Der Fluchtpunkt _F_{b}_ der anderen Richtung 6.3, der weit über die

Zeichenebene hinausfällt, möge nach der in 35 erörterten Methode

bestimmt werden. Wir ziehen durch _F_{a}_ irgendeine Linie, wählen

auf ihr den Punkt _p'_ beliebig und zeichnen einen neuen Horizont,

der in _f_{a}_ die Linie von _F_{a}_ nach _p'_ trifft. Nun ermitteln

wir eine horizontale Linie, welche im Punkte _p_ auf der Linie

_F_{a}p_ senkrecht steht. (Aufgabe 9.) Zunächst zeichnen wir den

Teildistanzpunkt ~D_{1}~/4, indem wir aus Fig. 73 die Strecke ~A_{1}~

_O_{1}_/4 entnehmen und ~A~ ~D_{1}~/4 = ~A_{1}~ _O_{1}_/4 antragen.

Dann mögen die Verbindungslinien von _p'_ nach ~A~ und ~D_{1}~/4 den

neuen Horizont in _a_ und _d_{1}_/4 treffen. Wir errichten gemäß der

früheren Ableitung in _a_ eine Senkrechte zum neuen Horizont und machen

dieselbe viermal so lang als die Strecke _a d_{1}_/4, so daß also

_ad_{4}_ = 4 ⋅ _a d_{1}_/4.

Verbinden wir _d_{4}_ mit _f_{a}_, so schneidet eine Senkrechte

zu dieser Linie im Punkte _d_{4}_ den Punkt _f_{b}_ aus und die

Verbindungslinie von _f_{b}_ mit _p'_ geht nach dem Fluchtpunkte

_F_{b}_.

Weitere Linien nach _F_{b}_ können wir nach dem dritten in 36

angegebenen Verfahren ermitteln. Zu diesem Zwecke sind in der Figur

rechts und links zwei Vertikale gezeichnet. Die Verbindungslinie

_p'f_{b}_ schneidet auf diesen die Punkte 0 aus; die Abschnitte bis

zum Horizont sind rechts und links je in zwölf gleiche Teile geteilt;

alle Linien nach _F_{b}_ teilen entsprechende Abschnitte der beiden

Vertikalen im gleichen Verhältnis. Es braucht wohl kaum bemerkt zu

werden, daß die Nummern auf den beiden Vertikalen bloß dem Zwecke

dienen, Linien nach dem Fluchtpunkt _F_{b}_ zu liefern, und daß diese

Nummern ganz unabhängig sind von den übrigen Ziffern der Figur.

Die Konstruktion des Bildes des verschobenen Grundrisses kann nun

wie folgt erfolgen. Die Punkte 1, 7, 13, 14, 8, 2 auf der Linie _ll_

ergeben sich sofort, indem man die entsprechenden Strecken von

_h_{1}h_{1}_ überträgt. Ist also _m_ der Schnittpunkt der Achse des

Körpers mit _ll_, so ist

_m_1 = ~A_{1}~1, _m_7 = ~A_{1}~7 usf.

[Illustration: Fig. 74.]

Verbinden wir dann die Punkte 1 und 2 mit _F_{a}_, so sind dies zwei

Seiten des äußeren Viereckes. Die auf der Linie von 2 nach _F_{a}_

gelegenen Ecken 3 und 4 bestimmen wir nun etwa durch Tiefenlinien.

Wir zeichnen zunächst im Grundriß (Fig. 73) die Senkrechte durch 3 zu

_h_{1}h_{1}_, welche in _s_{1}_ die Bildtafel trifft. Machen wir in

Fig. 74 _ms_ = ~A_{1}~_s_{1}_, so ist _s_ die Spur in der Parallelebene

und ~A~_s_ das Bild der Tiefenlinie. Diese Linie _As_ schneidet dann

auf der Linie 2._F_{a}_ den Punkt 3' aus. Ebenso mag man die übrigen

Ecken 4', 5', 6' ermitteln und es nun als Kontrolle benutzen, daß 4'.5'

und 3'.6' durch _F_{b}_ gehen müssen.

