Jeden Augenblick verriet ein klatschender Aufschlag auf dem Deck einen

neuen Fang, eine Zahl wurde gerufen und die blitzende Beute kollerte in

ein schwarzes Loch, das in den unteren Schiffsraum führte. Der dumpfe

Ton eines Beilschlages tönte in gleichmäßigem Takte herauf. Der Fang

war ein außerordentlicher in den letzten Wochen, man mußte auf eine

Wanderherde geraten sein. Die Gelegenheit hieß es ausnützen.

Man fischte Tag und Nacht mit Ablösungen, während man zugleich draußen

in der See lange Leinen mit Legangeln schwimmen hatte, welche leere

Fässer oder lange Stangen auf der Oberfläche hielten. Ein beißender

Geruch erfüllte ringsum die Luft, das Deck war glitschig von Fett und

Blut, der Laderaum füllte sich zusehends. Henning, der Patron, und

Kapitän Hanson machten frohe Gesichter, das Kompagniegeschäft machte

sich. Es war aber auch ein Wunder, wie Henning, doch eigentlich ein

Südseemann seinen früheren Fahrten nach, sich auf das Geschäft da

droben verstand. Das ging alles am Schnürchen, und er selbst arbeitete

mit Beil und Angel und kam seit Monaten nicht aus seiner fettigen

Lederjacke.

Das hätte er auch nicht geglaubt: da heroben im Eismeer sollte er noch

das Glück finden, dem er nachgejagt durch alle Zonen der Erde.

Der junge Mann am Hintersteuer, mit der braunen Wollmütze auf dem

Blondhaar, war der eifrigste der Fischer, er verwendete keinen Blick

von der Angel, versäumte keinen Wurf durch ein Gespräch mit seinen

Nachbarn, automatisch vollzog sich jede Bewegung, sein Geist war

offenbar nicht bei der Sache.

Ein weiblicher Kopf erschien in der Luke, dicht hinter ihm, welche in

den Kajütenraum führte; das offenbar lockige dichte Schwarzhaar war

aufgelöst von der Feuchte, welche alle Winkel durchdrang, und hing in

Strähnen die braunen Wangen herab. Ein purpurnes Tuch umhüllte dicht

die zierliche Gestalt. Die Farbe wirkte grell in dem öden Grau ringsum.

„Lars! Wie lange läßt du uns noch warten?‟ rief eine Stimme, deren

metallener Klang alle Köpfe sich wenden ließ.

Der junge Mann sprang auf, noch einen Fisch auf das Deck schleudernd.

„Hundertundzwanzig!‟ zählte er. „Jetzt komme ich, Nizam, -- ganz heiß

ist mir geworden.‟

„Hu, und mir gefriert das Blut in den Adern. Nimmt es denn noch nicht

bald ein Ende?‟

„Ein Ende? Du bist gut! Wenn es doch ein Jahr kein Ende nähme, -- zwei

Jahre -- hei, das gäbe ein Geld, sechshundertmal einhundertundzwanzig

-- ein Schloß gäbe es, Nizam, wie wir uns oft ausgemalt im Turm zu

P.....‟

„Was hilft mir ein Schloß, wenn ich erfroren bin.‟

„Erfrieren, du?‟ Der junge Mann sprang in die Luke und drückte das Weib

an seine breite Brust. „Wie kannst du denn da erfrieren? Ist's da nicht

schön warm, bei deinem Lars --‟

Nizam lachte, daß die weißen Zähne blitzten. „Da schon, -- da -- aber

wie oft bin ich denn da -- den ganzen Tag nicht --‟

„So, -- und was ist denn mit den anderen ihren Mädchen und Frauen, die

ein halbes Jahr auf solchen Platz warten müssen? Die müßten ja sterben

vor Sehnsucht und Verlassenheit --‟

„Die, Lars, nein, die sterben nicht, -- die frieren auch nicht, --

die sind schon ausgefroren da drinnen. Komm' mir nicht immer mit den

anderen, ich will nichts wissen von den anderen.‟ Nizam warf zornig

den Kopf auf. „Bin ich denn wie die anderen? Küsse mich, Lars, und sage

mir, ob ich bin wie die anderen?‟

Ihre Lippen brannten ihm entgegen, die dunklen Augen waren feucht. Lars

erfaßte der alte Taumel. Sie küßten und flüsterten in dem dunklen Raum,

mitten unter dem feinen Sprühregen, der sich durch die offene Luke auf

sie herabsenkte.

