Um die obige Konstruktion auszuführen, legt man zunächst eine

gewöhnliche Reißschiene _R'_ durch _a_{1}_, bestimmt durch Abgreifen

mit dem Zirkel _Y_ und verschiebt sodann _L_ so lange, bis es durch _Y_

geht. Die Kuppelung befindet sich nun in _B_{1}_, und die Schiene _R_

bestimmt auf dem Horizont die gesuchte Strecke ~A~_B_ = ~A_{1}~_B_{1}_.

Legt man endlich _L_ durch _a_{1}_, so gibt die Schiene _R_ das Lot in

_a_{1}'_, und längs derselben kann ~A~_B_ angetragen werden. Da das

Objekt bei der in Abb. 2 gemachten Annahme +vor+ der Bildebene liegt,

so wird es durch die Perspektive vergrößert.

Es gibt Vorrichtungen (sog. Perspektographen), welche überhaupt

Perspektiven mechanisch herstellen; so haben +G. Hauck+ und +E. Brauer+

einen allerdings komplizierten und teueren Apparat konstruiert, bei dem

ein freier Stift die Perspektive beschreibt, wenn man mit zwei anderen

Stiften den Grund- und Aufriß nachfährt. Man vgl. Zeitschrift des

Vereins deutscher Ingenieure, Bd. 35, 1891 Nr. 28, S. 782.

Wesentlich ist, daß das in 8. erörterte Verfahren, das man auch als

die »+Schnittmethode+« bezeichnet, uns zwar die Möglichkeit gibt, das

perspektivische Bild Punkt für Punkt zu zeichnen, daß es uns aber

keinen Einblick in die Natur dieser Bilder gewährt und uns keine

Eigenschaften solcher Bilder liefert. So gehen beispielsweise in

Fig. 12 die vier Linien _b'a'_, _c'd'_, _g'h'_, _f'e'_ hinreichend

verlängert durch +einen+ Punkt, nämlich durch ~A~, und es leuchtet ohne

weiteres ein, daß dies für die Zeichnung mit Vorteil verwendet werden

kann. Deswegen gehen wir jetzt dazu über, denjenigen Satz zu beweisen,

der die wichtigste Eigenschaft aller perspektivischen Bilder liefert.

§ 4. Der Satz vom Fluchtpunkt.

=10. Der Fluchtpunkt einer Geraden.= Wir erinnern zunächst an

folgenden, auch der Anschauung leicht zugänglichen Satz: »Irgend zwei

parallele Gerade im Raume bestimmen eine Ebene, und jede Gerade, welche

diese beiden parallelen Geraden schneidet, liegt ebenfalls ganz in

dieser Ebene.«

Dieser grundlegenden Behauptung der Geometrie kann man auch folgende

andere Fassung geben:

»Ist eine Gerade _G_ gegeben und ein Punkt _O_ (Fig. 14) und verbindet

man den Punkt _O_ mit beliebigen Punkten _a_, _b_, ... von _G_, so

liegen alle diese Verbindungslinien in +einer+ Ebene, und dieser Ebene

gehört auch die Gerade _J_ an, welche durch _O_ parallel zu _G_ gezogen

werden kann.«

Es sei nun weiter die Bildtafel Π gegeben sowie das Auge _O_; es soll

das perspektivische Bild der Geraden _G_ gezeichnet werden. Dieses

Bild _G'_ erhält man, wenn man die Bilder der einzelnen Punkte _a_,

_b_, _c_, ... von _G_ aufsucht. Man hat also die Projektionsstrahlen

_Oa_, _Ob_, _Oc_, ... mit Π zum Schnitt zu bringen. Alle diese Punkte

_a'_, _b'_, _c'_ ... liegen dann aber auf der Geraden _G'_, in welcher

die Ebene der Projektionsstrahlen _Oa_, _Ob_, _Oc_, ... die Tafel Π

durchsetzt. In der Ebene dieser Projektionsstrahlen liegt nun nach dem

obigen Satze auch der Strahl _J_, der durch _O_ parallel zu _G_ gezogen

werden kann. Trifft er in _f_ die Tafel, so muß also _G'_ auch durch

_f_ gehen.

