Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene _Jenaer Resolution_ eine

kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden

Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen

Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die

Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung

genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die

In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an

sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher

partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen

"permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in

defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der

Gewerkschaftsdevise 'kommt Zeit, kommt Rat'" blieb.[421] -- In dieser

äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare",

die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422]

Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur

Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen,

als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen

auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht

überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks

auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare

Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der

kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige

Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik

zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene

Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen

Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die

Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der

Partei[429] geschöpft hatten.

[Fußnote 417: Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.]

[Fußnote 418: E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik".

("Einigkeit", 9. Dez. 05.)]

[Fußnote 419: _Michels_, a. a. O. p. 305.]

[Fußnote 420: Vgl. _Legien_ (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.);

_David_, _Michels_ (a. a. O.) _Labriola_ (cit. bei _Michels_) und andere

sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter

zu.]

[Fußnote 421: _David_, "Rückblick auf Jena".]

[Fußnote 422: Vgl. z.B. die _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im

Vorwärts, 14. Juli 06.]

[Fußnote 423: Vgl. _Bebel_, "Der Bremer Parteitag"; _Liebknecht_, Prot.

Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; _Heine_, "Politischer Massenstreik

im gegenwärtigen Deutschland?"]

[Fußnote 424: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot.

Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.]

[Fußnote 425: _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im Vorwärts, 4. Juli

06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen

_Bebel_'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.),

ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des

russischen Proletariats" verwiesen wurde.]

[Fußnote 426: Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach

Deutschland hinüber zünden.]

[Fußnote 427: Z.B. Kurt _Eisner_ in der "Neuen Gesellschaft", cit. im

Vorwärts, 12. Juli 06; _Stapfer_, "Wahlrechtsbewegung und

Massenstreik".]

[Fußnote 428: Diese Annahme sei nach der Art der Einleitung der

Wahlrechtsbewegung begreiflich (vgl. Frankf. Ztg. 5. Juli 06).]

[Fußnote 429: Als eine solche faßten sie die Jenaer Resolution auf

(vgl. die "_Einigkeit_", 2./9. 05); ähnlich auch z.B. _Nieuwenhuis_

(cit. bei _Michels_ a. a. O.) und Ed. _Berth_ (Notes Bibliographiques,

Mouvement socialiste, 1. u. 15. Nov. 05, p. 374).]

Eine ganz andere Auffassung der Jenaer Resolution trat in der

_Februar-Konferenz_ und in der Verteidigung der _Bebelschen Thesen_[430]

zu Tage. Man bemühte sich, "die irrtümliche Auffassung, die mancherorts

durch die Jenaer Resolution verbreitet war, zu zerstreuen".[431] Von

maßgebender Seite wurde dieser auf einmal nur noch _defensiver_, der

Diskussion darüber nur _akademischer_ Charakter zugebilligt.[432] Es

wurde auch bestritten, daß im Frühling 1906 ein Massenstreik berechtigt

gewesen wäre.[433] Diese _Interpretationswandlung_ aber wurde von den

tatendurstigen Genossen als ein unliebsames "Bremsen",[434] als eine

"Preisgabe" der Jenaer Beschlüsse empfunden und beklagt.[435] Der Geist

des Jenaer Parteitags war allerdings in der Februarkonferenz "verraten"

worden, mußte verraten werden. Inzwischen war nämlich die dringend

notwendige "Ernüchterung" eingetreten,[436] und es drängte sich den

leitenden Persönlichkeiten nunmehr die Einsicht auf, "daß man sich zu

weit vorgewagt habe".[437] Zu dieser peinlichen "Schamade"[438] wurde

die Sozialdemokratie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Diese

aber bestanden

1. in der dauernden Ablehnung des Klassenstreikprojekts seitens der

Gewerkschaften.[439] Man war sich darüber klar, daß ohne deren

Mitwirkung, besonders ohne die Mitwirkung der mächtigen Zentralverbände

eine Inszenierung des Klassenstreiks überhaupt nicht möglich sei.[440]

2. in dem gänzlichen Mangel einer irgendwie erheblichen Streikstimmung;

denn die in Volksversammlungen angenommenen temperamentvollen

Resolutionen zeugten viel mehr von der Unternehmungslust einiger Führer,

als von "revolutionärer Energie" der Massen.[441]

3. in dem Mangel tatsächlicher Macht der deutschen Arbeiterbewegung

gegenüber Staat und Gesellschaft. Dieser Mangel brachte selbst

zahlreiche Anhänger des politischen Massenstreiks schließlich zu der

Erkenntnis, daß dessen momentane Inszenierung nicht nur völlig

aussichtslos,[442] sondern auch "im höchsten Maße gewissenlos" sein

würde.[443]

[Fußnote 430: Verteidigung durch den Vorwärts, den Parteivorstand,

_Legien_ usw.]

[Fußnote 431: v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer

Parteitag".]

[Fußnote 432: Z.B. Vorwärts, 14. Juli 06.]

[Fußnote 433: Da ja kein Attentat auf ein Grundrecht vorgelegen, so

sei, gemäß der Jenaer Resolution, "der Fall nicht gegeben" gewesen

(Vorwärts, 4. und 11. Juli).]

[Fußnote 434: Vgl. z.B. _Sächs. Arbeiterztg._, cit. im Vorwärts, 4.

Juli 06.]

[Fußnote 435: Daher auch der Zorn der Lokalisten (vgl. "_Einigkeit_",

23. Juni 06, Nr. 25; ferner die Resolution der Generalversammlung der

"freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend" vom 15. Juli,

abgedruckt im Vorwärts vom 18. Juni 06). Die Lokalisten publizierten in

ihrem Ärger die sechs "Thesen".]

[Fußnote 436: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896.]

[Fußnote 437: Frankf. Ztg. Leitart. 5. Juli 06, Nr. 183.]

[Fußnote 438: So nennt z.B. _David_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p.

259) diesen Rückzug. Übrigens hatte man in bürgerlichen Kreisen den

"Jenaer Rodomontaden" überhaupt nicht allzuviel Gewicht beigelegt;

Geheimer Kriegsrat Dr. jur. _Romen_ ("Massenstreik und Revolution")

erblickte in der Jenaer Resolution und der folgenden Agitation, "diesen

wüstesten Verhetzungen der Arbeitermassen", "diesen offenen

zügellosesten Aufreizungen zur Revolution" allerdings einen Anlaß zu

ernster Besorgnis; doch z.B. die _Norddeutsche Allgemeine Zeitung_

bezweifelte sehr, daß die Sozialdemokratie gewillt oder auch nur im

Stande sei, ihre Massenstreikdrohung auszuführen; sie liebe es eben,

mit dem Gedanken des revolutionären Massenstreiks zu spielen, um den

eigenen Reihen Mut zu machen und ihnen eine papierene Anweisung auf eine

bessere Zukunft zu geben, den Gegnern aber Furcht einzujagen; die

"_Nation_" vom 30./9. 05 zitiert mit Befriedigung diese "verständige

Beurteilung". Die _Frankf. Ztg._ (5./7. 06) sprach von "großen Worten",

"Fiasko" und "leisem Rückzug".]

[Fußnote 439: Die freien Gewerkschaften blieben bei der Ablehnung, so

sehr auch in gewissen Parteikreisen über ihr Ruhebedürfnis, über

Stagnation und Nur-Gewerkschaftelei geklagt und gespottet wurde; noch

viel ausgesprochener war die Abneigung gegen den pol. Massenstreik bei

den christlichen Gewerkschaften.]

[Fußnote 440: Es wurde in Mannheim deutlich ausgesprochen, daß man ohne

die einflußreichen Führer und die starken Verbände nichts ausrichten

könne.]

[Fußnote 441: Daß im Frühjahr 1906 die M-str.-Stimmung nicht vorhanden

war, geben z.B. _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die

Gewerkschaften" p. 928, _Bebel_ und andere Redner am Mannheimer

Parteitag (Prot. p. 236, 266, 273, 274, 286), ferner z.B. auch die

_Düsseldorfer Volksztg._ (zit. im Vorwärts, 5./7. 06) und der _Vorwärts_

(14./7. 06) zu.]

[Fußnote 442: Die Anhänger des katastrophalen M-streiks fanden, daß

eine revolutionäre Situation vorläufig in Deutschland nicht gegeben, die

Möglichkeit hierzu durch das Anwachsen der Reaktion in Rußland wieder

verschwunden sei (_Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte"; _Kautsky_;

Vorwärts [Prot. Parteitag Mannheim 06, p. 263, 269, 276]). Auch v. _Elm_

("Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734)

und _Bebel_ hielten den Moment nicht für geeignet. Es brach die

Erkenntnis durch, daß die russischen Vorbilder doch nicht für

Preußen paßten (vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik"; _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p.

227 ff.; _David_, ebenda, p. 259), daß auch die österreichische

Wahlrechtsbewegung unter wesentlich andern Umständen vor sich gehe, als

die preußische (_Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim, p. 241 ff.;

Vorwärts, 12. Juli 06). Schließlich teilte der größte Teil der Partei

und der Parteipresse, sowie natürlich auch die Gewerkschafter, diese

Meinung (vgl. auch Leo _Arons_, "Ergebnisse und Aussichten der

preußischen Wahlrechtsbewegung"); nur wenige beklagten die momentane

Ablehnung des pol. M-streiks (z.B. das Bochumer "_Volksblatt_" und die

Dortmunder "_Arbeiterztg_.", vgl. Vorwärts, 5. u. 6. Juli).]

[Fußnote 443: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen

Deutschland?"; Rob. _Schmidt_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 332). -- Wie

ungünstig die deutschen Verhältnisse überhaupt für den polit.

Streik liegen, zeigt der _Massenstreikversuch_ in _Hamburg_ vom

17./1. 06. Da an diesem Tag die entscheidende Abstimmung über die

Wahlrechtseinschränkung in der "Bürgerschaft" vor sich gehen sollte,

hatte die sozialdemokratische Partei eine Reihe von Protestversammlungen

veranstaltet; infolge starken Besuchs derselben ergab sich eine kurze

Arbeitsunterbrechung in "fast sämtlichen Fabriken", auch eine

Verkehrshemmung auf der Alster; es folgten nächtliche Krawalle im

Schoppenstehl, die übrigens nicht von organisierten Arbeitern, sondern

von zweifelhaftem Großstadtpöbel veranlaßt wurden; hiermit erreichte die

Bewegung ein peinliches Ende (vgl. Vorwärts, 14. Juli 06; Prot.

Parteitg. Mannheim 06 p. 27, 44).]

In Deutschland bildet die Massenstreik-Diskussion einen _Gradmesser für

das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft_. Mehr und mehr muß die

Partei sich letzterer unterordnen.[444] Auch die gewünschte Einigung in

der Massenstreikfrage kam nicht auf Grund der Parteiauffassung, sondern

tatsächlich auf der Basis der Kölner Gewerkschaftsresolution zu

Stande.[445]

[Fußnote 444: Dies wurde beim Friedensschluß in Mannheim, im Anschluß

an die Massenstreikdebatte, auch anerkannt.]

[Fußnote 445: _Kautsky_ ("Maifeier und Generalstreik", Leipziger

Volksztg. 20. 5. 05) wünschte die Einigung schon 1905, freilich im Sinne

der Parteiauffassung.]

Aus der vorläufig abgeschlossenen Diskussion ist den Arbeitern zum Glück

kein Schaden erwachsen, es sei denn, daß der üble Eindruck, den die

ganze Angelegenheit machen mußte, auch noch ein wenig bei der

sozialdemokratischen Wahlniederlage von 1907 mitgewirkt hat; Nutzen

brachte sie ihnen auch nicht,[446] außer daß die Sozialdemokratie

dadurch vielleicht zu der Einsicht gekommen ist, daß sie mit der Phrase

mehr, als dies bisher der Fall gewesen, aufräumen müsse.

[Fußnote 446: _Kolb_ ("Von Dresden bis Essen") charakterisiert die

M-str.-Diskussion als "total überflüssig".]

(b) Geschichte des Generalstreiks.

§ 14. Frankreich.

Der _amerikanische Gewerkschaftskongreß_ von 1885 hatte beschlossen, am

1. Mai 1886 zur Eroberung des Achtstundentags einen _Generalstreik_ zu

inszenieren. Für dieses Unternehmen engagierte sich hauptsächlich die

junge Chicagoer Anarchistenpartei.[447] Die "Knights of Labour" freilich

beteiligten sich nur ungern; die sozialistische Partei wirkte überhaupt

nicht mit.[448] Die Bewegung umfaßte ca. 300 000 Arbeiter.[449] Sie

verlief ohne wesentlichen Erfolg und führte zur Hinrichtung der

anarchistischen Führer in Chicago.

[Fußnote 447: Anfang der 1880er Jahre hatte _Most_ unter den deutschen

und böhmischen Arbeitern in Amerika bes. in Chicago Anhänger gefunden

(vgl. Georg _Adler_, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswften., 2.

Aufl. 1, p. 313, 314.)]

[Fußnote 448: _Bourdeau_, "Les grèves politiques" p. 428.]

[Fußnote 449: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]

Diese amerikanischen Ereignisse übten einen gewissen _Einfluß auf die

Arbeiterbewegung_ auch in _Europa_ aus. Hier arbeiteten sie einerseits

der späteren Maifeierbewegung vor,[450] andererseits frischten sie die

Generalstreikidee auf, die nun unter der Pflege der Anarchisten

besonders in den _romanischen Ländern_ festwurzelte.

[Fußnote 450: Es soll, nach den "Temps nouveaux", seit 1886 von einer

internationalen Manifestation für den G-str. die Rede gewesen sein (cit.

bei _Weill_, a. a. O. p. 275, Note).]