In der engen Kajüte saßen Henning und Hanson, der Kapitän; das Mahl

stand unberührt vor ihnen. Sie rechneten und schrieben Zahlen um Zahlen

auf die rohe Holzplatte des Tisches; ein vom Deckbalken herabhängendes

Öllämpchen beleuchtete die bärtigen Köpfe der Männer.

„So und so viel hundert große Kabeljau, das Hundert zu neun Centner,

und so und so viel Hundert Mittelware zu sechs, -- im Ganzen etwa

hundertundvierzig Tonnen, ein Drittel davon dem Reeder, ein Drittel dem

Kapitän, ein Drittel Henning, das macht ein hübsches Geld aus, -- das

nächste Jahr rüstet man dann selbst ein Schiff aus, steckt das Drittel

des Reeders selbst ein --‟

Die Köpfe wurden immer röter im Eifer der Rechnung.

„Henning, warum haben wir uns nicht früher getroffen?‟ meinte der

Kapitän, „es wäre manches anders gekommen, -- wir wären reiche Kerle

geworden zusammen --‟

„Können wir ja noch werden, Kapitän,‟ erwiderte Henning lauernd, „wer

hindert uns denn daran?‟

„Allerhand!‟ Hanson seufzte schwer auf und trommelte mit den Fingern

auf dem Tische. „Wir hätten uns zusammengethan, -- alle unsere

Interessen verbunden. Das gehört dazu, sage einer, was er wolle --‟

„Na also, Kapitän, los! Thun wir uns zusammen, ich biete die Hand.‟

Henning reichte seine Hand über den Tisch.

Der Kapitän ergriff sie nicht. „Nützt nichts -- gerade heraus -- der

Junge steht dazwischen, den Ihr Euch aufgebunden --‟

„Der Lars?‟

„Ja, der Lars, -- der gehört doch einmal her, -- der dritte aber

will ich nicht sein, mit dem nicht, mit dem Buben. Hat es denn seine

Richtigkeit mit der Heirat? Mir könnt Ihr's ja sagen, -- die Leute

glauben nämlich nicht daran, -- seit wann traut man denn Kinder?‟

Hansons Stirn zog sich in zornige Falten, und der rote buschige

Schnurrbart sträubte sich.

„Das müßt Ihr mit Eurem schwedischen Pastor ausmachen -- bei uns

wär's nicht so leicht gegangen. Wenn er nicht nachgiebt! Mein Gott,

die Nizam, was wußte die davon! Ich habe keine Zeit gehabt, ihr

Religionsstunden zu geben auf dem Schiff. Sie wollt' ihn einfach haben.

Ins Wasser wäre sie mir gegangen, hätt' ich nein gesagt --‟

„Laßt Euch auslachen, -- ins Wasser, die? Wegen dem Burschen? Hättet

Ihr sie nur aufs Schiff gebracht ohne ihn, -- sie wäre nicht ins Wasser

gegangen, ich steh' Euch gut, -- wäre nur der verdammte Pfaffe nicht

gewesen, heut noch, Henning, kriegt' ich sie herum --‟

„Und Ihr hättet sie wirklich --?‟ Ein ärgerliches Erstaunen malte sich

in Hennings Zügen.