Die Gerade _G_ schneidet ferner die Tafel Π in einem Punkte _s_; er

heißt die »Spur« der Geraden, und er muß selbstverständlich auch auf

_G'_ gelegen sein.

[Illustration: Fig. 14.]

Der Punkt _f_ dagegen heißt der »+Fluchtpunkt+« oder die »+Flucht+«

oder auch der »+Verschwindungspunkt der Geraden _G_+«. Diese sehr

treffende Bezeichnung erklärt sich in folgender Weise. Lassen wir

einen Punkt sich auf der Geraden _G_ von der Spur _s_ aus nach links

immer weiter und weiter fortbewegen, so daß er die Lagen _a_, _b_,

_c_, ... annimmt, so werden sich die Bilder _a'_, _b'_, _c'_ ... dem

Fluchtpunkt _f_ mehr und mehr nähern. Ist der Punkt auf der Geraden _G_

schon sehr weit hinausgerückt, so wird das Bild des Punktes ziemlich

nahe an _f_ liegen. Aber allerdings gibt es keinen erreichbaren

Punkt auf _G_, dessen Bild wirklich nach _f_ fiele. Denkt man sich

die Gerade _G_ als eine materiell hergestellte, sehr lange, dünne

Stange aus Draht oder Holz und Π wieder als Glastafel und visiert ein

in _O_ angebrachtes Auge die Stange ein, so wird ihr Ende nahezu in

_f_ erscheinen, die Gerade »verschwindet« in _f_. Das Bild G' läuft

verlängert durch den Fluchtpunkt, oder es »flieht« nach _f_.

Wir geben nochmals an, wie der Fluchtpunkt einer Geraden zu

konstruieren ist:

=Satz 7.= +Der Fluchtpunkt einer Geraden wird erhalten, wenn

man durch das Auge eine Parallele zu der Geraden zieht. Der

Schnittpunkt dieser Parallelen mit der Tafel (die Spur dieses

Parallelstrahles) ist der Fluchtpunkt der Geraden.+

Das Bild _G'_ wird man zeichnen können, wenn man 2 Punkte desselben

bestimmt hat. Als solche bieten sich ganz von selbst die Spur _s_ und

die Flucht _f_ dar. Man kann also sagen:

=Satz 8.= +Das Bild einer Geraden ist die Verbindungslinie ihrer

Spur und ihres Fluchtpunktes.+

Um ein Beispiel zu haben, betrachten wir Fig. 12. Wählen wir die Kante

_ab_ des Würfels. Der Fluchtpunkt dieser Geraden ergibt sich, wenn wir

durch _O_ die Parallele zeichnen. Da die Kante auf der Tafel _ZXY_

senkrecht steht, so ist diese Parallele die Linie _O_~A~ und ~A~ ist

der Fluchtpunkt. Es geht also in dem perspektivischen Bilde rechts oben

_a'b'_ verlängert durch ~A~.

=11. Der Satz vom Fluchtpunkt.= Denken wir uns nun (Fig. 14) eine

zweite Gerade _H_ gegeben, welche zu _G_ parallel sein soll. Die Spur

von _H_ sei der Punkt _s'_. Dann weiß man, daß die Linie _J_ oder _Of_

auch parallel zu _H_, und dies besagt doch nichts anderes, als daß _f_

auch der Fluchtpunkt der Geraden _H_ sein muß. Das perspektivische

Bild _H'_ der Geraden _H_ läuft folglich durch _f_ und durch _s'_.