In _Frankreich_ wurde diese aus Amerika importierte

Generalstreikpropaganda anfänglich (in den 1880er Jahren) kaum ernst

genommen. Sie bemächtigte sich aber bezeichnenderweise alsbald des

_Gewerkschaftswesens_ oder doch wenigstens seiner tonangebenden Kreise

und bildete ein ständiges Thema aller Arbeiterkongresse.[451] Die

"Fédération nationale des Syndicats" votierte schon 1888, wiewohl damals

noch stark unter dem Einfluß der streng marxistischen _Guesdisten_

stehend, auf ihrem Kongreß in Bordeaux-le Bouscat, mit Enthusiasmus für

den Generalstreik als Emanzipationsmittel. _Briand_, der sogenannte

"Vater des Generalstreikgedankens", der "général gréviste",[452]

entfaltete eine eifrige Propaganda für diese Idee, so daß sie rasch an

Anhängern gewann und auch auf dem Syndikatskongreß in Marseille, 1892,

zur peinlichen Überraschung der Guesdisten, den Sieg davontrug.[453]

Ebenso erklärte sich der Pariser Kongreß von 1893, unter dem Eindruck

der kurz zuvor durch das Ministerium _Dupuy_ verfügten Schließung der

Pariser Arbeitsbörse, mit Begeisterung für das Generalstreikprinzip;

immerhin nahm der Kongreß Abstand von der durch 25 Delegierte

geforderten sofortigen Proklamation des allgemeinen Ausstandes.[454]

Gerade wegen des Generalstreiks spaltete sich schließlich die

"Fédération nationale des Syndicats" (in Nantes, 1894). Die Minorität

schwenkte gänzlich zu den Guesdisten ab,[455] die Majorität verwandelte

sich in die "_Confédération du Travail_" (C. T.), die sich zum

Generalstreik bekannte[456] und ein "_Comité de la grève générale_"

einsetzte.[457]

[Fußnote 451: _Weill_, a. a. O. p. 275; vgl. für das Folgende auch p.

405 ff.; Léon de _Seilhac_, "Le monde social", p. 9, 27, 29, 36, 37, 85,

194-196, 211, 219, 293; _Halévy_, "Essais sur le Mouvement ouvrier en

France", p. 79, 90, 124, 226, 285, 286; _Léon Blum_, "Les congrès

ouvriers socialistes français", p. 111, 112, 125, 129, 134-139, 141,

144, 146, 147, 149-153, 156, 160, 161, 172, 180, 184, 190.]

[Fußnote 452: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution" p. 3,

4.]

[Fußnote 453: Als Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher, politischer

und revolutionärer Zwecke (vgl. _Briand_, a. a. O. p. 6; _Blum_, a. a.

O. p. 134 ff.; _Buisson_, "La grève générale", p. 37).]

[Fußnote 454: _Weill_, a. a. O. p. 282, 283.]

[Fußnote 455: _Blum_, a. a. O. p. 145 ff.]

[Fußnote 456: So z.B. in Tours 1896 (vgl. _Blum_, a. a. O. p. 159);

schon in Nantes soll die Gründung einer Streikkasse beschlossen worden

sein (vgl. Frh. von _Reiswitz_, "Generalstreik? Ein Rückblick auf den

Hafenarbeiterstreik in Marseille", p. 12 ff.).]

[Fußnote 457: _Weill_, a. a. O. p. 408, 409. Ursprünglich sollte sich

dieses Komitee der Organisation des Generalstreiks widmen; später, als

man die Unzweckmäßigkeit einer solchen Tätigkeit einsah, wurde ihm die

Aufgabe, sich mit den in zahlreichen Städten bestehenden "Sous-Comités

de la grève génerale" in Verbindung zu setzen (vgl. _Pouget_, [Enquête,

p. 50 ff.]), jede sich bietende Streikgelegenheit zu benutzen, um die

Arbeiter möglichst an den G-str. zu gewöhnen (dies sei z.B. der Fall

gewesen beim Matrosenstreik 1900 und beim Streik in Marseille 1901 [vgl.

_Weill_, a. a. O.]), wie überhaupt für die G-str.propaganda in Wort und

Schrift zu sorgen.]

Neben der C. T. entwickelte sich in der 1892 gegründeten "_Fédération

des Bourses du Travail_" eine weitere gewerkschaftliche Organisation,

die ebenfalls auf den Generalstreik eingeschworen war.[458] -- Die

gemeinsame Vorliebe für den Generalstreik brachte beide Organisationen

einander näher[459] und erleichterte 1902 ihre Vereinigung zur

"_Confédération générale du Travail_" (C. G. T.), dem sogenannten Parti

syndical. In diesem gelangten mehr und mehr antiparlamentarische

Tendenzen zur Herrschaft. Wurden auf dem Kongreß in Paris (1900) neben

dem Generalstreik auch noch andere Mittel der Revolution anerkannt,[460]

so feierte am Kongreß in Bourges 1904 die von _Pouget_ gepredigte

"action directe", also auch deren Hauptstück, der Generalstreik, den

höchsten Triumph.[461] Wie kläglich auch der Versuch ausging, am 1. Mai

1906 durch Arbeitseinstellung nach 8 Stunden den Achtstundentag "direkt"

einzuführen, so erklärte doch der Kongreß in Amiens 1906 den

Generalstreik wiederum zu seinem Aktionsmittel.[462]

[Fußnote 458: Unter _Pelloutiers_ Einfluß, und seit dem Regionalkongreß

in Tours, (vgl. _Weill_, a. a. O. p. 275).]

[Fußnote 459: _Weill_, a. a. O. p. 405 ff.]

[Fußnote 460: _Blum_, a. a. O. p. 189.]

[Fußnote 461: Albert _Thomas_, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'".]

[Fußnote 462: _Rappoport_, "Der sozialistische Kongreß in Limoges", p.

229; vgl. auch Soziale Praxis, 3. V. 06, Sp. 805; ferner die "Chronique"

im Journal des Économistes vom 15. Mai 06; sowie Frankf. Ztg., "Der

Geist der französischen Gewerkschaften", (25. Okt. 06 Nr. 295, 4.

Morgenblatt).]

Diese besondere Anhänglichkeit der französischen Syndikalisten an den

Generalstreik wurzelt keineswegs in besonders günstigen praktischen

Erfahrungen. Die bisherigen französischen Generalstreikversuche sind im

Gegenteil recht wenig aufmunternd,[463] da man häufig "einen schlecht

vorbereiteten, zu ungeeigneter Zeit begonnenen Streik durch die

Erklärung des Generalstreiks zu retten sucht".[464] Für die Bevorzugung

der grève générale sind vielmehr _psychologische_ und _politische

Gründe_ maßgebend.

[Fußnote 463: So sollte 1898 die Verlegenheit des Ministeriums

(Dreifus-Handel) für den G-str. ausgenutzt werden; zu seiner Einleitung

wurde einem Streik der terrassiers in Paris ein Eisenbahnerstreik

angeschlossen, was, wenigstens nach _Briand_ (a. a. O. p. 11), der

bürgerlichen Gesellschaft großen Schrecken verursacht haben soll. Das

Unternehmen scheiterte an der energischen Intervention der Regierung

(_Weill_, a. a. O. p. 406, und _Bourdeau_, a. a. O. p. 442). -- Etwas

günstiger endete der große Bergarbeiterstreik, Oktober bis Dezember

1902, der auf seinem Höhepunkt 4/5 der französischen Bergarbeiter umfaßt

haben soll; wegen Uneinheitlichkeit der Leitung und mangelhafter

Disziplin seien die Erfolge aber nur sehr gering gewesen; nur einige

wirtschaftliche Zugeständnisse der Bergwerksgesellschaften, sowie die

Anhandnahme der Arbeitszeitregelung durch die Regierung seien erreicht

worden (vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozialdemokratie", p.

14, 42, 43).]

[Fußnote 464: _Delory_ (Rdsch. Soz. Mh. Febr. 04, p. 167).]

Vor allem stellen die _Generalstreikbekenntnisse nur die Anschauungen

eines Bruchteils der französischen Arbeiter_ dar. Die gewerkschaftliche

Organisation Frankreichs steht trotz der syndikalistischen

Selbstüberschätzung[465] auf ziemlich schwachen Füßen.[466] Die

Generalkonföderation selbst umfaßt nur ca. ein Viertel der organisierten

Arbeiterschaft und von diesem sind mehr als die Hälfte und gerade die

großen und kräftigen Gewerkschaften[467] "reine Reformisten und wollen

von der syndikalistischen Metaphysik nichts wissen". Zufolge eines

merkwürdigen Abstimmungsmodus aber sollen diese Elemente durch eine

_anarchistische Minorität_ majorisiert werden, da letztere über eine

größere Anzahl freilich oft recht ephemerer Syndikate verfügte.[468]

Also nicht etwa das organisierte Proletariat schlechthin[469] hat in

Frankreich für den Generalstreik "nettement marqué ses préférences",

sondern nur ein kleiner Bruchteil desselben. Von diesen

Generalstreiklern glaubt aber auch wieder nur ein kleiner Teil allen

Ernstes an die Ausführbarkeit der grève générale.[470] Diese spielt

vielmehr meist nur die Rolle eines Propagandamittels, mit dessen Hilfe

die spezifisch-französischen Organisationsschwierigkeiten überwunden und

die zu allem Putschartigen neigenden französischen Arbeiter gepackt

werden sollen.

[Fußnote 465: Die Anarchisten reden von der "Machtentwickelung" der

franz. Arbeitersyndikate (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik"

[Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_"], p. 9), deren gewerkschaftliche

Leistungen häufig hoch über die der deutschen erhoben werden (vgl. "Ein

französischer Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen

Zentralverbände" [Übersetzung eines Artikels von V. _Griffuelhes_ aus

der "Voix du Peuple" vom 29. Okt. 05, in der "Einigkeit" v. 11. Nov.

05]).]

[Fußnote 466: Im Jahre 1905 zählte man im ganzen 4625 Organisationen

mit 781 344 Mitgliedern, welch letztere aber in vielen Fällen bloß auf

dem Papier stehen sollen (vgl. Soz. Mh. Dez. 05, p. 1067). Der

Generalkonföderation sollen überhaupt nur höchstens 200000 Arbeiter

angehören, "die über ein jährliches Budget von etwa 10 000 Fr.

verfügen!!" (_Rappoport_, p. 233).]

[Fußnote 467: Z.B. die Buchdrucker (vgl. Hue, "Partei und

Gewerkschaft") und Eisenbahner (vgl. _Rappoport_ a. a. O.).]

[Fußnote 468: Frankf. Ztg. a. a. O.; _Rappoport_, a. a. O.; _Weill_, a.

a. O. p. 411; _Deville_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus

in Frankreich", p. 26, 27. -- Vgl. auch _Lagardelle_ ("Die

syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 138), der das allgemeine

Stimmrecht für die Kongresse der C. G. T. verwirft; denn "in der

amorphen Masse der Trägen und Zurückgebliebenen würde der organische,

klassenbewußte Kern, dieser glühende Herd, von dem der Kampf ausstrahlt,

untergehen".]

[Fußnote 469: Wie _Briand_, p. 16, behauptet.]

[Fußnote 470: _Weill_, p. 410, 411.]

Die Vorliebe der französischen Arbeiter für den Generalstreik wird durch

die Ausdehnung des "_gelben_" _Gewerkschaftswesens_ in Frankreich noch

künstlich verstärkt. Da die sozialistischen Syndikate in der Anwendung

des normalen Streiks sich immer wieder durch die "jaunes", die

organisierten Arbeitswilligen, gehindert sehen, so verfallen sie auf

allerlei bizarre Auswege und erwarten, weil der partielle Streik oft

scheitert, alles Heil vom generalisierten Ausstand.[471]

[Fußnote 471: W. Z. in der sozialen Praxis (Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni

07, Art. über den "Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe

Gewerkschaftsidee"): die 5-600 000 "Jaunes" seien "ein Fluch der

französischen Gewerkschaftsbewegung, die in ihrer legitimen Betätigung

durch die Gelben gehemmt und gelähmt, zu der diabolischen Theorie der

action directe, dem Generalstreik und der Sabotage gedrängt worden ist".

-- Auch die Bedrohung des Streikrechts im Jahre 1896 -- (der Senat

wollte den Arbeitern in den öffentlichen Anstalten das Streikrecht

nehmen, was große Empörung in den Syndikaten hervorrief; das Projekt kam

nie in die Kammer [vgl. _Weill_, p. 334]) -- soll die G-streiktendenzen

gefördert haben (vgl. _Briand_, p. 12ff.).]

Hierzu gesellten sich nun noch _politische Enttäuschungen_. Die

übertriebenen Hoffnungen, die sich vielfach an die sozialistische

Mitregierung geknüpft hatten, waren sehr bald enttäuscht worden.[472]

Das Interesse am Parlamentarismus überhaupt wurde durch den chronischen

Zwist in den sozialistischen Parteigruppen untergraben. Kein Wunder

daher, daß die Gewerkschaften sich allein auf sich selbst angewiesen

sehen wollten und die "direkte Aktion" predigten, mit der sie die

zerspaltene Arbeiterbewegung zu kitten und neu zu beleben hofften.[473]

[Fußnote 472: _Thomas_, "Achtung!.. usw.".]

[Fußnote 473: _Weill_, p. 275, 405.]