„Zu meiner Frau gemacht hätte ich sie, was denn sonst, und alles wär'

in schönster Ordnung.‟

„Verdammt! Kapitän Hanson! Das wäre freilich --‟ Henning preßte die

Faust auf den Tisch und schüttelte den Kopf; „aber wer kann das wissen

--‟

„Das muß man wissen, daß so ein Weib, wie Eure Tochter, zu gut ist für

einen -- wenn man Augen im Kopfe hat. Ich hasse den Tölpel, -- gerade

heraus.‟

Lars trat ein mit Nizam. Über ihr Antlitz war ein Schimmer von Glück

gebreitet, sie lachte über die Zahlen auf dem Tische.

„Warum denn so ernst, Kapitän? Nach einem so glücklichen Tag,

hundertundzwanzig Stück der Lars allein! Noch nicht lachen?‟

Nizam zupfte mit den kleinen Händen an den struppigen Rotbart. „So,

jetzt sind Sie viel schöner, -- wenn Sie erst keinen Bart hätten, --

Lars darf nie einen Bart tragen. Leidet's denn Ihre Frau?‟

„Ich habe Ihnen schon oft gesagt, ich habe keine Frau.‟

„Nun ja doch, -- Frau!‟ Nizam lachte sonderbar. „Ich kann ihn auch

nicht ausstehen, den Namen, -- also Ihre Freundin! Nicht wahr, Lars,

ich bin auch nicht deine Frau, sondern deine Freundin --‟

„Sprich nicht so frevelhaft, du bist meine Frau vor Gott und der Welt,

jawohl, Herr Kapitän, in Bergen war die Trauung, Birger hieß der Pastor

--‟

„Was kümmert mich der Pastor, -- ich bin doch deine Freundin. Das

klingt viel schöner, nicht wahr, Kapitän?‟

„Viel schöner, finde ich auch. -- Frau! Da läuft's mir ganz kalt über

den Rücken, man sieht ein altes Gesicht und eine große Haube und hört

zanken und streiten --‟

„Und ich muß immer an P..... denken, an das Predigerhaus, wenn sie

beisammensaßen mit ihren steifen, blassen Gesichtern. -- Hu, mich

friert!‟

„Aber das ist ja sehr einfach, lassen Sie ihm die Frau, wenn er's

nicht anders thut, die Freundin ist dann frei für mich.‟ Hanson lachte

lärmend.

Nizam warf ihm einen schelmischen Blick zu.

„Einverstanden, Herr Götrek?‟

Ein heftiger Stoß erschütterte das Schiff, das sich ächzend auf die

Seite legte.

„Das Wetter ändert sich,‟ ergriff Lars die Gelegenheit, ein Gespräch

abzubrechen, das eine ihm peinliche Wendung nahm, und zur Bestätigung

pfiff und knarrte es oben im Takelwerk, ein schwerer Gegenstand kam auf

Deck ins Rollen.

Der Kapitän entfernte sich eilig; gleich darauf hörte man oben seine

gellende Stimme, die Befehle austeilte.

Man befand sich in nächster Nähe der Fär-Oer-Inseln mit ihren Klippen

und Bänken, da war nicht zu spaßen.

„Du mußt dich besser zum Kapitän halten,‟ begann plötzlich der alte

Henning, „ich hab' meine Gründe. Wenn er einmal einen Spaß macht, nicht

gleich oben hinaus. Seeleute nehmen es nicht so genau, und am Ende

gehört ein junges Weib einmal nicht an Bord --‟

„Wenn es aber einmal an Bord ist, hat er es in Ruhe zu lassen,‟

erwiderte Lars zorngerötet, „sonst kann er was erleben. Eine Frechheit,

seine Freundin! Wie konntest du dazu lachen, Nizam?‟

„Spaß machen darf man doch noch. Soll er mich hassen? Warum denn?‟

„Ganz recht hat sie,‟ bemerkte Henning, mit einem gehässigen Blick

auf Lars. „Der Kapitän ist ein Ehrenmann. Hätten wir ihn nur früher

kennen gelernt, -- alles wäre anders gekommen, wir hätten P..... nicht

gesehen, das Unglücksnest --‟

„Das heißt, Ihr hättet Euer Kind verkauft um so und so viel Tonnen. Und

was hättest du gesagt, Nizam?‟ Lars warf einen fragenden Blick auf sein

Weib. „Die Sache mit dem Pastor in Bergen soll kein Hindernis sein

--,‟ setzte er zögernd hinzu.

