Um jetzt den Körper der Höhe nach aufzubauen, bestimmen wir auf der

Vertikalen durch 1 ohne weiteres die Ecke 6, da die Länge 1.6 im

Aufriß ja gegeben. Die drei anderen Ecken der Deckfläche des Sockels

sind auf den Vertikalen durch 2', 3' und 4' ohne Schwierigkeit zu

finden. Die übrigen Höhenabmessungen können wir unter Benutzung der

Vertikalen 1.6 und des Diagonalpunktes ~D~_{_g_} gewinnen, da doch

alle durch ~D~_{_g_} gehenden Linien die Bilder horizontaler Geraden

sind, welche zur Diagonale 1.3 parallel laufen. Infolgedessen liefern

die Hilfspunkte 7, 9, 11 aus ~D~_{_g_} projiziert auf den betreffenden

Vertikalen die Punkte 8', 10', 12'. Die fehlenden Ecken ergeben sich

durch Benutzung der Fluchtpunkte _f_{a}_ und _f_{b}_. Die vier schiefen

Linien der Gehrung gehen durch den Punkt 14', auf der Achse des

Körpers; zu diesem Punkt 14' gelangt man vom Hilfspunkt 13 aus.

[Illustration: Fig. 48.]

Auch in diesem Falle wäre es eine gute Übung, den Körper darzustellen

unter der Annahme, daß die Bildebene parallel zu der eben benutzten

durch die Achse des Pfeilers gelegt wird.

Die Figuren 47 und 48 geben zwei charakteristische Formen

perspektivischer Bilder. In Fig. 47 steht der Körper so zur Bildtafel,

daß ein Teil seiner Kanten und Flächen zur Bildebene parallel, der

andere Teil der Kanten und Flächen zur Bildebene senkrecht verläuft.

Im Bilde selbst treten als wichtigste Linien die Horizontalen und die

Tiefenlinien auf. Man sagt, der Körper befinde sich in »Frontstellung«

oder »frontal« und nennt die Darstellung eine »Frontansicht« oder

(weniger gut) eine »gerade Ansicht«. Im zweiten Falle, der Fig. 48,

sind die Kanten und Flächen des Körpers gegen die Bildebene schräg

gestellt; der Körper befindet sich in »Übereckstellung«, und man nennt

das Bild eine »schräge Ansicht«. Die Bilder der ersten Art (Fig. 47)

zeigen wegen der auftretenden Parallelen eine gewisse Einförmigkeit,

während bei den Bildern der zweiten Art (Fig. 48) die zwei Fluchtpunkte

eine reichere Bewegung der Linien bewirken.

§ 9. Schiefe Linien im Raume.

=27. Steigende und fallende Gerade im Raume.= Bisher haben wir nur

Gerade betrachtet, welche entweder parallel oder senkrecht zur

Grundebene waren, also horizontale oder vertikale Linien. Gelegentlich

kommen aber doch auch Gerade vor, die ganz beliebig im Raume verlaufen,

z. B. die Giebellinien eines Daches oder einer Fensterbedachung, die

Steigungslinien einer Treppe oder einer ansteigenden Straße. Solche

Linien wollen wir als +schiefe+ Gerade bezeichnen.

Ist eine ganz beliebige Gerade _A_ gegeben, Fig. 49, so denken wir

uns durch _A_ die zur Grundebene lotrechte Ebene gelegt, welche aus

der Grundebene den rechtwinkligen Riß _A_{1}_ ausschneidet. Sie ist in

der Figur vertikal schraffiert. _s_ sei die Spur der Geraden _A_.

Durch _s_ ziehen wir in dieser schraffierten Ebene eine Parallele _X_

zu _A_{1}_. Die Gerade _A_ bildet dann mit _X_ einen Winkel α, der sich

von _X_ nach aufwärts erstreckt. Von der Geraden _A_ sagen wir nun,

sie »steige« im Raume. Dabei betrachten wir denjenigen Abschnitt der

Geraden _A_, der vom Auge _O_ ausgerechnet +hinter+ der Bildtafel liegt

und durchlaufen ihn, indem wir in der Spur _s_ beginnen.