Bei der eigentümlichen Beschaffenheit der _sozialistischen Parteien_

Frankreichs (Abhängigkeit im Wahlkampf von der Freundschaft der

Gewerkschaften),[474] mußten diese sich natürlich auch mit dem

Generalstreik befassen, und je tiefer die Idee der grève générale in die

syndikalistischen Kreise eindrang, um so mehr mußte sie auch

politischerseits geschont werden.[475] Im vergeblichen Kampf gegen den

Generalstreik büßten die _Guesdisten_ Anfang der 1890er Jahre ihren

Einfluß in den Gewerkschaften ein,[476] und die _Allemanisten_

traten ihr Erbe an. Sie waren hierzu durch eine energische

Generalstreikpropaganda aufs Beste vorbereitet.[477]

[Fußnote 474: Vgl. meinen Aufsatz über "Die politische Arbeiterbewegung

Frankreichs in den letzten Jahren" (Archiv f. Sozialwissenschaft und

Sozialpolitik, XXIII, 2).]

[Fußnote 475: _Weill_, p. 408.]

[Fußnote 476: Die Guesdisten verstanden sich 1890 in Lille höchstens

zur Konzedierung eines intern. Bergarbeiterstreiks für den 8-St.-Tg.

(vgl. _Blum_, p. 124 ff.); später freilich machten auch sie einige

Zugeständnisse: so auf dem Parteitag zu Ivry, 1900, wo sie ihre

Unterstützung zusicherten, falls ein G-str. nötig werden sollte (vgl.

Mouvement socialiste, IV. p. 553); ähnlich sprach sich auch ihr

Parteitag zu Lille, 1904, aus (Enquête, p. 76 ff.).]

[Fußnote 477: Die Allemanisten erkannten stets, z.B. auf ihren

Kongressen 1891, 1892, 1894, den G-str. als bestes Kampfmittel und als

Mittel der sozialen Revolution an (vgl. Weill, p. 405, 406; _Blum_, p.

128 ff.; Enquête, p. 2-24; Albert _Richard_, "Manuel socialiste", p. 78,

79.); sie gingen den extremen Syndikalisten aber noch lange nicht weit

genug (vgl. z.B. _Pouget_, [Enquête, p. 63 ff.)].]

Auch der sog. _Einigungskongreß_ von 1899 trug der syndikalistischen

Strömung Rechnung[478] und setzte den Generalstreik unter die "Mittel

und Wege zur Eroberung der Macht".

[Fußnote 478: _Briand_ hielt, nach Ansicht des "Comité de la grève

générale", ein "plaidoyer irrésistible en faveur de la grève générale"

(vgl. Vorwort zu _Briand_, p. 2); in der folgenden Diskussion wurde

hauptsächlich die Exklusivität, der G-str. aus Prinzip, bekämpft (vgl.

_Delory_ [Enquête, p. 63 ff.] und "Congrès général des Organisation

socialistes françaises Paris" 1899, p. 395, 410.).]

_Jaurès_ nahm den Generalstreik in die Prinzipienerklärung des

Kongresses von Tours auf,[479] vermutlich, um sich im Kampf gegen

_Guesde_ der Gewerkschaften zu versichern, machte aber für die

Syndikalisten dabei noch viel zu viele Einschränkungen.[480]

[Fußnote 479: _Weill_, p. 408.]

[Fußnote 480: _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 250; seine

Einschränkungen zogen ihm den heftigsten Tadel der Syndikalisten zu

(vgl. _Weill_, p. 408, und Enquête, p. 52 ff.).]

Auch die _geeinte Partei_ mußte dem Syndikalismus ihre Reverenz erweisen

und billigte in Limoges (auf Jaurès' Antrag) ausdrücklich die

syndikalistischen Generalstreiktendenzen.[481] Derartige Beschlüsse

bleiben freilich regelmäßig auf dem Papier, geben aber immerhin einen

guten Maßstab ab für die reale Machtverteilung zwischen Partei und

Gewerkschaft.

[Fußnote 481: _Rappoport_, p. 231.]

* * * * *

Um einen Einblick in die Art und Weise der französischen Generalstreiks

zu gewinnen, genügt ein typisches Beispiel, der _Generalstreik in

Marseille vom Jahre_ 1904.

In Marseille bestanden seit Jahren zwischen den Hafenarbeitern

und Seeleuten (inscrits maritimes) einerseits und den

Schiffahrtsgesellschaften andererseits beständige Reibereien teils wegen

wirtschaftlicher Forderungen, teils und hauptsächlich wegen der Regelung

der Disziplin an Bord.[482] So verlangten die inscrits z.B. die

Einführung eines Beschwerdebuchs auf den Schiffen,[483] nachdem sie

schon die Entfernung einiger mißliebiger Schiffsoffiziere gefordert und

schließlich auch erreicht hatten. Dadurch gekränkt und aus

Solidaritätsgefühl mit den gemaßregelten Kollegen, traten nun die

Schiffsoffiziere in den Ausstand, was eine Aussperrung der Hafenarbeiter

und Matrosen zur Folge hatte.[484] Hierauf antwortete die Arbeiterschaft

mit Proklamierung des _Generalstreiks_ in Marseille und mit

Aufforderungen an die Hafenarbeiter aller Häfen Frankreichs, ja aller

Häfen des Mittelmeers zum _Solidaritätsstreik_.[485] Beide Ausstände

nahmen bedeutende Dimensionen an. Der Hafenarbeiterstreik griff nicht

nur auf andere französische, sondern auch auf die benachbarten

spanischen und italienischen Häfen über.[486] Dem Generalausstand in

Marseille selbst schloß sich eine Arbeiterkategorie um die andere

an.[487]

[Fußnote 482: Vgl. André-E. _Sayous_, Sécrétaire général de la

Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de

Marseille en 1904"; _Sayous_, wie auch v. _Reiswitz_ vertreten in ihren

Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.]

[Fußnote 483: Allg. Ztg. 31. Aug. 04; Charles _Rist_ (Krit. Blätter f.

d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden

großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits"

(gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu

erproben.]

[Fußnote 484: Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.]

[Fußnote 485: Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller

See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9.

04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9.

04).]

[Fußnote 486: In Cette z.B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in

den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom

5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La

Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux

beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den

Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg.

Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der

benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus

Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v. _Reiswitz_, p. 58);

die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die

wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die

Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9.

ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle

Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen

der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf

Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v. _Reiswitz_, p. 58;

vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).]

[Fußnote 487: So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der

Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg.

5./9. 04).]

Die Lage in Marseille wurde äußerst unerquicklich:[488] es kam zu

Ruhestörungen;[489] die Preise der Lebens- und Genußmittel stiegen wegen

mangelnder Zufuhren beträchtlich in die Höhe;[490] der Hafenbetrieb

stockte;[491] Handel und Industrie wurden auf's Empfindlichste

getroffen;[492] die ganze maritime Stellung Marseilles schien

bedroht.[493] Auch das von Marseille aus versorgte Gebiet wurde durch

den Streik geschädigt; vor allem litt Korsika unter der Unterbrechung

des Seeverkehrs.[494] Natürlich lastete der allgemeine Notstand ganz

besonders schwer auf den Arbeitern selbst. Sie versuchten den Druck aber

dadurch zu paralysieren, daß sie abwechselnd streikten, um sich durch

zeitweilige Arbeitsaufnahme während der sechs Streikwochen bei Kräften

zu erhalten.[495] Speziell den Seeleuten soll auch das Verhalten des

Marineministers _Pelletan_ eine große Unterstützung gewährt haben;[496]

der Minister habe nämlich einerseits den Matrosen ihr willkürliches

Von-Bord-gehen nachgesehen, (obgleich dies, einer Verordnung gemäß,

wie Desertion zu bestrafen gewesen wäre); andererseits habe er

den mit dem Postdienst betrauten Gesellschaften wegen dessen

Vernachlässigung mit Konventionalstrafen, Entziehung der Subvention und

Entschädigungsansprüchen gedroht.[497] Auch die öffentliche Meinung

scheint anfänglich auf Seiten der Arbeiter gestanden zu haben.[498]

--Mehrere Einigungsversuche scheiterten,[499] sodaß der Streik erst am

14. Oktober mit der Niederlage der Arbeiter endete.[500]

[Fußnote 488: Allg. Ztg. 6./9. 04.]

[Fußnote 489: Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den

Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg.

5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (_Sayous_); auch in Cette

und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).]

[Fußnote 490: Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte

sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen

Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.]

[Fußnote 491: Auf den Quais türmten sich die Warenmassen. Am 7./9.

waren 176 Schiffe verschiedener Nationalitäten, die im Hafen lagen,

außer Dienst gestellt, meist mit Warenladungen an Bord (Allg. Ztg. 8./9.

04).]

[Fußnote 492: _Sayous_; _P. Louis_, "Die Streiks in Frankreich", p.

596.--v. _Reiswitz_ (p. 67), berechnet den direkten Schaden von Handel

und Industrie durch den G-str. auf 100 Mill. Franken, was wohl eher zu

hoch, als zu niedrig angenommen sein dürfte.]

[Fußnote 493: Die einheimischen Dampferlinien wurden reduziert,

ausländische drohten, bei weiterer Unsicherheit statt Marseille Genua

anzulaufen (so die Peninsular & Oriental Steamship-Navigation Cie.); von

Mitte Aug. bis Mitte Sept. hatte die Marseiller Schiffahrt "einen

Ausfall von 250 000 Tonnen für die Einfuhr und 150 000 Tonnen für die

Ausfuhr zu verzeichnen; sie verlor über eine Million an

Staatssubventionen. Der Zoll hat um 3 Mill. weniger ergeben, als im

gleichen Zeitraum des Vorjahrs" (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch 6. und

13./9.); die Bank von Frankreich ließ 1500 unbezahlte Wechsel

zurückgehen (Allg. Ztg. 3./9.).]

[Fußnote 494: In Korsika war Mitte Sept. das kg Brot bereits von 30 auf

50 Cts. gestiegen (Allg. Ztg. 13./9. 04).]

[Fußnote 495: Am 10./9. beschlossen z.B. die Dock- und Hafenarbeiter

die Wiederaufnahme der Arbeit bei denjenigen Firmen, die dem

Arbeitgeberbund nicht angehörten, sowie die Unterstützung der

ausständigen Kameraden durch ein Drittel des Lohns; am 26./9.

arbeiteten, trotz offizieller Verwerfung des Schiedsspruchs, doch

1000-1200 Docker, am 27./9. sogar 2500 Arbeiter im Hafen (vgl. Allg.

Ztg. 11., 28., 29./9. 04).]

[Fußnote 496: Vgl. _Sayous_; Allg. Ztg. 30./8., 13./9. 04.]

[Fußnote 497: Allg. Ztg. 31./8. 04.]

[Fußnote 498: Allg. Ztg. 30./8., 22./9. 04.]

[Fußnote 499: Glaubte man den Konflikt endlich beigelegt, so wurden die

Verhandlungen doch immer wieder abgebrochen. Am 19./9. beschloß der

Ministerrat, neue Vermittlungsverhandlungen einzuleiten; am 22.

unterwarfen sich die Docker sogar einem Schiedsgericht, dessen Urteil

sie aber hernach doch nicht anerkannten, weil es den Unternehmern auch

die Einstellung Unorganisierter gestattete usw. (vgl. Allg. Ztg. 14. und

28./9. 04).]

[Fußnote 500: Vgl. _v. Reiswitz_, p. 58.]

§ 15. Schweiz.

In der Schweiz wird der _Generalstreik_ fast ausschließlich von den

Anarchisten propagiert,[501] hat aber in den Gewerkschaften keinen

Boden.[502] Ebensowenig Anklang fanden die vereinzelten Empfehlungen

des _politischen Massenstreiks_.[503] Der einzige schweizerische

Ausstand, der mit einigem Recht als Klassenstreik bezeichnet werden

dürfte, war ein Sympathiestreik nach französischem Muster; er fand

bezeichnenderweise in _Genf_ statt.[504]

[Fußnote 501: Vgl. den "_Weckruf_" z.B. vom 28. Mai 04.]

[Fußnote 502: So lehnte z.B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in

Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p.

522).]

[Fußnote 503: Arbeitersekretär _Grimm_ verwies in seinem Vortrag "Der

politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks,

z.B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das

Sekretariat des _Schweizer. Gewerbevereins_ ("Begleiterscheinungen bei

Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen

Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen,

da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und

direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z.B. den Artikel "Im Prinzip", 15.

Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).]

[Fußnote 504: Vgl. über den G-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht

des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes... für das

Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der

Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen)

Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10.

wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte

am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich

allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts

mehr nützen konnte".]

§ 16. Italien.

Auch in Italien fand die anarchistische Generalstreikidee früh Eingang.

Die _sozialistische Partei_ scheint sie ursprünglich freilich abgelehnt

zu haben. Der reformistische Flügel (_Turati_, _Bissolati_ u. A.), wie

auch die sozialistische Parlamentsfraktion beklagten lebhaft die

"Torheiten" der sog. revolutionären Syndikalisten (_Labriola_ usw.), die

seit dem Parteitag von Bologna "das Wunder der entschlossenen Tat und

die Wahnidee von dem befreienden Handstreich"[505] predigten und ihre

praktische Tätigkeit auf die Steigerung der "revolutionären Temperatur

des Proletariats", "auf die psychologische und materielle Vorbereitung

des Generalstreiks" reduzierten.[506] Derartige Theorien nahmen in den

angeblich durch "Cliquen von Intellektuellen" beherrschten italienischen

Gewerkschaften einen breiten Raum ein;[507] vor allem dominierten sie in

der Mailänder Arbeitskammer.[508] Die sozialistische Partei lehnt heute

den Klassenstreik übrigens auch nicht mehr unbedingt ab,[509] "die

Hauptforderungen des Proletariats" sollen "event. auch durch den

Generalstreik" erkämpft werden.[510] Aber auf dem Kongreß in Rom 1906

verwarf sie ausdrücklich "den häufigen oder übertriebenen Gebrauch des

Generalstreiks", sowie "die Verherrlichung der direkten Aktion, zur

Diskreditierung, nicht zur Ergänzung der parlamentarischen Aktion".