Da hing sie schon lachend an seinem Hals. „O du großes Kind du, mit

deinem Pastor in Bergen -- und wenn er mir alle Tonnen der Welt bieten

würde, ich nähme ihn nicht, mit und ohne Pastor. Seid ihr's jetzt

zufrieden alle zwei? Dann seid wieder gut. Gieb dem Vater die Hand,

Lars.‟

Henning ergriff sie nicht, mürrisch wandte er sich ab, er müsse nach

dem Wetter sehen.

Lars hatte Ablösung um zwei Uhr morgens, es war Zeit zum Schlafengehen.

Doch die Reden Hennings beunruhigten ihn. Der Kapitän hatte ein Auge

auf Nizam geworfen, er war reich gegen ihn, Kapitän, -- wenn Nizam

einmal anders dächte, -- und er hatte die alte Mutter verlassen um sie,

-- Knut, den er geliebt. Die Mutter wird sterben vor Kummer, Knut ihn

anklagen. --

Das Heimweh kam über ihn, die Gestalten der Verlassenen füllten den

engen, schwülen Raum zum Ersticken -- er mußte davon sprechen.

„Ich habe die kranke Mutter deinetwegen verlassen, meinen Bruder,

alles! Vergiß das nicht, Nizam! Oft drückt es mich schwer --‟

„Und ich habe meinen Babe verlassen, den lieben, guten Babe, meinen

einzigen Freund, das drückt mich auch schwer --‟

„Schäme dich! Wie kannst du das vergleichen, einen Vogel und eine

Mutter -- einen Bruder --‟

„Wenn der Vogel das Einzige war, was man lieb gehabt?‟ Nizam blickte

starr auf die schwankenden Deckbalken dicht über ihrem Haupte. Lars

sah deutlich eine Thräne glänzen, das Flämmchen der Öllampe spiegelte

sich darin. Sie war doch noch ein größeres Kind wie er. Aller Groll war

verschwunden.

„Beruhige dich,‟ tröstete er. „Knut hat mich jedenfalls gesucht bei

euch und den verlassenen Babe mitgenommen --‟

„Knut! -- Knut haßt mich ja, er wird sich gerächt haben an meinem armen

weißen Freund.‟

Lars lachte. „Mit dem Haß ist es nicht so weit her. Wenn er nach

Norderoog gekommen, hat er Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß

dich darauf.‟

„Wenn er das gethan, -- dann -- dann --‟

„Nun, und was dann?‟

„Dann bin ich ihm wieder gut. Ich war ihm überhaupt nie böse -- er

gleicht dir ja so --‟ Nizam schloß die Augen.

„Dann machen wir ihn zu unserem Thorhüter in unserem Schloß, das wir

auf P..... bauen aus dem alten Turm,‟ flüsterte Lars, seinen Arm

unter Nizams Haupt schiebend. „Und oben -- ganz oben, -- wo das Feuer

brannte, ist das Prunkgemach, alles Gold und Samt, -- draußen das weite

Meer -- die weißen Vögel, die Wolken --‟ Nizam träumte so halb -- „Und

Babe bekommt einen goldenen Käfig, --‟ fuhr Lars flüsternd fort, „und

eine goldene Kette an den Füßen -- und eine Goldschnur im Haar, -- und

die Sonne -- die warme Sonne -- die Blumen, große Blumen --‟

Nizam war eingeschlafen, Lars küßte sie auf die Stirn und löschte das

Lämpchen. Eine rauhe Stimme weckte ihn, ein Pochen -- „Ablösung‟!