[Illustration: Fig. 49.]

Den Fluchtpunkt _f_{a}_ der Geraden _A_ finden wir dadurch, daß wir

durch das Auge _O_ eine Parallele zu _A_ ziehen und diese mit der

Tafel zum Schnitt bringen; es ist also _Of_{a}_ ∥ _A_. Wir legen auch

durch die Gerade _Of_{a}_ eine lotrechte Ebene, welche in der Figur

ebenfalls vertikal schraffiert ist. Aus einfachen Sätzen folgt, daß

diese beiden schraffierten Ebenen parallel sind. Die durch die Gerade

_Of_{a}_ gelegte Vertikalebene möge den Horizont in _f_, die Grundlinie

in _f_{1}_ schneiden, so daß die Punkte _f_{a}_, _f_, _f_{1}_ auf der

vertikalen Schnittlinie dieser Ebene mit der Tafel gelegen sind. Dann

tritt der Winkel α nochmals auf, in dem auch ∢ _fOf_{a}_ = α und man

erkennt, daß der Fluchtpunkt _f_{a}_ +oberhalb+ des Horizontes gelegen

ist.

[Illustration: Fig. 50.]

Nehmen wir jetzt eine zweite Gerade _B_ dazu, die aber in der

gleichen Vertikalebene liegen und außerdem auch durch _s_ gehen soll.

Dagegen möge diese zweite Gerade einen Winkel β mit _X_ bilden, der

nach abwärts geht. Diese Gerade _B_ »fällt« dann. Konstruieren wir

ihren Fluchtpunkt, so müssen wir durch _O_ eine Parallele zu _B_

konstruieren. Diese Parallele liegt aber in der zweiten, schraffierten

Vertikalebene, d. h. _f_{b}_ muß auf der Linie _ff_{1}_ gelegen sein. Es

ist wieder

∢ _fOf_{b}_ = β

und der Fluchtpunkt _f_{b}_ befindet sich unterhalb des Horizontes

_hh_. Diese einfachen Überlegungen geben uns den praktisch wertvollen

=Satz 22.= »+Gerade, welche im Raume+ =steigen=, +haben einen

Fluchtpunkt+ =oberhalb= +des Horizontes+; =fällt= +eine Gerade

im Raume, so liegt ihr Fluchtpunkt+ =unter= +dem Horizont+.«

[Illustration: Fig. 50 ~a~.]

Man beachte, wie die horizontalen Geraden den Übergang von den

steigenden zu den fallenden Geraden bilden und deswegen ihre

Fluchtpunkte +auf+ dem Horizonte haben.

Um das gleich an einem Beispiel zu veranschaulichen, ist in Fig. 50

eine Brücke skizziert. Der mittlere Teil derselben läuft horizontal

entsprechend dem Fluchtpunkt _f_, der vordere Teil der Brücke steigt

gegen den Fluchtpunkt _f_{a}_ an, der rückwärtige fällt nach dem

Fluchtpunkt _f_{b}_.

Aus der Figur 47 entnehmen wir noch weiter folgendes: die beiden

parallelen, schraffierten Ebenen werden von der Grundebene geschnitten,

also ist

_O_{1}f_{1}_ ∥ _A_{1}_.

Andererseits ist aber auch

_O_{1}f_{1}_ ∥ _Of_.

Daraus folgt, daß _Of_ ∥ _A_{1}_ oder mit anderen Worten: _f_ ist der

Fluchtpunkt für den Riß _A_{1}_ der Geraden _A_. Damit hat sich ergeben:

=Satz 23.= »+Projiziert man den Fluchtpunkt einer schiefen

Geraden auf den Horizont, so ist dieser Punkt der Fluchtpunkt

für die Projektion der Geraden in die Grundebene.+«

Das wurde in der Figur 50 auch berücksichtigt, indem die 3 Punkte

_f_{a}_, _f_{b}_, _f_ einer Vertikalen liegen.