Ebenso wäre für jede andere Gerade, welche zu _G_ parallel ist, _f_

der Fluchtpunkt. Die Bilder _G'_ und _H'_ der parallelen Geraden _G_

und _H_ laufen also im gemeinsamen Fluchtpunkt _f_ zusammen. Damit

erhalten wir den die ganze Lehre von der perspektivischen Zeichnung

beherrschenden

=Satz 9.= +Sind eine Anzahl paralleler Geraden im Raume gegeben,

so sind die perspektivischen Bilder dieser Geraden nicht

parallel, sondern sie laufen+, =hinreichend verlängert=,

+durch einen Punkt, den gemeinsamen Fluchtpunkt der parallelen

Geraden+.

[Illustration: Fig. 15.]

Man beachte, daß im Gegensatze dazu bei der orthogonalen Projektion

nach Satz 3 (S. 7) parallele Gerade im Raume auch stets Bilder haben,

die wieder +parallel+ sind. Die Figur 12 liefert uns auch sofort ein

Beispiel für die Anwendung dieses Fluchtpunktsatzes. Betrachten wir

an dem dort dargestellten Würfel die 4 Kanten _ba_, _cd_, _gh_, _fe_,

so erkennt man leicht, daß dieses 4 parallele Gerade sind. ~A~ ist

offenbar der gemeinsame Fluchtpunkt derselben, und die Bilder _b'a'_,

_c'd'_, _g'h'_, _f'e'_ laufen demnach verlängert durch ~A~.

Eine aufmerksame Betrachtung der Fig. 12 kann uns übrigens darüber

belehren, daß es doch parallele Gerade gibt, deren Bilder auch wieder

parallel sind. So sind die vier Geraden _bc_, _ad_, _eh_, _fg_ offenbar

im Raume parallel, und ihre Bilder _b'c'_, _a'd'_, _e'h'_, _f'g'_ sind

ebenfalls parallel. Die gleiche Eigenschaft zeigen die vier Kanten

_ae_, _bf_, _cg_, _dh_. Betrachten wir nun, um dies klar zu übersehen,

eine Gerade _G_, welche zur Bildebene Π parallel ist (Fig. 15). Das

Bild _G'_ derselben ergibt sich wieder, wenn wir nach allen möglichen

Punkten von _G_ die Projektionsstrahlen legen und diese mit der Tafel

zum Schnitt bringen. Alle diese Strahlen bilden aber eine Ebene, und

diese projizierende Ebene schneidet aus Π das Bild _G'_ aus. Wenn wir

nun angenommen haben, daß die Gerade _G_ zur Bildtafel Π parallel ist,

so heißt das, daß sie die Bildtafel nicht schneidet. Die Gerade _G_

kann also auch _G'_ nicht schneiden oder mit anderen Worten: es ist _G_

parallel _G'_.

Ist nun _H_ eine zweite zu _G_ parallele Gerade, so folgt ganz in

der gleichen Weise, daß auch _H_ parallel zu _H'_ ist, und daraus

folgert man sofort, daß auch _G'_ parallel _H'_ ist. Diese beiden

parallelen Geraden _G_ und _H_ haben also parallele Bilder _G'_ und

_H'_. Allgemein kann man diesen besonderen Fall des Fluchtpunktsatzes

aussprechen als

=Satz 10.= »+Parallele Geraden, welche überdies zur Bildebene

parallel laufen, haben auch parallele, perspektivische

Bilder; die Bilder solcher Geraden sind zu den Geraden selbst

parallel.+«

[Illustration: Fig. 16.]

=12. Das Fluchtpunktgesetz in der Erscheinungswelt.= Der Begriff der

Zentralprojektion war abgeleitet aus dem Vorgang des Sehens, den wir

jetzt etwas genauer untersuchen müssen. Das menschliche Auge entwirft

von beleuchteten Gegenständen, die sich vor ihm befinden, auf der im

Hintergrunde des Auges befindlichen Netzhaut kleine Bildchen, die

dadurch entstehen, daß man die Punkte des Gegenstandes aus einem

bestimmten, im Auge gelegenen Punkte _o_ auf die Netzhaut projiziert.