[Fußnote 505: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in

Italien".]

[Fußnote 506: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom".]

[Fußnote 507: _Bissolati_, "Die Krise in der italienischen

Sozialdemokratie".]

[Fußnote 508: Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich

auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß

bedingungsweise für den G-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p.

282.).]

[Fußnote 509: Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich

zum G-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl. _Olberg_, "Die italienischen

Wahlen", p. 278).]

[Fußnote 510: _Olberg_, "Der Parteitag in Rom".]

Trotz aller solcher Kongreßbeschlüsse lassen sich die italienischen

Arbeiter aber nur allzu leicht hinreißen, eine partielle

Arbeitsstreitigkeit durch Sympathieausstände zum Klassenstreik zu

erweitern. Die umfangreichste derartige Unternehmung, ja, einer der

größten Streiks der modernen Arbeiterbewegung überhaupt,[511] war der

_Generalstreik vom September_ 1904.[512] Die Veranlassung desselben

bildete das mehrmalige Einschreiten der Regierung bei Ausständen.[513]

Am 11. Sept. 1904 erklärte ein Mailänder Meeting, das italienische

Proletariat solle innerhalb acht Tagen mit einem Generalstreik gegen

derartiges Blutvergießen protestieren, und die Mailänder Camera del

Lavoro solle diesen Beschluß den übrigen Organisationen übermitteln. Die

Nachricht von einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und

Carabinieri[514] soll am 15. September "wie ein Donnerschlag" gewirkt

haben.[515] Inmitten der allgemeinen Erregung übernahm das

Exekutivkomitee der Mailänder Arbeitskammer die ihr am 11. September

angebotene Führung und proklamierte noch am Abend des 15. September den

sofortigen Ausstand sämtlicher Arbeiterkategorien Mailands, sowie einen

dreitägigen Generalstreik in ganz Italien.[516] Ein gemeinsamer Aufruf

des sozialistischen Parteivorstandes, der Parlamentsfraktion und des

"Avanti" empfahl den Arbeitern die Beteiligung "als gesetzmäßigen und

würdigen Ausdruck der Verurteilung jener Regierungsmethoden, die immer

wieder den Brudermord erzeugen, und als feierlichen Akt der

Klassenverteidigung des Proletariats und seines Rechtes auf das

Dasein."[517] Sicherlich erwarteten die Syndikalisten vom Generalstreik

einerseits die Bestätigung ihrer Theorie, andererseits die

Wiederherstellung der Parteieinheit[518] oder den Sturz des

Ministeriums. Es ist daher vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich, daß

der "Protest gegen das vergossene Proletarierblut" ihnen nur als "causa

occasionale",[519] als Vorwand zum Streikbeginn diente. Hingegen in den

breiten Volksmassen dürfte doch wohl das ursprüngliche Gefühl der

Empörung und Solidarität den Ausschlag gegeben haben.

[Fußnote 511: _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 19;

_Bourdeau_, p. 432.]

[Fußnote 512: Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den

konservativen Standpunkt vertretend, _Marazio_, "Il partito socialista

italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt

vertretend, insbes. _Olberg_, a. a. O. p. 18-24.]

[Fußnote 513: Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich

neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn

die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen

wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z.B. in Torre Annunziata, Berra,

Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen

Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).]

[Fußnote 514: Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.]

[Fußnote 515: _Olberg_ a. a. O.; vgl. auch _Leimpeters_, "Zum

Generalstreik".]

[Fußnote 516: So von den 2000 Teilnehmern der von der Arbeitskammer, im

Einverständnis mit dem Segretariato della resistenza, einberufenen

Generalversammlung, nach Anhörung von _Labriola_ und _Mocchi_,

einstimmig beschlossen (vgl. auch _Bourdeau_, p. 433).]

[Fußnote 517: Vgl. _Olberg_, a. a. O.]

[Fußnote 518: "La grève générale en Italie" ("Chronique" des Musée

social, Nov. 04).]

[Fußnote 519: So faßt es _Marazio_ auf (p. 135).]

Die Arbeiter folgten dem Streikgebot rasch und in großer Zahl.[520] Es

beteiligten sich Parteiangehörige und Mitglieder der Arbeitskammern,

besonders zahlreich auch die Unorganisierten,[521] im ganzen eine

Million Menschen,[522] deren Ausstand den "Eindruck eines

Elementarereignisses" gemacht haben soll.[523] Nur die Eisenbahner

fehlten fast vollständig,[524] "sebbene i socialisti li pregassero e li

scongiurassero a fare causa comune con essi".[525] Der Grund für diese

Zurückhaltung wird teils in der außerordentlichen Tragweite eines

Eisenbahnerausstandes erblickt (die Beteiligung der Eisenbahner sei

deshalb unterblieben, weil sich die Bedeutung der ganzen Bewegung nicht

gleich von Anfang an habe übersehen lassen),[526] teils in der

Schwierigkeit rascher Inszenierung (da die Eisenbahner zwei

verschiedenen Organisationen angehörten), teils in der Drohung mit

"Militarisation" seitens der Regierung,[527] teils in der Rücksichtnahme

auf eine bereits begonnene Lohnbewegung, deren in Aussicht stehende

Früchte durch die Beteiligung der Eisenbahner am Generalstreik aufs

Spiel gesetzt worden wären.[528]

[Fußnote 520: Noch am gleichen Abend brach der allgem. Streik in Monza

aus (ca. 7000 Teilnehmer); in Mailand streikten vom 16.-21./9. 80-100

000 Arbeiter (dort hatten nämlich zwei Monstreversammlungen am 16./9.

die Fortsetzung des Streiks beschlossen); vom 17.-19. streikten in Genua

Hafen-, Gas-, Elektrizitäts-, Nahrungsmittelarbeiter; in Rom alle

Arbeiter, exkl. Gasarbeiter (vgl. _Olberg_, a. a. O.; nach der Allg.

Ztg. streikten hauptsächlich Trambahner und Kutscher); G-str. in Turin;

am 17. wurde der G-str. in Forte, Terni, Ancona, Bologna, Forli erklärt;

Forli, Florenz, Neapel (ca. 12 000 Teilnehmer) proklamierten nur eine

eintägige Demonstration; in Como streikten ca. 10 000, in Bari ca. 4000,

in Ligurien ca. 120 000 Arbeiter, in der Prov. Mantua ca. 120 000

Feldarbeiter (vgl. _Olberg_ a. a. O.).]

[Fußnote 521: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena, 05, p. 306).]

[Fußnote 522: Vgl. _Bourdeau_, p. 433.]

[Fußnote 523: _Olberg_, a. a. O.]

[Fußnote 524: Die Eisenbahner streikten nur in Neapel und in Siena

(vgl. _Olberg_ a. a. O., und Musée sociale, "Chronique", IX, Nr. 11, p.

465).]

[Fußnote 525: Vgl. _Marazio_, p. 176.]

[Fußnote 526: _Olberg_, a. a. O., und "Nachträgliches zum

Eisenbahnerstreik", p. 380.]

[Fußnote 527: Musée sociale, a. a. O.]

[Fußnote 528: Vgl. _Marazio_, p. 176, 113-136; _Olberg_, a. a. O.]

Die _unmittelbare Wirkung_ des Streiks war eine "schwere Erschütterung

des öffentlichen Lebens".[529] Der Lokalverkehr in den Städten war

unterbunden,[530] die Zeitungen fehlten,[531] die Lebensmittelversorgung

versagte,[532] die Beleuchtung litt.[533] Es kam auch wiederholt zu

Ruhestörungen, die vor allem in Mailand und Genua recht ernste Formen

annahmen.[534] Bei der Verübung von allerlei Unfug[535] sollen übrigens

weniger die Arbeiter, als allerhand zweifelhafte Existenzen beteiligt

gewesen sein.[536] Auch scheint sich die Bewegung, berücksichtigt man

ihre außerordentliche Ausdehnung, im allgemeinen in den Grenzen des

Zulässigen gehalten zu haben.[537] Dieser relativ friedliche Verlauf mag

teils der Reserve zu danken sein, die sich die Regierung

auferlegte,[538] teils den Bemühungen der Arbeiterführer um die

Aufrechterhaltung der Ordnung.[539] Dies alles vermochte aber nicht die

steigende Mißstimmung über die aus dem Streik erwachsenden

Unannehmlichkeiten zu dämpfen. Die Bürgerschaft begann, den Verhaftungen

Beifall zu spenden.[540] Vor allem fühlte man sich, und zwar auch in

sozialistischen Kreisen,[541] durch das Benehmen der Syndikalisten

verletzt, die in Mailand eine Art "Diktatur des Proletariats"

inszenierten: die dortige Arbeitskammer soll sich der öffentlichen

Gewalt bemächtigt haben;[542] sie habe "die groteske Parodie einer

provisorischen Regierung, die Ukase ausgab", errichtet, und sie habe der

streikenden Masse eingeredet, daß sie "die absolute Herrin der Nation"

geworden sei,[543] sodaß "ganz Mailand fünf Tage lang nach der Pfeife

der Arbeiter tanzte und tanzen mußte".[544]

[Fußnote 529: Allg. Ztg. 26./9. 04. An 900 Orten stockte das

Wirtschaftsleben (vgl. _Bourdeau_, p. 433, bes. auch _Marazio_, p.

142-150).]

[Fußnote 530: Weder Tram noch Wagen zirkulierten (in Mailand vom

16.-21./9.; in Rom usw.); selbst Leichenzüge und Krankenwagen sollen

behindert gewesen sein (_Bourdeau_, p. 433).]

[Fußnote 531: In Mailand erschien fünf Tage lang nur das Bolletino

dello sciopero, so daß der "Corriere della Sera" bei seinem

Wiedererscheinen "den unter nichtigen Vorwänden erlassenen

Ausstandsbefehl ein unwürdiges Attentat auf die Preßfreiheit" nannte

(vgl. Allg. Ztg. 23./9.).]

[Fußnote 532: In Rom, Genua usw. trat Fleisch- und Brotknappheit ein,

die sich in raschem Hinaufschnellen der Preise zeigte; in Sampierdarena

stieg das Kilogramm Brot auf 0,80, in Genua sogar auf 1,60 Lire, so daß

Schiffszwieback als Surrogat gegessen wurde. Übrigens durften

z.B. in Ravenna, laut Dekret der dortigen Arbeitskammer, die

Lebensmittelverkäufer bis 10 Uhr vormittag ihre Läden offen halten,

sofern kein Ladenpersonal Verwendung fand; die Arbeitskammer von

Sampierdarena empfahl den Milchhändlern die Weiterlieferung

an Kinder und Kranke; der Mailänder Streikbeschluß nahm die

Genossenschaftsbäckereien für die Versorgung der Arbeiter von der allg.

Arbeitsruhe aus (vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str." p. 19, 20; 24; Allg.

Ztg. 17./9. 04; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883.).]

[Fußnote 533: Die Beleuchtung fehlte in Genua drei Tage lang (_Olberg_,

a. a. O.); in Mailand ging am 18. der Gasvorrat zu Ende, sodaß ein Teil

der Stadt abends im Dunkel lag. Ähnlich stand es in Venedig (vgl. den

Brief des Sindaco di Venezia an den Ministerpräsidenten, worin die

Zustände während des Streiks geschildert werden, cit. bei _Marazio_, p.

143).]

[Fußnote 534: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278. In Mailand

schlossen sich am 17. an eine Demonstration vor der Kathedrale Tumulte

an; am 19., wo sich die Stadt "vollständig in den Händen des Mob"

befunden haben soll, schritt die Polizei ein (Allg. Ztg. 21./9.); in

Sestri Ponente war es schon am 15./9., vor Ausbruch des Streiks,

anläßlich einer Protestversammlung wegen der Ereignisse in Buggerru, zu

blutigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Polizei gekommen; in

der Nacht vom 16.-17./9. ereigneten sich ähnliche Zwischenfälle in

Genua, die sich in der folgenden und, etwas schwächer, auch noch in der

übernächsten Nacht wiederholten.]

[Fußnote 535: Zertrümmern von Fensterscheiben, Löschen und Umstürzen

der Straßenlaternen, Versuche, den Eisenbahn- und Telephonbetrieb zu

stören, Erzwingung der Schließung von Läden, sogar von Apotheken,

Zusammenstöße mit den Geschäftsleuten, Belästigung Arbeitswilliger,

Hinderung des Tramverkehrs.]

[Fußnote 536: Besonders dort, wo der Streik erst nachträglich

proklamiert wurde, sollen ihn Anarchisten und Verbrecher zur Förderung

ihrer Sonderinteressen benutzt haben; es begingen in Neapel am 19./9.

"der Pöbel und Strafentlassene Personen" Ausschreitungen und richteten

einige unerhebliche Schäden an", worauf die Polizei eingriff (Allg. Ztg.

21./9. 04; vgl. auch _Marazio_, p. 162).]

[Fußnote 537: Freilich soll nach dem Journal des Débats vom 12. Oktober

04 (cit. bei _Bourdeau_, p. 433) in Venedig die für Kinder und Kranke

bestimmte Milch in den Kanal gegossen worden sein; dies dürfte aber ein

Ausnahmefall sein; im allgemeinen wurde friedlich demonstriert, bei

guter Disziplin, was nicht nur von sozialistischer Seite bezeugt wird

(vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str."; _Turati_, "Lehren u. Folgen des

G-streiks in Italien"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22

ff.), sondern mir, bezgl. Florenz, auch von einem uninteressierten

Augenzeugen bestätigt wurde; ähnl. auch Allg. Ztg. 21./9. 04.]