Man kann auch die Spuren der Geraden, soweit sie bequem erreichbar

sind, hinzunehmen. Um das Bild des zweiten Vierecks 9, 10, 11, 12 zu

zeichnen, ist im Grundriß die Spur _t_{1}_ der Linie 9. 12 gezeichnet.

Machen wir in Fig. 74 _mt_ = ~A_{1}~_t_{1}_, so ist _t_ die Spur der

Linie 9. 12 und 9'. 12' geht verlängert durch _t_.

Endlich können wir auch noch die Eigenschaft verwenden, daß die

Verbindungslinien 5'.3', 6'.4', 9'.11', 10'.12' usf. alle durch _m_

gehen müssen.

Ist auf diese Art das Bild des verschobenen Grundrisses oben

konstruiert, so liefern die Vertikalen durch die Ecken 3', 4', 5', 6'

usf. je einen ersten Ort, auf dem die Bilder des Grundrisses selbst

gelegen sein müssen. Unter Benutzung der Schnittfigur mit der Bildebene

ist das Bild des Körpers dann aber leicht fertigzustellen. So liefert

z. B. der Punkt _x_ mit _F_{a}_ verbunden die untere, linke Kante des

Sockels und die Senkrechten durch 5' und 6' schneiden auf ihr die

betreffenden Ecken aus.

Wie wir bei dieser Aufgabe die Grundebene nach +oben+ verschoben

(Deckenriß), so kann man unter Umständen auch unterhalb der Grundebene

eine Parallelebene wählen, in diese den Grundriß projizieren (sog.

Kellergrundriß) und dessen Bild zur Konstruktion benutzen.

§ 14. Die Darstellung des Kreises.

=38. Der Kreis in einer zur Tafel parallelen Ebene.= Bis jetzt haben

wir uns immer mit der Abbildung gerader Linien beschäftigt, wobei uns

die Eigenschaft zustatten kam, daß das Bild einer geraden Linie wieder

eine Gerade ist. Wir wollen nun auch das Bild einer krummen Linie

zeichnen, nämlich das des Kreises. Es ist dann allerdings nötig, daß

wir uns von einer Anzahl von Punkten, die auf dem Kreise angenommen

werden, die Bilder zeichnen und diese durch einen Linienzug verbinden.

Wir wollen mit dem einfachsten Falle beginnen, der sich ergibt, wenn

das Bild des gegebenen Kreises wieder ein Kreis ist.

[Illustration: Fig. 75.]

Der abzubildende Kreis liege in einer zur Tafel parallelen Ebene (Fig.

75). Die vom Auge nach den Punkten des Kreises gehenden Sehstrahlen

bilden einen Kegel, der die Tafel nach einer Figur schneiden muß, die

zu dem gegebenen Kreise ähnlich ist (S. 45); diese Schnittfigur ist

also selbst wieder ein Kreis. Der Mittelpunkt des gegebenen Kreises

bildet sich wieder in den Mittelpunkt des neuen Kreises ab, der Radius

des neuen Kreises wird je nach der Entfernung des gegebenen Kreises

verschieden verkürzt werden. Wir führen die Konstruktion durch an

folgender

=Aufgabe 22=. Ein Punkt _m_ ist gegeben durch sein Bild _m'_ und

durch die Spur _a_ der durch ihn gehenden Tiefenlinie _A_ (Fig.

76). Man zeichne das Bild des Kreises, der um _m_ mit gegebenem

Radius _r_ beschrieben wird und in einer zur Tafel parallelen

Ebene liegt.

[Illustration: Fig. 76.]