Ein fahler Schimmer fiel herein durch die Luke, Nizam schlummerte tief,

ein seliges Lächeln umspielte ihren Mund.

Lars mußte an das Gespräch denken, über dem sie eingeschlafen, an das

Schloß am Meer.

Sorgsam kroch er aus der Koje, um sie nicht zu wecken.

Ein eisiger Wind fegte ihm entgegen, klatschend fiel der Regen auf die

im Leeren rings zerfließenden grauen Gestalten -- die Fischer in Reih'

und Glied; und als er sich die Augen ausrieb, erblickte er, scheinbar

dicht vor dem Schiffe, dunkle, riesige Umrisse -- der „Halland‟ lag in

einer Bucht der Far-Öl-Boro vor Anker.

Von der offenen See drang ein dumpfes Rollen, sogenannte Katzenpfoten

liefen über die grünen Wasser und ließen fahle Lichter darin spielen,

deren Herkunft man sich nicht enträtseln konnte; gegen die schemenhafte

Felsmasse der Küste rückte schweres, tiefhängendes Gewölk durch die

aschfahle Nacht.

Lars wollte mechanisch zur Angel greifen, -- der Kapitän hatte heute

ein anderes Geschäft für ihn. Ein Boot wurde eben freigemacht. Plätze

für die Legangelleinen sollten der Küste entlang gesucht werden. Lars

war zur Bemannung bestimmt. Er war dem Kapitän dankbar für die Wahl.

Das Stillsitzen wäre ihm heute schwer gefallen. So war er der erste im

Boote. Der vierte ließ auf sich warten; da kam Henning auf das Deck.

„Laßt mich mit, Kapitän! Habt mir den Schlaf vertrieben mit Eurem

Gerede gestern.‟

Hanson lachte. „Wenn Ihr wollt, -- Euer Kind ist in guter Hut --‟

Henning sprang in das Boot.

Lars hatte eine unangenehme Empfindung, es war ihm, als müsse er zurück

zu Nizam, -- da ertönte schon der Befehl zur Abfahrt; Henning stemmte

das Ruder gegen die Schiffswand. Lars sah noch das rote Gesicht des

Kapitäns sich über die Reling beugen.

„Gute Fahrt, Henning!‟

Die Gestalt wuchs riesengroß im Nebel, mit ihr das Schiff, ein

spöttisches Lachen wie aus weiter Ferne, -- die „Halland‟ war

verschwunden, das Boot trieb ins Leere.

Lars legte sich mit aller Kraft in die Ruder, da denkt man wenigstens

nicht.

* * * * *

Ein schmerzhafter Schlag gegen die Stirn weckte Nizam. Sie hatte sich

an den gewölbten Deckbalken gestoßen, der in diesem Augenblicke fast

senkrecht stand. Sie selbst lag mit dem Gesicht gegen die runde Luke,

durch die ein verdächtiges Brausen und Gurgeln an ihr Ohr drang. Ein

stoßweises Zerren und Reißen ging durch den ganzen Schiffskörper. Zu

Häupten war die Hölle los, Fässer rollten, Ketten rasselten, geller

Zuruf erscholl.

Nizam war geschmeidig wie ein Aal; rasch war sie in den Kleidern, sogar

das wirre Haar vergaß sie nicht aufzubinden, dann rasch die eiserne

Treppe hinauf und den Kopf herausgesteckt. -- Puh, eine Sturzwelle

überschüttete sie, -- ringsum nichts als Gischt und Schaum, und der

Sturm trommelte in den gerefften Segeln.

„Lars! Gieb doch Antwort, Lars!‟

Da stand der Kapitän vor ihr, der rote Bart triefte von der salzigen

Flut, aus dem wetterharten, derben Antlitz sprach nichts weniger wie

Unbehagen.

„Lars ist verreist, Madame.‟ Er ließ ein wieherndes Lachen vernehmen,

doch Nizam that nicht mit.