In Fig. 16 ist das allerdings in ganz unrichtigen Größenverhältnissen

wiedergegeben. Als Objekte sind die beiden parallelen Pfeile _ab_ und

_cd_ gewählt. _o_ ist das Zentrum, und die von _o_ nach den Punkten

_a_, _b_, _c_, _d_ gehenden Strahlen schneiden die Netzhaut in den

Punkten _a'_, _b'_, _c'_, _d'_. So entstehen die Bildchen _a'b'_ und

_c'd'_. In zweierlei Hinsicht unterscheidet sich freilich die hier

zur Verwertung kommende Perspektive von der von uns betrachteten.

Erstens tritt an Stelle der ebenen Bildtafel die kugelförmig gewölbte

Netzhaut, und zweitens befinden sich Gegenstand und auffangende Fläche

auf verschiedenen Seiten des Zentrums _o_. Das letztere äußert sich

dadurch, daß die Bildchen auf der Netzhaut verkehrt sich ausbilden.

So sind z. B. die Pfeilspitzen _a'_, _c'_ unten gelegen. Mit dem

Augenspiegel kann man das direkt beobachten. Denkt man sich weiter

durch _o_ die Parallele zu _ab_ gezogen, so schneidet diese die

Netzhaut in einem Punkte _f_, den wir als den Fluchtpunkt aller zu

_ab_ parallelen Linien bezeichnen müssen. Je länger der Pfeil _ab_

ist, desto mehr strebt das Bildchen _a'b'_ dem Punkte _f_ zu. Die

beiden Bilder _a'b'_ und _c'd'_ laufen verlängert durch _f_, und diese

Tatsache drückt sich auch in unserem Wahrnehmungsbild aus, indem

sich die beiden Pfeile zu nähern scheinen. In der Tat kann man das

auf Schritt und Tritt beobachten. Wenn eine Straße auf eine lange

Strecke geradlinig verläuft, so scheinen die Häuser am Ende derselben

zusammenzurücken, ebenso die Trambahnschienen und die Gesimslinien

ihrer Gebäude. Eine geradlinige Allee schließt sich scheinbar in der

Ferne, in gleicher Weise ein sehr langer Korridor. Am großartigsten

zeigt sich die Erscheinung, wenn die Sonnenstrahlen durch eine

Wolkenlücke brechen. Sie werden dann in ihrem geradlinigen Verlauf

sichtbar, indem sie die Wolken oder andere Teile der Landschaft

beleuchten. Die Strahlen, die durch die Lücke hindurchgehen, sind nun

parallel, da wir Strahlen, die von +einem+ Punkte der Sonne ausgehen,

als parallel betrachten müssen. Für unser Auge aber scheinen diese

Strahlen von einem Punkte auszugehen, eben dem Fluchtpunkte derselben.

So bringt uns unser Auge den Satz vom Fluchtpunkte fast in jedem Moment

zum Bewußtsein und wir können nicht über die Straße gehen, ohne ihn zu

erleben. Das ganze Weltbild, das wir beständig vor Augen haben, wird

durch dieses Gesetz wesentlich beeinflußt.

§ 5. Andere Bestimmung eines perspektivischen Bildes.

[Illustration: Fig. 17.]

=13. Die festen Elemente.= Wir wollen nun einen anderen Weg

einschlagen, um perspektivische Bilder von Körpern zu zeichnen, indem

wir den Satz vom Fluchtpunkt jetzt so viel als möglich heranziehen. Es

ist dann zunächst nötig, eine Anzahl fester Elemente einzuführen, auf

die wir die Darstellung beziehen. Die Bildebene oder Tafel denken wir

uns wieder als eine lotrechte Ebene. Die darzustellenden Gegenstände

werden sich nun in den meisten Fällen auf einer horizontalen

Bodenfläche befinden; wir führen dementsprechend eine zur Tafel

senkrechte, wagrechte Ebene ein, die wir kurz die »Grundebene« nennen.