Im besonderen kann eine Gerade _C_ in einer Vertikalen Tiefenebene

liegen (Fig. 51). Dann wird die Lotebene, welche den Riß _C_{1}_

liefert, eine Tiefenebene und der Riß _C_{1}_ eine Tiefenlinie. Unsere

Betrachtung zeigt ohne weiteres, daß der Fluchtpunkt _f_{c}_ einer

solchen schiefen Geraden _C_ auf der Vertikalen durch den Augpunkt

liegen muß. Die beiden parallelen Ebenen sind in der Fig. 51 wieder

schraffiert; man mag sich darunter Türen denken, die im vorliegenden

Falle unter 90° gegen die Wandfläche geneigt sind, während sie sich in

Fig. 49 weniger weit öffnen. Es folgt also

=Satz 24.= »+Liegt eine schiefe Gerade in einer vertikalen

Tiefenebene, so muß ihr Fluchtpunkt auf einer Vertikalen durch

den Augpunkt gelegen sein.+«

Fig. 50 gibt in dem Gebäude links ein Beispiel. Die Wand des Hauses, in

welcher sich die Türe befindet, ist eine Tiefenebene. Die Giebellinien

laufen deswegen nach den Fluchtpunkten _F_{a}_ und _F_{b}_, die auf

der Senkrechten im Augpunkt ~A~ liegen. Auch die Linien des Türgiebels

haben diese Eigenschaft.

[Illustration: Fig. 51.]

Aus der Fig. 49 ziehen wir endlich noch eine Folgerung. Wenn die

beiden Geraden _A_ und _B_ gleich geneigt sind gegen die Gerade _X_

oder, was das gleiche ist, gegen die Grundebene, wenn also α = β, so

ergibt sich aus den Dreiecken _Off_{a}_ und _Off_{b}_ sofort, daß dann

auch

_ff_{a}_ = _ff_{b}_

oder

=Satz 25.= »+Sind schiefe Gerade im Raume gleich geneigt gegen

die Grundebene, so liegen ihre Fluchtpunkte gleich weit vom

Horizont entfernt.+«

[Illustration: Fig. 52.]

In Fig. 50 ist also

~A~_F_{a}_ = ~A~_F_{b}_,

weil die beiden Seiten des Daches doch gleiche Winkel mit der

Grundebene einschließen, und da auch rechts

_ff_{a}_ = _ff_{b}_,

so hat die Brücke zu beiden Seiten der horizontalen Strecke die gleiche

Steigung.

=Zusatz.= Wir fügen hier eine vielbenutzte Konstruktion an. Denken

wir uns die wahre Gestalt 1 2 3 4 5 der Seitenwand 1'2'3'4'5' in Fig.

50 ~a~ herausgezeichnet und konstruieren wir den Schnittpunkt 6 der

Diagonalen 2.4 und 1.3, so hat die Figur die Eigenschaften, daß die

Verbindungslinie 5.6 parallel zu 1.4 und 2.3 ist und daß sie die Seiten

1.2 und 3.4 in 7 und 8 halbiert. In der perspektivischen Zeichnung läßt

sich 6' sofort angeben; 5' liegt also auf der Vertikalen durch 6', was

eine Kontrolle gibt und diese Vertikale schneidet weiter die Bilder

8' und 7' der Mitten von 1.2 und 3.4 aus. Ist also z. B. die gegebene

Strecke 1'.2' zu halbieren, so hat man nur nötig, irgendein solches

vertikales Rechteck zu zeichnen.

=Aufgabe 17.= Eine Freitreppe darzustellen, wenn die Wangen in

Tiefenebenen gelegen sind.