„Wo ist Lars?‟ sagte sie in einem Tone, der auch Hanson den Spaß nicht

fortsetzen ließ.

„Nur Geduld, Frauchen! Mit dem Vater ist er fort, die Küste

ausspekulieren. Wird wohl wo unterkriechen bei dem Hundewetter.‟

„Mit dem Vater? Und beide haben Sie fortgeschickt?‟ Nizam stieg jetzt

völlig aus der Luke heraus, ihre dunklen Augen ruhten drohend auf ihm.

„Ich, fortgeschickt?‟ Hanson machte eine ärgerliche Bewegung. „Vier

Mann, darunter war Lars, sehr einfach. Der Henning trat freiwillig ein

für den vierten Mann. Das Wetter war völlig ruhig. Ich fortgeschickt --

beide! Wie sich das anhört!‟

„Und wenn sie sich verirren im Nebel?‟

„Henning verirrt sich nicht; ehe es dunkelt, sind sie wieder da.‟

„Und wenn sie nicht da sind?‟

„Dann suchen wir sie, schießen wir -- Herrgott!‟

„Und wenn wir sie nicht finden, wenn sie die Schüsse nicht hören?‟

„Ja dann, der Teufel -- dann kann ich auch nicht dafür.‟ Der Kapitän

wollte sich entfernen.

„Dann töte ich Sie.‟ Nizam war jetzt erdfahl im Antlitz und in ihren

Augen schossen Blitze.

Hanson lachte gezwungen. „Sie töten mich nicht.‟

Das Schiff nahm seine Führung in Anspruch, es zerrte und stampfte an

der Ankerkette.

Noch dichter senkten sich die Nebel. Draußen knallte und brüllte das

Meer, der bleiche Tag erstarb. Kein Boot kam, kein Ruf ertönte. Der

Kapitän hielt Wort, er löste die Kanone an Bord. Der Schall durchdrang

nicht das Tosen des Meeres.

Nizam stand ganz vorn am Bug, triefend von Feuchte, das Haar

sturmzerzaust, ihr Auge durch die Finsternis bohrend. Sie bat den

Kapitän auf den Knien, den Anker zu lösen, die Verirrten zu suchen.

Sie drohte, stieß gräßliche Verwünschungen aus, beschwor die Matrosen,

wiegelte sie gegen den widerspenstigen Kapitän auf, der ihre Kameraden

schmählich zu Grunde gehen lasse -- alles umsonst! In stockfinsterer,

stürmischer Nacht, umgeben von Klippen und Felsen-Eilanden, kann man

nicht die Anker lichten, das hieße alle verderben. Der Henning wird

irgendwo Schutz gefunden haben vor dem Unwetter, und morgen kehren sie

zurück, das ist doch nichts Neues auf solcher Fahrt.

Der Morgen brach an, was man hier Morgen hieß. Der „Halland‟ steuerte

die felsige Küste entlang; man erblickte kaum die schwarzen Umrisse

des Gesteins.

„Näher! Warum nicht näher?‟ fragte Nizam.

„Glauben Sie vielleicht, ich will mein Schiff in der Brandung opfern?‟

erwiderte der Kapitän.

„Sie müssen alles opfern, sie zu retten.‟

„Rette ich sie denn, wenn der ‚Halland‛ sich die Rippen einrennt an den

Felsen? Nur Vernunft, Frau Götrek, und wenn das Schlimmste geschieht,

ich verlasse Sie nicht.‟

Nizam sah ihm bei den letzten Worten scharf in das Gesicht. Er wandte

sich rasch ab und zog die Hand zurück, welche sich um ihre Taille legen

wollte.

Die Schüsse des „Halland‟ schreckten nur ein Heer von weißen Vögeln

auf, welche kreischend wie ein Schneewirbel die Felsen umkreisten.

Der Sturm nahm an Heftigkeit zu, es war wirklich unmöglich, ein Boot

auszusetzen, und die Nähe der Küste war eine ständige Gefahr.