Die Figuren 17 und 18 geben wieder eine Ansicht aller zu benutzenden

Gebilde. Die Grundebene Π_{1} wird die Tafel Π in einer Geraden _gg_

schneiden, welche »Grundlinie« heißen soll. Von dem im Raume gegebenen

Auge _O_ fällen wir eine Senkrechte auf die Tafel, deren Fußpunkt der

schon erwähnte »Haupt«- oder »Aug«-Punkt ~A~ ist. Da die Linie _O_~A~

demnach parallel zur Grundebene verläuft, so kann man durch _O_~A~ eine

Ebene legen, welche parallel zur Grundebene ist. Diese Parallelebene

schneidet aus der Tafel eine Linie _hh_ aus, welche parallel zur

Grundlinie _gg_ sein muß und bereits als der »Horizont« bezeichnet

wurde. Die Parallelebene selbst hieß die »Horizontebene«. Der Abstand

des Horizonts von der Grundlinie oder, was das gleiche ist, der Abstand

der Horizontebene von der Grundebene wird die »Augenhöhe« genannt.

Endlich tragen wir noch die Distanz _O_~A~ vom Augpunkt aus nach beiden

Seiten auf dem Horizont ab, wodurch wir die Punkte ~D_{1}~ und ~D_{2}~

erhalten. Diese heißen die »Distanzpunkte«. Da also ~AD_{1}~ = ~A~_O_

= ~AD_{2}~, so sind die Dreiecke ~D_{1}~_O_~A~ und ~D_{2}~_O_~A~ beide

gleichschenklig rechtwinklig, und es ist ∢ ~AD_{1}~_O_ = ∢ ~AD_{2}~_O_

= 45°.

In der Zeichenebene geben wir uns also (Fig. 19) zwei parallele Linien

_hh_ und _gg_ und auf der oberen den Punkt ~A~ sowie im gleichen

Abstande rechts und links die Punkte ~D_{1}~ und ~D_{2}~. Die Lage des

Auges im Raume ist damit festgelegt: es liegt auf der Senkrechten, die

wir uns im Punkte ~A~ zur Zeichenebene errichtet denken, und zwar in

einem Abstande von ~A~, der gleich ~AD_{1}~ oder ~AD_{2}~ ist.

Durch die Annahme dieser Elemente ist nun bereits eine ganze Anzahl

von Richtungen bestimmt. Eine auf der Zeichenebene senkrechte Gerade

_T_ liefert uns die Ausdehnung des Gegenstandes nach der »Tiefe« zu,

wie wir ja auch von der Tiefe eines Kastens oder einer Bühne sprechen

und darunter die Abmessung verstehen, die lotrecht zur Vorderfläche

erfolgt. Wir nennen aus diesem Grunde jede auf der Bildebene senkrechte

Gerade _T_ eine »+Tiefenlinie+« (Fig. 18 oben). Die durch das Auge _O_

zu einer solchen Tiefenlinie gelegte Parallele wird dann aber immer der

Strahl _O_~A~, und folglich ist nach Satz 7 ~A~ ihr Fluchtpunkt. Damit

haben wir aber bewiesen:

=Satz 11.= »+Der Augpunkt A ist der Fluchtpunkt für alle

Tiefenlinien, d. h. die Bilder aller Tiefenlinien gehen

verlängert durch den Augpunkt+.«

Der Augpunkt beherrscht deswegen die ganze Darstellung und legt die im

Bilde fehlende dritte Dimension fest.