Das Verhältnis der Höhe der Stufe zur Breite sei ½. Das Profil der

Treppe ist in Fig. 52 unten angegeben. Die Stärke der Treppenwange und

die Breite der Treppe werden beliebig angenommen. Die Begrenzungslinie

_A_ der Wange und die Linien _B_ und _C_, welche die Stufen bestimmen,

bilden drei parallele Linien. Ist _f_{c}_ der Fluchtpunkt für diese

Linien, so liegt nach Satz 24 _f_{c}_ auf einer Senkrechten durch ~A~

und es muß auch (Fig. 51)

~A~_f_{c}_ = ½ _O_~A~

sein. Demgemäß machen wir in Fig. 52 die in ~A~ errichtete Senkrechte

~A~_f_{c}_ = der halben Distanz = ~AD_{1}~/2. Im Punkte 0 der Grundlinie

tragen wir die Vorderfläche der Wange an und ziehen durch die beiden

oberen Ecken die Linien nach _f_{c}_. Auf der Tiefenlinie von 0

nach ~A~ hat man jetzt den Tiefenmaßstab anzutragen, der in dem

Treppenprofil gegeben ist. Wir tragen nach Aufg. 5 den Maßstab auf der

Grundlinie an und projizieren ihn aus ~D_{1}~ auf die Tiefenlinie. So

erhält man die Bilder 1', 2', 3', 4' usf. In diesen Punkten sind jetzt

nach Aufg. 11 Höhen zu errichten, die bzw. eine, zwei, drei Stufenhöhen

betragen. Wir tragen deswegen auf der durch 0 gehenden Vertikalen einen

Maßstab mit einer Einheit gleich einer Stufenhöhe ab; dann liefert die

Tiefenlinie 1.A auf der durch 1' gehenden Senkrechten den Punkt I', die

durch 2 gehende Tiefenlinie 2.~A~ schneidet auf der durch 2' gezogenen

Vertikalen den Punkt II' aus usf. Eine Kontrolle besteht darin, daß

alle Punkte I', II', III' ... auf einer Geraden _B'_ liegen müssen,

die durch _f_{c}_ geht. Gleichzeitig erhält man die auf _C'_ gelegenen

Eckpunkte der unteren Treppenkanten. Nun kann man ohne weiteres durch

diese Punkte die Horizontalen zeichnen bis zur rechten Treppenwange.

Man beachte, daß man auf diejenigen Treppenstufen, die +unter+ dem

Horizont liegen, Aufsicht hat, auf die +über+ dem Horizont befindlichen

Stufen dagegen Untersicht. In unserer Figur ist, um Raum zu sparen, die

Distanz etwas klein angenommen; man wähle sie größer, wodurch das Bild

gewinnen wird.

[Illustration: Fig. 53.]

Es ist auch nicht uninteressant zu bemerken, daß Linien, welche im

Raume steigen oder fallen, im Bilde durchaus nicht zu steigen oder zu

fallen brauchen. Das kann man an Fig. 53 beobachten. Die Fluchtpunkte

des Giebels sind _f_{a}_ und _f_{b}_, aber die Linie _x'y'_ +fällt+ im

Bilde, in der Richtung gegen den Fluchtpunkt durchlaufen, während die

Gerade _xy_ selbst im Raume offenbar steigt.

§ 10. Der photographische Apparat.

=28. Die Entstehung des photographischen Bildes.= Wie allgemein

verbreitet die perspektivischen Bilder sind und welche Bedeutung ihnen

für die Versinnlichung der uns umgebenden Welt zukommt, kann durch

nichts stärker zum Bewußtsein gebracht werden als durch die Tatsache,

daß jede Photographie ein perspektivisches Bild ist.

Indem wir hinsichtlich der Einrichtung eines photographischen Apparates

und der Wirkung des Objektives auf andere Darstellungen verweisen[4],

bemerken wir nur, daß wir uns die Entstehung des Bildes auf der

Mattscheibe für unsere Zwecke hinreichend genau in folgender Weise

denken können.

