Da öffnete sich die Thür. Knut, in einem blauen Mantel gehüllt, auf

dem dichter Schnee lag, die Mütze tief hereingedrückt. Er erschrak bei

ihrem Anblick, wankte gegen die Wand.

„Weil du nur kommst, Knut, o wie ich dich erwartet habe, wie ich

gebetet habe, daß du kommst. Ja, gebetet! Schau nur so erstaunt, Nizam

hat gebetet. Komm' doch Knut, ich weiß, ich habe dir wehe gethan, aber

ich durfte ja nicht anders. Jetzt wird alles gut. Knut, was ist dir

denn? Was hüllst du dich so in den Mantel? Ich fürchte mich, Knut!‟

Da schlug der Mann den Mantel zurück.

Nizam schrie auf, streckte abwehrend die Hand aus und sank in die

Kissen zurück. Lars stand vor ihr, ihr Gatte. Er riß sie empor, drückte

sie an sich, stöhnend wie ein schwerverwundetes Tier.

„Nizam höre mich! Du mußt mich hören! Ich bin es, dein Lars! Sprich,

Nizam, was ist dir -- mein Bruder? Du hast gebetet, daß er kommt. Du

hast noch nie gebetet, Nizam. Er liebt dich, er hat dich ja immer

geliebt. Rede, Nizam, ich muß alles wissen, du hast mich vergessen über

ihn, du bist sein Schatz geworden --‟

Nizam lag wie Blei in seinen Armen, ihr Blick war starr nach oben

gerichtet, nur ihre Lippen formten mühsam den Namen „Lars‟, dann

verklärte sie ein Lächeln. Er ließ sie in die Kissen sinken, angstvoll

auf ihren Atem lauschend. Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah

ihn groß an, mit einem Blick, der jede weitere Frage auf seinen Lippen

verstummen machte. Er nickte ihr zu. Sie schlug die Arme um seinen

Nacken. „Ich habe dich erwartet, Lars, ich wußte, daß du kommst -- das

Licht hat ja gebrannt im Turm, -- sieh', sieh' nur --‟ Sie hatte sich

im Bett erhoben und wies mit ausgestrecktem Arm gegen das Fenster.

Lars folgte ihrem Blick. Das Licht des Leuchtturms strahlte durch das

Dunkel, es wuchs und wuchs zu einer riesigen Sonne, die ihren Schein

bis herein warf in den kleinen Raum, über das Antlitz der Sterbenden,

in dem sich plötzlich das Entsetzen malte.

„Feuer! Feuer!‟ schrie sie auf, „der Turm brennt, -- unser Liebesnest,

-- armer Knut, -- hörst du nichts? -- ganz deutlich. Sie kommen -- alle

-- mit Knut, mich zu töten, die Hexe von Norderoog. Lars, verlasse mich

nicht.‟ Sie drängte sich bebend an ihn. „Schütze mich vor deinem Bruder

-- ich höre ihn auf der Treppe -- da -- da!‟ Sie wies auf die Thür, die

sich öffnete.

Knut war eingetreten. Er wankte zurück bei dem Anblick des Mannes vor

dem Bett, der sich jetzt erhob.

„Ja, ich bin es schon, der Lars! Sieh' mich nur nicht so entsetzt an,

ich bin kein Gespenst -- alles Fleisch und Bein.‟

„Thue mir nichts zu Leid, Knut, -- wegen dem Feuer -- ich wollt's ja

nicht -- wir waren so glücklich zusammen.‟ Nizam sank in die Kissen

zurück. „Nimm dich in acht, Lars, -- der Kapitän -- er liebt mich --

und den Babe hat er wirklich geholt -- Knut! Mein kleiner Knut!‟

Da kroch es vorsichtig aus einer verborgenen Ecke hervor, ein

blondlockiges Kind, ein Knabe, der kleine Knut, der sich vor dem

fremden Manne verkrochen.

Lars, die Wahrheit ahnend, nahm ihn in seine Arme und brachte ihn der

sterbenden Mutter. „_Mein_ Sohn?‟

Nizam lächelte selig. „Lars!‟ Sie ergriff seine Hand und legte sie auf

eine andere, welche sich an den Bettrand klammerte.