Auf dem Bilde _A'_ der Tiefenlinie _A_ ist die Spur _a_ von _A_ und

das Bild _m'_ des Mittelpunktes gegeben. Wir denken uns (Fig. 75) den

Durchmesser _np_ des Kreises gezogen, der zum Horizont parallel läuft,

und ziehen durch seine beiden Endpunkte _n_ und _p_ die Tiefenlinien

_B_ und _C_. Die Spuren _b_ und _c_ dieser beiden Tiefenlinien erhalten

wir in Fig. 76 ohne weiteres, wenn wir durch _a_ eine Parallele zum

Horizont ziehen und auf dieser Parallelen _ab_ und _ac_ je gleich dem

gegebenen Radius _r_ des Kreises antragen. Verbinden wir _b_ und _c_

mit ~A~, so sind dies die Bilder _B'_ und _C'_ der Tiefenlinien _B_ und

_C_ und sie schneiden auf der Parallelen durch _m'_ zum Horizont die

Punkte _n'_ und _p'_ aus. _n'p'_ ist der Durchmesser des Bildes des

Kreises, das also daraus gezeichnet werden kann.

Als Anwendung dieser Konstruktion geben wir in Fig. 77 das Bild einer

ringförmigen Platte, die mit ihrer vorderen Fläche in der Bildtafel

liegt, _m_ ist der Mittelpunkt für die beiden vorderen Kreise. Ziehen

wir durch _m_ die Parallele zum Horizont und tragen auf ihr eine

Strecke _mx_ ab, welche gleich der gegebenen Dicke der Platte ist, so

liefert _x_ mit D_{1} verbunden auf der Linie _m_A den Punkt _t'_,

welcher der Mittelpunkt für die beiden rückwärtigen Kreise ist; deren

Radien ergeben sich wie in Fig. 76.

[Illustration: Fig. 77.]

=39. Der Kreis in einer Horizontalebene.= Wir gehen nun zu dem Falle

über, daß der abzubildende Kreis in einer horizontalen Ebene gelegen

ist, z. B. in der Grundebene. Es sei zu behandeln folgende

=Aufgabe 23.= Ein Kreis von gegebenem Radius liegt in der

Grundebene so, daß er die Grundlinie berührt. Das Bild des

Kreises zu zeichnen.

[Illustration: Fig. 78.]

Die Fig. 78 zeigt die Anordnung im Raume; in Fig. 79 ist der Kreis

in der Verschiebung gezeichnet. Es ist nun vorteilhaft, sich nicht

nur Punkte des Bildes zu verschaffen, sondern auch Linien, welche das

Bild berühren, sogenannte Berührungslinien oder »Tangenten«. Zu diesem

Zwecke umschreiben wir dem Kreise das Quadrat (1)(2)(3)(4), dessen

Seiten den Kreis in den Punkten (5), (6), (7) und (8) berühren. Das

Bild dieses Quadrates ist leicht zu zeichnen, (1)(4) und (2)(3) sind

Tiefenlinien; ihre Bilder laufen also nach A; die Linie (2)(4) aber

geht im Bilde nach dem linksseitigen Distanzpunkte D_{1} (vgl. 14).

Ferner ist auch (6)(8) eine Tiefenlinie und ihr Bild schneidet auf der

Linie 2.4' das Bild _m'_ des Punktes _m_ aus. Die Linie (5)(7) geht

in eine Parallele durch _m'_ über, welche auf den Linien 1.4' und 2.3'

die Punkte 5' und 7' liefert. Das Bild des Kreises wird in diesem Falle

eine Ellipse, welche dem Vierecke 1 2 3' 4' einbeschrieben ist und

dessen Seiten in den Punkten 6, 7', 8', 5' berührt.

[Illustration: Fig. 79.]

Ohne Beweis sei erwähnt, daß _m'_ nicht der »Mittelpunkt« der Ellipse

ist, daß dieser vielmehr in die Mitte der Strecke 6.8' fällt.

Bringt man die Diagonalen (2)(4) und (1)(3) des Quadrates mit dem

Kreise zum Schnitt, so erhält man die Punkte 9, 10, 11, 12 und auch

deren Bilder 9', 10', 11', 12' lassen sich leicht ermitteln, da (9) und

(10) sowie (11) und (12) je auf einer Tiefenlinie liegen. Sich noch

weitere Punkte der Ellipse aus den Punkten des Kreises zu verschaffen

ist gar nicht nötig.