[4] Otto Prelinger, Die Photographie (ANuG Bd. 414). 1914. Moritz

von Rohr, Die optischen Instrumente (ANuG Bd. 88). 1906.

[Illustration: Fig. 54.]

Die Begrenzungsflächen der Linsen des Objektives sind Ausschnitte aus

Kugelflächen und die Mittelpunkte aller dieser Kugeln liegen auf einer

Geraden, der optischen Achse des Linsensystems. Das photographische

Bild entsteht nun durch eine Zentralprojektion, die aus einem Punkte

_O_ erfolgt (Fig. 54), der auf der Achse des Linsensystems liegt, und

zwar angenähert in der Mitte zwischen den Punkten, in denen die Achse

die vorderste und hinterste Linsenfläche schneidet. Dieser Punkt heißt

wohl auch der »Mittelpunkt« des Objektives.

[Illustration: Fig. 54 ~a~.]

Wie verhält es sich aber weiter mit der Bildebene? Die Haupteigenschaft

des Linsensystems ist die, daß jede auf der optischen Achse senkrechte

Ebene wieder in eine auf der Achse senkrechte Ebene abgebildet wird.

Photographiert man also z. B. ein Gemälde oder eine Karte, so ist die

Mattscheibe an die Stelle der entsprechenden Ebene zu bringen. Alle

Punkte des Gemäldes sind dann scharf eingestellt. Weiter kann unser

Auge die Unschärfe erst von einem gewissen Grade an erkennen. Das hat

zur Folge, daß nicht nur Punkte der betreffenden Ebene, sondern eine

ganze Schicht vor und hinter ihr gelegener Punkte ebenfalls scharf

erscheinen. Es wird folglich ein ganzes Stück des Raumes brauchbar

abgebildet. Am wichtigsten wird diese Eigenschaft, wenn wir auf einen

weit entfernten Gegenstand, z. B. einen Kirchturm, einstellen. Dann hat

die Mattscheibe des Objektives eine gewisse Entfernung vom Mittelpunkt

des Objektives, die man die »Brennweite« nennt. Es erscheint nun aber

nicht nur der Kirchturm scharf auf der Mattscheibe, sondern ein großer

Teil des Raumes bis zu einer bestimmten Entfernung vom Objektiv liefert

ein scharfes Bild. Nimmt man also eine Landschaft oder eine Architektur

auf, so genügt diese Einstellung für das ganze Objekt. Man sagt, es

sei »auf Unendlich« eingestellt und bei manchen Apparaten ist die

Mattscheibe überhaupt in dieser Stellung fixiert. Sind beispielsweise

_ab_ und _cd_ zwei parallele, ziemlich entfernte vertikale Gerade (Fig.

54) und ist auf Unendlich eingestellt, so ergeben sich die Bilder von

_ab_ und _cd_, indem man durch den Mittelpunkt _O_ des Objektives die

Strahlen konstruiert und diese mit der Mattscheibe zum Schnitt bringt.

Es entstehen die Bilder _a'b'_ und _c'd'_. (Ein Unterschied gegenüber

unserer perspektivischen Abbildung besteht nur darin, daß wie beim

Vorgang des Sehens das Projektions-Zentrum zwischen Gegenstand und

Bildtafel gelegen ist. Deswegen erscheint das Bild auf der Mattscheibe

verkehrt: es ist oben und unten, rechts und links vertauscht. Man kann

sich übrigens eine Ebene denken, welche zwischen dem Mittelpunkt und

dem Gegenstand parallel zur Mattscheibe verläuft und ebenso weit vom

Mittelpunkt entfernt ist als die Mattscheibe. Diese Ebene würde aus dem

Bündel der projizierenden Strahlen das aufrechte Bild des Gegenstandes

ausschneiden.