Lars blickte auf, Knut kniete neben ihm, ein großer Schmerz schüttelte

den mächtigen Körper.

Ganz langsam erkaltete die kleine schmale Hand, die auf den beiden der

Brüder lag, und sie wagten sie nicht wegzuziehen. Zuletzt war es, als

ob ein Stück Eis auf ihnen läge, schwer wie ein Berg, bis an das Herz

ging die grausige Kälte.

Babe, der am Kopfende des Bettes gesessen, stieß plötzlich einen nie

gehörten Ton aus, breitete die Schwingen und flatterte über Nizam --

Nizam war gestorben.

Knut wollte sich erheben, er hatte kein Recht auf diesen Platz.

Lars hielt ihn fest. Da entlastete er seine arme Seele, sich selbst

anklagend, wie er sie geliebt von Anfang an, wie er gekommen, um Nizam

zu freien, die ihrem Lars treu geblieben bis zum Tode, wie er alles

gethan, sie wankend zu machen, -- wie er den Bruder vergessen, der ihm

einst teuer war, wie ein Sohn, -- die Gewißheit ersehnt seines Todes.

-- Doch seltsam, alles war umsonst, aller Haß, aller Zorn, der eben

noch Lars' Brust erfüllt, war verstummt vor dem bleichen Antlitz dort,

mit dem Lächeln erfüllter Sehnsucht in den Zügen, welche ein voller

Lichtstrahl verklärte, vom Sühneturm der alten Götrek her.

Lars legte die Arme um den Nacken des Bruders und weinte sich aus. Das

war der letzte Zauber der Hexe von Norderoog.

Den andern Tag ums Grauwerden verließ beim heftigsten Nordsturm ein

Kutter den kleinen Hafen von P....., der wohl in der Dunkelheit

angekommen sein mußte, da ihn niemand beobachtete. Zwei glaubhafte

Männer behaupteten steif und fest, Knut Götrek, der Leuchtturmwächter,

sei darauf gewesen, und auf der einen Segelstange hätte der weiße

Teufelsvogel gesessen der Hexe von Norderoog.

Also hat sie ihn doch endlich geholt, wie den anderen, den Lars! Man

machte die Anzeige bei dem Seevogt; der hatte nichts Eiligeres zu thun,

als Leute nach dem Turm zu schicken.

Der breite Damm, der zum Turm führte, war geborsten in der Sturmnacht,

er war vom Land abgeschnitten. Die noch immer aufgeregten Wasser

bedrängten ihn jetzt von allen Seiten.

Man rief nach dem Wächter -- keine Antwort erfolgte; als man mittels

eines Bootes den Eingang erreichte, erblickte man die Leiche Knuts

zwischen dem schaumumquirlten wilden Gestein, welches den Fuß des

Turmes umsäumte. Er hatte wohl in der Dunkelheit den Dammriß nicht

beobachtet und war in den Fluß gestürzt.

Wo war er aber die Nacht, der ungetreue Wächter? Wo anders, als bei der

Hexe oben?!

Das Gerücht machte im Fluge die Runde, und ehe eine Stunde verging,

näherte sich ein Trupp Menschen, Männer, Frauen und Kinder, Götreks

Werft. Dem Unfug mußte einmal ein Ende gemacht werden.

Man näherte sich vorsichtig. Alles still! Sie schlief wohl noch,

die Hexe. Endlich drang man ein. Das Nest war leer, nichts als ein

zerknülltes Bett und einige weiße Vogelfedern am Boden.

Jetzt war kein Zweifel mehr, wer auf dem Schiffe heute morgen die Insel

verlassen; die zwei Gewährsmänner, welche den weißen Vogel auf der

Segelstange sitzen sahen, triumphierten -- wo der ist, ist sie auch

nicht weit.

Aber der Knut liegt unten vor dem Turm ertrunken und zerschellt, das

hat man doch selber gesehen.

„Und ich habe selber gesehen, daß er auf dem Schiffe war, der Knut,‟

meinte einer der Männer, „wenn ich auf zehn Schritte vorbeifuhr mit

meinem Boote.‟

Jetzt war der letzte Zweifel gehoben, daß es mit der Hexe von Norderoog

seine Richtigkeit hatte.