Es wird nützlich sein, wenn der Leser sich auch das Bild eines Kreises

zeichnet, der auf der rechten Seite des Hauptpunktes gelegen ist.

Die Figur ist dann weiter benutzt, um das Bild eines

Umdrehungs-Zylinders, also einer Walze, zu zeichnen. Ist die Höhe

des Zylinders durch die Strecke 6.6^* gegeben, so schneidet die

Deckfläche des Zylinders die Bildebene in der Linie _ll_, welche

durch 6^* parallel zur Grundlinie geht. Die Konstruktion des Bildes

des Deckkreises des Zylinders erfolgt genau in der gleichen Weise;

entsprechende Punkte z. B. 3' und 3'^* liegen übrigens immer auf

Vertikalen, was viele Kontrollen liefert. Endlich wird das Bild des

Zylinders vollendet, indem man auf beiden Seiten die berührenden

Vertikalen an beide Ellipsen zeichnet.

=40. Der Kreis in einer vertikalen Tiefenebene.= In ganz ähnlicher

Weise wie ein horizontaler Kreis kann auch ein Kreis abgebildet

werden, der in einer lotrechten Tiefenebene liegt. Wir behandeln diesen

Fall in der folgenden

=Aufgabe 24.= In einer lotrechten Tiefenebene, die durch ihre

Spur S gegeben ist, liegt ein Kreis von gegebenem Radius, der

die Grundebene und die Bildtafel berührt. Das Bild dieses

Kreises zu zeichnen.

[Illustration: Fig. 80.]

Die Figur 78 zeigt rückwärts den Kreis in seiner Lage gegen Grundebene

und Bildtafel. Wir umschreiben demselben wieder das Quadrat 1 2 3 4,

von dem die Seite 1.2 in der Spur _S_ der Ebene, 1.4 in der Grundebene

liegt. Um den Kreis auch in seiner wahren Gestalt vor uns haben, denken

wir uns seine Ebene wie eine Türe nach außen um die Spur _S_ in die

Bildebene hineingedreht, wie dies der Pfeil in Figur 78 andeutet. In

dieser Lage ist der Kreis, sowie das umschriebene Quadrat 1 2 (3) (4)

in Fig. 80 gezeichnet. Das Bild des Kreises ergibt sich dann wie folgt.

Die Tiefenlinien 1.4 und 2.3 haben als Bilder die Linien von 1 nach

A und von 2 nach A. Die letzte Quadratseite 3.4 kann ferner durch

folgende Überlegung gefunden werden. Ziehen wir die Diagonale 1.3,

welche durch den Mittelpunkt _m_ geht, so ist diese Linie unter 45°

gegen die Grundebene geneigt. Die Parallele durch _O_ zu dieser Linie

schneidet den Fluchtpunkt derselben aus und derselbe muß nach Satz

24 auf der Senkrechten durch ~A~ liegen und von ~A~ um die Distanz

abstehen. Der Fluchtpunkt ist also der schon früher gezeichnete Punkt

~D_{4}~. Ganz ebenso ergibt sich als Fluchtpunkt der anderen Diagonale

2.4 der Punkt ~D_{3}~, der in Fig. 80 eingezeichnet ist. Wenn wir also

in Fig. 80 die Linien 1.~D_{4}~ 2.~D_{3}~ ziehen, so schneiden diese auf

den Bildern 2.~A~ und 1.~A~ die Bilder 3' und 4' aus. Zur Probe dient,

daß 3'.4' lotrecht sein muß. Ferner ist der Schnittpunkt von 1.~D_{4}~

und 2.~D_{3}~ das Bild _m'_. Die Vertikale durch _m'_ liefert auf den

Linien 2.~A~ und 1.~A~ die Berührungspunkte 5' und 7'; die Linie 6.~A~

muß von selbst durch _m'_ gehen und gibt den Berührungspunkt 8'.

[Illustration: Fig. 81.]