Demnach müssen Photographien alle Eigenschaften perspektivischer Bilder

zeigen und man mag an der Abb. 7 (S. 70) die Verkürzungen, den Verlauf

horizontaler Geraden und den Fluchtpunktsatz verfolgen. Speziell aus

dem letzteren wollen wir noch eine Folgerung ableiten.

[Illustration: Abb. 6.]

=29. Stürzende Linien.= Nehmen wir an, daß _ab_ und _cd_ zwei vertikale

Gerade (Fig. 54) und ist die Mattscheibe ebenfalls genau vertikal

gestellt, so sind _ab_ und _cd_ parallel zur Bildebene, also müssen

nach Satz 10 ihre Bilder _a'b'_ und _c'd'_ auch parallel sein (Fig.

54 rechts). In der Tat erscheinen in der Abb. 7 alle vertikalen

Geraden vertikal. Denken wir uns aber, daß _ab_ und _cd_ etwa zwei

in ziemlicher Höhe z. B. an einem Giebel befindliche Linien seien

und der Photograph würde, um sie auf die Mattscheibe zu bekommen,

den Apparat in die Höhe drehen, wie es Fig. 54 ~a~ andeutet. Jetzt

sind die parallelen Geraden _ab_ und _cd_ nicht mehr parallel zur

Bildebene. Ihre Bilder werden also auch nicht mehr parallel, sondern

sie konvergieren nach einem Fluchtpunkt _f_, der unterhalb in der

erweiterten Ebene der Mattscheibe liegt. Das Bild der Geraden zeigt

Fig. 54 ~a~ rechts. Das Siegestor in München wurde in dieser Weise

mit gestürztem Apparat photographiert (Abb. 6). Natürlich liegt der

Fluchtpunkt jetzt oben, da wir das Bild doch umkehren Aber auch aus

Versehen oder aus Unachtsamkeit können sich namentlich beim Gebrauch

einer Handkamera solche stürzende Linien einstellen. Würde man, um von

einem hohen Standpunkt in die Tiefe zu photographieren, den Apparat

nach unten neigen, so läge der Fluchtpunkt der Vertikalen im Bilde

unten und die Gebäude fielen auf den Beschauer zu.

Man kann übrigens auch bei gestürztem Apparat vertikale Linien wieder

parallel und vertikal erhalten, wenn man die Mattscheibe um _m_ so

lange dreht (Fig. 54 ~a~), bis sie in der Stellung _mp_ wieder vertikal

steht. Dann muß man allerdings neu einstellen. Aus diesem Grunde

ist bei manchen, besseren Apparaten die Möglichkeit gegeben, die

Mattscheibe zu drehen.

Endlich wird man noch die Frage stellen können: Aus welchem Punkte

muß denn eine Photographie, die doch ein perspektivisches Bild ist,

betrachtet werden? Wir wollen uns auf den Fall beschränken, daß ein

ziemlich entferntes Objekt, eine Landschaft oder eine Architektur,

mit der Einstellung auf Unendlich aufgenommen worden sei. Dann ist

eine solche Photographie offenbar aus einer Entfernung zu betrachten,

die gleich der +Brennweite+ ist. Es tritt also in diesem Falle als

+Distanz+ die Brennweite ein.

§ 11. Die Wahl der Distanz.