Scheu, kopfschüttelnd entfernte man sich, sich bekreuzigend, am Ende

war man froh, sie los zu sein. Eine Frau steckte heimlich die weißen

Federn ein, die am Boden lagen, wer weiß, für was sie gut waren.

* * * * *

Der Name Götrek wurde nicht mehr genannt auf der Insel. Die Werft lag

leer, bis das Meer sich in einer Sturmnacht ihrer erbarmte und sie dem

Boden gleich machte.

Nach vielen Jahren kam eines Tages ein großer blondbärtiger Mann nach

P....., ein Seemann seinem ganzen Äußeren nach. Sein erster Gang war

auf den Kirchhof. Dort fragte er den Küster nach dem Grabe des früheren

Leuchtturmwächters Knut Götrek, -- der wies ihm ein verwuchertes Grab

in einer entlegenen Ecke. Kein Kreuz, kein Stein machte es kenntlich.

Der Küster meinte: „Es ging nicht mit rechten Dingen zu bei dem Tode

dieses Mannes, von Rechts wegen gehört er überhaupt nicht in geweihte

Erde.‟

Daraufhin nahm der Fremde einen Bankschein aus einer Ledertasche und

drückte ihn dem sprachlosen Küster in die Hand. „Geben Sie das dem

Pastor, er soll dafür sofort auf dieses Grab einen würdigen Denkstein

setzen lassen; binnen Jahresfrist werde ich nachsehen, ob das geschehen

ist. Mein Name ist Götrek. Vergessen Sie das nicht dem Pastor zu sagen.‟

Dem Küster entfielen die Kirchenschlüssel, die er in der Hand hatte;

vor Entsetzen sprachlos, mit offenem Munde blickte er dem Fremden nach.

Der Stein wurde gewissenhaft gesetzt. Die Inschrift lautete: „Hier ruht

Knut Götrek, Wächter des Leuchtturms auf P....., verunglückt in der

Sturmnacht vom 14. zum 15. Mai 183 .‟

Man erinnerte sich von neuem des seltsamen Falles. Die meisten schämten

sich im Lichte einer aufgeklärten Zeit ihrer einstigen Thorheit, einige

aber schüttelten doch bedenklich die Köpfe über den seltsamen Fremden

und fühlten sich nur in ihrer abergläubischen Anschauung bestärkt:

der Fremde war niemand anders, als Knut Götrek selbst, der sich sein

Grabmal bestellt, -- der Buhle der Hexe von Norderoog.

[Illustration]

Ludwig Thoma

Assessor Karlchen

und andere Geschichten

Umschlag-Zeichnung von _Bruno Paul_

Zehntes Tausend

Preis geheftet 1 Mark

Elegant gebunden 1 Mark 50 Pf.

_Der Tag_, Berlin: Ihre sozialpolitisch gerichtete Tendenz, ihr feiner,

über der Sache stehender Humor und die scharfe Beobachtung von Dingen

und Menschen geben diesen Skizzen einen bleibenden Wert, und der

Kulturhistoriker künftiger Zeiten könnte aus dem Büchlein mehr Einsicht

in unsere Kulturgeschichte gewinnen, als es ihm aus dem Studium der

„Quellen‟ möglich ist.

_Die Post_, Berlin: Ludwig Thoma hat sich durch sein köstliches

Bauernbuch „Agricola‟ und seine Geschichten im „Simplicissimus‟ einen

Namen gemacht. Sein neues Buch wird ihm viele neue Bewunderer erwerben.

Die prächtige Frische seiner Geschichten, das scharfe Künstlerauge, mit

dem er beobachtet, und die verblüffende Sicherheit und Originalität,

mit dem er das Beobachtete wiedergibt, sein urdeutscher Humor und die

Kraft ehrlicher Entrüstung in seiner Satire, das alles macht dieses

höchst amüsante Buch zu einem erfreulichen Zeugnis dafür, daß es unter

unseren jüngeren Schriftstellern noch ganze Kerle gibt mit derben

Knochen und festen Muskeln.

