sich völlig einzugewöhnen. Die Pflege des Kindes nahm sie
ganz in Anspruch, nur immer durchsichtiger wurde das Antlitz, immer
weißer, und die Augen immer größer, brennender. Ein böser Husten quälte
sie, das hatte sie noch von der „Halland‟ her, von den entsetzlichen
Nebelwochen, der ewigen kalten Feuchte, die sie nicht vertragen konnte.
Knut gegenüber verlor sie rasch alle Scheu. Sie behauptete, alle Tage
werde er dem Lars ähnlicher, doch schien diese ständige Erinnerung eher
wohlthätig auf sie zu wirken, als schmerzlich, der Freude nach, die sie
jedesmal äußerte, wenn Knut auf Besuch kam.
Das Gespräch kam immer wieder auf Lars. Knut wußte so viel Neues, der
Stoff ging ihm gar nicht aus, dem sonst so Schweigsamen, und der Kleine
lehrte ihn sogar das Lachen, wenn er auf seinem Schoße spielte.
Zur rechten Zeit schreckte ihn dann irgend eine Bemerkung Nizams, ein
Blick, ein Lächeln, ein eigener jäher Gedanke aus seiner Sicherheit,
und er blieb wieder eine Woche aus. Das waren die schlimmsten Zeiten;
wie die Schwärme der Seevögel im Frühjahr den Turm, so umschwärmten ihn
die Gedanken.
Wenn Lars wirklich nicht mehr kam -- und es war gewiß, daß er nicht
mehr kam, -- was soll dann werden mit Nizam? Ihm selbst konnte auch
einmal etwas zustoßen, beim Fischfang, beim Rettungswerk, -- überhaupt,
es geht oft sonderbar, der Tod lauert überall auf einen. Dann war sie
der Bosheit, dem Vorurteil der Leute ausgesetzt, die sie haßten, die
sie keinen Tag mehr dulden würden auf der Insel.
War es nicht seine Pflicht als Bruder, vorzusorgen, -- trat er nicht
Rechtens Lars' Erbschaft an, und das Beste, das Teuerste, was er
besaß, sollte er dem Zufall preisgeben? Wer hatte denn mehr Recht auf
Nizam, als er? Etwa der Kapitän, der sie verfolgt mit seinen lüsternen
Anträgen, den sie haßte, verabscheute, -- oder irgend ein anderer? Ja,
hatte denn Lars allein das Recht, sie zu lieben, zu besitzen? Solange
er lebte, wohl, -- aber der Tote hat doch kein Recht mehr auf das
Leben, -- und er war ein Toter, so gewiß, als in ihm tausendfältig
neues Leben sich regte.
Seit wann ist es Sitte, daß junge Frauen ewig Witwen bleiben? Er kannte
zwei Familien, in denen die Brüder die Witwen des verunglückten
Bruders heirateten; allgemein wurde die Heirat nur gebilligt.
Warum für ihn und Nizam ein anderes Maß? Aber wenn Lars doch noch
lebte? Alles schon dagewesen -- die unglaublichsten Fälle, -- nun, dann
wartet man noch das Frühjahr ab, den Sommer, -- also das dritte Jahr.
Weiter kam er nicht, dann faßte ihn das Grauen, -- ehrlich gesagt, man
wartet auf die Gewißheit seines Todes, -- man hofft sicher darauf,
man zittert, daß es anders kommen könnte. Er zittert, der Bruder!
Furchtbarer Frevel!
So verging der Winter in schwerer Herzensnot, und das Frühjahr kam,
ein rauhes, wildes Frühjahr, wie die Nordsee es liebt, mit Sturm und
Hochflut und wochenlangen Regenschauern.
Nizam war bettlägerig, noch nie fühlte sie sich so schwach. Ein
krankhaftes Sehnen überkam sie, fort, nur fort, der Sonne zu, dem
Licht, der Wärme, förmliche Hallucinationen stellten sich ein, von
blumigen Wiesen, blauem Himmel, von kühlenden Gewittern nach schwülen
Nächten.