Um die Bedeutung des Horizontes zu erkennen, erinnern wir zunächst an

folgenden Satz aus der Stereometrie: »Ist eine Ebene Π_{1} gegeben und

außerhalb derselben ein Punkt _O_, so gibt es durch _O_ nur +eine+

Ebene, welche zu Π_{1} parallel ist.«

Diese Behauptung kann man auch durch folgende andere ersetzen:

»Zieht man in der Ebene Π_{1} +irgend+welche Gerade und zeichnet durch

_O_ die Parallelen zu derselben, so liegen alle diese Parallelen in

einer Ebene, eben in der Parallelebene durch _O_ zu Π_{1}.« Ist also

_G_ irgendeine Gerade der Grundebene (Fig. 17) und ziehen wir zu ihr

durch _O_ die Parallele, so liegt diese in der Horizontebene, der

Schnittpunkt _f_ der Parallelen mit der Tafel muß demnach auf _hh_

gelegen sein; er ist aber der Fluchtpunkt der Geraden _G_; mit anderen

Worten:

=Satz 12.= +Alle in der Grundebene gelegenen Geraden haben ihre

Fluchtpunkte auf dem Horizonte.+

~A~ ist im besonderen der Fluchtpunkt aller zur Grundlinie _gg_

senkrechten Geraden der Grundebene, was wir ja schon wissen. Zeichnen

wir ferner in der Grundebene ein Quadrat _abcd_ (Fig. 18), das mit

einer Seite _ab_ in der Grundlinie liegt. Dann schließen die Linien

_ac_ und _bd_, die sog. Diagonalen des Quadrates, mit der Grundlinie

Winkel von 45° ein. Man vgl. auch Fig. 19, in welcher unten das Quadrat

(_a_)(_b_)(_c_)(_d_) in seiner wahren Gestalt zu sehen ist. Es ist aber

klar, daß die Linie _OD_{1}_ parallel zu _bd_ und _OD_{2}_ parallel

zu _ac_; _D_{1}_ und _D_{2}_ sind die Fluchtpunkte der Diagonalen des

Quadrates und aller zu diesen beiden Geraden parallelen Geraden der

Grundebene d. h.

=Satz 13.= »+Alle Linien der Grundebene, welche mit der

Grundlinie den Winkel von 45° nach der einen oder anderen Seite

einschließen, haben die Distanzpunkte bzw. zu Fluchtpunkten.+«

[Illustration: Fig. 18.]

Endlich wollen wir noch eine andere Eigenschaft des Horizontes kennen

lernen. Ist _d_ ein Punkt in der Grundebene, _d'_ sein Bild, also der

Schnittpunkt des Sehstrahles _Od_ mit Π (Fig. 18), so wollen wir uns

vorstellen, daß der Punkt _d_ weiter und weiter nach links in der

Grundebene hinausrückt. Dann wird das Bild _d'_ offenbar immer höher

in der Bildtafel hinaufrücken, da sich der Strahl _Od_ mehr und mehr

aufrichtet. Ist _d_ sehr weit entfernt in der Grundebene angenommen,

so wird das Bild _d'_ dem Horizont _hh_ schon sehr nahe liegen. Wir

gewinnen daraus folgende Deutung für den Horizont:

=Satz 14.= »+Punkte, die sehr weit entfernt in der Grundebene

liegen, haben Bilder, die nahezu in den Horizont fallen.+«

Ein schönes Beispiel dafür liefert die Darstellung des offenen Meeres.

Denn seine Oberfläche müssen wir uns als eine weit ausgedehnte Ebene

denken. Ist also in einem Gemälde das freie Meer überhaupt oder eine

weit ausgedehnte Wasserfläche dargestellt, so gibt die Grenzlinie

gegen den Himmel praktisch hinreichend genau den Horizont des Bildes

(vgl. Fig. 50). Unsere Überlegung gibt auch die Erklärung dafür, warum

sich die Meeresfläche scheinbar so hoch erhebt, daß sie wie eine Mauer

sich aufzutürmen scheint. In der Tat muß das Bild jeder sehr weit

ausgedehnten horizontalen Ebene bis fast in Augenhöhe reichen.

§ 6. Darstellung eines möglichst einfach gelegenen Quadrates der

Grundebene. Anwendungen dieser Konstruktion. Tiefenmaßstab.