=30. Größe der Distanz.= Ein Gegenstand sei in seiner Lage gegen die

Bildebene gegeben, ferner möge die Tafel durch den Bildausschnitt, etwa

durch ein Rechteck _abcd_ Fig. 55, begrenzt sein. Dann kann man noch

sehr verschiedene Bilder dieses Gegenstandes erhalten, indem man die

Distanz und die Augenhöhe verschieden wählt. Der Augpunkt soll dabei

immer in der Mittellinie des Bildes angenommen werden. Als Gegenstand

bilden wir einen rechtwinklig begrenzten Raum ab mit einem quadratisch

getäfelten Fußboden und einem Würfel, der sich über einem Quadrate des

Fußbodens erhebt. Wir wählen zunächst die Distanz ~AD_{1}~ klein,

nämlich noch kleiner als die kleinere Seite des Bildrechtecks, und

zeichnen die Darstellung in Fig. 55 für eine mittlere, in Fig. 56 für

eine große Augenhöhe. Man erkennt, daß in beiden Fällen, namentlich

aber bei dem hohen Horizont, die Bodenfläche so stark steigt, daß

darauf befindliche Figuren förmlich herunterzurutschen scheinen, und

daß sich unschöne Verkürzungen ergeben. Die Abb. 3 (S. 30) zeigt uns

ein solches Interieur mit sehr hohem Horizont, der etwa in 8/11

der Bildhöhe verläuft. Dagegen kann für die Darstellung einer Stadt

oder eines ganzen Landes recht gut eine Perspektive mit sehr hohem

Horizont verwendet werden. Ein solches Bild nennt man dann eine

»Vogelperspektive«.

[Illustration: Fig. 55.]

[Illustration: Fig. 56.]

[Illustration: Fig. 57.]

In den Figuren 57 und 58 wurde die Distanz größer angenommen, nämlich

1½mal so groß als die größere Seite des Bildausschnittes. Endlich gibt

Fig. 59 eine Darstellung, in der die Distanz 3mal so groß gewählt ist

als die größere Seite _ab_ des Bildes. Man bemerkt, wie in diesem

Falle die Bodenfläche und die Wände schon sehr zusammenschrumpfen. Je

größer man die Distanz wählen würde, um so mehr würde sich das Bild

einer Orthogonalprojektion nähern. Es verwischen sich aber dann die

eigentlichen, perspektivischen Eigenschaften des Bildes mehr und mehr.

Vergleicht man die fünf Figuren, so ergibt sich, daß man Fig. 56 und

Fig. 58 wohl als die schönsten und ästhetisch brauchbarsten Bilder

bezeichnen muß.

[Illustration: Fig. 58.]

Wir bringen dies weiter in Zusammenhang mit folgender Tatsache: wenn

wir irgendein größeres Objekt, sei es nun ein räumlicher Gegenstand

oder ein Bild, als +Ganzes+ betrachten wollen, so treten wir so weit

von dem Objekt zurück, daß wir dasselbe ohne Bewegungen des Kopfes

übersehen können. Dann erst haben wir einen +Gesamteindruck+. Je

größer der Gegenstand ist, um so weiter entfernt wählen wir unseren

Standpunkt. Offenbar beherrscht unser Auge nur einen Kegel von ganz

bestimmter Öffnung und wir richten unsere Stellung dem Objekt gegenüber

so ein, daß das Objekt ganz in diesen Kegel hineinfällt.

[Illustration: Fig. 59.]

Auf diese Weise erkennt man, daß die Distanz nicht völlig willkürlich

gewählt werden darf. Ist sie zu groß, so verliert das Bild die

charakteristischen, perspektivischen Wirkungen; ist sie zu klein, so

ergeben sich übertriebene Verkürzungen. Aus der Praxis heraus hat sich

folgende Regel ausgebildet:

Man wähle die Distanz 1½mal bis 2mal so groß als die größere Seite des

Bildrechteckes.

In betreff der mit kleiner Distanz gezeichneten Bilder ist auch noch

daran zu erinnern, daß das normale, nicht kurzsichtige Auge auf

Gegenstände, die näher als etwa 25 ~cm~ am Auge liegen, nicht mehr

akkommodieren kann, das heißt es kann solche Objekte nicht mehr scharf

sehen. Auch aus diesem Grunde sind demnach allzu kleine Distanzen zu

vermeiden.

[Illustration: Fig. 60.]

[Illustration: Abb. 7.]