Nizam war ermattet vom Rufen. Die Seevögel verhöhnten sie nur. Da war

es ihr, als würden die Umrisse der Felsen immer unklarer, entweder der

Nebel wurde dichter, oder das Schiff entfernte sich davon. Sie eilte

zum Kapitän am Steuer, beschwor ihn auf den Knien.

„Meine Pflicht ist, das Schiff zu halten, -- bei ruhigem Wetter kehren

wir zurück; außerdem bin ich nicht schuld, daß Ihr Vater mitsegelte, --

ich habe ihn nicht dazu bestimmt.‟

„Und Lars, mein Lars, meinen Gatten, haben Sie den auch nicht bestimmt?‟

„Lars steht im Schiffsdienst wie jeder andere, -- Seemannslos. Wir sind

selber noch nicht heil zu Hause.‟

Nizam eilte von Matrose zu Matrose, schilderte die Qualen der

Verlassenen, den furchtbaren Vorwurf der Überlebenden, forderte zum

Widerstand gegen den Kapitän auf. Sie fand kein Gehör, im Gegenteil,

man lachte, tröstete sie mit cynischen Worten. Die begehrlichen Blicke,

die sie schon seit Monaten umlauerten, wagten sich immer frecher

hervor. Das gab ihr den Rest, der Wahnsinn packte sie, man mußte

sie vor sich selber schützen, sie hätte sich in das Meer gestürzt,

-- handfeste Arme ergriffen sie, trugen sie die Treppe hinunter, die

Kojenthüre fiel in das Schloß, der Riegel wurde vorgeschoben, --

vergebens tobte sie mit den Fäusten dagegen, bis ihr die Besinnung

schwand.

Die „Halland‟ eilte mit Volldampf dem offenen Meere zu.

Der Barometer stand schlecht. Mit dem ruhigen Wetter und der Rückkehr,

von der der Kapitän sprach, war es eine höchst fragliche Sache.

V

Als die alte Götrek einige Monate nach dem spurlosen Verschwinden ihres

Sohnes mitten in der Sommerszeit sich zum Sterben legte, setzte sie ein

Testament auf.

Es war das sonst nicht Sitte hier zu Lande, wenn Kinder im Hause,

die sich auch ohne Geschreibsel friedlich in die kärgliche

Hinterlassenschaft teilten, aber das war ein ganz besonderer Fall.

Dem Lars, dem Liebling, war nichts zu hinterlassen an irdischem Gut,

er war den bösen Mächten verfallen, tot oder lebendig, da gab es nur

eines, was noch nützen konnte, und das sollte sein Anteil sein, ein

Sühnopfer, Gott wohlgefällig und den Menschen nützlich, auf daß sie den

armen Sünder im Gebete nicht vergessen.

Schon lange ging die Rede davon, einen Leuchtturm zu errichten auf

P....., dessen Sandbänke eine stete Gefahr für die Schifffahrt waren.

Es knüpfte sich auch nach altem Seerecht allerhand Vorteil daran für

die Gemeinde, Minderung der Steuer, Hafenrecht und dergleichen, es

fehlte nur immer an Geld und Einigkeit.

Daran dachte die Sterbende; der alte Turm führte sie darauf, in dem

der Teufel ihr armes Kind verführt, wie Knut ihr oft erzählt. Er war

oft genannt worden in der Leuchtturmfrage, ja, er soll schon einmal

solchen Dienst verrichtet haben, ging die Sage, aber zum Verderben

nur, anstatt zum Segen, indem sein trügerischer Schein die Schiffe auf

den Grund lockte, die dann den Räubern reiche Beute boten, -- so war

er doppelt geeignet zur Sühnstatt; und jeder Schiffer sollte des Lars

gedenken und aller anderen armen Seelen, die der Böse hier geblendet.