[Fußnote 538: Dies zeigte sich z.B. in der vorsichtigen Haltung des

Mailänder Präfekten. Polizei und Militär handhabten die Waffen "mit

großer Mäßigung", wie von sozialistischer Seite ausdrücklich anerkannt

wurde (_Olberg_, p. 24; _Bernstein_, a. a. O.; vgl. ferner Allg. Ztg.

20./9. 04).]

[Fußnote 539: In Volksversammlungen wurde zur Ruhe gemahnt (z.B. am

16. in Mailand durch _Rigola_, _Taroni_, _Turati_), ebenso in den

Aufrufen (z.B. forderte die Arbeitskammer von Genua auf, "mit den

Urhebern von Gewalttaten nicht gemeinsame Sache zu machen"); auch

organisierte die Mailänder Arbeitskammer am 17. einen Sicherheitsdienst

durch Veloziped-Patrouillen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während

der Nacht (vgl. Allg. Ztg. 20./9. 1904).]

[Fußnote 540: Vgl. _Turati_, cit. bei _Bourdeau_, p. 434; Musée

sociale, "Chronique", IX. année, Nr. 11, p. 485.]

[Fußnote 541: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom"; _Turati_, "Lehren

und Folgen des G-streiks in Italien".]

[Fußnote 542: _Bourdeau_, p. 433; Musée sociale, a. a. O. p. 484, 485;

_Bissolati_, a. a. O.]

[Fußnote 543: Sobald die Verhältnisse übrigens die Beendigung des

Streiks erforderten, wurde "die absolute Herrin der Nation" mit der

Bemerkung heimgeschickt, es habe sich nur um einen ersten proletarischen

Mobilisierungsversuch gehandelt (vgl. _Turati_, a. a. O.).]

[Fußnote 544: "Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9.

04).]

Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik

getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben

diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber

es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare

Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der

Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums,

oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all

dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein

Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge

fehlte".[545] Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über

die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz

leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die

Bürgermeister von Mailand (_Barinetti_) und Turin (_Frola_) an den

Ministerpräsidenten _Giolitti_ und erhielten von ihm die Zusicherung,

daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei

friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur

Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure

sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546] Es gehört wirklich eine

ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um

von dieser "nichtssagenden Erklärung",[547] diesem "ausgepusteten

Ei",[548] diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch

eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form

kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens

der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549] Als _Barinetti_

das Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich

die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die

Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und

forderte _Giolittis_ Demission.[550] Nachdem aber 25 Deputierte der

äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand

beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach

Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die

Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen

Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer

zufrieden,[551] so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch

möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552]

[Fußnote 545: _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958.]

[Fußnote 546: Allg. Ztg. 20. und 26./9. 04; Musée soc., a. a. O. p.

483, 484; _Bourdeau_, p. 434.]

[Fußnote 547: _Bömelburg_, (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 220).]

[Fußnote 548: _Leimpeters_, "Zum G-str.", p. 883.]

[Fußnote 549: _Marazio_, p. 158.]

[Fußnote 550: Allg. Ztg. 20./9. 04.]

[Fußnote 551: Da sie sich wohl der Nutzlosigkeit eines

Fortsetzungsversuches bewußt war, so empfahl sie die Wiederaufnahme der

Arbeit für den 19., welcher Beschluß am 18. den übrigen Arbeitskammern

Italiens mitgeteilt wurde. Nur in Mailand selbst verschob ein

Volksversammlungsbeschluß die Wiederaufnahme der Arbeit noch bis auf den

21., und auch in Neapel dauerte der Streik (der Lokomotivführer und

Heizer) noch einige Zeit.]

[Fußnote 552: _Bissolati_, a. a. O.]

Der Streik endete im allgemeinen so rasch, wie er begonnen hatte. Die

Arbeit wurde ohne belangreiche Schwierigkeiten wieder aufgenommen.[553]

Trotzdem legte der Streik dem Proletariat "Riesenopfer", "ungeheure

materielle Opfer" auf.[554] Der sogenannte Erfolg des Proletariats war

also reichlich teuer erkauft.

[Fußnote 553: _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 71; _Olberg_, p.

19, 24; _Bourdeau_, p. 433.]

[Fußnote 554: _Leimpeters_, p. 883; _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p.

278. 6 Personen wurden infolge des Streiks durch die bewaffnete Macht

getötet (4 in Genua, je 1 in Turin und Neapel); dazu zahlreiche

Verwundungen, Verhaftungen, einige Hunderte von Verurteilungen.]

Und auch die Nachwirkungen des Ausstands ergeben keine günstigere

Bilanz. Die nur schwach besuchte Versammlung der äußersten Linken war

wenig erfolgreich,[555] da der Streik die linksliberalen Parteien

verstimmt, weite Kreise aber geradezu empört hatte.[556] Auf deren

Drängen löste die Regierung die Kammer auf und setzte die Neuwahlen

schon für den 6. November an.[557] Diese, noch unter dem frischen

Eindruck des Streiks vorgenommen, hatten natürlich eine Stärkung der

Rechten zur Folge.[558] Kammer und Senat mißbilligten auf's

Entschiedenste die Zurückhaltung der Regierung während des Streiks.[559]

_Giolitti_, der bereits im Wahlaufruf der Regierung den Generalstreik

einen "abuso di libertà" genannt hatte, versprach, die Angestellten der

Eisenbahnen und der unentbehrlichsten "pubblici servizi" im Streikrecht

zu beschränken.[560] Dementsprechend verfuhr er in seinem Entwurf für

den Eisenbahnrückkauf. Die Eisenbahner wehrten sich durch die originelle

Erfindung der "_Dienstobstruktion_", die am 26. Februar 1905 begann und

erst am 5. März, nach _Giolittis_ Rücktritt, beendet wurde.[561] Aber

die Verstaatlichungsvorlage seines Nachfolgers (_Fortis_) entzog den

Eisenbahnern durch Verleihung der Beamtenqualität[562] ebenfalls das

Streikrecht. Die Vorlage wurde von der Kammer angenommen, obgleich die

Eisenbahner ihren Protest durch einen allgemeinen Ausstand zum Ausdruck

brachten.[563] Dieser Entwicklung der Dinge entsprach es auch, daß trotz

_Giolittis_ Zusage wieder Militär bei Streiks zur Verwendung kam.[564]

Den Folgen auf parlamentarischem Gebiet entsprachen die auf kommunalem.

Alle Städte, in denen die Sozialisten auch nur 24 Stunden regiert

hatten, sollen sich von ihnen abgewandt haben; besonders verloren sie

auch ihre Herrschaft im Mailänder Gemeinderat,[565] und viele

Kommunalverwaltungen entzogen alsbald den Arbeitskammern die bisher

gewährte Unterstützung.[566]

[Fußnote 555: Allg. Ztg. 26./9. 04.]

[Fußnote 556: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom", und "Das Ergebnis

der ital. Wahlen", p. 958; _Marazio_, p. 168, sagt: "lo sciopero

generale colmò la misura, e destò un così vivo e profondo sdegno nella

pubblica opinione, da indurla a mandare un grido d'orrore contro il

governo, che aveva lasciato passare la furia devastatrice senza farle

argine".]

[Fußnote 557: Vgl. _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p.

380; _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; _Turati_, a.

a. O.]

[Fußnote 558: _Turati_, a. a. O.; _Bissolati_, a. a. O.; _Bömelburg_,

a. a. O. Es hatte sich infolge des G-streiks das in der Bildung

begriffene Kartell der Volksparteien gelöst; Radikale und Sozialisten

schritten also getrennt zur Wahl; übrigens behaupteten die Sozialisten

die Zahl ihrer Mandate (soweit dieselben selbständig erworbene waren,

vgl. _Marazio_, p. 162), verdoppelten auch die Zahl ihrer Stimmen von

164 946 (1900) auf 316 000 (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 88); von einem

Vergleich mit den Ergebnissen der dazwischenliegenden Erneuerungswahlen,

deren Zahlen auf Grund von Wahlkompromissen unverhältnismäßig

angewachsen sein sollen, sei abzusehen (vgl. _Olberg_, "Die ital.

Wahlen").]

[Fußnote 559: _Marazio_, p. 160, 173, 174.]

[Fußnote 560: vgl. _Marazio_, p. 170; _Turati_, a. a. O.]

[Fußnote 561: Rdsch. Soz. Mh. April 05, p. 345; _Lerda_, "Ostruzionismo

ferroviario e politica proletaria", p. 376.]

[Fußnote 562: _Marazio_, p. 177 ff.; _Olberg_, "Nachträgliches zum

Eisenbahnerstreik", p. 380.]

[Fußnote 563: Der Ausstand begann am 17. April und brach nach Annahme

des Entwurfs in der Kammer sofort zusammen; offiziell wurde er übrigens

erst am 21. April für beendet erklärt, nachdem die Versuche, die andern

Gewerkschaften, besonders Tram- und Gasarbeiter zum Eintritt in einen

allgem. Streik zu bewegen, völlig gescheitert waren (vgl. Rdsch. Soz.

Mh. 05, p. 557-558; Soz. Praxis 1905; _Marazio_, a. a. O.).]

[Fußnote 564: 1905 z.B. soll abermals eine solche "Metzelei" (vgl.

_Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 306) stattgefunden haben. Auch bei

dem eintägigen G-str., der am 10. Mai 06 aus Sympathie für streikende

Turiner Baumwollarbeiter in einer größeren Zahl der bedeutendsten Städte

Italiens ausbrach, kam es zu Zusammenstößen mit dem Militär (Soz. Prx.

17./5. 1906, Sp. 863). Auch der kurze Generalstreik vom Oktober 1907

(hauptsächlich in Mailand und Bologna) führte zu Zusammenstößen.]

[Fußnote 565: _Bourdeau_, p. 434.]

[Fußnote 566: _Turati_, a. a. O.]

In materieller Hinsicht stellt der italienische Generalstreik also

zweifelsohne eine "total verkrachte Aktion"[567] dar. Steht diesem

Nachteil aber wirklich wenigstens ein "rein ideeller Vorteil"[568]

gegenüber? Ein positiver Gewinn, wenn auch nur an Imponderabilien, wird

in der Tatsache gefunden, daß der Generalstreik dazu beigetragen haben

soll, "die Methode der Reformisten klar zu legen und dadurch zu

stärken".[569] Zwar gelang es ihm nicht, das Proletariat vor einem

weitern Fehlgriff, dem Eisenbahnerstreik 1905, zu bewahren. Immerhin

schädigte er, als abschreckendes Beispiel, das Renommee der

Syndikalisten und trug vielleicht auch einiges zum "Sieg" der

Reformisten auf dem Parteitag in Rom bei. Man hat ferner auch darin

einen Gewinn finden wollen, daß der Generalstreik, als schärfste

Veranschaulichung des Klassenkampfs, die Partei von allen

Gefühlssozialisten und kleinbürgerlichen Mitläufern gereinigt habe, so

daß sie nun nur noch aus erprobten und zuverlässigen Klassenkämpfern

bestehe; oder daß der Generalstreik das Solidaritätsgefühl, indem er es

"vor eine Feuerprobe stellte", "unermeßlich" gesteigert habe;[570] der

Generalstreik sei die "feierliche Mündigkeitserklärung" des

italienischen Proletariats[571] und er bedeute, weil er sich wiederholen

könne und wiederholen müsse,[572] eine nützliche "Drohung für die

herrschenden Klassen".[573] Doch können solche Konstruktionen über den

tatsächlichen Mißerfolg nicht hinwegtäuschen. Wenn man auch dem

italienischen Generalstreik, dieser "grandiosa dimostrazione della forza

proletaria",[574] die ihre Wurzel im moralischen Empfinden, im

Solidaritätsgefühl von Hunderttausenden hatte, eine gewisse Bewunderung

nicht versagen kann, so muß man sie doch, vom objektiven Standpunkt aus

als eine vergebliche und schädliche Unternehmung aufs Tiefste bedauern.

-- Der Generalstreik-Agitation im Herbst 1907 gegenüber hat das

italienische Proletariat übrigens viel Zurückhaltung gezeigt. Es darf

hieraus wohl geschlossen werden, daß die harte Lehre des Jahres 1904

nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.[575]

[Fußnote 567: _Leimpeters_, a. a. O.; ähnl. Allg. Ztg. 20./9. 04.]

[Fußnote 568: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]

[Fußnote 569: _Turati_, a. a. O.]

[Fußnote 570: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]

[Fußnote 571: "Vorwärts", cit. bei v. _Reiswitz_, p. 78.]

[Fußnote 572: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]

[Fußnote 573: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]

[Fußnote 574: Aus der Erklärung einer Versammlung von 1500

Unteroffizieren im Okt. 1905 über den G-str. von 1904 (cit. bei

_Marazio_, p. 97).]

[Fußnote 575: Große Zurückhaltung gegenüber den Generalstreik-Tendenzen

bewies z.B. auch der Kongreß der lavoratori della terra vom März 1908

("mentre non esclude la possibilità dello sciopero generale in

determinate circostanze, lo esclude però nel caso presente"; vgl. "Il

lavoro", Genua, 10. März 1908).]

§ 17. Spanien.

So oft in Spanien ein Streik ausbricht, suchen sich die Anarchisten

seiner zu bemächtigen[576] und ihn zum Generalstreik zu erweitern, wobei

es wegen ihrer "violence sauvage"[577] in der Regel zu blutigen Tumulten

kommt. Die spanischen Sozialisten halten sich daher auch von allen

derartigen Unternehmungen möglichst fern.[578]

[Fußnote 576: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte

und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"

stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]

[Fußnote 577: P. _Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 296.]