=31. Wirkung einer zu kleinen Distanz, das Interieur.= Es liegt weiter

nahe, daß man eine für eine kleine Distanz angefertigte Zeichnung aus

einer Entfernung betrachtet, die größer ist als die Distanz. Dann

treten übertriebene Tiefenwirkungen auf. In der Tat denken wir uns

einen Würfel, der mit der Fläche in der Bildtafel liegt. Das Auge

befinde sich in der Erweiterung der unteren Würfelfläche. Fig. 60

(links) stellt den Schnitt mit einer Ebene dar, die durch das Auge

senkrecht zur Bildebene geht. Das Bild des Würfels wird dann durch

_a_, _b_, _c'_ angedeutet. Ist nun umgekehrt das Bild _a_, _b_, _c'_

gegeben, so ist vorauszuschicken, daß natürlich durch +ein+ Bild der

Körper nicht bestimmt sein kann. Wenn wir aber z. B. noch wissen oder

stillschweigend annehmen, daß es sich um einen rechtwinklig begrenzten

Körper handelt, so können wir aus dem einen Bild den Körper

rekonstruieren.

[Illustration: Abb. 8.]

Es möge nun das Bild _a_, _b_, _c'_ aus einem Punkte _O_{1}_ betrachtet

werden (Fig. 60 rechts), der weiter von der Bildebene entfernt

liegt als _O_. Der zum Punkte _c'_ gehörige Raumpunkt _c_ liegt

dann einerseits auf der Linie _O_{1}c'_, andererseits aber wegen der

rechtwinkligen Natur des Körpers auf der Senkrechten in _b_ zur

Bildebene. Statt des Würfels erhalten wir einen viel längeren,

rechteckigen Quader _abcd_. Es scheint also der Körper viel tiefer zu

sein, als er wirklich ist.

[Illustration: Abb. 9.]

Diese unnatürliche Vertiefung (Tunnelperspektive) kann man z. B. an

photographischen Bildern beobachten, die mit Objektiven von kleiner

Brennweite hergestellt werden, weil solche Darstellungen eben meistens

aus einer zu großen Entfernung betrachtet werden. So erscheint in Abb.

7 (S. 70) das Gebäude viel länger als in Wirklichkeit. Ein einfaches

Mittel, von solchen Photographien ein richtiges Bild zu bekommen,

besteht darin, daß man sie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet. Dann

wird mit dem Bilde auch die Distanz vergrößert, und man gewinnt eher

die richtige Entfernung für das Auge.

Eine ganz entsprechende +Verkürzung+ des Objektes der Tiefe nach tritt

ein, wenn man unter der gleichen Annahme wie oben ein perspektivisches

Bild aus einer zu kleinen Distanz betrachtet.

Eine kleine Distanz bevorzugt man bei der Darstellung eines

Innenraumes, also beim Interieur, weil dadurch die Vorstellung erweckt

wird, daß der Beschauer sich noch im Innern des betreffenden Raumes

befindet.

Prüft man beispielsweise in dem Fresko von +Raffael+ (1485--1520), die

»Schule von Athen« (Abb. 8, S. 71), das die eine Wand der ~camera

della segnatura~ im Vatikan in Rom einnimmt, auf Grund einer großen

Photographie die perspektivische Konstruktion, so stimmt diese

allerdings nicht vollständig genau. Als mittlerer Wert ergibt sich

aber für die Distanz, daß sie etwas größer ist als die Breite des

Bildes (ungefähr = 1⅐ der Bildbreite). Man beachte aber, welche

unvergleichlich großartige Raumwirkung der Künstler durch den

Kuppelraum mit den beiden Schiffen und die Vordergrundsszene erzielt.

Kleiner als die größere Seite des Bildausschnittes wird man aber die

Distanz nicht wählen.

[Illustration: Fig. 61.]

Grundzüge der Perspektive nebst Anwendungen · 第 5 / 9 段