Knut hörte ihr oft besorgt zu. Sie war ernstlich krank, das verstand er
jetzt. Und wenn er neben ihr saß, den kleinen Knut im Schoße, und beide
ihren sonderbaren Erzählungen lauschten von fernen, sonnigen Ländern,
der Mann und das Kind, und wenn sie dann plötzlich seine Hand ergriff
und zärtlich drückte und ihn so flehend ansah, als wollte sie sagen:
Komm und führe uns dahin, -- da frohlockte er in seinem Innern, und er
glaubte, die Sprache zu verstehen. Es handelt sich gar nicht um Sommer,
Licht und Wärme, um ferne Länder, sondern um etwas ganz anderes, --
um Liebe und ein treues Herz, ohne das dieses Wesen gar nicht leben
konnte, danach sehnte sie sich, an dem Mangel daran starb sie noch,
wenn er nicht abhalf, und er könnte abhelfen, wenn er nur den Mut hätte.
Eines Tages aber fand er den Mut.
Nizam war aufgestanden, es war ein seltener Sonnentag; sie saß am
Fenster, badete sich im warmen Licht und blickte so hoffnungsvoll
hinaus in die Weite. Sie schien heute eine besondere Freude zu haben
über sein Kommen, das stärkte ihn.
Wie nur anfangen? Babe schnarrte heute immer sein „Larrrs‟! Das
verwirrte ihn ganz, rief von neuem sein Gewissen wach. Zum Glück kam
ihm der kleine Knut entgegengestrampelt. Er herzte und drückte ihn wie
noch nie.
„Was soll denn aus meinem lieben Jungen werden? Was denn? Ein Seemann?
Ein Soldat? Oder gar ein Studierter? Hast du schon darüber nachgedacht,
Nizam?‟ wandte er sich dann plötzlich an die Frau am Fenster, vom
Scherze plötzlich abspringend.
Nizam seufzte schwer auf. „Was soll ich darüber denken, -- ich! Aber es
hat ja noch Zeit, -- wenn -- wenn --‟ ihre Stimme stockte, „wenn Lars
einmal kommt --,‟ dann brach sie in helles Schluchzen aus.
„Nizam!‟ Knut rief es verdrossen, „das ist nicht recht von dir, das
ist ein Frevel! Jawohl, ein Frevel! Was Gott will, will er, und er
weiß, warum er es will, und der Mensch soll nicht trotzen.‟
„Was will dein Gott?‟ Nizams Antlitz bekam plötzlich einen strengen Zug.
Knut verwirrte ihr Blick. „Gott will -- Gott will nicht, daß man --‟
Knuts Brust hob sich mächtig, dann platzte er heraus: „Gott will, daß
dieser Junge unter eine männliche Zucht komme. Gott will, daß du dich
nicht zu Tode kümmerst, daß du für ihn lebst. Gerade heraus, Gott will
nicht, daß du allein bleibst --‟
„Knut!‟ Nizam sprang von ihrem Sitze auf. „Wer sagt dir, daß ich allein
bin, wer sagt dir das, Knut? Hast du Nachricht? Hast du?‟
„Nichts habe ich, mein Verstand sagt es mir, und noch etwas, mein Herz.
Ja, Nizam, mein Herz -- ich -- ich -- sieh mich doch an, bin ich denn
so weit ab von Lars? Daß ich älter bin, nun ja -- das bin ich, aber
sonst --‟ Knuts Antlitz rötete sich, ein heftiger Sturm erhob sich in
ihm; „er hat dich ja mir weggestohlen, der Lars, ja, das hat, -- so
wahr ich leb', das hat er! Ich hätte dich ja selbst zum Weib genommen.
Tag und Nacht habe ich nichts anderes gedacht, nur der Mut hat mir
gefehlt -- und dann die Eifersucht -- ich sah ja, wie lieb du ihn
hattest, darum schwieg ich, -- aber jetzt -- jetzt -- ich verlange ja
nicht, daß du mich -- wie den Lars, -- das -- das weiß ich schon, das
kommt nur einmal -- aber ich bin ja mit wenig zufrieden -- mit allem,
Nizam -- nur mein Weib sollst du werden --‟
„Und Lars -- Lars ist tot?‟ Nizam war jetzt dicht vor Knut getreten.