In dem hier vorliegenden Falle ist das Bild des Kreises wieder eine

Ellipse; _m'_ ist nicht ihr Mittelpunkt; derselbe liegt vielmehr auf

der Linie 6.8' in der Mitte zwischen 6 und 8'.

Die Bilder der Punkte 9, 10 usw. lassen sich wie im vorigen Falle

bestimmen. Auch die Tangente im Punkte 9' an die Ellipse ist leicht zu

zeichnen. Da nämlich die Tangente im Punkte 9 an den Kreis parallel

zur Linie 1.(3) verläuft, so muß das Bild dieser Tangente nach D_{4}

fliehen, also ist die Linie 9'.D_{4} diese Tangente.

Als Anwendung dieser Aufgabe geben wir in Fig. 81 das Bild eines

Rundbogens, der in einer lotrechten Tiefenebene gelegen ist; _S_ sei

die Spur dieser Tiefenebene. Von dem Rundbogen ist links oben die

Hälfte in der Umlegung in die Tafel gegeben. Zur Konstruktion soll

der Teildistanzpunkt D_{1}/2 verwendet werden. Tragen wir die Hälfte

der Strecke 1(_m_) auf der Horizontalen durch 1 nach rechts ab und

verbinden den Endpunkt mit D_{1}/2, so erhalten wir (Aufg. 4) auf der

Tiefenlinie 1.A das Bild _m'_; in entsprechender Weise ergeben sich

für die weiteren Punkte (3) ... die Bilder. Die Parallele durch (2)

schneidet _S_ in einem Punkte, der mit A verbunden die Berührungslinie

im Scheitel 2' des Bogens liefert, wobei 2' auf der Vertikalen durch

_m'_ gelegen ist. Der ganze Rundbogen ist dann in 7 gleiche Teile

geteilt und es sind die Bilder der Fugen eingetragen. Diese Fugen

laufen alle durch _m'_.

Schließlich sei noch erwähnt, daß das Bild eines Kreises nicht immer

eine Ellipse zu sein braucht, sondern auch eine sogenannte »+Hyperbel+«

oder eine »+Parabel+« sein kann, worauf wir aber nicht weiter eingehen

können.

§ 15. Einfache Schattenkonstruktionen.

=41. Schatten bei parallelem Lichte.= Die undurchsichtigen Körper

haben die Eigenschaft, daß sie das auf sie fallende Licht irgendeiner

Lichtquelle nicht durchgehen lassen, sondern es aufhalten oder

verschlucken (absorbieren), so daß sich hinter dem Körper ein

lichtleerer Raum, der +Schatten+, ausbildet. Indem wir den Unterschied

von Licht und Schatten auch im Bilde etwa durch Schraffierung der

beschatteten Teile einigermaßen wiedergeben, erreichen wir eine größere

Naturtreue.

[Illustration: Fig. 82.]

Was die Lichtquelle betrifft, so wollen wir uns vorstellen, die Sonne

ziehe sich zu einem Punkte zusammen, etwa auf ihren Mittelpunkt, und

stehe außerdem fest am Himmel. Die dann entstehende Beleuchtung können

wir durch folgende Bestimmung ersetzen. Wir geben uns eine Gerade _s_

beliebig im Raume (Fig. 82) und nehmen an, daß alle Lichtstrahlen zu

dieser Geraden s parallel sind. Der ganze Raum ist erfüllt von diesen

parallelen Lichtstrahlen. Wir nennen dies eine »Beleuchtung durch

parallele Lichtstrahlen«.