„Was an barem Gelde in der blauen Truhe sich findet, das bestimme ich

für den Bau eines Leuchtturms, und zwar soll der alte Turm von P.....

dazu verwendet werden, wie im Gemeinderat schon oft beschlossen.‟

So stand es im Testament, das Knut in Gegenwart des Pastors öffnete.

Nun waren zweihundert alte Holsteiner Thaler, wie sie sich in der

blauen Truhe vorfanden, keine Summe für solchen Bau, aber die Anregung

war von neuem gegeben, auch wollte man des Geldes nicht verlustig

gehen, das nur zu diesem Zwecke der Gemeinde bereit lag, weitere

mildthätige Stiftungen schlossen sich daran; nach Jahresfrist begann

der Umbau des alten Turms, nachdem die obrigkeitliche Bewilligung

eingeholt war, ein weiteres Jahr darauf ergoß sich ein greller gelber

Lichtkegel von ihm aus, weit hinaus in die Nacht des Weltmeeres.

Als sein Wächter aber war Knut Götrek bestellt, der Sohn der

wohlthätigen Erblasserin, der sich selbst zu dem beschwerlichen Dienst

gemeldet. Von da an war er gar nicht mehr zu sehen, die Bewirtschaftung

der kleinen Werft, die er ererbt, hatte er den Nachbarn überlassen; das

Haus lag einsam, verlassen mit geschlossenen Luken, wie ein verlassenes

Wrack.

Der Turm hatte nicht gewonnen durch die Neuerung, die mit ihm

geschehen. Man fand seinen alten verwitterten Leib noch so trefflich

gefügt und widerstandsfähig, daß man nicht daran dachte, ihn durch

einen neuen zu ersetzen; so wurde ihm einfach ein neues, wetterfestes,

blankes Haupt aufgesetzt, das sich gar seltsam heraushob aus dem

zerschlissenen Gewand würdigen Alters, das ihn umflatterte. Tags

erschien er drollig, einfach zum Lachen, wie ein alter zerlumpter

Bettler, der irgendwo einen neuen Hut aufgetrieben und damit sich

brüstet. Nachts aber, wenn sein schwarzer, massiger Schaft sich aus dem

Dunkel hob, die Lichtblitze aus dem behelmten Haupt ihr Spiel trieben

in dem brüchigen Gestein, in den schwarzen ginsterüberwachsenen Höhlen

und Fensterbogen, in den von ewiger Feuchte triefenden Quadern des

Grundbaues, da erwachte er zu seltsamem Leben, da war er groß, eine

stolze Leuchte des Meeres.

Dicht unter der Laterne war die Wachtstube Knuts; der gotische

Fensterbogen mit den zerborstenen Drachenköpfen war frisch ausgeglast

und bot weite Rundsicht dem Meere zu. Der Raum war groß und nahm fast

den ganzen Turm ein, ein eiserner Herd, ein lederbezogenes Lager,

ein eichener Tisch, die blaue Truhe der Mutter waren die einzigen

Geräte. Eine Holztreppe führte hinauf in den Laternenraum. Schweres

Gebälk verkleidete die Mauern; wo diese sichtbar waren, zeigten sich

da und dort geschwärzte Stellen, die stammten von dem Brande des

Liebesnestes. Es war derselbe Raum.

Auf dem Holzgesimse lagen halbverbrannte Muscheln, Korallenzweige,

buntes Meergestein. Auf einer Stange, dicht am großen Lugaus, saß Babe,

der Kakadu.

Er stritt tagein tagaus mit den weißen Seevögeln, die sich in kühnen

Bogen am Fenster vorbeischwangen, den seltsamen Vetter neugierig

betrachteten und ob seiner Gefangenschaft verhöhnten. Des Nachts aber,

wenn der Lichtschein herabfloß von der Höhe und weit hinaus über die

Wogenkämme, da saß er ganz still an der Seite seines Herrn.

Tauchte aber ein Licht auf am Horizont, dann stellte er den Kamm auf

und schüttelte sein Gefieder.

Die Hexe von Norderoog · 第 3 / 5 段