Es war eine furchtbare Frage, eine Frage, die Knut in seinem
Innersten erbeben machte und zugleich etwas wie Haß weckte gegen den
unbesiegbaren, immer wieder drohend sich vor ihm erhebenden Toten.
„Ja denn, er ist tot!‟ schrie er auf, „_muß_ längst tot sein. Warum
soll er denn nicht tot sein, wenn er drei Jahre nicht kommt, nichts
hören läßt von sich -- ich wollte ja selbst -- war ja doch mein
Liebling, der Lars aber er ist tot -- und so antworte, Nizam, ich --
ich begehre dich zum Weibe.‟ Knut war erschöpft, er mußte sich setzen.
Nizam schwieg lange, selbst der kleine Knut empfand unbewußt die
heftige Spannung, die den kleinen Raum erfüllte, und blickte mit
offenem Munde auf den gebeugten Mann auf dem Stuhl.
„Willst du nicht warten, Knut,‟ begann plötzlich Nizam, während sie
hinausblickte in den Frühjahrstag, „nur noch zwei Wochen --‟
„Wieder warten!‟ Knut nickte mit dem Kopfe. „Das heißt, du hoffst noch
-- dann -- ja dann allerdings --,‟ er erhob sich mühsam.
„Nein, -- ich hoffe nicht mehr -- hab' Mitleid, Knut.‟ Nizam schwankte,
Knut nahm sie in seine Arme. Sie ließ es ruhig geschehen, er preßte sie
an sich, er küßte sie -- dann riß er sich jäh los.
„Ich warte, Nizam.‟
Nizam sah ihm mit einem sonderbar listigen Lächeln nach, dann setzte
sie sich wieder an das Fenster und starrte in den Frühling hinaus, als
erwarte sie jemand.
* * * * *
Von neuem war der Winter Herr, er stürmte und wetterte seit zwei Wochen
mit dem blöden Zorn der Verzweifelten.
Nizam fühlte sich so matt wie noch nie die Füße versagten ihr den
Dienst. Und Knut kam nicht mehr, volle zwei Wochen. Wenn sie nur den
Termin nicht zu weit gesteckt, wenn er nur nicht zu spät kam. Das
heißt, das war ja eigentlich ihr Gedanke damals, jetzt aber, wo es
galt, kam es über sie wie Sehnsucht nach ihm, vielleicht nicht nach
ihm, nur nach einem Menschen, der sie liebte, nach dem Ebenbild des
Geliebten vielleicht, was wußte sie, sie empfand nur die furchtbare
Stille um sie her, und die Angst schnürte ihr die Kehle zu.
Wenn er jetzt gekommen wäre, zu Füßen wäre sie ihm gefallen, abgebeten
hätte sie ihm alles, aber zu ihm durfte sie nicht, um keinen Preis,
auch wenn sie es vermocht hätte.
Der 14. April war angebrochen. Wenn er gar nicht mehr käme, wenn er
jede Hoffnung aufgegeben hätte, wenn er sich ein Leid angethan?
Qualvolle Angst erfaßte sie. Sie konnte sich heute nicht vom Lager
erheben, so schwach fühlte sie sich, ja oft mußte ihr das Bewußtsein
geschwunden sein, so verworren, so zusammenhanglos fand sie sich oft.
Kam er heute nicht, mußte sie den kleinen Knut um Hilfe senden in die
Nachbarschaft irgendwohin. Wenn man sie auch haßte und fürchtete,
sterben wird man sie doch nicht lassen, sie und das Kind.
Auf dem Bettrande saß Babe, mit bedenklich gedrehtem Kopfe seine Herrin
betrachtend. Ihr Blick war ständig auf die Thür gerichtet. Er mußte
ja kommen! Jetzt war es eine qualvolle Sehnsucht, die sie nach Knut
ergriff.
Das waren Tritte -- trotz dem Heulen des Sturmes, dem Knarren und
Ächzen, hörte sie es deutlich -- schwere Tritte -- seine Tritte. Eine
neue Lebenswelle stieg in ihr auf. Jetzt war sie sein, wenn er kam. Und
sie wird wieder gesund werden -- vergessen -- leben -- leben!
Die Hausthür ging. Warum eilte er nicht mehr?
„Knut! Knut!‟ rief sie, bis der böse Husten ihre Stimme erstickte.