Es sei jetzt eine Stange _pq_ gegeben, die auf der Grundebene senkrecht

steht (Fig. 82). Wie können wir den Schatten ermitteln, den sie in die

Grundebene wirft? Alle auf die Gerade _pq_ treffenden Lichtstrahlen

werden aufgehalten und bilden fortgesetzt eben den Schatten der

Geraden _pq_. Wir haben demnach durch die Punkte der Geraden _pq_ die

parallelen zur Geraden _s_ zu zeichnen. Alle diese Parallelen liegen

aber, wie man leicht erkennt, in einer Ebene und diese Ebene schneidet

aus der Grundebene den Schatten der Geraden _pq_ aus, der also eine

Gerade ist. Offenbar geht dieser Schatten durch den Fußpunkt _q_ der

Stange. Das Ende des Schattens aber erhalten wir, wenn wir durch den

Endpunkt _p_ den Lichtstrahl legen. Trifft dieser in _p_{*}_ die

Grundebene, so ist _p_{*}_ der Schatten des Punktes _p_ und _qp_{*}_

wird der Schatten der Geraden _pq_. Im Gegensatz zu dem Schatten, den

die Gerade _pq_ unter Umständen auf andere Körper wirft, nennen wir

den Schatten _qp_{*}_ auf der Grundebene den »+Grundschatten+«. Eine

zweite, ebenfalls auf der Grundebene senkrechte Gerade _rt_ liefert

ganz in der gleichen Weise den Grundschatten _tr_{*}_ und man sieht

ohne Mühe ein, daß _tr_{*}_ ∥ _qp_{*}_. Allgemein kann man sagen:

=Satz 26.= »+Parallele Gerade liefern parallele Grundschatten auf

der Grundebene.+«

[Illustration: Fig. 83.]

Weiter handelt es sich nun darum, die Bilder dieser Schatten zu

zeichnen. Wir beachten zu diesem Zwecke, daß die Lichtstrahlen

parallele, schiefe Gerade sind, wie wir sie im § 9 betrachtet haben.

Diese parallelen Geraden haben also einen Fluchtpunkt, den wir

erhalten, wenn wir durch das Auge _O_ eine Parallele zur Geraden

_s_ ziehen und den Schnittpunkt ~S~ dieser Parallelen mit der Tafel

ermitteln. Hat der in _O_ befindliche Beschauer die (punktförmige)

Lichtquelle im Rücken, so befindet sich der Fluchtpunkt ~S~ +unterhalb+

des Horizonts. Fällen wir von ~S~ aus in der Bildebene eine Senkrechte

zum Horizont und nennen ~S~_{_h_} ihren Fußpunkt, so können wir die

Betrachtung von 27 ohne weiteres auch hier anwenden und sehen, daß

_OS_{h}_ ∥ _qp_{*}_ ∥ _tr_{*}_.

[Illustration: Fig. 84.]

Mit anderen Worten:

=Satz 27.= »+Der Punkt ~S~_{_h_}, die Projektion des

Fluchtpunktes ~S~ der parallelen Lichtstrahlen auf den

Horizont, ist der Fluchtpunkt der Grundschatten.+«

Die Bilder der Grundschatten fliehen also alle nach ~S_{h}~ (Satz 23).

Damit erledigt sich nun leicht folgende

=Aufgabe 25.= Eine auf der Grundebene senkrechte Gerade _pq_ ist

im Bilde gegeben; man zeichne ihren Grundschatten, wenn das

parallele Licht durch den Punkt ~S~ gegeben ist.

Durch die Annahme des Punktes ~S~ (Fig. 83) ist die Beleuchtung

vollständig gegeben, da damit die Richtung der Lichtstrahlen bestimmt

wird. Fällen wir von ~S~ ein Lot zum Horizont, so liefert dies den

Fluchtpunkt ~S_{h}~ der Grundschatten. Ist _p'q'_ das gegebene Bild

(wir nehmen an, es wäre bereits gefunden), so gibt die Verbindungslinie

von _q'_ nach ~S_{h}~ den Grundschatten. Der durch _p_ gehende

Lichtstrahl muß aber einerseits durch _p'_, andererseits durch den

Fluchtpunkt ~S~ gehen; demnach schneidet die Verbindungslinie von ~S~

nach _p'_ auf der Linie von _q'_ nach ~S_{h}~ den Endpunkt _q_{*}'_ des

Grundschattens aus. Es ist _q'p_{*}'_ das Bild des Grundschattens. Die

einfache Regel lautet also: _p_{*}'_ ist der Schnittpunkt der Linien

_q'_~S_{h}~ und _p'_~S~.