[Fußnote 578: Vgl. _Iglesias_ (Enquête). Die spanische Literatur war

mir leider unzugänglich. Die Sozialdemokratie Spaniens beteiligte sich

nur ausnahmsweise beim G-str. der Minenarbeiter in Bilbao, 1903

(_Roland-Holst_, a. a. O. p. 18); von anarchistischer Seite wird

behauptet, daß derselbe "nach 4tägiger Dauer mit dem vollständigen Sieg

der Arbeiter endigte" (vgl. "Antimilitarismus und G-str.", Beilage zu

Nr. 11 der "_Wahrheit_"), was aber doch wohl zweifelhaft erscheint.]

Der bedeutendste der spanischen Generalstreiks dürfte wohl der

_Generalstreik in Barcelona vom Februar 1902_ gewesen sein. Etwa 100 000

Metallarbeiter streikten für den Neunstundentag.[579] Als der Streik

nach mehrwöchentlicher Dauer zu scheitern drohte, riefen die

Gewerkschaftsführer, trotz Abratens seitens der Sozialdemokratie,[580]

das gesamte Proletariat von Barcelona zum Ausstand auf. Diesem Rufe

wurde in weitestem Maße Folge geleistet. Unter Führung der Autonomisten

und Anarchisten[581] griffen die Streikenden die Gas- und Wasserwerke

an, "raubten die Bäckereien, Keller, Getreidehandlungen,

Lebensmittelläden aus, verhinderten die Verproviantierung mit Brot und

Fleisch. Sie waren während eines Tages die Herren der ganzen Stadt und

begingen alle möglichen Ausschreitungen und Gewaltsamkeiten." Natürlich

schritt die bewaffnete Macht ein, und die Folge des Ausstands war eine

Gefährdung des Koalitionsrechts.[582]

[Fußnote 579: Rdsch. Soz. Mh. April 02, p. 315.]

[Fußnote 580: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte

und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"

stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]

[Fußnote 581: _Bebel_, a. a. O. p. 305; _Bourdeau_, p. 431.]

[Fußnote 582: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte

und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"

stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]

Einen eigentümlichen und von der üblichen spanischen Manier ganz

abweichenden, eintägigen Klassenstreik soll die sozialdemokratische

Partei zusammen mit dem "Allgemeinen Arbeiterbund" am 20. Juli 1905 (?)

veranstaltet haben, um den bis dahin erfolglosen Forderungen nach

Herabsetzung der hohen Lebensmittelpreise Nachdruck zu verleihen. Es

heißt, daß 100 000 Arbeiter die Arbeit verlassen hätten, um zu

protestieren, und daß Tausende von Arbeitslosen sich den öffentlichen

Kundgebungen anschlossen.[583]

[Fußnote 583: Juan A. _Melia_, "Der Sozialismus in Spanien".]

§ 18. Holland.

Auch in Holland hängt die Generalstreik-Propaganda mit der

bezeichnenderweise großenteils anarchistischen Gewerkschaftsbewegung

zusammen. Domela _Nieuwenhuis_ übte mit seinen abenteuerlichen

Generalstreikplänen eine ziemlich große Anziehungskraft auf das

holländische Proletariat aus[584] Gerade der Generalstreikidee dankte

die holländische anarchistische Bewegung, die "seit 1896 und 1897 fast

vollständig daniederlag", Neuerweckung und neue Lebenskraft.[585] Erst

das Fiasko des _Generalstreiks im April 1903_ gab "dem Glauben an die

Wirksamkeit dieses Kampfmittels einen starken Stoß."[586]

[Fußnote 584: Das ungenügende Wahlrecht sei Schuld an dem geringen

politischen Verständnis und also auch an der anarchistischen Disposition

des holländischen Proletariats (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die

Niederlage der Arbeiter in Holland", und "Zur Lage in Holland").]

[Fußnote 585: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches

Kampfmittel", p. 194.]

[Fußnote 586: Dr. Gust. _Mayer_, "Der internationale

Sozialistenkongreß", p. 446. Die Anarchisten hätten gesucht, aus dem

glücklichen Eisenbahnerstreik im Jan. 1903 "für sich Kapital zu

schlagen" (vgl. _Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland",

p. 656); sie trügen auch die Hauptschuld an dem verhängnisvollen

Aprilstreik.]

Die holländischen Eisenbahner hatten im Januar 1903 zur Unterstützung

streikender Amsterdamer Hafenarbeiter einen umfangreichen und

bedeutenden Ausstand durchgeführt.[587] Der Hafenarbeiterstreik war

ausgebrochen, weil die Docker den Ausschluß der Nichtorganisierten, der

ihnen von den Unternehmern zuvor versprochen worden war, vergeblich

verlangt hatten. Aus Solidarität mit den Hafenarbeitern boykottierten

nun die Eisenbahner die von Arbeitswilligen beladenen Wagen, worauf

einige Eisenbahner entlassen wurden. Da traten die Eisenbahner

am _29. Januar_ in einen _Sympathiestreik_, stellten aber zugleich

auch eigene ökonomische Forderungen, und zwar vereinigten sich die

antiparlamentarische "Föderation" und die sozialdemokratische

Gewerkschaft, die sich bis anhin bekämpft hatten, zu gemeinsamem

Vorgehen. Viele Unorganisierte schlossen sich der Bewegung an. In und um

Amsterdam, also auch auf den internationalen Linien, ruhte der Verkehr

vollständig. Die Eisenbahner des ganzen Landes hielten sich überdies zum

Anschluß an den Streik bereit. Diese plötzliche und beängstigende

Verkehrserschütterung bewog die Eisenbahngesellschaften alsbald zu

Konzessionen.[588] Der Sieg der Eisenbahner und der sich anschließende

Erfolg des Hafenarbeiterstreiks bewirkte ein lebhaftes Wachstum der

Organisationen. Unter Einfluß der anarchistischen Agitation entwickelte

sich bei den Arbeitern aber auch zugleich eine starke Überschätzung

ihrer tatsächlichen Macht, was ihnen in den folgenden Kämpfen noch

verderblich werden sollte. Die Empörung der übrigen Gesellschaftskreise

über die Wirkungen des Januarstreiks und die Besorgnis vor der

Wiederholung einer solchen gefährlichen Verkehrsstockung

kristallisierten sich nämlich alsbald in einer Ausstandsvorlage, die

nicht nur die Schaffung einer Eisenbahnbrigade vorsah, sondern auch den

Streik der Angestellten der öffentlichen Verkehrsanstalten, speziell den

Streik der Eisenbahner, zur strafbaren Handlung stempelte.[589] Noch

kurz vor Erscheinen der Vorlage, am 20. Februar 1903, bildete sich ein

proletarisches Schutzkomitee,[590] das eine energische Agitation über

das ganze Land hin entfaltete.[591] Doch weder die zahlreichen

Demonstrationen, noch die sozialdemokratische Interpellation in der

Kammer erreichten mehr, als eine gewisse Milderung der Vorlage,[592]

deren Sieg so gut wie gewiß war. Verständnislos für die Bedeutung des

parlamentarischen Kampfes, im Vertrauen auf die "revolutionäre Energie

der Massen" und die im Januarstreik erfahrene Nachgiebigkeit der Gegner,

beschloß nun die Versammlung der Verbands- und Vereinsvorstände, trotz

der sozialdemokratischen Warnungen, für den 5. April den allgemeinen

Ausstand sämtlicher bei der Beförderung von Waren und Personen

beschäftigter Arbeiter. Man wollte hierdurch die Eisenbahngesellschaften

zu wirtschaftlichen Konzessionen, vor allem aber die Regierung zur

Zurücknahme der Streikvorlage nötigen. Der Ausstand begann auch

sogleich, aber von einer Allgemeinheit der Arbeitsniederlegung war gar

keine Rede.[593] Noch weniger kam es zu einer allgemeinen

Verkehrsstockung, da zahlreiche Ausständige, aus Furcht vor der in

Aussicht gestellten sofortigen Entlassung, schon am 7. April zur Arbeit

zurückkehrten. Den Eisenbahngesellschaften standen überdies in den

"Ordnungsbünden", den christlichen Gewerkschaften und im Militär

genügend Arbeitswillige zur Verfügung.[594] Der Eisenbahnbetrieb wurde

immer regelmäßiger,[595] der Streik immer schwächer. Daher konnte die

Arbeitervertretung, als sie am 9. April mit den Eisenbahngesellschaften

über die Beendigung des Streiks zu unterhandeln suchte, auch absolut

keine Bedingungen stellen. Ebensowenig waren die übrigen

Transportarbeiterstreiks[596] und etliche andere Hilfs-Streiks[597] dazu

angetan, das öffentliche Leben und die Abgeordneten zu erschüttern.

Schon begannen die Spezialdebatten über die gefürchtete Vorlage; die

Zeit drängte. In dieser Not proklamierte das Schutzkomitee zur

Unterstützung des bereits verlöschenden Eisenbahnerausstands den

_Generalstreik_ für alle Betriebe des ganzen Landes. Aber nur zirka 60

000 Mann folgten dem Gebot.[598] Die Hälfte hiervon stellte Amsterdam,

wo sich die Wirkungen des Ausstands daher auch am meisten fühlbar

machten.[599] In den übrigen Orten, wo es nur zu vereinzelten Streiks

kam,[600] ergab sich überhaupt keine wesentliche Beeinträchtigung des

sozialen Daseins. Ob der Generalstreik bei längerer Dauer noch an

Ausdehnung gewonnen hätte,[601] ist äußerst fraglich. Zwar protestierte

eine Amsterdamer Massenversammlung mit vielem Lärm gegen den

Beendigungsbeschluß, den das Schutzkomitee am 10. April mit Rücksicht

auf die Annahme der Vorlage (in der zweiten Kammer, mit 81 gegen 14

Stimmen) und auf das sofortige Inkrafttreten des neuen Gesetzes faßte.

Doch schon am folgenden Tag meldeten sich die noch Ausständigen wieder

zur Arbeit. Die Bewegung war gescheitert.

[Fußnote 587: Vgl. über die holländische G-streikbewegung: _Gorter_ a.

a. O.; _Roland-Holst_, a. a. O., und "G-str. und Sozd.", p. 121 ff.;

_van der Goes_, "Die beiden Tendenzen in Holland und der Parteitag zu

Utrecht"; _Vliegen_, a. a. O.; Allg. Ztg. 1903.]

[Fußnote 588: Insbesondere versprachen sie Anerkennung der

Arbeiterorganisationen; vorläufige Suspendierung der Arbeit in dem

boykottierten Hafen, bei weiterer Entlohnung der dort angestellten

Arbeiter und Unterhandlungen mit der Regierung zwecks Streichung der

bedingungslosen Güterbeförderungspflicht aus dem Eisenbahnreglement.]

[Fußnote 589: Diese Vorlage habe das Streikrecht von 20 000 Arbeitern

bedroht (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter

in Holland").]

[Fußnote 590: Das Komitee enthielt je 2 Vertreter der Hafenarbeiter und

der Eisenbahner, je 1 Vertreter des "nationalen Arbeitssekretariats",

der "freien Sozialisten" und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei,

vorwiegend Anarchisten und Antipolitiker.]

[Fußnote 591: Diese erreichte am 3. März ihren Höhepunkt: im ganzen

Lande fanden gleichzeitige Protestversammlungen gegen die

Ausstandsvorlage mit ca. 50 000 Teilnehmern statt.]

[Fußnote 592: Das Strafmaß wurde herabgesetzt, so daß der

Eisenbahnerstreik nur noch als politisches Delikt galt; zugleich wurde

die Schaffung eines Schiedsgerichts vorgesehen. Die abgeänderte Vorlage

ging schon Ende März der Kammer zu; dort bekämpfte sie _Troelstra_

(S.D.) als einen Angriff auf die Arbeiterorganisationen; alle übrigen

Parteien hielten zur Regierung.]

[Fußnote 593: Trotz der schon im Februar von den Eisenbahn- und

Transportarbeitern erklärten, von der Sektion Haag des Allg. Verbandes

der Eisenbahn- und Straßenbahnangestellten wiederholten

Streikbereitschaft, trotz des fast einmütigen Streikbeschlusses der

Amsterdamer Eisenbahnerversammlung vom 2. April war die Beteiligung

schwach. Die Versammlung der Ausständigen am Abend des 6. April war

schlecht besucht.]

[Fußnote 594: Die Eisenbahngesellschaften waren durch die Drohungen der

Arbeiter seit Wochen gewarnt und hatten sich vorbereitet. Der Postdienst

wurde durch Automobile besorgt, der Postverkehr mit dem Ausland durch

militärisch bedeckte Züge; in beschränktem Maß wurde auch der

Personenverkehr aufrecht erhalten; die Verkehrsreduktion überstieg

überhaupt nicht 25%.]

[Fußnote 595: Am 8. April fehlten nur noch Rangierer und

Weichensteller; für den 9. zeigten die holländ. Eisenbahngesellschaften

den ausländischen Bahnen auch die Wiederaufnahme des

Güterdurchgangsverkehrs an.]

[Fußnote 596: Nur einen Tag lang streikte das Personal der

Schiffahrtsgesellschaft London-Hull, ohne sonderliche Beeinträchtigung

des Verkehrs. Der am 6. April von 3000 Dockarbeitern in Rotterdam

beschlossene Hafenarbeiterstreik veranlaßte am 8. April die vereinigten

Arbeitgeber des Schiffahrts- und Transportgewerbes zur Verhängung der

Sperre, die 2000 Arbeitswillige mitbetroffen haben soll. Am 8. erfolgte

auch die Aussperrung in der Großfabrik für Maschinen- und

Eisenbahnmaterial.]