Albert Langen Verlag f. Litteratur u. Kunst München

Ludwig Thoma

Die Medaille

Komödie in einem Akt

Sechstes Tausend

Geheftet 1 M. 50 Pf.

Elegant gebunden 2 Mark 50 Pf.

~Bei der Erstaufführung am Münchener kgl. Residenz-Theater erntete „Die

Medaille‟ stürmischen Erfolg.~

_Die Medaille_ wurde bis jetzt von nachstehenden Bühnen angenommen:

_Bamberg_ (Stadttheater) -- _Berlin_ (Buntes Theater) -- _Erlangen_

(Stadttheater) -- _Fürth_ (Stadttheater) -- _Graz_ (Stadttheater) --

_Hamburg_ (Stadttheater) -- _München_ (Kgl. Hoftheater) -- _Nürnberg_

(Stadttheater) -- _Schwerin_ (Großherzogl. Hoftheater) -- Wien

(Deutsches Volkstheater).

Thomas intime Kenntnis gerade der bayerischen Bauern prädestinierte

ihn von Anfang an gerade zum Dichten einer Bauernkomödie. Die Echtheit

seiner Gestalten empfindet jeder, mag er ihre Urbilder aus eigener

Anschauung kennen oder nicht. Und so wird die „Medaille‟ ihrem

hochtalentvollen Autor in allen deutschen Gauen viele Freunde zu den

alten werben.

Albert Langen Verlag f. Litteratur u. Kunst München

Peter Schlemihl (Ludwig Thoma)

Grobheiten

Simplicissimus-Gedichte

Umschlagzeichnung von _Bruno Paul_

Dreizehntes Tausend

Preis geheftet 1 Mark

Elegant gebunden 1 Mark 50 Pf.

Wem die Natur einen Magen verliehen hat, der die Würze von Pfeffer

und Salz dem Zucker vorzieht, der greife getrost nach dem Buch des

Münchners, den man im Süden schon aus dem „_Simplicissimus_‟ unter

dem Namen „Peter _Schlemihl_‟ kennt. Empfindet man in den satirischen

Spalten des Münchner Karikaturenblatts die Beiträge Schlemihls

zuerst nur als gut versifizierte Leitartikel, so erkennt man aus

dem kleinen Buch, in dem man die Gedichte in vollen Zügen und nicht

bloß löffelweise genießen kann, daß die Form einen eigenartigen

dichterischen Wert besitzt, daß den Kraftgedanken eines rücksichtslosen

Wahrheitsbekenners auch eine echt poetische Kraft der Darstellung

entspricht. Es ist ein neues Genre und eine neue Saite. Aber aus der

Vielfältigkeit der Ausdrucksmittel erkennt man bald ein reiches und

übersprudelndes Talent.

Albert Langen Verlag f. Litteratur u. Kunst München

Druck von Hesse & Becker in Leipzig

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| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |

| gebräuchlich waren, wie: |

| |

| anderen -- andern |

| Euch -- euch |

| Turmes -- Turms |

| Umschlag-Zeichnung -- Umschlagzeichnung |

| |

| Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |

| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |

| |

| S. 10 „Jungfrau von Cordoan‟ in „Jungfrau von Cordouan‟ |

| geändert. |

| S. 39 „Gebahren‟ in „Gebaren‟ geändert. |

| S. 40 „Schiffahrt‟ in „Schifffahrt‟ geändert. |

| S. 55 „tötliche‟ in „tödliche‟ geändert. |

| S. 94 „Fär-Ör-Inseln‟ in „Fär-Oer-Inseln‟ geändert. |

| S. 100 „Bemannnung‟ in „Bemannung‟ geändert. |

| S. 101 „stoßweißes‟ in „stoßweises‟ geändert. |

| S. 104 „widerspänstigen‟ in „widerspenstigen‟ geändert. |

| S. 108 „Schiffahrt‟ in „Schifffahrt‟ geändert. |

| S. 115 „intermittirende‟ in „intermittierende‟ geändert. |

| S. 151 „prädestinierten‟ in „prädestinierte‟ geändert. |

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End of Project Gutenberg's Die Hexe von Norderoog, by Anton von Perfall

Die Hexe von Norderoog · 第 5 / 5 段