Damit ist aber auch die Aufgabe gelöst: den Schatten eines beliebigen

Punktes in der Grundebene zu zeichnen. Denn wir brauchen ja nur von

dem Punkte das Lot auf die Grundebene zu fällen und dessen Fußpunkt zu

ermitteln. Dann können wir nach der obigen Aufgabe den Schatten dieser

Senkrechten ermitteln. Wir wenden das an in folgender

=Aufgabe 26.= Den Schatten zu zeichnen, den ein Obelisk in die

Grundebene wirft.

Das Bild des Obelisken, der auf der Grundebene steht, ist nach dem

Früheren gezeichnet (Fig. 84). Um den Schatten in der Grundebene zu

ermitteln, geben wir uns den Punkt ~S~ und seine Projektion ~S_{h}~.

Zunächst zeichnen wir von der in der Tafel liegenden Kante 1.2 des

Sockels nach der oben abgeleiteten Regel den Schatten 1.2_{*}'; ebenso

finden wir den Schatten 4.3_{*}' der Kante 3.4. Die Verbindungslinie

2_{*}'.3_{*}' ist dann der Schatten der Kante 2.3 und sie flieht, wie

man leicht erkennt, nach ~A~. Nun sind die Schatten der 4 Kanten des

Obelisken zu zeichnen. Die durch 5 gehende Kante verlängern wir bis zu

ihrem Schnittpunkt 6 mit der Grundebene und erhalten in 6.5_{*}' ihren

Schatten. Ebenso wird 8.7_{*}' der Schatten der Kante 7.8. Die Schatten

der beiden anderen Kanten fallen, wie die Konstruktion zeigt, zwischen

diese beiden Schatten hinein, so daß also 6.5_{*}' und 8.7_{*}' den

Schatten in der Grundebene begrenzen. Zeichnen wir noch den Schatten

9_{*}' der Spitze 9, indem wir die Senkrechte 9.10 benutzen, so ist der

»Schlagschatten« des Obelisken in der Grundebene fertiggestellt, wenn

man 9_{*}' mit 5_{*}' und 7_{*}' verbindet.

Es bildet sich aber auch auf dem Körper ein Gegensatz von Licht und

Schatten aus, in dem gewisse Teile des Körpers in Schatten gesetzt

werden (Eigenschatten). Schneidet die Linie 6.5_{*}' die Kante 1.4

in 11, so geht die Begrenzung des Schattens auf dem Sockel senkrecht

in die Höhe nach 12. Auf der oberen Fläche des Sockels gibt dann die

Linie von 13 nach 12 die Grenze des Schattens und es kann zur Kontrolle

dienen, daß sie als ein Grundschatten nach ~S_{h}~ laufen muß. Ferner

befinden sich die durch die Kante 13.5 gehende Fläche des Obelisken und

die daran sich schließende durch 5.9 gehende Deckfläche im Schatten,

was durch Schraffierung angedeutet ist.

Endlich mag noch bemerkt werden, daß man den Punkt ~S~ auch oberhalb

des Horizonts annehmen kann. Dann hat der Beschauer die Lichtquelle vor

sich und die Schatten bilden sich im Bilde nach vorne aus.

§ 16. Künstlerische Freiheiten.

=42. Freiere Gestaltung des Bildes.= Am Schlusse unserer Betrachtungen

angelangt, wollen wir uns noch darüber klar werden, was die Lehre von

der Perspektive uns bietet, so daß wir uns von einer Überschätzung

dieser Wissenschaft in gleicher Weise fernhalten wie von einer

Unterschätzung. Die Aufgabe der Perspektive haben wir darin erkannt,

daß sie uns ein gesetzmäßig definiertes Bild eines Gegenstandes liefern

soll, das uns soweit als möglich den Gesichtseindruck ersetzt, den

wir von dem Gegenstand erhalten. Tatsächlich besteht nun aber das

Betrachten irgendeines Körpers darin, daß wir seine einzelnen Teile

der Reihe nach ins Auge fassen und unseren Blick von einer Stelle

zur anderen gleiten lassen. Was wir dabei zunächst beurteilen und

abschätzen, sind die Gesichtswinkel, welche die Blicklinien nach den

einzelnen Punkten des Körpers miteinander einschließen. Aus allen

diesen Beobachtungen und Eindrücken setzen wir dann das Bild des

Körpers im Auge zusammen.