[Fußnote 597: Ein Steinschneider-, sowie ein unzulänglicher

Bäckerstreik.]

[Fußnote 598: Die Metallarbeiter waren schon am 7. April in einen allg.

Ausstand getreten, teilweise streikten auch bereits die Bauarbeiter,

Auslader und städtischen Arbeiter in Amsterdam; ebendaselbst schlossen

sich dem G-streik 8000 Diamantarbeiter, die Mehrzahl der Bauarbeiter,

ein Teil der Kommunalarbeiter (Beleuchtung, Reinigung), ein Teil der

Metzger und Bäcker (letztere zum Schaden der Arbeiterschaft

hauptsächlich in den Arbeiter- und Konsumbäckereien, vgl. _Roland-Holst_

a. a. O.), und die Typographen an.]

[Fußnote 599: Die Läden in den reichen Vierteln wurden geschlossen, die

Wohlhabenden verproviantierten sich in den Arbeitervierteln, wobei die

Lebensmittelpreise rasch stiegen (vgl. _Bourdeau_, p. 432; _Vliegen_, a.

a. O. p. 197). Der Gaskonsum mußte eingeschränkt werden (vgl. Allg.

Ztg.); nur ein Teil der Straßenlaternen wurde, unter militärischer

Bedeckung übrigens, angezündet. Das Elektrizitätswerk wurde mit Hilfe

des Bureaupersonals in Betrieb erhalten. Der Betrieb auf den Quais, der

Güterverkehr, stockte vollständig.]

[Fußnote 600: Es streikten Bauarbeiter, Metallarbeiter, Typographen. Im

katholischen Süden wurde aber überhaupt nicht gestreikt.]

[Fußnote 601: Dies nimmt _Roland-Holst_ an.]

Es folgten nun noch stürmische Auftritte in der Versammlung der

Arbeitervorstände. Die Anarchisten suchten nämlich den Mißerfolg auf

sozialdemokratischen "Verrat" zurückzuführen, statt die Ursachen dafür

in der mangelhaften Vorbereitung, Organisation und Führung,[602] in der

Überschätzung der proletarischen und Unterschätzung der staatlichen

Macht, kurz, in der Unrichtigkeit des Streikbeschlusses überhaupt zu

erkennen.

[Fußnote 602: Vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf

und die Niederlage der Arbeiter in Holland" und "G-str. und Sozd.", p.

121.]

Die _Opfer des Streiks_ waren außerordentlich groß. Es kam zwar nur zu

wenigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, da die Ausständigen im

großen und ganzen gute Disziplin hielten.[603] Hingegen litten die

Arbeiter auf's Empfindlichste unter den wirtschaftlichen Folgen des

Streiks.[604] Die Unterstützung seitens der Organisationen[605] konnte

die Gemaßregelten und deren Familien nicht vor Not und Elend

bewahren.[606] Auch die Gewerkschaften erlitten einen schweren Stoß[607]

und sollen sich erst neuerdings von der "ökonomischen Katastrophe"

erholt haben.[608]

[Fußnote 603: Es kamen allerdings auch Versuche vor, den

Eisenbahnbetrieb durch Unbrauchbarmachung der Maschinenwasserbehälter

und Wegschaffung von Lokomotivteilen zu gefährden (vgl. Allg. Ztg. 7./4.

03); andererseits verlangte z.B. eine Dockarbeiterversammlung in

Rotterdam am 6./4. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, insbesondere

Vermeidung von Tätlichkeiten gegenüber Arbeitswilligen, um der Regierung

keinen Anlaß zu scharfen Maßregeln zu geben (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.).]

[Fußnote 604: In den ersten Wochen waren fast 5000 Arbeiter

ausgesperrt; zwar wurde die Sperre im Transportgewerbe am 20./4. wieder

aufgehoben; aber von den Eisenbahnern, die am meisten litten, waren bis

zum 21./4. bereits 1600 Mann entlassen. "Hunger, Verzweiflung, selbst

der Selbstmord hat unter den 5000 Opfern dieses Kampfes gewütet"

(_Troelstra_, Prot. intern. Kongr. Amsterdam 04, p. 8).]

[Fußnote 605: Die niederländische Partei gab 22016,32 Gulden; die

deutsche sozialdemokratische Partei schickte, auf den Appell der

niederländischen Partei, vom 21./4., an die internationale Solidarität,

9000 M (vgl. Bericht des Parteivorstands an den 10. Parteitag der

sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, Ostern 04, in Dordrecht).]

[Fußnote 606: Vgl. _van der Goes_, a. a. O. p. 257.]

[Fußnote 607: Eine Ausnahme bilden die gut organisierten

Diamantarbeiter und die Rotterdamer Hafenarbeiter. Vor allem wurde "die

große, prächtige, mächtige Eisenbahnerorganisation... zerstört" (vgl.

_Troelstra_ a. a. O.; Prot. Gewerkschaftskongr. Köln 05, p. 225;

_Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland").]

[Fußnote 608: Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den

G-str. in Holland (cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr.

33, p. 3.); _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.".]

Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung

aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher

die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als

proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft

beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine

aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die

Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen

Sozialisten, so vor allem _Vliegen_, in der strikten Ablehnung jedes

Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich

bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem

unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen

Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in

Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam

vor.[612]

[Fußnote 609: Wenigstens war dies die Auffassung der Partei selbst auf

dem Parteitag zu Dordrecht 1904; vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in

Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"; Prot.

Gwftskongr. Köln 05, p. 225.]

[Fußnote 610: Vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der

Arbeiter in Holland". Einige Parteimitglieder, wie z.B. _Roland-Holst_,

sollen das von ihnen prinzipiell mißbilligte Unternehmen doch mit großen

persönlichen Opfern unterstützt haben.]

[Fußnote 611: Vgl. die Mitteilungen der Delegierten der holländischen

Partei auf dem Parteitag in Jena 1905 (Prot. p. 342).]

[Fußnote 612: Vgl. _Roland-Holst_, "Der politische Streik auf dem 10.

Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie". Im Auftrag des

Internat. sozialist. Bureau (um "dem internationalen Kongreß einen

Bericht und den Entwurf einer Resolution über diese Frage vorzulegen",

vgl. _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der niederländischen

Sozialdemokratie") arbeitete die Redaktion der Zeitschrift "_Die nieuwe

tijd_" einen Entwurf aus, auf Grund dessen der Parteitag in Dordrecht

eine Resolution annahm, die das fast wörtliche Vorbild derjenigen des

intern. Kongresses in Amsterdam darstellt.]

§ 19. Russland.

Die Darstellung und Beurteilung der russischen Klassenstreikbewegung

begegnet so mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten,[613] daß wir

uns hier mit einer Skizzierung der äußersten Umrisse begnügen müssen.

[Fußnote 613: Die besonderen Schwierigkeiten beruhen auf der

Verknüpfung der Streikbewegung mit der Revolution, der Unzugänglichkeit

der russischen Literatur und der Unmöglichkeit einer Kontrolle unseres

spärlichen Materials.]

Trotz des Koalitionsverbots[614] kam seit der Mitte der 1890er Jahre der

Streik, auch der Massenstreik, in Rußland immer häufiger zur

Anwendung.[615] Als eine bedeutende Industriekrise im Süden die

Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage gesteigert

hatte,[616] entlud sich die allgemeine Erregung schließlich im Juli 1903

in einer kolossalen Streikbewegung mit der bis dahin in Rußland

unerreichten Ausstandsziffer von einer Viertelmillion.[617] Die Bewegung

ergriff "epidemieartig" den ganzen _Süden_,[618] woselbst sie wegen der

Beteiligung aller Gewerbe[619] eine mehrtägige völlige Stockung von

Industrie, Handel und Verkehr, sowie empfindlichen Mangel an

Lebensmitteln samt entsprechenden Preissteigerungen, auch das Versagen

des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes zur Folge gehabt haben

soll.[620] Während der Dauer das Ausstands waren die Arbeiter auf der

Straße, forderten die Arbeitswilligen zum Anschluß auf, entleerten die

Dampfkessel und hielten Demonstrationen ab.[621] Anfangs blieben sie

unbehelligt. Dann, als der erste Elan vorüber war und die Bewegung nach

und nach verlief, scheinen Militär und Polizei immer energischer

eingegriffen zu haben, sodaß der Streik viele Opfer kostete.[622] Bei

der Verschwommenheit der Ziele[623] konnte von einem direkten "Erfolg"

keine Rede sein, wenn auch versucht worden ist, die Entwicklung des

"Klassenbewußtseins" und die Entfaltung revolutionärer Energie als einen

solchen zu konstruieren.[624]

[Fußnote 614: Vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozd.", p. 35;

ihre diesbezüglichen Angaben sind übrigens mit Vorsicht aufzunehmen.]

[Fußnote 615: Vgl. "Die Sozialdemokratie in Rußland", Bericht der

Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den

intern. sozialist. Kongreß in Amsterdam 1904, p. 3. Da die Regierung von

jeher gegen Streiks mit Gewalt vorgegangen sein soll (_Bourdeau_, p.

436), hätten sich aus den rein ökonomischen Streiks häufig politische

Streiks entwickelt, die bei zu geringer Ausdehnung den Arbeitern leicht

gefährlich wurden, weshalb man sie zu vermeiden suchte (_Streltzow_,

"Der politische Massenstreik in Rußland und seine Lehren"). 1902 fand in

Rostow am Don ein großer Sympathiestreik mit pol. und ökonom.

Forderungen statt (vgl. _Bourdeau_; _Roland-Holst_, "Der politische

Massenstreik in der russischen Revolution").]

[Fußnote 616: In Odessa soll die Agitation der _Subatow_'schen

Arbeiterorganisationen den von ihren Lenkern durchaus nicht

beabsichtigten Anstoß zum Streik gegeben haben (Ber. der Delegation).]

[Fußnote 617: Vgl. Bericht der Delegation p. 24 ff.; _Bourdeau_;

_Roland-Holst_, "Gstr. u. Sozd."]

[Fußnote 618: Vgl. Bericht der Delegation, p. 3, 24, 25. Am 1. Juli

begann der Streik in Baku (Petrolarbeiter), Odessa (Hafenarbeiter); er

war in diesen Städten und in Tiflis am 4. schon vollständig; es folgten

Batum, Nikolajew, Kiew (21. Juli), Jelisawetgrad (28. Juli) und, nach

Beendigung des Streiks in diesen Städten, Jekaterinoslaw (7. August) und

Kertsch. In den drei kaukasischen Städten sollen 10 000 (?) in Odessa 50

000, in Kiew 30 000, in Nikolajew 10 000, in Jekaterinoslaw 20-30 000,

in Jelisawetgrad 2000, in Feodosien, Kertsch, Konotop je mehrere Tausend

Personen gestreikt haben.]

[Fußnote 619: Es streikten Fabrik- und Werkstättenarbeiter,

Verkehrsarbeiter (Tram-, Eisenbahn-, Hafenarbeiter),

Lebensmittelarbeiter (Metzger, Bäcker, Müller; Hôtelpersonal),

Schriftsetzer, Telegraphisten, Handelsgehilfen, Handwerker, selbst

Stiefelputzer.]

[Fußnote 620: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]

[Fußnote 621: Sie demonstrierten mit revolutionären Liedern und roten

Fahnen, wobei sich die sozd. Arbeiterpartei Rußlands lebhaft beteiligt

zu haben scheint.]

[Fußnote 622: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]

[Fußnote 623: Ursprünglich handelte es sich um überall ziemlich

gleichlautende, fest formulierte wirtschaftliche Forderungen (betr.

Arbeitszeit und -lohn, Fabrikdisziplin, usw.) und polit. Forderungen

(Volksvertretung und die verschiedenen Freiheitsrechte); diese lösten

sich aber immer mehr in einen allgemeinen Protest gegen den gesamten

wirtschaftlichen und politischen Druck auf (vgl. Bericht der Delegation;

_Roland-Holst_ "G-str. u. Sozd.", p. 35, ist anderer Meinung).]

[Fußnote 624: Bericht der Delegation, p. 28.]

Ein ganz anderes Bild bietet die russische _Streikbewegung des Jahres

1905_, deren erste Phase sich unmittelbar an den sog. blutigen Sonntag

(22., resp. 9. Januar 1905) anschloß.[625] Sie umfaßte 1-1/2 Monate,

während welcher Zeit Streiks mit vorwiegend politischen Zielen in 150

Städten Rußlands ausgebrochen sein sollen.[626] Am intensivsten scheint

sich die Bewegung in _Russisch-Polen_ entwickelt zu haben,[627] wo der

proletarische Klassenstreik zudem noch einen "eigenartigen Widerhall" im

_Gymnasialstreik_ fand.[628] -- Im Mai erfolgte eine neue Steigerung,

die sich den Sommer hindurch fortsetzte.[629] Ihren Höhepunkt bildete

der _politisch-revolutionäre Ausstand vom 7._ bis _17. Oktober 1905_,

der einzige wirklich _allrussische_ Streik. Zu diesem gaben die

Eisenbahner den Anstoß;[630] alsbald ruhte die Arbeit auf fast allen

Eisenbahnlinien und in fast allen Städten des europäischen und

asiatischen Rußlands.[631]

[Fußnote 625: Schon vorher streikten 13 000 Arbeiter der

Poutiloff-Werke (wegen Maßregelung von Kameraden, usw.); andere Arbeiter

hatten sich angeschlossen; am 22. Jan. sollen es schon 200 000

Ausständige gewesen sein (_Bourdeau_, p. 436).]