=14. Die Umlegung und Verschiebung der Grundebene.= Unter Benutzung der

so definierten festen Elemente wollen wir jetzt Körper darstellen. Wir

beginnen aber mit dem Einfachsten, indem wir zunächst von Figuren, die

in der Grundebene gelegen sind, die Bilder zeichnen. Es ist dann aber

notwendig, daß wir uns diese Figuren auch selbst geben, sowohl ihrer

wahren Gestalt nach als in ihrer Lage in der Grundebene. Zu diesem

Zwecke müssen wir die Grundebene in unsere Zeichenebene irgendwie

hereinbringen. +Eine+ Möglichkeit, dies zu erreichen, ist folgende:

wir drehen die Grundebene um die Grundlinie nach aufwärts im Sinne der

beiden Pfeile (Fig. 17, 18) so lange, bis sie mit der Tafel sich deckt.

Dann liegt die Grundebene allerdings in unserem Zeichenblatt, aber wir

haben die Unannehmlichkeit, daß die Figuren der Grundebene sich dort

befinden, wo das Bild entworfen werden soll. Deswegen schieben wir die

(gedrehte) Grundebene in der Tafel parallel zu sich selbst noch um ein

beliebiges Stück herunter, bis die Grundlinie die neue Lage (_g_)(_g_)

annimmt (Fig. 19); irgendein Punkt _a_ der Grundlinie beschreibt

dabei die lotrechte Linie _a_(_a_), wenn wir mit (_a_) die Lage des

Punktes _a_ nach Ausführung der Verschiebung bezeichnen. Die Entfernung

_a_(_a_) zwischen _gg_ und (_g_)(_g_) ist ganz willkürlich und richtet

sich nach der Größe der in der Grundebene gegebenen Figur.

[Illustration: Fig. 19.]

Nach diesen Vorbereitungen behandeln wir folgende

=Aufgabe 2.= In der Grundebene ist ein Quadrat gegeben, von dem

eine Seite _ab_ in der Grundlinie liegt. Das Bild des Quadrates

zu zeichnen.

Die Lage des gegebenen Quadrates _abcd_ veranschaulicht Fig. 18. In der

wirklichen Ausführung (Fig. 19) geben wir uns den Horizont _hh_ mit

dem Augenpunkt ~A~ und den beiden Distanzpunkten, ~D_{1}~ und ~D_{2}~,

dazu parallel die Grundlinie _gg_ mit den beiden Ecken _a_ und _b_ des

Quadrates.