Da nun aber Winkel durch Kreisbögen gemessen werden, so gelangen wir

naturgemäß dazu, um das Auge _{O}_ eine Kugel mit einem beliebigen

Radius zu beschreiben und die nach den einzelnen Punkten des Objektes

gehenden Blicklinien mit dieser Kugel zum Schnitt zu bringen. Das heißt

dann aber nichts anderes, als daß wir das Objekt aus dem Mittelpunkt

auf die Kugelfläche projizieren. Ein solches auf der Innenseite

einer Kugelfläche gelegenes Bild, das aus dem Mittelpunkt der Kugel

betrachtet wird, genügt allen Ansprüchen. Es kann für beliebig große

Teile des Raumes hergestellt werden: ein Panorama könnte z. B. in

dieser Weise eingerichtet sein. Die geraden Linien des Raumes gehen

in größte Kreise auf der Kugel über. In den allermeisten Fällen aber

verlangen wir aus Bequemlichkeitsgründen, daß die Abbildung des

Gegenstandes auf einer +ebenen+ Fläche erfolgt; wir wollen das Bild in

einem Buche, in einer Mappe oder an der Wand haben und deswegen ist

das auf einer Kugel gelegene Bild für gewöhnlich nicht zu gebrauchen.

Dann liegt es aber nahe, die Kugelfläche durch eine Ebene zu ersetzen

in der Weise, daß wir eine Ebene einführen, welche im Punkte _a_ der

Kugel auf dem Radius _oa_ senkrecht steht (Fig. 85). Man nennt diese

Ebene eine Berührungsebene oder Tangentialebene der Kugel. Statt auf

die Kugel projizieren wir nun die Gegenstände auf diese Ebene und sind

damit zu der Abbildung gelangt, wie sie die Perspektive liefert. In

der Nachbarschaft des Punktes _a_ schmiegt sich die Berührungsebene

der Kugel an und beide Abbildungen, die auf der Kugel und die auf der

Ebene, stimmen so ziemlich überein. Je größer aber der Ausschnitt

des Raumes wird, den wir abbilden, um so stärker weichen die beiden

Abbildungen voneinander ab.

[Illustration: Fig. 85.]

Es ist aber wohl zu beachten, daß die Blickrichtung bei Betrachtung

des ebenen Bildes immer mit _Oa_ zusammenfallen muß. Drehen wir

den Kopf seitwärts, so daß wir z. B. in der Richtung _Ob_ sehen,

so müssen wir uns die in _b_ berührende Ebene als Tafel eingeführt

denken. Man könnte nun auf den Gedanken kommen, die Bilder, wie sie

den Blickrichtungen _oa_, _ob_, _oc_ ... und den in diesen Punkten

konstruierten Berührungsebenen entsprechen, einfach zu einem Gesamtbild

zu vereinigen. Aber auch dieser Versuch würde auf große Schwierigkeiten

stoßen. Nehmen wir etwa an, es wäre eine Reihe gleichgroßer vertikaler

Pfeiler (I, II, III ...) wie in Fig. 36, 37 darzustellen. Dann wäre das

Bild des mittleren Pfeilers III am größten und nach beiden Seiten zu

würden die Bilder kleiner werden. Die Verbindungslinien der oberen und

der unteren Endpunkte wären keine Geraden mehr, sondern krumme Linien,

die obere würde sich nach unten, die untere nach oben krümmen. Wir

müßten also dann den Grundsatz opfern, daß gerade Linien sich wieder in

gerade Linien abbilden und damit würde die Herstellung solcher Bilder

ungemein erschwert.

Grundzüge der Perspektive nebst Anwendungen · 第 7 / 9 段