[Fußnote 626: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 79 ff. Es traten "auch

ganz bestimmte Klassenansprüche" der Arbeiter (betr. Arbeitsbedingungen,

Behandlung, Anerkennung der Organisationen usw.) hervor (vgl. Dr. v.

_Wiese_, "Die Arbeiterfrage in Rußland"); die "Diktatur des

Proletariats", die _Bourdeau_ unter Hinweis auf einen Vorwärts-Artikel

von _Luxemburg_ erwähnt, dürfte in der Regel wohl kaum unter den

offiziellen Zielen der Arbeiter figuriert haben. Forderte doch der

Arbeiterdeputiertenrat --"eine Vertretung der spezif. großindustriellen

Arbeiterelite" -- die Unternehmer zur Schließung der Fabriken auf, weil

"ja auch ihre Interessen an Freiheit und Sicherheit von der

Arbeiterschaft verfochten würden" (vgl. M. _Weber_, "Zur Lage der

bürgerlichen Demokratie in Rußland", p. 286).]

[Fußnote 627: Die Bewegung dauerte hier ungefähr vom 27. Januar bis 4.

Februar (vgl. "Der politische Streik im Königreich Polen", Krakau,

Verlag des Przedswit, besprochen in "Dokumente des Sozialismus", V, 9.).

Es nahmen 400 000 Arbeiter daran teil (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, April,

p. 359). Der Streik wurde durchschnittlich nach 8-10 Tagen, in Warschau

schon nach 3 Tagen, von den Parteikomitees der einzelnen Städte für

beendet erklärt. Die Leitung scheint die polnische sozialistische

Partei, P. P. S., gehabt zu haben. Für die gleichzeitig erhobenen

wirtschaftlichen Forderungen wurde vielerorts nach Beendigung des des

polit. Streiks noch weiter gestreikt, mit nur teilweisem Erfolg (vgl.

Rdsch. Soz. Mh. a. a. O.).]

[Fußnote 628: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Mai 05, p. 458, 459. Nach

persönlichen Mitteilungen eines aktiv Beteiligten protestierte die

polnische Gymnasialjugend, durch das Beispiel der Arbeiter zum Ausstand

angeregt, durch den Schulstreik gegen die langverhaßte Russifizierung

der Gymnasien.]

[Fußnote 629: Im Sommer 1905 fand z.B. ein allgemein durchgeführter

eintägiger Streik statt, den das Warschauer Komitee des P. P. S. als

Protest gegen die blutigen Zusammenstöße zwischen demonstrierenden

Arbeitern und Militär in Lodz (die im Juni 05 ca. 2000 Tote gekostet

haben sollen) veranstaltete. (Rdsch. Soz. Mh. Aug. 05, p. 706).]

[Fußnote 630: Im April 1905 hatte sich endlich der _all_russische

Eisenbahnerverband gebildet (noch 1903 war eine diesbezügliche Anregung,

die, unter Hinweis auf die Bedeutung der Eisenbahner bei einem ev.

M-str., bezeichnenderweise von südrussischen Eisenbahnern ausgegangen

war, erfolglos geblieben). Der Streik begann auf der Moskau-Kasaner

Linie. Sogleich proklamierte das Zentralkomitee den Generalstreik (vgl.

_Streltzow_, a. a. O.).]

[Fußnote 631: _Streltzow_, p. 133 ff.]

Die ungeheure Wirkung des Streiks[632] war für die Regierung einer der

Beweggründe, die Erfüllung der dringendsten Forderungen im

Oktobermanifest zuzusichern.[633] Dieser Erfolg war in den besonderen

russischen Verhältnissen begründet. Kämpfte doch Schulter an Schulter

mit den Arbeitern fast die ganze russische Gesellschaft gegen die

Regierung.[634] Sogar zahlreiche Angehörige unproletarischer Berufe

folgten dem Streikbeispiel der Lohnarbeiter.[635] Letztere scheinen im

Bürgertum, selbst bei den Unternehmern, Sympathie und Unterstützung

gefunden zu haben.[636]

[Fußnote 632: Die Verkehrsstockung führte zu einer Isolierung der

großen Wirtschaftszentren. Die Truppenbewegungen waren erschwert.

Immerhin dürften Behauptungen, wie die, daß der Massenstreik "die

gesamte Staatsmaschinerie" "desorganisiert" (vgl. _Roland-Holst_, "Der

politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216), Rußland

"aus den Angeln" gehoben, (vgl. _Lensch_, "Die Idylle im Sumpf"), den

"Thron ins Wanken" gebracht (vgl. _Ellenbogen_, Prot. Parteitg. Wien 05,

p. 121), "den Absolutismus für eine Weile niedergestreckt" habe, denn

doch etwas übers Ziel hinausschießen.]

[Fußnote 633: Weniger meßbar sind die übrigen sogenannten Erfolge des

Streiks, wie Aufrüttelung der indifferenten Volksschichten. Förderung

der proletarischen Organisation (die Gewerkschaften entwickelten sich

allerdings nach dem Streik, aber wohl nicht, wie mehrfach behauptet

wurde, wegen des Streiks an sich, sondern infolge der errungenen

Freiheiten; vgl. _Streltzow_, p. 134) und Schwächung des Heeres. Die von

_Roland-Holst_ (a. a. O., p. 218 ff., und "G-str. und Sozd.", p. XVI)

prognostizierte "allmähliche Aufreibung der Armee durch die

Streikbewegung" hat keineswegs stattgefunden.]

[Fußnote 634: Vgl. _Streltzow_, a. a. O.]

[Fußnote 635: Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer,

Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure,

Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner,

Dienstboten usw. (vgl. _Kropotkin_, "Die direkte Aktion und der

Generalstreik in Rußland"; _Streltzow_, a. a. O.).]

[Fußnote 636: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik"; _Streltzow_, a. a. O.; _Plechanow_ (cit. bei

_Streltzow_) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die

Unzulänglichkeit der Organisation". -- Semstwoleute, Staatsbeamte,

Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter

gegründet haben (_Streltzow_). In der Streikleitung seien bürgerliche

Elemente, z.B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die

Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt

und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben

(_Streltzow_). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der

Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr.

340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die

_Roland-Holst_'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den

Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die

staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten

abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der

politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht

wohl zu weit.]

Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter

sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende

Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese

selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter

denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu

politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so

mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig

für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639]

[Fußnote 637: Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution

beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der

Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige

literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher

nichts Überraschendes. _Roland-Holst_ erachtete übrigens, trotz dieses

sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen

Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für

notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache

(vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214

ff.).]

[Fußnote 638: _Streltzow_: "Darin sind wohl alle namhaften russischen

Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben

noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach

_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den

russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären

Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la

dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war

natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte

vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder

Kräfte; der Streik war also parzelliert (_Roland-Holst_, "G-str. u.

Sozd.", p. 105 ff.). -- Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein

gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (_Streltzow_, a. a. O.), der

Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik

diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren"

(_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl.

auch _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich

nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die

Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie

gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen

Arbeiter" bald unterworfen gehabt (_Katz_). Die Arbeiter aber hatten

sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst

isoliert (_Streltzow_, p. 135). --Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni

1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf

verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da

dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats"

jetzt scheitern würde.]

[Fußnote 639: Dies scheint z.B. M. _Beer_ ("La grève générale, son

histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl.

Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu

tun; ähnlich _Roland-Holst_ (a. a. O. und "Der politische Massenstreik

in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen

warnen z.B. _Streltzow_ a. a. O. und _Bernstein_ a. a. O.]

(c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der Klassenstreik.

§ 20.

Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine

besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem

internationalen Kongreß in _London_ 1888 französischerseits gemachten

diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die

Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "_Neue

Internationale_" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren

Projekten, schroffste Ablehnung.

[Fußnote 640: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 42).]

[Fußnote 641: Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G-str. die

Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als

politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London,

im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in

Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die

wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel

"Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen

Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). -- Neuerdings

erklären die Anarchisten übrigens den G-str. und die Gewerkschaft "als

mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"

(vgl. die Resolution _Malatesta_ vom internat. Anarchistenkongr. in

Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).]

Auf dem internationalen Kongreß in _Paris_ 1889 hatte _Tressaud_ den

Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen

Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution

empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von

_Liebknecht_ aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642]

[Fußnote 642: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.]

Der folgende Kongreß, _Brüssel_ 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung

des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit

plädierte der holländische Anarchist _Nieuwenhuis_, nur von den

holländischen und einem Teil der englischen und französischen

Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber

sowohl dieser Vorschlag, wie auch _Nieuwenhuis'_ Plan der

Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer

und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation

auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644]

erfuhr das gleiche Schicksal.

[Fußnote 643: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.]

[Fußnote 644: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.]

Auf Antrag der französischen Sektion erschien sodann die Frage des

Generalstreiks auf der Tagesordnung des Kongresses in _Zürich_

1893.[645] Eine Kommissions-Resolution, die allerdings nicht mehr zur

Erörterung im Plenum gelangte, lehnte den Weltstreik ausdrücklich ab.

Aber, offenbar unter dem Eindruck des erst kurz zuvor stattgehabten

belgischen Wahlrechtsstreiks, erklärte jene Resolution den Massenstreik

für eine unter gewissen Voraussetzungen "höchst wirksame Waffe nicht

bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampfe". Dies ist das

erste Aufflackern eines Flämmchens, das nach und nach zu einem

ansehnlichen Feuerwerk angewachsen ist, und das den internationalen, vor

allem aber den deutschen Sozialismus eine Zeit lang völlig beherrschte.

-- Der französische Antrag, den Generalstreik in allen Ländern zu

dekretieren, sofern die Regierungen nicht innerhalb Jahresfrist dem

Verlangen des Zürcher Kongresses nach einer internationalen

Staatenkonferenz zur Durchführung des Achtstundentags entsprächen, wurde

schon in der Kommissionsberatung abgelehnt. -- Bei dem Punkte "Stellung

der Sozialdemokratie im Kriegsfall" empfahl _Nieuwenhuis_ wieder sein

Militärstreikprojekt, das er diesmal auf die Reservisten und die für die

Kriegsführung unentbehrlichsten Lohnarbeiter beschränkt hatte; es wurde

aber wiederum abgewiesen.

[Fußnote 645: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 11, 17, 53 ff.]

Bei Behandlung der proletarischen Wirtschaftspolitik berührte auch der

Kongreß in _London_ 1896 die Klassenstreikfrage.[646] Zwar hielt er "die

Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben";

immerhin empfahl er den Ausbau der gewerkschaftlichen Organisation auch

als Voraussetzung der Streikerweiterung auf ganze Industrien und Länder.

[Fußnote 646: Vgl. Prot. int. Kongr. London 1896, p. 29.]

Da ein Teil der französischen Sozialisten mit dem Londoner Resultat

unzufrieden war, verlangten die Allemanisten die Behandlung des

Klassenstreiks auch auf dem Kongreß in _Paris_ 1900.[647] Die

Kommissionsminderheit, die sich, wie _Legien_ hervorhob,

bezeichnenderweise aus französischen, italienischen und solchen

Delegierten zusammensetzte, in deren Ländern überhaupt noch keine

Gewerkschaftsorganisationen bestanden, verlangte durch _Briand_ die

Vorbereitung des Generalstreiks zur Erreichung revolutionärer, wie

reformistischer Ziele. Der Kongreß begnügte sich jedoch mit der

Wiederholung des Londoner Beschlusses.

[Fußnote 647: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 7, 31 ff.]

Am _Amsterdamer Kongreß_ 1904 wehte aber bereits ein ganz anderer Wind.

Auch in sozialistischen Kreisen hatte man nun nämlich angefangen, sich

recht eifrig mit der Klassenstreikidee zu beschäftigen.[648] Infolge der

Erfahrungen, die inzwischen bei mehreren Riesenausständen gemacht worden

waren, infolge der Fortschritte anarchistischer Tendenzen in gewissen

Gewerkschaftskreisen und infolge verstimmender politischer Ereignisse

hatte sich eine Wandlung in der sozialistischen Kritik des

Klassenstreiks vollzogen. Der Kongreß errichtete zwar wiederum eine

scharfe theoretische Grenzlinie gegenüber der anarchistischen

Generalstreikpropaganda, erklärte aber, daß der politische Massenstreik

unter bestimmten Voraussetzungen, zu bestimmten Zwecken, _akzeptiert_

werden müsse.[649] -- Die Gegner des Klassenstreiks tadelten den

kompromißartigen Charakter der Amsterdamer Resolution;[650] knüpfte sie

doch die Verwirklichung des politischen Massenstreiks an so ungeheure

Voraussetzungen, daß bei strikter Interpretation die Aufnahme des

Klassenstreiks in das sogenannte Arsenal der proletarischen Kampfmittel

illusorisch wurde. Die Anarchisten und Syndikalisten aber beklagten den

parlamentarischen Beigeschmack der Resolution. Immerhin begrüßten sie

dieselbe mit Genugtuung als eine Annäherung des internationalen

Sozialismus an die "direkte Aktion".[651] Die Amsterdamer Resolution,

diese Verlegenheitsresultante aus den von Land zu Land so verschiedenen

proletarischen Tendenzen, gab allen Parteirichtungen Gelegenheit zu Lob

und Tadel, weil sie im Grunde eben wirklich nur besagte: "Sans doute, la

grève générale peut être utile, mais elle est impraticable".[652] -- Auf

dem _Stuttgarter Kongreß_ von 1907 spielte der Klassenstreik keine Rolle

mehr.

[Fußnote 648: Hiervon legt die vom Juni bis September 1904 erschienene

internationale Enquête Zeugnis ab.]

Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation · 第 6 / 12 题