Um auf Grund dieser Stücke das Bild des Quadrates zu zeichnen,

ziehen wir in beliebigem Abstand die Parallele (_g_)(_g_) und

bestimmen vermittels der Vertikalen durch _a_ und _b_ die Lage

(_a_)(_b_)(_c_)(_d_) des Quadrates nach der Verschiebung. Nun sind

die Quadratseiten _ad_ und _bd_ Tiefenlinien, ihre Bilder müssen also

nach Satz 11 durch ~A~ gehen; die Punkte _a_ und _b_ sind aber die

Spuren dieser Geraden. Folglich erhalten wir in _a_~A~ und _b_~A~

die Bilder der beiden Geraden, auf denen die Quadratseiten _ad_ und

_bc_ liegen, und die Bilder _d'_ und _c'_ müssen bzw. auf _a_~A~ und

_b_~A~ gelegen sein. Denken wir uns aber noch die Diagonale _db_

konstruiert, welche in unserer Verschiebung als (_d_)(_b_) zu zeichnen

ist, so ist das eine Linie, welche einen Winkel von 45° mit der

Grundlinie bildet. Nach Satz 13 ist also ~D_{1}~ der Fluchtpunkt dieser

Geraden, _b_ aber ist ihre Spur; mithin wird das Bild der Geraden _db_

die Verbindungslinie _b_~D_{1}~. Das Bild _d'_ muß demnach sowohl auf

_a_~A~ als auch auf _b_~D_{1}~ liegen, kann also nur der Schnittpunkt

_d'_ dieser beiden Linien sein. Ebenso finden wir das Bild _c'_ der

Ecke _c_ als Schnittpunkt von _a_~D_{2}~ und _b_~A~. Das folgt sofort

aus der Betrachtung der anderen Diagonale _ac_. Eine Kontrolle für

die Zeichnung ergibt sich daraus, daß _c'd'_ von selbst parallel

_gg_ sein muß. Denn die Quadratseite _cd_ ist ja parallel zur Tafel,

also nach Satz 10 _cd_ ∥ _c'd'_.[3] Da aber _cd_ ∥ _ab_, so ist

auch _c'd'_ ∥ _ab_. Man erkennt ferner, daß es für die Konstruktion

des Bildes _abc'd'_ gar nicht nötig gewesen wäre, die Verschiebung

(_a_)(_b_)(_c_)(_d_) zu zeichnen. Im übrigen sei nochmals an die

Bemerkung auf S. 14 unten erinnert.

[3] ∥ ist das Zeichen für parallel.

=Aufgabe 3.= Einen in der Grundebene gelegenen quadratisch

getäfelten Fußboden zu zeichnen.

Die Quadrate, welche den Fußboden liefern, sind in Fig. 19 in der

Verschiebung gezeichnet. An das Quadrat (_a_)(_b_)(_c_)(_d_) schließt

sich die erste Reihe, welche an die Grundlinie angrenzt, daran schließt

sich eine zweite Reihe von Quadraten usf. Die Konstruktion Fig. 19

ergibt sich fast von selbst. Die Tiefenlinien, wie z. B. (_e_)(_f_),

fliehen im Bilde alle nach ~A~. Ferner erkennt man leicht, daß in dem

System der Quadrate alle Diagonalen der einen und anderen Richtung sich

zu zwei Scharen paralleler Geraden zusammensetzen. Das gilt also auch

für das Bild, nur mit dem Unterschied, daß die Bilder aller dieser

parallelen Geraden bzw. nach ~D_{1}~ und ~D_{2}~ laufen. In der Fig.

19 sind der Tiefe nach 5 Reihen von Quadraten gezeichnet, während in

der Verschiebung nur 3 Reihen angegeben wurden. Da alle Diagonalen der

Quadratbilder nach ~D_{1}~ oder ~D_{2}~ gehen, und außerdem je zwei

Seiten eines Quadrats parallel zur Grundlinie laufen, so bietet die

Figur zahllose Kontrollen.

=15. Anwendungen dieser Aufgabe.= Man würde aber irren, wollte man

diese Figur bloß für eine mathematische Spielerei halten: wir können

vielmehr von derselben eine ganze Anzahl praktischer Anwendungen

machen. Zunächst ist es möglich, daß bei der bildlichen Wiedergabe

eines Interieurs, z. B. eines Zimmers, an und für sich ein solcher

Parkettboden zu zeichnen ist. Derselbe bietet dann aber auch weiter

die Möglichkeit, Figuren, Einrichtungsgegenstände usf. einigermaßen

richtig im Raume zu verteilen, indem man diesen Objekten eine durch die

Schätzung der Quadrate zu beurteilende Bodenfläche zuweist. Jedenfalls

kann man sich vor ganz groben Irrtümern dadurch schützen. Als Beispiel

geben wir in Abbildung 3 das Abendmahl des Altniederländers +Dirk

Bouts+ (1410(?)--1472) wieder, das sich in der Peterskirche in Löwen

befand und von den Deutschen im Kriege von 1914 gerettet wurde. Auf

gewisse Unrichtigkeiten der Konstruktion gehen wir hier nicht ein. Der

primitiven Kunst lag eine solche Rücksicht auf richtige Verteilung

der Objekte im Raume überhaupt gänzlich fern. Sie zeichnet die Köpfe

einer Anzahl von Menschen einfach neben- und übereinander, ohne

sich zu fragen, ob die zugehörigen Körper auch wirklich den ihnen

entsprechenden Platz im Raume haben.

[Illustration: Abb. 3.]

Grundzüge der Perspektive nebst Anwendungen · 第 2 / 9 段